Wie kommen wir ins 22. Jahrhundert? - Deutschland auf dem Weg in die Informationsgesellschaft

July 14, 2017 | Author: Robert Straßheim | Category: Childhood, Relationships & Parenting, Parent, Happiness & Self-Help, Crime & Justice
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Ein visionäres Buch von Robert Straßheim...

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Wie finden wir zum 22. Jahrhundert ? Deutschland auf dem Weg in die Informationsgesellschaft

Ein politisches Buch von Robert Straßheim

Marburg, 09.02.2008

Inhalts-Verzeichnis 1 VORWORT.................................................................................................................4 2 EINLEITUNG..............................................................................................................4 3 KONTEXT..................................................................................................................5 4 KRITISCHE BESTANDSAUFNAHME.......................................................................7 4.1 Paarsterben........................................................................................................................................................7 4.2 Kinder - die Gesellschaft von Morgen............................................................................................................9 4.3 Verfall demokratischer Kultur.......................................................................................................................25 4.4 Desinformation................................................................................................................................................32 4.5 Technokratie....................................................................................................................................................33 4.6 Unbeherrschte Ökonomie...............................................................................................................................44 4.7 Umwelt..............................................................................................................................................................60 4.8 Unterwelt..........................................................................................................................................................60 4.9 Oberwelt?.........................................................................................................................................................66 4.10 Anachronistische Generationenverträge.....................................................................................................69 4.11 Deutsche und Ostdeutschland......................................................................................................................70 4.12 Globale Probleme..........................................................................................................................................72 4.13 Verfassung der EU: auf den Trümmern der Demokratien?......................................................................74 4.14 Zusammenfassung und Ausblick.................................................................................................................76

5 DRINGLICHKEIT.....................................................................................................78 6 DER NÄCHSTE GROSSE SCHRITT: DIE INFORMATIONSGESELLSCHAFT ...79 7 GRUNDSÄTZE FÜR EINE NEUE POLITIK............................................................83 7.1 Transformation des Individuums...................................................................................................................85 7.2 Transformation und der Staat........................................................................................................................88 7.3 Liebe und Konsequenz....................................................................................................................................89

8 STRATEGIEN UND VORSCHLÄGE.......................................................................90

8.1 Familienförderung und Bildungsoffensive ...................................................................................................94 8.2 Drogenpolitik – vor allem Jugendschutz.....................................................................................................110 8.3 Ausbau unserer Demokratie.........................................................................................................................114 8.4 Kriminalitätsbekämpfung............................................................................................................................124 8.5 Führungskräfte-Training..............................................................................................................................126 8.6 Wirtschaft und Finanzen..............................................................................................................................128 8.7 Sozialpolitik....................................................................................................................................................138 8.8 Einwanderung und Integration....................................................................................................................143 8.9 Kulturförderung............................................................................................................................................150 8.10 Verkehrspolitik............................................................................................................................................154 8.11 Umwelt- und Naturschutz...........................................................................................................................155 8.12 Forschungspolitik........................................................................................................................................159 8.13 Internationale Beziehungen und globale Probleme.................................................................................160 8.14 Die Verantwortung der Einzelnen..............................................................................................................167

9 VISION...................................................................................................................174 10 NACHWORT........................................................................................................175 11 LITERATURVERZEICHNIS.................................................................................176

1 Vorwort „Vielleicht verkündet man etwas Richtiges, vielleicht etwas Falsches – es kommt nicht darauf an. Worauf es ankommt, ist, wie Kierkegaard uns so unerbittlich klarmachte, dass die Wahrheit nur dann, wenn man seine Vision mit Leidenschaft vorträgt, letztlich das Sträuben der Welt überwinden kann.“ Ken Wilber1 Möglicherweise irre ich in vielem – hoffentlich. Trotzdem schreibe ich, mit dem Recht eines einfachen Bürgers, der sich um die Zukunft seiner Familie und seines Landes sorgt. Da ich mir die Zeit zum Schreiben aus einem vollen Leben abzwacken muss, bitte ich um Nachsicht, dass viele Themen nur oberflächlich und bruchstückhaft angerissen oder ganz ausgelassen werden. Allein für eine seriöse Bestandsaufnahme der Umwelt-Problematik wäre eine Neubearbeitung des Werkes „Global 2000“2 vonnöten. Aber wer würde das bezahlen? Und wer liest es? Also, ich muss mich kurz fassen. Dabei ist mir bewusst, dass dieses Buch methodisch unhaltbar ist. Ich schreibe es trotzdem. Es ist ein unvernünftiges Verlangen, ein naiver Versuch, etwas zu bewirken. Es ist weniger als das. Es sind einige Fragen danach, was gebraucht wird. Wenn ich hin und wieder zu antworten versuche, dann nur, um zu weiteren, bedeutenderen Fragen zu führen...

2 Einleitung Jede3 weiß, welche Krisen unsere Zukunft bedrohen: Die Klimakatastrophe, Energiekrisen, vielleicht die Radioaktivität oder andere Umweltkrisen, und nicht zuletzt die Bevölkerungsentwicklung. Wer bezahlt unsere Renten, und können wir dann überhaupt noch gesund leben? Die Politik signalisiert, dass der Staat nicht mehr für alles sorgen könne. Das soziale Sicherungssystem wird abgebaut, die private Vorsorge zwingend. Gleichzeitig zieht sich die Wirtschaft mit dem Hinweis auf die Globalisierung immer mehr aus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zurück. Vor allem junge Menschen schmähen den Gang zum Wahllokal. Das Ansehen unserer Führungskräfte ist ruiniert (Politiker, Manager) bzw. war noch nie vorhanden (Lehrer und Geisteswissenschaftler); dafür genießen Ärzte, Piloten und Krankenschwestern Spitzenwerte des Vertrauens. Lässt sich die Demokratie unter diesen Umständen aufrecht erhalten? 1

s. Ken Wilber: Einfach „Das“. Frankfurt 2001. S. 52. Council on Environmental Quality und US-Außenministerium [Hg.]: Global 2000. Der Bericht an den [US-] Präsidenten [Carter]. Washington 1980. Dieses Werk bietet die bisher umfassendste ökologische Bestandsaufnahme, die die damalige US_Regierung beauftragte. Sie half, zahlreiche schnell um sich greifende, unerwünschte Entwicklungen vorherzusehen, und ihre politischen Schlussfolgerungen sind –leider- in weiten Strecken noch immer aktuell: Auf der ganzen Erde sind mutige und entschlossene Initiativen erforderlich, so legt es Global 2000 nahe. 3 Ich versuche, beide Geschlechter zu berücksichtigen, ohne den Stil allzu sehr darunter leiden zu lassen. Wenn ich gelegentlich nur die weibliche Form gebrauche, sind die Männer damit auch gemeint – und umgekehrt. 2

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Gewiss ist die breite Mehrheit unserer Bevölkerung davon überzeugt, dass eine Demokratie besser ist als alles andere. Aber wir müssen uns fragen: Wer engagiert sich für die Allgemeinheit? Werden wir weiter zusehen, wie Lobbyisten die Politik bestimmen? Wessen Interessen werden sich durchsetzen, und wessen Werte? Vor allem: Welche Menschen werden in Zukunft in Deutschland leben? Mit welchen Werten? Die Suche nach Antworten ist der Weg, der vor uns liegt.

3 Kontext Wozu sind wir auf der Welt? Alle Menschen wollen glücklich sein. Aber wo suchen wir das Glück? Bin ich glücklich, wenn ich möglichst viel auf Kosten anderer genieße? Wenn ich viel besitze? Man kann den Eindruck gewinnen, dass nicht nur Mächtige in Wirtschaft und Politik ihr Handeln so ausrichten, dass der eigene Gewinn zum Maßstab der Dinge wird. Der Egoismus ist in jedem Menschen verankert. Es ist ein Glaubensbekenntnis, das sich aus dem „gesunden Menschenverstand“ ableitet und das ich Ego-Trip nenne: Ich vertraue keinem. Jeder will nur seinen Vorteil. So läuft es doch, oben wie unten. Ich bin doch nicht blöd. Ich nehme, was billig zu haben ist und frag nicht lang nach Gerechtigkeit. Oder Umweltverträglichkeit. Wir Deutschen können die Welt nicht retten, und du und ich schon mal gar nicht. Guck doch, was die anderen sich erlauben! Die Erde wird sowieso verglühen, und bis zu meinem Tod will ich das Leben genießen. Was denn sonst! Weit verbreitet ist aber zugleich eine andere, verantwortlichere Haltung: Wie viele Menschen lieben die Ehrlichkeit! Wie viele haben einen Sinn für Gerechtigkeit und treten ein für Frieden, für den Schutz der Umwelt. Kaum einer will am Handel mit Waffen verdienen; fast alle verurteilen Mord, Vergewaltigung, die Schändung von Kindern und Atomwaffen; eine verlässliche Mehrheit in unserem Land ist aufgeschlossen für andere Kulturen, sie ist tolerant, aber sie wünscht Konsequenzen, wenn ihr Vertrauen missbraucht wird. Das alles sind frohe Botschaften! Sie beruhen auf einem alternativen Glaubensbekenntnis, das mehr oder weniger bewusst sein mag, auf einer Religion oder einer ethischen Überzeugung beruht und das in keiner Werbung auftaucht: Materieller Wohlstand, eine Liebesbeziehung und das Erziehen von Kindern sind wunderbare, wichtige Ziele, aber das kann nicht alles sein. Viele Menschen verbindet die Sehnsucht nach einer gerechten Welt, nach einer Welt des Friedens, der Freiheit, des Glücks. Dafür hat ein jeder seinen Beitrag zu leisten. So wie es Gandhi getan hat, Albert Schweitzer, Martin Luther King, Nelson Mandela, Mutter Theresa und so viele Menschen, gewöhnliche Menschen, die durch ihre ungewöhnlichen Entscheidungen die Welt verändert haben. Jeder kann so etwas tun, es muss nichts Großartiges sein. Ich tue, was ich kann, und noch ein bisschen mehr, für gute Beziehungen, für die Gerechtigkeit, gegen den Hunger, für die Umwelt, für unsere Kinder. Das Leben als Dienen für diese Prinzipien gibt mir die Würde, mit der ich zum Sterben bereit bin. Nun stecken wahrscheinlich in jedem Menschen diese beiden Haltungen. Früher, als die Kirche eine bedeutendere Rolle spielte, zeigte man seine moralisch „gute“ Seite gerne

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sonntags, werktags meisten die andere. Heutzutage geht es während der ganzen Woche drunter und drüber. Welche von beiden Kräften wird aktiviert? Dafür ist jeder Mensch selbst verantwortlich, aber auch sein soziales Umfeld. Wenn eine Gesellschaft geprägt ist von Korruption, schamloser Ausbeutung und Verantwortungslosigkeit der Wirtschaft, die kein Übermorgen zu kennen scheint, wenn auf die Werte von Parteien, die sich christlich nennen, genauso wenig Verlass ist wie auf die Solidarität von sogenannten sozialen Parteien, dann werden nur noch „Verrückte“ bereit sein, sozial zu handeln. Zum Glück ist es nicht so: Ein Stimmungswechsel bahnt sich an. Wir können nicht tatenlos zusehen, wie unsere Zukunft durch die Schornsteine gejagt wird. Vor allem sind die meisten bereit, etwas zu geben, einen Beitrag zu leisten – aber nur, wenn dies gesellschaftlich gewürdigt wird und man nicht „der Dumme“ ist, der sich opfert.

Wir entwickeln uns von der Industriegesellschaft in eine Informationsgesellschaft – die technische Seite davon ist weit vorangeschritten, doch mental hinken wir hinterher. Die steigende Produktivität und Rationalisierung setzt massenhaft Arbeitskräfte frei, und die meisten erleben diese Freiheit als die Katastrophe von Arbeitslosigkeit. Die Informationstechnologien ermöglichen uns eine unbegrenzte Kommunikation und umfassende Informiertheit, aber viele neigen dazu, dieses Geschenk zur völligen Sinnentleerung unserer Inhalte zu missbrauchen. Nun, da uns die Gefahren und Fehlentwicklungen klar geworden sind, sollten wir den technischen Fortschritt für die Ziele der Gemeinschaft nutzen lernen. Das bedeutet nichts anderes als eine Umkehr der gewohnten Sicht: Der Mensch hat die Ziele zu setzen, die Technik hat zu dienen. Aber welcher Mensch? Der Unternehmer? Der Arbeitslose? Der Parteifunktionär? Der Bildschirm-Junkie? Wo sind sozial denkende Menschen? Erstes Ziel muss es sein, mehr Menschen aus allen Gruppen für Politik und Gemeinschaft zu motivieren. Die Chancen für Demokratie in Deutschland standen nie besser! Nicht mehr zu fürchten brauchen wir den politischen Extremismus aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; statt dessen können wir uns auf einen breiten Mainstream von Toleranz und Zustimmung zu den Menschenrechten verlassen. Doch die Praxis der Politik stößt viele Menschen ab. Das, was bisher als „Reform“ tituliert wird (z.B. Föderalismus-Reform, Gesundheitsreform usw.), ist so jämmerlich, weil die Interessen einflussreicher Minderheiten echte Reformen blockieren. Es mangelt uns an überzeugenden Visionen und ehrlichen, charismatischen Politikern. Dazu müssen wir unsere Demokratie weiter entwickeln. Wir müssten über alle Parteigrenzen hinweg diskutieren und den Mut haben, etwas auszuprobieren. Im ersten Teil dieses Buches versuche ich eine kritische Bestandsaufnahme, die jedoch sehr skizzenhaft bleiben muss. Im zweiten Teil formuliere ich politische Leitziele, wobei ich an alte Ideen der Aufklärung anknüpfe. Richtungsweisend sind mir vor allem die Bücher von Joseph Weizenbaum, Neil Postman, Horst-Eberhard Richter und Ken Wilber; mehr noch: diese Männer sind mir zu Vorbildern geworden (wobei es auch Autorinnen gibt, die ich bewundere und zitiere, z.B. Necla Kelek und Jean Liedloff). Weizenbaum bezeichnet sich als „Ketzer“ der Computerwissenschaft, wobei er allgemein die instrumentelle Vernunft ins Visier nimmt. Postman als Vertreter der abendländischen Aufklärung schrieb fundierte Gesellschaftskritiken, die heute noch alarmierend sind. Richter, ein führender Psychoanalytiker und Sozialpsychologe, ist der Nestor der deutschen Friedensbewegung, der, wie Weizenbaum, wohl niemals aufgibt. Und Wilber, eine Koryphäe in der

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Bewusstseinsforschung, gibt den Ausblick auf die zweite Hälfte der Evolution4, bei der uns momentan der kollektive Sprung auf die nächst höhere Ebene bevorstehe: nämlich von der Industriegesellschaft in die (organisierte) Informationsgesellschaft, die, wie in Kapitel 8 noch gezeigt wird, weitaus mehr bedeutet als die Verfügung über Kommunikationstechnologien. Wie es scheint, ist das Wunschdenken verbreitet, dass dieser Sprung ganz von selber geschehe, dass er zu bewältigen sei, ohne vom Fernsehsessel aufzustehen. Aber wenn wir keinen Anlauf nehmen, werden wir aus diesem Sessel herausgeschleudert und in einem Abgrund landen. Nun sollten wir zunächst einmal in diese Abgründe hineinsehen, um hoffentlich die Motivation zu einem kräftigen Anlauf zu bekommen; danach werde ich einige Grundsätze und Strategien skizzieren, damit klarer wird, in welche Richtung dieser Anlauf meiner Meinung nach gehen müsste.

4 Kritische Bestandsaufnahme Leider bin ich kein Dichter wie Heine, leider schreibe ich kein Wintermärchen. Der kritische Blick muss sachlich bleiben, wenn ich mich auch der Bewertung nicht enthalte. In diesem Kapitel mache ich auf zentrale Schwachstellen unserer Gesellschaft aufmerksam, habe aber nicht die Muße dafür, alles schön ausgewogen zu erörtern, und nehme in Kauf, dass der Eindruck eines einseitigen, pessimistischen Bildes entstehen kann – ich vermag es nicht, das durch Poesie zu mildern. Wer schon gleich Optimismus wünscht, sollte die Lektüre dieses Kapitels nicht bis zum Überdruss fortsetzen, sondern zu Kapitel 6 springen oder die „Vision“ (Kap.9) vorziehen.

4.1 Paarsterben „Nur der liebt, der die Kraft hat, an der Liebe festzuhalten. [...] Jene aber, die, unterm Schein der unreflektierten Spontaneität und stolz auf die vorgebliche Aufrichtigkeit, sich ganz und gar dem überlässt, was sie für die Stimme des Herzens hält, und wegläuft, sobald sie jene Stimme nicht mehr zu vernehmen meint, ist in solcher Unabhängigkeit gerade das Werkzeug der Gesellschaft. [...] Indem sie den Geliebten verrät, verrät sie sich selber. Der Befehl zur Treue, den die Gesellschaft erteilt, ist Mittel zur Unfreiheit, aber nur durch Treue vollbringt Freiheit Insubordination gegen den Befehl der Gesellschaft.“ Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Aus dem Aphorismus 110: Constanze. Frankfurt 1951.

Jede Freiheit fordert Weisheit, sonst führt sie zum Desaster. An Beziehungs-Weisheit hapert es oftmals. In unserer Kultur wird jungen Menschen kaum beigebracht, wie man eine Beziehung führt; lebende Vorbilder sind rar: Wer hat das Glück, in einer funktionierenden Familie oder in einer Gemeinschaft groß zu werden?

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vgl. Ken Wilber: Eine kurze Geschichte des Kosmos. Frankfurt 1997.

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Die Gesellschaft kennt kaum noch Moralvorschriften, übt kaum noch Druck aus, dass ein Paar zusammenbleibt, und so muss jeder Partner seine Verantwortung für die Beziehung tragen. Die Emanzipation der Frau (und vielleicht auch des Mannes) bringt Konflikte zum Ausbruch, die früher eher unterdrückt bzw. nur selten wirklich gelöst wurden. Heutige Paare müssen ihre Rollen miteinander aushandeln und eine Form von Beziehung finden, die ihnen Glück bringt. Darin liegt eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance zur Erfüllung. Unversehens geraten viele Paare, die sich in romantischer Naivität ewige Liebe versprochen haben, in eine Dynamik von Emotionen, denen sie kaum gewachsen sind; Dramen verselbständigen sich, Opfer, Täter, Retter jagen sich in wechselnder Besetzung, und Gleichberechtigung bedeutet, dass jeder Recht hat und keinen Millimeter nachgeben muss. Bei manchen scheint es so, als wäre ihnen das Rechthaben wichtiger als in Beziehung zu sein. Sofern aber ein Paar nicht streitet, hat es sich nicht viel zu sagen. Weniger als vier Minuten täglich nimmt sich ein durchschnittliches deutsches Paar Zeit, um „wesentlich miteinander zu sprechen“ - worunter der Partnerschafts-Forscher Prof. Lukas Michael Moeller versteht, dass sich beide über ihr Erleben austauschen.5 Wenn ein Gespräch mit dem Partner länger dauert, ist es wahrscheinlich Streit. Schlimmer aber ist es, wenn Paare nicht einmal streiten; wenn das lebendige Miteinander zum trägen Nebeneinander wird; wenn die Beziehung beziehungslos wird, dann ist das Paar bereits gestorben, ohne sich getrennt zu haben. Die Trennung als bessere Option – das ist unser Fortschritt: Wir müssen nicht mehr in unglücklichen Ehen gefangen bleiben; Trennungen sind teuer, aber wir können sie uns leisten. Sie schenken uns Waffenruhe, wenn auch keinen Frieden. Wer arbeiten geht, bekommt wiederum Beziehungen aufgezwungen; da hier eine Trennung nicht so leicht möglich ist, eskaliert manches Drama zum Mobbing. Die Verluste an Menschlichkeit und Produktivität sind unerforschlich. Staatliche Hilfe ist bei Beziehungsproblemen nicht vorgesehen. Moeller stellt verwundert fest: Die Politik „ sieht ihre Verantwortlichkeit der Qualität des Paarlebens gegenüber gar nicht, obwohl die Güte des Zweierdaseins doch das entscheidende Fundament ist von Freiheit, Demokratie, Menschenrechten und Anerkennung des Fremden. Atomisierung statt Autonomisierung ist das Resultat.“6 Frustriert und ratlos über die Kämpfe und Rückschläge in realen Beziehungen sucht eine wachsende Zahl der Menschen ihre Befriedigung in materiellen Erfolgen, Süchten, virtuellen Welten (s. unten: Entertainment) oder versinkt in Depressionen. Wo bleibt da der liebende Schoß für Kinder? Andererseits besteht bei den meisten eine Sehnsucht nach Partnerschaft und Bindung. Werden diejenigen, die es vollbringen, ihre Familie zusammen zu halten, bald zu seltenen Exemplaren der Bewunderung werden?

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s. Michael Lukas Moeller: Gelegenheit macht Liebe. Reinbek bei Hamburg 2000. S. 47. S. Moeller 2000, S. 49.

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4.2 Kinder - die Gesellschaft von Morgen Die Entscheidung gegen ein Kind Aus eigenem Schoß wird sich unsere Gesellschaft eher nicht erhalten. Warum nicht? Eltern müssen i.d.R. gravierende Nachteile hinsichtlich Einkommen7 und Karriere in Kauf nehmen. Das wird durch das auf ein Jahr befristete Elterngeld kaum ausgeglichen. Demzufolge liegt die durchschnittliche Kinderzahl bei 1,3 pro Frau. Es hilft nichts, zu moralisieren. Ein Paar, das keine Kinder hat, bekommt heute immer weniger Eindrücke davon, welchen Reichtum so eine junges Leben für sie bedeuten könnte, es ahnt nicht, welche Chance darin steckt, wenn sie Kinder dabei begleiten, die Welt und sich selbst zu entdecken: Als Vater und Mutter entdecken wir uns selbst neu, wir können lernen, selbstsüchtige Bedürfnisse zurückzustellen und uns den Anforderungen neuen Lebens zu öffnen. Doch es fehlt uns an Bekannten, die das vorleben (wer Kinder hat, gerät leicht in ein Ghetto der Eltern und verliert oft den Kontakt zu Nicht-Eltern). Zudem vermitteln uns die Serien, Talkshows und Filme der Massenmedien andere Werte, die mit der Elternschaft kollidieren: Unabhängigkeit, Karriere und materieller Erfolg sind erstrebenswert; andererseits wird gezeigt, dass Beziehungen nicht funktionieren und im Drama enden – wie kann man da noch Kinder wünschen?8 Verantwortung der Eltern Perfekte Eltern gibt es nicht, und Kinder können auch gedeihen, wenn Eltern Fehler machen. Dennoch lohnt es sich, zu schauen, welche Fehler häufig vorkommen und wie sie vermieden werden können. Eltern prägen ihr Kind schon vor der Geburt – durch ihr Verhalten, durch ihre Ernährung beeinflussen sie die Epigenetik: „Erstmals wird nun ein Mechanismus bekannt, der beschreibt, wie der individuelle Lebensstil eines Menschen auf die Gene durchgreift und Gesundheit oder Krankheit schafft. [...] Der Mensch ist weder ein Gen-Roboter noch ein rein kulturelles Ätherwesen. Stück für Stück nähert sich die Biologie wieder der Wirklichkeit – einem Verständnis vom Menschen, das Natur und Kultur, Gene und Umwelteinflüsse in sich vereint. Das ist das Gegenteil von Gen-Determinismus; es würde beides gleichermaßen steigern: Freiheit und Verantwortung des Einzelnen. Kann man nachteilige Erbanlagen gezielt stilllegen oder positiv wirkende Gene aktivieren, wird ihre schicksalhafte Kraft gebändigt. Weiß man, dass ungesunde Ernährung nicht nur dick, sondern sich über viele Generationen negativ auswirkt, wird sie zur ethischen Frage.“9 7

Moeller bezifferte den finanziellen Nachteil, den Eltern im Vergleich zu kinderlosen Paaren haben, auf „etwa 400.000 DM pro Kind“ (s. Moeller 2000, S. 49). Die einzigen, für die sich das Kinderkriegen „rechnet“, sind äußerst sparsame EmpfängerInnen von HARTZ-IV- und Unterhaltsleistungen: Durch die wachsende Zahl der Köpfe erhöhen sie ihr Einkommen, ohne dass die Ausgaben in gleicher Weise steigen. Dafür leben solche Familien in armseligen Verhältnissen, die wohl eher denen eines Entwicklungslandes entsprechen. 8 vgl. Frank Schirrmacher: Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gesellschaft. München 2006. S. 95ff. 9 s. Christian Schwägerl: Ein Dogma fällt. In: GEO, 04/2007, S. 152f.

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So wirken sich Rauchen, Trinken, ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung, Neurosen, Depressionen und Stress schon vor der Empfängnis auf künftige Kinder negativ aus. Nach der Geburt sind die Eltern damit bekanntlich ein schlechtes Vorbild. Soweit sich Vater oder Mutter dann die Zeit nehmen, ihre Kinder selbst zu erziehen, geht das oft schief. Das liegt weniger an der Familienorganisation (Kernfamilie, alleinerziehend, WG, Patchwork oder andere) als vielmehr am Erziehungsstil. Zur Verdeutlichung referiere ich hier zwei unterschiedliche Modelle zur Charakterisierung der gängigen Erziehungsstile. Das erste Modell stammt von Klaus Hurrelmann: Beim permissiven Erziehungsstil („laisser-faire“) sollen nicht die Eltern, sondern die Kinder selbst die Erziehung bestimmen; beim vernachlässigenden Stil potenzieren sich die Probleme, die beim permissiven Stil bestehen, da die Kinder hier weder Grenzen noch Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern bekommen. Beim autoritären Stil setzen sich grundsätzlich die Erwachsenen (mehr oder weniger gewaltsam) durch; Kindern werden hier Regeln aufgezwungen, an die sich die Erwachsene selber nicht halten („Du machst, was ich sage, basta!“); der überbehütende Stil ist nicht viel besser, da er jede Selbständigkeit abwürgt. Der partizipative Erziehungsstil betont die partnerschaftliche und kooperative Seite: Alle sollen sich offen abstimmen und austauschen und auf ihre gegenseitige Bedürfnisse eingehen; durch gemeinsame Absprache und Aushandeln werden Umgangsformen und Regeln festgelegt, die, an die jeweilige Entwicklungs- und Altersstufe angepasst sind. Das Ziel ist, beim Kind Selbständigkeit und Autonomie zu fördern und Leistungsfähigkeit und soziale Verantwortlichkeit zu stärken. Die Kinder einer demokratischen Gesellschaft sollten autoritativ-partizipativ erzogen werden: Autoritativer Erziehungsstil, weil er die Autorität der Eltern zurückhaltend und vorsichtig einsetzt, aber die Regeln gelten für alle (auch für Erwachsene), sie werden mit Begründung und Erläuterung behutsam (ohne Züchtigung) durchgesetzt; partizipativer Erziehungsstil, weil er auf die Bedürfnisse des Kindes im Sinne einer Mitgestaltung der gemeinsamen Beziehung eingeht. Aus vielen Untersuchungen geht hervor, dass eine Mehrheit der Eltern diesen Erziehungsstil befürwortet, ihn aber im Familienalltag kaum umsetzen kann. In der Praxis üben nach Hurrelsmanns Einschätzung10 50% der Eltern einen permissiven Stil aus, 20% einen autoritären Stil und je 5% einen überbehütenden bzw. vernachlässigenden Stil; nur 20% der Eltern dürften in der Lage sein, den autoritativ-partizipativen Erziehungsstil tatsächlich zu praktizieren. Die Auswirkungen von falschen Erziehungsstilen seien, so Hurrelmann, für das Gemeinwesen bedrohlich: ­ Der autoritäre Erziehungsstil setzt sich über die Bedürfnisse der Kinder hinweg. Damit erzeugen Eltern oft aggressive und gewalttätige Verhaltensweisen bei den Kindern. Auf körperliche Züchtigung, die zum typischen Verhalten autoritärer Eltern gehört, reagieren Kinder mit Widerstand und Trotz, Rebellion und Ungehorsam, Regelbruch und Wutanfällen, andere mit Meiden des Kontaktes zu den Eltern, Abbruch der Schule, Drogenkonsum usw. ­ Der permissive Stil beruht auf dem Irrtum, dass Kinder und Erwachsene gleichrangig seien, so dass Eltern Angst haben, ihre Macht zu gebrauchen. Daraus resultiert eine Regellosigkeit, die für Kinder oft Lieblosigkeit und Mangel an Aufmerksamkeit und Zuwendung bedeutet. Mit aggressivem Verhalten provozieren Kinder mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit. 10

s. Klaus Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie. Weinheim und Basel 2002. S. 156 ff.

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Die Folge beider Erziehungsstile sind eine mangelhafte Selbständigkeit, fehlende soziale Verantwortung und eine geringere Leistungsstärke. Das gilt umso mehr für den überbehütenden und den vernachlässigenden Stil. Das zweite Modell wird bei Rüdiger Peuckert dargestellt. Danach können Eltern ihren Kindern emotionalen Rückhalt (Liebe und Zuwendung) entweder geben oder ihn verweigern, und sie können ihre Kinder entweder stark oder nur schwach fordern. Aus den Kombinationen dieser Extreme ergeben sich vier Stile: Am häufigsten wird der naive Stil praktiziert, bei dem die Eltern Liebe und Zuwendungen geben, aber nichts oder sehr wenig vom Kind fordern (49% der Kinder im Westen und 43% der Ostkinder werden so erzogen – nach Selbstauskunft der Eltern). Der reife Stil steht an zweiter Stelle: das Kind wird geliebt und gefordert (32% im Westen, 40% im Osten). Beim paradoxen Stil lassen Eltern ihre Kinder emotional (ver-)hungern, traktieren sie aber trotzdem mit Forderungen (ca. 5%). Beim gleichgültigen Stil bringen Eltern ihren Kindern weder Liebe noch Anforderungen entgegen (15% im Westen, 11% im Osten).11 Die Zahlen beider Modelle zeigen, dass trotz guter Vorsätze im Westen nur 20-32% aller Kinder angemessen erzogen werden, im Osten etwas mehr. Das liest sich nüchtern. Die Zahlen bedeuten, dass das Zusammenleben von Eltern und ihren Kindern für die Mehrheit zur Hölle werden kann. Die Familien sorgen neben der Erziehung auch für die informelle Bildung ihrer Kinder: kulturelle Bildung, Takt, Manieren, Bildungs-Strategien. Diese informelle Bildung wird innerhalb jeder Familie tradiert, die Kleinkinder fangen an, sie zu lernen, und die Schule baut darauf auf. In der Schule führen die unterschiedlichen Bildungsstrategien, die die Kinder aus ihren Familien mit unterschiedlichen Kulturen mitbringen, dann zu unterschiedlichen Erfolgen. So werden kulturelle Unterschiede zu sozialen Unterschieden. Der Mechanismus von Bildungsstrategien sei näher beleuchtet an der Frage der Informationsbeschaffung. Familien lehren ihren Kindern meistens das, womit schon ihre Großeltern Erfolg hatten. So lehren manche Migranten-Eltern ihren Kindern, sich die benötigten Informationen bei Nachbarn, Freunden und Bekannten zu beschaffen. Der Vorteil besteht darin, dass man die Auskunftsgeber kennt und damit auch den Grad der Zuverlässigkeit ihrer Antworten. Diese Strategie ist optimal – für eine Ackerbaugesellschaft. In einer Informationsgesellschaft indes brauchen wir ganze andere Strategien: Wir müssen wissen, welche Institutionen für welche Informationen zuständig sind; und wir müssen geeignete Sach-Bücher finden, lesen und kritisch einordnen können. Daraus folgt, dass es Kinder von Migranten, die aus Ackerbaugesellschaften kommen, viel schwerer haben, bei uns Erfolg zu haben als Kinder, die im Bildungsbürgertum zu Hause sind. Kinder aus einheimischen Familien, die man als bildungsfern bezeichnet, haben es möglicherweise am schwersten, denn die Bildungsstrategien, die bei ihnen zu Hause herrschen, sind nicht nur ungeeignet, sondern sogar destruktiv: „Lesen ist nicht wichtig“, „Vom Fernsehen kann man viel lernen“, „Chemie/Physik braucht man nie im Leben, Fremdsprachen auch nicht, und Deutsch können wir schon“, u.ä. 11

s. Rüdiger Peuckert: Familienformen im sozialen Wandel. Wiesbaden 62005. S. 168.

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Ein anderes Beispiel: Es gibt Familien, die mit Reisen Bildungsziele verfolgen (in der Tradition der Aufklärung, die schon Goethe befolgte), und es gibt Familien, die ein Reiseziel danach aussuchen, wie billig der Flug und wie attraktiv Hotel und Strand sind; vom Land, seinen Einheimischen und seiner Kultur bekommen sie so gut wie nichts mit – ob sie sich dann in der Sonne eines diktatorischen Regimes aalen, wissen viele gar nicht... An diesen Beispielen ist zu erkennen, wie eine Familie und ihre Kultur die BildungsChancen ihrer Kinder bestimmt. So können zwar auch Kinder in bildungsfernen Familien entdecken oder in der Schule lernen, dass das Internet Informationen bereit hält; sie können es sogar ihren Eltern beibringen. Doch selbst damit verpassen sie oft den Anschluss an das Bildungsbürgertum. Warum? Weil ihre Auswahl an Internet-Quellen eher vom Zufall geleitet ist und sie den meist oberflächlichen, verstreuten Daten kein tieferes Verständnis abgewinnen können. Nur ein gebildeter Mensch weiß, wie er geeignete Informationen im Internet findet. Da helfen Suchmaschinen nicht weiter. Man braucht Verständnis, das Wissen um Zusammenhänge, man braucht einen geschulten, kritischen Blick auf die Quellen, analytische Fähigkeiten, Urteilsvermögen. Diese Dinge lernen Kinder bei Gesprächen zu Hause, beim Lesen von Büchern, oder auch nicht. Das hängt davon ab, welche Strategien die Familie tradiert. Die Schule ist dagegen relativ machtlos, solange sie keine Ganztagsschule ist, die alle Kinder fördern könnte. Warum? Die meiste Zeit verbringt das Kind in der Familie (vor dem Fernseher?), und mit dieser Zeit kann keine Schule konkurrieren. Beispielsweise kann man zu Hause in einem Jahr über 50 Bücher lesen, und gleichzeitig kann die Schule die Lektüre von maximal 10 Büchern verlangen. Die Kinder, in deren Familienkultur das Lesen selbstverständlich ist, haben keine Schwierigkeiten; dagegen die meisten Kinder aus bildungsfernen Familien lesen nicht einmal die Bücher, die die Schule ihnen aufgibt. Die PISA-Studien bestätigen, dass in Deutschland Akademiker-Kinder eine vielfach größere Chance auf Schulerfolg hat als Kind bildungsferner Eltern. Damit will ich nun nicht behaupten, dass BildungsbürgerInnen die besseren Eltern seien! Schon seit Jean Liedloffs Buch „Die Suche nach dem verlorenen Glück“12 wissen wir um die Schattenseiten unserer westlichen Erziehungsstile. In einer kulturvergleichenden Studie legt nun Heidi Keller die empirische Bestätigung von Liedloffs Befunden vor. Keller untersucht, wie sich unterschiedliche Erziehungs-Stile auf Psyche, Sozialverhalten und das Selbstbild von Kindern auswirken: Dabei wurde das Verhalten von Müttern nach messbaren Kriterien analysiert: Dauer der Augenkontakte und Berührungen, Schnelligkeit der Reaktionen, Wortwahl und Sprachduktus im Dialog mit Kind oder Interviewerin. Das Protokoll verzeichnet bei einer Mutter aus Los Angeles über 100 Worte pro Minute, eine Mutter aus Kamerun beschränkt sich auf ein paar Dutzend Worte, dafür gurrt, schnalzt und singt sie mit großer Hingabe. Ein Kind, das in einer solchen traditionellen Umgebung zur Welt kommt, wird in seinen ersten Lebensjahren fast ununterbrochen getragen oder gehalten: an der Brust seiner Mutter, auf den Armen von Tanten und Großmüttern, auf dem Rücken von Geschwistern. Auch nachts liegt es bei seiner Mutter. Einschlafrituale oder feste Stillzeiten sind ihnen unbekannt; die Kinder schlummern ein, wann und wo ihnen gerade danach ist. Dass europäische und amerikanische Mütter ihre Babys häufig erst nach minutenlangem Schreien in den Arm nehmen, dass sie ihnen lieber ein Spielzeug in die Hand drücken, als ihnen sogleich die Brust zu geben, dass sie selbst Säuglinge abends in eigene Betten legen, damit sie dort den Rest der Nacht 12

Jean Liedloff: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit. München 1980.

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mutterselenallein ‚durchschlafen’, das grenzt in den Augen der Inderinnen wie Afrikanerinnen an Kindesmisshandlung. [...] Worin die Unterschiede bestehen, hat Heidi Keller durch eine Langzeitbeobachtung ermittelt [...] . Dabei zeigte sich, dass Kinder, die durch ständiges Tragen, Berühren und Stillen nach Bedarf ‚verwöhnt’ werden, besonders früh auf eigenen Beinen stehen – in jeder Hinsicht. Sie können sich früher selbständig bewegen, sind weniger bedürftig nach gezielter Zuwendung und zeigen deutlich mehr Sozialkompetenz. Die brauchen sie auch. Denn nach spätestens zwei Jahren ist es meist vorbei mit der mütterlichen Rundumbetreuung; in Kamerun wird schon von den Kleinsten erwartet, dass sich nützlich machen für Familie und Dorfgemeinschaft. Ein afrikanischer Junge von 1 ½ Jahren, der gebeten wird, einen Topf ins Nachbarhaus zu bringen, springt sofort auf und erledigt den Auftrag. Ein gleichaltriges Kind aus Costa Rica braucht etwas Zuspruch, bis es sich in Bewegung setzt; ein kleiner Athener reagiert dagegen überhaupt nicht auf die Aufforderung seiner Mutter und ignoriert sogar wiederholte Ermahnungen. Was Bewegungsfreude und motorisches Geschick angeht, bleibt er ebenfalls deutlich hinter seinen Altersgenossen in Übersee zurück. Dagegen erweisen sich europäische Kinder in puncto Selbst-Bewusstsein als deutlich überlegen: Hält man ihnen einen Spiegel vor, so erkennen sie sich früher und eindeutiger, auch ihr Sprachvermögen ist messbar weiter entwickelt. Keller spricht hier von der westlichen ‚Schule der Unabhängigkeit’: Europäische Mütter im Jahr 2000 gönnen ihren Babys noch weniger Körperkontakt als sie von den eigenen Müttern bekommen hatten, stattdessen verwickeln sie sie in ausufernde Dialoge, lassen sie häufig allein. In der anderen großen ‚Schule der Gemeinschaftsbezogenheit’ bekommen Babys zwar ihre frühesten körperlichen Bedürfnisse erfüllt, doch als Kleinkinder lernen sie vor allem, was ‚richtiges’ und ‚falsches’ Verhalten ist, müssen gehorsam sein und sich der Gemeinschaft unterordnen.13 Wie ist es also um unsere Erziehung bestellt? Erst Folter und dann Hölle? Jede Kultur hat ihre Vor- und Nachteile. Ich bin dafür, aus den Erfahrungen anderer zu lernen und als Vater mein Bestes zu geben, ohne mich zu verbiegen oder aufzuopfern. Migrantenkinder Die größte Gruppe von Migranten in Deutschland sind die Türken; deshalb zitiere ich exemplarisch Necla Kelek, die über deren Schwierigkeiten forscht: „Viele Migranten haben mit ihrem Koffer auch ihre Traditionen mit nach Deutschland gebracht und sind so geblieben, wie sie gekommen sind. Mit ihren Füßen sind sie hier, aber in ihrem Kopf und in ihrem Herzen haben sie ihr Dorf nie verlassen. Von ihren in Deutschland geborenen Kindern verlangen sie, nach den archaischen Regeln ihres anatolischen Heimatdorfes zu leben. Sie haben sie damit einer fast tragisch zu nennenden Zerreißprobe ausgesetzt, aus der es keinen ‚richtigen’ Ausweg gibt: Wer sich für die Familie entscheidet, entscheidet sich gegen das Land, in dem er lebt; wer sich für die neue Heimat entscheidet, ‚verrät’ seine Familie.“14 13

s. Johanna Romberg: Was ist gut fürs Kind? In: GEO, Heft 5/2007, S. 172ff.

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Die Palette von Gewalten, die Migranten-Kinder überdurchschnittlich oft erleiden müssen, reicht von Armut über körperliche Züchtigung, Beschneidung, GeschlechterDiskriminierung, Benachteiligung in der Bildung bis hin zur Bevormundung selbst Jugendlicher wie z.B. Zwangsheirat. Nicht zuletzt bewirkt eine strukturelle Gewalt, dass auch ihre Zukunft düster aussieht: „Deutschland ist besonders schlecht darin, die Kinder aus diesen [Migranten- und bildungsfernen] Familien zu fördern. OECD-weit sind Deutschland und Dänemark die einzigen Länder, in denen Migrantenkinder der zweiten Generation - also Kinder, die hier geboren wurden - niedrigere Kompetenzwerte haben als Kinder der ersten Generation. In jedem anderen Land ist die Entwicklung so, wie man vermuten würde: Sich in einem fremden Land zurechtzufinden ist schwierig - aber die Kinder der Menschen, die diesen Neustart gewagt haben, haben es leichter. [...] Bundesweit werden jedes Jahr Zigtausende Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden, in Maßnahmen geparkt, die ihre Chancen gar nicht verbessern. Und: Kaum einer dieser Jugendlichen zahlt jemals Sozialversicherungsbeiträge oder Steuern.“15 Gefährliche Ersatz-Erzieher Wenn nun also Eltern und Schule keine befriedigende Erziehung vollbringen können, werden die Kinder zu Opfern anderer Mächte. Fernseher, Computerspiele und Gleichaltrige übernehmen heimlich die Führung. Bildschirme „Was heute Entertainment heißt, ist vielfach nichts weiter als eine Anleitung zu Gewaltherrschaft, Fremden- und Frauenhass.“ Manfred Spitzer16

In ihrer Erziehungsnot oder Bequemlichkeit sind viele Eltern froh, wenn sie ihre Kinder vor dem Bildschirm lassen können; um ihr schlechtes Gewissen zu beschwichtigen, reden sie sich ein, dass Kinder etwas dabei lernen würden. Das trifft vor allem in Unterschichtsfamilien zu, wie jüngst die Shell-Studie bestätigt: „Die soziale Herkunft gibt den Ausschlag für das gesamte Freizeitverhalten. Sie sorgt bei den Jugendlichen aus gut situierten Familien meist für eine Verstärkung der Impulse aus dem Elternhaus. Jugendliche aus den oberen Sozialschichten beschäftigen sich in ihrer Freizeit besonders häufig mit Lesen, mit kreativen oder künstlerischen Aktivitäten und pflegen ihre sozialen Kontakte: wir haben diese Gruppe als »kreative Freizeitelite« bezeichnet. Bei den Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien hingegen hat das Abtauchen in die Gleichaltrigengruppe mit ihrer spezifischen Freizeitkultur eine andere Bedeutung. Insbesondere männliche Jugendliche aus der Unterschicht bilden die Gruppe der Technikfreaks, die ihre Freizeit vorrangig mit Computerspielen und Fernsehen verbringen. Verbindet sich dies mit einer Abwendung von Schule und

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s. Necla Kelek: Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes. Köln 22006. 15 s. Interview mit Jutta Allmendinger, der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Mitglied des Wissenschaftsrats. In: FR vom 11.7.2007 16 S. Manfred Spitzer: Vorsicht, Bildschirm. Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. Stuttgart 2005. S. 282.

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Berufsausbildung, liegt ein riskantes Abrücken von gesellschaftlichen Konditionen vor.“17 Tatsächlich lernen sie, wenn sie fernsehen: Die Eskalation von Konflikten ist spannender als ihre Lösung; Zynismus ist witziger als Mitgefühl; Mord ist anregend, platonische Liebe schal; Diplomatie ist langweilig, kriegerische Action prickelnd; Ehrlichkeit und Treue sind idiotisch, Betrug und Verrat normal; Sex ist anal, der Tod banal... Das Verschwinden von Kindheit und verantwortlichem Erwachsensein sind die traurigen Folgen. All dies hat Neil Postman schon vor zwanzig Jahren festgestellt.18 Seine Mahnungen wurden von der gebildeten Schicht konsumiert und von der GesamtGesellschaft ignoriert – sie fanden sich ja auch nur in Büchern. Stattdessen hält sich in der Bevölkerung hartnäckig das Gerücht, dass Computer-Spiele mit Gewalt-Inhalten eigentlich gut seien, da es dem Spieler helfe, Aggressionen abzubauen. Dieses Gerücht stammt wahrscheinlich von Spiele-Lobbyisten und wird von den Massenmedien gerne verbreitet, um zu zeigen, dass man „ausgewogen“ berichten würde.19 Wer sich über einschlägige Forschungsergebnisse informiert, weiß, dass das Gegenteil der Fall ist: Wer spielt, besitzt, statistisch betrachtet, hinterher vermehrt Aggressionen. Gravierenden Auswirkungen des Fernsehens werden in einschlägigen Quellen berichtet, sind also mehrfach wissenschaftlich erwiesen worden: 20 ­

Jede Gewaltszene verstärkt die Neigung zu aggressivem Verhalten.21

­

Mitgefühl schwindet, ästhetische Verrohung und Geschmacklosigkeit greifen um sich.22

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„Wer viel fernsieht, lernt schlechter lesen, ist weniger kreativ, nimmt Dinge eher oberflächlich auf, denkt weniger kritisch nach, und übernimmt Rollenstereotypen“.23

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Konsumenten von Fernsehen, Videospielen und Internet werden öfter zu Außenseitern.24 Warum? Solange ein Mensch medial konsumiert, verzichtet er auf Kommunikation.

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Als schalen Ersatz für reales Beziehungsleben bekommt er die Illusion, dabei zu sein, er identifiziert sich mit Figuren auf der Mattscheibe, besonders bei Serien. Wer Serien anschaut, will keine Folge verpassen, weil die Welt der Serie zu seiner Welt wird, er fühlt sich zugehörig; wer also mit einer großen TV-Familie lebt, bekommt sein Bedürfnis, Freundschaften und Bindungen zu pflegen, virtuell erfüllt – und umso weniger wird er sie in der Realität suchen. „Satoshi Kanazawa zeigte, dass immer weniger Menschen zwischen wirklichen Freunden und ‚Fernsehfreunden’ unterscheiden können. [...] Das beunruhigende ist, dass die Zuschauer damit begonnen haben, ihre Fernsehfreunde in ihr Leben einzubauen und von ihnen zu lernen. Zunächst macht das Fernsehen sie wirklich glücklich. Frauen, die viele Soaps schauen, haben das Gefühl, dass sie wunderbare Freundschaften führen [...] . Eine Gesellschaft, die kaum noch Kinder bekommt, bevölkert ihr Bewusstsein mit imaginären Freunden, die kein statistisches

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s. Shell-Jugendstudie 2006. Freizeit und Gesundheit. www.shell.de s. Neil Postman: „Das Verschwinden der Kindheit“. Und: „Wir amüsieren uns zu Tode“ 19 „Sich für oder gegen etwas zu entscheiden, gilt in gebildeten Kreisen als unfein, wenig intellektuell bzw. schlechthin als dumm. Ein ambivalent-bedächtiges ‚vielleicht hätte man würden können, wenn man wollen gemocht hätte’ hingegen verschafft Respekt. So erklärt sich, warum trotz klarer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Berichterstattung so verwirrend und unscharf erfolgt.“ Spitzer erklärt diesen Sachverhalt noch ausführlicher (s. Spitzer 2005, S. 279f.). 20 Manfred Spitzer: „Vorsicht, Bildschirm!“ Stuttgart 2005. 21 ebd. 22 s. Spitzer, S.214. 23 ebd., S.123 24 ebd., S.229f. 18

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Bundesamt verzeichnet.“25 Bei Männern spielen Nachrichten, Sportsendungen die gleiche Rolle wie die Soaps für Frauen; Talkshows manipulieren das Bewusstsein beider Geschlechter. ­

„Aufgrund von Bildschirm-Medien wird es in Deutschland im Jahr 2020 etwa 40.000 Todesfälle durch Herzinfarkt, Gehirninfarkt, Lungenkrebs und DiabetesSpätfolgen geben; hinzu kommen jährlich einige hundert zusätzliche Morde, und einige zehntausend zusätzliche Gewaltdelikte [...,] einige zehntausend zusätzlicher Fälle von Schulproblemen in Form von Aufmerksamkeits- und LeseRechtschreibstörungen [...] Diese Zahlen sind aus meiner Sicht vorsichtig geschätzt, stellen also die untere Grenze dessen dar, womit gerechnet werden muss.“26

Anstatt also sportlichen Aktivitäten nachzugehen oder das unentbehrliche Rüstzeug für’s Leben zu lernen, lernen vor allem Unterschichts-Kinder etwas anderes: Sie ahmen virtuelle Vorbilder nach, sie lernen Strategien für das Punktesammeln in Computerspielen, die wenig mit Kooperation oder Kommunikation zu tun haben, sondern mehr mit Geschick, Schablonendenken, Anpassung an virtuelle Gesetze. Die Wahrnehmung der Realität verschiebt sich, Vorstellung und Phantasie werden immer mehr von irrealen Drehbüchern und immer weniger von Erfahrungen in der realen Außenwelt geprägt. Wenn ein Kind oder Jugendlicher nicht mehr unbedingt auf einen Erfolg im realen Leben stolz ist (z.B. eine gute Klassenarbeit geschrieben zu haben), sondern darauf, einen höheren Rang in irgendeinem Computerspiel erreicht zu haben., dann ist hier die Grenze zur Sucht wird überschritten worden.27 „Topmodell“ – fragwürdiges Vorbild für Jugendliche Am Beispiel der Fernsehserie „Germany’s Next Topmodel“ möchte ich veranschaulichen, welch unheilvollen Einfluss dieses Medium haben kann. Viele Jugendliche versuchen, alles Mögliche zu tun, um die Attraktivitätskriterien der Sendung zu erfüllen. Übertriebenes Fitnesstraining, Diätkuren, Schönheitsoperation werden sie hinter sich bringen, um Heidis Schönheitsideal zu erreichen. Die durch die Sendung gesetzten Maßstäbe werden von vielen Firmen und Institutionen unterstützt und in profitable Produktlinien umgesetzt: Kaloriendefinierte Drinks und Menüs sowie Appetitzügler oder Abführmittel sind im Handel in einem breiten Angebot erhältlich, zahlreiche Kliniken bieten das Fettabsaugen oder das Modellieren der Figur an, aber auch die Krankassen fördern diesen Trend, indem sie ihre Versicherten über Kurse oder Mitgliedszeitschriften zu einer „guten Figur“ und zum „Schlanksein“ motivieren. In der ersten Staffel hat Heidi Klum vor 3,4 Millionen Zuschauer das vermeintliche Übergewicht einer Kandidatin kritisiert: Die Bewerberin Irina war 1,76 Meter groß und 52 Kilogramm schwer - angeblich „zu dick“ für die Modelkarriere. Das hat eine Debatte um Schönheitswahn und die Macht der Medien ausgelöst. Man errechnete den Body-Mass-Index (BMI) und kam zum Ergebnis 16,8. Dies ist aus medizinischer Sicht deutlich untergewichtig. Die 17jährige Yvonne, eine andere Topmodel-Kandidatin vom letzten Jahr, ist 174 cm groß und wog 54 Kilogramm, was einem Body-Mass-Index von 17,83 entspricht. Yvonne hatte Untergewicht, aber sie fand sich zu dick und fürchtet Speckröllchen. Yvonne und Irina sind keine Einzelfälle. Eine repräsentative 25

vgl. Schirrmacher, S. 100f. ebd., S.12. 27 vgl. Interview mit dem Hirnforscher Prof. Gerald Hüther. In: FR vom 20.3.7. Hüther gibt ein extremes Beispiel für diese Sucht: Ein Fünfzehnjähriger zertrümmerte die Wohnung seiner Eltern in einem mehrstündigen Wutanfall, “weil sein Computer in Folge eines Stromausfalls mitten im Spiel schlapp gemacht hatte.“ (ebd.) 26

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Jugendbefragung für die Zeitschrift Bravo aus dem Jahre 2006 macht deutlich, wie sehr die Superschlanken in den Medien auf junge Zuschauer wirken. Jeder vierte Jugendliche im Alter von elf bis siebzehn Jahren, das ergab die Studie, ist mit seinem Körpergewicht unzufrieden.28 Doch die Schönheits-Normen der Sendung beziehen sich nicht nur auf Äußeres. Casting und Photoshooting sind wichtig für die ersten Runden, aber dann wird geprüft, ob auch ihr Verhalten sexy ist: Zeigt die Kandidatin die richtige Mimik? Unterwirft sie sich der allmächtigen Jury? Macht sie bei jeder Zumutung mit? Muckt nicht, wenn ihre entblößten Körperregionen in Großaufnahmen gezeigt wird? Der Zuschauer, der zum Voyeur wird, denkt an Sex, und er überträgt ihr Verhalten ins Bett: Würde sie ihn machen lassen, was er will? Ein Topmodell widerspricht nicht. Aber ihre „Liebesfähigkeit“ wird noch tiefer geprüft: Ist sie emotional dabei? Wenn sie vor der göttlichen Jury steht, die über ihre Zukunft richtet (muss die Kandidatin ausscheiden?), wiederum Großaufnahme ihres Gesichts: Lässt sie im richtigen Augenblick das richtige Maß an Tränen kullern? Nicht zuviel Emotionalität, das wäre hysterisch; nicht zu wenig, das wäre kalt und lieblos. Die normschöne Frau ist für den Mann berechenbar und passt sich an – also keine Angst, Mann, sie im Bett zu handhaben! Ich vermute, dass solche Sendungen in einem Jahrzehnt tiefere Tabus brechen und, wie schon andere Formate, ins Schlafzimmer vordringen werden. Es wird langweilig, Topmodel-Kandidatinnen durch Fontänen oder ähnliches zu jagen, bis sie durchnässt sind. Sie werden im Schönheits-Paradies mit Profi-Test-Männern ganz direkt und schamlos auf Sextauglichkeit durchprüft werden, angefangen beim Lippenstift, der nicht zu schnell abgeküsst werden darf bis hin zur Schönheit ihrer Melodie im Orgasmus-Ausdruck... Was noch fehlt, sind die normierten Babys, und dann haben wir endlich Huxleys Schöne Neue Welt! Gleichaltrige Zur Emanzipation des Menschen sind Freundschaften mit Gleichaltrigen wichtig. Während der Pubertät ist es notwendig, dass die Jugendlichen sich nach und nach von den Eltern ablösen und neue Bindungen eingehen. Dies sollte geschehen, sobald Jugendliche reif genug werden, um ein eigenverantwortliches, von den Eltern unabhängiges Leben zu führen. Bedenklich wird es aber, wenn diese Ablösung von den Eltern eintritt, bevor die Kinder dazu reif sind, also schon mit 8,9,10 oder 12 Jahren. Viele glauben, dass die Kinder dann eben „frühreif“ seien, und begrüßen diese Entwicklung. Der Psychologe Gordon Neufeld hat dieses Phänomen näher erforscht. Seine Analyse zeigt: Wir müssen unterscheiden zwischen Freundschaften einerseits und Bindung andererseits. Kontakte und Freundschaften unter Peers sind in jedem Alter gut. d.h. der Entwicklung förderlich. Anders sieht es mit der Bindung aus. Die Bindung eines Kindes zu mindestens einer Bezugsperson ist eine biologische Notwendigkeit, denn mittels Bindung erhält es von Erwachsenen Fürsorge, emotionale Zuwendung und Erziehung. Wie ist es nun zu erklären, dass immer jüngere Kinder ihre Bindung zu den Eltern verlieren und sich stattdessen an ihre Peers binden? Nicht vermeintliche Frühreife, sondern eine emotionale Notlage drängt die Kinder dazu, vorzeitig nach neuen Bindungen zu haschen: Was macht ein Kind, das seine Eltern noch braucht, wenn diese Eltern dauerhaft nicht Kind verfügbar sind? Oder wenn das Kind erfahren muss, dass es seinen Eltern nicht vertrauen kann? Wenn es wiederholt von Eltern misshandelt, gedemütigt oder ignoriert wird? Jeder reife Erwachsene wird eine Beziehung, 28

www. Schönheitswahn und Jugendkult.de?

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die ihm unerträglich ist, beenden. Aber welchen Ausweg gibt es für acht- oder zwölfjährige Kinder, die noch nicht reif genug sind, um ihr Leben selbständig zu meistern? Der gesunde Selbsterhaltungstrieb des Kindes sorgt dafür, dass es sich einen notdürftigen Ersatz für die ungenügende Eltern-Bindung sucht – andernfalls wäre das Leben des Kindes bedroht. Wenn sich nun keine anderen Erwachsenen darum bemühen, eine Ersatz-Bindung zu dem Kind aufzubauen, dann verbünden und binden sich die bedürftigen Kinder untereinander. Zugleich lösen sie ihre Bindungen an die Eltern vorzeitig. Fortan sind die Kinder emotional abhängig von Bindungen an Gleichaltrige (Peers), und die Eltern verlieren jeden Einfluss auf ihre Kinder. Die Shell-Studie meldet dazu: „Die Gleichaltrigen spielen in vielen Fragen des alltäglichen Lebens oft eine größere Rolle als die eigenen Eltern. In pädagogischer Perspektive sind sie zu mächtigen »Miterziehern« der Jugendlichen geworden, zumal über sie auch der überwiegende Kontakt zur Medienwelt läuft.“29 Das führt nach Neufeld dazu, dass „die Kinder ihre Signale nicht mehr von ihren Eltern, Lehrern und anderen fürsorglichen Erwachsenen beziehen, sondern ihr Äußeres, ihre Werte und ihre Verhaltensweise aneinander ausrichten. Ich bezeichne diese Erscheinung als Gleichaltrigenorientierung (Peer-Orientation)“ 30 Die vorzeitige Peer-Orientation greift besonders in Großstädten um sich und birgt folgende Risiken: ­ Unreife werden nicht mehr von Erwachsenen, sondern von anderen Unreifen erzogen. So können sie nicht reif werden; ­ Entfremdung von der eigenen Kultur und Tradition; ­ stärkerer Einfluss von Medien und Werbung; ­ Das Lernen verarmt, der Schulerfolg wird von Peers nicht mehr für wichtig genommen;. ­ Erziehungsprobleme nehmen überhand, Eltern/Lehrer können ihre Kinder/Schüler kaum noch beeinflussen, weil sie ihre Macht über sie verloren haben. Die ElternKind-Beziehung zerrüttet; ­ Zunahme von aggressivem, tyrannisierendem Verhalten und von Gewalt; ­ Absterben des Gefühlslebens durch die Panzerung mit allgegenwärtiger „Coolness“; ­ verfrühte Hypersexualität unter Peers; ­ steigendes Risiko von Drogenkonsum und Kriminalität. Freizeitgestaltung (abseits der Bildschirme) Der Rückgang des klassischen Kinder-Spielens in Gruppen bedeutet, dass Kinder immer weniger den Freiraum haben, um soziale Rollen und kommunikative Strategien auszuprobieren und einzuüben.31 Zwar bietet der Kindergarten hierfür noch Freiraum und Zeit, aber die Schule kaum noch, und neben der Schule bleibt bald nichts mehr übrig. Um die Veränderung der Kindheit zu veranschaulichen, zitiere ich den plakativen Vergleich von Marie Winn: In den ausgebeulten Taschen des Kindes von einst fanden sich: Taschenmesser, etwas Kleingeld, Kompass, Murmeln und vielleicht ein Bonbon. Die Taschen der 29

s. Shell-Jugendstudie 2006. Freizeit und Gesundheit. www.shell.de Dr. Gordon Neufeld und Dr. Gabor Maté: Unsere Kinder brauchen uns! Die entscheidende Bedeutung der Kind-Eltern-Bindung. Bremen 2006. S. XI Das Buch erschien 2004 im amerikanischen Original unter dem Titel: „Hold On to Your Kids. Why Parents need to matter more than Peers“ 31 vgl. Peter Büchner, Anna Brake: Bildungsort Familie. Transmission von Bildung und Kultur im Alltag von Mehrgenerationenfamilien. Wiesbaden 2006. S. 46f. 30

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heutigen Sprösslinge bergen Haschpfeife, Kondome, 20 Euro und jede Menge Tabletten.32 Neu im Programm bewusstseinbetäubenden Konsums ist das Flatrate-(Koma-)Saufen, das der Teenager nutzt, um vor der Peergroup seinen „Mut“ zu beweisen, d.h. ihnen vorzukotzen, oder besser noch, sich als „reif“ für den Notarztwagen zu zeigen. Die Verantwortungslosigkeit der Erwachsenen ist grenzenlos! Wie schon referiert, hängen Freizeitgestaltung und Konsumgewohnheiten vom Bildungsgrad und der Kultur der Familie ab. So konzentrieren sich die außerschulischen Aktivitäten von heutigen Gymnasiasten auf einen schichtspezifischen Lifestyle, der sich am finanziellen Rahmen der Eltern und Großeltern orientiert: Einkaufen mit den Freundinnen, Fast-Food-Essen, Spaß haben mit Freunden, Fun-Sportarten betreiben, Handybenutzung ohne Ende, TV, i-Pod, Mode, Verreisen, den Führerschein machen, mit dem Auto durch die Gegend fahren (rasen), Partys feiern ohne Grund und bis zum Erbrechen. Im Unterschied dazu sind Hauptschüler wegen knapperer Mittel mehr auf Bildschirme und Getränke beschränkt. Aber die Jugendlichen aller Schichten haben eine gemeinsame Antipathie: Lernen ist nicht angesagt. Wer für die Schule arbeitet, ist schon fast ein Außenseiter: Nach Erkenntnisse einer Studie der Universität Chemnitz „wissen 22% der Schüler, wie es ist, mit dem Streber-Stigma belegt zu werden, jeder Vierte lebt in der ständigen Angst, es könne auch ihn treffen. Die Angst vor der Hänselei geht soweit, dass die Schüler bewusst schlechtere Noten schreiben. [...] Die Ursache für die leistungsfeindliche Atmosphäre sieht ‚Streber-Forscher’ Klaus Boehnke vor allem in einem Benotungssystem, das mit ‚Gut’ und ‚Sehr gut’ geizt und Noten oft als Disziplinierungs- und Bestrafungsinstrument missbraucht.“33 Wenn auch das Lernen in der Schule nicht attraktiv ist, so geben viele Jugendliche in Umfragen der Shell-Studie an, sich sozial zu betätigen: „Alles in allem 33 % der Jugendlichen geben an, »oft«, und weitere 42 %, »gelegentlich« für soziale oder gesellschaftliche Zwecke in ihrer Freizeit aktiv zu sein. [...] Typische Räume für Aktivitäten stellen die Vereine sowie die Schulen und Hochschulen dar. [...] Selbst organisierte Projekte bilden vor allem für höher gebildete Jugendliche ein nicht unwichtiges Feld. Nicht unterschätzt werden sollten aber auch Bereiche wie die Rettungsdienste oder die Freiwillige Feuerwehr, die häufig für Jugendliche aus weniger privilegierten Milieus Zugangswege für gesellschaftlich relevante Aktivitäten schaffen. Klassische politische Organisationen, wie zum Beispiel Parteien oder Gewerkschaften spielen hingegen, genauso wie auch Bürgerinitiativen oder Institutionen, wie Greenpeace, Amnesty International oder andere Hilfsorganisationen, quantitativ eine untergeordnete Rolle. Nach wie vor ist es vor allem die Schichtzugehörigkeit, die den Aktivitätsgrad prägt. Jugendliche aus gehobenen Herkunftsschichten bzw. Gymnasiasten und Studierende weisen die höchsten Quoten auf.“34

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Marie Winn, zitiert bei Hans Joachim Bäck: Kindheit im Konsumzeitalter. O.O., 1984, S. 10. Ich habe aus dem Dollargeld Euro gemacht. 33 s. P.M. Fragen und Antworten. Heft 6/2007. S. 63. 34 s. Shell-Jugendstudie 2006 /“Engagement“

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4.2.1

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Physiologische und psychische Belastungen

Bedingt durch Medienkonsum kommen körperliche Aktivitäten zu kurz. Zudem bedrohen ungesunde Ernährung und Genussmittelkonsum langfristig die Gesundheit, so dass man zusammenfassen kann, dass viele auf Kosten ihrer physiologischen Zukunft leben. „Die Shell Jugendstudie 2006 zeigt eindrucksvoll, wie [analog zum Medienverhalten] auch das Gesundheitsverhalten nach sozialer Schicht der Jugendlichen variiert. So sind gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen wie ungesunde Ernährung (täglicher Konsum von Cola/Limonade: 46 % in der Unterschicht zu 12 % in der Oberschicht), mangelnde körperliche Bewegung (38 % zu 14 %) und regelmäßiges Zigarettenrauchen (37 % zu 15 %) unter Jugendlichen aus der Unterschicht weit häufiger verbreitet als in mittleren und oberen Sozialschichten.“35 Die Bundesdrogenbeauftragte beklagt eine wieder zunehmende Tendenz des Alkoholmissbrauchs: „Wie notwendig ein breiter Konsens zum zurückhaltenden Alkoholkonsum in der Gesellschaft ist, zeigt das erneut anschwellende Trinkverhalten unter Jugendlichen. Ging nach Inkrafttreten des Alkopopsteuergesetzes der Anteil von Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren mit regelmäßigem Alkoholkonsum (einmal pro Woche) von 21 Prozent in 2004 auf 19 Prozent im Jahr 2005 zurück, trinken nun mit 22 Prozent wieder deutlich mehr Jugendliche Alkohol“36 Ähnlich alarmierend ist es um die psychische Gesundheit bestellt. Julia Scharnhorst, die Vizepräsidentin des Berufsverbandes deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDB), schreibt in ihrer Verbands-Zeitschrift: „der BDP hat [im März 2007] seinen ersten Bericht zur psychischen Gesundheit der Nation vorgelegt. [...] Als Thema für unseren ersten Bericht haben wir uns die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ausgewählt. [...] Wir sind vor der Pressekonferenz von Journalisten gefragt worden: »Was ist denn nun das wirklich Neue in Ihrem Bericht?« Das Schlimme ist: Nichts ist absolut neu! Dass Selbstmord die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen ist, ist nicht neu. Dass ca. 10 bis 20% aller Kinder psychisch auffällig oder behandlungsbedürftig sind, ist nicht neu. Dass es viel zu wenige Schulpsychologen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten gibt, ist nicht neu. Dass es an Prävention und schulischen Angeboten fehlt, ist nicht neu. Dass aus gestörten Kindern oft gestörte Erwachsene werden, ist auch nicht neu.“37 Nicht willkommene Schüler Rainer Domisch, ein Bildungsexperte aus Finnland, fasste seine Eindrücke von deutschen Schulen zusammen, indem er die verschiedenen Philosophien verglich, die den Schulen in Deutschland bzw. Finnland zugrunde liegen. Die heimliche Philosophie deutscher Schulen formulierte er so: „Ihr (Schüler) seid zu viele!“ Dagegen die Philosophie an finnischen Schulen: 35

s. Shell-Jugendstudie 2006. Freizeit und Gesundheit. www.shell.de s. „Aktuelles“ auf der Homepage von Sabine Bätzing, der Drogenbeauftragten der Bundesregierung unter www.drogenbeauftragte.de 37 s. reportpsychologie. Heft 5/2007. S.205. 36

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„Jeder wird gebraucht!“38 Während die Lehrer deutscher Schulen schwierige Schüler aussortieren müssen, sind die Probleme finnischer Schüler kein Anlass für übermäßigen Stress oder unpädagogisches Handeln. Finnische Lehrkräfte können störende Kinder jederzeit aus dem Unterricht zu Sozialarbeitern oder Erziehern schicken, die in Bereitschaft sind, um mit solchen Kindern und ihren Eltern pädagogische Lösungen zu finden. Unsere Lehrer müssen auf sich allein gestellt gegen Unterrichtsstörungen ankämpfen, haben keine Zeit zur Suche nachhaltiger Lösungen; ihnen ist nicht zu verübeln, wenn sie den Verweis solcher Schüler wünschen, um vernünftig unterrichten zu können. Unser herrschendes Schulsystem hält keine angemessenen Ressourcen für Schüler bereit, die den Lernbetrieb aufhalten; z.B. ein Schulpsychologe ist für zigtausend Schüler zuständig, also: praktisch nicht verfügbar. Und angesichts überfüllter Klassen hat die Schulpolitik es zu verantworten, wenn verzweifelte Lehrer unbewusst die Botschaft senden: „Ihr seid zu viele!“ Die deutsche Methode der frühen Auslese und des Ausgrenzens wird regelmäßig in internationalen Bildungsstudien gerügt: PISA und die OECD haben das in den letzten Jahren getan, und kürzlich kritisierte auch der UN-Menschrechts-Inspektor Vernor Munoz, dass Deutschland die Bildungschancen allzu ungleich verteile, weil durch das zweigliedrige bzw. dreigliedrige System die Kinder armer und bildungsferner Familien benachteiligt werden.39 „Nur 23 von 100 Kindern, deren Eltern nicht studieren, schaffen den Weg an die Hochschulen. Von 100 Akademikerkindern dagegen sind es stolze 83. So steht es in der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks.“40 Die drohende Verschuldung wegen der neuen Studiengebühren werde künftig noch mehr Kindern aus ärmeren Elternhäusern vom Studieren abhalten: „Alle Studien belegen, dass gerade finanziell schwächere Schichten davor zurückschrecken, Kredite mit ungünstigen Konditionen aufzunehmen.“41 Sogar der revolutionärer Gedanken ganz unverdächtige Präsident des Münchner ifoInstituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, kommt zu dem Schluss: „Das dreigliedrige Schulsystem, mit dem wir weltweit nahezu allein stehen, passt nicht mehr in die heutige Zeit. Es reflektiert die Drei-Klassen-Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.“42 Doch die KutusministerInnen lassen sich im besten Falle darauf ein, das dreigliedrige in ein zweigliedriges System umzuformen. Das macht indes keinen großen Unterschied. Ein zweigliedriges System führt uns dann eben noch tiefer in die Zweiklassengesellschaft hinein. „Die aber unten sind, werden unten gehalten Damit die oben sind, oben bleiben Und der Oberen Niedrigkeit ist ohne Maß“ Bertolt Brecht in „Die heilige Johanna der Schlachthöfe (1930)

38

Rainer Domisch: Vortrag, gehalten auf einer Tagung in der Reinhardswaldschule bei Kassel im Jahre 2003. 39 vgl. z.B. Marianne Demler: Tabu gebrochen. Ungerechtigkeit des Schulsystems gerät ins öffentliche Interesse In: Erziehung und Wissenschaft. Heft 4/2007, S.18f. 40 s. DIE ZEIT vom 21.6.2007, S. 35: „Uni kommt von ungerecht. Akademikerkinder im Vorteil.“ 41 ebd. 42 s. Erziehung und Wissenschaft, Heft 4/2007, S.19.

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Die Folgen: „Früher konnte ich in Klasse 10 noch Novellen und Romane lesen“, klagt ein älterer Lehrer. Für jüngere Lehrer klingt das fast traumhaft-utopisch, weit entfernt von der Realität: „Bücher braucht man nicht“, schreien die Schüler, wenn sie eine Lektüre lesen sollen, „höchstens zum Arsch abwischen!“, wahlweise „auch zum Verbrennen“. Von der Weltliteratur ist, mit Zwang, noch ein Jugendbuch übrig geblieben. Der Verfall des LeseVerstehens und des Schreibens ist frappant. Das Desaster spiegelt sich in PISA wider: „In Deutschland kommt mehr als jeder fünfte 15-Jährige nicht über die untersten Kompetenzstufen hinaus, damit sind sie funktionale Analphabeten. Sie können zwar lesen, verstehen aber das Gelesene nicht. In anderen Ländern gilt das nur für jeden Zwanzigsten. Die Erklärung: In vielen anderen Ländern werden Kinder besser als in Deutschland gefördert.“43 Der Einbruch an Motivation und Leistung trifft mehr oder weniger alle Schulformen. Und nach Beendigung der Schule ist der Prozess der Analphabetisierung unaufhaltsam: Vier Millionen Erwachsene in Deutschland, die lesen und schreiben gelernt hatten, sind „funktionelle Analphabeten“, schätzt die Bundesbildungsministerin.44 Zehn bis fünfzehn Prozent eines Jahrgangs bleiben ohne beruflichen Bildungsabschluss. Sie kommen überwiegend aus bildungsfernen Familien und erwarten eine Karriere von HARTZ. Von Chancengleichheit kann in Deutschland keine Rede sein. Die bisherigen Gegenmaßnahmen werden unten bei „Technokratie“ charakterisiert - es handelt sich bestenfalls um Verschlimmbesserungen des Systems; Schulen und Hochschulen werden kaputt gespart und gegängelt, bis bald keine Pädagogik mehr übrig bleibt. Dies geschieht, obwohl bei sinkenden Schülerzahlen der nächsten Jahre die Klassen verkleinert werden könnten, ohne dass das mehr Geld kostet. Doch das einzige, was Bildungspolitiker versprechen, sind weitere Einsparungen: die Klassen bleiben groß, werden sogar noch größer und Schulen für immer geschlossen. Auch Thomas Kliche, der den „Bericht zur psychischen Lage der Nation“ referiert, kommt nicht umhin, fundamentale Kritik an unserem Bildungssystem zu üben: „Der Bericht zeigt: Die familiären und schulischen Belastungen nehmen zu, die Schulzufriedenheit sinkt, die Schere gesundheitlicher Ungleichheit zwischen Arm und Reich wächst. Die Politik hat aus PISA nichts gelernt. Die Bildungssysteme der in der PISAStudie erfolgreichen Länder arbeiten mit Förderung, mit der Integration verschiedener Leistungsstufen, mit einem Schulklima der Ermutigung, mit der Freude am entdeckenden und selbstständigen Lernen, mit Raum für Kreativität und eigene Erfahrungen. Was macht die deutsche Bildungspolitik daraus? Noch mehr Lehrstoff in kürzerer Zeit, noch mehr Leistungsdruck, das Festhalten an der Selektion und Entwertung von jungen Menschen durch ihre Schule und Schulart (z.B. die Chancenlosigkeit vieler Hauptschüler), die Aufspaltung und die illusorische Steuerung durch immer vollere Pläne.“45 Fazit: Die Konkurrenz der Länder bedeutet für Kita und Schule eine Konkurrenz um den schnellsten Qualitäts-Abbau.

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s. Interview mit Jutta Allmendinger. In: FR vom 11.7.2007. s. Marburger Neue Zeitung vom 9.9.06, S.2. 45 s. reportpsychologie. Heft 5/2007, S. 213. 44

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Das Werte-Fundament und Toleranz Das Gerede vom angeblichen Werte-Verfall der neuen Generation ist nichts als Unsinn. Trotz aller Beschwernisse sind unsere Jugendlichen mit einer soliden Wertebasis ausgestattet. Hierzu zitiere ich weiter die Shell-Jugend-Studie von 2006: „Das Wertesystem der Jugendlichen weist insgesamt eine positive und stabile Ausrichtung auf. Weiter im Trend liegen bei beiden Geschlechtern soziale Nahorientierungen wie Freundschaft und Familie, begleitet von einem erhöhten Streben nach persönlicher Unabhängigkeit. [...] Weiter im Aufwind der Strebungen der Jugendlichen befinden sich die Sekundärtugenden, insbesondere Fleiß und Ehrgeiz. Auch das Streben nach einem gesundheitsbewussten Leben hat bei Jugendlichen seit 2002 zugenommen. Wie bei Fleiß und Ehrgeiz wird auch dieser Trend bevorzugt durch die weibliche Jugend gesetzt. [...] Männliche Jugendliche setzen diesem weiblichen Wertebewusstsein, das soziale Bindungen und Normen besonders betont, ein konkurrenz- und wettstreitorientiertes Lebenskonzept entgegen.“46 „72 % der Jugendlichen sind der Meinung, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können (2002: 70 %). [...] Gleichzeitig wächst die Zahl junger Erwachsener in Deutschland, die auf die Realisierung von Kindern und Familie verzichten. Ein Wunsch nach eigenen Kindern existiert vor allem aus emotionalen Gründen. Ungünstige gesellschaftliche Rahmenbedingungen können die Erfüllung des Kinderwunsches bei vielen jungen Menschen jedoch verhindern. Insbesondere junge Frauen sind bei der Familiengründung mit vielfältigen Schwierigkeiten konfrontiert, weil Ausbildung, berufliche Integration und Partnerschaft mit Familiengründung in einem sehr kurzen Zeitfenster komprimiert sind, der so genannten »Rush Hour des Lebens«. „Jugendliche sind nach wie vor eine eher tolerante Bevölkerungsgruppe. Fragt man danach, wie es die Jugendlichen finden würden, wenn »in die Wohnung nebenan« bestimmte Bevölkerungsgruppen einziehen würden, so artikulieren 46 % keinerlei Vorbehalte gegenüber den von uns vorgegebenen und oftmals stigmatisierten Bevölkerungsgruppen. [...] Auffällig ist auch in diesem Fall wieder der Einfluss des Bildungsniveaus: je höher die Bildung, desto geringer die Vorbehalte gegenüber bestimmten Gruppen.“ “Hinsichtlich des weiteren Zuzugs von Migranten nach Deutschland dominiert bei der Mehrheit der Jugendlichen inzwischen eine ablehnende Haltung. 58 % der Jugendlichen sprechen sich im Vergleich zu 46 % im Jahr 2002 dafür aus, in Zukunft möglichst weniger Zuwanderer als bisher in Deutschland aufzunehmen. Diese reserviertere Position hat inzwischen alle Schichten erreicht.“47 4.2.2

Das Leben aus Sicht der Jugend

Die Shell-Studie verallgemeinert die Aussagen vieler Interviews, in denen Jugendliche über ihre Sicht auf das Leben gesprochen haben, wie folgt: „Die Hauptsorge [der Jugendlichen] gilt ihrer beruflichen Entwicklung, ihren Chancen auf einen sicheren Arbeitsplatz und damit auf einen Platz in der Gesellschaft. Dem begegnen sie durch hohe Anforderungen an sich selbst. Sie versuchen die Parameter zu verändern, die sie direkt beeinflussen können, der 46 47

s. Shell-Jugendstudie 2006 /“Stabile Werteorientierung“ s. Shell-Jugendstudie /“Toleranz und Alltagsverhalten“

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wichtigste ist die eigene Ausbildung. Sie reagieren mit Anpassung an die Bedingungen und mit einer ausgesprochenen Leistungsorientierung.[...] Zu beobachten ist eine starke Orientierung an den sozialen Ressourcen im nahen Umfeld, ein Festhalten an der Peergroup und der Familie. Letztere erlebt angesichts unsicherer Zukunftsperspektiven offenbar einen Bedeutungszuwachs. Die Familie vermittelt Stabilität, Kontinuität und emotionalen Rückhalt. Zudem wird sie in wirtschaftlich schwierigen Zeiten als Ressource gesehen, die durch ökonomische und soziale Unterstützung hilft, sich den Bedingungen des Arbeitsmarktes anzupassen. Nicht immer sind die sozialen Netzwerke freiwillig gewählt, erhöhte Mobilitätsanforderungen verkleinern häufig den Freundeskreis. Andererseits weiten besonders die gut ausgebildeten Jugendlichen ihre Netzwerke durch vielfältige Freundeskreise, gesellschaftliches Engagement und sportliche Aktivitäten aus. Die ältere Generation spielt im nahen Umfeld der Jugendlichen eine wichtige und überwiegend positive Rolle. [...] So positiv die persönlichen Kontakte zwischen den Generationen oft verlaufen, so problematisch ist das Aufeinanderprallen von Stereotypen. Von »der Jugend« – so sehen es die Jugendlichen – wird Respekt, Wohlverhalten und Fleiß eingeklagt. Ihrerseits vermissen die Jugendlichen den Respekt der Alten und vor allem die Toleranz. [...] Andererseits wird von vielen Jugendlichen die relativ gute finanzielle Versorgung der Rentner gesehen und zwar als etwas, das ihnen zusteht. Was das eigene Alter angeht, so rechnen die Jugendlichen mit im Vergleich zu heute drastisch reduzierten Rentenzahlungen. Staat und Politik wird wenig Lösungskompetenz in dieser Frage zugetraut. Viele haben sich in erstaunlichem Maß bereits mit der Frage der eigenen Rente befasst und gehen davon aus, dass sie selbst für ihr Alter vorsorgen müssen. [...] Viel also teilt sich mit von Sorgen um die Zukunft, von bescheidenen Wünschen, von Leistungsstreben, von Familiensinn und Verantwortung. Unbekümmertheit und Unbeschwertheit – nach Definition der Jugendlichen »eigentlich« Kennzeichen der Jugendphase – sind wenig zu spüren.“48 4.2.3

Zusammenfassung

Eltern sind häufig zerstritten und ratlos. Sie mögen ihre Kinde lieben, aber das reicht nicht für eine kindgerechte Erziehung. Die Kindheit geht verloren.49 Kinder spielen nicht mehr wie früher. Sie spielen immer seltener Rollenspiele wie z.B. „Vater Mutter Kind“, und dazu fehlen ihnen auch positive Rollenvorbilder. Die virtuellen Welten, in denen sie sich aufhalten, enthalten eine verarmte Wirklichkeit und sind ein schlechter Ersatz für klassische Kinderspiele. In der Schule lernen sie ebenfalls wenig von Sinnhaftigkeit im Leben. Was sie voneinander lernen, ist wenig geeignet, sie zu reifen Menschen zu machen. Trotz allen Hindernissen haben Jugendliche ein respektables Werte-System entwickelt, das man human und optimistisch nennen kann; viele engagieren sich ehrenamtlich. Doch was nützen Werte, wenn man weder die Weisheit besitzt, die Prinzipien zu kennen, die diese Werte hervorbringen, noch die psychische Gesundheit, um nach diesen Prinzipien 48

s. Shell-Jugendstudie /“Qualitative Ergebnisse“ Ich beziehe mich auf Postmans Buch „Das Verschwinden der Kindheit“, in dem gezeigt wird, wie unsere Kultur die Kindheit immer mehr aufgibt – Kindheit ist hier zu verstehen als das kulturelle Merkmal, das dadurch gekennzeichnet ist, dass die Erwachsenen gemeinsam dafür sorgen, die Kinder vor den Dingen, die sie geistig oder körperlich überfordern würden, so weit als möglich zu bewahren. 49

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zu leben? Immerhin dürften im Vergleich zu früher mehr Menschen in der Lage sein, sich selbst zu reflektieren und sich partnerschaftlich zu verhalten. Aber häufig können sie ihren eigenen Ansprüchen bzw. denjenigen ihres Partners nicht genügen. So sind trotz aller Liebe zur Familie die meisten zu neurotisch, um Beziehungen zu führen; das politische Denken rückt eher in den Hintergrund, weil unklar ist, wie darin die geschätzten Werte realisiert werden können. Wohlgemerkt: Die Verantwortung für die Probleme der Kinder tragen Erwachsene! Für Kinder und Jugendliche stellt sich das Leben heutzutage ambivalent dar: Einerseits werden die meisten verwöhnt – materiell sind sie i.d.R. bestens versorgt, und die meisten erhalten die emotionale Sicherheit, die sie brauchen, haben mehr Möglichkeiten und größere Freiheiten als jemals eine Generation zuvor. Aber was sind diese Freiheiten wert, wenn sie von den Eltern viel zu selten die Orientierung und die Grenzen gezeigt bekommen, die Voraussetzungen zum Erwachsenwerden sind? Indes sorgt die Globalisierung für gewisse Grenzen, denn mit Partywissen und PeerParolen kann im Erwerbsleben niemand weit kommen - und ebenso wenig in Partnerbeziehungen glücklich werden. Somit ist das Leben für Jugendliche, so „faul“ sie auch manchmal „herumhängen“ mögen, ein einziger Stress: Wie sollen sie alles leisten? Sie stehen im Spagat: einerseits die Ansprüche von Schule und Ausbildungsstätten; andererseits der Druck der Peer-group, cool zu sein, und jede Menge Alkohol und bunte Pillen zu schlucken (die ihnen manchmal sogar Erwachsene verabreichen). Wir Erwachsenen sollten sie davor bewahren, dass sie gesundheitliche Risiken bzw. die Anforderungen des Arbeitsmarktes zu spät erkennen, im System oder in ihrer eigenen Psyche durchfallen und schließlich resigniert oder hasserfüllt aussteigen. Angesichts der Tendenzen von Geburtenrate und Chancen-Ungleichheit im Bildungswesen wage ich eine polemische Prophezeiung: Ohne Gegenmaßnahmen werden wir in 30 Jahren eine polarisierte Gesellschaft von Deutschtürken haben mit einer geistig zurückgebliebenen Hauptschicht, die gerade soviel Bildung besitzt wie zum Computerspielen erforderlich ist, und einer Wissens-Elite, die versuchen mag, den Verfall von Wirtschaft, Menschenrechten und Kultur aufzuhalten (in dieser Rangfolge). Doch die Menschen sind ja nicht nur passiv der Technokratie ausgeliefert, sondern auch aktiv beteiligt, sie sind ebenso schöpferisch wie anpassungsfähig. So können wir darauf hoffen, dass die neuen Generationen auch eine neue Politik hervorbringen. Von wem wäre das sonst zu erwarten?

4.3 Verfall demokratischer Kultur 4.3.1

Niedergang der Parteien

Schaut man in die Grundsatzprogramme der großen Parteien, so kann man in Ehrfurcht versinken (oder einschlafen).50 Zu Recht, so scheint es, erhalten die Parteien den Segen des Grundgesetzes, das in ihnen die Organisationen zur demokratischen Willensbildung sieht.51 Doch wenn man sich die tatsächliche Politik anschaut, fragt man sich: Was haben Beschlüsse von Parlamenten und Regierungen mit den Grundsatzprogramme ihrer Parteien gemein? Selbst wenn eine Partei allein regiert, steht ihre reale Politik mitunter nicht nur im Gegensatz zum eigenen Parteiprogramm, sondern auch zur geltenden Verfassung (wie z.B.

50

Das scheint auch für die jüngsten Neufassungen zu gelten: vgl. Kommentar von Thomas Kröter „Ruhe sanft mit Ronald!“ In: FR vom 21.4.7 51 s. Art.21 GG:

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die Einführung der Studiengebühren in Hessen zeigt52). Eine jahrzehntelange Politik kurzsichtiger, lobbybeeinflusster Entscheidungen, begleitet von täglichen Vorwürfen, Schuldzuweisungen und Lügen hat sich eher die Verachtung als den Respekt des Volkes zugezogen und viele bis hin zum Wahlboykott verdrossen. Warum ist das so? Warum sind die Programme und Beschlüsse von Parteien meist schwammig und für die Politik praktisch bedeutungslos? Warum sind unsere Parteien so farblos geworden? Warum ist die Politik zum Spielball der Partial-Interessen degeneriert? Wie ist das alles zu erklären? 1. „Nichts gesagt ist genug gelobt“ ist eine verbreitete Haltung in unserer Kultur. Das will heißen: wenn etwas gesagt wird, dann ist es Kritik. Wer sich profilieren will, schafft das am einfachsten durch Opposition. Gegen etwas zu sein, es besser zu wissen, das verschafft einem Redner Geltung, aber wer sich einem anderen anschließt, der wirkt blass und schwach – egal wie gut er es begründen mag. Mutige, geniale Ideen werden bezweifelt, angegriffen, zerredet, negiert, und erst wenn sie zu Staub zerfallen sind, werden sie beschlussreif. 2. Eine Partei dient dem Karrieremachen. Partei-Funktionäre gehören, je weiter sie nach oben aufsteigen, mehr und mehr bestimmten Konzernen an als dass sie die Interessen ihrer Partei vertreten würden. Hinzu kommt der Millionen-EuroEinfluss der Spenden-Fürsten: Jeder Euro, den sie in eine Partei investieren, soll sich rentieren.53 „Dass Deutschland in der Korruptionsfalle sitzt, daran lassen Ermittlungen der Fahnder, die Recherchen von Reportern und auch die Feldforschungen von Soziologen keinen Zweifel“, fasst Leyendecker die Lage zusammen.54 Filz und Korruption können, wie das traurige Beispiel Berlin zeigt, ganze Städte ruinieren. 3. Parteimitglieder fordern selten Rechenschaft. Ihre Loyalität hindert sie an offenen, kritischen Worten gegenüber ihren Führern – solange diese an der Macht sind oder die Aussicht besteht, dass sie an die Macht kommen. Kein Fehltritt, kein Skandal kann diese Loyalität brechen, und seien die Beweise gegen einen Politiker noch so drückend – die Partei steht selbstverständlich hinter ihm; es sei denn, es bestünde die Gefahr, dass die Partei die Macht verliert. Das Ziel, die Regierungsmacht zu gewinnen bzw. zu erhalten, setzt Pogramme und mitunter sogar moralische Bedenken außer Kraft. Wer es dennoch wagt, seinen Parteiführer anzugreifen, wird kaum noch ernst genommen oder kalt gestellt. Im besten Fall mag eine Partei ein in sich stimmiges Programm haben, aber sobald ihre Funktionäre an die Macht kommen, beginnt das Spiel der „Realpolitik“: Verhandlungen mit Koalitionspartnern, Verbiegungen der Positionen, Entgegenkommen, Intrigen, 52

Im 1994 beschlossenen CDU-Grundsatzprogramm wird auf Seite 24 versprochen, dass die Hochschulen auszubauen seien. Seit Jahren kürzt die hessische CDU den Hochschulen die Mittel. „Grundlagen unserer Bildungspolitik sind das Prinzip der Chancengerechtigkeit und das humane Leistungsprinzip“, heißt es im CDU-Programm (S.22); und in der Verfassung des Landes Hessen steht: „In allen öffentlichen Grund-, Mittel-, höheren und Hochschulen ist der Unterricht unentgeltlich.“ (Artikel 59). Ungeachtet dieser Vorgaben setzt die CDU in Hessen eine Semestergebühr in Höhe von über 700 Euro durch. 53 Zwischen 2002 und 2006 „haben CDU und CSU rund 11 Millionen Euro, die FDP 2,3 Millionen und selbst die SPD noch fast 2 Millionen an Spendengeldern erhalten.“ Als Gegenleistung für diese Art von LobbyArbeit erhalten die Spender politische Zugeständnisse hinsichtlich der Vermögenssteuer, Körperschaftssteuer, Erbschaftsstern usw. (s. Klaus-Dieter Leetz: Der Tanz um das goldene Kalb. In: HLZ 12/2006.) 54 s. Leyendecker 2003, S. 11.

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Verhandlungen über die Besetzung politischer Ämter, Personalfragen drängen Sachfragen in den Hintergrund, nochmals Verhandlungen bis zur Vergabe der Ämter nach Parteibuch, Berücksichtigung von Lobby-Interessen, nochmals Verbiegungen und Kompromisse, bis die Macht gefestigt und von den ursprünglichen Beschlüssen praktisch nichts mehr übrig ist. Wie mächtig der Einfluss der Lobby ist, zeigt das Beispiel des Nichtraucherschutzes: Seit Jahrzehnten alarmieren uns die Erkenntnisse der Krebsforschung über das Passivrauchen; und obwohl die Politiker wissen, dass eine breite Mehrheit des Volkes ein konsequentes Rauchverbot für öffentliche Räume begrüßen würde, wiegeln sie ab, und wenn der öffentliche Druck zu groß und die Erfolge von Rauchverboten im Ausland unübersehbar werden, eiern sie herum, schmieden „Kompromisse“, weil viele Politiker ihre Vernunft von der Tabaklobby und ewigen Bedenkenträgern des Gaststätten-Verbands einäschern lassen. Wirtschaftliche Interessen stechen die Gesundheit aus. Eine ähnliche Farce zeichnet sich bei der Forderung nach dem Verbot von Killerspielen ab. Die FR berichtet: „Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) will Jugendliche besser schützen und Killerspiele auf Computern sowie Flatrate-Trinken von Jugendlichen in Gaststätten verbieten. [...] ’Wenn man über mehrere Stunden ständig in einer virtuellen Welt Gewalt ausübt, verringern sich die Hemmschwellen für die eigene Gewaltbereitschaft in der realen Welt’, sagte Beckstein. In der vergangenen Woche hatten sich Union und SPD nach einer ExpertenAnhörung einhellig gegen ein Verbot brutaler Computerspiele ausgesprochen. Für einen verstärkten Jugendschutz seien bessere Informationen für die Eltern und Fortbildungen für Pädagogen besser, hieß es.“55 Hier frage ich nach den Werten, die für unsere Gesellschaft gelten sollen. Auf der einen Seite steht der Wert von Menschenleben: Wenn ein Killerspiel auch nur den Ausschlag dafür gibt, dass ein Spieler zum Amokläufer wird, so müssen wir einen hohen Preis bezahlen – Unschuldige sterben, weil wir diese Spiele nicht verbieten wollen. Welchen Wert hat es auf der anderen Seite, dass diese Spiele legal bleiben? Hat es einen Wert für Bildung oder Kultur? Schenkt es uns Freiheit? Verhilft es Menschen zur Selbstverwirklichung, wenn sie Killer spielen? Wie hoch ist der Unterhaltungswert? Gibt es keine harmlosen Alternativen für diese Unterhaltung? Oder geht es um den Marktwert? Denn: Wenn wir die Killerspiele verbieten, müssten wir nicht konsequenterweise auch Gewaltfilme im Fernsehen verbieten? Würden dann nicht die Sender Einschaltquoten verlieren und damit ihre Einnahmequellen? - Letztendlich denke ich, geht es um dasselbe wie beim Nichtraucherschutz: Der ökonomische Wert steht gegen den Wert auf Leben und Gesundheit. Sich für den einen oder anderen Wert zu entscheiden, ist das große Problem für die meisten Politiker. Sie sind für jede Ausflucht dankbar. Im Falle der Spiele schieben sie alle Verantwortung auf Eltern und Lehrer ab – „bessere Informationen“ und „Fortbildungen“ sind hohle Formeln, die in der Praxis kaum einen Unterschied machen werden. Kann ich als Lehrer verhindern, dass ein Schüler zum Amokläufer wird? Letztendlich kann ich es nicht. Und als Vater kann ich zwar meinen Kindern verbieten, Killerspielen und Killerfilmen zu konsumieren, aber ich habe keine Macht, zu verhindern, dass andere Eltern ihren Kinder dasselbe erlauben, und wenn diese Killer-Kinder dann brutal und gewalttätig werden, dann können auch meine Kinder zu ihren Opfern zählen. 55

s. FR vom 2.5.2007.

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Dasselbe gilt für unsere mörderische Alkohol-Unkultur: Alkohol-Opfer schaden nicht nur sich selbst, sondern sie verursachen enorme Folgekosten durch medizinische Behandlungen (akute Vergiftungen sowie chronische Organschädigung) und Verkehrsunfälle mit Todesopfern. Kein Wirt, kein Produzent kommt dafür auf; unsere Krankenkassen müssen alles bezahlen56, obwohl diese Unfälle keine Zufälle sind und diese Krankheiten keine Schicksale. Wie es scheint, ist die CSU die einzige Partei, die ihre eigenen Werte noch ernst nimmt. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit einem CSU-Chef sympathisieren könnte. Für das Wahlvolk dienen die Parteien als Markenzeichen, um nicht lange nachgrübeln zu müssen, wen oder was sie wählen. Was findet einer, der volljährig wird, heraus, welche Partei er wählen will? Liest er sich alle Parteiprogramme durch, besucht er Parteiveranstaltungen und befragt er Politiker? Es wäre schön. Nein, es ist der „Stallgeruch“ einer Partei und ihres Dunstkreises, der den einen anzieht, den anderen abstößt. Sicherlich kein Vorgang der rationalen Auseinandersetzung. Die Vorstellungen, die mit bestimmten Parteien verbunden werden, sind gewöhnlich sehr oberflächlich, z.B. die CDU wird als gut für die Wirtschaft angesehen, die SPD für den Sozialstaat, die GRÜNEN für teures Benzin usw. Dazu kommt der Einfluss durch die Wahlwerbung: Parolen, Versprechungen, die selten etwas mit der anschließenden Politik zu tun haben. Denn faktisch unterscheiden sich die im Bundestag vertretenen Parteien nur graduell, denn sie alle (ausgenommen noch Die Linke) betreiben eine neoliberale Politik (dazu unten mehr). Ist also unser Parteien-System der Demokratie förderlich? Parteien sind die Basis einer parlamentarischen Demokratie. Parteien bringen die unterschiedlichen Interessen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zum Ausdruck. Zudem tragen sie unsere Demokratie ganz praktisch: Aus den Reihen ihrer Mitglieder stammen nicht nur Politiker, sondern auch die ehrenamtlichen HelferInnen für Wahlkämpfe und auch zur Durchführung der Wahlen. 4.3.2

Polit-Frust der BürgerInnen

Parteien sind immer weniger in der Lage, junge Menschen anzuziehen, die sich politisch engagieren wollen: Die Mitgliederzahl der CDU schrumpfte von 750.000 (1991) auf unter 560.000 im letzten Jahr; die SPD verlor noch mehr: von 920.000 (1991) GenossInnen blieben Ende 2006 ebenfalls nur ca. 560.000 übrig; um mehr als 40% schwanden die Mitglieder der FDP; und seit der Stoiber-Krise schmilzt auch die CSU; die einzige Partei, die in diesem Zeitraum hinzugewann, sind die GRÜNEN.57 Die Süddeutsche Zeitung vom 4.11.6 meldet: „Umfragen decken es auf: Die Deutschen sind unzufrieden, das Volk verlässt die Volksparteien, und immer mehr halten Engagement ohnehin für sinnlos. [...] Seit Monaten aber addieren sich diese Einzelfälle, die von Forsa, Infratest oder der Forschungsgruppe Wahlen erarbeitet werden, zu einem Gesamtbild, zu Trends. In Prozentpunkten, farbigen Balken und Torten-Graphiken lässt sich ablesen, was viele fühlen: 56

Auch nach der Gesundheitsreform, d.h. nach dem 1.4.2007, ist das so. §52 des SGB5 lautet: „Haben sich Versicherte eine Krankheit vorsätzlich oder bei einem von ihnen begangenen Verbrechen oder vorsätzlichen Vergehen zugezogen, kann die Krankenkasse sie an den Kosten der Leistungen in angemessener Höhe beteiligen“. Sich betrinken und Unfälle verursachen ist nicht vorsätzlich, sondern grob fahrlässig, und deshalb kann keine Krankenkasse die Verantwortlichen in Regress nehmen (mündl. Auskunft der AOK im Juli 2007). 57 vgl. Süddeutsche Zeitung vom 16.10.2006 und 22.3.07 sowie www.bundestag.de.

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Zum einen erodieren Ansehen, Glaubwürdigkeit und empfundene Kompetenz der einstigen Volksparteien CDU und SPD weiter. Im Deutschland-Trend der ARD liegen Union und SPD diese Woche gleichauf bei 31 Prozent. Seit der Wahl vor einem Jahr kommen beide Parteien jeweils nicht mehr über 35 Prozent Zustimmung hinaus. Damit müssen sie sich eigentlich vom Status der Volkspartei verabschieden: Wer nur noch ein Drittel der Wähler anspricht, hat den Zugang zum Volk verloren. Wenn ein Politiker angesichts solcher Zahlen behauptet, Umfragen interessierten ihn nicht, lügt er sich entweder die Welt schön oder er ist zu dumm für seinen Beruf. [...] Andererseits nimmt eine, noch überwiegend gelassene Gleichgültigkeit gegenüber dem politischen System zu. Auch das lässt sich demoskopisch erfassen. Der ARD-Deutschland-Trend von dieser Woche hat ergeben, dass die Hälfte der Befragten mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden sind.“58

Am 3.11.6 meldet die SZ: „Ein ungerechtes Land Auch das Empfinden, dass es in der Gesellschaft eher ungerecht zugeht, ist der Umfrage zufolge seit dem Sommer kontinuierlich gestiegen. Nur noch 27 Prozent der Bundesbürger (minus acht Prozentpunkte im Vergleich zum September 2006) bezeichnen die Situation im Land als gerecht, 66 Prozent hingegen als ungerecht (plus vier Prozentpunkte).“

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2004 resümiert, dass frustrierte BürgerInnen bei Wahlen Protestverhalten zeigen bzw. sich zunehmend abseits der Parteien engagieren: „Zum Negativ-Image der Parteien und der politischen Entscheider kommt mangelndes Vertrauen in ihre Kompetenzen. Allerdings zweifelt das Gros des Bundesbürger auch an den Fähigkeiten der Führungskräfte in der Wirtschaft oder den Gewerkschaften[...]“59 „Großes Potenzial liegt der Studie zufolge bei den Bürgerinnen und Bürgern, die sich in einem Verein oder Verband ehrenamtlich engagieren oder außerhalb der klassischen Vereinsstrukturen freiwillig aktiv sind. Dies sind zurzeit 35 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung. Diese Gruppe zeigt nicht nur mehr Einsatz bei unkonventionellen politischen Beteiligungsformen als Nicht-Aktive, sondern ist auch bei Wahlen stärker präsent. Soziales Engagement, wenn auch zunächst unpolitisch, bildet also einen förderlichen Kontext für politisches Engagement.“60 36 Prozent identifizieren eine „schwere Krise“ unserer Gesellschaft, während nur 3% „im Großen und Ganzen alles für in Ordnung“ halten, befürchten 11%, dass „wir uns auf eine Katastrophe zu bewegen“.61 Trotzdem halten 77% der Deutschen die Demokratie für die beste Staatsform, nur 14% glauben, dass es eine bessere Alternative gäbe.

Und die Jugend? Was halten die Jugendlichen von unserem System? Ich zitiere aus der Shell-Jugend-Studie 2006: „Erhöhtes Vertrauen genießen solche staatlichen Institutionen, die als parteiunabhängig angesehen werden, wie die Justiz und Polizei. Das geringste Vertrauen wird dagegen den politischen Parteien entgegengebracht. Als vertrauenswürdig werden außerdem Menschenrechts- oder Umweltschutzgruppen 58

s. Süddeutsche Zeitung vom 4.11.6 s. Bertelsmann Stiftung (Hg.): Politische Partizipation in Deutschland. Gütersloh 2004. S. 12 60 http://www.fgw-online.de/Studien/Archiv/Politische_Partizipation/ 61 ebd. S. 13. 59

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eingeschätzt. Weiterhin nur mäßig ist das Vertrauen in die Bundesregierung und in die Kirchen. Bürgerinitiativen und auch die Gewerkschaften genießen nur ein durchschnittliches Vertrauen, wenn auch etwas höher ausgeprägt als für die Regierung. Trotz dieser durchaus distanzierten Haltung von größeren Teilen der Jugendlichen zur Politik und zu den gesellschaftlichen Verhältnissen ist bei der überwältigenden Mehrheit ein klarer Konsens mit den Normen unseres demokratischen Systems feststellbar. Die grundlegenden »Spielregeln« der Demokratie (z. B. Meinungsfreiheit/freie Meinungsäußerung, Regierung und Opposition, Kompromissfähigkeit, freie Wahlen) sind von den Jugendlichen in Ost und West anerkannt und unumstritten. Diese für eine demokratische Gesellschaft existenzielle »Internalisierung« ihrer Prinzipien paart sich allerdings mit einer ebenfalls von der breiten Mehrheit vertretenen Politik- bzw. Parteienverdrossenheit. Es ist weniger das Gemeinwohl, sondern eher der persönliche Machterhalt, der aus der Sicht der Jugendlichen das Agieren von Parteien und von Politikern bestimmt. Hinzu kommt das Empfinden einer mangelnden Effektivität. So steht der von einem Teil der Jugendlichen ebenfalls reklamierte Wunsch, dass »eine starke Hand mal wieder Ordnung in unseren Staat bringen müsste« weniger für autoritäre Gesellschaftsbilder, sondern eher für die Forderung nach Geradlinigkeit und Konsequenz in der Politik.“62 Es ist also keineswegs so, dass die Menschen grundsätzlich das Interesse an der Politik verlieren würden; aber die Unzufriedenheit mit den bestehenden Parteien und den Führern von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften ist groß. Auch der jüngste wirtschaftliche Aufschwung ändert daran nichts – der Gewinn des Wirtschaftswachstums kommt ja auch nicht beim Volk an. Da erstaunt es nicht, dass über 40% der BürgerInnen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren der Aussage zustimmen: „Die Gründung einer völlig neuen Partei zur besseren Vertretung halte ich für notwendig.“

Von den älteren BürgerInnen schließen sich immerhin noch 35%-20% diesem Wunsch an.63 Ich interpretiere diese Zustimmung nicht als Ausdruck extremistischer linksradikaler oder rechtsradikaler Ansichten (rechtsradikale Parteien existieren ja schon, linksradikale sind bedeutungslos), sondern als die Sehnsucht nach einer Partei, die Ehrlichkeit und Gerechtigkeit verkörpert. Fazit: Wenn sich unsere Demokratie erhalten soll, müssen wir unsere Parteien weiter entwickeln. 4.3.3

Medien-Einfluss

Mit vollen Börsen gönnt sich der Großteil der Bevölkerung immer neue Flachbildschirme, Handys und Computer. Bloß keine Bücher! – Wir gelten als „Informationsgesellschaft“, was aber nicht viel mehr bedeutet, als dass jeder jederzeit wissen kann, wie viele Tore gefallen sind. Das Fernsehen dient der Unterhaltung; wer glaubt, es trage zur Bildung und Kultur bei, erliegt der Täuschung dieser flachen Unwirklichkeit. Gerade das ist gefährlich: wenn das Fernsehen sich ernsthafter Themen annimmt – so schreibt Postman 1988: „Wahlkämpfe beispielsweise werden heute weitgehend in Form von Werbespots im Fernsehen ausgetragen. Die Kandidaten verzichten auf Präzision, Komplexität, 62 63

s. Shell-Studie / „Gesellschaft“ ebd.S. 86.

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Inhalt – in manchen Fällen auf Sprache überhaupt – und halten sich stattdessen an die Künste des Showbusiness: Musik, Bild, Prominenz, Theater.“64 Wenn auch der Sinn im Fernsehen allzu sehr verflacht, so bleibt noch das Internet. Ist dort nicht alles zu finden? Ist es nicht tröstlich, wenn die Kinder im Internet recherchieren? Keineswegs. Wessen Konsumgewohnheiten vom Fernsehen geprägt sind, der wird im Internet nach der gleichen Methode vorgehen. „Das Resultat ist, dass Texte im Web trivial werden. Weil der ‚Leser’ nur für ganz kurze Zeit bereit ist hinzuschauen, legt das Web Wert auf prächtige Graphiken und bunte Farben. Text dient nur zur zusätzlichen Erklärung der Graphiken und ist so knapp gehalten wie eine Bildunterschrift – ganz wie im Comic-Heft. Autoren, die für das Web arbeiten, werden zu Graphik-Designern und Verfassern von Bildunterschriften.“65 „Das so viel gerühmte Internet steht exemplarisch und herausragend dafür, wie eine grenzenlose Öffnung informationstechnischer Kanäle anspruchsvoller Informationen zu einer Flut von inhaltslosem Wortlärm führt, den Zugang zu einer Halde öffnet, auf der jeder, auch anonym, seinen Mist abladen kann. Im Fluss der Informationen geht für den Normalverbraucher die Wahrnehmungstiefe verloren und Überschriften-Wissen tritt an die Stelle profunder Ausleuchtung. [...] Im BitBombardement bleibt der Gesamtsinn auf der Strecke. [...] Statt Information entsteht Desinformation und ein Informationsbruch: Ständig wechselndes Unterschiedliches stellt das Beständige und Gesicherte in Frage. [...] Orientierungslosigkeit als ‚Orientierung’ erlangt so Eigenwert.“66 Diese Einschätzungen sind gewiss einseitig. Ich möchte ergänzen, dass ich selbst das Internet als hervorragende Quelle aller möglichen seriösen Seiten nutze. Es ist eine grandiose Erleichterung und beschert uns mit bequem zugänglichen Informationen. Man muss sie nur suchen und auch lesen. Hinzu kommt die BLOG-Kultur, die das Lesen und Schreiben neu entfacht hat. Insofern zeigen sich im Internet einmal mehr die verschiedenen Seiten der Gesellschaft. Es ist also Unsinn, das Internet als Medium zu verteufeln. Doch hat es auch nicht die Wirkung, insgesamt mehr Informationen zu verbreiten, denn früher haben Bildungsbürger eben länger in ihren Zeitungen und Zeitschriften gelesen, heute verteilen sie diese Zeit auf mehrere Medien. Mit oder ohne Internet: Es bleibt beim Übergewicht der Nicht-Informationen, d.h. Desinformationen und Unterhaltung. Insofern gelten weiterhin die Warnungen vor den Auswirkungen. Ich referiere also weiter Postman: Demokratische Kultur kann auf zwei Arten untergehen: 1. Orwells Roman 1984 hat gezeigt, wie die Menschen durch Gewalt und Schmerz kontrolliert werden; die Kultur wird zum Gefängnis. Doch hatten BürgerrechtlerInnen die Gefahren erkannt und gegen die detaillierten Fragen bei der letzten großen Volkszählung haben wir uns gewehrt; unsere Demokratie ging gestärkt aus dieser Auseinandersetzung hervor: Das Bundesverfassungsgericht hat 1983 das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ für verbindlich erklärt. Der Große Bruder kann uns –bis auf weiteres- keine Schmerzen zufügen. 2. In Huxleys „Brave New World“ werden die Menschen „dadurch kontrolliert, dass man ihnen Vergnügen zufügt.“ Die Kultur werde „zum Varieté. So haben es die Amerikaner gemacht.“67 So machen wir es ihnen nach. 64

Neil Postman: Die Verweigerung der Hörigkeit. Frankfurt 1988. S. 193f. s. Clifford Stoll: „Log Out“. Frankfurt 2001. S.71. 66 s. Claus Eurich: Mythos Multimedia. München 1998. S.171f. 67 Postman 1988. S. 198. 65

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Die Weimarer Republik unterschätzte den Nazismus; sie ging auf die erste Weise unter. Die heutige Bundesrepublik unterschätzt die Bildschirm-Medien: Nicht nur, dass Gegenwartsdeutsche immer länger vor den Bildschirmen hängen; selbst wenn sie (physikalisch) unter Menschen sind, kommunizieren sie tendenziell weniger direkt miteinander, sondern zunehmend über das omnipräsente Handy; sogar auf Volksfesten besteht der Trend, dass zwischenmenschliche Kommunikation brutal unterbunden wird: Animateure labern mit ihren Stummelsätzen und Tierlauten über dröhnende Lautsprecheranlagen ganze Veranstaltungen zugrunde, so dass eine gepflegte Unterhaltung unmöglich wird; und wer beschwert sich, dass der großtönende Unsinn den gesunden Menschenverstand vergewaltigt? Der Schwachsinn wird sogar im Radio gesendet. Und das Fernsehen versorgt die vereinzelten, sprachlos gewordenen Menschen mit Ersatz für nicht gelebte Partnerschaften und Freundschaften: Soap-Operas und Telenovelas vermitteln das Gefühl, zu der Familie auf dem Bildschirm zu gehören; diese Fiktion ist auch viel praktischer, weil dabei mit keinen realen Problemen konfrontiert wird. Mittels Chat-Communities und online-Spielen ist es ähnlich: Man gehört (virtuell) dazu, bleibt aber von Verpflichtungen verschont.68 Postman fasst zusammen: „In Huxleys Prophezeiung sieht nicht der Große Bruder uns zu, sondern wir sehen ihm zu, und zwar freiwillig [oder wir lassen alle anderen uns zuschauen]. Wenn sich eine Kultur in Trivialitäten zerstreut; wenn das politische und gesellschaftliche Leben in eine permanente Unterhaltungssendung verwandelt wird; wenn öffentliche Rede zu einer Art von Baby-Gestammel verkommt; kurzum, wenn sich ein Volk in ein Publikum von Zuschauern verwandelt und seine öffentlichen Angelegenheiten in eine Varieté-Nummer, dann, so behauptet Huxley, ist ein solches Land aufs höchste gefährdet und das Absterben der Kultur zeichnet sich als Möglichkeit deutlich ab. Ich stimme ihm zu.“69 Ich dagegen habe noch einige Hoffnung – solange wir uns der Gefahren bewusst sind, ist nichts verloren. Deshalb schreibe ich.

4.4 Desinformation „Desinformation findet statt: grob in Form der Lüge, feiner gesponnen in der Form der Manipulation. Politiker lügen; Politiker und Pressechefs manipulieren.“70 Wolf Schneider Unsere Zeitungen reichen nicht aus, um die Bevölkerung über Risiken und Gefahren aufzuklären. Das zeigt sich z.B. am Versagen aller Medien in Bezug auf die Risiken des Fernsehens, die der Bevölkerung noch immer nicht ausreichend bekannt gemacht worden sind: „Es gibt mehrere Erklärungsmöglichkeiten für diese verantwortungslose Berichterstattung. Die einfachste besteht vielleicht darin, dass Print-Medien ein 68

vgl. Schirrmacher, S.95ff. Postman 1988. S. 199. 70 s. Wolf Schneider: Deutsch für Profis. Wege zum guten Stil. München 1999. S. 16. 69

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deutliches Interesse daran haben, den starken Zusammenhang zwischen dem Konsum von Mediengewalt einerseits und realer Aggression andererseits zu leugnen. Schließlich kann eine solche Leugnung auf mindestens drei Wegen zu vermehrten Profiten der Zeitungen und Zeitschriften führen: Erstens sind viele Print-Medien-Firmen Teil größerer Medien-Konzerne, die ihrerseits direkt vom Verkauf von Gewalt in Film und Fernsehen profitieren. Zweitens erhalten viele Zeitungen und Zeitschriften ihre Werbe-Einnahmen von Firmen, die ihrerseits Gewaltmedien produzieren und verkaufen. Bekanntermaßen machen praktisch alle Zeitungen Werbung für Filme. Drittens könnten die Print-Medien fürchten, dass sie ihre Leser vergraulen, wenn sie über Tatsachen berichten, welche die Leser nicht mögen.“71 Zum anderen werden viele wichtige Themen bei der Berichterstattung ignoriert: Wer sich einen Eindruck davon verschaffen will, was uns nicht gemeldet wurde, aber durchaus relevant ist, informiere sich bei der „Initiative Nachrichtenaufklärung“ unter www.nachrichtenaufklaerung.de Andererseits sind die Massenmedien überfüllt mit irrelevanten Informationen. Postman warnt davor, angesichts der Informationsflut den Sinn zu vergessen: „Wer sagt, dass wir in einem beispiellosen Zeitalter der Information leben, sagt damit nur, dass wir mehr Aussagen über die Welt haben als je zuvor. Unter anderem ist damit aber auch gesagt, dass wir mehr irrige Aussagen haben als je zuvor. Hat schon einmal jemand die Frage erörtert, wie wir zwischen dem Wahren und dem Falschen unterscheiden können? Gibt es neben den Schulen die sich eigentlich um diese Frage kümmern sollten, irgendwelche sonstigen Institutionen oder Medien, die sich mit dem Problem der Fehlinformation befassen?“72

4.5 Technokratie Die industrielle Revolution hat vor dem Menschen nicht Halt gemacht. Menschen wurden in Fabriken gezwungen und hatten als Arbeiter den Maschinen zu dienen. Trotz aller sozialen Fortschritte, die das Los der Arbeiter heutzutage erträglich machen (jedenfalls in Europa), haben die Räder der Technokratie die Fabriken längst verlassen und sich in Lebensbereiche hineingefräst, in denen sie nichts zu suchen haben: z.B. in Schulen, Krankenhäuser, Altenheime. Ungeachtet einer breiten Kritik tun die Technokraten so, als könnten Ärzte ihre Patienten reparieren wie Maschinen bzw. Lehrer ihre Schüler mit Wissen abfüllen wie Computerspeicher. Diese Weltbild, diese instrumentelle Vernunft, hat weitreichende Auswirkungen nicht nur auf die Technik, sondern auch auf die Wissenschaft, die globale Umwelt, die Gesundheit und die Kultur allgemein. 4.5.1

Taylorisierung im Alltag

In der Fabrik wird jeder Arbeitsschritt, jeder Handgriff gezählt, die Zeit gemessen, die Fehlerquote berücksichtigt, so dass man die Leistung des Fließband-Arbeiters objektiv berechnen kann. So wird die Arbeit rationalisiert und der Arbeiter auf Akkord gesetzt, um die Produktivität bzw. den Gewinn zu erhöhen. So fragwürdig der Taylorismus bereits in der Fabrik sein mag – eindeutig töricht und falsch ist es, seine reduktionistische 71

s. Brad Bushman und Craig Anderson (2001) von der Iowa State University, übersetzt und zitiert von Spitzer 2005, S. 278. 72 s. Neil Postman: Die zweite Aufklärung. Berlin 1999. S. 117.

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Schablonen auf die Dienste am Menschen anzuwenden. Ist der Mensch ein Werkstück? Beim Frisör ließe sich darüber noch streiten. Aber wer möchte in Akkordarbeit operiert werden? Hier möchte ich nun exemplarisch betrachten, wie sich die tayloristische Haltung in der Bildungspolitik auswirkt. Wie sollte eine tayloristische Schule beschaffen sein? Wer effizient arbeitet, muss sich überflüssiges Geschwätz sparen. Zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, ist ineffizient, denn Beziehungen sind irrelevant. Effiziente Arbeit konzentriert sich auf das Notwendige, nämlich auf das, was einen messbaren Unterschied herstellt. So ist der Computer das beste Lernmittel: Objektiv, unbestechlich, präzise geht das Lernprogramm individuell auf den Lernenden ein, ist immer verfügbar und vergisst nichts. Man müsste es nur mit Robotern ergänzen, die für die Bestrafung sorgen, wenn der Schüler zu wenig leistet – dann hätten wir die ideale Lehranstalt! Unerbittlich stülpen Pseudo-Reformer die Begriffe der Renditeschinder über Kinder und Kranke: Management, Effizienz, Modularisierung, Controlling, Inspektion. Unter dem Diktat des Sparens wurden die Schulen und Krankenhäuser schon vor Jahren auf den tayloristischen Weg gebracht. Das Fiebermessen muss, mittels neuer Technik, in Sekundenschnelle erfolgen, und der eingebaute Chip speichert, wann und wie oft eine Krankenpflegerin es macht; jeder Arbeitsvorgang, der nicht vorgeschrieben ist, jedes Gespräch würde sie aufhalten, wäre unverantwortlich, weil andere Patienten warten. In den Schulen soll das gleiche Prinzip eingeführt werden: das Messen heißt dort Evaluieren, Lernende werden durch die Methoden-Trichter gejagt, die Leistung von Schülern und Lehrern berechnet. Die Schüler-Köpfe, die mit dem Lern-Programm überfordert sind oder sich gar widersetzen, stören den Betrieb. Sie müssen entfernt werden. Jugendliche und Studierende sollen keine Berufe mehr lernen, sondern Module. Warum, weil Module leichter und billiger anzubieten sind. So kann der Staat sich nach und nach aus Bildung und Ausbildung zurückziehen, und private Anbieter können dann an die Bildungs-Module auf einem Bildungs-Markt an Nachfrager verkaufen, z.B. an Schüler, Umschüler, Akademiker, Arbeitslose. Dazu passt der technokratische Terminus Humankapital: Für Kapital zu sorgen ist Privatsache, nicht etwa Aufgabe des Staates. So wird das Recht auf Bildung geschickt aufgehoben, indem es keine Bildung mehr gibt, sondern nur noch Module als Ware und Kapital, um sie zu erwerben: Wollen Sie Ihr Qualifikations-Portfolio noch um ein attraktives Extra-Feature ergänzen? Dann wählen Sie unser Modul Menschenführung! Kunden, die in dieses Modul investiert haben, haben einen durchschnittlichen Gehaltszuwachs um 109 Euro pro Monat erzielt, daraus ergibt sich bei den Modul-Aneignungskosten von 1500 Euro eine Amortisation nach nicht einmal 1 ¼ Jahren... Gunter Quaißer von der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik erläutert die Strategie des marodierenden Kapitals: Auf weltweiter Suche nach lukrativen Renditeprojekten werden alle öffentlichen Bereiche anvisiert, die noch nicht privatisiert worden sind – so auch der Bildungsbereich. Im privatisierten Weiterbildungsbereich ist es schon soweit, dass freiberuflich arbeitende DozentInnen von ihrem Einkommen kaum noch ihren Lebensunterhalt bestreiten können – was eine gute Voraussetzung für Gewinne ist. Die Hochschulen haben in einem taktisch wichtigen Schritt damit angefangen, Gebühren zu erheben. Quaißer entlarvt das Ausbeutungs-Ziel der privaten Investoren: „Ihr Ziel ist es, Bildungsmärkte zu schaffen. Denn: Nur wo es Gebühren gibt, macht es für die Privatwirtschaft überhaupt einen Sinn, ein (Bildungs-)Angebot zu

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schaffen. Nur wo es Gebühren gibt, können die privaten Anbieter Gewinne erwirtschaften. Bildung wird zur Ware – aber nur dort, wo sich die Wirtschaft Gewinnmöglichkeiten verspricht. Am weitesten fortgeschritten ist die Privatisierung im [...] Weiterbildungsbereich – deshalb ist es wichtig, deren Vorreiterrolle als warnendes Beispiel für andere Bildungsbereiche im Auge zu behalten. Dies zeigt sich auch an einer [...] Forderung [Dieter Lenzens, eines Protagonisten der Wirtschaftsverbände, ...] nach der Einführung befristeter Lehrlizenzen für Lehrerinnen und Lehrer mit dem Hinweis, dass Mitarbeiter in den Hochschulen und der Weiterbildung bereits befristet beschäftigt seien“. 73 Wer befristet beschäftigt ist, ist leicht erpressbar – diese Ausbeutungstaktik, die in Hochschule und Weiterbildung praktiziert wird, soll nun auf die Schulen übertragen werden, denn die Schulen sind ein Privatisierungs-Ziel der Investoren. Schon jetzt werden u.a.74 auch Schul-Gebäude nach und nach privatisiert: In der sogenannten „Public-PrivatePartnership“ (PPP) werden auf dem Rücken von Beschäftigten und SteuerzahlerInnen attraktive Renditeobjekte geschaffen.75 Aber damit nicht genug. Die Werkzeuge des Taylorismus werden in den Unterricht hinein getragen: LehrerInnen werden gezwungen, schon in den Grundschulen immer mehr Leistungstests durchzuführen, Förderpläne und Berichte zu schreiben, Tabellen für die Schulstatistik auszufüllen, und sie haben immer weniger Zeit für die Kinder; zudem gelten Computer als Allheilmittel. Computer und Datenerfassung sollen helfen, einerseits den Lehrstoff zu vermitteln (Rationalisierung) und andererseits Lehrer und Schüler gläsern zu machen (Kontrolle). Selbstverständlich habe ich nichts gegen Technik; Computer in Berufsschulen, medizinische Apparate und technische Hilfsmittel aller Art sind Fortschritte, die wohl keiner missen will. 73

s. Gunter Quaißer: Bildungsmarkt. Die Wirtschaft verfolgt eindeutige Interessen. In: Erziehung und Wissenschaft. Heft 5/2007. S.12. 74 „Im Jahre 2005 veräußerten allein die deutschen Städte und Gemeinden Vermögen von 5,7 Milliarden Euro. Von der Wasserversorgung, der Straßenreinigung, den Gartenbaubetrieben, über Kliniken, Müllabfuhr, Messehallen und Busverkehr bis hin zu Wohnungen und Schulen – überall hier beteiligen sich private Investoren. Es scheint, als flüchte sich der Staat vor sich und seinen Schulden ins Private. Diese Flucht ins Private heißt aber nicht weniger, als einem [...] Ziel deutscher Kommunalpolitik zu brechen: der Daseinsvorsorge.“ (s. S.A.Jansen, B.P.Priddat: Theorien der Öffentlichen Güter: Rekonstruktionen sozialer Konstruktionen – Politik- und wirtschaftwissenschaftliche Korrekturvorschläge. In: A.Jansen, B.Priddat, N.Stehr: Die Zukunft des Öffentlichen. Multidisziplinäre Perspektiven für eine Öffnung der Diskussion über das Öffentliche. Wiesbaden 2007, S.11.) 75 Spart die öffentliche Hand durch PPP Geld? Zum Beispiel hat die Stadt Frankfurt ein Bildungszentrum neu bauen lassen – und zwar in Form eines PPP-Projekts. War der Weg über PPP billiger, als wenn die Stadt das Zentrum selbst gebaut hätte? „Das Revisionsamt der Stadt Frankfurt kam im Frühjahr 2006 zu einem gegenteiligen Schluss: Die ‚Alternative Eigenbau’ hätte gegenüber PPP einen wirtschaftlichen Vorteil [für die Stadt] von rund 4,3 Millionen Euro erbracht (Revisionsbericht Nr.3/2005 vom 12.1.2006). Mittlerweile mehren sich die Stimmen der Kritiker. So warnt Prof. Mühlenkamps von der Verwaltungshochschule in Speyer, ‚dass Verträge zwischen der der öffentlichen Hand und Privaten tendenziell zuungunsten der öffentlichen Hand ausfallen’. Der Fachbereich Gemeinden von Ver.di kritisiert die langfristige Bindung kommunaler Haushaltsmittel und damit die tendenzielle Verringerung der kommunalen Gestaltungsspielräume, den Druck der PPP-Unternehmen auf kleinere Betriebe mit der Folge von Tarifflucht, Lohndumping, Nichteinhaltung von Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen, Qualitätsminderungen oder aber die Risiken für die bisherigen Mitarbeiter im öffentlichen Dienst.“ (s. GEWINSIDER-Informationen der Fachgruppe berufliche Schulen Hessen, Heft 1/2007, S. 11). Die amtliche Schelte half leider nichts: Der Magistrat will nun vier weitere Schulen in PPP errichten lassen. Die FR berichtet: „Dagegen hat neben SPD und Linke.WASG auch die BFF-Fraktion im Frankfurter Römer das PPP-Projekt scharf kritisiert. In einer Erklärung ist die Rede von einem ‚Schurkenstück von kaum zu überbietender Mittelstandsfeindlichkeit’. Die Firma Hochtief arbeite mit ‚ausländischen Subunternehmern und Billigstarbeitern’, so die Wählergemeinschaft. Die BFF-Fraktion werde das Handwerk über die ‚Praktiken der Römer-Koalition’ aufklären.“ (FR vom 21.5.2007)

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Doch Lernen und Heilen sind nicht-lineare Prozesse. Sie sind nicht kalkulierbar. Ärzte, Lehrer und Pfleger können helfen, sie können einem Menschen beistehen, ihn führen und anleiten. Aber es gibt, trotz aller Kunst, keine Garantie auf Erfolg. Es ist nicht genau messbar, ob und welcher Erfolg erzielt wurde. Schüler gehen nicht in die Schule, weil sie etwas lernen wollen; sie bringen Ängste, Aggressionen, Probleme und alle möglichen Syndrome mit. Ein Lehrer muss, bevor er etwas lehren kann, eine Beziehung aufbauen und Vertrauen gewinnen. Beziehung und Vertrauen entstehen erst, wenn man sich dafür Zeit nimmt. Stress und Hektik sind hier absolut kontraproduktiv. Das gilt für alle dem Menschen dienenden Berufe. In den USA, wo die Computer-Euphorie extrem war, setzt die Ernüchterung ein: Die „Laptop-Klassen“ werden wieder abgeschafft, weil die Computer das Lernen behindern.76 Derweil brüsten sich deutsche Politiker damit, Laptop-Klassen einzurichten – gleichzeitig aber verweigern sie den Schulen das erforderliche Personal, um den Gerätepark zu pflegen, so dass die Lehrer das übernehmen müssen und noch weniger Zeit für die SchülerInnen haben. So breiten sich massive Qualitätseinbußen und Chaos aus. Und wenn die Misserfolge des Bildungssystems irgendwann überhand nehmen – werden die Bildungspolitiker dann die konsequente Privatisierung fordern, um die von ihnen selbst verursachten Probleme zu „lösen“? - Zumindest die Gymnasien kommen hierfür in Betracht, denn dort sollen Eltern so liquide sein, dass sie das Schulgeld als Investition in das „Humankapital“ ihrer Kinder aufbringen können – will man deshalb keine Kinder armer Leute in dieser Schulform? Wie dem auch sei, es bleibt festzuhalten: Die Instrumente des Controlling machen aus dem Pädagogen einen Leistungsschinder - sie sind Folterinstrumente. Das ist nicht nur kontraproduktiv, sondern inhuman. Es bringt psychische Krankheiten und soziale Kälte hervor. 4.5.2

Geschichtlicher Hintergrund

Wie konnte es zu solchen Verirrungen der Werte kommen? Dafür müssen wir den Rationalismus betrachten. Die moderne Wissenschaft untersucht den Teil der Realität, der ihr zugänglich ist. Dafür benutzt sie einen kleinen Ausschnitt des menschlichen Geistes: die instrumentelle Vernunft. Diese instrumentelle Vernunft seziert und unterwirft die Wirklichkeit ihren Zielen von technischem Fortschritt, Machbarkeit, Effizienz und Gewinn. Das ist nicht verkehrt, solange man nicht glaubt, dass das alles sei. Doch leider verbreitet sich mit der instrumentellen Vernunft ein neuer, unseliger Glaube, der nichts anderes mehr gelten lässt als das Äußere, das „objektiv“ Messbare: „Damit ist man aber einer Täuschung erlegen, die Whitehead die Täuschung des einfachen Ortes nannte und die in der Meinung besteht, dass etwas nicht ‚wirklich wirklich’ ist, wenn man ihm im physischen Raum keinen einfachen Ort zuweisen kann. [...] Zellen haben einen Ort, also existieren sie. Das Gehirn hat einen Ort, also existiert es. Die Biosphäre hat einen Ort, also existiert sie. 76

Die „New York Times“ hat Beispiele von US-Schulen zusammengetragen, die die Laptops aus den Klassenräumen entfernen. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass die Schüler, die mit Hilfe von Laptops beschult werden, bei Tests nicht besser abschneiden: die Schüler verwenden die Computer vor allem für schulfremde Zwecke – die Schüler schicken sich gegenseitig Botschaften zu, die weder mit dem Lehrstoff noch mit Rechtschreibung etwas zu tun haben; sie hacken, spielen und laden aus dem Internet Pornobilder herunter usw.); die Lehrer sind damit überfordert. Zudem verschlangen die Reparaturen der Geräte mehr Geld als die Ausbildung der Lehrer, wie sie Laptops im Unterricht einsetzen sollen. (s. Giessener Anzeiger vom 10.5.7)

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Dem Bewusstsein, Werten, Sinn und Ethik kann man aber nicht in derselben Weise einen einfachen Ort zuweisen. Man kann nicht mit dem Finger darauf zeigen. Man kann sie nicht sehen und sie nirgendwo im großen Gewebe der sinnlichen Natur ausfindig machen. Sie werden zu rumorenden und verspotteten Gespenstern in der Maschine, zu anthropomorphen Illusionen im organischen System. Es sind nichts als Vorlieben und subjektive Phantasien. Das Innere in einer entqualifizierten Welt zählt nicht mehr, einer Welt, auf die man mit dem Finger zeigen kann. Das Problem ist nur, dass eine Welt, auf die man mit dem Finger zeigen kann, eine sinnlose Welt ist. [...] Wenn man also entschlossen ist, nur die sinnlichen Oberflächen gelten zu lassen, dann striegelt man damit unweigerlich allen Wert und alles Bewusstsein, allen Sinn und alle Tiefe aus dem Kósmos heraus.“ 77 Das Menschenbild der heutigen Wissenschaft ist geprägt von dieser reduzierenden Sicht. Prof. Joseph Weizenbaum, renommierter Kritiker der Computerwissenschaft, zitiert, wie führende Entwickler von Künstlicher Intelligenz den Geist des Menschen betrachten: „The brain is merely a meat machine“ Weizenbaum macht darauf aufmerksam, dass es im Englischen zwei Wörter für Fleisch gibt: flesh= Fleisch eines lebendigen Organismus; meat = totes Fleisch, mit dem man alles machen darf. Das Gehirn sei also für diese Computerwissenschaftler nichts weiter als ein Mechanismus aus Neuronen Elektronen usw., der über kurz oder lang von Computern übertroffen werde.78 „Wollen Sie das Bewusstsein? Dann reden Sie nicht mit mir, schneiden Sie einfach in das Gehirn und sehen Sie! Der monologische Blick. Es galt [seit Newton] die Vorstellung, dass das Gehirn Teil der Natur sei, und nur die Natur allein sei wirklich, weshalb man das Bewusstsein durch empirische Forschung des Gehirns finden kann – dies ist die furchtbare Reduktion auf monologische Oberflächen. [...] das Gehirn ist Teil der Natur, aber der Geist ist nicht Teil des Gehirns. Der Geist oder das Bewusstsein ist die innere Dimension, dessen äußeres Korrelat das objektive Gehirn ist. Der Geist ist ein Ich, das Gehirn ist ein Es. So kann man, wie wir schon erörtert haben, das Gehirn wie alles andere in der empirischen Natur mittels des monologischen Blicks, durch empirisch-analytische Untersuchung erkennen, den Geist aber nur durch Introspektion, Kommunikation und Interpretation. Ein Gehirn kann man betrachten, aber mit einem Geist muss man sprechen“.79 4.5.3

Psychologischer Hintergrund

Der moralische Orientierungsverlust hängt zusammen mit einer (nicht nur) unter Naturwissenschaftlern und Technokraten geläufigen nihilistischen Weltanschauung, die man so umschreiben könnte: „Wir sind allein in einer fremden Welt, wir sind nichts als sinnlose, durch zufällige Mutationen entstandene Produkte von Atomen und chemischen Reaktionen. Wir und alles, was wir tun, kommen aus dem Nichts und gehen ins Nichts.“80 77

s. Ken Wilber: Eine kurze Geschichte des Kosmos. S. 341f. Vortrag von Joseph Weizenbaum am 26.4.2007 in Marburg. 79 s. Ken Wilber: Eine kurze Geschichte des Kosmos. S. 340. 80 Diese Umschreibung stammt von Bertrand Russell, der selber in kritischer Distanz dazu steht; zitiert bei: Jakob von Uexküll: Menschliche Entwicklung statt wirtschaftlicher Verwahrlosung. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein [Hg.]: Projekte der Hoffnung. Der Alternative Nobelpreis: Ausblicke auf eine andere 78

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Wenn man alles vergänglich und sinnlos ansieht, scheint es billig, zu versuchen, die meiste Beute zu machen bzw. den größten Vorteil für sich selbst herauszuholen. Indes handelt es sich um ein eher von Männern geglaubtes Weltbild. Viele Männer haben anscheinend den Kontakt mit der (eigenen) Natur bzw. höheren Werten verloren. Und die Macht der Männer, die sie seit Jahrhunderten tradieren, korrumpiert und unterdrückt nicht nur Frauen und Mädchen; auch kleine Jungen werden verbogen und auf fatale Weise sozialisiert: Ein unglückseliges Missverständnis von Männlichkeit verursacht die allgemeine Persönlichkeitsstörung des Durchschnittsmanns: „Ein Mann weint nicht“, „Ein Mann muss hart und stark sein“, und als stark gilt es, keine Gefühle zu zeigen. Kein Wunder, dass solche Männer den Computer für den besseren Menschen halten: emotionslos, berechenbar und fehlerlos scheint er die perfekte Männlichkeit zu verkörpern - genauso, wie das Militär es braucht. So gilt der Kriegsdienst traditionell als die große Chance dafür, dass „aus dem Jungen ein Mann wird“. Der Junge hat die Wahl, zu verhärten oder zum „Weichei“ zu werden – also in jedem Falle emotional zugrunde zu gehen. Diese Form von „Männlichkeit“ ist einseitig, ja pervers; die verdrängten Emotionen rächen sich an der sozialen und natürlichen Umwelt. Kriminalität, skrupellose Ausbeutung, mörderische Technologien, eine über alle Maßen ressourcenfressende Rüstungsindustrie, Terrorismus und Kriege sind die extremen Folgen. Der Sozialpsychologe Horst-Eberhard Richter stellt die These auf, dass Frauen sich emanzipierten, während Männer es überwiegend versäumten, sich aus den Fesseln ihrer Pseudo-Männlichkeit zu befreien: „Bereits vor einem halben Jahrhundert hatte der Psychologe C.G.Jung prophezeit: ‚So wird sich der Mann gezwungen sehen, ein Stück Weiblichkeit zu entwickeln, d.h. psychologisch und erotisch sehend zu werden, um nicht hoffnungslos und knabenhaft bewundernd der vorausgehenden Frau nachlaufen zu müssen, auf die Gefahr hin, von ihr in die Tasche gesteckt zu werden.’ Aber die Männer haben Jungs Warnung missachtet. Sie sind hinter den verselbständigten Frauen zurück und in der Illusion stecken geblieben, mit ihren wissenschaftlich-technischen Eroberungen ihre heimlichen Entmännlichungsängste beschwichtigen zu können. Was immer ihr Bemächtigungswille ihnen durch neue Erfindungen an phallisch narzisstischen Triumphen einbrachte, ihre Verunsicherung durch das Aufwärtsstreben der Frauen konnte es nicht wettmachen. Immer noch verwechseln sie ihre technischen Prothesen, mit denen sie sich aufrüsten, mit eigener Stärke und vertrauen auf das Anwachsen der Künstlichen Intelligenz, ohne in der Verantwortungsreife für deren Gebrauch entsprechend mitzuwachsen.“81 Viele Männer wissen nicht, wie sie Frauen anders imponieren können als mit Geld und Macht. Und es gibt immer noch zu viele Frauen, die darauf hereinfallen. 4.5.4

Risiken unbeherrschter Forschungen

Angesichts der apokalyptischen Folgen der Atombombenabwürfe auf Japan schrieb Bertolt Brecht (am Schluss seines Stückes „Leben des Galilei“): „Wenn Wissenschaftler, eingeschüchtert durch selbstsüchtige Machthaber, sich damit begnügen, Wissen um des Wissens willen aufzuhäufen, kann die Wissenschaft zum Krüppel gemacht werden, und eure neuen Maschinen mögen nur neue Drangsale bedeuten. Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschritt von der Globalisierung. München 2006. S.36. 81 s. Horst-Eberhard Richter: Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft. Gießen, 2006, S.9f.

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Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet wird.“ Im Jahre 2003 warnte wieder ein führender Astronom - diesmal nicht fiktiv, sondern real: Sir Martin Rees„vor mehreren weiteren Forschungsansätzen, die katastrophale Folgen für das Leben haben könnten, unter anderem die Konstruktion kleiner Nanobots, die sich wie Viren selbst vervielfältigen, außer Kontrolle geraten und die Erdoberfläche in einen ‚grauen Schleim’ verwandeln können. Rees ist besorgt, dass ähnliche Gefahren in der Genetik und der Computertechnologie lauern – vor allem, da High-Tech-Wissen sich rasant verbreitet, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass irgendjemand aus Zufall oder Absicht irreversiblen Schaden anrichtet. Er kommt zu dem Schluss, dass solchen gewaltigen wissenschaftlich-technischen Vorgängen derartige Risiken innewohnen, dass eine globale Diskussion über die Grenzen der Wissenschaft Not tut.“82 Seit Aldous Huxley 1932 seinen hellsichtigen Roman „Brave New World“ geschrieben hat, sind die gesellschaftlichen Gefahren der Reproduktions-Technologie bekannt, doch werden sie nicht ernst genug genommen. Inzwischen ist diese Forschung weit voran geschritten: Wissenschaft und Ökonomie schaffen unbemerkt von der Öffentlichkeit Tatsachen, und wenn deutsche Gesetze hinderlich sind oder die Kirchen moralisieren, gelten sie als rückschrittlich und wirtschaftsfeindlich. Wohin kann uns das führen? Ich verweise auf Huxley! Die Forschung untersteht weltweit nicht politischer, sondern wirtschaftlicher Kontrolle. In allen neuen Technologien, die großen Profit versprechen, investieren transnationale Konzerne Milliardensummen. Die Gentechnologie ist dafür ein aktuelles Beispiel. Das System der Ausbeutung ist umfassend. Konzerne melden Patente auch auf Gene an, die in freier Natur zu finden sind, und zwingen sogar Bauern, die ihre traditionelle Saat benutzen wollen, zu horrenden Lizenzzahlungen. Was die Zeitungen über Gentechnik und Klonen melden, ist meist ohne Zusammenhang. Kaum einer versteht, was es bedeutet; allenfalls nebeln uns großspurige Versprechungen der Gentechniker ein: Tomaten, die monatelang frisch bleiben, die Heilung von Krebs, die Ausmerzung behinderter Kinder... Studien, die auf physiologische und ökologische Gefahren hinweisen, werden von Konzernen unter Verschluss gehalten; kürzlich berichtete GREENPEACE, dass Monsanto über die aufgrund einer eigenen Studie über Gen-Mais behauptet hat, dass dieses Produkt unbedenklich sei. Doch die zugrunde liegenden Daten wurden von Monsanto erst nach einem Gerichtsbeschluss herausgegeben und von einer unabhängigen Forschungsgruppe neu ausgewertet; das korrekte Ergebnis entlarvt Monsantos Unbedenklichkeits-Erklärung als Lüge: „Ratten wiesen nach dem Verzehr der Körner des US-Konzerns Monsanto verschiedene Schädigungen auf.“ Der Gen-Mais, der in Deutschland auf dem Feld steht und als Lebensmittel zugelassen ist, verursacht Krankheiten.83 Damit nicht genug. Das nächste profitträchtige Gebiet sind die Nanotechnologien. Forschung ohne Sicherung: Nanotechnologien Abseits der kritischen Öffentlichkeit wird auf dem vielfältigen Gebiet der Nanotechnologien mehr als Grundlagenforschung betrieben: Sie soll die 82 83

ebd., S.340. s. GREENPEACE-NACHRICHTEN, Heft 2/07, S. 5.

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Naturwissenschaften neu strukturieren, und manche ihrer Produkte werden bereits jetzt unbemerkt konsumiert. „Die politische Planung ist soweit, dass die europäischen Universitäten daran arbeiten, ihre naturwissenschaftliche Forschung im Bereich der Biologie, der Physik und der Chemie vollkommen auf die Nanotechnologie auszurichten. Die EU in Brüssel treibt diese Entwicklung massiv voran. Die Investitionen im Westen steigen deshalb auch im Westen in einem unglaublichen Tempo. [...] Vor kurzen legte die Industrie eine Schätzung von zehn Milliarden allein für 2005 [vor]. Das ist mehr Geld als man ausgab, um den Flug zum Mond möglich zu machen und mehr als für das Manhattan-Projekt zum Bau der ersten Atombombe. [...] [Die G8-Wissenschaftsminister entwickelten 2004] eine gemeinsame Strategie zur Präsentation der Nanotechnologie gegenüber der Öffentlichkeit, die sehr allgemein als ‚Wissenschaft und Technik der Zukunft’ umschrieben wird. [...] Die Strategie verfährt nach dem altbekannten Muster: Der Öffentlichkeit soll weisgemacht werden, dass die Nanotechnologie in der Lage sei, die meisten Probleme der Zukunft zu lösen. Einer der Hauptaugenmerke wird darauf liegen, eine Wissenschaftspolitik zu präsentieren, die angeblich die Nöte der Entwicklungsländer lindern soll.“84 Wozu sollen uns diese Nanotechnologien dienen? Ich zitiere weiter die warnende Stimme von Pat Mooney, einem Träger des Alternativen Nobelpreises: „Zwei Drittel der enormen Investitionen in diese Technologien fließen in die Manipulation lebender Organismen. Da geht es nicht um die Beschichtung von Bratpfannen oder effektivere Produktionsmethoden, sondern ganz konkret um die Erschaffung neuer Lebensformen. [...] Sie sind soweit, dass sie in die DNA, die in der Natur aus [...] vier Basen [...] besteht, eine fünfte und unlängst eine sechste eingebaut haben. [...] Das kann zu einer Explosion der Lebensformen führen. Und das ist keine Zukunftsmusik, sondern in den Laboren schon geschehen. In den kalifornischen Universitäten und Forschungsunternehmen ist man heute soweit, lebende Maschinen – also Mischwesen aus lebendem und leblosem Material – zu erschaffen, die sich selbst vervielfältigen können.“85 Hier tun sich völlig neue schöpferische Möglichkeiten auf, die unsere Ethik vor große Herausforderungen stellen. Abgesehen von ethischen Vorbehalten bestehen Risiken für Mensch und Umwelt nicht nur in der unkontrollierten Verbreitung künstlicher Lebensformen. Auch ohne Techno-DNA-Hybride lauern erstaunliche Gefahren in den Nanoteilchen: „Nehmen wir zum Beispiel Aluminiumoxid, mit dem Dentisten die Löcher in den Zähnen füllen. Das ist in dieser Größenordnung eine bestens erforschte und absolut sichere chemische Substanz. Aber wenn man mit Aluminiumsoxid im Nanobereich arbeitet, verändert es seine Eigenschaften dramatisch. Unterhalb von 20 Nanometern wird es hochexplosiv.“86 Kreide87 (Calciumcarbonat) sei auf der Nanoebene hundertmal härter als Stahl, und sechsmal leichter. „Die große Gefahr dabei ist: Nanopartikel sind zwischen 5 und 100 Nanometer groß. Alles, was kleiner als 70 Nanometer misst, kann vom menschlichen 84

Gespräch mit Pat Mooney: Denn sie wissen nicht, was sie tun. Die Nanotechnologie als Herausforderung für die globale Zivilgesellschaft. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein [Hg.]: Projekte der Hoffnung. Der Alternative Nobelpreis: Ausblicke auf eine andere Globalisierung. München 2006. S.111f. 85 ebd., S.109. 86 ebd., S.107. 87 Nicht zu verwechseln mit heutiger Tafelkreide, die meist aus Gips (Calciumsulfat) besteht.

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Immunsystem nicht mehr wahrgenommen werden und völlig unentdeckt durch die Körperorgane wandern. Sind die Partikel 20 Nanometer oder kleiner, können sie jeden Punkt des Körpers erreichen – sie [...] schlüpfen durch die Blut-HirnSchranke ebenso wie durch die Wände der Plazenta und können in jede Zelle eindringen. Und bei zahlreichen Produkten wird mit Partikeln dieser Größenordnung gearbeitet – man beschichtet damit Süßigkeiten, mischt es Salben bei oder versprüht es als Pflanzenschutz oder künstlichen Dünger auf unseren Feldern – ohne dass es irgendwelche Regeln dafür gibt.“88 Warum finden wir die Gefahren der Nanoteilchen nicht in den einschlägigen Sicherheitsrichtlinien und MAK-Werten verzeichnet? Warum gibt es keine beschränkenden Gesetze und Verordnungen? „Tatsache ist [...], dass es auf dem gesamten Planeten überhaupt keine Richtlinien gibt, die sich mit den Gesundheits- und Umweltrisiken der Nanotechnologie beschäftigen. Das ist [...] keine böse Absicht oder Verschwörung, sondern es liegt schlicht und einfach an der enormen Geschwindigkeit der Forschungen auf diesem Gebiet, dass die Gesetzgeber weit abgeschlagen sind.“89 Immerhin gibt es Einschätzungen hochrangiger Experten und politische Beratungen: „Interessanterweise war die konservative [britische] Royal Society über die Entwicklung der Nanotechnologie ziemlich beunruhigt. Die Mitglieder waren entsetzt über den Reduktionismus, über die Risiken und über die Uniformiertheit der Zivilgesellschaft. Daher war ihr Rat an die Regierung: Seid vorsichtig! Das wird durchaus auch in Brüssel und Washington ähnlich beurteilt. Aber alle kamen [...] zum Schluss mit dem gleichen Argument: ‚Wissen Sie, dass es mehr Nanowissenschaftler in Peking gibt als in ganz Westeuropa zusammen, und sie arbeiten mit einem Zwanzigstel der Kosten der Kosten eines Wissenschaftlers hier. Daher müssen wir, ob wir wollen oder nicht, am Ball bleiben.’“90 Das ist die Logik des Sachzwangs, die uns bereits die Atombombe eingebracht hat. Diesmal ist es kein Nazi-Staat, sondern China, vor dem wir uns fürchten sollen. Diese drei K.s des Mannes sind es, die uns umbringen: Nicht mehr ein vermeintlicher Kommunismus (auch nicht in China), sondern Konkurrenz, Kapitalismus und Krieg. Es geht also darum, zuallererst die militärische Überlegenheit zu sichern. Mit Hilfe der Nanotechnologie, beispielsweise durch die Entwicklung von Nanobots. Allerdings wird offiziell der zivile Nutzen gepriesen - die Versprechungen sind groß: die Heilung von Krebs und die Vorbeugung gegen Herzinfarkt. Dumm nur, dass militärische Anwendungen oder einfach Unfälle realistisch sind: Spionage und massenhafte Vernichtung von Lebewesen. Die unsichtbaren Nanobots dringen als „intelligenter Staub“ über die Atemwege in den Körper ein und zerstören die Zellen von innen. Egal, ob eine Technologie zum Segen oder Fluch der Menschheit wird – je höhere Gewinne sie verspricht, desto kapitalkräftiger wird sie vorangetrieben. Und für die Nanobots erwartet man einen weltweiten Umsatz von bis zu 800 Milliarden Euro pro Jahr.91 In Anbetracht von Profiterwartungen in dieser Größenordnung dürfte es unmöglich sein, die Entwicklung zu stoppen.

88

Gespräch mit Pat Mooney, S.107. ebd., S.105. 90 ebd.,. S.105. 91 vgl. P.M. – Fragen und Antworten. Heft 5/2007. S.52. 89

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4.5.5

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Gegenbewegung

Jakob von Uexküll geißelt den „eindimensionalen Fortschrittsglauben, der behauptet, wissenschaftlich untermauert zu sein“, und argumentiert, dass „diese wissenschaftliche Untermauerung [...] sehr selektiv“ sei: „Das Wissen derjenigen beispielsweise, die jetzt meinen, sie wüssten genug, um die Baupläne des Lebens zu manipulieren, ist erschreckend begrenzt.“ Amory und Hunter Lovins, Preisträger des Alternativen Nobelpreises, heißen das einen „’industriellen Primitivismus’, der eine reduktionistische Denkweise auf lebende Systeme anwendet, die so nicht funktionieren. Die Lovins haben als Pioniere des Energiesparens sehr oft mit der Industrie zusammengearbeitet unter der Prämisse, dass auch zum Thema Genmanipulation ein vernünftiger Dialog mit Monsanto und den anderen Agro-Konzernen möglich sei. Sie verabschiedeten sich nach einer Weile entsetzt von diesem Dialog mit der Feststellung, das seien keine Wissenschaftler, sondern Ideologen, die sehr wenig wissen und verstehen, aber mit diesem kleinen Wissen einen unermesslichen Schaden anrichten können.“92 Von den Konzernen dürfen wir so schnell also keine Einsicht bzw. Kooperation erwarten. Öffentlicher Druck tut Not. Dazu gibt es bereits Netzwerke. Ähnlich wie die „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW)“ haben führende Naturwissenschaftler ein Netzwerk zur ethischen Einflussnahme gebildet: „Mitte des 20. Jahrhunderts formierten sich weltweit prominente Oppositionsbewegungen, um den nuklearen Rüstungswettlauf und die sich verschärfenden Konfrontationen zwischen Osten und Westen aufzuhalten. Am 9. Juli 1955 veröffentlichten Bertrand Russell und Albert Einstein das ‚RussellEinstein-Manifest’. Es forderte ultimativ ein neues Denken, das gewährleistet, künftig Kriege als Mittel der Politik und Instrument der Konfliktlösung rigoros zu verbannen.“93 Der Schock über die massenhaften Opfer der US-Atombombenabwürfe hatte viele Wissenschaftler wachgerüttelt. Die Ursache der menschlichen Tragödie sahen sie tiefer in einem Denken moderner Naturwissenschaftler und ihrer Zeitgenossen verwurzelt, das jedes Mitgefühl der Herzlosigkeit der Technokratie opfert - bis zum vollständigen Zusammenbruch der Ethik. Dazu Max Born, Physik-Nobelpreisträger und Freund Einsteins: „Sollte die Menschenrasse nicht durch einen Krieg mit Kernwaffen ausgelöscht werden, dann wird sie zu einer Herde von stumpfen, törichten Kreaturen degenerieren unter der Tyrannei von Diktatoren, die sie mit Hilfe von Maschinen und elektronischen Computern beherrschen.“94 Im Jahre 1962 drohte sich die erste Option dieser düsteren Vision zu erfüllen (für die zweite können wir uns noch immer anfällig): Es kam fast zum Atomkrieg zwischen den USA und der UdSSR; General Butler, Kommandeur der US-Atomstreitkräfte, bekannte später, „dass wohl himmlische Gnade nachgeholfen habe, einen ‚nuklearen Holocaust’ im letzten Augenblick zu verhüten“. Aber auch dieser deutliche Abgrund hat die Mächtigen 92

Jakob von Uexküll: Menschliche Entwicklung statt wirtschaftlicher Verwahrlosung. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein [Hg.]: Projekte der Hoffnung. Der Alternative Nobelpreis: Ausblicke auf eine andere Globalisierung. München 2006. S.34. 93 s. www.vdw-ev.de/manifest 94 s. Max Born: Erinnerungen und Gedanken eines Physikers. In: M.u.H.Born: Erlebnisse und Einsichten im Atomzeitalter. Der Luxus des Gewissens. München 1969. Zitiert in: H.-E. Richter: Krise der Männlichkeit. Gießen 2006, S. 29.

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nicht zur Vernunft gebracht. Zwar entwickelte sich eine sehr breite weltweite Friedensbewegung, die millionenfache Proteste in den „Ostermärschen“ auf die Straßen brachte, aber alles Volk blieb machtlos gegen das nukleare Wettrüsten. Dann weckte der Zusammenbruch des Ostblocks die Hoffnung auf endgültigen Frieden, doch heute wird eine nukleare Abrüstung nicht mehr verfolgt, die Arsenale des Overkills werden sogar wieder modernisiert. Robert McNamara, Ex-Kriegsminister der USA (Vietnam-Krieg), „mahnt ebenso verzweifelt wie vergeblich: ‚Diese US-Nuklearpolitik ist unmoralisch, illegal, militärisch sinnlos und gefährlich.“95 Indes geben die Kritiker nicht auf: „Anlässlich des Einstein-Jahres 2005 verfassten Hans-Peter Dürr, J. Daniel Dahm und Rudolf zur Lippe das Potsdamer Manifest 2005 „We have to learn to think in a new way“ [...] . Ihre Inhalte wurden vom 24. bis zum 27. Juni 2005 in Potsdam im Rahmen eines international begleiteten Symposions fachübergreifend diskutiert und beraten.[...] Denkschrift und Manifest knüpfen an eine zentrale, aber nicht weiter ausgeführte Forderung des Russell-Einstein-Manifest an: „Wir müssen lernen, auf neue Weise zu denken.“ Sie hinterfragen die tieferen Ursachen der vielfältigen Krisensymptome und zeigen radikale und tiefgreifende Neuorientierungen für die zukünftige Entwicklung der Menschheit und für unser Denken auf. Ein Brückenschlag zwischen Quantenphysik, Ökologie und Philosophie zeigt Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Wandel als genuin in unserer lebendigen Welt, als unverzichtbar für unsere gemeinsame Evolution. Kreativität, Differenziertheit wie Verbundenheit sind ureigenste Charakteristika des Lebendigen. Die Zukunft ist offen.[...] Das Potsdamer Manifest 2005 wurde bisher von über 130 renommierten WissenschaftlerInnen und Persönlichkeiten aus aller Welt unterzeichnet“.96 Ich zitiere aus diesem Manifest: „Inzwischen wurde unverkennbar, dass die militärische Machtstrategie mit ihrer vorläufigen Kulmination in Massenvernichtungswaffen nur eine von viel breiter greifenden und tiefer angelegten Machtstrategien ist. Wir erleben eine Eskalation von struktureller Gewalt mit politischen und vor allem wirtschaftlichen Komponenten. Geopolitische, soziokulturell wie ökonomische Machtstrategie, die unbegrenzte Expansion globalisierter Marktwirtschaft und ihre Produktivitätszwänge bedrohen und zerstören die räumliche und stoffliche Begrenztheit der Erde. Die vielfältigen Krisen, mit denen wir heute konfrontiert sind und die uns zu überfordern drohen, sind Ausdruck einer geistigen Krise im Verhältnis von uns Menschen zu unserer lebendigen Welt. [...] Sie hängen eng mit unserem weltweit favorisierten materialistisch-mechanistischen Weltbild und seiner Vorgeschichte zusammen. [...] Die Einsichten der modernen Physik legen eine Weltdeutung nahe, die grundsätzlich aus dem materialistisch-mechanistischen Weltbild herausführt. [...] Die im Grunde offene, kreative, immaterielle Allverbundenheit der Wirklichkeit, erlaubt die belebte und unbelebte Welt als nur verschiedene [...] Artikulationen eines ‚prä-lebendigen’ Kósmos aufzufassen.[...] Es ist dringlichst an der Zeit, neues Denken in neuem Handeln umzusetzen [...]. Hierfür ist die Parallelität neuer institutioneller, individueller und gesellschaftlicher Entwicklungen notwendig. In den gegenwärtigen Strategien für das 95 96

s. H.-E.Richter: Krise der Männlichkeit. S. 10. s. www.vdw-ev.de/manifest. Hervorheb. von mir.

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wirtschaftliche, politisch-kulturelle und ökologische Zusammenwirken der Menschen dominieren immer noch zentralisierte Machtstrukturen, die wir ablösen sollten und könnten.“97

4.6 Unbeherrschte Ökonomie Die Wirtschaft floriert. Deutschland erzielt seit Jahrzehnten satte HandelsbilanzÜberschüsse („Export-Weltmeister“ seit 2003!), der Dax entwickelt sich vorbildlich, das Wirtschaftswachstum hält sich nach dem Rekord von 2,7% in 2006 auch 2007 auf einem hohen Niveau. Das ist eine Leistung, auf die wir stolz sein können. Allerdings hält die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik „die Interpretation dieses Konjunkturaufschwungs als Erfolg deutscher Wirtschaftspolitik für ein fatales Missverständnis.“98 Der Aufschwung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Wirtschaft insgesamt nicht zum Wohle der Menschheit entwickelt: „Bis heute steht der Mensch in den Unternehmen, trotz vielfältiger politischer Sonntagsreden, nicht im Mittelpunkt, sondern er ist nach wie vor nur Mittel (Instrument) zur Gewinnmaximierung im Interesse einer kleinen gesellschaftlichen Schicht.“ 99 „Auf den Märkten sind die Strukturen weitgehend vermachtet und in den Unternehmen gibt es immer weniger Mitbestimmung der abhängig Beschäftigten. Autokratische und paternalistische Führungsstile sind auf der einzelwirtschaftlichen Ebene an der Tagesordnung. [...] Gleichzeitig ist der Markt- und Wettbewerbsgedanke geradezu zu einem ‚Wahn’ mit ‚Realitätsverlust’ (John Kenneth Galbraith) degeneriert. Alles soll dem Wettbewerbsprinzip ausgesetzt werden, selbst die bisher (noch) uneingeschränkt anerkannten öffentlichen Güter wie Bildung und Gesundheit. Privatisierungsorgien öffentlicher Unternehmen und staatlicher Leistungen der Daseinsvorsorge mit Strom, Gas, Wasser, Post, Telekommunikation u. a. ergänzen die neoliberale Strategie der Umverteilung.“ 100

Auch in Deutschland findet seit Jahren eine massive Umverteilung statt: „Betrachtet man die vergangene Verteilungsentwicklung, so haben sich die Unternehmer und Vermögenseigentümer auf Kosten der abhängig Beschäftigten massiv bereichert. Die Lohnquote sinkt seit Jahrzehnten und ist in den letzten Jahren geradezu abgestürzt. Um allein die effektive Verteilung des Volkseinkommens zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen des Jahres 2000 wieder herzustellen, wäre 2007 eine Steigerung der Beschäftigten-Einkommen von fast 13 Prozent nötig.“101 97

s. Potsdamer Manifest, dokumentiert unter www.vdw-ev.de s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Momorandum 2007. Der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik gehören Wissenschaftler aus Universitäten, Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen und Gewerkschaften an. Ihr jährliches Memorandum ist ein Gegenentwurf zu den von den jeweiligen Bundesregierungen bemühten Jahresgutachten der "Fünf Weisen". Internet: www.memo.uni-bremen.de 99 Heinz-J. Bontrup: Der tödliche Stachel der Konkurrenz. In: FR vom 11.8.2007 100 s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Momorandum 2007. Dokumentiert in: FR vom 27.4.7 101 s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Momorandum 2007. Dokumentiert in: FR vom 27.4.7. Etwas detaillierter: „Ab 2001 zeigt sich hier insgesamt ein Anstieg des Volkseinkommens um 202 Milliarden 98

Euro. Um diese Summe ist Deutschland also insgesamt reicher geworden. Von diesem Reichtum entfallen auf Unternehmens- und Vermögenseinkommen gut 171 Milliarden - dies entspricht einer Quote von fast 85 Prozent. Auf die Arbeitnehmerentgelte der gut 34 Millionen abhängig Beschäftigten kommen aber lediglich nur knapp 31 Milliarden Euro, oder 15 Prozent des Volkseinkommens. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik sind im Jahr 2005 die Arbeitnehmerentgelte sogar nominal um 5,6 Milliarden Euro gesunken, was bedeutet, dass die

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Angesichts dieser Entwicklung fragt es sich, wie sozial unsere „Soziale Marktwirtschaft“ noch ist? Soziale Verankerung von Unternehmern Sponsoren findet man überall. Die Unterstützung kultureller Veranstaltungen, aber auch sozialer Projekte durch Unternehmer ist vorbildlich. Eine wachsende Zahl vor allem mittelständischer Unternehmen durchbricht das Prinzip der ausschließlichen Gewinnmaximierung und übernimmt Verantwortung für die Gesellschaft – freiwillig und nicht nur zu PR-Zwecken: „CSR (Corporate Social Responsibility) [...]benennt die Handlungsorientierung eines Unternehmens, gilt als Strategie der Nachhaltigkeit und ist im Regelfall auf der Entscheidungsebene angesiedelt. CC (Corporate Citizenship) bezeichnet die Handlungspraxis eines Unternehmens, das sich als ‚Bürger’ in der Gesellschaft versteht. Klassische CC-Formen sind Geldspenden, die Verdoppelung von Spenden, die Mitarbeiter gesammelt haben (Matching Funds) und die Freistellung von Beschäftigten, die sich für die Gesellschaft engagieren wollen.“102 „Leistung soll sich lohnen“ ist unser gesellschaftlicher Konsens. Die Vorstellung von Leistung wird dabei auf die konkrete Arbeit des Einzelnen bezogen. Allein das Führen einer Firma ist ein großer Gewinn für unsere Gemeinschaft. So wird ein hohes Verdienst des Unternehmers als gerecht akzeptiert, und wenn er mit seinem Mercedes vorfährt, ist er der König. Doch dieses Bild ist brüchig. Versuche, die Wirtschaft zu mehr Ausbildungsplätzen oder zum Bau weniger umweltfeindlicher Autos zu bewegen, ohne sie mit Gesetzen zu zwingen, schlugen fehl. Ökonomische Widersprüche Und wenn die Leistung nicht belohnt wird? Die Wirtschaft unterliegt dem Gesetz des Stärkeren. Kleine Firmen, Existenzgründer gar, kämpfen mit der Bürokratie, arbeiten übermäßig, warten vergeblich auf die Bezahlung ihrer Leistungen oder werden betrogen. Auch die Finanzämter tragen durch Unflexibilität und Verständnislosigkeit zu manchen Bankrotten bei. Nur große Firmen haben die Ressourcen, sich Rechtsanwälte zu leisten, die cleverer sind als die Fachabteilungen in den Finanzministerien - zum Aufspüren von Steuerschlupflöchern wie zur Führung von Prozessen-, Lobbyisten in die Politik zu schicken oder die Konkurrenz mit Dumpingpreisen auszubooten. Wie viele talentierte Unternehmer werden von der Zahlungsunzuverlässigkeit ihrer Kunden in den Ruin getrieben? Wie viele Ideen verschwinden in der Versenkung, weil die Konzerne glauben, ohne diese Ideen mehr Geld verdienen zu können? Unschätzbare Ressourcen gehen uns verloren. Nicht zu vergessen sind die Milliarden-Schäden, die durch grob fahrlässige Fehler von Spitzenmanagern entstehen. Unternehmens- und Vermögenseinkommen stärker zugenommen haben als das gesamte Volkseinkommen. Noch dramatischer wird die Umverteilung, wenn man seit der Wiedervereinigung die Netto-Lohnquote betrachtet, die das Arbeitnehmerentgelt in Prozent des verfügbaren Einkommens aller privaten Haushalte nach staatlicher Umverteilung durch Sozial- und Transfereinkommen zeigt. Durch die staatliche Intervention sollte eigentlich die primäre Marktverteilung zu Gunsten der Arbeitnehmerentgelte berichtigt werden, weil diese nie eine gerechte Verteilung nach sich zieht. Markteinkommen sind nicht nur Leistungs-, sondern immer auch machtabgeleitete Einkommen.“ (s. Heinz-J. Bontrup: Mehr Umverteilung geht nicht. In: FR vom 15.8.2006.) 102

s. Jürgen Schultheis: Bosse machen sich fürs Gemeinwohl stark. In: FR vom 10.5.2007, S.25.

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Bekanntlich gibt es Konzerne, die trotz immenser Gewinne kaum Steuern zahlen. Reichtümer gehen uns verloren durch „Fehler“ in der Buchführung u.ä. - die „Mogelrate“ ist Jahr für Jahr „ein zweistelliger Milliardenbereich“.103 Dazu kommen Steuern in Höhe von 5,4 Milliarden Euro im Jahre 2006, die nicht eingetrieben wurden – wegen Personalmangels.104 Wir brauchen uns nicht zu wundern, dass die Linke Partei Stimmen fängt: Ihre Vorwürfe skrupelloser Ausbeutung und unverschämter Einseitigkeit der Politik sind reell, Karl Marx’ Analyse des Kapitalismus ist aktuell. Trotzdem ist in den Kreisen von Wirtschaft und Politik die Ideologie der freien Marktwirtschaft, der sogenannte Neoliberalismus noch immer führend. 4.6.1

Global herrschender Neoliberalismus

Der Begriff Liberalismus bezeichnet seit der Aufklärung eine politische Haltung, die für Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte eintritt. Der Wirtschaftsliberalismus jedoch verengt die Freiheit auf die freie Marktwirtschaft, also einer Marktwirtschaft, die sich frei von staatlichen Eingriffen entwickeln kann (also frei von Steuern und Gesetzen). Dabei stützt er sich auf den schottischen Philosophen und Schöpfer der Nationalökonomie, Adam Smith, dessen Idee von der „unsichtbaren Hand“ zur Rechtfertigung für jede egoistische Tat von Kapitalisten wurde: „Trotz der natürlichen Selbstsucht und Raubgier der Reichen und obwohl sie nur ihre eigene Bequemlichkeit im Auge haben, obwohl der einzige Zweck, welchen sie durch die Arbeit all der Tausende, die sie beschäftigen, erreichen wollen, die Befriedigung ihrer eitlen und unersättlichen Begierden ist, trotzdem teilen sie doch mit den Armen den Ertrag aller Verbesserungen, die sie in der Landwirtschaft einführen. Von einer unsichtbaren Hand werden sie dahin geführt, beinahe die gleiche Verteilung der zum Leben notwendigen Güter zu verwirklichen, die zustande gekommen wäre, wenn die Erde zu gleichen Teilen unter alle ihre Bewohner verteilt worden wäre, und so fördern sie, ohne es zu beabsichtigen, ja ohne es zu wissen, das Interesse der Gesellschaft und gewähren die Mittel zur Vermehrung der Gattung.“105 Der Glaube an den Segen des freien Marktes hat sich bis heute erhalten: „Diese Anhänger einer ‚freien Marktwirtschaft’ glauben auch eher, dass Märkte von sich aus, ohne staatliche Eingriffe, effizient seien und dass man den Armen am besten dadurch helfe, dass man für Wirtschaftswachstum sorge – irgendwie würden die positiven Einkommenseffekte dann schon zu den Bedürftigen ‚durchsickern’. (Interessanterweise hält sich diese Überzeugung noch immer, obwohl die wirtschaftswissenschaftliche Forschungen ihr den Boden entzogen haben.)“106 Doch spätestens die Weltwirtschaftskrise von 1929-1932 offenbarte das Versagen der liberalen Wirtschaftspolitik. Um den Kapitalismus zu retten, d.h. ihm seinen Zahn der sozialen Kälte zu ziehen, verfolgten viele Regierungen dann bis etwa Mitte der 70er Jahre eine aktive und regulierende Wirtschaftspolitik im Rahmen des umverteilenden Wohlfahrtstaates (Keynesianismus); das Modell der Sozialen Marktwirtschaft entstand. 103

s. www.handelsblatt.com: „Fiskus ließ sich Milliarden entgehen“. Handelsblatt von 20.89.2007. ebd. 105 Adam Smith: „Theorie der ethischen Gefühle“. In seinem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ (1776) nennt er den Eigennutz als einen wichtigen Motor für Wohlstand und gerechte Verteilung. 106 s. Stiglitz 2006, S.17. 104

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Soziale Marktwirtschaft bedeutet, dass das Individuum keine Angst zu haben braucht, seine Existenz zu verlieren, wenn es Pech hat, z.B. wegen Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit u.ä.. Um diese Sicherheit für alle zu gewährleisten, muss der Staat helfen: Er besteuert Unternehmens-Gewinne und verlangt Sozialabgaben, greift auch in die Märkte ein („Regulierung“). Die Gegner der Sozialstaatlichkeit formten die Ideologie des Neoliberalismus, die „eine modernisierte und radikalisierte Variante des klassischen Wirtschafts-Liberalismus“107 ist und auch Monetarismus genannt wird. Der Neoliberalismus gibt vor, Wachstum und Wohlstand für alle zu vermehren. Zumindest sollen diejenigen am Wohlstand teilhaben, die etwas leisten und verdienen. Der Staat soll sich aus dem Marktgeschehen heraushalten und auf Steuereinnahmen verzichten; seine Ausgaben soll er immer mehr kürzen, seine Leistungen auf Ordnungsaufgaben beschränken („Nachtwächterstaat“). Denn der Markt könne sich selbst am besten regulieren, d.h. die Gesetze des Marktes allein sorgen für maximale Effizienz der Wirtschaft. Deutsche Gesetze für Arbeitsschutz, Kündigungsschutz, Umweltschutz, Sozialleistungen usw. seien dabei hinderlich und sollen „dereguliert“, d.h. zurückgenommen werden, um dem „Standort Deutschland“ zu mehr Attraktivität zu verhelfen. Wohin soll uns das führen? Vorrangiges Ziel des Neoliberalismus ist, die Kapital-Renditen auf ein Maximum zu treiben; alle andere Werte werden untergeordnet. Vor allem die Frage nach Gerechtigkeit überlässt er der Politik, die dieses Problem möglichst billig zu lösen hat, ohne die freie Marktwirtschaft damit zu belästigen. „Das Programm des Neoliberalismus [...]definiert die Marktgesellschaft als Endpunkt menschlicher Geschichte und zielt derart fundamental auf eine ‚Entthronung der Politik’ ab (Hayek). Entsprechend befindet sich der Neoliberalismus in Frontstellung zu allen Formen echter, partizipativer Demokratie, die das Projekt einer totalen Ökonomisierung der Gesellschaft gefährden könnte. Selbst das Freiheitsversprechen der Neoliberalen reduziert sich auf die Freiheit der Marktteilnahme[...] Neoliberalismus bedeutet in der Praxis Dekonstruktion des Gesellschaftlichen. Für die dabei entstehenden Ungleichheiten, Verwerfungen und Spannungen hat er außer der Option eines autoritären Regimes kein taugliches Konzept.“108 Der „Vorteil“ des Neoliberalismus ist, dass er sich mit fast allen heute auf der Welt herrschenden Staatsformen verträgt. So scheint sein globaler Siegeszug unaufhaltsam zu sein: „Was unter der Diktatur Pinochets begann, von den Regierungen Margret Thatchers in Großbritannien und Ronald Reagans in den USA fortgesetzt wurde, ist heute ein weltweites Programm für alle Industrie- und Entwicklungsländer. Ob neokonservative oder sozialdemokratische Regierungen: Der Neoliberalismus ist hegemonialer Stichwortgeber der politischen Entscheidungsträger.“109 Kritik an der neoliberalen Ideologie Es handelt sich, wie bei allen Ideologien, um eine Lehre, die wissenschaftlich unhaltbar ist. Schon ihren „Haustheoretiker“ zitieren Neoliberale nur einseitig: Smith hielt zwar den Eigennutz des Kapitalisten für positiv, aber es war für ihn selbstverständlich, dass er „im Rahmen seiner ethischen Gefühle“ handeln würde – solche Bedingungen haben 107

s. Ralf Ptak: Neoliberalismus. In: Lexikon der Globalisierung, zitiert in: taz vom 23.8.2004. .ebd. 109 ebd. 108

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Neoliberale leider vergessen, oder, freundlicher ausgedrückt, sie erklären die Ökonomie für nicht zuständig für solche Bereiche des Menschlichen. Wenn sie die ethische Seite Smiths ausgeblendet wird, kann dann die Rechnung seiner „unsichtbaren Hand“ aufgehen? Dazu Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger der Ökonomie: „Meine Forschungen über die Informationsökonomik zeigen, dass bei unvollkommener Information, insbesondere bei asymmetrische Information –wo einige Personen etwas wissen, das andere nicht wissen-, (anders gesagt, immer) die unsichtbare Hand deshalb unsichtbar zu sein scheint, weil sie nicht da ist. Ohne sachgerechte staatliche Regulierung und Intervention führen Märkte nicht zu ökonomisch effizienten Ergebnissen.“110 Nun, da wir die Früchte der ethisch ungebändigten „Selbstsucht und Raubgier“ ernten, sollten wir erstaunt sein, dass wir nicht, wie versprochen, allseitigen Wohlstand und seine gerechte Verteilung bekommen haben? Und dass diese Güter zum Teil nicht „zum Leben notwendig“ sind; viele überflüssig, nur mit Hilfe von Werbung verkäuflich sind, zudem mehr oder weniger umweltschädlich nicht nur im Gebrauch, vor allem in der Produktion. Nicht zuletzt führt die Marktwirtschaft zu Absurditäten, die geradezu vom Gegenteil der Effizienz zeugen: So gibt es in vielen Dörfern keinen Lebensmittel-Laden mehr, und im Nachbardorf finden sich plötzlich zwei Monster-Supermärkte nebeneinander. Die meisten Verrücktheiten sind jedoch unsichtbar. Wer weiß zum Beispiel, „dass heutzutage die meisten Produkte importiert und exportiert werden. Das passiert mit Milch und Butter, aber auch mit Möbeln und allem möglichem anderen. Diese Produkte werden lokal produziert, aber dann 10.000 oder 20.000 Kilometer eigentlich unnötig um die Welt geschleppt. Im Amerika exportiert man ungefähr 900.000 Tonnen Fleisch und importiert ungefähr 900.000 Tonnen. England exportiert ungefähr 100.000 Tonnen Milch und importiert ungefähr 100.000 Tonnen.“111

Solche Transporte können für den Händler rentabel sein, weil die ökologischen Kosten in den Preisen unberücksichtigt bleiben. Nicht absurd, sondern logisch ist es, wenn sich Kartelle bilden oder Konzerne fusionieren, um ihre Macht auf dem Markt auszubauen und letztlich die Preise diktieren können. Ganze Wirtschaftszweige sind quasi monopolisiert worden. Beispielsweise haben wir nur noch scheinbar die Wahl, wo wir Kraftstoff tanken, denn trotz der verschiedenen Markenbezeichnungen gibt es auf dem deutschen Markt durch Konzernfusionen nur noch zwei Anbieter; ähnlich verhält es sich beim Strom: Vier Anbieter haben Deutschland unter sich aufgeteilt. Folglich müssen wir notorisch überhöhte Preise bezahlen, egal wo wir Kunde sind, während die Konzerne ohne ein großes Risiko zu tragen ihre Milliarden vermehren. Die Schwächen des freien Marktes sind nicht zufällig, sondern fundamental. Wenn man ihn wirklich ganz frei ließe, würde er sogar sich selbst zugrunde richten. Der Ökonom Prof. Bontrup fasst die Kritik wie folgt zusammen: „Märkte und Wettbewerb sind trotz aller Behauptungen nicht einmal konsequent effizient. Sie sorgen vielleicht für Produkt- und Prozessinnovationen, dafür vertragen sie sich aber kaum mit sozialen Innovationen, die auf eine immaterielle Teilnahme (Mitbestimmung) und materielle Teilhabe der Menschen in der Wirtschaft setzen. Markt und Wettbewerb schaffen es auch nicht, ein Preissystem zu etablieren, das die jeweils knappen Güter in die optimalen Verwendungsrichtungen lenkt und das alle Externalitäten wie z. B. Umweltverschmutzungen ins Preissystem aufnimmt. 110

Joseph Stiglitz: Die Chancen der Globalisierung. München 2006, S. 15. Gespräch mit Helena Norberg-Hodge: „Was wir brauchen, ist Vielfalt!“ Das Primat der Dezentralisierung. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein [Hg.]: Projekte der Hoffnung. Der Alternative Nobelpreis: Ausblicke auf eine andere Globalisierung. München 2006. S.107. 111

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Außerdem fordert der ‚Stachel der Konkurrenz’ immer Verlierer und Opfer, genauso wie das Markt- und Wettbewerbsprinzip nicht nur Leistungseinkommen produziert, sondern auch ungerechte Einkommen, die auf Machtmissbrauch und Ausbeutung basieren und damit für eine nicht akzeptable gesellschaftliche Verteilung der arbeitsteilig geschaffenen Überschusswerte sorgen. Das sich selbst überlassene Marktsystem, so Keynes, steht dafür, ‚dass die erfolgreichsten Profitmacher durch einen unbarmherzigen Kampf ums Dasein nach oben kommen, einen Kampf, der mit einer Auslese der Tüchtigen durch den Bankrott der minder Tüchtigen endet. Diese Methode stellt die Kosten des Kampfs selbst nicht in Rechnung, sondern hat nur die Vorteile des Endresultates im Auge, die man für dauernde hält.’ Völlig vernachlässigt bei der blinden Wettbewerbsgläubigkeit wird der Tatbestand eines gefährlichen wettbewerbsimmanenten Konzentrations- und Fusionsprozesses, der letztlich immer mehr Marktmacht und Ausbeutungspotenzial entstehen lässt.“ 112

Und wie steht die Wissenschaft zum Neoliberalismus? - Stiglitz meldet, dass „die theoretische Begründung des Marktfundamentalismus weitgehend widerlegt“ ist. „Heute besteht (zumindest unter Volkswirten, wenn auch nicht unter Politikern) weitgehend Einvernehmen über die Grenzen der Leistungsfähigkeit von Märkten.“113 Leider hält der Mainstream deutscher Ökonomen noch immer die Fahne des neoliberalen Fundamentalismus hoch und verschließt sich empirischer Überprüfung — die Wissenschaft dient nicht immer nur der Erkenntnis. 4.6.2

Keine Chance der Dritten Welt „Einerseits sind um die achthundert Millionen Menschen chronisch unterernährt, andererseits leiden die Bauern weltweit unter dem Problem chronischer Agrarüberschüsse und fallender Preise. Warum? Weil die Unterernährten über kein Geld verfügen. Ihre Nachfrage ohne Kaufkraft existiert für die Märkte nicht, und sie werden weiter hungern, solange sie ihre Erträge nicht steigern oder Erwerbsarbeit finden.“114

Der Wirtschaft der Dritten Welt stehen unüberwindliche Hürden entgegen: „Heute liegt die Verschuldung der Entwicklungsländer bei 2500 Milliarden US-$. Der Schuldendienst der Dritten Welt beläuft sich jährlich auf über 350 Milliarden US-$, also dem Siebenfachen des Entwicklungshilfebeitrages der OECDLänder.“115 Einige Entwicklungsländer „müssen mehr als die Hälfte ihrer Staatsausgaben bzw. ihrer Deviseneinnahmen für den Schuldendienst aufwenden“.116 „Netto fließt das Geld von den Entwicklungsländern in die Industrieländer. Dieser Geldabfluss bereichert den Norden und fehlt im Süden Investitionen, für das Schul- und Gesundheitswesen, für den Infrastrukturaufbau.“117

112

Heinz-J. Bontrup: Der tödliche Stachel der Konkurrenz. In: FR vom 11.8.2007 Stiglitz 2006, S. 15. 114 s. Gil Ducommun: Nach dem Kapitalismus. Bremen 2006. S. 184. 115 ebd., S.190. 116 s. Stiglitz 2006, S. 35. 117 s. Gil Ducommun: Nach dem Kapitalismus. Bremen 2006, S. 190. 113

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Aufgrund der Zins-Lasten wird es der Dritten Welt niemals möglich sein, ihre Kreditverträge zu erfüllen. Jakob von Uexküll weist auf die moralische Fragwürdigkeit solcher Verträge hin: „Wenn Sie einem armen Afrikaner 1000 Euro geliehen hätten, und es gelingt ihm nach einigen Jahren, diese 1000 Euro zurückzuzahlen, würden Sie ihn dann Jahre oder Jahrzehnte lang verfolgen, auf Kosten der Gesundheit und Erziehung seiner Kinder, um noch Zins und Zinseszins zu kassieren? Natürlich würden wir das nicht. Aber genau das tun tagtäglich unsere Banken und unsere Regierungen in unserem Namen.“118 Die zweite Hemmung für die Wirtschaft besteht im neoliberalen Einfluss von GATT (Freihandelsabkommen) bzw. der WTO (Welthandelsorganisation): „Die Entwicklungsländer wurden im Rahmen der Strukturanpassungen und der internationalen Handelsverträge [...] von den Industrieländern genötigt, ihren Zollschutz abzubauen. Die heutigen Industrieländern hatten jedoch im 19.Jahrhundert ihre diversifizierenden Wirtschaften hinter einem doppelten Zollschutz aufgebaut: hohe Transportkosten und meist kräftige Importzölle.“119 Die verfrühte Liberalisierung der Märkte und der Abbau der Zölle hat bittere Folgen für die Dritte Welt: „Dadurch traten plötzlich viel mehr importierte Konsumgüter [...] auf und die wenigen lokalen, noch schwachen Konsumgüterindustrien gingen nicht selten in Konkurs oder wurden von ausländischen Investoren gekauft, was zum Ausverkauf der Wirtschaft beitrug. Sogar die Nahrungsmittel der eigenen Bauern werden dadurch vom Markt verdrängt: [...] Die Agrarüberschüsse der reichen Länder und Südostasiens (Reis) werden auf dem Weltmarkt verschachert und bedrohen so den wichtigen Wirtschaftszweig“ bzw. die größte Arbeitsgeberin der armen Entwicklungsländer: die Landwirtschaft.120 Stiglitz, von 1997 bis 2000 Vizepräsident der Weltbank, blickt zurück: „Die Weltbank –und mehr noch der IWF- propagierte eine konservative Wirtschaftspolitik, (etwa die Privatisierung des Gesundheitswesens), die das genaue Gegenteil dessen war, wofür ich mich im Weißen Haus eingesetzt hatte. Schlimmer noch: Dort wurden Modelle benutzt, die ich in meinen theoretischen Arbeiten als weitgehend unhaltbar widerlegt hatte.“121 Stiglitz bezeichnet die neoliberale Überzeugung, dass die Märkte aus eigener Kraft zu ökonomischer Effizienz führen, als „grundlegenden Fehler“ und drückte seine Sorge darüber aus, „dass die wirtschaftspolitischen Rezepte, die der IWF zum Beispiel in Ostasien anpries, womöglich alles nur noch schlimmer machten.“122 Wie werden uns die Probleme der Dritten Welt verkauft? Helena Norberg-Hodge, Trägerin des Alternativen Nobelpreises, verdeutlicht, wie die PR-Abteilungen großer Konzerne versuchen, uns irrezuführen:

118

Jakob von Uexküll: Menschliche Entwicklung statt wirtschaftlicher Verwahrlosung. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein [Hg.]: Projekte der Hoffnung. Der Alternative Nobelpreis: Ausblicke auf eine andere Globalisierung. München 2006. S.32. 119 ebd., S.191. 120 ebd. 121 s. Joseph Stiglitz: Die Chancen der Globalisierung. München 2006, S. 13. 122 ebd. S.13.

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Wir haben Hunderte von [...] Mythen, die nichts weiter sind als gut gepflegte Vorurteile, die dazu dienen, das System zu unterstützen. Zum Beispiel wird erzählt, dass man unbedingt Gentechnologie braucht, um die Armen in der sogenannten Dritten Welt ernähren zu können und das Welthungerproblem zu lösen. Das Gegenteil ist der Fall.“123 4.6.3

Arbeitsmarkt und Globalisierung

Trotz Wirtschaftswachstum ändert sich grundsätzlich nichts an der dauerhaften Massenarbeitslosigkeit: „Die deutsche Wirtschaft ist zwischen 1991 und 2006 real um gut 24 Prozent gewachsen, während die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde um über 32 Prozent stieg. Das Arbeitsvolumen ist daher um acht Prozent gesunken. Dieser Rückgang um über vier Milliarden Arbeitsstunden ist aber nicht - wie es ökonomisch und sozial vernünftig gewesen wäre - durch eine tarifvertragliche Verringerung der individuellen Arbeitszeiten aller Beschäftigten organisiert worden. Er hat vielmehr als drastischer Anstieg der offenen und verdeckten Arbeitslosigkeit und der - zum Teil unfreiwilligen - Teilzeitarbeit stattgefunden.“124

2007 sinkt die Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen auf unter vier Millionen, und man soll sich freuen, wenn es bei anhaltendem Wachstum vielleicht „nur“ noch drei Millionen sind. Faktisch haben wir eine „unverminderte und zunehmende Dramatik auf dem Arbeitsmarkt“125; die reale Beschäftigungslücke ist schätzungsweise 7 Millionen Arbeitsplätze groß, d.h. 7 Millionen Menschen, die sich nicht alle arbeitslos melden, würden arbeiten, wenn sie eine Stelle bekämen. Seit Jahrzehnten ist die Arbeitslosigkeit die größte Sorge der Wähler – doch die Politik bekämpft statt der Arbeitslosigkeit die Arbeitslosen. Weiterbildungen und Umschulungen wurden radikal zusammengestrichen, ABM-Maßnahmen abgebaut, so dass die deutsche Arbeitsagentur sogar Finanz-Überschüsse einbehält; dafür werden Arbeitslose gezwungen, in sozial schädlichen126 Ein-Euro-Jobs ihre Qualifikationen verkümmern zu lassen. Wie kann das in einer Demokratie möglich sein? Warum werden Forderungen wie die der Arbeitsgruppe Alternativer Wirtschaftspolitik totgeschwiegen bzw. für töricht erklärt, obwohl sie wissenschaftlich fundiert sind? „Die Gründe hierfür liegen vielmehr in dem massiven [...] Widerstand derer, die von der herrschenden Politik profitieren und über viel Macht und Einfluss verfügen, um ihre Interessen der Politik, den Medien und dem größten Teil der Wissenschaft als alternativlos zu präsentieren. Das sind im Wesentlichen die großen Konzerne und Finanzinstitute sowie die sehr kleine Schicht sehr reicher Personen und Familien.“127

Mit Hilfe des Geldes wird die öffentliche Meinung beeinflusst. Jeder bekommt Angst um seinen Arbeitsplatz eingejagt, und wer keinen hat, wird von der herrschenden Meinung der Boulevard-Presse zum Versager erklärt, bis er es selber glaubt. Selbst die Gewerkschaften kuschen vor dem Totschlag-Argument der Wirtschaft: Die Globalisierung verschiebe die Arbeitsplätze in günstigere Länder! Führende Politiker von SPD und GRÜNEN schüren die Angst bzw. erklären die Hoffnung auf Gegenwehr für sinnlos: Wir befinden uns im globalen Wettbewerb, und diese Globalisierung sei durch deutsche Gesetze nicht 123

Gespräch mit Helena Norberg-Hodge: „Was wir brauchen, ist Vielfalt!“ Das Primat der Dezentralisierung. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein [Hg.]: Projekte der Hoffnung. Der Alternative Nobelpreis: Ausblicke auf eine andere Globalisierung. München 2006. S.118. 124 s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Momorandum 2007. 125 ebd. S.5. 126 Ein-Euro-Jobs drücken die Löhne auch auf dem ersten Arbeitsmarkt. Vgl. Memorandum, S. 127 ebd.

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aufzuhalten, sondern wir hätten uns anzupassen durch Verzicht auf Lohn und Abbau der Sozialleistungen – unisono gebrauchen sie die Sprache des Neoliberalismus. „Franz Müntefering drückte diesen Gedanken grobschlächtiger aus: Der heutige Sozialstaat ‚sei erkämpft gegen den nationalen Kapitalismus. Aber den gibt es nicht mehr.’ Damit ist klar, dass dort, wo man die ökonomischen und politischen Entscheidungsprozesse im Nirgendwo der Globalisierung verschwinden lässt und stattdessen nur noch ein ‚irisierendes Verweisungsspiel’ meint erkennen zu können [so die Politiker der GRÜNEN Claudia Roth und Reinhard Olschanksi], auch jede Gegenwehr sinnlos, da ortlos werden muss.“128 Die Politik zur Anpassung an die Globalisierung folgt der sogenannten GIB-Formel: je höher die Gewinne, d.h. je niedriger die Steuern und je niedriger die Löhne sind, desto mehr könne die Wirtschaft investieren, und desto mehr Beschäftigung würde resultieren. Nun sind zwischen 2000 und 2006 die Gewinne um 50% gestiegen, aber die Investitionen lagen in den Jahren dazwischen nicht nennenswert über dem Stand von 2000 und im letzten Jahr sogar 10% unter dem Niveau von 2000.129 Die GIB-Formel ist falsch, weil Unternehmer nur dann investieren, wenn sie erwarten können, dass sie mehr Produkte auf dem Markt absetzen können – die Absatzchancen aber hängen direkt von der Nachfrage ab. Die GIB-Formel aber ignoriert, dass die Binnennachfrage stagniert – denn die Binnennachfrage hängt davon ab, wie viel Geld wir alle im Portemonnaie haben. So absolut global funktioniert unsere Wirtschaft nicht. So machen die Unternehmen zwar immer höhere Gewinne, aber sie schwemmen ihr Geld lieber auf die Finanzmärkte anstatt unnötige Arbeitsplätze zu schaffen. 4.6.4

Neoliberale Propaganda

Jeder kennt sie, die neoliberalen Parolen und Glaubenssätze:  Leistung muss sich wieder lohnen!  Steuern senken!  Höhere Gewinne führen zu höheren Investitionen, und Investitionen schaffen Arbeitsplätze. (GIB-Formel: höhere G=Gewinne → höhere I=Investitionen → mehr B=Beschäftigung)  Der Staat hat sich aus der Wirtschaft herauszuhalten. Der freie Markt reguliert sich selbst am besten.  Subventionen und Bürokratie abbauen!  Beamte sind faul. Sie verdienen ihr Geld im Schlaf.  Private Firmen arbeiten wirtschaftlicher als Staatsbetriebe.  Man soll nicht alles vom Staat erwarten, sondern Eigeninitiative zeigen!  Der Staat sollte die soziale Hängematte beseitigen!  Jeder ist seines Glückes Schmied.  Wer willig, mobil und flexibel ist, findet auch eine Arbeit!  Schulen wären erfolgreicher, wenn sie Dienstleistungsunternehmen wären.  Die Globalisierung lässt uns keine Wahl: Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen die Löhne sinken und die Leistung (Arbeitszeit) steigen! Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) ist eine PR-Agentur, die von Wirtschaftsverbänden dafür bezahlt wird, dass sie diese neoliberale Propaganda unter das 128

s. Andreas Wehr: Das Publikum verlässt den Saal. Nach dem Verfassungsvertrag: Die EU in der Krise. Köln 2006. S. 189. 129 vgl. Memorandum, S. 3.

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Volk bringt. Geschickt tarnt die INSM den Neoliberalismus, indem sie ihn als den Gralshüter der Sozialen Marktwirtschaft verkauft. Auf der Homepage der INSM heißt es euphemistisch: Der Staat „muss allen Bürgerinnen und Bürgern nicht nur die gleiche rechtliche Freiheit sichern, sondern auch ihre ökonomische Existenzgrundlage und vergleichbare Chancen. Der Sozialstaat kann und darf jedoch nie die eigene Anstrengung und Leistung ersetzen. Er soll sie lediglich für alle ermöglichen. In diesem Sinne ist effiziente Bildungspolitik die beste Sozialpolitik. Ingesamt geht es dem Neoliberalismus gerade nicht um ein blindes Vertrauen in die Selbstregulierung der ökonomischen Kräfte oder einen ideologischen Marktradikalismus. Der Neoliberalismus setzt vielmehr auf die ordnende Hand des Staates, damit die unsichtbare Hand des Marktes ‚Wohlstand für alle’ schaffen kann. [...] ‚Neoliberal’ sind alle, die den Markt als soziale Errungenschaft begreifen, ohne seine ordnungspolitischen Voraussetzungen zu vergessen. ‚Neoliberal’ sind alle, die auf Eigenverantwortung setzen und um Chancengleichheit kämpfen.“130 Die INSM gaukelt uns vor, dass der Neoliberalismus die Welt in Ordnung bringen könnte durch Existenzsicherung, Chancengleichheit (Sozialstaat) einerseits und Eigenverantwortung sowie Smiths „unsichtbare Hand“ andererseits (Marktwirtschaft). Der Werbe-Begriff „Neue Soziale Marktwirtschaft“ vertuscht, dass neoliberale Politik faktisch marktfundamentalistisch ist und die Sozialstaatlichkeit zu zerstören versucht. Leider ist die INSM der Auswuchs eines mächtigen Bündnisses. Eine Publicity-Phalanx zahlreicher Wirtschafts- und Arbeitsgeber- Verbände, Bünde, Kammern, pseudowissenschaftlichen Ökonomen, Politikern und der INSM streut in unermüdlichen Presserklärungen ihre wirtschaftswissenschaftlichen Halbwahrheiten wie z.B. die GIBFormel, die trotz erwiesener Ungültigkeit weiterhin dafür herhalten muss, Senkungen von Gewinnsteuern zu rechtfertigen. Die Massenmedien, die teilweise direkt von Konzernen abhängen, verbreiten neoliberale Ideologie: z.B. die Meinung, dass Arbeitnehmer „Flexibilität und Engagement“ (für die Firma) zeigen sollten und auch ein paar Überstunden (eine 50-Stunden Woche) zu akzeptieren hätten (natürlich ohne Lohnzuwachs) – sonst können wir unsere Arbeitsplätze in Asien wiederfinden. Vortrefflich lässt sich der Neoliberalismus auch stammtischgerecht mit rechtem Denken verknüpfen, z.B.: Wer keine Arbeit findet, will nicht arbeiten, weil er zuviel Geld vom Sozialamt bekommt. Sogar die Drehbücher von Fernsehserien öffentlich-rechtlicher Sender wurden im Sinne neoliberaler Propaganda manipuliert – mit Hilfe von Honorarzahlungen der INSM: „Knapp 60.000 Euro zahlte die Werbeagentur, die die Kontakte zur Bavaria herstellte, nach dem Bericht der ARD-Clearingstelle dafür, dass Themen der INSM in mehreren Marienhof-Folgen platziert wurden.“131 Ein Beispiel: Die Marienhof-Folge 1974. Frau Delle ist bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt und bei Firma X im Einsatz. Herr Fechner, der Chef von Firma X will nicht, dass Frau Delle Feierabend macht; er fordert sie auf, noch zwei Überstunden dranzuhängen. Aber Frau Delle wendet ein, dass ihre Kinder zu Hause auf sie warten. Der Chef kanzelt die Mutter ab: „Schade, Frau Delle! Wenn Sie immer Dienst nach Vorschrift schieben, dann werden Sie es nie weit bringen. Und das ausgerechnet jetzt, wo ich mir überlege, Sie von der Zeitarbeit in eine Festanstellung zu übernehmen!“ 130 131

s. http://www.insm.de/Reformpolitik/INSM-Anzeigenmotiv__Was_heisst_eigentlich__neoliberal__.html s. „Koof-mich-Fernsehen“. In: HLZ Heft 11-12/2005.

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Frau Delle knickt ein: „Das freut mich ja auch, Herr Fechner, aber ob das heute Abend schon geht? Ich werde es versuchen.“ Sie verrät ihre Kinder. Natürlich merkt keine Zuschauerin, dass hier eine politische Schleichwerbung im Spiel ist. Niemand weiß, dass die INSM Drehbücher nach ihrem Gusto umschreiben lässt. Und wenn schon? Die dargestellten Muster von Erpressung, Unterwerfung und Kinderfeindlichkeit sind alltäglich geworden ist, so dass wir abgestumpft sind. Das Fernsehen soll die Selbstverständlichkeit der neoliberalen Propaganda bestätigen, und nicht problematisieren. So ist auch der Name „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ ein Euphemismus, denn dieses Bündnis propagiert vielmehr die Zerschlagung des Sozialen. Als bevorzugtes Instrument zu Ausbeutung und Unterdrückung hat die „Zeitarbeit“ Hochkonjunktur. Der Staat liefert Arbeitslose den Zeitarbeitsfirmen aus, für die sie abrufbereit bei Fuß stehen müssen, nur stundenweise und unvorhersehbar viel oder wenig arbeiten dürfen und unter allen Tarifen entlohnt werden. Zeitarbeit ist eine moderne Form von Sklaverei. Im Würgegriff des Kapitalismus gefangen und von den Medien verraten, schauen wir zu, wie die Gewinne der Konzerne explodieren, wie die Gehälter der Manager von Banken und Versicherungen steigen, und weil sie Tausende um Tausende Arbeitsplätze einsparen, und sollen froh sein, dass nicht noch mehr Arbeitsplätze vernichtet werden. Der Kapitalismus, befreit von seinem Gegenspieler, dem Sozialismus, geriert sich als Sieger und schickt sich an, der kapitulierenden Politik seine Bedingungen zu diktieren. Die Lobby der Wirtschaftsverbände und Konzerne ist so mächtig, dass sie Gesetze zu Fall bringt, die z.B. um die Wirtschaft verpflichten wollten, mehr Ausbildungsplätze zu schaffen, oder weniger umweltfeindliche Autos zu bauen; statt dessen werden Gesetze durchgesetzt, die die Steuern der Konzerne und Spitzenverdiener immer weiter verringern. Wie es scheint, ist die Herrschaft des Neoliberalismus absolut: „Die traditionelle Linke, das heißt die Sozialdemokraten, aber auch viele Grüne und ehemalige Kommunisten, haben vor diesen [neoliberalen] Machtinteressen ideologisch und moralisch kapituliert. [...] Wertkonservative Ökonomen waren da schon weiter. So schrieb Professor Wilhelm Röpke, ein Berater Ludwig Erhards, vor über 50 Jahren: ‚Die Ökonomie ist keine Naturwissenschaft, sie ist eine moralische Wissenschaft und hat als solche mit dem Menschen als spirituelles und moralisches Wesen zu tun. Die entscheidenden Dinge in der Ökonomie sind genauso mathematisch berechenbar wie ein Liebesbrief oder eine Weihnachtsfeier, denn sie handeln von moralischen Kräften, von psychologischen Reaktionen und Meinungen, die sich jenseits von Kurven und Gleichungen befinden.“132 4.6.5

Paralysierte Gewerkschaften

Mitgliederschwund und schleichende Entmachtung der Gewerkschaften sind die Konsequenz von ­

dem Versäumnis vieler Familien, den Wert der Solidarität zu tradieren;

­

der Angst der Menschen vor dem scheinbar allmächtigen globalen Kapitalismus, dem die Gewerkschaften auf nationaler Ebene wenig entgegen setzen können - und die internationale Organisation der Gewerkschaften ist bedeutungslos;

132

Jakob von Uexküll: Menschliche Entwicklung statt wirtschaftlicher Verwahrlosung. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein [Hg.]: Projekte der Hoffnung. Der Alternative Nobelpreis: Ausblicke auf eine andere Globalisierung. München 2006. S.30f.

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­

dem Versagen der Gewerkschaftsführung, ihren Mitgliedern eine Vision zu vermitteln. Ihre Ratlosigkeit drückt sich in defensiven Taktiken aus, die keiner Strategie folgen und folglich auch keine Bindungskraft auf die Menschen ausüben können;

­

der Vernachlässigung der Arbeitslosen, die ja nicht mehr als Kollegen gesehen werden und für die kein Arbeitsplatz-Besitzer mehr demonstriert oder streikt.

4.6.6

Aktuelle Wirtschaftspolitik

2007 beschert das Wachstum zusätzliche Gewinne und unverhoffte Steuereinnahmen. Von dem Geld-Segen könnte die Neuverschuldung der öffentlichen Haushalte unterbleiben, das staatliche Schuldengebirge in Höhe von 1,5 Billionen Euro (1500 mal 1000 Millionen Euro) langsam abgetragen werden. Diese Schulden wären bereits heute getilgt, wenn der Staat die Steuersätze beibehalten hätte, die 1998 galten; statt aber die Schulden abzubauen, wurden vor allem die Gewinnsteuern nach und nach gesenkt. Vordringlich im Sinne einer nachhaltigen Politik wäre ein starkes öffentliches Investitionsprogramm, wie es beispielsweise die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik und Gewerkschaften fordern. Damit ließen sich einerseits die Bildung und ökologische Investitionen fördern, andererseits die Binnen-Nachfrage erhöhen, wodurch die gefährliche Abhängigkeit unserer Wirtschaft von Exporten vermindert würde. Aber die Wirtschaft fordert stattdessen weitere Steuersenkungen für Banken und Unternehmen – und bekommt sie von der Großen Koalition geschenkt: Ab 2008 werden unkalkulierbare Milliarden-Steuerlöcher in den Bundeshaushalt gerissen, der Neoliberalismus herrscht ungeniert, die Gewinne dürfen nochmals astronomisch steigen, auf Kosten der Umwelt, auf Kosten von sozial Schwachen, auf Kosten der Bildung, und mit dem erhöhten Risiko eines wirtschaftlichen Kollapses. Erstmals wird die Steuer auf Kapitaleinkünfte von der Steuer für Erwerbseinkommen abgekoppelt: Kapitaleinkünfte sollen nur noch pauschal mit 25% besteuert werden, während der Spitzensteuersatz für das Erwerbseinkommen bei 42% verbleibt. „Diese Steuersatzspaltung widerspricht dem verfassungsrechtlichen Grundsatz einer gerechten, leistungsbezogenen Belastung.“133 Rätselhaft ist, warum die SPD, einst die Partei der abhängig Beschäftigten, sich seit Schröders Kanzlerschaft den Interessen ihrer Wähler entgegen stellt. Ihre Regierung hat den Abbau des Sozialstaats nicht nur zugelassen, sondern sogar beschleunigt. Die FDP hätte zwar noch ein schnelleres Abrisstempo gewünscht, aber im Grunde haben sich FDP, SPD, Bündnis90-GRÜNE, CDU und CSU alle der neoliberalen Ideologie unterworfen und heißen die Umverteilung von unten nach oben gut. Der SPD laufen zwar massenweise Wählerinnen und Mitglieder weg, aber sie hält, in Großer Koalition, wacker den Kurs auf den Eisberg. Ein beherztes Umsteuern ist vonnöten. 4.6.7

Spekulationen „2005 werden an jedem Börsentag auf den Finanzmärkten Transaktionen im Wert von fast 2 Billionen US-$ getätigt. Von dieser gigantischen Summe mit 12 Nullen dienen nur noch 3% der Finanzierung von Handel und Investitionen, 20% der Absicherung von realwirtschaftlichen Geschäften gegen das Wechselkursrisiko. Die übrigen knapp 80% sind Spekulationsgeschäfte, d.h. Wetten auf künftige

133

s.Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Memorandum 2007. Köln 2007, S. 117.

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Preise von Währungen, Wertpapieren und Zinsen. Weil heute Kapitaleigner mit Spekulationen die größten Gewinne machen, wird diese Form der Finanzmarktwirtschaft auch Kasinokapitalismus genannt. Beim Einsatz von Geldmassen in der Größenordnung von Hunderten von Millionen wirft eine Wechselkursänderung von einem Basispunkt einen Profit in Millionenhöhe ab. Pro Tag, versteht sich. Spekulationen als Spiele mit hohem Einsatz sind jedoch nicht nur Quelle astronomischer Gewinne, sondern auch die Ursache von irrationalem Herdenverhalten [...]. Alle großen Krisen des vergangenen Jahrzehnts waren Finanzmarktkrisen, Aufblähungen von Kapitalwerten, Blasen, die schnell zerplatzten. Aufgrund der Transnationalität der Märkte erzeugten sie Kettenreaktionen von Crashs und wirtschaftlicher Destabilisierung.“134 Durchaus legal ist auch das „Hütchenspiel“, bei dem Banken und Aktienbesitzer die Gewinner, der Staat der Verlierer ist.135 Immobilienspekulationen sind dagegen sichtbar: Häuser stehen leer, Grundstücke liegen brach, selbst in den besten Lagen einer Stadt. Was die virtuelle Welt als Erfolg verbucht, bedeutet für viele lebende Menschen einen unbarmherzigen Stoß ins Elend. „Eine besondere Rolle spielen dabei Private Equity-Firmen (PE) und Hedgefonds (HF). Das Geschäftsmodell von PE besteht darin ‚unterbewertete nicht börsennotierte Unternehmen aufzukaufen, ‚umzustrukturieren’ und nach weniger Jahren mit hohem Gewinn wieder zu verkaufen. Sie sind auch eine treibende Kraft und wichtige Käufer bei der Privatisierung öffentlicher Unternehmen. Demgegenüber investieren HF das von ihnen eingesammelte Geld in hochspekulative Wertpapiere oder als Minderheitsanteile in börsennotierte Unternehmen. Dort machen sie Druck auf das Management, die Geschäftspolitik auf schnelle Kurssteigerungen und hohe Ausschüttungen zu konzentrieren. HF und PE haben drei problematische Charakteristika gemeinsam: Erstens haben sie ihren Rechtssitz überwiegend in sog. Offshorezentren, wie z.B. den Cayman-Inseln, und entziehen sich damit weitgehend einer wirksamen Finanzaufsicht. Zweitens kombinieren sie das von ihnen eingesammelte Fondskapital mit einem sehr hohen Kreditanteil[...]. Besonders problematisch ist das bei PE, weil die Bedienung der neuen Schulden in der Regeln den gekauften Unternehmen aufgebürdet wird [...]. Drittens sind weder PE noch HF an einer langfristigen Stärkung der produktiven Substanz der Unternehmen interessiert. Ihnen geht es vielmehr um sehr kurzfristige Kurssteigerungen oder die Ausschüttung von Dividenden [...]. Mittel- und langfristig führt dies zu einem technologischen Rückstand der Unternehmen und damit letztlich zu einem Verlust ihrer Leistungs- und Lebensfähigkeit. Die Gefahren finanzieller Destabilisierung und sozialer Polarisierung, die von PE und HF ausgehen, verlangen nach politischer Kontrolle und Steuerung.“136

Kurzzeitig hatten die Massenmedien sich des Themas angenommen, Politiker haben Parolen vom „Heuschrecken-Kapitalismus“ gedroschen, und bald war das Strohfeuer verloschen. PE und HF erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit unter den Anlegern, und weiterhin werden Manager „gegrillt“, d.h. mit Entlassung bedroht, wenn sie nicht genügend Profit schaffen durch Massenentlassungen, Lohnsenkungen usw. Diesen Missstand prangert u.a. auch das Potsdamer Manifest an: „Wenn wir die eskalierenden Probleme betrachten, welche heute die Menschheit belasten, so sind sie im überwiegenden Maße eine Folge extremer Machtballungen und wirtschaftlicher Ungleichheit, dirigiert und forciert von einem lebensfeindlichen finanziellen Netzwerk, das, anstatt das Beziehungsgefüge 134

s. Christa Wichterich: Wenn’s um Geld geht – Interventionen wider den Zeitgeist. Vortrag auf dem 3. Forum Supervision und Politik, 8.7.2005. zit. nach: D.Heither, U.Heither, E. Klöckner, H. Wunderer (Hg.): Globale politische Strukturen und Prozesse. Braunschweig 2006, S. 147. 135 Deutsche Banken üben sich „in Hütchenspielertricks, die nur ein Ziel haben: Durch das Verschieben großer Aktienpakete Steuern zu sparen.“ (Der Hintergrund dieses Tricks wird weiter erklärt in: BusinessNews, 13.4.7, S.19.) 136 s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Momorandum 2007. S. 10.

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zwischen den Menschen zu Gunsten der Menschen zu stärken, zum ‚unersättlichen’ Selbstzweck verkommen ist.“137 4.6.8

Die andere Globalisierung

Die globalisierungs-kritischen Stimmen in der Öffentlichkeit mehren sich und werden schon von manchen Spitzenpolitikern aufgenommen: „Immerhin hat die (wissenschaftliche) Kritik an den Aussagen und der Politik des Neoliberalismus zugenommen und der Protest in der Gesellschaft gegen die herrschende Wirtschafts- und Sozialpolitik wächst. Die Chancen für einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel werden in dem Maße größer, wie Kritik und Protest sich mit einleuchtenden Vorstellungen über eine sozial gerechtere, ökologisch nachhaltigere und ökonomisch leistungsfähige Struktur und Steuerung der Wirtschaft verbinden.“138

Es besteht die Aussicht auf eine Umkehr – einerseits durch die Initiative der Zivilgesellschaften, andererseits durch ein Umdenken der Wirtschaft selbst. Zivilgesellschaften Horst Eberhard Richter schreibt in einem „Selbstporträt der globalisierungskritischen Bewegung: „’Eine bessere Welt ist möglich’ hängt als Transparent über Veranstaltungen von attac-Deutschland und gilt als Losung der globalisierungskritischen Bewegung, die sich inzwischen in Massen zu Weltsozialforen trifft. Ihre Themen sind Frieden, Armut, Frauen, Umwelt, vor allem aber das neoliberale Scheitern an der Aufgabe einer gerechten Globalisierung. Die Mitglieder nennt man Globalisierungskritiker. Aber diese Leute wollen nicht nur beanstanden, sondern praktisch verändern. Denn das Gewicht liegt mehr auf dem Konstruktiven, auf dem ‚Pro als auf dem ‚Anti’.“139 Das transnational-zivilgesellschaftliche Weltsozialforum begleitet als Gegengipfel zum Weltwirtschaftsforum in Davos den Prozess der Globalisierung und versucht zu mildern: Über 50.000 Teilnehmer beteiligten sich am siebten Weltsozialforum, das vom 20. 25. Januar 2007 in Nairobi stattfand und damit zum ersten Mal in Afrika. 1.454 Organisationen wirkten mit; das Programm umfasste mehr als 1.300 Veranstaltungen. Noch bedeutender ist die internationale Attac-Organisation, die seit den Protesten in Genua für eine soziale und ökologische Globalisierung ist die globalisierungskritische Bewegung einen hohen Bekanntheitsgrad gewonnen hat; mit 90.000 Mitgliedern in 50 Ländern versteht sich Attac als Teil der globalen Bewegung. Auch in Deutschland bildet Attac ein breites gesellschaftliches Bündnis , das von ver.di und der GEW über den BUND und Pax Christi bis zu kapitalismuskritischen Gruppen reicht.140 Welche Ziele verfolgen diese Gruppen? „Wenn auch viele einzelne materielle Ziele des Engagements aufzuführen wären, wo und wie überall die Befreiung von Ungerechtigkeiten, Unterdrückung und Unmenschlichkeit ansteht, so ist eine wichtige Gemeinsamkeit dieser Strömung, die sich Bewegung nennt, das Bewegende in den Seelen dieser Menschen. Die praktischen Ansatzpunkte sind unendlich vielgestaltig. Aber die vielen Tausende, 137

s. Potsdamer Manifest, S. 5. Dokumentiert unter http://www.vdw-ev.de s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Momorandum 2007. Dokumentiert in: FR vom 27.4.7 139 Horst Eberhard Richter: Die Krise der Männlichkeit. Gießen 2006. S.261. 140 Vgl. www.attac.de 138

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die auf den Sozialforen zusammenströmen, empfinden dennoch eine spontane Verbundenheit. Die kommt aus einem Leiden an Unterdrückung von Menschlichkeit zu Lasten von Frauen, Kindern, Alten, von Fremden und Schwächeren und aus einem Gesundungswillen, der aus dem Inneren stammt. Es beginnt damit, sich nicht länger selbst nur als Objekt zu verstehen, mit dem dies und das gemacht wird, sondern als jemand, der ein Recht hat, aufrecht zu gehen und sich mitverantwortlich einzumischen. [...] Deshalb entscheidet sich auch ein Träger hoher amtlicher Verantwortung wie Ex-Chefökonom und Clinton-Berater Stieglitz zur Solidarisierung mit der Bewegung. Er will nicht länger stumm eine Misere mittragen, in die er sich durch eine falsch geleitete Wirtschaft mit verstrickt fühlt. In ihm kommt das Empfinden von Unanständigkeit auf, das ihn unausweichlich auf die Seite der Bewegung treibt. Es ergeht ihm wie Walden Bello, dass er sich nur selbst treu bleiben kann, wenn er für die Bewegung Stellung bezieht. Das unterscheidet diese beiden von den vielen, denen eine verinnerlichte Systemzugehörigkeit bereits die Wahrnehmung des Selbstverrats erspart.“141 Vor allem ein Ziel ist die Kommunikation und Vernetzung von Einzelpersonen und Gruppen; Stiglitz verschafft uns einen Einblick in die offene, demokratische Atmosphäre des Weltsozialforums: „Es verlief chaotisch, ohne feste Vorgaben, und wunderbar lebendig – eine Gelegenheit, sich zu begegnen, sich Gehör zu verschaffen und mit anderen Aktivisten Kontakte zu knüpfen.“142 Richter resümiert: „Noch sind die für eine ‚andere Globalisierung’ engagierten Gruppen zersplittert, und ihr Einfluss ist erst in einigen Regionen spürbar. Aber es rührt sich etwas von diesem Glauben an das Wiedererkennen des Eigenen im Anderen, an eine gemeinsame Wertewelt. Diesen Gedanken zur Überwindung spaltender Vorurteile und zur Stärkung von Versöhnungsbereitschaft“143 können wir weiter wachsen lassen. Paradigmenwechsel in der Wirtschaft Seit einige Jahren findet ein grundlegender Wandel in der Organisation der globalen Wirtschaft statt, die von transnationalen Konzernen vorangetrieben wird. Eine Organisation beruht auf einem Beziehungsgeflecht ihrer Mitglieder, die miteinander einen Konsens über bestimmte Spielregeln haben. Diese Spielregeln können auf traditionellen Befehlsstrukturen beruhen, also auf formellen Hierarchien (der Taylorismus ist davon die konsequenteste Ausprägung), oder aber sie können anderen Prinzipien folgen. Hier finden wir einen neuen Trend: Netzwerke. Jeremy Rifkin hat sich diesem Thema ausführlicher gewidmet, und auch meiner Meinung nach lohnt es sich, dem Aufmerksamkeit zu schenken. Denn hier keimt die Zukunft: „In jedem Industriezweig gibt es schon ein paar funktionierende ‚reine’ Netzwerkmodelle. Noch zahlreicher sind die ‚partiellen’ Netzwerke. Darunter versteht man den Zusammenschluss mehrer Parteien zum Austausch von Erfahrung, Wissen, zur gemeinsamen Nutzung von Einrichtungen, Produktionsanlagen und Vermarktungskanälen. Die Idee dahinter ist, Ressourcen in einen Pool einzubringen und Risiken zu verteilen gleichzeitig die Qualität zu

141

s. Richter: Die Krise der Männlichkeit. S. 270f. s. Joseph Stiglitz: Die Chancen der Globalisierung. München 2006, S. 23. 143 s. Richter: Die Krise der Männlichkeit, S.274. 142

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verbessern und die Zeit, die nötig ist, um Waren und Dienstleistungen zum Endverbraucher zu bringen, zu reduzieren.“ (Rifkin 2004, S.204) Ein einschlägiges Beispiel ist die Medienindustrie, die immer weniger physikalische Konserven (z.B. CDs, DVDs) verkauft, sondern immer häufiger Mitgliedschaften für die online-Nutzung ihrer Produkte (Video on demand, flatrates usw.). Doch ist diese moderne Marketing-Form nur ein Vorgeschmack auf einen viel tiefgehenderen Umbruch, der die Philosophie der Unternehmen von der Marktwirtschaft auf die Netzwerkbeziehung umstellt. „Adam Smith hatte [...] argumentiert, dass die Überlegenheit der Marktwirtschaft sich auf die Fähigkeit des Individuums gründe, seine Eigeninteressen zu verfolgen. Märkte sind ihrem Wesen nach feindselige Foren. Jede Partei beginnt Verhandlungen mit dem Ziel, ihren eigenen Nutzen auf Kosten der anderen Partei zu maximieren. Billig einkaufen, teuer verkaufen und sich vor dem Käufer in Acht nehmen – das waren die wichtigsten Verhandlungsprinzipien seit Beginn der modernen Marktwirtschaft. Netzwerke funktionieren nach einem völlig anderen Prinzip. Jede Partei bringt sich in der Annahme ein, dass durch die Optimierung des Nutzens der anderen Parteien und der Gruppe insgesamt auch der eigenen Nutzen maximiert werden wird. Netzwerke bestehen aus autonomen Formen, die einen Teil ihrer Souveränität aufgeben, um die Vorteile gemeinsamer Ressourcen und verteilter Risiken in einem vergrößerten Operationsraum zu nutzen.“ (S.205) „In reinen Netzwerken gibt es immer noch Eigentum, aber es verbleibt beim Produzenten, und der Benutzer greift zeitlich segmentiert darauf zu. Subskriptionen, Mitgliedschaften, Mieten, Zeitanteile, Pauschalen, Leasinggebühren und Lizenzvereinbarungen stellen das neue Medium des Austausches dar.“ (S.202) „Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Netzwerk liegt in der Reziprozität und dem Vertrauen. Jeder Teilnehmer muss guten Willens sein und sich verpflichtet fühlen, zu kooperieren und zu helfen und nicht die anderen Parteien auszunutzen. Vertrauen ist der Kern der Netzwerkbeziehungen. Sich vor dem Kunden zu schützen wird durch die Vorstellung ersetzt, dass keine der Parteien ‚die Verwundbarkeiten ausnutzt, die aus der Partnerschaft resultieren’.“ (S.206) „Netzwerke beruhen ebenso sehr auf informellen sozialen Bindungen der Teilnehmer wie auf formellen Arrangements zwischen den Parteien. Je mehr die einzelnen Teilnehmer eingebettet sind, desto eher sind sie bereit, sich zu öffnen und Wissen, Erfahrung und andere lebenswichtige Geschäftsdaten mit anderen zu teilen. [...] Die engen Beziehungen zwischen den Teilnehmern geben ihnen oft einen Vorsprung vor Unternehmen, die sich auf altmodische Weise auf konfrontativen Märkten betätigen.“ (S.206) Auch Joseph Stiglitz berichtet von einem Stimmungswandel auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos (wo sich jährlich „die Macher der Welt“ treffen): „Ich fahre seit vielen Jahren zu den Treffen in Davos, und dort wurde immer mit großer Begeisterung über die Globalisierung gesprochen. Was mich an dem Treffen 2004 so faszinierte, war die Schnelligkeit, mit der sich die Meinungen gewandelt hatten. Mehr Teilnehmer denn je bezweifelten, ob die Globalisierung tatsächlich die verheißenen Früchte bringen würde – zumindest für viele Menschen in den ärmeren Ländern. Ernüchtert durch die weltwirtschaftliche Instabilität, die das ausgehende 20. Jahrhundert kennzeichnete, fragten sie sich nun, ob die

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Entwicklungsländer die Folgen bewältigen können. [...] In den neunziger Jahren drehte sich die Diskussion in Davos um die Vorteile der Öffnung internationaler Märkte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen Armutsbekämpfung, Menschenrechte und die Notwendigkeit fairer Handelsabkommen im Mittelpunkt.“144

4.7 Umwelt Einige Probleme sind gelöst worden: z.B. die Überdüngung der Gewässer145, die Schwefeldioxid-Emissionen146, das Durcheinander mit dem Müll und das Waldsterben. Zwar hält das Waldsterben an, aber die jährlichen Waldschadensberichte wurden abgeschafft. Ein paar neue Probleme sind hinzugekommen: Pestizide in Lebensmitteln (kein Thema, man hat die Grenzwerte heraufgesetzt), ein paar Giftstoffe und Feinstäube in der Luft, die man herauskriegen wird, und der Treibhauseffekt, für den wir ja zum Glück noch die Atomkraft haben; die Entsorgung radioaktiver Abfälle ist kein neues Problem und hat noch ein paar Tausend Jahre Zeit; dann haben wir noch die grüne Gentechnik147, die verpönt ist, aber das ist nur ein Akzeptanzproblem, das man auf gleiche Art erledigen wird wie den einst ungeliebten Elektrosmog von Handys: durch Werbung. Jeder hängt am Handy, jeder verbrät Atomstrom, so wird auch jeder die Gentechnik fressen. Es gibt keine nennenswerten Probleme mehr. (Sicherheitshalber sei angemerkt, dass ich mich hier der Ironie bediene, um das Thema abzukürzen.)

4.8 Unterwelt Nach C.G. Jung besitzt jeder Mensch seine Schattenseiten, z.B.: Triebe, Aggression, Mordgelüste, Habgier, Egoismus, Faulheit, Süchte. Diese Schatten müssen wir anerkennen und lernen, sie in den Charakter zu integrieren. Misslingt das, so wird es gefährlich: ­ entweder wenn ein Mensch seinen Schatten uneingeschränkt nachgibt und sich von ihnen beherrschen lässt – er wird gewalttätig, kriminell oder abhängig. Solche Menschen verhalten sich asozial in dem Sinne, dass sie die Gemeinschaft belasten, schädigen, oder einfach nicht den Beitrag leisten, den sie leisten sollten; ­ oder aber wenn ein Mensch seine Schatten leugnet und auf andere projiziert – er wird selbstgerecht, intolerant, fundamentalistisch, glaubt, dass er für das Gute kämpfe, und terrorisiert seine Mitmenschen. Es gibt Staaten, in denen die Unfähigkeit der Menschen, angemessen mit ihrem Schatten umzugehen, eine kritische Schwelle übersteigt – z.B. die USA, in denen einerseits Süchte 144

s. Stiglitz (2006), S. 24. Die Eutrophierung, d.h. die Überdüngung der Gewässer kann zum „Umkippen“ von Flüssen und Seen führen, also zur Zerstörung von Ökosystemen. – Ursachen: Nährstoffeintrag durch ungeklärte Abwässer und Landwirtschaft, und nach dem Bau von Kläranlagen dann noch durch phosphathaltige Waschmittel. Nach Erweiterung der Kläranlagen zur Phosphatentfernung war das Problem weitgehend gelöst. 146 enthalten in Abgasen aus Kohlekraftwerken und Dieselmotoren; führt zu Pseudokrupp (Erkrankung der Atemwege), saurem Regen und Waldsterben; Problem weitgehend gelöst durch Entschwefelungsanlagen in Kraftwerken und bei der Diesel-Herstellung. 147 Genetische Manipulation von Saatgut, so dass die Kulturpflanze immun gegen bestimmte Gifte wird bzw. das gewünschte Gift selber produziert. Auf diese Weise werden großflächig Raps, Reis, Soja, Tomaten u.a. angebaut. Die manipulierten Gene verteilen sich nach und nach auch auf Felder, die mit traditionellem Saatgut bewirtschaftet werden, so dass alte Sorten vom Aussterben bedroht sind. Die Risiken des Konsums gentechnisch manipulierter Nahrungsmittel sind umstritten. 145

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und Kriminalität übermächtig sind, andererseits die nationalistischen Selbstgerechten die ganze Welt mit Krieg überziehen wollen. In Deutschland haben wir den Vorteil, dass uns die Lehre aus unserer Vergangenheit bisher noch vor einem Übermaß an Selbstgerechtigkeit schützen konnte. Indes bei den Süchten stehen wir nicht zurück. Süchte Sucht bezieht sich immer auf einen äußeren Gegenstand, der nicht zum Leben notwendig ist. Die Grenze zur Gewohnheit ist fließend. Der Süchtige macht sich abhängig von  einem Stoff, der konsumiert wird,  von einem bestimmten Verhalten, das ihm auf Dauer schadet (z.B. Spiele, workaholic, Magersucht). Babys werden an die ersten Suchtmittel gewöhnt: Getränke, die süßer sind als natürliche Lebensmittel. Der Geschmack von Kinder wird so deformiert, dass sie oft lebenslang künstlich gesüßte und aromatisierte Speisen den natürlichen vorziehen. Nicht Tabak oder Cannabis ist der Einstieg in eine Suchtkarriere, sondern Industriezucker. Wenn wir alle unsere kleinen Süchte haben – warum machen manche eine große Suchtkarriere, die meisten aber nicht? Ein Kind, dessen Bedürfnisse (nicht unbedingt Wünsche!) alle befriedigt werden, wird nicht süchtig (man bezeichnet es als „resilient“): Es braucht und bekommt eine zuverlässige Bindung, Versorgung, Zuneigung, Zärtlichkeit, Führung und klare Grenzen. Ein Mensch dagegen, der als Kind erfahren musste, dass es sich auf kein Versprechen verlassen kann, oder das misshandelt, missbraucht wurde, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Sucht entwickeln. Dieser Mensch wird nur noch einem vertrauen: seinem Suchtmittel. Auf andere Menschen kann er sich nicht verlassen, wohl aber auf die Wirkung des Mittels: Die Droge wirkt zuverlässig, sie gibt ihm das Gefühl, das er zu brauchen glaubt. Zwei Fehler kann man mit Süchtigen machen, und beide bestimmen unsere Politik: 1. Die Tatsache, dass ein Mensch süchtig ist, wird solange wie irgend möglich ignoriert. Dadurch bleiben Süchtige an der Macht, workaholics machen sogar Karriere – die persönlichen und wirtschaftlichen Kollateralschäden dürften gewaltig sein. 2. Nicht die Ursachen der Sucht werden bekämpft, sondern ihre Symptome, vor allem die Drogendealerei. In diesen Fällen kommt die Polizei grundsätzlich zu spät. Suchtkarrieren werden durch Gesetze erleichtert. Denn die Legalität bestimmter Drogen gaukelt eine Unbedenklichkeit vor, die wissenschaftlich widerlegt ist. Dazu meldete der SPIEGEL: „Britische Forscher haben jetzt eine neue Drogen-Rangliste erstellt, die sowohl die Folgen für die individuelle Gesundheit und das Suchtpotential als auch den gesellschaftlichen Schaden einzelner Rauschmittel berücksichtigt. Der Rangliste zufolge, die David Nutt von der University of Bristol und seine Kollegen jetzt [...] vorgestellt haben, sind Alkohol und Tabak unter den Top 10 der schädlichsten Drogen. Dagegen belegt eine in Deutschland verbotene Substanz wie Ecstasy im Ranking nur den 18. Platz.“148 Die Shell-Studie hat 12-25-Jährige nach ihren Konsumgewohnheiten befragt: Je niedriger die Schichtzugehörigkeit, desto größer ist der Anteil rauchender Jugendlicher (15%-37%). Die Hälfte der männlichen Jugendlichen, ca. ein Drittel 148

s. SPIEGEL ONLINE - 23. März 2007

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der weiblichen trinken regelmäßig (mindestens einmal pro Woche) Alkohol, wobei unter den Schülern die Gymnasiasten vorn liegen (27% gegenüber 18% in den anderen Schulformen).149 Demnach stieg der Anteil der Zwölf- bis 17-Jährigen, die regelmäßig Alkohol trinken, von 19 Prozent im Jahr 2005 auf 22 Prozent in diesem Jahr. Zugenommen hat auch die Menge: von 44 Gramm reinen Alkohols pro Woche auf 50 Gramm. Eine aktuelle Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stellt eine Ausbreitung des Alkoholismus fest – die FR berichtet über die Ergebnisse: “Jugendliche in Deutschland trinken nicht nur häufiger Alkohol als früher, sie konsumieren auch größere Mengen. [...] Vor allem die männlichen 16- und 17Jährigen treiben die Zahlen nach oben. Sie trinken mittlerweile im Schnitt zwei Gläser alkoholische Getränke am Tag. 2005 war es noch ein Drittel weniger. Die 2004 eingeführte Steuer auf Alcopops hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Jugendliche greifen immer seltener zu diesen Spirituose-Mixgetränken - dafür aber immer häufiger zu Bier und Schnaps. Allein 43 Prozent der 16- bis 17-Jährigen gaben an, mindestens einmal im Monat harten Alkohol genossen zu haben. Vor zwei Jahren waren es noch 34 Prozent.“150 Die britischen Forscher sehen hierin ein gravierendes Risiko: „Doch gerade mit diesen legalen Drogen gibt es die größten Probleme. Während in Europa jedes Jahr 7000 bis 8000 Menschen am Konsum illegaler Drogen sterben [in Deutschland waren das 1296 im Jahre 2006], fordert der Alkoholmissbrauch allein in Deutschland mehr als 40.000 Tote pro Jahr, wie das Bundesgesundheitsministerium errechnet hat. Auch unter Kindern und Jugendlichen nehmen Alkoholvergiftungen zu. Am Tabakkonsum sterben unterschiedlichen Studien zufolge gar 110.000 bis 140.000 Deutsche pro Jahr.“ 151 „Mehr als 10 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form; 1,6 Millionen Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 59 Jahren gelten als alkoholabhängig. Die volkswirtschaftlichen Kosten alkoholbezogener Krankheiten werden auf mehr als 20 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.“152 Eine weitere Gruppe von Süchtigen ist unscheinbar, aber massenhaft unter uns: „Die Zahl der Medikamentabhängigen wird auf mindestens 1,4 Mio. geschätzt.“153 „‚Das momentane Drogen-System ist durchweg krank und willkürlich’, sagte Nutt der Nachrichtenagentur AP. Es gebe aus wissenschaftlicher Sicht keinen Grund dafür, dass Alkohol und Tabak nicht unter das Drogengesetz fallen sollten. Er und seine Kollegen rufen zum Umdenken auf. ‚Alle Drogen sind gefährlich’, sagte Nutt. ‚Auch solche, die die Leute kennen, lieben und jeden Tag zu sich nehmen’.“154

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s. Klaus Hurrelmann, Mathias Albert: 15.Shell Jugendstudie. Jugend 2006. Frankfurt 2006. S.90f. s. Frankfurter Rundschau vom 12.6.2007. 151 s. SPIEGEL ONLINE - 23. März 2007 152 s. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Flaschenpost. Die Zeitung zur Aktionswoche „Alkohol – Verantwortung setzt die Grenze.“ Juni 2007. www.bmg.bund.de 153 s. Sabine Bätzing, Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Drogen- und Suchtbericht. Vorwort, S.3. www.drogenbeauftragte.de 154 s. SPIEGEL ONLINE - 23. März 2007 150

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Sex ohne Liebe Das natürliche Bedürfnis des Menschen, sich einen Partner zu suchen, eine Beziehung und eine Bindung aufzubauen, in der er seine Sexualität auslebt, wird untergraben. Die Häufigkeit sexueller Akte hat in den letzten 30 Jahren dramatisch abgenommen155 – trotz aller gewonnenen Freiheiten: „Wenn in dieser Minutenbeziehung der Zeitmangelmenschen nichts besprochen werden kann, wird die beste Erotik unter der Last von Unerledigtem, Gereiztem und Resigniertem erstickt.“156 Nicht so leicht messbar und vergleichbar wie die Quantität ist die Qualität von Sex. Ich vermute, dass die auch Qualität einbricht. Die Qualität dürfte ihren (statistischen) Höhepunkt in den 70er-Jahren gehabt haben. Warum? Liebe und Sex sind Kinder der Bindung und der Freiheit. Das ist paradox, und es braucht Zeit und Reife, um es zu verstehen und zu lernen. Was unsere Kinder immer früher lernen, sind sexuelle Ausdrücke und Techniken. Das Fernsehen hat die Sexualität ihres gesunden Tabus beraubt. Im Fernsehen bekommen Kinder und Jugendliche alles gezeigt, bevor sie die Chance haben, die Reife zu entwickeln, das Gezeigte geistig zu verarbeiten. Ihre Phantasien werden geprägt durch fremde und unrealistische pornographische Szenen sowie verlogene sexualisierende Bilder in Werbung und Video-Clips. Aber wenn es um’s Verführen geht, sind sie ratlos oder plump. Das Führen einer Beziehung bleibt umso mehr ein Rätsel. Liebe ist ein nebulöses Hollywood-Ideal, das sich nicht anwenden lässt. So bleibt wahrhaftige, intime Sexualität, wie sie nur ein Paar gemeinsam entdecken kann, den meisten Jugendlichen verborgen hinter undurchdringlichen Schleiern von Filmen, irrealen Darstellungen und falschen Erwartungen. Was bleibt übrig? Die Liebe als virtuelles Symbol von Glück. Der Sex als Ware. Unfähig, in Partnerbeziehungen eine befriedigende Sexualität zu finden, suchen jedes Jahr schätzungsweise 1,5 Millionen Männer Bordelle in Deutschland auf. Darin liegt, angesichts des traurigen Gesamtbilds, schon fast eine Hoffnung! Denn ein Freier gesteht sich ein, dass er eine Sehnsucht besitzt, die durch den gekauften Sex zwar unerfüllbar ist, die er aber auch nicht ganz aufgeben will. Sorgen machen mir eher diejenigen, die nicht ahnen, mit wie wenig sie sich zufrieden geben. Organisierte Kriminalität, Korruption und staatliches Unrecht Denn die einen sind im Dunkeln Und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte Die im Dunkeln sieht man nicht. Bertolt Brecht: Moritat von Meckie Messer. Schluss der 1930 geplanten Filmfassung der Dreigroschenoper.

Der größte Teil des Verbrechens ist unsichtbar. Die organisierte Kriminalität arbeitet überwiegend, ohne Schusswaffen einzusetzen. Stattdessen hat sie Beziehungen in alle 155

„Vor 30 Jahren hatten Männer zwischen 18 und 30 noch ca. 20mal pro Monat Sex, jetzt nur noch vierbis zehnmal.“ (So wird Frank Sommer, der Lehrstuhlinhaber für Männergesundheit an der Uni Hamburg referiert in: P.M. Fragen und Antworten, Heft 1/2007. S. 41.) 156 s. Moeller, S. 47.

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Richtungen. Harmlos, aber verbreitet ist die Schwarzarbeit mit einem geschätzten Umfang von 349 Milliarden Euro für 2007.157 Weitaus größer , wachsend und bedrohlich ist der Umsatz der weltweit vernetzten organisierten Kriminalität (OK). Dr. Soiné, Referatsleiter im Bundesnachrichtendienst, fasst die Entwicklung der OK wie folgt zusammen: „Die weltweite Entwicklung der letzten 15 Jahre hat dazu geführt, dass sich neben den altbekannten ‚traditionellen’ OK-Gruppen, wie z.B. italienischen, nordamerikanischen und asiatischen Organisationen oder den lateinamerikanischen Drogenkartellen, neue international arbeitende Strukturen herausgebildet haben. Dazu zählen insbesondere das Organisierte Verbrechen in den Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion sowie OK-Gruppen aus Südosteuropa (Balkan) und Afrika. Die illegalen Aktivitäten der OK-Gruppen haben im Zuge der allgemeinen Globalisierung erheblich zugenommen. Die Bandbreite der durch international agierende Verbrechersyndikate begangenen Delikte reichen vom Drogen-, Menschen- und Waffenhandel über die illegale Schleusung von Migranten bis hin zur Geldwäsche und –fälschung, Schutzgeld-Erpressung, Betrug und Korruption. OK stellt sich längst nicht mehr als Problem der Strafverfolgungsbehörden, sondern als weltweite Gefährdung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Sicherheit dar. Gerade die Länder der EU (sowie die Schweiz und Norwegen) bilden als ‚reiche Länder’ vorrangig Zielobjekte für kriminelle Aktivitäten der OK; durch die vorhandene Kaufkraft ergibt sich ein lukrative Absatzmarkt für Drogen, für andere illegale Waren und für die Dienste von (Zwangs-)Prostituierten.“158 Ähnlich versteckt hält sich die Korruption. Im Alltag bemerken wir sie kaum, denn das „Volk“ ist nicht korrupt: Wenn Deutschland zu 73% als korruptionsfrei gilt159, ist das vor allem den niederen Beamten und Angestellten zu verdanken: Polizisten, Lehrer, Richter und SachbearbeiterInnen sind bei uns selbstverständlich unbestechlich. In den höheren Instanzen allerdings besteht eine merkliche Korruption, bei der sich Deutschland international auf einem mittleren Platz wiederfindet. Hans Leyendecker, ein für Deutschland bedeutender investigativer Journalist, zeigt seinem Buch an Beispielen auf, wie diese Korruption funktioniert und wie tief sie in die Gesellschaft hinein reicht. Seine Zusammenfassung: „... allerorten haben sich Kartelle und Netzwerke gebildet, die längst ein Eigenleben führen. Es gibt keinen Bereich, in dem nicht kriminell der Vorteil gesucht wird. Es gibt keinen Fußbreit Boden in der Politik, in der Wirtschaft, den man sorglos betreten könnte. Und das gilt auch für die Medien und den Journalismus.“160

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s. FR vom 9.3.7, S.12. Michael Soiné: Strukturen der Organisierten Kriminalität in Europa – aus der Sicht des Bundesnachrichtendienstes. In: Günter Gehl (Hg.): Europa im Griff der organisierten Kriminalität? Weimar 2006. S. 9. 159 Die Organisation „Transparency International“ publiziert die Ranking-Liste, die die Schweiz als ehrlichstes Land anführt (78% Korruptionsfreiheit); von 30 Ländern findet sich Deutschland auf Rang 7 (73% korruptionsfrei); Schlusslichter sind die Türkei, Russland, China und Indien. (s. P.M. Fragen und Antworten, Heft 5/2007, S.59.) 160 s. Hans Leyendecker: Die Korruptionsfalle. Wie unser Land im Filz versinkt. Reinbek bei Hamburg 2003, S. 10. 158

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Was die Zahl der Gewalttaten von Jugendlichen anbelangt, haben wir im Zuge der Überalterung der Gesellschaft ein leichtes Sinken der Gesamtzahl der gemeldeten Delikte zu verzeichnen, aber zugleich steigt die Brutalität („Straftaten gegen das Leben“).161 Die gegenwärtige Politik der Bundesregierung tobt sich in Pseudo-Aktivitäten aus: Gesetze werden verschärft, Überwachungskameras aufgestellt, unsinnige Datenspeicherungen vorgenommen (z.B. müssen nun Telefon- und Internetverbindungsdaten von allen Menschen 6 Monate lang gespeichert werden) - d.h. die Bürgerrechte werden nach und nach ausgehebelt, um den Bürgern die Illusion von Sicherheit zu geben; aber die Polizei bleibt unterbesetzt – nach Auskunft der Polizei-Gewerkschaft seien die Kollegen „aus Personalmangel nicht einmal in der Lage, die 100 bekannten gefährlichen Islamisten zu überwachen.“162 Im Namen der Bekämpfung des Terrorismus werden staatlicherseits die Grenzen der Verhältnismäßigkeit übertreten bzw. Menschen der Willkür ausgeliefert: Tornado-Jäger, Soldaten und Polizeiheere werden zur Überwachung und Einschüchterung von Demonstranten eingesetzt – unterdessen fehlen der Verbrechensbekämpfung die Ressourcen.163 Unschuldige Menschen wie z.B. Murat Kurnaz werden aufgrund zufälliger Umstände verdächtigt, ohne einen einzigen Beweis in Guantánamo inhaftiert, gefoltert und erhalten keinen Kontakt zu Anwälten. Darin ist auch die Bundesregierung verstrickt. Florian Klenk, Jurist und Redakteur der ZEIT, schreibt über den Einsatz des Rechtsanwalts Bernhard Docke für das Gesetz: „Sein fünf Jahre währender Kampf gegen das ‚rechtswidrige Recht’ im AntiTerror-Krieg zeigt exemplarisch, wie schnell sich Demokratien in eine ‚archaische Welt’ (Docke) verwandeln können, wenn die richterliche Kontrolle der Regierenden versagt. [...] Kurnaz aber kam heim. Doch es war ein ‚Gnadenakt’ der USA, kein Richterspruch, der ihm die Freiheit zurückgab. Und das ist die beängstigende Lehre, die man aus Dockes Geschichte ziehen kann: Es waren nicht Richter, die Kurnaz’ Schicksal bestimmten, sondern wieder nur die Mächtigen.“164 Machtmissbrauch und Drama Jeder hat Erfahrungen mit Eltern, LehrerInnen, Behörden, Chefs und sogar KollegInnen, die ihre Macht auf jede erdenkliche Weise missbrauchen: Willkür, Schikane, Misshandlung, sexueller Missbrauch, Mobbing und strukturelle Gewalt gehören zum Alltag mancher Opfer. Für die strukturelle Gewalt will ich ein Beispiel geben, weil sie am wenigsten sichtbar ist: Das inhumane Zusammenspiel von Gesetzen, Verordnungen, Sparwut, Neid und die kreative Auslegung von Sachbearbeiterinnen kann einen Hilfebedürftigen in Not bringen. Die ALG-II-Behörde muss Miete und Heizkosten „in angemessener Höhe“ bezahlen – das sind häufig 50 bis 100 Euro weniger als die Miete tatsächlich kostet; den Rest muss der Arbeitslose von dem Regelsatz bezahlen, also von dem Geld, das er u.a. für Nahrung braucht. Nimmt er 100 Euro als Kredit auf, um nicht zu verhungern, so gilt dies als „Einnahme“ und es werden ihm 100 Euro von den ALG-II-Zahlungen abgezogen. Gibt er keine solche Extra-Einnahme an, so glaubt seine Sachbearbeiterin, er würde sein

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vgl. BusinessNews vom 13.4.7., S. 14. Polizeigewerkschaftschef Konrad Freiberg, zitiert in: BusinessNews vom 13.4.7, S. 3. 163 vgl. FR vom 14.6.2007: „Alle unter Kontrolle“ 164 Florian Klenk: Das Recht stirbt zuerst. In: amnesty journal 04/07. S.18. 162

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Einkommen unterschlagen, damit er das ALG-II nicht verliert – also kürzt sie dem Arbeitslosen das gesamte Geld: „Mit der Methode, einem Arbeitslosen erst zu wenig zu zahlen und ihm dann mit der Begründung, davon könne er nicht leben, unangemeldete Nebeneinkünfte zu unterstellen und das ALG-II zu streichen, wird viel Geld gespart.“165 Natürlich kann der Arbeitslose gegen den Bescheid klagen. „Aber bis zu einem Gerichtstermin vergehen bis zu zwei Jahre. Selbst auf Termine im Eilverfahren muss man einen Monat warten. Aufschiebende Wirkung hat die Einreichung der Klage nicht. Wem also das ALG-II gestrichen wird, [...] muss vier Wochen ohne Geld, Miete und selbst ohne Krankenversicherung überstehen, bevor er vor Gericht –vielleicht- recht und damit sein Geld bekommt. Ein Zustand faktischer Rechtlosigkeit, der weidlich ausgenutzt wird.“166 Das würde nun nicht funktionieren, wenn Arbeitslose die Solidarität der Gesellschaft genießen würden. Aber das Gegenteil ist der Fall: BILD hetzt seit Jahrzehnten gegen die „faulen“ Arbeitslose und Sozialhilfe-Empfänger, der Parteichef der SPD empfiehlt ihnen, sich zu rasieren und ein sauberes Hemd anzuziehen -dann würden sie Arbeit finden-, und selbst manche Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden, fühlen sich stark, wenn sie HATZ-IV-Empfänger Schmarotzer nennen. Sogar manche Bedürftige glauben es selber. Es ist für sie leichter, sich selber die Schuld zu geben (und zu hungern) als sich gegen die strukturelle Gewalt zu wehren. Mit dem Machtmissbrauch korrespondiert die neurotische Opfer-Haltung mancher Erwachsener, die unbewusst sogar auf der Suche nach Tätern sind, um deren Opfer zu werden; sie können leicht auch Opfer von sich selber werden...

4.9 Oberwelt? Zur Beschreibung der menschlichen Bewusstseins-Entwicklung bediene ich mich eines Modells, das Ken Wilber von anderen Autoren übernimmt.167 Demzufolge zufolge durchläuft jeder Mensch von neuem alle Wellen in der Spirale des sich entfaltenden Bewusstseins; kein Mensch kann eine dieser Wellen überspringen; jede Welle wird von den nachfolgenden aufgenommen und überstiegen. Jede Welle wird mit einer Farbe gekennzeichnet:  beige – unbedingte Befriedigung der Grundbedürfnisse: Essen, Trinken, Wärme, Sex, Sicherheit; instinktiv.  purpur – magische Geister, Aberglaube, Rituale, Familienbindung, Blutrache  rot – magische Götter/, Macht, Eroberung, Ruhm, Genuss, egozentrisch, wild, gewissenlos  blau – Gesetze, Ordnung, Religion und ethnozentrische (u.U.rassistische) konservative Werte/Sinngebung, Rollen, Konformismus  orange – Aufklärung, Liberalismus, Rationalismus, Wissenschaft, globale Perspektive, Individualismus, Materialismus, Gewinnstreben  grün – Gemeinschaft, emotionale Wärme, Toleranz, universale Menschenrechte, Ökobewegung, Vernetzung, Harmonie, gegen jede Hierarchie (gegen blau)  gelb – flexibel, ; hier beginnt das Bewusstsein vom Zusammenhängen des gesamten Spektrums; die vorigen Wellen werden nicht mehr abgelehnt, sondern zu integrieren versucht. 165

s. Peter Hetzler: HARTZ-IV live. In: KONKRET 4/2007. S. 32. s. Hetzler, KONKRET 4/2007. S.33. 167 s. Ken Wilber: Ganzheitlich handeln. 19ff. Das Modell stammt nach Wilbers Aussage von Clare Granves und wurde weiter entwickelt von Don Beck und Christopher Cowan. 166

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 türkis – holistisch... Diese und alle weiteren, höheren Wellen werden bei Wilber besprochen, sind aber hier nicht relevant, weil sie nur von ca. 0,1% der Bevölkerung erreicht bzw. allenfalls als kurzzeitige Gipfelerlebnisse erlebt werden. Wie bei jedem Modell handelt es sich um eine Vereinfachung und Idealisierung, das durch meine verkürzte Darstellung noch stärker vergröbert wird – deshalb empfehle ich als fundiertere Einführung in die weitaus umfassendere integrale Theorie Wilbers das Buch von Gil Ducommun168 bzw. die Original-Literatur von Wilber selbst. Insbesondere habe ich hier die verschiedenen Strömungen nicht berücksichtigt: Wilber unterscheidet dutzende verschiedener Einzel-Strömungen, in denen sich ein Mensch entwickelt; dies geschieht aber praktisch nie in allen Strömungen gleichförmig, z.B. kann einer in seiner kognitiven Strömung sehr weit entwickelt sein, in seiner sozialen Strömung aber weitaus weniger fortgeschritten – oder umgekehrt.169 Für die Anwendung des Modells gilt es zu beachten, dass diese Wellen nicht als Schubladen missverstanden werden dürfen, in die man Menschen hinein stecken könnte. Vielmehr sind alle Wellen ineinander verquirlt, kommen in fließenden Übergängen, wobei frühere Wellen nicht abgelegt, sondern nur überstiegen werden, während ihre Dynamiken noch wirksam bleiben – so enthält dieses Modell keine Wertung, dass höhere Wellen „besser“ seien als niedrigere. Wenn z.B. Grün Hierarchien bewusst ablehnt, so steckt in dieser Ablehnung doch unbewusst eine hierarchische Wertung (keine Hierarchie sei besser als eine Hierarchie), d.h. in der grünen Welle verstecken sich blaue Prinzipien. Oder das klassische Beispiel, dass ohne beige gar nichts geht: „Erst das Fressen, dann die Moral!“ (Brecht, Dreigroschenoper). Allerdings kann die umgebende Kultur dafür sorgen, dass die früheren Wellen präformiert werden; z.B. neigt ein unkontrolliertes Blau zur Ausbildung von Rassismus; erreicht aber ein Individuum die blaue Welle innerhalb einer orange/grünen Gesellschaft, so wird statt des Rassismus eine andere Hierarchie entwickelt, die sich mit den Menschenrechten von grün verträgt. Doch sind auch Fehlentwicklungen möglich: grün kann blau ganz unterdrücken, oder blau unterdrückt beige (den „bösen“ Sexualtrieb) usw. – jede Welle bis einschließlich grün beansprucht, die einzig legitime zu sein, und diese Verblendung verursacht Pathologien. Erst ab der gelben Multi-Perspektive und den höheren Wellen kommen alle vorigen Wellen wieder zu ihren natürlichen Rechten. 4.9.1

Kopflosigkeit der Kirchen

Der Kampf zwischen dem Glauben und der Vernunft ist entschieden. Alle Macht des Katholizismus konnte die Aufklärung nicht aufhalten. Den Amtskirchen laufen die Mitglieder davon. Der Fortschritt scheint ihr Schicksal zu besiegeln: Kein Bedarf an Religion. Das ist richtig und doppelt falsch. Richtig ist, dass das rationale Denken ein Fortschritt in der Entwicklung der Menschheit ist und den Glauben beiseite fegt. Falsch ist, dass keine Religion mehr benötigt werde. Wenn sich ein Kind gesund entwickeln soll, muss es die blaue Welle durchschwimmen, die seine Anpassung an die soziale Umwelt vollbringt. Doch die Religion spielt bei der Werte-Orientierung von Jugendlichen heute eine untergeordnete Rolle:

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vgl. Gil Ducommun: Nach dem Kapitalismus. Petersberg 2005. vgl. Ken Wilber: Das Wahre, Schöne, Gute.

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Nur 30 % der Jugendlichen bekennen sich in einem kirchennahen Sinne als religiös, indem sie an einen persönlichen Gott glauben. Weitere 19 % glauben an eine unpersönliche höhere Macht. Sie pflegen damit, besonders wenn sie älter werden, einen Glauben, der nur sehr bedingt etwas mit dem Glaubenssystem der Kirchen zu tun hat. Viele Jugendliche sind glaubensunsicher (23 %), besonders unter den jüngeren Jugendlichen. Weitere 28 % meinen konsequent, dass sie weder an Gott noch an eine höhere Macht glauben. Diese Absage an die Religion nimmt, ebenso wie der unkonventionelle Glaube an eine höhere Macht, mit dem Alter zu. Nimmt man alle verfügbaren Daten der letzten Jahre zusammen, dann zeigt sich eine im Wesentlichen unveränderte Einstellung Jugendlicher zur Religion.“170 Jedoch bestehen zwischen den Kulturen große Unterschiede: „Ganz anders sieht es in der Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus. In dieser Gruppe, die zumeist in den alten Bundesländern lebt, hat diejenige »echte« Religiosität, die bei deutschen Jugendlichen inzwischen eher rar geworden ist, noch einen starken Rückhalt. 52 % der ausländischen Jugendlichen glauben an einen persönlichen Gott sowie 44 % der nicht in Deutschland geborenen Deutschen, aber nur 28 % der deutschen Jugendlichen. Besonders häufig an einen persönlichen Gott glauben islamische und christlichorthodoxe Jugendliche, vermehrt aber auch christliche Migranten, die den beiden großen einheimischen Kirchen angehören. Diese ausgeprägte »echte« Religiosität der Migranten schließt aber (ebenso wie bei westdeutschen Jugendlichen) auch einen weit verbreiteten Aberglauben nicht aus (Schicksal, Sterne, Geister usw.).“171 Auch Jugendliche, die mit einem Gott sozialisiert wurden, lernen mit zunehmender Bildung das abstrakte, kritische Denken, wobei der kindliche Glauben verblasst und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass „Gott“ als eine absolut menschliche Erfindung durchschaut wird. Diese Emanzipation des Denkens bringt die orange Welle mit sich. Doch dieser rationalen Welle folgen wiederum eine um die andere postrationale Welle, die das Weltbild wieder verändern. Die Möglichkeit, dass es Gott gibt, kommt wieder in Betracht, nur dass dieser Gott nun ganz anders wahrgenommen wird als der blaue Gott: nicht als irgendetwas da draußen, sondern viel näher, im Inneren – oder ist mein Inneres nicht mit allem anderen verbunden? Die Grenze zwischen Innen und Außen fängt an zu fließen, und irgendwo zwischen oder über allem steckt das Göttliche, das Unfassbare, Zeitlose, Grenzenlose... Die Tragik unserer Kirchen besteht darin, ihre Mitglieder nach dem Austritt aus der blauen Welle verloren zu wähnen. In der Tat werden die Abtrünnigen dann später als gelbe und türkise Bewusstseinsträger nicht mehr die engen Kirchenbänke drücken wie die blauen Zöglinge. Aber sie haben ein neues Bedürfnis nach „spiritueller Lehre“ - keine Moralpredigten, sondern eine Führung in die Mystik, und hier versagen die Kirchen. 4.9.2

Wo geht es weiter nach oben?

Wenn immer weniger Menschen ihr Heil in der Kirche finden – wo finden sie es dann? Viele haben den Glauben an den wissenschaftlichen Materialismus entdeckt (orange). Als nächstes folgt in der normalen Bewusstseins-Entwicklung (Wilber zufolge) eine existenzialistische Phase (grün), die von der Sehnsucht nach Transzendenz (gelb) abgelöst wird, und hier beginnt die „spirituelle Suche“. Egal auf welcher Bewusstseins-Stufe ein Individuum sich befindet – sein Streben nach innerem Wachstum und Vervollkommnung ist Ausdruck seiner menschlichen Würde. 170 171

s. Shell-Jugendstudie /“Keine Renaissance der Religion“ s. Shell-Jugendstudie /“Große religiöse Unterschiede“

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Doch auf jeder Stufe der Bewusstseinsentwicklung wimmelt es vor Fallen und Scharlatanen, die den direkten Weg zur „Errettung“ oder „Erleuchtung“ verheißen. New Age verkauft sich gut. Warum, weil man sich damit besser fühlt: Das Selbstbewusstsein wird gestärkt, man kann sich überlegen fühlen, weil man „viel weiter ist“ als der dumme Rest der Gesellschaft, weil man glaubt, zum kleinen Kreis der Eingeweihten bzw. kurz vor der Erleuchtung zu stehen. Ken Wilber spricht von der „New-Age-Epidemie“, die nach seiner Diagnose daran krankt, dass sie „zum Beispiel Magie und Mythos [die tiefer stehen als die orange Vernunft] auf die psychische und subtile Ebene [auf höhere Bewusstseinsstufen jenseits von gelb] erhebt, Ich und höchstes Selbst verwechselt, prärational als transrational verherrlicht, präkonventionelle Wunscherfüllung mit postkonventioneller Weisheit verwechselt, das Ich auf einen Podest stellt und es Gott nennt.“172 So werden Arroganz und Egoismus gestärkt, wenn auch verbrämt durch die „herzensguten Absichten“ und übersinnliche „spirituelle Erfahrungen“. Aber der buddhahafte Schein von Gelassenheit verdüstert sich, sobald eine ernsthafte Herausforderung zu bewältigen ist, also einfach Disziplin gefragt ist – eine Gelegenheit zum Seitensprung, ein Kind, eine Erbschaft, die zum Streit wird, und das innere Licht weicht den Dämonen der Unterwelt, die ungezähmt für das Ego kämpfen. „Ego gibt also eine Menge Geld für einen Wochenend-Workshop aus, der dem Ego seine ‚Macht’ zurückgibt, indem es erfährt, dass es wirklich Gott oder die Göttin sei. Es bekommt eine neue Konzeption vorgesetzt, über die es nachdenken und die es ‚Geist’ nennen darf. Es wird in das ‚Gewebe des Lebens’ eingebunden, und von dieser bloß mentalen Vorstellung wird ihm die höchste Einheit versprochen. Letztlich liegt dem riesigen Markt der Esoterik-Literatur nur ein drängendes Motivzugrunde: Die Leute wollen hören, dass ihr Ego Gott sei, dass ihre Selbstbezogenheit der Geist sei. Die Selbstbezogenheit bekommt einfach das Etikett ‚Heilig’ überklebt[...]. Ich meine nicht, dass diese Ansätze schlecht oder bösartig oder so etwas seien. Ich meine einfach, dass sie nicht ganz durchdacht sind. Ich meine, dass die Leute keine ausreichende Landkarte des Kosmos haben und deshalb bei ihrem edlen Streben auf Abwege geraten.“173 New-Age-Methoden haben meistens den Fehler, dass sie glauben, die Beschwernisse der Transformation wesentlich erleichtern zu können, indem sie auf der Leiter des Bewusstseins ein paar Stufen außer Acht lassen: Sie versuchen, ohne eine sorgfältige Aufarbeitung und Integration der Unterwelt (den beigen, purpurnen, roten Schattenseiten des Individuums) direkt in die türkis und korallenfarben leuchtende Oberwelt gelangen zu können – das kann punktuell sogar gelingen, doch lauern in den herrlichsten Zuständen von Freiheit, Visionen und Gelassenheit immer noch die Fallen der ungebändigten Unterwelt, die man glaubte, „mit dem Atmen des Universums“ längst überwunden zu haben. Derselben Illusion verfallen die Konsumenten von Drogen – allerdings wissen Drogenabhängige meistens, dass ihr Weg eine Sackgasse ist.

4.10 Anachronistische Generationenverträge Jedem ist bekannt, dass unsere bewährten Generationenverträge bald versagen werden. Das System kann nicht mehr funktionieren. 172 173

s. Ken Wilber: Einfach „Das“. S. 175. ebd., S. 131.

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1. Es setzt eine bestimmte Relation von Jung und Alt voraus; doch dem „Berg“ der Alten und immer älter werdenden wird die nächste Generation nicht mehr gewachsen sein. 2. Durch die Globalisierung ist der hohe Preis unserer Arbeitskräfte nicht mehr aufrecht zu erhalten; der Arbeitsgeber-Anteil an den Sozialleistungen wird Stück für Stück gekürzt. Nun wird in der öffentlichen Diskussion der Irrtum befördert, dass wir nur einfach mehr Kinder bräuchten, um unsere Renten zu retten. Das aber ist eine Illusion, aus zwei Gründen: Erstens schreitet die Produktivität weiter voran, so dass trotz eines anzunehmenden Wirtschaftswachstums gar nicht all die Kinder, die die Politiker angeblich wünschen, einen Arbeitsplatz erhalten würden. Zweitens würde jede, die einen Arbeitsplatz hat, einen immer kleiner werdenden Anteil zum Sozialsystem beitragen können – bei der derzeitig absehbaren Tendenz würde der Arbeitgeber-Anteil daran irgendwann auf Null sinken, und der Arbeitnehmer wäre überfordert, diesen Rückgang allein auszugleichen. Warum wird nun aber die Illusion genährt, dass eine höhere Geburtenrate unser Problem lösen würde? Weil man damit so tun kann, als sei das Problem nicht anders zu lösen als mit einer privaten Absicherung, sei es in Form von Kapitalanlagen oder in Form von eigenen Kindern, denen man auferlegt, dass sie persönlich für ihre Eltern werden aufkommen müssen. Damit würde sich die Wirtschaft endgültig aller sozialen Verantwortung entledigen. Zugleich würde unsere Kultur zurückfallen auf den Stand der Ackerbaugesellschaft, in der Reichtum gleichbedeutend mit Kinderreichtum ist: Je mehr Kinder ein Paar hat, desto besser ist sein Alter gesichert. Und wer keine Kinder hat? Selber schuld. Ich halte es für einen Fortschritt des 19. Jahrhunderts, dass der Mensch von diesen Zwängen der Existenzsicherung befreit wurde. Wer Kinder bekommt, tut dies nicht aus Not oder Gehorsam, sondern aus ethisch höher stehenden Motiven: Um einem neuen Leben die Chance auf Selbstverwirklichung zu geben, ihm die eigene Kultur, Freude und Weisheit weiter zu geben. Egal wer und wie die Eltern sind, jedes Kind ist ein Mensch mit voller Würde. Doch für die Gesellschaft und auch für das Kind selber ist es nicht egal, ob die Eltern dieses Kind lieben, ob sie bereit sind, auf bestimmte Dinge zu verzichten (z.B. Rauchen), ob sie überhaupt für das Kind da sind und wie sie es erziehen. Ob das Kind zu einem verantwortungsvollen Mitbürger oder zu einem Sozialfall wird, ob es Toleranz entwickelt oder fundamentalistisch denkt, das hängt unter anderem davon ab, warum seine Eltern es auf die Welt gebracht haben. Unverantwortlich ist es, Menschen dazu zu drängen, Kinder zu bekommen. Ein freier Mensch entsteht aus freien Stücken! „Egoistisch ist, wer keine Kinder will“, ist ein verbreiteter Vorwurf. Nun, da ist etwas dran. Aber wenn es so ist, dann müssen wir den Menschen die Freiheit lassen, reifer zu werden – oder eben auch egoistisch zu bleiben. Zumal diese Form des Egoismus auch sachliche Gründe hat, die in den Gesetzen unseres Systems liegen. Wie jeder weiß, werden Eltern beruflich benachteiligt und finanziell dauerhaft gebeutelt. Es gilt, hier für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Ansonsten sehr ich in einer niedrigen Geburtenrate eher eine Entlastung. Denn das Problem ist die hohe Geburtenrate der Weltbevölkerung.

4.11 Deutsche und Ostdeutschland Wer sind eigentlich diese „Deutschen“? - „Das deutsche Volk“ ist natürlich eine Fiktion, ein Mythos, den vor allem die Nazis benutzt haben. Es existierte nie. Was wir haben, sind zahlreiche Kulturen und Subkulturen, die sich nur sprachlich in einem hohen Maß vereinheitlicht haben – aber nur in dem Sinne, dass fast alle die gleichen

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Fernsehprogramme verstehen können. Ansonsten unterscheiden sich sprachliche und soziale Kompetenzen eklatant. Immigranten sprechen zum Teil besser Deutsch als Deutsche. Ebenso klaffen die Weltanschauungen auseinander – stabile Minderheiten stehen die abseits von unserem Grundgesetz: Sie verneinen elementare Grundrechte (z.B. bzgl. Todesstrafe, Folter, Asylrecht, Rassismus, Sicherung des Existenzminimums), sind empfänglich für rechtsradikales Gedankengut. Die verschiedenen Kulturen haben sich räumlich getrennt bzw. erst gar nicht vermischt, sie sind voneinander abgegrenzt nach Stadtteilen, und allgemein nach Ost und West. Deutschland existiert als Territorium, aber damit hört die Gemeinsamkeit schon auf. Die ostdeutschen Bundesländer nun hängen nicht nur am Tropf westlicher Finanzströme, sie sterben auch schneller aus. Doch bis das Gebiet neu besiedelt werden kann, gibt es einige Probleme: „Selbst die Polizei hat mancherorts aufgegeben“, meldet der SPIEGEL.174 Der „erschütternde Alltagsrassismus“ bringe „No-Go-Areas“ hervor. Nun, ich will meinen Zynismus gegen Ostdeutsche sogleich zurücknehmen. Meine Absicht ist es, zu illustrieren, dass Ressentiments die zwei Teile unseres Landes trennen. Also, hier die andere Seite: Die Westler haben die Menschen aus der DDR erst gelockt, dann abgewickelt, sich selber die Taschen gefüllt und die Leute auf der Straße sitzen gelassen. Keine demokratische Partei wollte das ostdeutsche Volk vor diesem Raubzug schützen. Indes haben die hier dargestellten Vorurteile durchaus reale Hintergründe. Die „Mauer in den Köpfen“ ist zwar bröckelig, aber noch lange nicht abgetragen: „Die Einheit [Deutschlands] schließt bis in die Gegenwart nicht nur zunehmende Gemeinsamkeiten, sondern zugleich das Unterschiedliche, das Anderssein und Andersdenken ein. Alle Bemühungen, eine Angleichung um jeden Preis zu beschwören, ignorieren die unterschiedlichen [...] Sozialisationen ebenso wie die Realitäten [...] unterschiedlicher Lebensverhältnisse.“175 Was aber ist die Ursache dafür, dass die Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland wesentlich stärker ausgeprägt ist? Die These, dass die autoritäre bzw. intolerante DDR-Erziehung daran schuld sei, ist nicht zu halten, da der Rassismus bei der Jugend besonders ausgeprägt ist. Vielmehr spielt die Quote der Nichtdeutschen eine Rolle: In Westdeutschland leben ca. 10% Nichtdeutsche, im Osten nur 2%. Eine sozialpsychologische Studie176 zeigt, dass die Fremdenfeindlichkeit gerade dort begünstigt wird, wo es wenige Fremde gibt – also im Osten, und besonders in ländlichen Gebieten. Warum? Weil persönliche Kontakte und 174

SPIEGEL-online, 24.5.2006. s. Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Berlin-Brandenburg: Sozialreport 2006. Berlin 2006, S.3. 176 “Surveys show that respondents from East Germany consistently show higher levels of ethnic prejudice than respondents from West Germany. Comparable differences can be found in statistics on crimes and violence against ethnic minority members. On the basis of three surveys (ALLBUS, 1996, N = 2893; Shell Youth Study (Deutsche Shell), 2000, N = 3560; and our own survey of school students, N = 769), the hypothesis that this difference can be largely explained by contrasting interethnic contact opportunities and experiences is tested and supported. Demographic data show that living in the Eastern or Western part of Germany offers differential opportunities for contact with foreigners. Structural equation analyses reveal that this difference, in turn, influences the number of foreigners in the neighborhood or classroom. As a consequence of these varying opportunities for contact, respondents report marked differences in more intimate and personal contact—such as having foreign friends or experiencing contact of personal importance. Foreign friends and importance of contact proved to be the relevant proximal contact variables that reduce ethnic prejudice. Beyond the German context, these results point to a more inclusive model of intergroup relations.” (s. Ulrich Wagner, Rolf van Dick, Thomas F. Pettigrew, Oliver Christ: Ethnic Prejudice in East and West Germany: The Explanatory Power of Intergroup Contact. In: Group Processes Intergroup Relations.2003. S. 22, Abstract.) 175

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Freundschaften mit Nichtdeutschen solche Vorurteile abbauen bzw. gar nicht erst entstehen lassen. Ein Computermodell, das mit allen unseren statistischen Daten gefüttert wird, liefert unter der Prämisse, dass es im Osten ebenfalls 10% Ausländer gäbe, das Ergebnis, dass dann die Fremdenfeindlichkeit in Osten in etwa genauso niedrig wäre wie im Westen. Im Grunde genommen unterscheiden sich die Deutschen in Ost und West hinsichtlich ihres Hanges zum Rassismus also nicht. Ein zweiter Faktor, der rechtsradikales Denken im Keim erstickt, ist eine gute Allgemeinbildung. Fatal für Ostdeutschland ist jedoch die Abwanderung gutgebildeter junger Menschen, vor allem Frauen, die ihre berufliche Zukunft im Westen finden. So beginnen sich mit dem Frauen- und Bildungsmangel allgemeine Unbildung und persönliche Missbildung im Osten zu konzentrieren. Und was ist die Quelle des Rassismus? Vorurteile beruhen eben nicht auf eigener Erfahrung. Stattdessen werden sie vermittelt. Hierbei spielen die Massenmedien eine entscheidende Rolle: Fernsehen, BILD und ähnliche Medien verbreiten subtile Ressentiments gegen Ausländer, und nicht zuletzt fließt auch Propaganda rechtsradikaler Parteien in ihre Berichterstattung ein (wenn nicht sogar rechtsradikale Führer im Fernsehen zu Wort kommen). Wenn zudem reale Beziehungen zu Nichtdeutschen fehlen und die Bildung sehr zu wünschen übrig lässt, haben wir den übelsten Nährboden für Rassismus und Rechtsextremismus. „Der Schoß, aus dem das kroch, ist fruchtbar noch!“

4.12 Globale Probleme Dies ist nicht der Ort, einmal mehr die bedrückenden Probleme der Menschheit zu erörtern, wohl aber, sie zu erwähnen, da letztlich jeder Mensch davon betroffen sein wird. Ausgehend von Rischard177 zähle ich 20 globale Probleme auf, die in drei Kategorien gegliedert sind; es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit: A) Zusammenleben auf unserem Planeten A1) Erderwärmung und Energieversorgung A2) Artensterben und Umweltbelastungen A3) Entsorgung radioaktiven Mülls A4) Verschmutzung der Meere A5) Überfischung A6) Abholzung der (Ur-)Wälder A7) Wasserknappheit B) Solidarität und Menschenwürde B1) Armut und Flucht B2) Kriege und Terrorismus B3) Bildung für alle B4) Infektionskrankheiten B5) Katastrophenprävention und –Hilfe C) Gemeinsame Regeln C1) Ein neues Steuersystem C2) globale Finanzarchitektur C3) Handel, Investitionen und Wettbewerb 177

Ich habe Rischards Liste leicht modifiziert (vgl. Rischard 2003, S. 75).

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C4) Umgang mit Atomtechnologie, Biotechnologien und Nanotechnologien C5) Drogenanbau und -Handel C6) Patentrechte, Urheberrechte C7) Organisierte Kriminalität C8) Arbeitnehmerrechte und Migration Diese Probleme entwickeln sich dank mancher Gegenmaßnahmen sicherlich nicht so dramatisch, dass apokalyptische Szenarien angebracht wären (wie z.B. in dem wissenschaftlich unhaltbaren Film „The Day after Tomorrow“).178 Doch sollte sich keiner zurückzulehnen und allzu sicher fühlen. Ich denke, dass wir Deutschen im großen und ganzen ein ausgewogenes Verhältnis an Sorge und Gelassenheit besitzen. Das heißt aber nicht, dass ich mit unserer Bundesregierung zufrieden wäre. Sie müsste sehr viel beherzter handeln, um ihrer globalen Verantwortung gerecht zu werden. Schließlich möchte ich betonen, welchen großen Stellenwert Zivilgesellschaften besitzen, um lokalen wie auch globalen Problemen zu begegnen. Jede kennt Umweltschutz- oder Menschenrechts-Organisationen, die hervorragende Erfolge erkämpft haben. Weniger bekannt sind zivile Erfolge auf anderen Gebieten, zum Beispiel für den Frieden: „Uri und Rachel Avnerys israelische Friedensinitiative Gush Shalom, die 2001 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, macht deutlich, wie vielfältig Friedensarbeit sein kann. Zu ihrer Arbeit gehört es: - die vom israelischen Militär zerstörten Häuser palästinensischer Bürger wieder mit aufzubauen; - [...] stellvertretend die Oliven der Bauern zu ernten, die von Soldaten und Siedlern am Betreten ihrer Felder gehindert werden; - die von Siedlern auf palästinensischem Gebiet produzierten Waren zu boykottieren“ „Ein anderes mutiges Beispiel sind die Internationalen Friedensbrigaden(PBI) [...] Zu ihren Aktivitäten gehört zum Beispiel die ständige Begleitung von Personen, die von Attentaten bedroht sind sehr erfolgreich praktiziert in Guatemala, El Salvador und Sri Lanka. Dazu gehört aber auch die ganz physische Intervention, sich als dritte Partei zwischen die Fronten zu stellen, um Gewalt zu verhindern. Eine weitere Aufgabe ist die Rolle von internationalen Beobachtern, welche die Konfliktparteien daran erinnern, dass die Welt zuschaut. Unschätzbaren Wert haben auch die Friedensseminare, in denen gewaltfreie Kommunikation und aktives Zuhören als Mittel der Konfliktlösung gelehrt werden. All diese Ansätze zeigen, dass die Zivilgesellschaft zahlreiche Möglichkeiten hat, in bewaffnete Konflikte einzugreifen, die Gewalt zu reduzieren und Frieden zu verbreiten.“179

178

Björn Lomborg hat ein anscheinend gut recherchiertes Buch geschrieben, das hilft, eine übertriebene Emotionalisierung zu vermeiden (vgl. Björn Lomborg: Apocalypse No! Verlag: Zu Klampen, 2002). Der Autor zeigt auf der Basis statistischer Aussagen, dass die Litanei (auch von Umweltschützern), dass alles immer schlechter werde, in vielen Fällen falsch ist. Jedoch krankt das Buch daran, dass es die Welt ausschließlich durch die Brille der Zahlen sieht. Es gibt qualitative Veränderungen, über die keine Statistik hinwegtrösten kann, z.B. das Aussterben des Tigers oder der vermeidbare Tod von Menschen. Im übrigen können selbst statistisch aufwändige Modelle die Zukunft nicht voraussagen (z.B. beim Treibhauseffekt). Um die Zukunft zu sichern, müssen wir sowohl quantitative Daten als auch qualitative Einschätzungen und Bewertungen berücksichtigen. 179 Sulak Sivaraksa: Politische Spiritualität. Engagierter Buddhismus und gewaltfreie Aktion. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein [Hg.]: Projekte der Hoffnung. Der Alternative Nobelpreis: Ausblicke auf eine andere Globalisierung. München 2006. S.188f.

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Ebenso, wie regionale Konflikte Kriege und Terrorismus schüren können, helfen Friedensinitiativen, egal ob regional oder lokal, dieses globale Problem einzudämmen.

4.13 Verfassung der EU: auf den Trümmern der Demokratien? Die EU ist Ausdruck von Frieden und Stabilität in Europa. Allerdings ist die EU vor 50 Jahren nicht aus dem demokratischen Willen der Völker zur Vereinigung hervorgegangen, sondern aus den ganz unterschiedlichen Motiven, die die Machthaber hatten: wirtschaftliche Interessen, Gehorsam gegenüber den USA (Marshallplan), und schließlich das Ideal, den alten Feindschaften den Boden zu entziehen und die Völker zu verbinden. Die praktische EU-Politik indessen ist von Lobby-Interessen dominiert. Das einzige direkt gewählte Organ, das Europäische Parlament, ist ein Anhängsel eines überwiegend technokratischen Apparats: „Das Europäische Parlament besitzt, mehr als 25 Jahre nach seiner ersten direkten Wahl 1979, immer noch nicht die Rechte eines wirklichen Parlaments.“180 Hinter der demokratischen und sozialen Fassade ist Europa vor allem ein Marktplatz, auf dem die Konzerne nicht nur schrankenlos produzieren und verkaufen, sondern auch ihre Interessen in Form von Richtlinien und Normen durchsetzen können: „ Auf europäischer Ebene konkurrieren die einzelnen Länder um die Unternehmen, die in geradezu erpresserischer Art und Weise von der Politik im Sinne einer Standortkonkurrenz kapitalfreundliche Verwertungsbedingungen verlangen und nur noch auf das Ziel Profitmaximierung ausgerichtet sind. [...] In der EU gibt es auch während des gegenwärtigen bescheidenen Konjunkturaufschwungs keine ernsthaften Versuche, die anhaltenden sozialen Probleme – weiterhin hohe Arbeitslosigkeit, steigende Armut, zunehmende Ungleichheit – mit neuer Entschlossenheit anzugehen.“181

Die Institutionen und die Bürokratie der EU scheuen Transparenz und Öffentlichkeit. Sogar der EU-Verfassungs-Konvent arbeitete zum Teil hinter verschlossenen Türen. „Der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Junker hatte dies in seinem Verdikt auf den Punkt gebracht, wonach der ‚Konvent die dunkelste Dunkelkammer war’, die er je zu Gesicht bekommen hat.“182 Der Verfassungsentwurf wurde in zwei Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden abgelehnt; eine dritte Abstimmung wurde daraufhin abgesagt. „Sozialdemokraten und GRÜNE trauern dem Verfassungsvertrag hinterher, der angeblich ein Mehr an Demokratie, ein sozialeres und sicherheitspolitisch eigenständigeres Europa gebracht hätte. Es soll in diesem Band gezeigt werden, dass dies Legenden sind. In Deutschland durchschaute das vor allem die Friedensbewegung. Und dort, wo Referenden stattfanden, war es die Linke, die mit Nein stimmte. Der Wirtschafts- und Sozialpolitik der EU sprach sie ihr Misstrauen aus. Will man eines Tages ein Datum bestimmen, ab wann die neoliberale Orientierung in Europa in die Krise kam, wird man sich der Tage Ende Mai und Anfang Juni 2005 in Paris und Den Haag erinnern.“183

180

s. Andreas Wehr: Das Publikum verlässt den Saal. Nach dem Verfassungsvertrag: Die EU in der Krise. Köln 2006. S. 198. 181 s. Arbeitsgruppe Alternativer Wirtschaftsrat. Memorandum 2007. In: FR vom 27.4.7. 182 s. Andreas Wehr 2006. S.110. 183 ebb., S.8.

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Anstatt nun zu versuchen, die soziale und demokratische Entwicklung der EU nachzuholen, drängen die Bundesregierung und andere Führungen darauf, vom durchgefallenen Verfassungsentwurf „den guten Kern“ zu retten und in einem zweiten Anlauf in Kraft zu setzen Doch dieses „Gute“, nämlich die Effizienzsteigerung der EUGremien, ist nicht gut an sich, denn es kommt auf den Kontext an: Wenn man ein Messer schärft, muss man dazusagen, was man schneiden will, sonst kann man nicht wissen, ob es „gut“ ist. Wenn also die EU-Verfassung der Verankerung demokratischer Strukturen dienen sollte, würde ich sie gutheißen; doch dient der derzeitige Entwurf eher der Zementierung ökonomisch-politischer Machtstrukturen: „Der Kern des gescheiterten Verfassungsvertrags besteht aus einem beispiellosen Programm der Konzentration und Straffung der EU-Gremien, der Effektivierung und Verschlankung der Entscheidungsprozesse und der Stärkung der Einflussmöglichkeiten der großen auf Kosten der kleinen und mittleren Mitgliedsländer. In ihm wird eine neue europäische Hegemonialordnung sichtbar.“184 Es gelte, zu verhindern, „dass ‚Europa auf den Trümmern der Demokratie’ errichtet wird.“185 Wenn man die Inhalte bereits beschlossener EU-Richtlinien und Verträge betrachtet, wird deutlich, wohin die EU-Politik führt – das Beispiel des Entwurfs der „Dienstleistungsrichtlinie“ hat vielen die Augen geöffnet: „Von der arbeitenden Bevölkerung wird die Politik der einstmals mit so viel Hoffnung betrachteten Europäischen Union immer stärker als Bedrohung empfunden. Es schwindet die Erwartung, auf sie noch wirksam Einfluss nehmen zu können. Auch deshalb geht die Beteiligung an den Wahlen zum Europäischen Parlament von Mal zu Mal zurück. Immer schwieriger sind Volksabstimmungen über europäische Fragen zu gewinnen. Immer häufiger wird der Mechanismus durchschaut, mit dessen Hilfe die politische Klasse auf nationalstaatlicher Ebene nicht durchsetzbare unsoziale Maßnahmen auf dem Umweg über Brüssel fast geräuschlos exekutiert. Das Ausbleiben des nunmehr seit Jahrzehnten, vor allem von Sozialdemokraten und Gewerkschaften versprochenen ‚sozialen Europas’ lässt diese Parole wertlos werden. Immer besser wird hingegen verstanden, dass Widerstand auch gegen europäische Entscheidungen auf der [national-]staatlichen Ebene erfolgreich sein kann, da er nur hier über eine ausreichende Öffentlichkeit und einen demokratischen Raum verfügt.“186 Sicherlich verfolgt die EU auch erfreuliche Ansätze. Z.B. strebt der Europäische Rat an, bis 2012 die Bürokratie soweit abzubauen, dass für die Wirtschaft 25% ihrer Bürokratiekosten entfallen würden – das wären EU-weit 150 Milliarden Euro, die pro Jahr eingespart würden. Aber auch die Lissabon-Strategie versprach vieles (u.a. die Steigerung der Bildungsausgaben von 2,2% auf 3% des BIP), was nicht gehalten wurde.187 Schlechterdings wäre Europa ohne EU in vielen Bereichen rückständiger, z.B. bei der Verwirklichung von Menschenrechten, Umweltschutz, freiem Handel u.v.a.m. Beispielsweise ist es eine Schande für Deutschland, dass die EU uns zu umweltfreundlicheren Abgas- oder Feinstaub-Grenzwerten oder auch zum Verbot von Tabakwerbung zwingen muss – und dass sich unsere Regierung dagegen wehrt. Allerdings bleibt der Fortschritt der EU nicht von Rückschlägen verschont: So bekommen nach der 184

. ebd. Ingeborg Maus: Die Errichtung Europas auf den Trümmern der Demokratie? Zur Verteidigung der alten Verfassungsprinzipien des „alten“ Europa. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 6/2005, S. 679. Zitiert bei: Andreas Wehr 2006. S. 202. 186 ebd., S. 190f. 187 vgl. Informationen zur politischen Bildung. Heft 294: Staat und Wirtschaft. 1.Quartal 2007. S.54f. 185

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neuen EU-Öko-Verordnung ab 2009 auch solche Lebensmittel das Öko-Siegel, die mittels chemischer Pestizide produziert werden oder auch gentechnisch veränderte Stoffe enthalten. Nach wie vor darf die Verbraucherin staatlichem Schutz nicht trauen und ist auf private Siegel angewiesen (Demeter, bioland usw.). Vor allem brauchen wir die EU, um den Nationalismus endgültig zu überwinden. Ich sehe keine humane Alternative als über die EU zur globalen Gesellschaft heranzuwachsen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der „europäische Gedanke“ zu scheitern droht, solange nicht versucht wird, die EU auf demokratischer Grundlage zu entwickeln.

4.14 Zusammenfassung und Ausblick Setzen sich die skizzierten Tendenzen fort, so müssen wir befürchten, dass in zwanzig Jahren Demokratie und Wohlstand ihrer Grundlagen entbehren – die natürlichen Lebensgrundlagen werden verwüstet und die Menschen schwinden, und zwar Menschen, die ganzseitige oder sogar mehrseitige Texte verstehen und sogar verfassen; Menschen, die sozial denken, die ethisch argumentieren und Probleme zweiseitig erörtern; Menschen, die erfinden oder studieren; und schließlich Erwachsene, die Beziehungen führen, eine Partnerschaft gedeihen lassen und Kinder gut erziehen. Selbst bei bleibendem materiellen Wohlstand verarmen wir: -

Das geistige Niveau, Phantasie und Kreativität werden durch die Primitivität der Massenmedien betäubt., Kultur und Tradition werden auf Klischees reduziert.

-

Das Erleben von Liebe und Sexualität verflacht.

-

Der emotionale und geistige Reichtum, den Kinder mit sich bringen, schwindet mit ausbleibenden Kindern dahin.

An Kritik und Warnungen fehlt es uns nicht; es bilden sich sogar zivilgesellschaftliche Netzwerke, um die Probleme anzugehen und eine „neues Denken“ auf den Weg zu bringen. Doch haben diese Netzwerke nur wenig Einfluss im Vergleich zu den etablierten und unerschütterten globalen Machtstrukturen. Eine Krankheit ist eine Krise, die entscheidet, ob ein Organismus überleben oder sterben wird. Eine Organisation kann zusammenbrechen, ohne dass Menschen dabei sterben. Ein Staat kann untergehen, ohne dass ihm viele nachtrauern - 1989 haben wir das erlebt. Die Krise der BRD hat angefangen. Mit einer linearen Politik wird sie sich nicht behaupten können. Nichtlineare Maßnahmen sind vonnöten, denn: “Wir können Probleme nicht mit den Denkmustern lösen, die zu ihnen geführt haben.” Albert Einstein

Wenn wir zurückblicken, in welchen Verhältnissen Deutsche vor 100 Jahren gelebt haben, können wir es uns nicht mehr vorstellen: Ein wirklicher Kaiser regiert, Obrigkeit und Militär genießen die breite Zustimmung, und das Volk schreit Hurra, als der Kaiser ihm seinen innigsten Wunsch erfüllt: Krieg! Hurra, endlich Krieg! - Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts war eine Geschichte der Verblendung. Zwei Weltkriege und zwei totale Zusammenbrüche waren erforderlich, um der Freiheit den Weg zu bahnen. Wie werden unsere Nachfahren in 100 Jahren über unsere Zeit denken? Ich hoffe, ihnen wird unser Zeitalter genauso unglaublich erscheinen: Ein ungebändigter Kapitalismus verschlingt die Erde, während Atomtechnologie, Kriege und Umwelt-Krisen die Menschheit bedrohen. Derweil lassen sich die Deutschen von ihren Bildschirmen

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berieseln. Die Geschichte des 21. Jahrhunderts ist eine Geschichte der Verirrung in virtuelle Welten. Muss die Welt untergehen, bis wir merken, was real ist? Und wenn der Untergang von Natur und Kultur real ist, wie können wir unserem vermeintlichen Schicksal entgehen?

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5 Dringlichkeit Ich schreibe dieses Buch nicht zum Vergnügen; es strengt mich an, es kostet mich Freizeit, und ich verspreche mir keinen persönlichen Gewinn davon. Ich schreibe, weil es dringlich ist, dass wir die Dinge verändern. Viele Menschen halten es für selbstverständlich, was wir uns leisten: Autos, Flachbildschirme, Flugreisen usw. Sie verdrängen, dass das alles gefährdet ist. Wir können froh sein, wenn wir in Zukunft eine Wohnung haben, genug zu essen und eine ärztliche Versorgung. Es ist auch kein Naturgesetz, dass wir unsere Meinung sagen können, ohne verhaftet zu werden. Die Naturgesetze werden wir eher gegen uns haben: Sie rächen mit unerbittlicher Konsequenz die Umweltsünden, die wir immer noch im Übermaß begehen. Keine Überschwemmung macht Halt vor unserem stolzen Weltkulturerbe, kein Orkan würdigt menschliche Paragraphen. Viele glauben, es könne einfach so weiter gehen, mit ein paar kleinen Korrekturen; wir streiten, ob es schlecht ist, wenn in einem Bundesland das Rauchen ein bisschen weniger verboten ist als in einem anderen. Das ist ein Theater, das unsere Aufmerksamkeit in unverantwortlicher Weise abzieht von den wirklichen Bedrohungen. Der größte Teil der Welt versinkt in Chaos und Unrecht. Etwa 50 Kriege und bewaffnete Konflikte machen das Leben auf diesem Planeten zur Hölle. Wir überlegen uns die besten Kapitalanlagen. Die Spiegel der Meere steigen, die Fluten rollen auf die Kontinente zu. Wir schauen Fernsehen, und wenn es eine große Katastrophe ist, zücken wir mal das Portemonnaie. Die Finsternis des Fundamentalismus umkreist uns, und wir haben Verständnis für jeden Kulturunterschied. Die halbe Menschheit hungert, Kinder sterben an nichtigen Krankheiten. Wir finden es ökologisch, Rapsöl in den Tank zu kippen, und drücken auf das Gaspedal. Wohin sollten wir denn flüchten, wenn unser Land mit einer radioaktiven Wolke überzogen wird? Wo finden wir Erbarmen, wenn eine Finanzkrise oder ein Börsenkollaps massenhaft Arbeitsplätze vernichtet, eine Inflation plötzlich unsere privaten Rentenfonds auffrisst? Es geht mir nicht darum, Panik zu schüren, aber eine gesunde Portion Angst sollten wir schon empfinden, denn ohne Angst sind wir abgestumpft, sehen weder Notwendigkeit noch Dringlichkeit, etwas zu ändern. Als ein hoch entwickeltes Land haben wir eine besondere Verantwortung für die Welt. Wenn die USA versagen, ist das keine Entschuldigung dafür, dass wir nichts tun. Im Gegenteil, wir müssen uns doppelt anstrengen. Wir müssen verantwortliche Ziele setzen und mit allem Nachdruck verfolgen. Wir können ein Modell werden, zum Beispiel für Umweltpolitik, ein Vorbild, so wie Finnland ein Vorbild für das Schulsystem ist. Wer meint, es beim überkommenen System Kohl/Schröder/Merkel belassen zu können, verurteilt uns zum Wahnsinn. Ich liebe meine Frau, ich liebe mein Kind; wir wollen noch mehr Kinder in diese Welt setzen – aber wie können wir das guten Gewissens tun? Jedes Kind kommt als vollkommen unschuldige Seele auf die Welt. Es hat unermessliche Reichtümer zu geben, und es hat die natürliche Erwartung, geliebt zu werden. Hier beginnt die Tragödie menschlichen Daseins. Die Liebe, die so geschaffen ist, dass sie nie ausgeht, diese Liebe, die sich vermehrt, wenn sie gegeben wird, diese Liebe, die Kinder so selbstverständlich ausstrahlen, sie wird von Erwachsenen zurückgehalten. Wie oft verbergen Eltern ihre Liebe voreinander, wie oft behandeln sie ihre Kinder kalt und lieblos? Wie oft missachten Lehrer die Bedürfnisse der Kinder, wie oft werden Kinder bestraft für ihre Lebendigkeit? Jedes Mal zählt! Kinder verlieren ihre Unschuld, wenn sie

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versuchen müssen, diese Liebe doch noch zu bekommen – sei es durch Anpassung, Manipulation oder Provokation; die schwache Seele des Kindes verhärtet und erkaltet mit jeder Erfahrung von Demütigung, Misshandlung und Missbrauch. Kinder können daran zugrunde gehen. Erwachsenen, die das spüren können, bricht es das Herz. Was auch immer wir tun, wir sollten es mit Liebe tun. Auch unser Land braucht Liebe; Liebe ist aktive, fördernde Zuwendung – wir müssen uns darum kümmern! Zunächst müssen wir unweigerlich ein paar Antworten geben. Als erstes: Wohin geht die Reise?

6 Der nächste große Schritt: Die Informationsgesellschaft Die organisierte Informationsgesellschaft setzt zweierlei voraus: materiellen Wohlstand, d.h. einen gesicherten Lebensstandard, und eine soziale Verantwortung der Mehrheit ihrer Mitglieder, die über die instrumentelle Vernunft hinausgeht. Eine maßgebliche Zahl von Menschen müsste den Prinzipien Vertrauen, Solidarität und Integrität folgen. Das entspricht einem mentalen Evolutionsschritt, der vergleichbar ist mit der Aufklärung, in der die Vernunft den dogmatischen Glauben ablöste. Nun geht es darum, dass das Mitgefühl die Vernunft transzendiert. Abermals befinden wir uns mitten in der „Umwertung“ zentraler Werte: „Im Zeitalter des Marktes war Freiheit als Autonomie definiert. Man ist insofern frei, wie man nicht vom anderen abhängig ist. Um unabhängig zu sein, braucht man Eigentum. [...] Netzwerke definieren Freiheit ziemlich entgegengesetzt. Die Freiheit sichert man sich durch Zugehörigkeit, nicht durch Besitz. Um dazuzugehören, braucht man Zugang. Dank des Zugangs erfreut man sich der Freiheit, die aus der Inklusivität kommt. Freiheit findet man in gemeinsamen Beziehungen und nicht in Isolation. Wenn Freiheit die Macht bedeutet, das eigene Potential in dieser Welt voll zu entfalten, realisiert man es dann, indem man sich von anderen abschottet, oder indem man Bindungen zu ihnen auf einem gemeinsamen Tätigkeitsfeld knüpft?“188 Mit Rifkin bitte ich den Leser, zu entscheiden, welcher Wert letztlich mehr zählt: Unabhängigkeit oder Bindung? Der „Totenbetttest“ erleichtere die Wahl. Wer sich vorstellt, dass er in seinem Sterbebett liegt und auf sein Leben zurückblicken muss, der kann ahnen, was hier wirklich wichtig ist. Misstrauen, Abschottung und Einsamkeit werden spätestens im Sterben bereut. Warum leben wir nicht so, als stünde uns die letzte Stunde bevor? Warum richten wir uns nicht nach den Werten, von denen wir wissen, dass wir in Frieden mit ihnen sterben können? Warum fangen wir nicht damit an, in den Familien und an der Arbeit nach diesem Prinzip zu handeln? „Märkte basieren auf Misstrauen, Netzwerke auf Vertrauen. Märkte basieren auf Eigeninteresse, Netze auf gemeinsamen Interessen. Auf Märkten behält man Abstand, Netze sind intime Beziehungen. Auf dem Markt herrscht Wettbewerb, im Netz Kooperation.“ (S.211) Eingedenk der Erfahrung, dass die Aufklärung nicht nur Wohltaten vollbracht hat, sondern in ihrer Dialektik auch instrumentelle Vernunft, Technokratie und totalitäre Systeme, sollten wir uns fragen, welche Risiken in der neuen Informationsgesellschaft liegen, denn hier lauert, je höher wir steigen, desto tiefer die Barbarei! 188

s. Rifkin 2004, S.211

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Das Motiv für Vernetzung ist keineswegs immer ein einschließendes, verbindendes Prinzip wie Mitgefühl und Solidarität. Wie die Entwicklung der transnationalen Konzerne zeigt, dominieren hier Überlebensstrategien, die darauf dringen, nützliche Verbindungen herzustellen, um Autarkie und Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, so dass die durch Kooperation gewonnene Kraft dazu dient, sich global durchzusetzen, große Konkurrenten auszuschalten. Das stärkste, ausgereifteste Netzwerk wird übrig bleiben und eine Monopolstellung erreichen – nicht zum Vorteil der Menschheit, sondern zum Vorteil der Mitglieder des Netzwerkes. Im privaten Bereich ist eine ähnlich Entwicklung zu beobachten – jedenfalls in den USA, die Rifkin in diesem Punkt als abschreckendes Beispiel referiert: Wohlhabende Grundeigentümer verbünden sich, bilden ein Netzwerk, um ihr Wohngebiet vor Kriminalität zu schützen, zu umzäunen, zu bewachen, Sicherheitsdienste zu beauftragen, die Grenzen ihres Stadtviertels zu bewachen und nur Menschen einzulassen, die eine spezielle Legitimation vorweisen können. Hier wird nicht Kriminalität bekämpft, sondern es werden wieder Burgen gebaut, die ihre „Bürger“ schützen, und die Nicht-Bürger ausgrenzen. Auf diese Weise zerfällt das Land in zwei Zonen: Den privat kontrollierten Sicherheitsbereich für die Mitglieder und eine öffentliche Zone der Unsicherheit für den Rest. Der Hurrikan Katarina hat offenbart, wie tief die USGesellschaft in zwei Klassen gespalten ist: einerseits die Privilegierten, die sich retten (lassen) können, und andererseits der große Rest, der der Katastrophe ausgeliefert bleibt, weil er zu arm ist. Wenn wir nicht aufpassen, wird auch bei uns der Neoliberalismus bzw. die Privatisierung des Staates diesen Schnitt der Gesellschaft vertiefen, bis das Blut fließt. Im Grunde genommen können wir der Globalisierung dankbar sein, dass sie die Spaltung der Welt in einen reichen Norden und einen verelendeten Süden nach und nach in das eigene Land holt. Je näher das Verdrängte rückt, desto eher wird es bewusst. Und je mehr uns bewusst ist, desto bessere Chancen haben wir, zu fühlen und zu erkennen, was wir tun sollten! Das Prinzip des Mitgefühls ist die einzige Medizin, um diese Krankheit zu heilen. Wenn wir sehen, wie andere leiden, können wir Entsetzen und Traurigkeit verspüren, und Wut auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die unnötiges Leid erzeugen und zulassen. Dann können wir etwas ändern. Wenn wir Menschenrechte ernst nehmen wollen, dürfen sie eben nicht nur für den reicheren Teil der Menschheit gelten! „Gebrechlichkeit und Verwundbarkeit sind unstrittig universelle Konstanten. Aber das bedeutet nicht, dass jeder automatisch universelle Menschenrechte begrüßen wird. Damit das passiert, müssen die Menschen das Gefühl der Empathie der derselben Leidenschaft internalisieren, mit der frühere Generationen den Glauben durch die Vernunft ersetzten. Nur durch Empathie für den anderen – durch Mitleiden – weiß man den Wert universeller Menschenrechte zu schätzen.“189 „In der neuen Ära ist Empathie die menschliche Reaktion auf die gemeinsame Verwundbarkeit und der Schlüssel zum globalen Bewusstsein. Empathie entfalten heißt, auf ganz grundsätzliche Weise Grenzen zu überwinden und sich in einen anderen hineinzuversetzen – vor allem in seinem Kampf um seinen Lebensweg. Auch wenn die Empathie wie die Sprache weitreichende biologische Wurzeln hat, muss sie doch praktiziert und ständig erneuert werden, um zuwirken. Empathie ist der ultimative Ausdruck von Kommunikation zwischen den Lebewesen.“190 In diesem Sinne muss sich die Informationsgesellschaft den Weg, den sie technisch längst eingeschlagen hat, auch mental nachvollziehen. Wird das versäumt, dann schlagen die technischen „Verbesserungen“ zurück auf den Geist – aber in einer verheerenden Weise: der nicht-fühlende, undisziplinierte Geist nutzt die genialen Technologien, um 189 190

ebd., S.291. ebd., S.292-

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abzuschalten, indem er geistlose TV-Shows einschaltet, das Werbefernsehen seine Werte bilden lässt, politische Nachrichten als Unterhaltung gelten und somit abprallen lässt und gänzlich in virtuelle Welten entgleitet: die technologische Glanzleistung der onlineVernetzung via Internet nutzt er, um in belanglosen Chats Sprachstandards herabzusetzen, sich mit Pornovideos und anderem Schund zu besudeln, oder um zusammen mit lebenden und elektronischen Mitspielern der Spielsucht zu frönen. Was außerhalb dieser künstlichen Welt liegt, wird nicht mehr wahrgenommen oder aber als bedrohlich empfunden und mit allen Mitteln versucht, aus dem eigenen Umkreis auszuschließen. Die ausgegrenzten Menschen müssen ein unwürdiges Dasein fristen, während die anderen sich ihre Würde selbst verspielen. Ist es das, was wir unter Freiheit verstehen wollen? Informationsgesellschaft muss heißen: Eine Gesellschaft der offenen Netzwerke. Jeder Mensch sollte in jedem Netzwerk die Chance zur Teilnahme haben. Das bedeutet nicht, dass jeder sofort intime Einblicke bzw. bedeutende Mitbestimmungsrechte bekommen soll. Nein, es gilt dasselbe Prinzip wie in jeder Beziehung: Vertrauen muss wachsen; und jede Seite muss etwas dafür tun. So kann sich jeder das Vertrauen in einem Netzwerk verdienen, und auf diese Weise einen immer höheren Rang erhalten. Dieser Rang hat formelle wie informelle Aspekte: formell sind z.B. die Zugangsrechte zu Informationen bzw. die Nutzungsrechte für die Ressourcen des Netzwerkes; informell ist das Ansehen und die Autorität, die jemand für seine Beiträge genießt. Damit ist das Netzwerkprinzip demokratisch: Jeder kann teilnehmen, jeder kann sich einen höheren Grad an Mitbestimmung verdienen. Aber jedem kann auch geholfen werden – einfach auf der Basis von Mitgefühl. Diejenigen, die einem Menschen am nächsten stehen, können am besten wissen, was er wirklich braucht, und sie können im Netzwerk nach Ressourcen fragen. Allerdings hängt alles davon ab, dass die Menschen sich kennen. Mitgefühl und Verantwortung brauchen einen überschaubaren Raum. Keese referiert die Erfahrung, dass man maximal 130-150 KollegInnen kennen und das zugehörige Beziehungsgeflecht überschauen kann; Organisationen, die größer sind als 150 Mitglieder, leiden unter den Folgen von Anonymisierung und Erosion von Verantwortlichkeit.191 Das trifft sicherlich auch für Netzwerke zu. Die einzig wirksame Gegenmaßnahme: Teilung der Organisation, spätestens wenn die kritische Zahl der Mitglieder überschritten wird. Im Falle der Netzwerke dürfte das kein Problem darstellen, da jede Bürgerin ja Mitglied in verschiedenen Netzwerken sein kann. Doch in jedem Netzwerk sollte es 2-3 Menschen geben, die die administrative Verantwortung tragen, was etwa einer Diskussionsleitung entspricht. Nach diesem Prinzip könnten auch die Aufgaben und Entscheidungen der gesamten Bürokratie auf eine dezentrale Netzwerkgrundlage gestellt werden. Im Endergebnis bräuchten wir keine zentrale Regierung mehr. Wohlgemerkt, dass diese Form der Globalisierung den Zielen des Neoliberalismus entgegengesetzt ist, auch wenn der Rückzug staatlicher Zentralgewalt mit Privatisierung verwechselt werden kann. Der Unterschied ist, dass Privatisierung Einzelinteressen folgt; die Netzwerkorientierung folgt dem Interesse der Gemeinschaft. Vorreiterinnen hierfür sind die Zivilgesellschaften. Indessen, bis sich die Prinzipien der Informationsgesellschaft weltweit etabliert haben, brauchen wir den Staat umso mehr, um den Sprung über ihn hinweg vorzubereiten. Denn Liebe und Mitgefühl fallen nicht vom Himmel; sie gedeihen am besten durch eine verantwortliche Erziehung und Bildung und ein entsprechendes gesellschaftliche Umfeld. Da ist es mit ein paar Reform-Maßnahmen nicht getan: Wenn z.B. die Schulen den Auftrag haben, Emanzipation und Mitgefühl der SchülerInnen zu fördern, dann ist das zwar richtig, aber zu kurz gegriffen, wenn außerhalb der Schule die Prinzipien des Neoliberalismus herrschen, bzw. sogar die Schule selbst ihre SchülerInnen selektieren und sich dem Diktat 191

vgl. Christoph Keese: Verantwortung Jetzt! Kapitel „...

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des Sparens beugen muss – wie sollen die SchülerInnen den Wert des Mitgefühls schätzen lernen, wenn es ihnen selber nur gestresste Lehrer begegnen, die keine Chance haben, eine persönliche Beziehung zu ihnen aufzubauen und sie stattdessen nur unter Leistungsdruck setzen oder, wenn sie die Anforderungen nicht erfüllen, aussortieren? „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, schrieb Adorno: Jede positive Einzelmaßnahme ist vergeblich, solange nicht das gesamte System verändert wird. Der Sprung auf die höhere Ebene kann nur gelingen, wenn er in allen gesellschaftlichen Bereichen vorbereitet und verflochten wird:  Für das Individuum brauchen wir vor allem Chancengerechtigkeit (Bildungspolitik, Jugendpolitik), Existenzsicherung und Gesundheit;  zugleich brauchen die Familien entlastende Rahmenbedingungen und kulturelle Förderung, sowie alle Menschen einen funktionierenden Rechtsstaat (Justizpolitik, Kulturpolitik, Familienpolitik, Sozialpolitik);  zudem müssen die neuen Prinzipien in Politik, Forschung und Wirtschaft Einzug halten;  nicht zuletzt müssen sich Staat und Zivilgesellschaften demokratisch und international vernetzen. 192 Wird ein Bereich vernachlässigt, so bleiben wir hängen, oder wir stürzen ab: Evolution birgt immer das Risiko des Aussterbens. Doch bisher hat sich die Menschheit behauptet. Warum sollte sie den nächsten Schritt nicht bewältigen?

192

Diese vier Bereiche entsprechen den „vier Quadranten“ bei Ken Wilber, dessen Integraler Ansatz mich geleitet hat. Vgl. Ken Wilber (1995): Eros, Kosmos, Logos. Frankfurt 2001. S. 160 ff.

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7 Grundsätze für eine neue Politik „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung jeder staatlichen Gewalt.“ Grundgesetz, Art. 1, Abs. 1

Grundlage jeder Politik sei das Mitgefühl. Oberste Maxime sei die Demut, einzugestehen, dass jeder Mensch verletzlich und fehlbar ist. Jede hat ihren subjektiven Blickwinkel, und selbst eine große Mehrheit kann sich irren – woraus sich der Schutz von Minderheiten ergibt. Es liegt in der menschlichen Würde, sich selbst und anderen Fehler zuzugestehen und Respekt, Toleranz und Hilfsbereitschaft walten zu lassen. Verantwortlich für die Einhaltung der Menschenrechte ist jeder erwachsene Mensch. Der Staat gibt hierfür den rechtlichen Rahmen, die nötige Exekutivkraft bzw. ein faires Gerichtswesen. Das gleiche gilt für alle politischen Absichten. Toleranz muss dort enden, wo Menschenrechte verletzt werden; denn die menschliche Würde verpflichtet uns, für die Wahrung der Menschenrechte eines jeden Menschen einzutreten, und zwar mit allen Mitteln, die die Menschenrechte gewähren. (Der Zweck heiligt keine Mittel!) Ich schließe mich dem Philosophen Michael Schmidt-Salomon an: Unser Verständnis von Toleranz „respektiert zwar, dass jeder Mensch glauben darf, was er will, schließlich sind die Gedanken frei – auch frei zur Unvernunft. Allerdings sollte dies in 21. Jahrhundert keine Auswirkungen mehr auf die Politik haben. In der öffentlichen Diskussion müssen notwendigerweise weltliche Standards gelten – und zwar ethischer Hinsicht die humanistische Orientierung an den Selbstbestimmungsrechten des Menschen sowie in methodischer Hinsicht die aufklärerische Orientierung an den Idealen der intellektuellen Redlichkeit. Danach müssen Behauptungen logisch konsistent und empirisch belegt sein, damit sie von Relevanz sein können.“193 Politik ist abhängig von der Reife der Mehrheit der BürgerInnen. Wir haben keinen weisen König, der die richtigen Entscheidungen für uns trifft; das muss die demokratische Mehrheit tun – aufgrund ihrer Einsicht, die sie in der öffentlichen Debatte gewinnt. Umgekehrt wird die Sozialisation und damit auch die Reife der Menschen indirekt bedingt durch die Qualität der Politik.194 Nur ein verantwortlicher, fürsorglicher Staat kann in ausreichender Anzahl die mündigen Bürger hervorbringen, die die Demokratie braucht – nämlich durch angemessene Sozialgesetze, ein ausgereiftes Bildungssystem usw. Spätestens bei der Sozial- und Wirtschaftspolitik stellt sich die Frage nach dem Kurs: nach rechts, neoliberal oder nach links? Hier gilt es, die klassischen Irrtümer von rechts und links zu vermeiden:

193

Michael Schmidt-Salomon: Leitkultur Aufklärung. Ein offensives Bekenntnis zur Tradition des Humanismus ist nötig, sonst droht ein Jahrhundert der Religionskriege. In: FR vom 25.3.2006. 194 Denn nach Geulen und Hurrelmann ist Sozialisation nicht nur von der Familie abhängig, sondern auch von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen; also definieren sie Sozialisation (die Ausbildung des sozialen Individuums) als den „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt.“ (s. Klaus Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie. Weinheim und Basel 2002. S. 15.)

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„Zunächst einmal trifft nicht zu, was die Humanisten/Marxisten uns glauben machen wollen: dass ein Ich ohne Verdrängung und Unterdrückung existieren kann. Das ‚freie Ich’ ist ein formaler und logischer Widerspruch[...]. In der Politik wird sich das marxistische Argument von selbst erledigen: Eine Revolution nach der anderen wird das Ich in Angst, Schmerz und Ketten belassen – ganz einfach, weil sie das Ich nicht beseitigen wird. Zwar trifft es zu, dass eine faire Verteilung der Gaben der Natur viel Gutes tun kann (und bereits getan hat), doch bleiben die fundamentalen Probleme davon unberührt, weil die Struktur der Bewusstheit selbst unverändert bleibt.[...] Es scheint also, als hätten die freudianischen Konservativen das letzte Wort; dass Unfreiheit und Ungleichheit in den Menschen selbst liegen, nicht in menschlichen Institutionen, Damit aber haben sie nur zur Hälfte recht. Denn Unfreiheit, Aggression und Ängste sind nicht charakteristisch für die Natur des Menschen, sondern für das menschliche separate Ich. [...] Solange es nämlich das separate Ich gibt, sind Verdrängung und Unterdrückung unvermeidlich und notwendig, überschüssige Verdrängung und überschüssige Unterdrückung jedoch nicht. Die Trennungslinie zwischen Verdrängung und überschüssiger Verdrängung ist natürlich sehr schwer auszumachen, und niemand wird je die richtige Formel finden, wo diese Linie zu ziehen sei. Aber wir verfügen immerhin noch über ein zusätzliches Verständnis, das uns die Entscheidung erleichtern kann, da wir wissen, dass die Menschen nicht von Natur aus oder instinktiv böse sind, sondern dass Bösartigkeit für sie nur ein Ersatz ist.“195 Wir müssen der Tatsache eingedenk sein, dass sowohl die Rechten als auch die Linken in gewissen Punkten recht haben. Die Rechten haben recht damit, dass das triebhafte, egoistische und asoziale Wesen des Menschen durch Kultur und Gesetze gebändigt werden muss; dass bei Fehlverhalten Konsequenzen unverzichtbar sind. Zugleich sollten wir „das Beste der konservativen Werte bewahren, u.a. das Bedürfnis nach einem Wachstum zur Gutheit und die Bedeutung, die sinnstiftenden holarchischen Beziehungen (Selbst, Familie, Gemeinschaft, Nation, Welt, GEIST) eingeräumt wird, wobei die Betonung auf Chancengleichheit statt geistloser Gleichmacherei liegen muss.“196 Die Linken haben darin recht, dass jeder Mensch einen guten Kern besitzt, dessen Entfaltung Freiheit und Fürsorge braucht; dass Ungleichheit und Ungerechtigkeit im Übermaß bestehen, so dass viel Not und Leid vermeidbar wären, wenn wir die Mittel und Chancen gerechter verteilen. Der Konsens aller Parteien dürfte im Streben nach Gerechtigkeit liegen, wenngleich wir wissen, dass es keine absolute Gerechtigkeit geben kann. Es setzt also ein hohes Maß an Reife und Weisheit voraus, einen Staat zu schaffen, der diese Gerechtigkeit aushandeln und durchsetzen lässt. Ohne einen weisen Staat reifen keine Bürger – ohne mündige Bürger lebt keine Demokratie. Was aber, wenn mündige Bürger aussterben, während die Weisheit des Staates in den Boden sinkt? Es gilt, die vorhandenen Potentiale zu nutzen: Die politische Führung besitzt genug Vernunft, um Problemen zu begegnen; und noch immer engagieren sich viele BürgerInnen für ihre Interessen. Beide Seiten sind aufgerufen, ihre Verantwortung wahrzunehmen: Jeder einzelne kann bei sich anfangen; das Individuum kann sich selbst transformieren und die Demokratie von unten aufbauen. Die Transformation des Individuums ist die Voraussetzung für die Transformation des Staates. Der Staat soll seinerseits durch hilfreiche Rahmenbedingungen die Transformation aller Menschen fördern, ja im Rahmen der Bildung bis zu einem gewissen Grad auch einfordern. 195 196

s. Ken Wilber: Halbzeit der Evolution. S. 383ff. s. Ken Wilber: Einfach “Das”. S. 419.

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Transformationen sind nichtlineare Wachstums-Prozesse. Wenn es einen Weg aus der Krise gibt, dann ist es der Weg von Transformation.

7.1 Transformation des Individuums „Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir kraftvoll sind. Es ist unser Licht, das wir am meisten fürchten - nicht unsere Dunkelheit. Wir fragen uns: Wer bin ich denn eigentlich, dass ich leuchtend, großartig, begabt und fabelhaft sein darf? Aber wer bist du denn, dass du das nicht sein dürftest? Du bist ein Kind Gottes. Dich klein zu verhalten, dient nicht der Welt. Es zeugt nicht von Erleuchtung, wenn du dich zurücknimmst, damit andere sich nicht unsicher in deiner Gegenwart fühlen. Indem wir unser Licht leuchten lassen, ermutigen wir andere, dasselbe zu tun. Sobald wir von unserer Angst befreit werden, befreit unsere Gegenwart andere. „ Nelson Mandela 1994 in seiner Antrittsrede als Präsident von Südafrika

Jeder Mensch hat die Aufgabe, sich selbst zu verwirklichen, was einfach heißt: erwachsen zu werden. Eben hier entstehen häufig Missverständnisse. Unter „Selbstverwirklichung“ verstehen viele den Holzweg des narzisstischen Rückzugs aus Verantwortung und der Suche nach Glück in Wellness-Moden und/oder im New-Age-(Selbst-)betrug (wie oben im Kapitel „Oberwelt“ ausgeführt). Deshalb ziehe ich den Begriff Transformation vor. Was aber bedeutet Transformation und Erwachsensein? Viele machen sich die Illusion, dass sie „normal“ entwickelte Menschen seien – was bis zur Pubertät stimmen mag. Danach bleibt die Entwicklung ihrer Reife irgendwo stecken; doch haben sie den einen oder anderen äußeren Erfolg, den sie für ein Zeichen erfüllenden Erwachsenseins missdeuten. Solche Erfolge können bspw. sein: - viele Bekanntschaften / „Freundschaften“ - sexuelle Begegnungen, manchmal sogar Zeugung von Kindern - Erfolge in Sport bzw. Fitness - Hochschul-Abschluss, ggf. Promotion, Auszeichnungen - Erfolg auf dem Arbeitsmarkt, relativ hohes Gehalt - Erfolge bzw. Karriere in Beruf bzw. Wissenschaft - Siege bei Wettbewerben, Ausschreibungen u.ä. - Auto, Urlaubsreisen, Haus, usw. Das alles ist –sofern es auf korrekte Weise erreicht wurde- gut und richtig, und es gilt ja auch als „normal“. Aber wenn das alles sein soll, wird das Leben sinnlos: Materielle Werte zählen letztlich nichts, und selbst die schönsten Beziehungen zu Partnern, Kollegen, und (Partei-)Freunden überdauern selten einen bestimmten Lebensabschnitt. Trotz aller äußeren (materiellen) Absicherungen sind „normale“ Menschen immer in Gefahr, in einen Abgrund zu rutschen – und das kann in ganz unterschiedlichen Formen geschehen:

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Sei es ein psychischer oder psychosomatischer Zusammenbruch, oder ein langsames Hinabgleiten in eine Sucht, die einen Menschen gefangen hält, oder es sind kriminelle Taten, für die einer hinter Gittern sitzt.

Jeder trägt für sich selbst die Verantwortung (ausgenommen natürlich Kinder und schwer Kranke oder geistig Behinderte). Man sollte niemanden retten, der keine Hilfe will. Ich halte mich an die Weisheit der Anonymen Alkoholiker bzw. Narcotics Anonymos: Wer süchtig ist, möge in seiner Sucht so tief rutschen wie es nötig ist, um eine andere Entscheidung zu treffen. Zwinge niemanden dazu! Manipuliere ihn nicht! Aber hilf ihm auch nicht, solange er nicht trocken bzw. clean ist! Und wer kriminell geworden ist, muss die Konsequenzen davon ertragen oder erleiden. Wenn es einen Sinn von Schmerz gibt, dann ist es der Impuls zu Erkenntnis und Wachstum. So kann ein Zusammenbruch sehr heilsam sein. Doch wer aus seinem inneren Gefängnis ausbrechen will, sollte Hilfe bekommen. Ein totalitärer Staat rekrutiert seine Terrortruppen aus seelischen Gefangenen (wie Alice Miller analysierte). Eine Demokratie lebt von seelisch freien Menschen. Deshalb ist es die notwendige wie auch humane Aufgabe einer Gemeinschaft, es zu unterstützen, wenn sich jemand für Therapie und Transformation entschließt. Transformation heißt, sein Leben nach bewussten Prinzipien auszurichten. „Was sind Prinzipien? Prinzipien sind energetische Naturgewalten, die größer sind als wir. Es gibt bewusste und unbewusste Prinzipien. Das hat nichts mit gut oder schlecht, richtig oder falsch zu tun. Die Idee einer ‚gut-schlecht’-Polarisierung ist ein unbewusstes, unverantwortliches Prinzip. Die Idee von gut-schlecht geht von der Annahme aus, dass nach dem Guten gestrebt werden und das schlechte vermieden werden sollte. Rechtschaffenes Moralisieren ist reiner Selbstbetrug. Sehen Sie sich die gewaltige Naivität der Personen an, die sich als gut darstellen. Das Verkörpern beider Prinzipien, sowohl der hellen, bewussten, als auch der unbewussten, dunklen Schattenprinzipien ist unvermeidlich, denn wir Menschen bestehen aus Polarisierung. Jeder von uns trägt eine Reihe von bewussten, verantwortlichen Prinzipien in sich, [...] und ebenfalls eine Reihe von unbewussten, unverantwortlichen Prinzipien [...] . Bewusste Prinzipien sind Aspekte von Verantwortlichkeit, zum Beispiel Akzeptanz, Güte, Integrität, Respekt, Großzügigkeit, Lernen, Teamarbeit, Freundschaft, Fülle, Klarheit, Möglichkeit, Transformation, Dienst, Demut, Makellosigkeit oder Liebe. Unbewusste Prinzipien sind Aspekte von Unverantwortlichkeit, zum Beispiel Überlegenheit, Rache, Opferrolle, Betrug, Verrat, Rechthaberei, Beschuldigung, Groll, Zerstörung, Wettkampf, Ich-gewinne-du-verlierst, Mangel, Überlebenskampf oder Hass. Unbewusste Prinzipien werden ‚unbewusst’ genannt, da wir uns des Schmerzes, den wir durch ihre Befolgung verursachen, nicht vollkommen bewusst sind. Um herauszufinden, ob eine Handlung bewussten oder unbewussten Prinzipien dient, brauchen wir nur auf die Ergebnisse zu schauen: Wenn wir um neun Uhr eine Verabredung haben und um fünf nach Neun erscheinen, war unser unbewusster Zweck Verrat, Täuschung, Rache, Respektlosigkeit Überlegenheit oder ähnliches, egal wie viel Autorität wir den Umständen geben. Die Ergebnisse lügen nicht.“197 197

Clinton Callahan: Führung, Evolution und Possibility Management. in: MATRIX3000 Mai 2004. oder als Download unter www.callahan-academy.com

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Zu einem reifen, würdigen Erwachsensein gehört es, einige der bewussten Prinzipien zu leben, und hierzu gehören auch: - Wahrnehmung und Wertschätzung eigener Gefühlen - Selbstliebe - Vertrauen, Zeigen von Verletzlichkeit - emotionale Unabhängigkeit, Emanzipation - Einfühlungsvermögen, Mitgefühl - Klarheit, Ehrlichkeit, Integrität, Authentizität - Übernehmen von Verantwortung - Verpflichtung z.B. für eine Beziehung oder eine Vision - Einstehen für bewusste Prinzipien - Solidarität - der Menschheit (oder einfach Kindern) dienen Hört sich das gefährlich an? Es ist das, was das Ego lieber vergittert hält: die freie Seele. Doch Vorsicht: Wer glaubt, seine Seele befreit zu haben, sollte sich hüten, zu erwarten, dass alle anderen das auch tun! Die meisten Menschen sind daran nicht interessiert. Sie haben sich hinter ihren Mauern eingerichtet und fürchten sich vor Veränderungen. Nach Wilber sind die meisten höchstens bereit, ihre Meinung um 5% zu ändern. Diese Ignoranz kann einen aufgeklärten Geist in ein Dilemma bringen, das Joseph Weizenbaum am Beispiel eines Wissenschaftlers verdeutlicht, der sich dazu entschließt, aus einem moralisch fragwürdigen Forschungsprojekt auszusteigen: „Die Tatsache, dass Argumente, die sich auf höhere Prinzipien berufen –etwas auf die Verpflichtung eines einzelnen gegenüber seinen Kindern oder der Natur an sich-, nicht als legitim angesehen werden, bringt einen jeden in ein schweres Dilemma, der seine Kollegen dazu überreden möchte, sich zusammenzutun, um der eigenen Forschung bestimmte Grenzen zu setzen. Wenn er solche Argumente trotzdem vorbringt, vielleicht in der Hoffnung, eine Art Bekehrungserlebnis bei seinen Kollegen zu bewirken, dann läuft er Gefahr, völlig ins Leere zu stoßen und sogar als eine Art komischer Kauz exkommuniziert zu werden. Wenn er sich für eine Beschränkung aus der Überlegung heraus ausspricht, dass eine ungehemmte Forschung irreversible Konsequenzen haben könnte, dann bedient er sich ebenfalls der instrumentellen Vernunft und trägt dazu bei, deren Missbrauch (etwa im Gewand einer Kosten-Nutzen-Analyse) zu legitimieren, gegen den er eigentlich ankämpfen möchte. Was für viele andere Dilemmata gilt, trifft auch hier zu: die Lösung liegt im Verwerfen der Spielregeln, die es hervorgebracht haben. Für das vorliegende Dilemma lautet die entsprechende Regel, dass die Rettung der Welt – und darüber rede ich hier – davon abhängt, andere zu den richtigen Ideen zu bekehren. Diese Regel ist falsch. Die Rettung der Welt hängt nur von dem Individuum ab, dessen Welt sie ist. Zumindest muss jedes Individuum so handeln, als ob die gesamte Zukunft der Welt der Menschheit selbst von ihm abhinge. Alles andere ist ein Ausweichen vor der Verantwortung und selbst wieder eine enthumanisierende Kraft, denn alles andre bestärkt den einzelnen nur in der Vorstellung, lediglich eine Figur in einem Drama zu sein, das anonyme Mächte geschrieben haben und sich als weniger als eine ganze Person anzusehen, und das ist der Anfang von Passivität und Ziellosigkeit.“198 198

s. Joseph Weizenbaum: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. Frankfurt 1978. S. 348.

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Weizenbaum schöpft diese tiefe Weisheit wohl aus eigener Erfahrung: Er selbst ist zum Ketzer geworden, weil er der Forschung der Künstlichen Intelligenz aus moralischen Gründen den Rücken gekehrt hat und öffentlich über diese Gründe spricht. Aber er hetzt nicht gegen seine Kollegen, die weiterhin forschen. Er ist ein charmanter Redner, der seine Gegner auch dann respektiert, wenn er bestimmte Urteile in der Sache fällt. Weizenbaum spricht von sich, von seinen Werten, von seinem Unverständnis, von seinen Konsequenzen. So wird er seinen Widersachern nicht zum Dämon. Vielmehr ist er ein Vorbild dafür, seine Prinzipien bewusst offen zu legen und danach zu leben. Ich verehre den Professor Weizenbaum seit Anfang der 80er Jahre, als ich von ihm hörte und seine Bücher las. Inzwischen hoffe ich die Reife zu besitzen, die Weizenbaum einem verantwortlichen Menschen -wie oben zitiert- abverlangt. So schreibe ich dieses Buch nicht mit der Zwangsvorstellung, eine Mehrheit für meine Linie gewinnen zu müssen, oder, wenn das nicht gelingt (es kann und soll nicht gelingen), zusammen mit der Natur und den „guten Menschen“ Opfer einer törichten Masse und deren profitgeilen Bossen zu sein. Nein, ich schreibe weil ich so bin. Es ist mein Leben, zu lehren und zu schreiben. Ich gebe mein Bestes, mit meinem Handeln die Verantwortung zu tragen, die zu tragen ist.

7.2 Transformation und der Staat Der Staat ist kein Subjekt; er kann sich nicht transformieren. Jeder einzelne kann das tun, und das lässt sich staatlicherseits nur im Rahmen der Bildung organisieren. Umgekehrt wird der Staat angepasst und indirekt „transformiert“, sobald ein ausreichender Anteil der Bevölkerung die entsprechende Bewusstseinsstufe erreicht hat. Dazu der Dalai Lama: „Wenn die Politiker eines beliebigen Landes korrupt sind, dann wird es wahrscheinlich der dortigen Gesellschaft an Moral mangeln, und die einzelnen Mitglieder dieser Gesellschaft werden sich auch nicht unbedingt an ethischen Grundsätzen orientieren. In einem solchen Fall ist es nicht gerade angemessen, wenn die Wähler ihre Politiker kritisieren. Wenn die Bevölkerung aber andererseits über gesunde Wertvorstellungen verfügt und sich aus Anteilnahme für andere ethisch diszipliniert verhält, dann werden ihre Beamte ganz von allein dieselben Werte respektieren. Deshalb spielt jeder von uns eine Rolle, wenn es darum geht, eine Gesellschaft zu schaffen, in der Werte wie Einfühlungsvermögen, Respekt und Fürsorge Vorrang haben“.199 Wenn nun ein Teil der Bevölkerung genügend Einfluss gewinnt, besteht die Chance auf eine neue Politik im Sinne der hier skizzierten ethischen Grundsätze. Damit rede ich allerdings keiner wie auch immer ausgerichteten Revolution das Wort. Warum nicht? Jeder Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Sicherheit und Ordnung. Darin liegt die Macht eines jeden Staates begründet. Jede Revolution mündete früher oder später in einen Staat, der mit aller Repression und Gewalt Sicherheit und Ordnung wieder herstellte – ungeachtet aller schönen Ideale, für die die Revolutionäre standen. Überstürztes Handeln halte ich für schädlich: Es ist wie Gewalt. Eine Entscheidung wird gegen alle Zweifler durchgesetzt, was nur mit Machtmitteln möglich ist. Reichen diese Machtmittel nicht aus, entsteht Chaos. In jedem Falle setzt der Staat seine Legitimität auf’s Spiel. Skrupellose Einzelinteressen können sich leichter durchsetzen, die Korruption steigt. Wir müssen sehen, dass unsere Schritte groß genug sind, um etwas zu ändern; aber die Spielregeln von Recht und Gesetz sind jederzeit zu respektieren. In der Rechtsstaatlichkeit liegt unsere Würde. 199

Dalai Lama (2000): Das Buch der Menschlichkeit. S. 213.

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Deshalb trete ich für den friedlichen, demokratischen Wandel ein. Dabei mögen folgende Grundsätze zur Orientierung dienen: • Basis jeder Politik seien die Menschenrechte und der Respekt vor der Demokratie, d.h. der Beugung vor der Mehrheit unter Achtung vor der Minderheit; • Unsere Demokratie setzt eine orange-grüne200 Mehrheit in der Bevölkerung voraus. Deshalb spielt das Bildungssystem eine herausragende Rolle zur Bildung der geistigen Grundlage der Informationsgesellschaft. Der Staat muss eine solide, ganzheitliche Schulbildung gewährleisten und dafür sorgen, dass für ca. 50% der Bevölkerung ein Studium möglich wird. Das bedeutet auch, dass er für Schüler einen höheren Grad an Verbindlichkeit durchsetzt. • „Märkte und Regierungen [sind] Ableger der Kultur“201; deshalb trägt die Kultuspolitik (bezogen auf Familie, Bildung und Medien) die zentrale Verantwortung für unsere Zukunft; • Neudeutsche (Immigranten) müssen konsequent integriert werden; • unsere politisches System sei so einfach und transparent wie möglich zu gestalten, um möglichst viele zur Teilnahme zu motivieren; • der Staat und die Zivilgesellschaften (CSO/NGO/NRO=Nichtregierungsorganisationen) sind stärker miteinander zu vernetzen, um eine wirksame Kontrolle der Macht zu garantieren und für Gerechtigkeit (Rechtsstaatlichkeit) und Ausgleich (Sozialstaatlichkeit) zu sorgen; • im Zeitalter der Globalisierung werde Politik international stärker koordiniert; damit das nicht als Ausrede zum Kleinspielen benutzt werden kann, seien zivilgesellschaftliche/nichtregierungs- Organisationen (CSO/NGO) über Netzwerke formell in Entscheidungsprozesse einzubinden, unter deren Motto: „Global denken und lokal handeln“; • „Gewalt bedeutet nur eins: Leid“, sagt der Dalai Lama. „Daher bin ich ein glühender Verfechter der Gewaltlosigkeit.“202 Militärische Mittel sind im Zeitalter der globalen Vernetzung nicht mehr erforderlich, um wirksame humane Interventionen zu bewerkstelligen.

7.3 Liebe und Konsequenz Ich definiere Liebe mit dem Psychoanalytiker Scott Peck „als den Willen, das eigene Selbst auszudehnen, um das eigene spirituelle Wachstum oder das eines anderen Menschen zu nähren.“203 Liebe strebt nach Wachstum oder Selbstverwirklichung, also danach, sich oder andere zu erkennen, zu lernen, sich selbst fortzuentwickeln, zu transformieren und zu reifen oder andere dabei zu unterstützen. Das ist mehr als unsere romantischen Vorstellungen unter Liebe verstehen. Denn hier ist die Liebe kein Amorpfeil, der uns durchstößt und ein paar 200

Diese Farben haben keine politische Bedeutung, sondern bezeichnen die Wellen des Bewusstseins nach Wilber (2001, S.23): gemeint ist mit orange die rationale Stufe („Errungenschaften der Wissenschaft“) bzw. mit grün die global vernetzende Stufe („das sensibles Ich“). 201 s. Jeremy Rifkin: Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht. Frankfurt 2004. S.255. 202 “Theoretisch lässt sich eine Situation konstruieren, in der allein eine Intervention mit Waffen einen großen Konflikt im Frühstadium ersticken kann. Das Problem einer solchen Argumentation besteht darin, dass es sehr schwierig ist, wenn nicht gar unmöglich, die Auswirkungen von Gewalt vorherzusehen. Zudem können wir uns der Rechtmäßigkeit einer solchen Aktion nie sicher sein. Deutlich wird das erst, wenn wir zurückblicken können. Und sicher ist nur, dass jede Gewalt immer und unvermeidbar Leid mit sich bringt.“ (s. Dalai Lama 2000, S. 218.) 203 s. M. Scott Peck: „Der wunderbare Weg“ (Original: „The Road Less Traveled”). München 1986. S. 79.

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Monate lang in eine rosafarbene Welt versetzt, sondern sie beruht auf unserem freien Willen, etwas zu tun oder zu lassen. Liebe ist nur dann von Dauer, wenn sie aktiv ausgeübt wird! Lieben ist nicht nur ein Vergnügen; Liebe ist immer auch eine Entscheidung.204 Eine Entscheidung, die Anstrengung kosten, die Disziplin verlangen kann! Und Liebe muss Grenzen setzen, solange es Kinder und unvollkommene Erwachsene gibt. Nun müssen wir auch der Tatsache Rechnung tragen, dass diese Liebe einen Gegenspieler hat: Die menschliche Trägheit. Kein Staat kann einen Menschen dazu zwingen, seine Freiheit im Sinne der Liebe zu nutzen, wenn er nicht willens sind, die Anstrengungen zur Transformation auf sich zu nehmen. Viele Menschen flüchten in die Fesseln ihres Egos.205 Hier ist nun Konsequenz erforderlich. In der Erziehung wie in der Politik ist Konsequenz eines der wichtigsten Prinzipien. Wenn jemand Regeln oder Absprachen verletzt, müssen Konsequenzen angekündigt bzw. gezogen werden. Zum Durchsetzen von Konsequenzen ist oft Disziplin vonnöten. Ignorieren und Nachgeben sind bequemer, aber diese Bequemlichkeit rächt sich später durch noch gröbere Grenzverletzungen. Zudem braucht jeder Mensch angemessene Grenzen, um wachsen zu können, und jeder braucht Konsequenzen, wenn er diese Grenzen überschreitet. Insofern gehört das Ziehen von Grenzen und Konsequenzen zur Praxis der Liebe. Wir Menschen sind von der Natur dafür ausgestattet worden, diese Grenzen zu ziehen und durchzusetzen: durch unser Gefühl des Ärgers. Ärger weist den Weg zu Klarheit, zu Grenzen, zu Konsequenz und Gerechtigkeit. Solange dieser Ärger angemessen ausgedrückt wird, kann kein Hass entstehen.

8 Strategien und Vorschläge Der Psychoanalytiker Scott Peck formuliert eine Weisheit, die nicht verkannt werden sollte: „Das Leben ist eine Serie von Problemen. Wollen wir darüber klagen oder wollen wir sie lösen? Wollen wir unseren Kindern beibringen, sie zu lösen? Disziplin gehört zu den Grundwerkzeugen, die wir brauchen, um die Probleme des Lebens zu lösen. Ohne Disziplin können wir nichts ausrichten. Mit nur etwas Disziplin können wir einige Probleme lösen. Mit totaler Disziplin können wir alle

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Stephen Covey gibt zu dieser Frage des Liebens einen ebenso drastischen wie treffenden Dialog zwischen Freunden wieder: „’Ich mache mir wirklich Sorgen. Meine Frau und ich haben nicht mehr die gleichen Gefühle füreinander wie früher. Ich glaube, ich liebe sie einfach nicht mehr, und sie mich auch nicht. Was kann ich tun?’ ‚Das Gefühl ist nicht mehr da?’ ‚Richtig. Und wir haben drei Kinder, um die wir uns sorgen. Was schlägst du vor?’ ‚Liebe sie!’ ‚Aber ich sag doch, das Gefühl ist nicht mehr da!’ ‚Liebe deine Frau!’ ‚Du verstehst nicht. Das Gefühl von Liebe ist einfach nicht mehr da.’ ‚Dann liebe sie. Wenn das Gefühl nicht da ist, dann ist das ein guter Grund, sie zu lieben.’ ‚Aber wie liebt man denn, wenn man nicht liebt?’ ‚Lieben ist ein Verb, lieber Freund. Liebe – das Gefühl – ist eine Frucht des Liebens, des Tuns. Also liebe sie. Diene ihr. Bringe Opfer. Höre ihr zu. Fühle mit ihr. Schätze sie. Bestätige sie. Bist du dazu bereit?’“ (s. Stephen R. Covey: Die sieben Wege zur Effektivität. Ein Konzept zur Meisterung Ihres beruflichen und privaten Lebens. München 121999. S.76.) 205 Der Kontext von diesem Abschnitt ist entlehnt aus: Ken Wilber, Halbzeit der Evolution. Der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewusstsein. S. 378 ff.

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Probleme lösen. Was das Leben schwierig macht, ist, dass der Prozess, sich Problemen zu stellen und sie zu lösen, schmerzhaft ist.“206 Beides gehört zusammen: Bewusste Prinzipien, in deren Kontext wir unsere Ziele setzen, und Disziplin als Werkzeug, um diesen Zielen zu dienen. Ich sehe die Aufgabe eines jeden Menschen darin, diese Ziele individuell zu finden und die dafür nötige Disziplin zu trainieren. Das ist es, was das Leben schwierig macht. Aber wir können Hilfe bekommen. Und wenn wir kleine oder große Erfolge erleben, schenken sie uns Glück, so dass wir auf dem Weg bleiben. Die Familie ist die erste Instanz, um im Kontext der Liebe zur Selbst-Disziplin zu erziehen; die Schule schließt sich an, und die Gesellschaft insgesamt beruht darauf. Der Staat hat einerseits diese Disziplin auf demokratische Weise zu bündeln, um eine effektive Politik zu betreiben; andererseits hat er, neben den Familien, die Aufgabe, für Konsequenzen zu sorgen, wenn es an Disziplin, Solidarität oder Gerechtigkeit hapert. Dafür brauchen wir einen starken, demokratisch legitimierten Staat! Nur ein finanziell potenter und personell gut besetzter Staat hat die Kraft, um -

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Menschenrechte konsequent durchzusetzen – für alle, gleichermaßen auch für Kinder, Alte, Behinderte und sozial Benachteiligte; Verbrechen, Korruption und Steuerhinterziehung wirksam zu bekämpfen; eine lebenswürdige Stellung für alle Menschen zu gewährleisten, insbesondere eine Chance auf einen Ausbildungsplatz bzw. Arbeitsplatz; uns sozial abzusichern für Unfälle, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit und das Alter; der Verschmutzung unserer natürlichen Umwelt Einhalt zu gebieten und unser Leben auf die Grundlage einer nachhaltigen, umweltverträglichen Wirtschaft zu stellen; uns kostenlos mit Bildung zu versorgen, die sich international sehen lassen kann; die wissenschaftliche Forschung unabhängig von Konzern-Interessen zu fördern; uns zuverlässig (und frei von Kapitalinteressen) mit der Infrastruktur zu versorgen, die ein modernes Industrieland braucht: Informationen, Medizin, Sicherheit, Justizvollzug, Wohnraum, Kinderbetreuung, Energie, Wasser, Strom, Post, Müllentsorgung, Personen- und Güterverkehr (Bahn und Straßen).

Diese Bereiche werden weiter unten näher beleuchtet. Zuvor möchte ich einen zentralen Aspekt von Disziplin darstellen, der trotz seiner Popularität zu selten praktiziert wird. Es handelt sich um die Zivilcourage, um Menschen, die den Opfern von Straßengewalt unmittelbar beistehen, oder in Familien, in Parteien, in Organisationen, in Betrieben, Geschäftsleitungen und Vorständen für bewusste Prinzipien streiten. Diese beiden Arten der Zivilcourage sind leider sehr rar. Dazu Weizenbaum: „Es ist ein weit verbreiteter, aber schmerzlich irriger Glaube, dass Zivilcourage nur im Zusammenhang mit welterschütternden Ereignissen bewiesen werden kann. Im Gegenteil, die größte Anstrengung kostet sie oft in jenen kleinen Situationen, in denen die Herausforderung darin besteht, die Ängste zu überwinden, die uns überkommen, wenn wir über unser berufliches Weiterkommen beunruhigt sind, über unser Verhältnis zu jenen, die in unseren Augen Macht über uns haben, über alles, was den ruhigen Verlauf unseres irdischen Lebens stören könnte.“207 Die Verzagtheit, für die eigene Position einzustehen, findet sich sogar dort, wo es gar nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen gibt. Als Beispiel berichte ich von einem 206

s. M. Scott Peck, S. 15. s. Joseph Weizenbaum: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. Frankfurt 1978, S. 361. 207

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Diskussions-Abend, veranstaltet von den GRÜNEN zum Thema Klimawandel und Stromerzeugung: Die GRÜNE Opposition hat ein respektables Programm ausgearbeitet zur kompletten Umstellung unserer Stromproduktion auf erneuerbare Energiequellen. Wie verkauft es nun die GRÜNE Landtags-Abgeordnete? Sie referiert vernünftige Gründe und jede Menge Zahlen. So weit, so gut. Bis ein Skeptiker nachfragt, was das denn kosten würde – diese Zahlen hätte sie uns wohl absichtlich vorenthalten! - Da knickt sie ein und wählt sie die schlechtest mögliche Antwort: Sie argumentiert mit der Amortisation, d.h. sie verrechnet die erforderlichen Energie-Investitionen mit den geschätzten Kosten, die es verursachen würde, wenn wir den Klimawandel nicht aufhalten, wenn Hochwasser und Stürme weiterhin Schäden in Milliardenhöhe anrichten. Das mag ja alles richtig sein, aber es ist technokratisch gedacht. So behält die instrumentelle Vernunft alle Karten in der Hand – der Kritiker kann kontern, dass Deutschland allein die Katastrophe nicht aufhalten könne, und dass wir ja auch noch die Kernkraftwerke haben –, die Debatte bewegt sich innerhalb von ökonomischen Zahlen und „Sachzwängen“. Nach dem zermürbenden Plenum suche ich das Gespräch mit zwei GRÜNEN Parteimitgliedern: „Sollte man die GRÜNE Position nicht einfach moralisch begründen?“ frage ich sie. – Nein, sagen die zwei übereinstimmend, lieber bleiben sie „sachlich“, d.h. ohne moralische Wertung. Hierarchien wollen sie vermeiden. – Allein die Entscheidung, dass keine Hierarchie besser sei als jede Form von Hierarchie, enthält eine hierarchische Bewertung. – Diese Logik nun weisen sie zurück. – Und wenn ihre ökologische „Sache“ dann durch eine ökonomische „Sache“ gekippt wird? Was kann man dagegen setzen, wenn man rein sachlich argumentiert? So gut wie nichts. Denn jede Maßnahme der GRÜNEN beruht auf spekulativen Annahmen über die ferne Zukunft, während die Ökonomen präzise, kurzfristig geltende Zahlen als Basis bevorzugen und die Zukunft der „Weisheit des Marktes“ überlassen. Das eine Modell ist sachlich so gut zu begründen wie das andere! Also: Was wäre besser, liebe GRÜNEN? Atomkraft abschalten oder die Wirtschaft mit hohen Stromkosten abwürgen? Besser wäre es, denke ich, das technokratische Denken abzuschalten! Selbst die „Vereinigung deutscher Wissenschaftler“ formuliert in ihrem Potsdamer Manifest ganz „unsachlich“ wertend: „Wir müssen neues Wissen schaffen und so handeln, dass Lebendigkeit sich vermehrt und vielfältig erblüht.“208 Wie sehr schämen sich GRÜNE, moralische Wertungen vorzunehmen?! Warum fragen sie ihre Kritiker nicht zurück: Was darf uns die Zukunft unsere Kinder denn kosten? Die Zukunft unseres Planeten? Wollen wir sie klein rechnen? Oder wollen wir tun, was zu tun ist, um sie zu retten? Und selbst wenn alle anderen Staaten mauern – wir Deutschen sollten alles Notwendige tun, so als ob es auf uns allein ankäme! Allerdings im Sinne der Demut, dass niemand 'die Welt' retten, aber wohl jeder zu ihrer Heilung beitragen kann.209 Was bleibt uns denn anderes übrig, wenn wir das Prinzip des Lebens nicht verraten wollen? Nein, so moralisch werden allenfalls Konservative – aber oftmals in verdrehter Weise, vor allem, wenn sie den Wert von Freiheit benutzen: Freiheit für die Wirtschaft – um Menschen auszubeuten. Freiheit für die Erziehung – um Eltern zu gestatten, ihre Kinder zu schlagen.

208 209

s. Potsdamer Manifest, S. 5, dokumentiert unter http://www.vdw-ev.de/ vgl. Martin Buber: Gog und Magog. S. 421.

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Weil uns diese falsche Moral nicht gefällt, heißt das nicht, dass alle Moral schlecht wäre. Wenn jemand sagt: „Klimaschutz ist mir egal!“ Was können wir dem entgegen halten, wenn nicht bewusste Prinzipien? Aber, so wendet der eine GRÜNE ein, woher weiß ich denn, ob meine Werte besser sind als die Werte anderer? Die andere pflichtet bei: Sie hätte Angst, andere zu verletzen, wenn sie ihre Werte vertreten würde (keine Rede von durchsetzen!), denn Werte seien Privatsache (schon wieder eine Sache!). Haben wir keine gesellschaftlich verbindliche Vereinbarung, um zu beurteilen, welche Werte gelten sollen? – Die zwei GRÜNEN missbilligen eine solche Idee und sind stolz auf Multi-Kulti. - Doch, sage ich, wir haben etwas: das Grundgesetz! Sind nicht die Grundrechte unser Konsens? Sie verbinden uns alle, so unterschiedlich wir auch sonst gesinnt sein mögen. Die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes geben die Basis für jede Argumentation: Freie Entfaltung der Persönlichkeit; körperliche Unversehrtheit; Freiheit des Glaubens, des Gewissens; Gleichheit vor dem Gesetz; Gleichberechtigung; Meinungsfreiheit; Eigentum, das verpflichtet, Enteignung nur zum Wohle der Allgemeinheit; Unverletzlichkeit der Wohnung; Widerstandsrecht... Was ist dabei, sich auf die Werte des Grundgesetzes zu berufen? Sind die so schlecht? - Okay, sagen die zwei GRÜNEN, kann man machen, das Grundgesetz geht noch so. - Diese Grundrechte sind perfekt! Wir sollten zutiefst dankbar sein, dass wir in einem Staat leben, der diese Werte ernst nimmt. Also, greifen wir zu, bedienen wir uns aus diesem Füllhorn der Humanität! - Bloß nicht so pathetisch, dämpfen mich die GRÜNEN, wir leben in einem Rechtsstaat, ja, aber wir wissen doch, dass der nicht immer funktioniert. - Ja, und warum nicht, weil es an Zivilcourage mangelt, um jederzeit für die verbürgten Rechte einzutreten. Wir alle müssen unsere Grundrechte vertreten und verteidigen, nicht unbedingt pathetisch, aber beherzt! Politik ist keine Wissenschaft, sondern ein Ausdruck des Seins, von Kopf, Herz und Seele, und nur über die Köpfe lassen sich wenige Menschen erreichen. BILD erreicht viele Menschen, weil sie die Emotionen anspricht, aber sie taucht die Köpfe in Angst, Hass und Blut. Geht es nicht auch anders? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist es mir bei diesen beiden GRÜNEN, fürchte ich, nicht gelungen. Die beiden flüchteten in ein Privatgespräch, mit dem sie mich ausgrenzten (von wegen: „keine Hierarchie!“), so dass ich meine letzten Gedanken gar nicht mehr aussprechen konnte. Nach einer kurzen Weile der Verblüffung verstand ich, dass ich mich zu verabschieden hatte. Auch wenn eine Begegnung frustrierend ist oder verletzend (ich fühlte mich verletzt): Stehen wir zu unseren bewussten Prinzipien, so dürfen wir weder resignieren noch zürnen und zum Verfolger werden, sonst werden die höchsten Prinzipien zu fragwürdiger Zeigefinger-Moral, vor der andere davonlaufen. Stattdessen wäre es angebracht, den Spieß herumzudrehen: dass ich mich frage, was ist meine Verantwortung? Ich kann mir Feedback holen210, um mich zu verbessern, oder ich frage mich selbst: Auf welche Weise hatten die beiden Recht, kann ich ihren Stadtpunkt nicht auch verstehen? Wie war das Gespräch für sie? Vielleicht bin ich zu forsch gewesen?

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im allgemeinen ist es am besten, seine Gesprächspartner direkt um Feedback zu bitten, oder, wenn das schlecht möglich ist, kann man es in professioneller Supervision erhalten.

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Die Menschen brauchen Zeit, und mit Zuhören können wir oft mehr erreichen. Aber wer weiß, ob das Gespräch nicht doch eine Nachwirkung bei den zwei GRÜNEN hatte? Bei mir jedenfalls gab es eine Wirkung: Eine schlecht geschlafene Nacht, und am Morgen die Erkenntnis, dass abstrakte Prinzipien, seien sie auch noch so bewusst, nicht alles sind. Es gilt das unerbittliche Gesetz: Entweder ich habe Recht, oder ich kann in Beziehung sein. Es macht einen Unterschied, ob ich meine Prinzipien anderen in Worten überstülpe, oder ob ich sie lebe. Wenn ich sie einfach lebe, trete ich selbst für sie ein und erwarte nicht, dass andere das tun. Diese Weisheit hatte Joseph Weizenbaum 1978 in seinem Buch vorgetragen (siehe das Zitat oben unter „Transformation des Individuums“), ich hatte sie schon vor Jahren gelesen, intellektuell goutiert – und praktisch missachtet. Jetzt erst habe ich sie in ihrem tieferen Sinn, also mit dem Herzen verstanden. Manchmal ist eben der seelische Schmerz doch für etwas gut – wenn man nur seine Botschaft erkennt.

8.1 Familienförderung und Bildungsoffensive "Jegliches Handeln hat nur im Kontext von Beziehung Sinn, und ohne Verständnis der Beziehung wird es auf allen Ebenen nur zu Konflikten führen. Ein Verständnis der Beziehung ist viel, viel wichtiger als die Suche nach einem Handlungsplan." J.Krishnamurti

Sozial-, Familien- und Bildungspolitik sind nur in der Vernetzung in der Lage, für eine kindgerechte Erziehung und Förderung zu sorgen, denn Familien, Krippen, Kindergärten und Schulen tragen gemeinsam Verantwortung für Gesundheit und Chancengerechtigkeit. Die Vorsorge zur unmittelbaren Erhaltung der physischen Gesundheit ist in unserer Gesellschaft sicher zufrieden stellend; dagegen müssen wir die Prävention von Zivilisationskrankheiten und Sucht sowie die Pflege der psychischen Gesundheit dringend verstärken. Dazu zitiere ich Thomas Kliche, der den Bericht zur psychologischen Lage der Nation 2007 referiert: „Der Bericht zeigt: Die psychischen und sozialpsychologischen Faktoren sind für den Bildungserfolg, aber auch für das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit ausschlaggebend. [...] Ein Beispiel: Frühbetreuung. Sie ist möglich, auch im ersten Jahr schon, aber unter Beachtung psychologischer Anforderungen. So sollten nicht beide Eltern voll berufstätig sein. Es ist aber sehr wohl möglich, mehrere Bezugspersonen – insbesondere die Väter – zu haben. Außerdem sind kleine Betreuungsgruppen bzw. ein sehr guter Personalschlüssel und qualifiziertes Personal wichtig. Frühbetreuung kann die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Eltern verbessern und damit auch den Kindern dienen! Ein anderes Beispiel aus dem Bericht: In Bildungseinrichtungen – Schulen usw. – sind die Interaktion der Lehrer und Schüler, das Klima im Kollegium und in der

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Klasse entscheidend für Wohlbefinden und Zufriedenheit. [...] Die Qualifikation und Gesundheit der Mitarbeiterinnen ist aber nach den Befunden der Gesundheitspsychologie ein wesentlicher Beitrag zum Gelingen von Bildung und zum Empowerment, eigene Kompetenzen für bessere Gesundheit zu entfalten. Wichtig ist deshalb in der ganzen Gesellschaft und in allen Bildungseinrichtungen eine Umorientierung auf nachhaltiges Gesundheitsbewusstsein, und dazu gehört eine Kultur der Unterstützung und Ermutigung.“211 Ein bedeutendes Risiko für die psychische Gesundheit und ein Hindernis für die individuelle Entfaltung ist die verbreitete Chancenungleichheit, die bereits mit der Sozialisation des Kindes in der Familie beginnt und sich in Schule und Ausbildung fortsetzt. Es gibt Familien, die ihren Kindern ein hohes Maß von Kultur beibringen: Takt, Konversationsstile, Tischmanieren, Verständnis für Kunst, Musik, Technik. Im Prinzip lernen Kinder das in jeder Familie, aber in unterschiedlicher Breite und Tiefe: Während die Kinder von Bildungsbürgern beispielsweise erkennen können, ob ein Gemälde von Picasso, Rembrandt, Dali oder Kirchner gemalt ist oder die Musik von Beethoven und Mozart identifizieren oder sogar spielen können, wissen die Kinder bildungsferner Familien bestenfalls, dass diese Namen etwas mit Malerei bzw. klassischer Musik zu tun haben. Einen noch wesentlicheren Bildungs-Unterschied macht es, ob ein Kind lernt, bedeutende Fragen zu stellen: „Jeder, der selbst zu denken angefangen hat, stellt irgendeinen Teil der Welt in Frage“ (John Dewey). Ein Beispiel gibt Bertolt Brecht mit den „Fragen eines lesenden Arbeiters“: Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Und das mehrmals zerstörte Babylon, Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war, Die Maurer? Das große Rom Ist voll von Triumphbögen. Über wen Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis Brüllten doch in der Nacht, wo das Meer es verschlang, Die Ersaufenden nach ihren Sklaven. Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte Untergegangen war. Weinte sonst niemand? Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer Siegte außer ihm? Jede Seite ein Sieg. Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen? So viele Berichte, So viele Fragen.

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s. Thomas Kliche: BDP deckt schwere Mängel auf. Staatlich unterlassene Hilfeleistung. In: reportpsychologie. Heft 5/2007. S.214.

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Geistige Entfaltung bzw. Bildung heißt nicht unbedingt, dass man viele Antworten parat hält, sondern vielmehr, triftige und quer denkende Fragen zu stellen, und zu wissen, welche Methoden es gibt, um Antworten zu bekommen – Antworten, die zu neuen Fragen führen. Das gilt nicht nur für die Schule, sondern für die Erziehung allgemein; hier genießen die Kinder einen Vorsprung, deren Elternhäuser das Fragen ermutigen und belohnen. Kinder von bildungsfernen Eltern fragen selbstverständlich auch, aber sie hören häufiger Antworten wie „Das verstehst du nicht.“ „Frag nicht so dumm!“ „Weil ich es sage.“ „Ist egal!“ - So erwürgen Eltern den Geist ihrer Kinder. Auch in der Schule werden viele Fragen abgewürgt, weil sie nicht ins Konzept des Unterrichts passen, oder weil einfach zu viele Schüler in einer Klasse sind... Wir müssen beherzt gegensteuern! Ich möchte ein Beispiel geben, das Joseph Weizenbaum als vorbildlichen Vater ausweist: „Mein kleine Tochter, sie war vielleicht 7 Jahre alt, saß mit mir zusammen im Auto, und da lag ein Fotoapparat herum. Sie fragte mich: ‚Was für ein Zusammenhang besteht zwischen den Zahlen 1,4; 2; 2,8; 3,5; 4; 5,6; 8; 12; 16; 22 ?“ Sie hatte also die Zahlen an dem Kamera-Objektiv gelesen und wollte wissen, warum die so da sind, wie sie dort stehen. Ich habe ihr geantwortet: ‚Das ist eine gute Frage.’ Ich wollte es ihr erklären, aber erst mal war ich beeindruckt und habe gesagt: ‚Das ist eine gute Frage.’ Und dann fragte sie: ‚Was ist eine gute Frage?’ Und da habe ich ihr geantwortet: ‚Das ist auch eine gute Frage.’ Damit treffe ich Unterscheidungen. Für mich ist eine gute Frage vergleichbar mit dem Entwurf eines Experiments, z.B. in der Physik. Man muss erst einmal viel wissen, und dann stellt man einen Zusammenhang her und konstruiert beispielsweise in der Physik ein Experiment. Auf diesem Wege befragt man dann die Natur.“212 Mit Fragen sucht sich das Kind seinen Weg in die Welt. Aufgrund von Fragen suchen Erwachsene die Welt zu ändern. Gesundheit, Chancengerechtigkeit und das Ernstnehmen von Fragen seien zentrale Forderungen an Familien und Bildungs-Institutionen. Wir müssen diese beiden Instanzen stärken, damit sie ihren Auftrag erfüllen können, Kinder und Jugendliche so in diese Welt hineinwachsen zu lassen, dass jedes den Beitrag leisten kann, der seinen Talenten entspricht. Dies dient den Kindern und dem Allgemeinwohl zugleich. 8.1.1

Familienpolitik Deine Kinder sind nicht deine Kinder. Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. – Sie kommen durch dich, aber nicht von dir, und obwohl sie bei dir sind, gehören sie dir nicht. Du kannst ihnen deine Liebe geben, aber nicht deine Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken. – Du kannst ihrem Körper ein Heim geben, aber nicht ihrer Seele,

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s. Joseph Weizenbaum: Computermacht und Gesellschaft. Frankfurt 2001. S. 28.

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denn ihre Seele wohnt in dem Haus von morgen, das du nicht besuchen kannst, nicht einmal in deinen Träumen. – Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein, aber suche nicht, sie dir gleich zu machen. Denn das Leben geht nicht rückwärts und verweilt nicht beim Gestern. – Du bist der Bogen, von dem die Pfeile ausgeschickt werden. Lass deine Bogenrundung in der Hand des Schützen Freude bedeuten.“ Kahlil Gibran

(libanesischer Dichter,

gestorben 1913)

Das alte Ideal der Familie finden wir zwar kaum noch praktisch gelebt, aber es ist noch immer gültig – hier in den Worten des CDU-Grundsatzprogramms: „Die Familie ist die beständigste Form des Zusammenlebens in der Gesellschaft. In der Familie erfahren Menschen Geborgenheit und Zuwendung. Hier erleben sie Solidarität zwischen den Generationen. In Familien können am besten die Eigenschaften und Fähigkeiten entwickelt werden, die Voraussetzung und Grundbestandteil einer freien und verantwortlichen Gesellschaft sind: Liebe und Vertrauen, Toleranz und Rücksichtnahme, Opferbereitschaft und Mitverantwortung, Selbständigkeit und Mündigkeit. Für uns ist Familie das Fundament der Gesellschaft. Deshalb setzen wir uns für ihre finanzielle Unterstützung und die gesellschaftliche Anerkennung der Familienarbeit ein. Der Zusammenhalt in unseren Familien ist Voraussetzung für die Solidarität in unserer Gesellschaft.“213 Zu ergänzen ist, dass zwischen den Generationen der Familie neben den o.g. humanitären Haltungen auch Grundkompetenzen vermittelt werden, nämlich Disziplin, Kultur und Bildungsstrategien, auf der die Schule aufbaut und die lebenslang die geistige Basis des Menschen bleibt, so dass Tradition und Kontinuität nicht vergessen werden, gleichzeitig aber auch Raum für Emanzipation und Innovationen geschaffen wird .214 Was aber ist die beste Erziehung? Das ist die Frage, mit der sich jede Familie auseinandersetzen sollte. Eltern, die das versäumen, reproduzieren unbewusst die Erziehung und die Kultur, in der sie selber groß geworden sind. Erst wenn man seine Verhalten reflektiert und Alternativen kennt, hat man Wahlmöglichkeiten! Für eine bewusste und gute Erziehung brauchen Eltern zunächst die Bildung, die sie lehrt, welche Erziehungsstile welche Ergebnisse produzieren. Wenn sie nun etwa den autoritativ-partizipativen Erziehungsstil auswählen und sich in dieser Wahl sicher sind, dann liegen die Probleme im Detail: Sollen sie ihr Baby immer sofort auf den Arm nehmen, wenn es schreit? Wenn die Theorie das gebietet, wie lässt es sich in der Praxis umsetzen? Müssen Eltern ihre eigenen Bedürfnisse immer zurückstellen? Wenn die Kinder größer sind: Wo sollen Eltern die richtigen Grenzen setzen? Welche Konsequenzen sind angemessen, wenn Kinder die Grenzen missachten? All diese Fragen kann keine Theorie beantworten. Jede Familie muss ihren Stil und ihre eigenen Regeln finden. Das ist eine gewaltige Herausforderung für ein Eltern-Paar. 213

s. Grundsatzprogramm der CDU Deutschlands: „Freiheit in Verantwortung.“ Hamburg 1994. S.16. vgl. Peter Büchner, Anna Brake: Bildungsort Familie. Transmission von Bildung und Kultur im Alltag von Mehrgenerationenfamilien. Wiesbaden 2006. 214

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Der Wert und die Macht der Familie kann kaum hoch genug eingeschätzt werden – wie ich im ersten Teil (Bestandsaufnahmen gezeigt habe). Wegen ihres hohen Stellenwertes steht die Familie unter dem Schutz des Grundgesetzes. Darunter ist zu verstehen, dass der Staat dafür verantwortlich ist, den Familien Rahmenbedingungen zu verschaffen, unter denen sie gedeihen können, und dafür sorgt, dass die Menschenrechte der Kinder unbedingt gewahrt werden. Doch in unserem ökonomischen System besitzen Familienbande keinen Wert: Es fordert eine Mobilität und eine zeitliche Flexibilität, die Partnerschaften und Familien mitunter über hunderte von Kilometern auseinander reißen. Der Wert von Familie muss in der Öffentlichkeit vermittelt und von Arbeitgebern und Behörden gebührend berücksichtigt werden. Eine familienfreundliche Politik muss insbesondere dafür sorgen, dass Familien nicht nur eine finanzielle Zuwendungen erhalten, sondern alle erforderlichen Ressourcen für - Partnerschaftsschulen und Elternschulen zur Vermittlung von Beziehungs- und Erziehungskompetenzen; - Einzelberatung von Eltern; - genügend gemeinsame Zeit im Alltag; - die Bildung von gemeinsamen Wurzeln an einem Ort (Heimat); - genügend Eltern- und Kindergeld; - eine verlässliche und konsequente Fürsorge des Staates bei Trennungen oder Zeichen von Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung, Verwahrlosung. Behütung von Familien Um Familien gemeinsame Zeit zu verschaffen, möge der Ladenschluss gesetzlich auf 18.00 festgesetzt werden. Bei der Festlegung der Arbeitszeiten haben Arbeitgeber generell auf die Bedürfnisse von Kindern ihrer Beschäftigten Rücksicht zu nehmen; der Staat erstattet den Verdienstausfall, wenn Elternteile wegen Krankheiten von Kindern zu Hause bleiben. Nach dem Vorbild der Türkei sollte der Staat dafür sorgen, dass Paare, die im öffentlichen Dienst arbeiten, einen gemeinsamen Dienstort erhalten (ggf. auch innerhalb eines Landkreises). Große Betriebe, auf jeden Fall Konzerne sollen ebenfalls diese Sorge tragen; sie seien zu verpflichten, Betriebs-Kitas für Kinder von 1-6 Jahren zu tragen; für die Beschäftigung von Mitarbeitern ohne eigene Kinder im Haushalt sei eine Ausgleichsabgabe an den Staat zu entrichten (wie bei der Nicht-Beschäftigten von Behinderten). Desgleichen dürfen Arbeitsämter nicht verlangen, dass Familienmitglieder eine Stelle annehmen, die über 40 km vom Wohnort entfernt ist. Auch getrennt lebende Eltern behalten die hier aufgeführten Privilegien bis zur Volljährigkeit aller gemeinsamen Kinder. Alleinerziehende erhalten wie bisher besondere Unterstützung, die durch die Förderung von Wohngemeinschaften sowie Paarberatung nach der Trennung ergänzt wird. Familiengeld Kindergeld und Elterngeld sollten an Bedingungen geknüpft sein, denn es liegt nicht im Interesse der Allgemeinheit, dass Kinder falsch oder gar nicht erzogen werden. Der Staat zahle nur, wenn beide Eltern schon während der Schwangerschaft eine staatlich getragene Elternschule besuchen; Auffälligkeiten von Kindern in der Schule seien Anlass für Nachschulungen der Eltern. Das Elterngeld ermögliche es einem Elternteil, das erste Lebensjahr eines Kindes zu Hause zu bleiben (dazu reichen die derzeitigen Regelungen bzw. Zahlungen nicht aus). Elterngeld

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sei mit der Auflage zu zahlen, dass sich in der Wohnung des Kindes weder Fernseher noch spielefähige Computer befinden. Der Staat garantiere eine gebührenfreie Versorgung der Kinder ab einem Jahr in Krippen, Kindergärten und Ganztags-Schulen mit einer pädagogisch hochwertigen Betreuung. Für Kinder ab drei Jahren sei der Besuch von Kindergärten, für Eltern der Besuch regelmäßiger Elternabende verpflichtend. Die Jugendämter seien so großzügig mit Ressourcen auszustatten, dass sie ihre gesetzlichen Aufgaben absolut zuverlässig erfüllen können und z.B. Familienbetreuungen oder Heimeinweisungen nicht nur in den gröbsten Notfällen erfolgen. Wahlrecht für eigene Kinder Zu überlegen ist, ob Erziehungsberechtigte nicht eine zusätzliche Stimme bei Wahlen erhalten sollten – denn Kinder und Jugendliche haben Interessen, die bei Wahlen sonst nicht repräsentiert werden: Jedes erziehungsberechtigte und wahlberechtigte Elternteil erhalte eine zusätzliche Stimme bei allen Wahlen. Pflege und Betreuung von bedürftigen Familien und Alten Hierfür seien Netzwerke zu bilden, die nach Möglichkeit den Anschluss an Familien bzw. Wohngemeinschaften suchen. Hierzu verweise ich auf das Konzept der Netzwerkperspektive von Ulrich Otto.215 8.1.2

Bildungs- und Jugendpolitik Erziehung ist ein sozialer Prozess. Erziehung ist Wachstum. Erziehung ist nicht bloß Vorbereitung auf das Leben, sondern sie ist das Leben selbst. John Dewey

Vornehmstes Ziel der Bildungs- und Jugendpolitik sei die gesunde Entfaltung des Individuums in allen menschlichen Dimensionen: körperlich, emotional, sozial, kulturell und geistig. Dafür brauchen wir eine integrale, d.h. all diese Dimensionen berücksichtigende Erziehung in Kooperation von Eltern, Verwandten, Ärztinnen, Erzieherinnen, Pädagoginnen und ggf. weiteren Fachleuten. Schulreform – kräftige Investition in die Zukunft Kinder sind die Demokraten oder Tyrannen von morgen. Ohne Bildung ist Tyrannei, aber keine Demokratie möglich. Zudem verlieren wir mit der führenden Position in der Bildung auch unseren Wohlstand. Es ist eine Schande, wie viele Talente wir verfaulen lassen, weil wir die Kinder aus bildungsfernen Familien im Stich lassen. Für eine Bildungs-Offensive plädieren auch Bildungspolitikerinnen, etwa die Vorsitzende des Bildungsausschusses des Deutschen Bundestages, Ulla Burchardt: 215

vgl. U.Otto & P. Bauer (Hg.): Mit Netzwerken professionell zusammenarbeiten. Bd.1. Tübingen 2005. Dieser Text gibt zugleich ein Beispiel für unerträglichen, d.h. schwerst behindernden Soziologen-Stil. Die Zusammenfassung in der Anlage versucht, einen etwas leichteren Zugang zu verschaffen.

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„Man muss gar nicht nach Skandinavien schielen, wo die Länder sich aus der tiefen Krise ihres Sozialstaates, der Massenarbeitslosigkeit und Wachstumsschwäche durch massive Vorausinvestitionen in ihr Bildungssystem befreit haben. Die Wirklichkeit liegt hier in Deutschland klar vor unseren Augen. Bildungsarmut kostet die öffentliche Hand Milliardensummen und wenn die Ausbildungszeit der 25- bis 65-Jährigen auch nur um ein Jahr erhöht würde, entspräche das einem langfristigen Anstieg des Bruttoinlandprodukts zwischen vier und sieben Prozent. Wir können es uns auf Dauer also auch volkswirtschaftlich gar nicht leisten, auch nur eine Begabung zu verschleudern. An kaum einem Punkt kommen sich wirtschaftliche und soziale Interessen so nah: Ganz gleich, wer an der falschen Stelle spart, der Staat oder die Wirtschaft, am Ende verlieren beide, weil ihnen die wichtigste Ressource ausgeht.“216 Nach jahrzehntelanger rückwärtsgewandter Sparpolitik besteht immenser Nachholbedarf für Reformen217 – mit Blick auf die PISA-Leuchte Finnland! Chancengerechtigkeit Chancengerechtigkeit bestand in Deutschland nie. Dass Chancen-Ungleichheit eine Verletzung des Menschrechts auf Bildung bedeutet, wird hierzulande kaum wahrgenommen. 218 Dennoch findet diese Menschenrechts-Verletzung täglich vor unseren Augen statt: Wessen Eltern arm sind, wird kaum eine akademische Karriere machen können. Viele neigen dazu, den „schlechten“ Schülern, Schulschwänzern und „asozialen“ Jugendlichen die Schuld an ihrer Misere zu geben: Sie seien faul oder dumm oder beides, und ihre Eltern verantwortungslos. Tatsächlich trägt die Gesellschaft eine gehörige Portion Mitverantwortung dafür, dass junge Menschen keinen erfolgreichen Einstieg in ihr Leben finden. Die Politik muss gleiche Chancen herstellen. Genormte Vergleichsarbeiten und die Erhöhung des Leistungsanspruchs sind unzureichende und einseitige Maßnahmen; sie vergrößern eher die Chancen-Ungleichheit, die in den Familien beginnt und durch das herrschende zweigliedrige bzw. dreigliedrige Bildungssystem fortgeschrieben wird. Zur Annäherung an eine Chancengleichheit brauchen wir eine Bildungs-Offensive, deren Ziele in diesem Kapitel umrissen werden. Grundsätzlich sollten diese geläufigen Fehler vermieden bzw. korrigiert werden: 1. Bildung darf weder privatisiert noch mit Gebühren belegt werden. Das BAFöG möge kräftig aufgestockt werden, so dass die Höhe der BAFöG-Leistungen keine Schülerin oder Studentin mehr zum Arbeiten nötigen. 2. Bildungsinstitutionen sind keine Produktionsstätten! Schulen mögen selbst bestimmen, wie sie Bildungsziele vermitteln; zentral (für ganz Deutschland) 216

MdB Ulla Burchardt in der FR vom 31.3.7: „Auch Hans kann noch etwas lernen“ An guten Ratschlägen hat es nie gefehlt. So könnten sich erste Schritte der notwendigen Schulreformen z.B. auch an den Vorschlägen der „Denkschrift der Kommission ‚Zukunft der Bildung’“ orientieren, die 1995 veröffentlicht, aber nicht einmal vom Auftraggeber selbst beherzigt wurden (vgl. Bildungskommission NRW: Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft. Denkschrift der Kommission „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ beim Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen. Neuwied, Kriftel, Berlin 1995). 218 Leider wehrt die deutsche Öffentlichkeit solche Kritik mit dem Hinweis auf das Recht auf nationale Selbstbestimmung ab. Es ist dasselbe Argument, mit dem die chinesischen Kommunisten ausländische Kritiker abweisen, die Menschenrechtsverstöße in China anprangern! Das Prinzip der Chancengleichheit im Bildungswesen ist im allgemeinen Bewusstsein der Deutschen nicht genügend verankert; hierfür werden i.d.R. nur die einzelnen Familien und die Kultus- und Sozialbürokratie verantwortlich gemacht. 217

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sollten nur die Abschlussprüfungen gestellt werden, um eine Vergleichbarkeit herzustellen. 3. Nicht der Finanzminister hat zu entscheiden, was Bildung kosten darf! Schulen brauchen eine großzügige personelle und räumliche Ausstattung und genügend Lehrmittel. Entsprechendes gelte für die Hochschulen. Vernetzendes, exemplarisches, emanzipierendes Lernen In jedem Unterrichtsfach sei das Wissen von vornherein in Zusammenhänge einzubetten; der grundlegende Zusammenhang ist derjenige zwischen Sprache und Wirklichkeit, die Semantik – Postman erklärt dazu: „Weil sie [die Semantik] sich mit den Prozessen beschäftigt, durch die wir Sinn erzeugen und deuten, kann sie elementare Auswirkungen auf die Intelligenz der Schüler haben. [...] Es spricht vieles dafür, dass die Beschäftigung mit der Semantik die Schreib- und Lesefähigkeit der Schüler fördert. Aber sie leistet in jedem Fall mehr. Sie versetzt die Schüler in die Lage, über den Sinn und die Wahrheit dessen nachzudenken, was sie schreiben und lesen sollen. Sie lehrt sie, die Annahmen zu erkennen, die dem, was ihnen gesagt wird, zugrunde liegen. Sie macht die zahlreichen Formen sichtbar, in denen Sprache die Wirklichkeit verzerren kann. Sie hilft den Schülern, das zu werden, was Charles Weingartner und ich einmal ‚Quatsch-Detektoren’ genannt haben.“219 Genau diese Emanzipierung des Denkens brauchen wir, um der Macht und den Manipulationen der Massenmedien demokratisch zu begegnen! Der Unterricht soll also vernetzendes Denken schulen; dafür liegen fächerübergreifende, projektorientierte und handlungsorientierte Methoden nahe. Und was sollen die Schüler lernen? Kulturtechniken sollten, mit steigendem Niveau, in allen Jahrgangsstufen und nicht nur für Kinder unterrichtet werden – vor allem:  Lesen (und Interpretieren bzw. kritisches Analysieren);  (kreatives) Schreiben,  Argumentieren,  Reden;  Werken (Konstruieren);  Experimentieren (Hypothesen bilden);  Rechnen (bzw. theoretische Modelle bilden). Was soll es noch sein? Ich verweise hier auf die kritisch-konstruktive Didaktik Wolfgang Klafkis, der Allgemeinbildung, „epochaltypische Schlüsselprobleme“ sowie Einstellungen und Fähigkeiten in den Mittelpunkt der Lehrpläne rückt.220 Was sind die Klafkischen epochaltypischen Schlüsselprobleme? Einige Beispiele:  die Ich-Du-Beziehung;  die (lokale/globale) Friedensfrage;  die gesellschaftlich produzierte (lokale/globale) Ungleichheit;  die Umweltproblematik; 219

s. Neil Postman: Das Technopol. Frankfurt 1992. S. 208f. vgl. Wolfgang Klafki: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik. Weinheim, Basel 21991. 220

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 die Risiken neuer Technologien. Bezüglich der Inhalte von Allgemeinbildung geht es nicht darum, möglichst viel Faktenwissen einzutrichtern. Vielmehr soll ein Überblickswissen vermittelt werden, das an bestimmten Stellen exemplarisch vertieft wird; es geht darum, ein Verständnis von Zusammenhängen und Erkenntnismethoden zu gewinnen. Die LehrerInnen seien so auszubilden, dass eine Einseitigkeit ihrer Fächer vermieden werde – wenn sie Schüler ganzheitlich bilden sollen, müssen sie selber mehr studiert haben als nur Sprachen oder nur Mathematik/Naturwissenschaften (die 10%-Pädagogik im Lehramts-Studium reicht nicht aus); unter ihren Unterrichtsfächern möge also einerseits eine Sprache, ein musisches Fach oder eine Geisteswissenschaft sein und andererseits eine Naturwissenschaft, Mathematik, Informatik, Sport oder ein berufsbezogenes Fach. Integrale Pädagogik als Kontext für die Bildung In der Erziehungswissenschaft verbreitet sich der integrale Ansatz. Für zentral wichtig halte ich das von Girg formulierte Prinzip, Trennendes zu beenden: „Das Werden, Wachsen und Zusammenwirken der Individuen bildet den Mittelpunkt und ständigen Ursprung der integralen Schule des Menschen. Im ungetrennten Zusammensein die Vielfalt zu beachten ist damit eines ihrer herausragenden Kennzeichen. Gesellschaftliche Regularien haben aber dafür gesorgt, dass das ungetrennte Zusammensein durch trennende Maßnahmen gestört wird. [...] Als Trennungen können identifiziert werden:  Trennung von Personen durch das Schulsystem und Selektionsmechanismen  Trennung von Behinderten und Nichtbehinderten  Trennung von Lehrenden und Lernenden  Trennung von Schule, Lernen und Leben  Trennung von Rationalem, Emotionalem, Körperlichem, Sinnlichem und Spirituellem  Trennen von Lernen und Erfahrung  Trennungen durch Sach- und Inhaltszusammenhängen durch Fächer  Trennung von Prozessen durch zu enge Zeitstrukturen [...] Viel zu stark haben die Wirkungen des Trennenden die Schulen von der Unmittelbarkeit des Lernens im Leben abgehalten und sie so ihrer eigentlichen, aus der Gegenwärtigkeit des Ursprungs kommende Kraft beraubt.“ „Alle Formen, die das Trennende fördern, können durch integrale Handlungsweisen in Auflösungen kommen. “221 Das Beenden des Trennenden soll nun aber kein neues Dogma werden! Der integrale Ansatz werde nun auf die Gemeinschaftsschule angewendet; das führt beispielsweise zu folgenden Prinzipien: +

221

Kinder sollten all ihre Erfahrungsräume mit ihren Eltern teilen können, sich mit ihnen austauschen und sich ihnen leichter anvertrauen können. Wenn Kinder merken, dass ihre Eltern in gutem Kontakt zu LehrerInnen/BetreuerInnen stehen, werden sie ihre Eltern-Bindung in die (schwächere) Beziehung zu BetreuerInnen/LehrerInnen ausdehnen; das funktioniert, wenn Eltern und

s. Ralf Girg: Die integrale Schule des Menschen. Praxis und Horizonte der Integralpädagogik. Regensburg 2007. S. 261f.

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BetreuerInnen/LehrerInnen regelmäßig Informationen austauschen, Vertrauen zueinander haben, kooperieren und gemeinsam Regeln und Maßnahmen verabreden. Dazu müssen regelmäßige Elternabende stattfinden, das gemeinsame Frühstück auch für Eltern angeboten werden und in den unteren Jahrgangsstufen auch Elternangebote in der Schule möglich sein – so wächst eine Gemeinschaft aus Kindern und allen Erwachsenen.222 +

Zu würdigen ist, dass jedes Kind ein eigenes Tempo des Lernens und der ReifeEntwicklung hat. Deshalb sei zumindest in den ersten drei bis vier Schuljahren Notendruck zu vermeiden;

+

jahrgangsübergreifende Gruppen bieten eine gute Möglichkeit zur gegenseitigen Förderung von Kindern.

+

Nach und nach komme auch das Leistungsprinzip zu seinem Recht (Schule ist nicht ganz zu trennen von gesellschaftlicher Realität).

+

Geschlechtshomogene Gruppen (nicht permanent, sondern nur zu bestimmten Gelegenheiten) sind zur Stärkung der Identifikation mit dem eigenen Geschlecht wichtig; sie begünstigen das Selbstbewusstsein in bestimmten Disziplinen (z.B. Sport, Naturwissenschaft).

Ein weiteres zentrales Prinzip integraler Pädagogik ist die Förderung der geistigen und körperlichen Entwicklung gemäß der individuellen Entwicklungsstufe des Kindes.223 Einige Beispiele zur Umsetzung: + Höhlen und Gespensterspiele für Kinder in der purpurnen Welle; + täglichen Tanz, Gesang, Rituale, Geschichten erzählen/vorlesen (für die Kinder in den roten bzw. blauen Wellen); + tägliche Sport- oder Gymnastikstunden (geschlechtshomogen, für alle Altersgruppen und Wellen); + Beginn des Unterrichts nicht vor 9 Uhr, da das Lernen zu früherer Stunde physiologisch ungünstig ist; die Zeitstruktur hat ebenfalls die Erfordernisse der Lernprozesse zu berücksichtigen; + absolutes Mitbring-Verbot von (Spielzeug-)Waffen, Drogen, Süßigkeiten/süßen od. alkoholischen Getränken, elektronischen Apparaten aller Art; + separate Räume für Jungen/Männer und Mädchen/Frauen; + Förderkurse für Leistungsschwache; + Förderung Hochbegabter; + Vorgabe fester Strukturen; + Aushandeln von Regeln, demokratische Mitbestimmung; + eine Fremdsprachendidaktik, die variabel für verschiedene Lerntypen ist224; 222

Vgl. Gordon Neufeld: Unser Kinder brauchen uns! Bremen 2006. Die Förderung der geistigen Entwicklung ist auf die Bedürfnisse der verschiedenen Wellen zuzuschneiden: Rituale, Geschichten u.ä. für die purpurnen/roten Kleinen, feste Strukturen, Regeln und Religionsunterweisung für die Blauen, Mathematik, Naturwissenschaften, Methoden für die Orangen. 224 „Schätzungen zufolge gibt es mindestens 150 Sprachlernmethoden. ‚Und alle zwei Jahre kommt eine neue hinzu’, so Heinrich Kelz, Direktor des Sprachlernzentrums an der Uni Bonn. [...] "Eine Methode lässt sich eben nicht auf alle Lerner übertragen", sagt Willis J. Edmondson, Professor für Sprachlehrforschung an der Uni Hamburg. Er empfiehlt, statt der Methode den Fremdsprachenunterricht selbst ins Visier zu nehmen, mit seinen unterschiedlichen Schülertypen und Lernbedingungen. Solide Befunde gebe es etwa für den so genannten aufgabenorientierten (task-based)-Unterricht. Im Mittelpunkt stehen hier nicht die Lösungen von Aufgaben selbst. Vielmehr soll ein Schüler nachvollziehen lernen, welche Prozesse zu ihnen führen.“ (s. Yvonne Globert: Gestandenen Männern zittern bei Französisch die Knie. In: FR vom 13.7.2007) 223

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+ +

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ab Klasse 5: naturwissenschaftliche „Forschungsprojekte“ (zunächst phänomenologisch, geschlechtshomogen); geschlechtshomogene Klassenfahrten nach ökologischer oder fremdsprachlicher Ausrichtung.

Generell sollte die Schule berücksichtigen, in welchen Wellen sich Schüler befinden, d.h. ihre Formen und Inhalte an ihre mentale Bedürfnisse anpassen. Z.B. können die Belange von Umweltschutz frühestens in der orangen Welle rational aufgearbeitet werden, d.h. ab einem Alter von ca. 14 Jahren; im Kindergarten kann die Natur in ihrem magischen, lebensspendenden Wesen erfahren werden (rote Welle). Im blauen Alter dazwischen (ca. 613 Jahren) sollte der Unterricht in allen Fächern einfühlsam-streng Normen, KulturTechniken und Wissen vermitteln. Der Religionsunterricht sollte sich allmählich von Ritualen und Gesängen (rot) zu Geschichten und Regeln (blau) hin zu kritischer Religionskunde (orange) entwickeln. LehrerInnen und SchulleiterInnen des informellen „Arbeitskreises reformpädagogischer Schulen“ sind hier viel systematischer ins Detail gegangen und haben alternative „Standards“ ausgearbeitet, die der Ganzheitlichkeit des Lernens Rechnung tragen, und somit die derzeit technokratisch angewendeten offiziellen Bildungsstandards, bei denen kognitive und testbare Kompetenzen im Vordergrund stehen, vom Kopf auf die Füße stellen.225 Diese alternativen Standards entzücken mich in Herz, Seele und Verstand, doch ist hier nicht der Raum, um sie zu referieren. Vision im Sinne der integralen Pädagogik Innerhalb des o.g. Netzwerkes reformpädagogischer Schulen haben die Schulpraktiker ein detailliertes Konzept für eine humane und zeitgemäße Schule ausgearbeitet. Ich zitiere aus ihrer gemeinsamen Vision, die in ihren Schulen mehr oder weniger realisiert wurde. In dieser Beschreibung wollen sie das „Grundmuster einer guten Schule abbilden“, die als Gemeinschaftsschule bezeichnet werden könnte: „Die Schule ist ein Gemeinschaftswerk aller Beteiligten, die mitund füreinander Verantwortung übernehmen: Die Schule als ‚Polis’. Die Pädagoginnen und Pädagogen, die Schülerinnen und Schüler, die Eltern, die Kommune mit ihren Möglichkeiten und auch außerschulische Institutionen wirken zusammen, um mit dem Anspruch ‚Wir dürfen kein Kind verlieren’ Ernst zu machen. Sie handeln nach dem Grundsatz: Zuerst und vor allem kommt es darauf an, dass es den Kindern und Jugendlichen in der Schule an Leib und Seele gut geht. Das beginnt mit scheinbaren „Kleinigkeiten“, die aber bald als Standards gelten: ein gutes, nahrhaftes Frühstück oder Mittagessen, ein Gesundheits- und Beratungsdienst, ein flexibler, den Bedürfnissen der Kinder angepasster Tagesrhythmus, gute Möbel, Ausstattung der Schule mit vielfachen Lerngelegenheiten, Ausstattung der Klassen und Arbeitsplätze mit handlichen, anregenden, gut geordneten Materialien, genügend Platz zum Lernen, Spielen und Bewegen. Zum Kern der Entwicklungsarbeit wird die Neugestaltung des Unterrichts und der Lernangebote. Die Vorgabe ist: Lernen muss auch bei aller unverzichtbaren Mühe und Anstrengung - Freude 225

s. Schulverbund „Blick über den Zaun“: Standards. Veröffentlicht unter www.blickueberdenzaun.de

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machen, mit Anschauung und Erfahrung verbunden sein, geschieht am besten in der Auseinandersetzung mit bedeutsamen Gegenständen und findet darum oft auch außerhalb der Schule statt. Bewährung und Ernstfall gehören ebenso dazu wie Belehrung und systematisches Üben. Die Schule stellt hohe Anforderung an alle Beteiligten und bietet zugleich vielfältige Unterstützung. Die Schule ist einladend, freundlich und anregend gestaltet, ein Ort, an dem Kinder den ganzen Tag über gern und gut leben und lernen können. Niemand wird beschämt, niemand muss sich als Versager fühlen. Darum ist das Sitzenbleiben abgeschafft, der Unterricht ganz darauf ausgerichtet, der Unterschiedlichkeit der Kinder gerecht zu werden. Die Schule hat deshalb neue Formen der Leistungsbegleitung und -bewertung entwickelt: verpflichtende Beratungsgespräche, Lernvereinbarungen, Portfolios [Testathefte]. Die Schule arbeitet selbstständig und eigenverantwortlich; so wird ihre ganze pädagogische Kreativität freigesetzt. Die starren Jahrgangsklassen sind durch flexible Lernformen und Lerngruppen ersetzt worden: An dieser Schule ist es beispielsweise normal, dass Zwölf- und Vierzehnjährige zusammen Englisch lernen oder im Labor experimentieren können. [...]“226 Grundsätzlich sollte die Entwicklung solcher Visionen und Konzepte jeder einzelnen Schule vorbehalten bleiben. Allgemeine pädagogische Konzepte sollten der Orientierung dienen. Anpassung der institutionellen Rahmenbedingungen an die pädagogischen Erfordernisse – nicht umgekehrt! Hier möchte ich skizzieren, wie die Rahmenbedingungen für Schulen verändert werden müssten, denn in dieser Konsequenz finde ich das in keinen Publikationen. Schulen werden von den Landkreisen eingerichtet und getragen; Schulaufsichtsbehörden, die bisher dem Kultusministerium unterstellt sind, können wegfallen; ein Bundeskultusministerium verteile gleichmäßig und großzügig die Ressourcen für Personal und Lehrmittel, organisiere die LehrerInnenausbildung und –Fortbildung, biete allen Lehrkräfte didaktisierte Lehr-Materialien an, betreibe einen zentralen Bildungs-Server im Internet, unterstütze die Weiterentwicklung von Schulen und formuliere zentrale Abschlussprüfungen. Ganztagsschulen sind sicherlich eine gute Form, um die Chancengerechtigkeit zu erhöhen – vorausgesetzt, dass sie so ausgestattet sind, dass die Kinder sich dort wohl fühlen und etwas lernen (PISA zeigt, dass Länder mit Ganztagsschule wesentlich besser abschnitten, weil ganztagsbetreute Kinder weniger vor Bildschirmen hocken227). Allerdings sollte die elementar wichtige Primärbindung von Kindern zu ihren Eltern nicht ins Hintertreffen geraten228: Wenn es organisatorisch möglich ist, sollten Kinder mittags zu Hause mit ihrer Familie essen; beim Bringen/Abholen sollten Eltern und BetreuerInnen/LehrerInnen immer ein paar Worte miteinander wechseln, um Stimmung, wichtige Informationen 226

s. Schulverbund „Blick über den Zaun“: Appell. In: Schule ist unsere Sache. Eine Denkschrift des Schulverbunds „Blick über den Zaun“. Veröffentlicht unter www.blickueberdenzaun.de 227 s. Frankfurt Allgemeine Archiv: Gewalt im Kinderzimmer. Was Fernsehen anrichtet. Von Peter-Philipp Schmitt. FAZ vom 14.6.2006, S.9. 228 Je weniger die Eltern-Kind-Bindung gepflegt wird, desto dramatischer kann die Pubertät schief laufen. Vgl. das Augen öffnende Buch von Gordon Neufeld: Unsere Kinder brauchen uns! Bremen 2006.

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auszutauschen und das Kind begrüßen. Die Kinder, die mittags in der Schule bleiben müssen, sollten nicht nur den Peers überlassen bleiben; auch erwachsene Bezugspersonen sollten mit ihnen zusammen sein, um die Beziehung zu pflegen: z.B. gemeinsam bei Tisch, gemeinsam bei der Stillarbeit (Hausaufgaben) usw. Um Kinder und Jugendliche vor gnadenlosem Wettbewerb hinsichtlich Mode und StatusSymbolen zu schützen, mögen SchülerInnen staatlich verliehene Schuluniformen tragen (einschließlich Jacken, Ranzen und Utensilien); Schmuck und Schminke, das Herausholen von Handys u.ä. sei absolut verboten (auch in der Pause – damit werde auch die unmittelbare Kommunikation gefördert!). Das würde es zugleich erschweren, dass die Aufmerksamkeit von SchülerInnen vom Unterricht weg und zu körperlichen Reizen hingezogen wird, also das Lernen erleichtern. Zugleich hilft diese Maßnahme, die blaue Welle zu tragen. Nicht zu vergessen ist die Notwendigkeit der psychologischen Betreuung bereits in den Schulen - ich zitiere wiederum Kliche vom Berufsverband der PsychologInnen: „Die im Bericht ausgewiesene Unterversorgung aller Bundesländer mit Kinderund Jugendlichenpsychotherapie ist eine Art staatlich unterlassener Hilfeleistung an jungen Menschen. Von der erschreckend hohen Zahl bundesweit 320000 akut hilfsbedürftiger junger Menschen werden nicht unbedingt alle für Psychotherapie erreichbar sein, aber für alle, die das suchen und brauchen, müssen Zugangsmöglichkeiten geschaffen werden.“229 Bekanntlich ist die Hemmschwelle, eine psychologische Beratung aufzusuchen, wesentlich höher als einen Arzt zu konsultieren. Deshalb sollten Schulpsychologen in jeder Schule eine Praxis haben, die einen niedrigschwelligen, kostenlosen und kurzfristigen Zugang für Eltern, Schüler und LehrerInnen gewährt. Erst eine befriedigende psychologische Betreuung verschafft in jedem Individuum den integralen pädagogischen Prinzipien den tragfähigen Boden einer bezähmten Unterwelt. Die Schulen mögen weitgehende Autonomie erhalten, um Personal einzustellen, über ihr Budget zu verfügen und ihren Unterricht zu organisieren, so dass sie z.B. Fächer und Stundentakt auflösen und jahrgangsübergreifende Lerngruppen einrichten können; die Lehr-Inhalte mögen sie aktuell und auf ihre Schüler bezogen selbst auswählen. Deshalb sollten sich die Lehrpläne auf allgemeine Inhalte beschränken und nur solche Spezialkenntnisse verbindlich machen, die für die zentralen Abschlussprüfungen relevant sind (keine überfrachteten Curricula mehr!). So möge jede Schule ihren Weg selbst finden, um das Abschlussziel zu erreichen. Jede Schule erhalte eine kuschelige Personaldecke, mit der sie ihre Verpflichtung zur Lehre, Erziehung und Beratung erfüllen kann: Lehrkräfte, ErzieherInnen, SchulPsychologInnen, Sozialpädagogen, Hausaufgaben-BetreuerInnen, Bibliothekare, Medienwarte, Computer-Administratoren, Putzpersonal, Hausmeister, Köche (KüchenHilfe und Abwasch seien als sozialer Dienst von SchülerInnen zu verrichten) und ein Budget für kulturelle Veranstaltungen, Kursleiterinnen für besondere Projekte usw. Professionalität, Erfahrung und Kontinuität sind für pädagogische Arbeit unverzichtbar. Deshalb seien alle Beschäftigten auch im Bildungsbereich angemessen hoch pädagogisch, d.h. nicht nur fachlich zu qualifizieren, auf feste Stellen zu setzen und entsprechend hoch zu entlohnen; prekäre Arbeitsverhältnisse seien zu verbieten, Aushilfen und Befristungen zu vermeiden. Lehrkräfte dürfen ihre Macht gegenüber Schülern in keiner Weise missbrauchen; vielmehr müssen sie sich als integre Persönlichkeiten vorbildlich verhalten und sich an einem 229

s. Thomas Kliche in: reportpsychologie, Heft 5/2007, S. 215.

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autoritativ-partizipativen Erziehungsstil orientieren (hierbei ist zu respektieren, dass jeder seinen eigenen Stil hat). Dass Lehrkräfte Berufsbeamte sind, ist diesem Ziel eher abträglich; unbefristete BAT-Verträge seien zu bevorzugen. Lehrkräfte pflegen regelmäßigen Kontakt untereinander (Klassenteams) und zu den Eltern. Dafür dürfen die Klassen nicht größer als i.d.R. 20 Schüler sein und die Lehrverpflichtung ca. 20 Wochenstunden nicht überschreiten. Alle Lehrkräfte, Sozialpädagogen und Psychologen u.ä. mögen über ein Büro in der Schule verfügen und regelmäßige Sprechstunden anbieten. Bildungsphasen Die ersten acht Schuljahre mögen alle Kinder in einer Gemeinschaftsschule verbringen. Ab einem Alter von ca. neun Jahren können Kinder in Vereinen, Schulen oder Jugendzentren neue Herausforderungen in einer kulturellen Ehrendisziplin auswählen: z.B. Mediation, darstellendes Spiel, Turnen, Schwimmen, Wettkampf-Sportarten, Literatur lesen und vorlesen, kreatives Schreiben, journalistisches Schreiben, Tonarbeiten, Kunst, Tanzen, Kinder- und Jugend-Parlament, Naturschutz usw. Bei diesen Beschäftigungen komme es darauf an, dass sie  ein großes Entwicklungspotential eröffnen,  in einer Gruppe praktiziert werden,  nichts mit Bildschirmen zu tun haben und  Anerkennung verdienen. Diese Anerkennung werde auch in Form von Rangabzeichen ausgedrückt (Vorbild: Judo-Gürtel in verschiedenen Farben). Die Teilnahme an diesen Gruppen sei freiwillig und kostenlos, die Anleitung pädagogisch einwandfrei. Im achten Schuljahr werde an einem Nachmittag pro Woche der Unterricht in die kommunalen Jugendzentren verlagert. Dort werden kleine, geschlechtshomogene Gruppen gebildet, um die „Initiation“ zu erfahren: die Auseinandersetzung mit der Alltagsseite des Erwachsenen-Lebens. Themen seien (Homo-)Sexualität, Verhütung, Liebe, Partnerschaft, Freundschaft, aber auch die Schattenseiten: Konflikte, Abhängigkeiten, Missbrauch, Gewalt, Pornographie, Sucht nach Alkohol, Tabak, Drogen usw. Diese Gruppen mögen von Männern und Frauen geleitet werden, die authentisch und inhaltlich wie methodisch kompetent sind, denn hier gehe es weniger um Belehrung als um Selbsterfahrung in der Gruppe, die für die Ausbildung der Individualität von großer Bedeutung ist; da hier niemand zu bewerten sei, sollten die Leitenden ihren Teilnehmenden nicht zugleich als LehrerInnen bekannt sein. Diese Gruppen mögen über das Pflichtjahr hinaus weiter angeboten werden; jedeR Jugendliche kann sich jeweils halbjahrsweise zur Teilnahme an einer solchen Gruppe verpflichten. Nach acht Jahren werde der Schulbesuchs zugunsten eines Berufsbildungsjahrs unterbrochen – denn in dieser kritischen Zeit der Pubertät, in der das schulische Lernen oft nur mit Zwang durchzusetzen ist oder sogar ganz auf der Strecke bleibt, wäre es klüger, die Jugendlichen mit der Praxis zu konfrontieren. Jeder Schüler wähle eine Fachrichtung aus, werde von der entsprechenden beruflichen Schule auf ein Betriebspraktikum vorbereitet und führe ein solches Praktikum durch, das von der Berufsschule betreut und ergänzt werde. Jugendliche im Alter zwischen 15 und 20 Jahren erhalten einen Anspruch auf einen Ausbildungsplatz. Bis zum Erreichen des 30. Lebensjahres seien zehn Schulbesuchsjahre zu vollenden. Das sei auch in Abendschulen möglich, wobei die Schuljahre entsprechend der geringeren Wochenstundenzahl der Teilzeitschule gestreckt werden. Das zehnte Schuljahr schließe mit

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einer Prüfung zur bürgerlichen Reife ab. Erst das Bestehen dieser Prüfung autorisiere zur passiven Teilnahme an Wahlen. Mit Erreichen der Volljährigkeit werde für jede und jeden ein Soziales Jahr zur Pflicht in einem Bereich, den jede selbst auswähle, z.B. in Alten-/Natur-Pflege, in der KinderBetreuung, Politik (Parteien), Ökologie (z.B. BUND, greenpeace, WWF usw.), für Menschenrechte (z.B. ai); oder für mindestens zwei Jahre: Rettung (Feuerwehr, Sanitäter), Volkspolizei, THW. Wer Angehörige pflegt, werde solange von dieser Dienstpflicht entbunden; wer Kinder unter drei Jahren erzieht, werde zurückgestellt. Die Wehrpflicht entfalle. Das Soziale Jahr werde vom Arbeitsamt organisiert. Wer will, möge es im Ausland verbringen und dafür eine staatliche Förderung erhalten. Hochschulen – keine Ausbildung zum Fachidioten Die höheren Bildungswege seien ebenfalls kostenlos und werden durch Stipendien und BAFöG gefördert. Für jeden Studiengang seien bundesweit Studienplätze in einer Zahl anzubieten, die die Nachfrage übersteigt. Nicht im Sinne der Aufklärung ist es, wenn Hochschulen Menschen, die einer prärationalen Kultur angehören, in Wissenschaften ausbilden, die zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und anderen gefährlichen Technologien befähigen. Es ist bekannt, dass diese Kompetenzen durch diktatorische bzw. terroristische Mächte missbraucht werden. Hier sollten wir auf mehreren Ebenen Vorkehrungen treffen:  Bei der Zulassung zum Studium sei auf einen Mindeststandard humaner Allgemeinbildung zu achten.230  Warum nicht das Studium mit einem humanitären/ethischen Eid beginnen und abschließen? Solche Rituale wären zumindest sinnvoller als mit Doktorhüten herumzulaufen.  Falls ein Absolvent gegen ethische Normen verstößt, sollte die Hochschule von ihrem Recht Gebrauch machen, ihm „seinen“ akademischen Titel wieder zu entziehen – ein Titel wird eben nur „verliehen“, solange sich der Träger des Titel als würdig erweist!  Jeder Hochschullehrer sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein, neben fachwissenschaftlichen auch ethische Inhalte zu berücksichtigen und das Gespräch mit den Studierenden suchen.  Nicht zuletzt seien in jedem Studiengang Seminare zum Ausbau der Schlüsselqualifikationen bzw. Allgemeinbildung verpflichtend; ihre Inhalte und Methoden werden zu jedem Abschluss von Schule und Hochschule mit geprüft: soziale Kompetenzen, Kommunikationsverhalten, psychologische, politische, ethische und historische Bildung sowie Gesprächsführung (z.B. Themenzentrierte Interaktion), Führungskräftetraining, didaktische Methoden,.  Darüber hinaus möge jede Hochschule Unterweisungen in Meditationen u.ä. anbieten (fakultativ).  Zeit ist ein entscheidender Faktor zum Wachstum. Es ist nicht zu verkennen, dass junge Menschen während des Studiums eine besondere Chance zur Selbstfindung haben, die durch übertriebenen Zeitdruck im Keim erstickt wird. Studierende sind keine Wissensschlucker! Abgesehen davon müssen viele während des Studiums ihren 230

Ich schlage vor, bei der Aufnahme in die Hochschule als Voraussetzung das Erreichen des organgen Mems (nach der Terminologie von Wilber 2001) zu machen. Ohne einen sicheren Halt zumindest im orangenen Mem dürfte weder ein Zeugnis noch Zugang in sensible Wissensbereiche gewährt werden.

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Lebensunterhalt verdienen. Deshalb sei die Regelstudienzeit großzügig auszulegen. Für den Steuerzahler macht es keinen Unterschied, ob eine Studentin ihre 20 Pflichtscheine in 8 oder 18 Semestern absolviert, denn die Summe der Leistungen, die sie von der Hochschule erhält, bleibt etwa gleich.  Um den Bau von Elfenbeintürmen zu vermeiden, sei in jeder wissenschaftlichen Karriere eine ausgeprägte Praxisphase unabdingbar. Die Promotion sollte an die Bedingung geknüpft werden, dass ein gründlicher Bodenkontakt mit dem Gegenstand der Wissenschaft erfolgt ist – ich nehme hiermit eine Anregung des Alternativen Nobelpreisträgers Manfred Max-Neef auf: „Ich glaube, es wäre ungeheuer gut für sämtliche Ökonomen, wenn sie, bevor sie promovieren, lernten, ohne einen Cent für sechs Monate oder ein Jahr in einem Armenviertel zu überleben. [...] Was man da lernt und sieht, ist ganz unglaublich. Das kann keine Universität auf dieser Welt lehren. [...] Hauptsächlich lernt man Solidarität. In solchen Lebenssituationen gibt es keine Konkurrenz, sonst wären die Überlebensmöglichkeiten gleich Null.“231 Mediziner könnten als Krankenpfleger arbeiten, Juristen als Hilfspolizisten, Geisteswissenschaftler in der Erwachsenenbildung (bitte in der Schule nie ohne pädagogische Ausbildung!), Psychologen als Sozialarbeiter usw. – vorzugsweise in einem Land der Dritten Welt. Das würde das Blickfeld der Wissenschaft erweitern und so mancher Experten-Arroganz vorbeugen. Und der Doktortitel würde an Wert gewinnen: Doktoren würden zu Spezialisten des Lebens. Zur Verbesserung der Hochschul-Didaktik möge man außerdem:  den Vorschlägen von Frauke Gützkow und Gunter Quaißer folgen: von der Institutionen- zur Teilnehmerperspektive zu wechseln und bei der Gestaltung der Angebote eine Prozessorientierung einzunehmen – das sollte die Hochschulen nicht nur für die Weiterbildung attraktiver machen;232  alle drei Gruppen der Hochschulen (Professorinnen, Mittelbau und Studierende) paritätisch in der Selbstverwaltung mitbestimmen zu lassen, um Alleingänge bzw. die Selbstblockade einer Gruppe zu verhindern.  für jede Veranstaltungsform die Teilnehmerinnenzahl angemessen begrenzen; z.B. 30 für ein Seminar, 15 für eine Übung; bei größerem Bedarf die Veranstaltungen umgehend teilen bzw. gleichwertigen Ersatz anbieten;  größere Teile der Lehre im Grundstudium bzw. den Bachelor-Studiengängen Studienrätinnen bzw. didaktisch ausgebildeten Assistentinnen übertragen (mit max. 14 Pflichtstunden);  Schulen und Hochschulen großzügig mit Etats für Bücher und Fachzeitschriften ausstatten; Bibliotheken geeignete Arbeitsplätze anbieten und angemessen betreuen lassen;  die Besetzung von Stellen mit Lehrverpflichtung verstärkt von rhetorischen bzw. didaktischen Fähigkeiten abhängig machen;  in jedem Fachgebiet Wettbewerbe für verständliche Lehrbücher und Fachpublikationen ausschreiben, um deutsche Wissenschaftler zu motivieren, sich ein Vorbild am Stil englischsprachiger Texten zu nehmen;

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Gespräch mit Manfred Max-Neef. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein [Hg.]: Projekte der Hoffnung. Der Alternative Nobelpreis: Ausblicke auf eine andere Globalisierung. München 2006. S.77. 232 vgl. Frauke Gützkow und Gunter Quaißer (Hg.): Jahrbuch Hochschule gestalten 2006. Denkanstöße zum Lebenslangen Lernen. Bielefeld 2006.

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 Schülerinnen und Studentinnen dazu anhalten und ggf. anleiten, Fragen zu stellen bzw. Feedback zu geben. Volksbildung – lebenslang Nahrung für die Demokratie In jeder Schule, in jedem Stadtteil oder Gemeinde betreibe der Landkreis eine öffentliche Bibliothek. Die Volkshochschulen seien personell und finanziell zu stärken, damit sie ein preiswertes Angebot auf einer breiten Palette leisten können; überdies übernehmen sie die Einrichtung von Elternschulen und organisieren öffentliche Vorträge zu Themen der Politik und Problemen des Alltags. Jeder Landkreis erschaffe das Amt für soziale Kommunikation, dessen Aufgabe es sei,  die Lokale Direkte Demokratie zu organisieren;  jeder BürgerIn Zugang zu einem PC zu verschaffen, der mit der Vernetzten Direkten Demokratie verbunden ist (die Inhalte des Internets brauchen nur eingeschränkt verfügbar zu sein);  darüber Aufklärungsarbeit zu leisten. Ebenfalls auf Kreis-Ebene seien die neuen Arbeitsämter anzusiedeln. Ihre (neuen) Aufgaben seien die fachlich kompetente Beratung von Arbeitslosen, die Vermittlung geeigneter Stellen, Weiterbildungen und Umschulungen. Jeder Arbeitslose habe das Recht auf Weiterbildung; jedes Arbeitsamt sei verpflichtet, sinnvolle Weiterbildungs-Angebote zu unterbreiten und zu fördern. Das Recht auf Bildungsurlaub sei zu stärken und zu beleben.

8.2 Drogenpolitik – vor allem Jugendschutz Jeder soll sehen, wie er glücklich wird. Wer dafür legale Rauschmittel will, soll sie haben. Allerdings ist die Jugend davor zu schützen. Legale Drogen – Gefahr erkannt, nicht gebannt, aber auch nicht verharmlost Drogen wie Alkohol, Tabak, Cannabisprodukte und medizinisch halbwegs vertretbare Ecstasy-Produkte seien nur in staatlich kontrollierten Ausgabestellen („Drogerien“) an Volljährige zu verkaufen. In gesetzlich geregelten Ausnahmefällen werde Methadon bzw.

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Heroin in amtlichen Entzugseinrichtungen unter Aufsicht als Mittel erlaubt233, Morphium in Krankenhäusern und Hospizen. Begründung: Medizinisch ist eine Erlaubnis für keinen der hier aufgeführten Stoffe zu rechtfertigen. Doch der das Bedürfnis nach Genuss von Rauschmitteln ist tief in der menschlichen Psyche verankert. Wir müssen realistisch sein: Der Mensch lässt sich durch Verbote nicht ändern. Eine Politik der Prohibition fördert die Kriminalität. In der Unterwelt unserer Kultur haben sich neben Alkohol und Tabak trotz der Verbote auch Cannabis- und EcstasyProdukte etabliert. Diese Stoffe bedeuten ein Suchtpotential, das dem von Alkohol vergleichbar ist; das Risiko ist vergleichbar groß. Die bisherigen Verbote haben den breiten Konsum in allen Bevölkerungsgruppen nicht verhindern können, haben aber den Staat viel gekostet: Verzicht auf Steuereinnahmen, Polizei- und Justizausgaben für die Verfolgung von Süchtigen und Dealern. Da es eine Tatsache ist, dass mit Drogen, legal oder illegal gedealt wird, sollte der Staat dies übernehmen: Er sollte für einen guten, reinen Stoff sorgen, der die Nebenwirkungen minimal hält, und er sollte diese Drogen so hoch besteuern, dass die Schwarzmarktpreise knapp unterboten werden. Unbedingt muss der Staat zugleich für Maßnahmen gegen die Sucht sorgen: Aufklärungsarbeit, Jugendschutz, Werbung für eine drogenfreies Leben, Verfolgung illegaler, d.h. noch gefährlicherer Drogendealer. Werbe- und Kneipenverbote reichen nicht aus. Jeder sollte darauf achten, diese Suchtmittel in Anwesenheit von Kindern und Jugendlichen zu meiden. Wir alle sind Vorbilder! Leben wir vor, wie wir ohne Suchtmittel glücklich sind! Konsequente Verbote Jegliche Werbung für sämtliche Drogen (auch legale) und für ungesunde (z.B. zuckerreiche) Nahrungsmittel sei zu verbieten. Desgleichen sei das Verbot des „FlatrateTrinkens“ 234 durchzusetzen. In jeder Kneipe möge ein alkoholfreies Getränk das billigste sein. 233

Diese außerordentliche Freigabe begründe ich mit dem Erfolg einer Reihe von Modellversuchen. Hierzu zitiere ich eine Meldung des epd sozial, einer sozialpolitischen Fachpublikation des Evangelischen Pressedienstes epd, Ausgabe Nr. 5 vom 2. Februar 2007: „Die Stadt Frankfurt will die kontrollierte Heroinvergabe an Suchtkranke drei weitere Jahre lang fortsetzen. Weil das Bundes-Modellprojekt einer Heroinambulanz im Juni beendet werde, sei eine Ausnahmeregelung für 150 Schwerstabhängige beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte beantragt worden, sagte Gesundheitsdezernentin Manuela Rottmann (Grüne) am Donnerstag in Frankfurt. Die mit einer Heroinvergabe unterstützte Behandlung von Drogenabhängigen hat nach den Worten von Rottmann eindeutig bessere Ergebnisse erzielt als die Behandlung mit Methadon. Die Gesundheit der Suchtkranken habe sich deutlich verbessert, alle Patienten wohnten inzwischen in Wohnungen. Die Hälfte von ihnen habe zumindest zeitweise Arbeit gefunden und die Straffälligkeit sei stark zurückgegangen. Die gesundheitspolitischen Sprecher der fünf größten Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung unterstützen den Antrag der Stadt. In Frankfurt werden derzeit 59 Schwerstabhängige in der Heroinambulanz behandelt. In sieben Städten seien zwischen 2002 und 2006 mehr als 1.000 Abhängige mit Heroin behandelt worden, erläuterte die Grünen-Politikerin. Anfang Februar träfen die Gesundheitsdezernenten von Frankfurt, Hamburg, München, Köln, Hannover, Bonn und Karlsruhe zusammen, um den Bund auf eine Verlängerung des Projekts zu drängen, das vom Bundesgesundheitsministerium begleitet wird.“ (zitiert unter http://www.drogenpolitik.org) Warum wird dieses Verbot erst so spät umgesetzt? 234 Dazu hat der Bund-Länder-Ausschuss „Gewerberecht“ am 24. Mai 2007 einen Beschluss zum Thema „Koma-„ bzw. „Flatrate-Partys“ gefasst.: „Nach geltendem Recht sind Veranstaltungen mit "FlatrateAngeboten" für alkoholische Getränke unzulässig, die erkennbar auf die Verabreichung von Alkohol an Betrunkene abzielen. Bereits im Vorfeld kann die Bewerbung entsprechender Veranstaltungen verboten werden, da die Annoncierung solcher Veranstaltungen ein klares Indiz für die Abgabe von Alkohol an Betrunkene nach den bestehenden Regelungen darstellt.“ (s. „Aktuelles“ unter www.drogenbeauftragte.de)

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Diese Gesetze sowie die Bestimmungen des Jugendschutzes seien konsequent durchzusetzen. Polizisten sollten zum normalen Straßenbild gehören – nicht nur im Peterwagen, sondern auf Fußstreife. Polizisten sind Verteidiger unserer Gesetze, und sie sollten ansprechbar sein. Wie in der Stadt Singen235 sollten Polizisten trinkende/bekiffte/berauschte Jugendliche aufgreifen – möglichst bevor sie ohnmächtig werden, und anzeigen. Deren Erziehungsberechtigten sollten zunächst zu einem Beratungsgespräch vorgeladen werden und im Wiederholungsfällen mit steigenden Geldbußen belangt werden. Die medizinische Behandlung von Berauschten sei nicht mehr kostenlos; die Krankenkassen sollten die Verantwortlichen in Regress nehmen: Bei manchen gelingt es eben nur über das Geld, die Eigenverantwortung bewusst zu machen. Also schicken wir notfalls auch den Gerichtsvollzieher. Der Entzug, die Therapie und die Rehabilitation von Süchtigen sei in staatlichen Einrichtungen nur dann zu bewilligen und fortzusetzen, wenn die/der Süchtige seine Verpflichtung zum Cleansein und Mitarbeit einhält. Zu ergänzen sind diese Maßnahmen durch Beratungs-Angebote für Eltern und vernünftigen Alternativen für Kinder und Jugendliche. Ich schließe mich Prof. Hüther an, der darauf hinweist, dass Jugendliche Herausforderungen brauchen: „z.B. klare und verlässliche Strukturen und Regeln, die man einhalten muss, wenn man ans Ziel kommen will, eigene, selbständige Entscheidungen, die man ganz allein treffen muss und für die man ganz allein verantwortlich ist, aufregende Entdeckungen und spannende Abenteuer. Aber auch erreichbare Ziele und Vorbilder zum Nacheifern sowie Gefahren, Ängste und Bedrohungen, die man überwinden muss.“236 Wenn das nicht im regulären Leben nicht zu finden ist, suchen sie sie sich eben in virtuellen Welten oder auf anderen Abwegen. Also müssen wir ihnen reale Chancen geben (wie oben ausgeführt). Fernsehen – Genuss nach Maß Bildschirme sind für die geistige, soziale und körperliche Entwicklung so schädlich wie Tabakrauch für die Gesundheit. Nicht nur Drogenabhängige sollten zeigen müssen, dass sie es ernst meinen, aus ihrer Malaise herauszukommen. Auch die Gesellschaft als ganze müsste bereit sein, unbequeme Konsequenzen zu ziehen, um ihren geborenen und ungeborenen Kindern eine Chance zu geben, in einer Demokratie zu leben. Die Medien- und Bildungspolitik ist hierfür der Prüfstein. Nur eingreifende und beherzte Maßnahmen können die Abwärts-Entwicklung umkehren. Auch Prof. Spitzer schloss: „Appelle an die Medien zur Selbstkontrolle nützen nichts. An Versuchen hat es nicht gefehlt. Sie sind alle gescheitert.“237 Ich schieße mich Spitzer an, der fordert: 235

vgl. FR-Artikel vom 3./4.? 7.2007. vgl. „Süchtig nach virtuellen Welten“ – Interview mit dem Hirnforscher Prof. Gerald Hüther. In: FR vom 20.3.7. 237 s. Spitzer 2005, S. 284. 236

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„Wir müssen dafür sorgen, dass die öffentlich.-rechtlichen Medienanbieter genügend Mittel zur Verfügung haben, dass sie ein besseres Programm machen können als die kommerziellen Anbieter. [...] Nur so kann die derzeitige Situation, [dass die öffentlich-rechtlichen Medien die kommerziellen nachahmen] vom Kopf auf die Füße gestellt werden“ und ihre Programme „prosozial“ gestaltet werden.238 Hinzu kommt, wie oben schon erwähnt, die Forderung nach Information und Aufklärung der Bevölkerung über alle Risiken: „Wer wird sein Kind ein Programm ansehen lassen, von dem er weiß, dass es etwa so schädlich ist wie Rauchen und deutlich schädlicher als Asbest in der Deckenisolation oder Blei in der Wandfarbe?“239 Der Staat darf die Verdummung von Kindern nicht über jedes Maß erlauben, es sei denn er zielte auf die Ignoranz seiner Bürger. Unser Anliegen sei aber die Entwicklung der Mündigkeit, die Transformation, nicht die Regression. Hier stellt sich die Frage, wie weit wir etwas verbieten können bzw. wo eine Bevormundung anfängt, die nicht mehr akzeptabel wäre. Bei den Drogen zieht das Gesetz derzeit die Grenze recht willkürlich zwischen Alkohol und Cannabis, was umstritten ist, da Alkohol medizinisch genauso gefährlich ist wie Cannabis. Aber es besteht Konsens, dass Heroin verboten ist; keiner beschwert sich öffentlich, dass das seine Freiheit einschränke. Denn wir wissen, ist die Freiheit des Rauschgifts eine lebensgefährliche Illusion. Auch für das Fernsehen gilt: Ein gewisses Maß beschert uns Entspannung und Unterhaltung, ein Übermaß hat die bekannten negativen Folgen. Insofern verhält es sich wie beim Alkohol, den wir nicht verbieten wollen, die Jugend aber davor schützen müssen. Filme und Spiele mit Gewalt verherrlichenden oder rechtsradikalen Inhalten seien generell zu verbieten. Die Einhaltung der Altersbeschränkung von Filmen und Spielen sei systematisch zu kontrollieren, Verstöße seien konsequent zu ahnden. Fernseh-Bildschirme an öffentlichen Plätzen seien zu besteuern. Am liebsten würde ich den verhängnisvollen Fehler korrigiert sehen, den Helmut Kohl mit der Erlaubnis von Privatsendern beging. Und ich bin ein Fan von Helmut Schmidts Plädoyer für eine fernsehfreien Sonntag – eine Atempause, um den Familien eine Chance zu geben, ihre Gemeinschaft zu leben, und den Familienlosen die Muße, Beziehungen zu pflegen. Warum nicht auch das Internet für einen Tag abschalten? Ein neuerliches Sonntagsfahrverbot für Autos würde ich ebenfalls begrüßen. Aber ein guter Demokrat beugt sich der Mehrheit. Einen Kompromiss stellen die milden Vorschläge Spitzers dar: Solange es noch kommerzielle Sender gibt, sollten „langfristig schädliche Programm-Inhalte“ wirksam besteuert werden, etwa in Form einer gestaffelten Sozial-Abgabe, je nach Anzahl, Brutalität und Dauer von Gewaltdarstellungen.240 Die Label zum Jugendschutz (Freigabe ab 6/12/16/18 Jahren) sollten eine differenziertere Orientierung geben; sie sollten nicht nur für Videos und Spiele gelten, sondern auch für Fernsehsendungen; dazu Warnhinweise auf den Packungen wie bei Zigaretten, z.B.: „Der Konsum dieses Medienprodukts verursacht Denkträgheit / schwere physische Krankheiten / führt zu Verrohung des Geistes / zerstört die Phantasie / lässt gelerntes Wissen vergessen / fördert Aggressionen / kann zu sozialer Isolation / zum vorzeitigen Tod führen / raubt Kindern die Unschuld!“ Der Verkauf und Verleih von Videos und Spielen mit einer Freigabe für Kinder ab 10 Jahren sei nur in den staatliche kontrollierten „Drogerien“ erlaubt. 238

ebd. ebd. 240 ebd. 239

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Computerspiele – auszugrenzende Gewalt Ego-Shooter und ähnlich gewaltträchtige Spiele erzeugen bzw. verstärken Aggressionen bei vielen Spielern, die sogar davon abhängig werden können: Immer mehr Eltern sind völlig ratlos, weil ihre Kinder den ganzen Tag vor dem Computer sitzen und nicht mehr davon wegkommen - eine wachsende Zahl von Menschen ist spielesüchtig bis zum Tod241, und potentielle Amokläufer finden in den Spielen ein Training zum Abschlachten. Es ist mir unbegreiflich, wie viele Leute ein Verbot ablehnen – sicher nicht nur, weil es von Bayern vorgeschlagen wurde. Es scheint, dass sich in unserer Gesellschaft eine unreflektierte Toleranz verbreitet, die im wesentlichen auf Ignoranz beruht. Warum sind viele so schlecht oder gar falsch informiert? Fernsehen reicht eben nicht. Man lese Spitzer!

8.3 Ausbau unserer Demokratie Der föderative Aufbau des Staates und das Verfahren unserer Gesetzgebung wird in Klasse neun oder zehn gelehrt – und selten verstanden bzw. nach der Klassenarbeit schnell vergessen. Es ist kein Wunder, wenn manche die Demokratie als Bürokratie auffassen und verachten. Und wenn schon die Einheimischen ihren Staat nicht begreifen, wie sollen erst Immigranten unsere Demokratie schätzen lernen? Der wichtigste Hinderungsgrund, sich für unsere Demokratie zu interessieren, ist das Ohnmachtsgefühl des einzelnen. Das derzeitige Wahlrecht ist ein ungenügendes Instrument zur Mitbestimmung; und die Mitgliedschaft in einer Partei verstehen die wenigsten als Plattform zur aktiven Mitgestaltung – es ist viel zu umständlich und wenig effektiv, da man ohne ein Amt wenig oder gar nichts ausrichten kann. Eine Reform der Demokratie tut Not. Hierfür sehe ich drei Ansätze: Erstens die Verbesserung der Informiertheit der BürgerInnen; zweitens die Straffung der bestehenden Strukturen, drittens mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten in Einzelfragen, also den Ausbau der direkten Demokratie. Zugleich sollten wissenschaftliche Erkenntnisse viel stärker bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden – die sachgerechte Vermittlung von Forschungsergebnissen und Experten-Ratschlägen in Bezug auf aktuelle Diskussionen sei eine zentrale Aufgabe der Massenmedien. Diese Maßnahmen zusammen genommen legen das Fundament einer Informationsgesellschaft. Indes werden die klassischen Parteien weiterhin als Basis für die Parlamentarier gebraucht. Es wird ihre demokratische Entwicklung fördern, wenn sie von einer zivilgesellschaftlichen Meinungsbildung, die einen gleichrangigen Status erhalte, ergänzt wird. Informationen organisieren Was genau sollte eine Zeitung leisten? Sie sollte uns, Postman zufolge, mit aktuellem Wissen versorgen: „Ich definiere Wissen als organisierte Information - als die in einen Kontext eingebettete Information; als Information, die einen Zweck hat und die einen dazu bringt, sich weitere Informationen zu verschaffen, um etwas zu verstehen. Ohne 241

vgl. das Interview mit Hüther; er berichtet z.B., dass in Asien Fälle bekannt sind, in denen Menschen vor dem Computer vertrocknet sind (das ist wörtlich zu nehmen)!

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organisierte Information würden wir zwar etwas von der Welt wissen, aber sehr wenig über sie. Wer über Wissen verfügt, weiß, wie er Informationen einzuschätzen hat, weiß, wie er sie in eine Beziehung zu seinem eigenen Leben bringt, und vor allem weiß er, wenn Informationen irrelevant sind. [...] Es gibt Zeitungen, deren Redakteure nicht begriffen haben, dass in einer von Technik bestimmten Welt Informationen ein Problem, nicht eine Lösung sind. Sie erzählen uns Dinge, die wir bereits kennen, lassen aber nur sehr wenig Raum dafür, uns mit Zusammenhängen zu versorgen. [...] Wie die Dinge derzeit stehen, jedenfalls in Amerika, sind Fernsehen und Radio Medien für Informations-Junkies, nicht für Leute, die sich für Ursachen interessieren. Einschieben will ich hier, dass zu den diversen Funktionen gesellschaftlicher Institutionen – der Kirchen, der Gerichte, der Schulen, der politischen Parteien, der Familien – auch die gehört, dass sie uns mit den ‚Weils’ versorgen sollen, also helfen sollen, zu erkennen, weshalb eine Information wichtig oder irrelevant, gesellschaftlich akzeptabel oder blasphemisch, konventionell oder abseitig sogar wahr oder falsch ist. [...] “242 Der Staat sei dafür verantwortlich, Schülern das kritische Lesen und Recherchieren beizubringen. Die Information über aktuelle Zustände muss von unabhängigen Zeitungen geleistet werden; diese bilden das Rückgrat einer Demokratie und sollten als vierte Gewalt im Staat Verfassungsrang erhalten. Allerdings wäre die Macht der Zeitungen dann anders zu legitimieren als über die freie Marktwirtschaft, die keineswegs eine freie Meinung garantiert, sondern über die Boulevardblätter nicht nur Fehlinformationen besser verkaufen kann als korrekte Fakten, sondern damit sogar Vorurteile züchtet. Aber wer kontrolliert die Macht der Zeitungen? Die Regierungen wohl kaum. Eher verhält es sich umgekehrt: BILD kontrolliert die Politiker. Wenn der Staat Zeitungen kontrolliert, ist das Zensur, also antidemokratisch. Es bräuchte ein demokratisches Aufsichtsgremium – wie wäre es mit einem InternetForum? – Dazu führe ich unten, unter „Vernetzte Direkte Demokratie“, mehr aus. Des weiteren sollten wir alle Massen-Medien durch öffentlich-rechtliche Medien ergänzen. Also nicht nur öffentlich-rechtliche Sender, sondern auch öffentlich-rechtliche Zeitschriften, die über Hintergründe und Zusammenhänge aufklären, und vor allem staatlich geförderte Internet-Plattformen (Vernetzte Direkte Demokratie). Um ihre Unabhängigkeit sicherzustellen, seien alle öffentlich-rechtlichen Medien frei von Werbung! Überflüssige Bundesländer Wozu brauchen wir die Länder? - Eine geläufige Antwort aus dem Volksmund: „Um möglichst vielen Politikern Pfründe zu verschaffen.“ Das ist natürlich polemisch. Aber offensichtlich hätte es Vorteile, diese Zwischenebene des Staates abzuschaffen, so z.B.: - Es würde erhebliche Steuergelder einsparen; - zahlreiche Gesetzgebungsverfahren wären vereinfacht und beschleunigt; - Rechtsunsicherheiten und Konkurrenzen (Bund gegen Land) würden entfallen; - der Umzug bzw. die Umstellung von einem Bundesland zum anderen wäre einfacher; - es gäbe mehr Gerechtigkeit und Gleichheit hinsichtlich der Bildungsabschlüsse; - die Funktionsweise unserer Demokratie würde besser verstanden werden. 242

Postman 1999, S. 118ff.

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Welche Nachteile müssten wir in Kauf nehmen? Es gibt eine Leistung unseres Systems, die wir wahren sollten: den Finanzausgleich zwischen strukturschwachen und starken Ländern. Doch dafür sind keine Länder notwendig – dieser Ausgleich kann auch unmittelbar zwischen den Landkreisen erfolgen, und das wäre möglicherweise noch gerechter. Allerdings lässt das Grundgesetz am Föderalismus nicht rütteln.243 Nun hoffe ich, dass es nicht verfassungsfeindlich sei, darüber nachzudenken, die Länder zu beseitigen. Wir müssen nur den Föderalismus neu definieren: an die Stelle der Länder treten die Landkreise, indem sie einige der Länderkompetenzen beerben. Falls das mit unserem Grundgesetz nicht zu machen wäre, müssten wir eben das Grundgesetz endlich einmal durch eine neue Verfassung ersetzten, denn das „Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“ (Art. 146 GG). Zum Glück hatte Kohl darauf verzichtet, eine Verfassung zu schreiben, so dass dies nun im Sinne des neuen Jahrhunderts angegangen werden kann. Die Länder stehen zwischen den Kommunen und dem Bund. Die Kommunen haben den Vorteil, dass jeder seine Stadt oder seine Gemeinde kennt und weiß, worum es geht, wenn etwas entschieden werden soll. Die Kommune ist die Ebene, in der die Demokratie am besten funktionieren kann, weil man am ehesten den Überblick behalten kann – auch als Laie. Die Polis war ja die Keimzelle der demokratischen Praxis. Der Bund hat dagegen den Vorteil, dass seine Entscheidungen für das Ganze gelten, so dass rechtlich ein einheitlicher Rahmen geschaffen wird. Die Länder indes stehen dazwischen: Sie haben weder den Vorteil des Lokalen, da ein Land vom einzelnen aus ebenso unüberschaubar und damit abstrakt ist wie der Bund; eine einheitliche Gesetzgebung aber leistet das Land keineswegs, im Gegenteil, es bricht die Einheitlichkeit auf, die der Bundes schaffen könnte. Im Sinne dieser zwei wichtigsten demokratischen Prinzipien Lokalität und Gleichheit agieren die Länder kontraproduktiv. Und welcher Freiheit berauben wir uns, wenn wie auf die Länder verzichten? Sind es patriotische Gründe? Können die Bayern nicht Bayern sein ohne bayrischen Ministerpräsidenten? Tut es nicht auch eine gute bayrische Landrätin? 8.3.1

Zeit für eine deutsche Verfassung?

Seit unser Grundgesetz geschrieben wurde, hat sich Grundsätzliches verändert: Wir haben nunmehr zwei Generationen Demokratie gelebt, so brauchen wir die Länder nicht mehr, um uns vom Zentralismus des NS-Staates abzugrenzen. Und wir können mehr Demokratie wagen, denn demokratisches Denken hat sich tief in unserer Gesellschaft verankert. Zudem haben sich die Möglichkeit dafür erweitert: Mit Hilfe des Internets, das der gesamten Bevölkerung verfügbar gemacht werden kann, lassen sich neue Formen direkter Demokratie aufbauen. Zudem ist Europa zum festen Bestandteil unserer Demokratie geworden. Damit könnte man fast die BRD als Nationalstaat auflösen, aber dazu sind wir Europäer wohl noch nicht reif. Europa muss wachsen – nicht mehr nach außen, sondern nach innen! Dafür müssen alte nationale Gewohnheiten, Denkmuster und Strukturen überwunden werden. Die Bundesländer sind nichts anderes als ein historisches Überbleibsel aus der Gründungsgeschichte der BRD; da sie 1949 schon Verfassungen besaßen, baute das Grundgesetz auf ihnen auf – aber eben als Provisorium. Es ist an der Zeit, das Grundgesetz der BRD zu modernisieren und die Demokratie weiter zu entwickeln. Eine oder zwei Generationen später können wir sehen, welche Verfassung wir für Europa brauchen. 243

s. Art. 79 GG („Ewigkeitsgarantie“)

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Die nachfolgenden Generationen mögen langsam in die UNO hinein wachsen und sich in stärker vermischten Gesellschaften wiederfinden. Der Weg ist weit, aber die Hauptsache ist, dass wir wissen, wo wir stehen und nicht die Orientierung verlieren. So mögen die Landesparlamente, die Landesregierungen und ihre Behörden wegfallen und ihre Macht verteilt werden zwischen den Landkreisen und dem Bund. Die Kreise würden dadurch aufgewertet – was der Demokratie gut täte, weil die Kreispolitik überschaubarer ist und von den Bürgern besser beurteilt und begleitet werden kann. Die Kreistage und Landräte sollten von den Ländern alle Befugnisse übernehmen, die auf regionaler Ebene sinnvoll zu entscheiden sind, z.B. Landwirtschaft, Schutzpolizei, Wirtschaftsförderung, Soziales. Dem Bund sollten vor allem die Kompetenzen zufallen über: Schulen, Hochschulen, Kriminalpolizei, Verfassungsschutz, Justiz und Umwelt. Gesetzgebung Gesetze, die lückenhaft und verworren sind, bereichern die Anwälte und öffnen Rechtsbeugern die Tür. Die verschachtelte und allgemein unverständliche Sprache juristischer Texte ist einer Demokratie unwürdig. Hier ist ein klarer, verständlicher Stil einzuführen (vielleicht verringert sich dadurch auch die Zahl der Prozesse). Grundsätzlich sollte es eher weniger Gesetze und Bürokratie geben. Rechtsgebiete, die unübersichtlich geworden sind (z.B. das Arbeitsrecht oder Steuerrecht), sollten neu geordnet werden. Vorschläge zu neuen Methoden mache ich unten. Langfristig wäre zu überlegen, ob die Demokratie dem Minderheitenschutz einen höheren Stellenwert zumessen sollte: wenn 51% etwas beschließen, werden 49% unterdrückt – was dem Geist der Demokratie widerspricht. Denkbar wäre eine Abstimmungsregelung nach dem „Konsensprinzip“, wonach ein Beschluss nur dann zustande kommt, wenn etwa 80% der Abgeordneten zustimmen. Das würde die Politiker dazu zwingen, solange nach einer Lösung zu suchen, bis sie wirklich für die allermeisten akzeptabel ist; die Abgeordneten würden nicht mehr mechanisch so stimmen, wie ihre Fraktion es vorgibt, sondern es gäbe echte Debatten und echte Abstimmungen, die nicht an Parteigrenzen Halt machten. Doch setzt eine solche Regelung eine große Reife und die Unabhängigkeit der Abgeordneten von Lobby-Interessen voraus; sie ist also noch als utopisch anzusehen. Subsidiarität, Vernetzung und Netzwerke Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstorganisation sind die Basis der Demokratie. Der Staat wird nicht eingreifen bzw. sich zurückziehen, soweit es funktioniert. Im Falle von Konflikten ist der erste Versuch die Hilfe zur Selbsthilfe; so sind z.B. Gerichtsprozesse erst zu führen, wenn alle Möglichkeiten von Mediation usw. versagen. Lösungen für soziale Probleme sollen von miteinander vernetzten professionellen Helfern unter Einbeziehung aller lokalen Ressourcen in kreativen Interaktionsprozessen gesucht werden. Eine zentralistische bzw. technokratische Herangehensweise sei zu vermeiden. Hier seien in erster Linie die Landkreise dafür verantwortlich, fallweise Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die die vorhandenen lokalen Ressourcen ergänzen. Für Angelegenheiten von überregionaler Bedeutung sind Netzwerke die geeignete Form für Problemlösungen: „Sie sind das Forum, auf dem Menschen sich repräsentiert und anerkannt und ihre Interessen gewahrt sehen. Wenn das Regieren mittels Netzwerken auf vielen Ebenen aber für die einen funktionieren soll, muss es auch für die anderen

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funktionieren. Netzwerke basieren auf der Vorstellung, dass es auf jeden Beteiligten ankommt und dass keiner allein die Ergebnisse diktieren kann. Netzwerke erfordern die Bereitschaft, loszulassen, zuzuhören, sich auszutauschen und Kompromisse einzugehen. Man beteiligt sich an einem Netzwerk, weil man glaubt, dass die Optimierung des Wohlergehens aller auch für die Optimierung der eigenen Interessen wichtig ist. Anders gesagt: Im Gegensatz zu konfrontativen Märkten sind Netzwerke interdependent und kooperativ. [...] Jeder ist verwundbar. Die Bedrohungen sind global, und niemand kann sich in der Isolation vor den Folgen schützen. In einer Welt voller Risiken ist Kooperation kein Luxus, sondern überlebensnotwendig.“244 Direkte Demokratie Die WM hat einen Hauch davon vermittelt, dass es eine Magie gibt, die die Menschen mit einem Ereignis verbindet. Könnte das nicht auch eine politische Idee sein? Ein politisches Programm, für das Volk aufsteht? Dieser Gedanke, angewandt auf Deutschland, löst tiefes Unbehagen aus. Welche Idee könnte das sein, die keine Ideologie ist, keine Volksverhetzung, die sich nicht niederer Triebe bedient und auf keinen Führer schwört? Wohlweislich hüten wir uns, politische Ideen mit Emotionalität zu verbinden. Es ist eine kluge Konstruktion, dass Wahlen nur alle vier Jahre stattfinden, denn ein Wahlkampf schürt unvermeidlich die Emotionen. Wahl-Werbung stützt sich auf keine rationale Analyse, sondern auf niedere Affekte. Nach einer Wahl können die Abgeordneten eine vernünftige Politik machen. Theoretisch. Praktisch sind wir damit unzufrieden, wenn z.B. Schulden, Arbeitslosigkeit und Subventionen mal wieder nicht, wie versprochen, abgebaut, sondern fortgeführt oder sogar erhöht werden. Oder dass „Deutschland“ dem europäischen Verfassungsvertrag zugestimmt hat, ohne dass die Deutschen per Volksabstimmung darüber entscheiden konnten. Es gibt eine Bewegung für die direkte Demokratie: für Volksbegehren und Volksentscheide. Die Gegner argumentieren, dass man für wichtige Entscheidungen keine Wahlreden gebrauchen kann, sondern zuverlässige Fakten und die Kompetenz zur gründlichen Erörterung. Das ist sicher richtig. Wir sollten die sachlichen Einschätzungen den Profis überlassen, was bedeutet, dass unsere Abgeordneten ExpertInnen hinzuziehen. Welche Experten werden dazu gehört? Im Poker von Politikern und Lobbyisten bleibt vom Sachverstand nicht genug übrig. In überschaubaren Pro- oder Contrafragen wie dem Rauchverbot für Kneipen sind Plebiszite sinnvoll und wünschenswert! Aber bei komplexeren Themen bedarf es fundierten Wissens, um verantwortlich Stellung beziehen zu können. Eine Idee ist nun, den Kreis dieser ExpertInnen auszuweiten und diese ExpertInnen nicht nur anzuhören, sondern auch mit entscheiden zu lassen. Wie aber könnten solche Entscheidungen trotzdem noch demokratisch (und nicht etwa aristokratisch oder technokratisch) sein? Indem jede Wahlberechtigte so eine ExpertIn sein kann! Je mehr Entscheidungsträger, desto geringer der Einfluss der Lobby. Die zweite Idee ist die Ausweitung der Verantwortlichkeit: Die Mentalität erwerbsfähiger Menschen, vom Staat unerschöpfliche Versorgungsleistungen sowie die Stabilität aller Rechte zu erwarten, sollte nicht bedient werden. Jede Bürgerin sollte ihren Teil zur Gesamtverantwortung beitragen – nicht nur finanziell, sondern auch sozial und/oder politisch. Ohne bürgerliches Engagement stirbt die Demokratie. Wir sollten unseren Staat 244

s. Jeremy Rifkin: Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht. Frankfurt 2004. S.302.

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auf zahlreichere Füße stellen – ich schließe mich dem Volkswirt und Verwaltungswissenschaftler Birger Priddat an, der postuliert: „In diesem modernen Staat werden (politische und soziale) Rechte an Pflichten und konkrete Verantwortlichkeiten gekoppelt. Der Staat ist weder generalverantwortlich noch der Mülleimer der Nation.“245 Um einem Missverständnis vorzubeugen: Auch neoliberale Ideologen bedienen sich des Argumentes, dass der Staat nicht für alles verantwortlich sei, um zu rechtfertigen, dass sie staatliche Verantwortung auf bedürftige Individuen abschieben wollen – mit den Folgen von Armut, Konflikten, Kriminalität usw. Wohlgemerkt geht es mir nicht darum, den Staat aus seiner Verantwortung zu entlassen. Stattdessen sollte die staatliche Verantwortung ausgedehnt und von möglichst vielen Individuen, die dazu in der Lage sind, mitgetragen werden. Insofern soll sich der Staat überall dort zurückziehen, wo dies zu verantworten ist, da die Verantwortung von den BürgerInnen vor Ort übernommen wird (SubsidiaritätsPrinzip). Lokale Direkte Demokratie „Diese Verantwortlichkeit stellt sich nicht von selber ein, sondern muss trainiert werden. Die Kommunen können mehr Verantwortung an ihre Bürger delegieren, ebenso der Staat. ‚Lokal’ lassen sich Politiken entwerfen und realisieren, die die Kompetenz der Bürger in Anspruch nehmen.“246 Jede ist die beste ExpertIn für ihr unmittelbares Umfeld: für ihre Wohngegend, für ihre Kinder, für ihre Arbeit. Ganz lokal sei damit angefangen, den Menschen zu zeigen, dass sie ernst genommen werden und dass sie etwas erreichen können. Hier ist Kreativität gefragt – künstlerische Projekte in sozialen Brennpunkten haben gezeigt, dass es geht: Menschen, die sich für ohnmächtig hielten, bekommen Verantwortung und gestalten ihre Umwelt.247 Dezentrale Projekte sind der Schlüssel zu den schlummernden Ressourcen. Zwischen den großen Wohnhäusern herrscht eine Ödnis, die aber fruchtbar gemacht werden kann. Solche Projekte können sich vernetzen. Wie viele Jugendliche, wie viele Arbeitslose wissen nichts mit sich anzufangen. Sie haben soviel zu geben, wir müssen ihnen nur einen Rahmen dafür bereit stellen! So muss Demokratie von unten aufgebaut werden: In jedem Bezirk von max. 1000 EinwohnerInnen sollten BürgerInnenversammlungen über alles entscheiden, was nur sie selbst betrifft, z.B. Schutz vor Kriminalität, die Unterstützung von Alleinerziehenden, die Pflege von Alten und Kranken und die Verausgabung des lokalen Budgets. Nur wenn hier keine befriedigenden Lösungen gefunden werden (es wird nicht überall funktionieren), müssen höhere staatliche Stellen eingreifen (Subsidiarität); doch sollte der Staat immer wieder versuchen, vor Ort tragende Strukturen aufzubauen, um Verantwortung an die Menschen zurückzugeben. Vernetzte Direkte Demokratie Das Internet ist ein großer Freund der Demokratie: Freiheit und Gleichheit sind hier zu Hause, Menschen aus aller Welt können hier kommunizieren, sich Informationen beschaffen oder Projekte entwickeln.

245

Birger Priddat: Irritierte Ordnung. Moderne Politik. Politische Ökonomie der Governance. Wiesbaden 2006, S.12. 246 ebd., S.11. 247 z.B. die Projekte des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn.

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In Deutschland finden wir z.B. unter http://www.campact.de/ die Seite eines grünen politischen Meta-Netzwerkes von zivilgesellschaftlichen Gruppen (NGOs/CSOs): Diese Plattform organisiert demokratische Meinungsbildung und Aktionen mit Masseneffekten, bietet Hintergrund-Informationen, BLOGs, Unterschriftenlisten – und E-Mails, und nimmt so Einfluss auf aktuelle politische Entscheidungen. Solche Foren sollten wir thematisch ausbauen und auch für Wahlen und auch Entscheidungsfindung (Plebiszite) nutzen! Ein anderes (blau-oranges) Beispiel gibt eine Initiative von Schweizer Jugendlichen, die zur Teilnahme an den Nationalrats-Wahlen agitiert – nur jeder dritte Stimmberechtigte zwischen 18 und 24 Jahren ging zur letzten Wahl. Mithilfe von Schuldirektoren, Zeitungs-Inseraten, Internet-Auftritten und der Bundeskanzlerin als Schirmherrin wollen sie in einem ersten Schritt erreichen, dass 20.000 volljährige Gymnasiasten wählen gehen: „Über Internet-Filmchen im ‚MTV- und VIVA-Stil’ zu den Themen Jugendverschuldung, Gewalt und Kernkraft sollen die Jugendlichen erreicht und zum Mitdiskutieren im Online-Forum bewegt werden.“248 Indessen meine ich, dass die Potentiale grüner Vernetzung weitaus größer sind. Bisher entstehen unsere Gesetze wie die Programme bei Microsoft: hinter verschlossenen Türen, für die Öffentlichkeit nicht kontrollierbar, und das Ergebnis wird mit aller Macht durchgesetzt. Es gibt eine weitere Gemeinsamkeit dieser Produkte: Sie strotzen vor Fehlern und Lücken! Bei Windows freuen sich die Hacker, bei den Gesetzen die Anwälte und Reiche, die keine Steuern zahlen müssen. Dabei haben wir doch das Internet – wie wir sehen, kann es durch Vernetzung und Kooperation so hervorragende Programme wie Linux hervorbringen. Warum verfahren wir nicht so ähnlich mit Enquêtekommissionen und mit der Gesetzgebung? Ein Ministerium administriere die Entwicklung von Gesetzes-Entwürfen, bei der jeder mitmachen kann. Nachher wird der fertige Entwurf dem Parlament zur Abstimmung vorgelegt. Gewiss würden die Ergebnisse weit besser ausfallen als alles, was sich ein paar Beamte ausdenken können. Oder nehmen wir das Wikipedia-Projekt zum Vorbild. Warum eröffnen wir nicht EnquêteForen im Internet über aktuelle politische Fragen? Nur dass diese Foren auch eine Relevanz haben sollten – bis hin zum Recht, parlamentarische Anfragen zu machen und Gesetzentwürfe einzubringen. Wenn das gut funktioniert, wäre auch ein Vetorecht denkbar. Ein jeder Wahlberechtigter sollte vom Einwohnermeldeamt seine persönlichen Zugangsdaten zu den offiziellen Internet-Foren der Vernetzten Direkten Demokratie bekommen und somit die Möglichkeit haben, sich ganz direkt in die Debatten einzubringen; und wie bei Ebay könnte jeder Rückmeldungen für die Qualität der Beiträge anderer geben bzw. selber bewertet werden. Bei Amazon funktioniert das so, indem jeder Leser einer Rezension ein Feedback über die Qualität geben kann: Brauchbar/unbrauchbar/unzumutbar. So kann jeder Schreiber Punkte gewinnen oder verlieren. Dieses Prinzip ließe sich übertragen auf politische Debatten, in der die Diskutierenden ganz demokratisch Kompetenzen aufbauen oder wieder verlieren könnten. Das Maß an Mitbestimmungsrechten in solchen Sachfragen sei von diesem Punktestand abhängig gemacht – damit werde nachgewiesen, dass ein Diskutant mit der Materie vertraut ist und vernünftig zu argumentieren vermag. Ich vermute, dass auf diese multiperspektivische Weise ausgereifte und legitimere Gesetze entstehen könnten. Wir hätten eine Hierarchie der Kompetenzen, die von Gleichheit ausgeht: Jeder könnte über das Internet an den Debatten der Foren teilnehmen, hätte die Chance, sich ein Debatten-Thema einzuarbeiten, darüber Informationen zu organisieren, und auf diese Weise Kompetenz in einem Enquête-Forum (oder mehreren Foren) 248

s. Oltener Tageblatt. Mittelland Zeitung vom 11.4.7, S. 5.

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aufzubauen – eine Kompetenz, die nicht auf einem Titel beruht, sondern auf Wissen und Argumenten, die von den anderen anerkannt werden. Das verstehe ich unter einer organisierten Informationsgesellschaft! 8.3.2

Einbindung von CSO/NGO; Wahrung der Flexibilität und Offenheit

„CSOs [Zivilgesellschaften] bringen wirkliche ‚partizipatorische Demokratie’ in den Regierungsprozess ein, was sie zu wichtigen Mitspielern bei diesem neuen politischen Experiment macht.“249 Sie werden als Gegengewicht zur Macht der Wirtschaft gebraucht, so dass fürderhin drei Sektoren an der Macht beteiligt seien: Staat Wirtschaft und die Zivilgesellschaft – ein Konzept, das mich ebenso wie Rifkin begeistert: „Der Übergang von zwei zu drei Sektoren stellt einen radikalen Entwicklungssprung in der Evolution politischen Lebens dar und trägt entscheidend dazu bei, wie wir die Zukunft organisieren.“250 So bemüht sich EU-Kommissionspräsident Prodi, ein „Netzwerk Europa“ zu schaffen.251 Weitere Beispiele sind die oben referierten Netzwerke zur „anderen Globalisierung“. Der Vorteil zivilgesellschaftlicher Netzwerke besteht darin, dass sie nicht verkrusten, also flexibel bleiben. Darin sind sie traditionellen Institutionen überlegen. Z.B. Industrie- und Handelskammern bzw. Handwerkskammern stammen von solchen Netzwerken ab, aber sie sind als Institutionen erstarrt. Solche Erstarrungen seien aufzulösen. (Wozu brauchen wir diese Kammern überhaupt noch? Die ordnungspolitischen Aufgaben der Kammern könnten unmittelbar vom Staat übernommen werden).

Zivilgesellschaften passen zur Demokratie, da sie auf Gleichberechtigung und Verantwortung des Einzelnen beruhen: „Zum Wesen der Bewegung gehört, dass jeder fühlt, dass er als Person wichtig ist, also nicht nur dadurch, was er macht. Das ist der Unterschied zu den Massenbewegungen, in denen die einzelnen als Subjekte verschwinden, uniformiert und gesichtslos. Aber individuelle Freiheit muss an Gleichheit und Geschwisterlichkeit gebunden sein, wie es die Französische Revolution verstand. Das muss die Richtung des zivilisatorischen Prozesses bleiben. Diese ist gewahrt, wenn sich Politik und Wirtschaft als ebenbürtigen Umgang von Menschen an Menschen verstehen“.252 Ein weiteres wichtiges Prinzip der Netzwerke ist Offenheit: „Es ist ein Charakteristikum der [neuen Attac-]Bewegung, dass zu ihr auch TopÖkonomen aus der Machtelite Zugang gefunden haben und damit zu Häretikern geworden sind. Alle bisherigen kritischen Basisbewegungen waren von einer Art Reinlichkeitszwang angekränkelt und betrachteten es als Selbstverrat, sich mit Leuten von der Spitze des Machtapparats einzulassen.“253 „[...] für die Bewegung [ist es wichtig], sich offen zu halten – gerade auch für diese Sensiblen, die zwar der Stellung nach ‚von oben’, aber auf zweifache Weise ‚von unten’ kommen. Von unten in dem Sinne, dass sie Partei ergreifen für die Unterdrückten, aber auch in psychologischer Sicht, indem sie im eigenen Inneren Regungen folgen, die seit langem als schwach, weichlich und erniedrigend gelten: Empfindsamkeit, Mitfühlen, Ehrfurcht.“254 249

s. Jeremy Rifkin: Der Europäische Traum. Frankfurt 2004, S. 258. ebd., S. 253. 251 ebd., S. 259. 252 Richter: Krise der Männlichkeit. S. 263f. 253 ebd., S. 264f. 254 ebd., S. 271. 250

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Dass Netzwerke effizient und verantwortlich Exekutivaufgaben übernehmen können, zeigt das Beispiel eines Forschungsprojekts, nämlich die Auswertung von Daten eines Teilchendetektors, was ein Teilprojekt des Teilchenzertrümmerers bei Genf ist: „Wie lässt sich ein solch kompliziertes Projekt mit mehr als 2000, noch dazu über die ganze Welt verstreuten Mitarbeitern bewältigen? Dieser Frage ist Karin Knorr Cetina, Soziologie-Professorin an der Universität Konstanz, nachgegangen. [...] Dabei stieß Knorr Cetina auf ein für die Physik zentrales Prinzip: Selbstorganisation. Denn ‚es erscheint unmöglich, die technischen Entscheidungsprozesse in derart großen und komplexen Unternehmen effektiv hierarchisch beziehungsweise formal zu kontrollieren’. Eine autoritäre Struktur scheitert bereits an der Organisationsform der Experimente. Die beteiligten Forschungsinstitute schließen nicht einmal Kooperationsverträge, sondern handeln miteinander ‚Memorada of Understanding’ aus, also Absichtserklärungen, in denen sich die Partner zwar verpflichten, die aber gerichtlich nicht einklagbar sind. Umso erstaunlicher der Erfolg. Die Selbstorganisation fußt, so Knorr Cetina, auf der Idee des ‚Managements durch die Sache’: Die Personen, die ständig mit den technischen Objekten umgehen und diese kennen, diskutieren ausgiebig und entscheiden. Informationen werden nicht ‚oben’ zentral gesammelt, verarbeitet und dann wieder nach ‚unten’ verwiesen. Sondern das Experiment spricht ständig ‚mit sich selber und über sich selbst’. So entstehen Kooperation und eine Art kollektives Selbstwissen. Einzelwissenschaftler empfänden sich dadurch als Teil einer größeren Einheit. Und mit dieser Einheit stellt sich eine emotionale Verbundenheit ein.“255 Könnte die Methode der Physik zum Vorbild dienen für politische Projekte? Zum Beispiel für die seit langem gewünschte Reform der Arbeitsgesetzgebung oder Steuergesetzgebung? Netzwerke aus Fachleuten könnten Gesetzesentwürfe ausarbeiten, die bisher an der Komplexität der Aufgabe scheiterten. Exekutive Behörden entstammen dem Untertanenstaat, was man ihnen z. T. noch immer anmerkt; sie müssen weitere Schritte in Richtung Dienstleistung gehen. In einem Rechtsstaat brauchen wir eine Exekutive, die  unbestechlich ist;  ihre Aufgaben zuverlässig und in einer angemessenen Frist erledigt;  ihren Klienten zuhört und sie berät;  in ihren Entscheidungen flexibel ist, um die Situation einer KlientIn angemessen zu berücksichtigen. Gesetze sind nur so wirksam wie die Menschen, die für sie eintreten; der einzelne aber kann das nur ansatzweise leisten, und so braucht es einen Staat, der für Konsequenzen sorgt. Eine Polizei, die zu spät kommt, die unmotiviert oder überfordert ist, lässt das Vertrauen der Bürger schwinden. Ein Gericht, das es einem Angeklagten erlaubt, sich mit „Peanuts“ freizukaufen, schändet die Gerechtigkeit. Was nützen die besten Gesetze, wenn sie nicht durchgesetzt werden? Wenn dem Staat jedes Jahr Milliarden an Steuereinnahmen entgehen, weil die Finanzämter nicht genug Beamte haben, um alle Betriebe zu prüfen? Wenn Delikte nicht verfolgt werden, weil die Staatsanwaltschaft überlastet ist? Wenn 255

s. Klaus Bachmann: Die Jäger der ganz großen Rätsel. In: GEO Heft 5/2007, S. 138f. Hervorheb. von mir.

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Verbrecher auf freien Fuß gesetzt werden, weil die Justiz es wegen der langen Schlangen von Verfahren nicht schafft, alle Prozesse rechtzeitig anzuberaumen? Wenn Umweltsünden unerkannt bleiben, weil Umweltämter unterbesetzt sind? Wenn Lebensmittel verkauft werden, die mit Pestiziden vergiftet sind, weil staatliche Kontrollen fehlen? Wenn Lehrer keinen vernünftigen Unterricht machen können, weil die Klassen zu groß sind? Oder der Unterricht ganz ausfällt, weil zu wenige Lehrer beschäftigt werden? Sparen ist hier keine Tugend, sondern eine Torheit! Alle Ämter und Behörden müssen mit den erforderlichen Mitteln ausgestattet werden, nämlich mit:  angemessenen Gehältern: insbesondere Polizisten und Vollzugsbeamte sind zu gering bezahlt; Spitzenpolitiker und Spitzenbeamte sollten auch Spitzengehälter erhalten, die mit den Spitzengehältern der Wirtschaft konkurrieren können! Denn der Staat braucht Spitzenleistungen von seinen Beamten – da diese unbestechlich sein sollen, muss er sie eben durch hohe Gehälter gewinnen.  eine ausreichende Personaldecke als Voraussetzung dafür, dass alle Aufgaben in zumutbaren Fristen ausgeführt werden können;  Büros in der Nähe der Klienten;  rechtlichen Spielräumen, die die Beamten nach eigenen Ermessen nutzen können – hierfür sollten insbesondere Dienstvorschriften und Verordnungen eher Empfehlungscharakter haben oder ganz wegfallen. Wofür bilden wir Beamte so gut aus, wenn wir ihnen hinterher verbieten, ihren Verstand einzusetzen?  Schulungen, u.a. für die Kunst der Gesprächsführung mit Klienten... Mehr Kontrolle von staatlicher Gewalt Für eine ehrliche, verantwortungsvolle Politik sollten wir - Politiker, denen Lügen nachzuweisen sind, suspendieren; - Verantwortliche für grob fahrlässige Maßnahmen persönlich haftbar machen; - Amtsträgern keine anderen Einkommensquellen erlauben und sie für Entscheidungen, die grob fahrlässig, abenteuerlich, eigennützig bzw. unrechtmäßig sind, mit persönlichem Vermögen verantwortlich machen; - Rechnungshöfen und parlamentarischen Untersuchungskommissionen erweiterte Kompetenzen und Anklagerechte geben; - eine Kontrollbehörde für die Legislative bei der Judikative erschaffen. Leyendecker plädiert für eine Reihe weiterer Maßnahmen „für eine saubere Republik“, z.B.: • Rechnungshöfe und Kontrollbehörden müssen sich mehr um die Beförderungspraxis kümmern; hier könnte auch eine Quotenregelung helfen, die Ämterpatronage zurück zu drängen: 50% der Neubesetzungen von Ämtern sollten für Parteimitglieder gesperrt werden. • Ämterpatronage ist auch ein Fall für die Staatsanwaltschaft; auch jede Form von Bestechung und Bestechlichkeit bei Parlamentariern muss strafbar sein. • Wahlkämpfer müssten belegen, woher sie das Geld für Wahlkampagnen haben. • Die Verwaltung muss transparenter werden. • Planung, Vergabe und Abrechnungen von Beschaffungen und Bauleistungen müssen getrennt werden. In besonders gefährdeten Fällen muss das Personal nach einigen Jahren rotieren.

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• • •

Die Verhaltensregeln von Betrieben müssen auch das Schmieren von Geschäftspartnern im Ausland verbieten und mit Sanktionen belegen. Nicht eine Person allein darf den Staat bei Verhandlungen vertreten; mindestens eine weitere Kontroll-Person muss anwesend sein. Es sollte eine Kronzeugenregelung für Korruptionsdelikte eingeführt werden.256

Enorm wichtig ist die ständige Kooperation der verschiedenen Kontroll-Organe, deren Kompetenzen zu stärken seien, nämlich: Staatsanwaltschaft, Rechnungshöfe, Kartellämter, Rechnungsprüfer, parlamentarische Untersuchungsausschüsse, Presse und politische Opposition. Hinzufügen möchte ich die vorgeschlagene Institution der Vernetzten Direkten Demokratie, die ebenfalls Kontroll-Aufgaben erfüllen mag. Möglichst viele dieser Prinzipien sollten auch für die Gremien der EU eingeführt werden.

8.4 Kriminalitätsbekämpfung Die Demokratie sei wehrhaft! Ein einziger rechtsradikaler Schreihals kann eine ganze Versammlung stören. Ein einziger Umweltsünder kann viele Brunnen vergiften. Ein einziger Vergewaltiger kann die Sicherheit tausender Frauen zerstören. Desgleichen bei Angriffen gegen Ausländer, Juden, Pressefreiheit usw. Hier trägt jeder einzelne die Verantwortung, sich zu wehren. Aber der Effekt der Zivilcourage erlischt, wenn sie nicht vom Staat gedeckt wird. Die Kriminalität lässt sich nicht ausrotten; jeder sollte bei sich selber anfangen, kriminelle Tendenzen aufzuspüren. Der Staat aber darf Kriminalität niemals akzeptieren. Zurzeit sparen die deutschen Regierungen zu sehr bei Polizei und Justiz. Die Mittel zur Bekämpfung der Kriminalität müssen verhältnismäßig sein; sie dürfen keine Bürgerrechte verletzen, aber auch nicht zahnlos sein – dass z.B. die Polizei wegguckt, wenn auf offener Straße Drogen oder Waffen gehandelt werden – wenn überhaupt noch Polizisten präsent sind. Zum anderen genießen kriminelle und verfassungsfeindliche Organisationen, die unter dem Deckmantel von Religiosität ihre Opfer zu ködern und zu manipulieren verstehen, immer noch zuviel Toleranz; sie gehören einfach verboten (z.B. der ScientologyKonzern). Der Staat muss sein Monopol über die Gewalt und zugleich die Menschen- und Bürgerrechte sichern! Dafür braucht er eine starke, grenzüberschreitend Exekutive sowie deren Kontrolle. Hier schließe ich mich André Vandoren an, den Generalanwalt und Präsident des „Comité permanent de contrôle des services de police“: „Ich möchte [...] betonen, dass ich ein Befürworter eines strengen und effizienten Rechtssystems in der Europäischen Union bin. [...] Deshalb wäre ich, zusätzlich zur Entwicklung des Rechtssystems, dafür, dass Garantien auf europäischer Ebene gegeben werden, sodass die politische und justizielle Kooperation im Geist größter Transparenz stattfinden können. [...] Wie hiervor beschrieben, sind grenzüberschreitende Einsätze, die Informationsbearbeitung, die Anwendung von speziellen Polizeitechniken und eine proaktive Annäherung besonders effizient und erfordern Techniken im Kampf gegen diese spezifischen Formen des Verbrechens. Sie müssen jedoch auch die Einhaltung der elementaren Zivilrechte und Freiheiten garantieren. Auch auf dieser Ebene muss Europa große Anstrengungen unternehmen, um diese Rechte und Freiheiten seiner Bürger zu wahren.“257 256

Leyendecker 2003, S. 274f.

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So sollten wir uns hüten, den Fehler der USA zu wiederholen, der Terrorismusbekämpfung Grundrechte zu opfern. Einer unser ehemaligen Verfassungsrichter, Prof. Jentsch, gibt hier die Grenzen vor: „Die Freiheit der Bürger und ihre Sicherheit sind wohl gleichwertig. Der eine Wert darf nicht dem anderen geopfert werden. Für die Vorkehrungen zu unserer Sicherheit heißt das, dass sie in einem vernünftigen Verhältnis zu unserer Freiheit stehen müssen. Es kann also nicht angehen, einer abstrakten Gefahr wegen vorsorglich alle Bürger unter Verdacht zu stellen und in ihren Rechten zu beeinträchtigen. Auf diese Weise würden wir unsere Freiheit opfern. Gefordert sind deshalb zielgerichtete Maßnahmen, die Aussicht haben, zu den potenziellen Tätern zu führen. Wo sich aber die Gefahr konkretisiert, müssen allerdings auch ‚unschuldige’ Bürger Beeinträchtigungen hinnehmen, die in einem vernünftigen Verhältnis zu der drohenden Gefahr stehen. Dass eine Speicherung aller Fingerabdrücke von Passinhabern diesen Voraussetzungen entspricht, halte ich für zumindest zweifelhaft.“258 Volkspolizei Es ist eine Schande für alle, wenn sich Frauen nachts nicht allein auf die Straße trauen können. Um eine gute Polizeipräsenz an allen öffentlichen Plätzen zu erzielen, werde von den Kommunen eine Volkspolizei mit folgenden Merkmalen aufgestellt.  Jede Volkspolizistin verpflichtet sich für mindestens zwei Jahre und darf maximal fünf Jahre im Dienst bleiben – um die Bildung korrupter Strukturen zu erschweren, um jungen Menschen die Chance auf einen Berufseinsteig zu geben, und um dafür zu sorgen, dass sich unter den Zivilisten allmählich GesetzeshüterInnen verbreiten, die auch nach ihrer offiziellen Amtszeit bei Bedarf „im Dienst“ sein mögen.  Sie werden zwei Jahre lang sorgfältig ausgebildet ordentlich bezahlt.  Sie sollen möglichst geschlechts-paritätisch sein.  Volkspolizisten dürfen keine Schusswaffen tragen und laufen mindestes zu zweit Streife.  Sie versuchen, als geschulte Mediatoren, Konflikte zu lösen.  Sie sind Mitglieder in lokalen Netzwerken und arbeiten eng mit der Kriminalpolizei zusammen.  Sie protokollieren Ordnungswidrigkeiten, schreiten gegen Straftaten ein und haben die Vollmacht zur Festnahme von Personen, bis „schwere“ Polizei eintrifft.  In kritischen Gebieten werden sie von Schutzpolizisten begleitet. Übergeordnetes Ziel ist es, die Eigenverantwortlichkeit der BürgerInnen zu fördern. Wenn das Gefühl von Sicherheit und Strafverfolgung gegeben ist, dann wachsen auch Zivilcourage und Initiativen zur Gestaltung des öffentlichen Umfeldes. Der größte Widerstand gegen dieses Vorhaben eines vermeintlichen „Polizeistaates“ wird vermutlich von den grünen Denkern kommen.259 Sie werden die Kröte schlucken müssen, wenn sie es mit ihren universellen Menschenrechten ernst meinen: Lieber eine 257

André Vandoren: Im Kampf gegen Terrorismus und Organisierte Kriminalität: Europol, Eurojust, OLAF, und die Innere Sicherheit in der EU. In: Günter Gehl (Hg.): Europa im Griff der organisierten Kriminalität? Weimar 2006. S. 82. 258 s. Interview in der FR vom 21.4.7 259 Ich verwende Wilbers Terminologie aus: Ganzheitlich handeln. S. 20ff. Wilber bezeichnet die „grüne Welle“ als das „sensible Ich“, das jede Art von Hierarchie und Bevormundung ablehnt, den Egalitarismus bzw. pluralistischen Relativismus pflegt und die „blaue“ Autorität ablehnt.

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rechtsstaatlich geführte Polizei als eine private Selbstorganisation von Sicherheit oder gar das organisierte Verbrechen. Dazu kommt, dass besonders junge Menschen das Bedürfnis haben, dass für Ordnung und Bestrafung gesorgt wird. Wenn wir ihnen diesen ordnungspolitischen Rahmen geben, ist das die beste Voraussetzung für ihre gesunde Entwicklung.260 Andernfalls riskieren wir, dass rechtsradikale und kriminelle Gruppen an Zulauf gewinnen. Opferschutz Für die Opfer bzw. Zeugen von Verbrechen sollten alle erforderlichen Schutzmaßnahmen ergriffen werden, solange eine Bedrohung besteht. Parallel dazu müssen selbstverständlich die Täter mit allem Nachdruck verfolgt werden. Wenn ein verurteilter Täter nicht in der Lage ist, einen angemessenen Schadenersatz bzw., Schmerzensgeld zu leisten, muss der Staat hierfür eintreten. Insbesondere mögen die Landkreise  Frauenhäuser betreiben, die jederzeit für Betroffene bereit stehen, die nicht nur eine sichere Unterkunft, sondern auch sozialpädagogische und psychologische Betreuung anbieten;  entsprechende Zufluchtsstätten für Kinder und Jugendliche anbieten;  Notruf-Hotlines für Opfer von Rassismus, Gewaltverbrechen, Stalking, Mobbing, Erpressung, Sexismus und Seelenfängerei betreiben und diese mit einer wirksamen amtlichen Hilfestellung verbinden;  die Polizei für alle Facetten des Opferschutzes sensibilisieren;  die Jugendämter genauer hinschauen und frühzeitig eingreifen lassen, wenn Hinweise für Misshandlung, Verwahrlosung oder Missbrauch von Minderjährigen vorliegen (jeder ist dazu verpflichtet, den Behörden diese Hinweise zu geben!).

8.5 Führungskräfte-Training In allen Bereichen, in denen Führungskräfte gebraucht werden, also in Familien (Eltern führen Kinder), in Schulen, Betrieben, Behörden, Verwaltungen, Vorständen und Regierungen ist –metaphorisch gesprochen- ein allgemeines „Software-Update“ überfällig. Es ist so, als würden die meisten Organisationen noch mit PC-DOS 1.0 -Programmen arbeiten und hätten noch nichts von Windows, Linux o.ä. gehört. Aber hier meine ich eigentlich nicht neue Computersoftware, sondern Prinzipien und Tools zur Führung von Menschen, die teilweise noch aus der Kaiserzeit stammen: beispielsweise die Erwartung von Unterwürfigkeit, gepaart mit Misstrauen, Vorschriften für jede Kleinigkeit, Kontrolle und Maulkörbe gegen Kritik. Innovationshemmung, Intrigen, Kontraproduktivität und Mobbing zählen zu den Folgen. Werktätige Menschen haben vielseitige Bedürfnisse, Kompetenzen und Potentiale, die sie individuell entfalten; sie lassen sich nicht zur Arbeit programmieren wie Roboter, sondern man muss sie beauftragen, und sie besitzen i.d.R. die Intelligenz und Verantwortung, um ihre Aufgaben durchzuführen. Innovation wird bei uns zu sehr auf Technologien beschränkt! Informations-Technologien werden u.a. dazu missbraucht, um überalterte Führungsprinzipien (z.B. Taylorismus) künstlich am Leben zu erhalten. Daran haben auch Jahrzehnte von Unternehmensberatungen und Team-Trainings nichts wesentliches 260

Ich meine hiermit die Entfaltung des blauen Mems, die für die normale Entwicklung unverzichtbar ist. (vgl. Ken Wilber: Ganzheitlich handeln.)

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geändert. Clinton Callahan, ein Trainer für Führungskräfte, gibt in einem Interview einige Hinweise auf die neuen „Soft Skills“ des „Possibility-Management“: „Was genau brauchen denn die Unternehmen? [...] CC: Unternehmen brauchen Trainings, die die volle Intelligenz sowie das Führungspotential ihrer Leute freisetzen und nutzbar machen. Sie brauchen Trainer, die die kreative und schöpferische Kraft entfesseln, die in den Teams der Unternehmen verborgen ist. [...] Wir Trainer müssen den Teilnehmern also die Kompetenz und den Mut geben, sowohl das Unternehmen selbst fortwährend neu zu erfinden als auch die Art, wie es Produkte und Dienstleistungen für einen sich rasant verändernden Markt bereitstellt. [...] Was meinen Sie mit dem Gegensatz Ausbildung versus Training? CC: Ich bin der Überzeugung, dass es zwei Kategorien von Trainern gibt: die Ausbilder, die Informationen und Erklärungen liefern, wie Dinge funktionieren und wie Dinge zu tun sind. Sie bringen den Leuten jedoch Dinge bei, die bereits bekannt sind. Die zweite Kategorie sind die –wie ich sie nenne- PossibilityTrainer. Sie liefern Werkzeuge und Techniken, um auf eine neue Art zu denken und wahrzunehmen, um auf neue Art Probleme und Konflikte zu handhaben und auf eine neue Art zu ‚sein’. Possibility-Trainer führen die Klienten gefahrlos in das Unbekannte. Denn im Unbekannten kann der Klient neue Möglichkeiten für sein Unternehmen entdecken. [...] Sehen Sie sich um: Unternehmen sterben, selbst große Manager geraten ins Straucheln – nicht, weil es ihnen an Ressourcen fehlen würde, sondern weil sie nicht wissen, wie sie die Ressourcen, die sie haben, effektiv und kreativ nutzen können.“261 Die Soft Skills von Callahans Possibility Management und verwandten Systemen262 äußern sich z.B. darin  klar zu sein;  die intuitive Intelligenz eigener Gefühle zu gebrauchen;  sein Zentrum zu besitzen;  von verbaler Realität zu Erfahrungsrealität zu wechseln;  das „Jetzt“ zu minimieren,  Aufmerksamkeit auf seine Aufmerksamkeit zu richten,  ihre/seine Vorstellungskraft zurückzugewinnen,  Feedback zu geben und zu erhalten,  vom Linearen zum Nichtlinearen zu springen,  mit neuen Arten des Zuhörens und neuen Arten des Sprechens ein „Winning Happening“ Spiel zu spielen,  seine Unterwelt (unbewussten Schattenseiten) in Besitz zu nehmen,  Unterscheidungen zu treffen. Die Führungsqualität wird intelligenter, authentischer und effektiver durch die Verbesserung der mentalen Landkarten, auf denen alle Managementaktivitäten basieren. Weitere Konzepte für ein „Integrales Geschäftsleben“ hat Wilber aufgeführt.263 Ich möchte betonen, dass Possibility-Management auf den bewussten humanen Prinzipien beruht, also Kreativität und Selbstverwirklichung fördert und zugleich ökonomisch vorteilhaft ist. 261

Clinton Callahan: "Wir Trainer haben die Unternehmen betrogen". Interview in: in Training Aktuell. August 2004. 262 vgl. www.callahan-academy.com Ähnliche arbeiten auch die Kollegen unter www.new-lineconsulting.com 263 s. Ken WIlber: Ganzheitlich handeln. S. 109ff.

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Würde durchgängig mit solchen Soft Skills gearbeitet, so hätte ich mir dieses Buch wahrscheinlich sparen können.

8.6 Wirtschaft und Finanzen Zuallererst sei den Menschen die Angst vor der „Globalisierung“ zu nehmen. Die Globalisierung ist weder eine Naturkatastrophe noch ein Moloch. Anders, als es uns die Wirtschaftslobby glauben machen will, können wir uns gegen die negativen Folgen der Globalisierung wehren! Zwar kann der einzelne nichts dagegen tun, wenn er entlassen wird, weil seine Firma Produktionsstätten ins Ausland verlegt. Aber der Gesetzgeber kann vieles tun, um zu verhindern, dass Massenarbeitslosigkeit und Armut die Folge davon sind, und gleichzeitig kann er die Wirtschaft stärken. Ich schließe mich dem Potsdamer Manifest an, das eine humane und ökologische Lenkung der Marktwirtschaft gebietet: „Die internationale Geldmenge kann und muss dringend stabilisiert und dynamisch in Lebensqualität stärkende und globale Versorgung fördernde Wirtschaftsaktivitäten gelenkt werden. Die Beachtung der vielfältigen Toleranzgrenzen bei der dynamischen Stabilisierung der Geobiosphäre, der Belastbarkeit der natürlichen Lebensgrundlagen und ihrer Regenerationszyklen bildet die Voraussetzung unseres Überlebens und des Friedens zwischen den Menschen.“264 Auch im Rahmen der Globalisierung spielt die nationale Politik noch immer eine wichtige Rolle: Die Signale des wirtschaftlich starken Staates BRD beeinflussen die EU und andere Länder. Wenn wir weiterhin neoliberaler Vorreiter für Lohnabbau bleiben, werden Frankreich und andere Staaten ihre Löhne noch stärker senken müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Wenn wir dagegen eine alternative Politik wagen, können wir dazu beitragen, die Globalisierung fair zu gestalten. Auf dieser Linie liegt auch unser Bundespräsident, der postuliert: „Erstens: [...] Der Aufstieg der einen darf nicht der Abstieg der anderen sein! Zweitens: Die Arbeitnehmer sollten stärker als bisher an den Erträgen und am Kapital der Unternehmen beteiligt werden. Das verschafft ihnen eine zusätzliche Einkommensquelle. Drittens: Wer unverschuldet in Not gerät, soll sich auch künftig auf das soziale Netz verlassen können und eine wirksame Starthilfe erhalten, um schnell wieder aus eigener Kraft voranzukommen. Und viertens: Es müssen endlich alle wirklich gleiche Zugangschancen zu guter Bildung, wirtschaftlichem Erfolg und sozialem Aufstieg haben. Bildung ist die wichtigste Voraussetzung für gesellschaftliche Gerechtigkeit und soziale Mobilität.“265 Gewiss stellt der Bundespräsident den Kapitalismus nicht grundsätzlich in Frage, sondern weist, wie viele andere Kritiker, in eine keynesianische Richtung. Die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik konkretisiert diese alternative Politik unter dem Titel „Wirtschaftsdemokratie“:

264 265

s. Potsdamer Manifest, S.5. Dokumentiert unter http://www.vdw-ev.de s. Horst Köhler: Kein Aufstieg auf Kosten anderer. Berliner Rede am 1.10.2007. In: FR vom 2.10.2007.

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8.6.1

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Die Wirtschaftsdemokratie „Markt und Wettbewerb dürfen sich nicht selbst überlassen werden. Sie brauchen einen starken regulierenden Staat, der den Handlungsrahmen vorzeichnet, Machtmissbrauch sanktioniert und Verteilungsergebnisse berichtigt. Und was genauso wichtig ist, ist endlich die Einführung einer Wirtschaftsdemokratie. Es reicht nicht aus, nur einen politisch demokratischen (parlamentarisch-repräsentativen) Überbau in der Gesellschaft zu haben. Auch die Wirtschaft muss demokratisiert werden. Die wichtige Machtbalance zwischen Kapital und Arbeit hat sich zudem unter dem neoliberalen Herrschaftsregime zugunsten des Kapitals aufgelöst. Galbraith hat vor der im dominant gewordenen Shareholder-Kapitalismus entstandenen Machtkonzentration auf Seiten des Kapitals eindringlich gewarnt. Er forderte eine wirksamere gesellschaftliche Kontrolle. Diese kann nur durch Gegenmachtbildung ("Countervaillig power") erreicht werden. Dazu muss der ‚Faktor’ Arbeit im Unternehmen aber mit Macht ausgestattet werden. Nicht nur durch eine modifizierte verbesserte Mitbestimmungsgesetzgebung, sondern durch die uneingeschränkte rechtliche Gleichstellung von Arbeit und Kapital auf unternehmens- und betriebsbezogener Ebene. Dies ist die wichtigste europäische Integrationsaufgabe, soll es zukünftig zu einer wirklichen Wohlfahrtsentwicklung für alle Menschen in der EU kommen.“266

Das Konzept der Wirtschaftsdemokratie ist „eine Synthese aus Plan, Regulation und Markt, die den rein kapitalistischen Profitcharakter [aus der Marktwirtschaft] herausfiltert“.267 Die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik legt in ihrem Memorandum 2007 einen „ersten polit-ökonomischen Entwurf einer zu etablierenden Wirtschaftsdemokratie“268 vor, in dem vier „grundsätzliche Orientierungen“ den Weg weisen: 1. „eine staatliche, intervenierende Wirtschaftspolitik“, die „sowohl verbesserungsbedürftige Konjunktur- als auch Wachstumsprozesse aussteuert als auch ökologische Ansprüche berücksichtigt und verteilungsungerechte Marktergebnisse korrigiert“. 2. „Marktbeherrschende Unternehmen sind unter gesellschaftliche Kontrolle zu stellen“ 3. abhängig Beschäftigte sollen an den Überschussprodukten, die sie geschaffen haben, teilhaben und an den Entscheidungsprozessen ihres Betriebes teilnehmen. 4. „Zurückdrängung von entwürdigenden ökonomischen Abhängigkeiten, von einem psycho-physischen Arbeitsleid und von Fremdbestimmung sowie von einer Existenzunsicherheit (d.h. Angst) durch lohnabhängige Arbeit“269 Diese alternative Politik impliziert die Verabschiedung von manchen neoliberalen Dogmen – beispielsweise dass das Wirtschafts-Wachstum allein das vorrangige Ziel sei. Andererseits gilt es, die Bildung neuer Dogmen zu vermeiden – denn in Kreisen der Gegner des Neoliberalismus besteht die Tendenz, einfach zu negieren, z.B.: „In wohlhabenden Industriegesellschaften darf materielles Wachstum kein Ziel mehr sein.“270 Stattdessen plädiere ich dafür, „Wirtschaft“ nicht nur quantitativ zu betrachten, sondern qualitativ, also den Gesichtspunkt der nachhaltigen Produktion einzubeziehen. So ist es weder ökonomisch noch ökologisch vertretbar, wenn Unternehmen darauf aus sind, durch billige Produktion einen möglichst großen Absatz zu erzielen; wenn die Kunden sich freuen, billige Ware zu erhaschen, aber dass diese Produkte so minderwertig sind, dass sie 266

Heinz-J. Bontrup: Der tödliche Stachel der Konkurrenz. In: FR vom 11.8.2007 s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Memorandum 2007. Köln 2007, S. 261. 268 s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Memorandum 2007. Köln 2007, S. 247. 269 Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Memorandum 2007. Köln 2007, S.249f. 270 s. Ducommun 2005, S. 121. Ducommuns im wesentlichen grüne wirtschaftspolitische Vision ist im übrigen sicherlich legitim und ökologisch/ethisch gut begründet. 267

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schnell kaputt gehen und in den Müll wandern, weil die Reparatur nicht lohnt; oder dass sie wegen der unausgereiften Technik mehr Energie verbrauchen bzw. unsicherer oder weniger effizient sind als hoch entwickelte Produkte... Hier helfen nur Industrie- und Produkt-Standards, die mit den Technologien fortzuschreiben sind, ein Wirtschaftswachstum im Sinne einer qualitativen Produktverbesserung zu erzielen. Das bedeutet, dass der Gesetzgeber regulierend eingreifen muss. So fordert das Memorandum, dass der Staat das „gesamtwirtschaftliche Sechseck“271 um die Marktwirtschaft ziehe: „Dazu zählen dann als makroökonomische Zielgrößen nicht nur [1.] ein angemessenes Wirtschaftswachstum, [2.] ein hoher Beschäftigungsstand, [3.] Preisniveaustabilität und [4.] ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht, sondern auch [5.] die Erreichung hoher Umweltstandards und [6.] eine gerechte Verteilung der gesellschaftlich arbeitsteilig geschaffenen Wertschöpfung.“ 272 Für die Entwicklung der Wirtschaftsdemokratie ist es erforderlich, auf allen drei Ebenen des wirtschaftlichen Geschehens politisch einzugreifen: Auf der Makroebene der Wirtschaft „sollen sowohl suboptimale wettbewerbliche Marktprozesse ausgesteuert, ökologische Ansprüche berücksichtigt als auch verteilungsungerechte Marktergebnisse korrigiert werden. Zum Ansatz einer Wirtschaftsdemokratie zählt aber zweitens auch eine Struktur-(Industrie-)Politik, die bis zur sektoralen Investitionslenkung reichen kann. [...] Auf der Mesoebene bzw. auf der Marktebene muss die heute bestehende Marktmacht eingeschränkt und kontrolliert werden. [...] Je mehr Marktmacht sich ausbreitet, umso mehr kommt es zu Entdemokratisierungsprozessen nicht nur in der Wirtschaft. Daher setzen wir [...] auf regulierte Märkte und einen stark kontrollierten Wettbewerb. Wettbewerbs- und Verbraucherschutzpolitik, aber auch die Mittelstandspolitik, sind diesbezüglich massiv auszubauen und durch europäisch verankerte Antikartellgesetze zu unterstützen.“ 273 Hier sollte die neoliberale Halbwahrheit der GIB-Formel einer empirisch überprüften Politik weichen: „Statt einer Umsetzung der GIB-Formel brauchen wir eine Wirtschafts- und Tarifpolitik, die sich an [...] der ENA-Formel orientiert: Steigende Einkommen (E) heute führen zu einer wachsenden Nachfrage (N) morgen und mehr Arbeitsplätze übermorgen.“274 Die eigentliche „Revolution“ liegt aber in der Emanzipation der (fürderhin nicht mehr nur „abhängigen“) Beschäftigten: „Auf der Mikroebene geht es um einen dreifachen Anspruch, nämlich erstens um eine Partizipation der abhängig Beschäftigten [...] zweitens um eine materielle Teilhabe an den von den Beschäftigten geschaffenen Werten. [...] drittens auch um den ethischen und moralischen Anspruch, die Freiheit der Individuen durch eine Zurückdrängung von entwürdigenden ökonomischen Abhängigkeiten und Fremdbestimmungen zu erweitern.“275

271

abgeleitet vom seit 1967 bestehenden „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“, dessen sog. „magisches Viereck“ wirtschaftlicher Gesundheit die ersten vier der sechs hier aufgeführten Punkte enthält. 272 s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Memorandum 2007. Köln 2007, S. 257. 273 s. Arbeitsgruppe Alternativer Wirtschaftspolitik: Memorandum 2007. S. 13. 274 s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Memorandum 2007. Köln 2007, S. 70. 275 s. Arbeitsgruppe Alternativer Wirtschaftspolitik: Memorandum 2007. S. 13.

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8.6.2

Erlaubt die Globalisierung eine alternative Wirtschaftspolitik?

Vor der Globalisierung brauchen wir keine Angst zu haben, wenn wir für die nötigen Regeln und Grenzen sorgen. „Es gibt nicht den geringsten Grund –trotz aller politischer Bankrotterklärung in Form eines ‚Versteckens’ hinter einer heute hochgradig international verflochtenen Weltwirtschaft-, auf eine keynesianische Wirtschaftspolitik für ganz Europa zu verzichten, zumal mit der EU zum ersten Mal in der Geschichte der notwendige politische Rahmen dafür geschaffen worden ist.“276 Auch der Bundespräsident betont die Spielräume für die soziale Politik des Nationalstaates: „Erstens ist ein Sozialstaat, der kontinuierlich in das Können seiner Bürger investiert, im weltweiten Wettbewerb keine Belastung, sondern eine Stärke. Dabei gibt es unverändert viel Spielraum für landestypische Mischungen beispielsweise in der Arbeitsmarkt-, Steuer- und Sozialpolitik. Zweitens schaffen Geldwertstabilität und internationaler Handel bessere Voraussetzungen für soziale Politik als Inflation und Abschottung. Drittens kann über die Verteilung des erwirtschafteten Wohlstands nach wie vor gutteils innerstaatlich entschieden werden.“277 Dennoch: Kapital strömt ins Ausland (z.B. in die Schweiz), um Steuern zu umgehen. Könnte es nicht möglich sein, dass die EU weniger die Bewegungen der Menschen als vielmehr die Geld-Transfers systematisch überwacht? Bei der Geldwäsche werden ähnliche Methoden praktiziert, die man nur engmaschiger knüpfen müsste. Sollte man beispielsweise Geldtransfers, die die Grenzen der EU überschreiten, genehmigungspflichtig machen? Um zu kontrollieren, dass die innerhalb des Herkunftslandes zu erwartenden Steuern bezahlt werden? Für jeden Nicht-EU-Staat wären Finanz-Regelungen zu finden, die von dessen Steuer- und Wirtschaftssystem abhängen. Die erforderliche Bürokratie könnte von den durchführenden Banken selbst betrieben und vom Staat kontrolliert werden. Ebenso könnten strengste und lückenlose Zollkontrollen an EU-Grenzen stattfinden. Dies wäre zugleich eine Maßnahme gegen die Organisierte Kriminalität. Sorgen vor ausländischer Konkurrenz sind unberechtigt, da die Vermögens- und Unternehmenssteuern in Deutschland deutlich unter dem EU-Durchschnitt liegen – es würde also nichts schaden, sie – zumindest moderat- anzuheben. Selbst wenn die Steuern hierzulande angehoben werden, dürfte das die Attraktivität Deutschlands für globale Investoren nicht so leicht untergraben. In der jüngsten Wirtschaftsstudie von Ernst&Young befindet sich Deutschland als „attraktivster Standort in Europa“ auf Platz 4 der Investitionsplätze der Welt (nach China, USA und Indien) – und über die „Nachteile“ wie relativ hohe Lohnkosten, Steuern, Umwelt- und Sicherheitsstandards werden aufgewogen durch die geschätzte deutsche Qualität hinsichtlich Zuverlässigkeit, Langlebigkeit, Pünktlichkeit und Ausbildung. Ähnlich günstig ist die deutsche Wirtschaft hinsichtlich der Lohnstückkosten aufgestellt: Wie die überschäumenden Handelbilanz-Überschüsse der BRD zeigen, haben wir einen satten Vorsprung vor ausländischen Konkurrenten. Grund zum Jammern und Zähneklappern wegen der Globalisierung gibt es in Deutschland gewiss nicht (im Gegensatz zur Dritten Welt). 276

s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Memorandum 2007. Köln 2007, S. 257. s. Horst Köhler: Kein Aufstieg auf Kosten anderer. Berliner Rede am 1.10.2007. www.bundespraesident.de 277

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Des weiteren gilt für jedes Kapital, dass es an einen Ort gebunden ist; wenn der Staat wollte, könnte er die Kapitalflüsse kontrollieren, steuern und besteuern. Und er wolle! Steuern sollten eine Gesellschaft steuern – aber in Richtung Gerechtigkeit! Hier gilt es, das Steuerrunder herumzureißen. 8.6.3

Neues Steuersystem

Das Bruttoinlandsprodukt ist so hoch wie noch nie zuvor, und wir können bald keine Renten mehr bezahlen? Das ist absurd. Unser Sozialsystem wurde im 19. Jahrhundert erfunden; im 20. Jahrhundert wurde es von der Bevölkerungsentwicklung abgehängt, und im 21. Jahrhundert ist es Zeit, seine Finanzierung umzustellen. Bei steigender Produktivität steigen die Gewinne. Der Fiskus profitiert davon aber zu wenig. Die Arbeitgeber klagen über angeblich horrende Lohnnebenkosten, die dazu führten, dass Stellen in Deutschland abgebaut oder trotz Konjunktur nicht im entsprechenden Maß aufgebaut werden. Diese Argumentation ist falsch, weil sie die relativ niedrigen Lohnstückkosten außer Acht lässt. Dennoch könnten durch geringere Abgaben mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Wer eine Stelle hat, weiß, wie groß der Stress ist, wie viele Überstunden verlangt werden – und gleichzeitig sind zu viele Menschen arbeitslos. Welch ein Irrsinn, wenn der Staat die Arbeit noch verteuert. „Am wirkungsvollsten wäre es, die Kosten der sozialen Sicherung völlig vom Arbeitsverhältnis abzukoppeln“, meint der Bundespräsident.278 Wenn durch die steigende Produktivität eine immer größere Wertschöpfung erzielt wird, so möge der Fiskus direkt von diesen Werten abschöpfen, also den Unternehmens-Gewinn besteuern. So könnte der Staat seine astronomische Verschuldung abtragen und die Rente für alle bezahlen. Zudem ist es an der Zeit, die Umverteilung von Wohlstand von unten nach oben umzukehren - im Sinne von Joseph Stiglitz, der globale Gerechtigkeit u.a. durch nationale staatliche Interventionen einfordert: „Die sozial Schwachen und Geringqualifizierten sind die Leidtragenden der Globalisierung [...]; da dürfte es durchaus angemessen sein, ihre Steuerlast zu verringern und die steuerliche Belastung derjenigen, die von der Globalisierung in außergewöhnlichem Maße profitieren, zu erhöhen.“279 Der Grundfreibetrag der Einkommenssteuer muss ein Leben außerhalb der Armut ermöglichen, also massiv erhöht werden. Danach sollte die Progression erst sehr langsam von 10%, später erst steil bis zu einem Spitzensteuersatz ansteigen (derzeit 42%), der mindestens so hoch ist wie bereits in den 70er Jahren (56%). Sozialabgaben von Erwerbseinkommen seien gänzlich abzuschaffen; zusätzlich seien Dienstleistungen von der Mehrwertsteuer zu befreien. Damit wird die häufigste Gelegenheit der Steuerhinterziehung beseitigt und zugleich die Schwarzarbeit abgeschafft, ohne dass dazu eine einzige Polizeikontrolle nötig wäre. Tausende von Finanzbeamten, die Steuererklärungen von Geringverdienenden bearbeiten, würden nicht freigesetzt, sondern könnten Wirtschaftskriminalität und Steuerhinterziehungen bekämpfen. Innerhalb der EU sei eine allgemeine Mindeststeuer anzustreben. Zur Gegenfinanzierung: Bei wegfallenden Sozialabgaben behielten Arbeitgeber mehr Geld, und so erhöhten sich die Gewinne bzw. sänken die Preise der Waren. Subventionen könnten massiv gekürzt, 278 279

s. Horst Köhler: aus einer Grundsatzrede. In: Die Welt vom 15.3.2007. Stiglitz 2006, S. 342.

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höhere Steuern insbesondere auf Kapitalerträge/Vermögen, und den Handel von Wertpapieren erhoben werden. Vor allem müssen die Einkommen aus Kapitalanlagen wieder dem Erwerbseinkommen gleichgestellt werden. Auf Börsen-Transaktionen sei eine Steuer in einer Höhe zu erheben, die kurzfristige Spekulationen unattraktiv machen würde. Das würde dem Unwesen von Hedge-Fonds, Private Equity-Fonds und sonstigen ressourcenfressenden Profitjägern den Boden entziehen, da Kapital-AnlegerInnen nur noch an längerfristigen, d.h. nachhaltigen Investitionen interessiert wären. Kleine und mittelständische Betriebe, die in der Krise sind, seien in der Besteuerung zu entlasten, während ansonsten die Unternehmensbesteuerung auf eine breitere Grundlage zu stellen und gleichzeitig zu vereinfachen ist, so dass die realen Abgaben auf Gewinne den relativ hohen nominalen Steuersätzen auch entsprechen mögen - indem Ausnahmeregelungen, die sog. „Steuerschlupflöcher“ gestrichen werden. Produkte, deren Konsum Sozialkosten verursacht, seien in entsprechender Höhe zu besteuern, z.B. Zucker bzw. Getränke und Lebensmittel, die Industriezucker enthalten (Industriezucker ist so ungesund wie Rauchen!), desgleichen Alkohol und Tabak, elektronische Geräte. Zur Landes-Verteidigung könnte eine deutsche Bundeswehr bzw. ein deutscher Geheimdienst überflüssig werden, wenn diese Aufgabe der EU bzw., in einem zweiten Schritt, der UN übertragen werden; durch diese Rationalisierung können die Ausgaben dafür mindestens halbiert werden. Da in den nächsten Jahren Besitztümer in Billionenhöhe vererbt werden, ist zu überlegen, ob nicht ein größerer Teil davon an die Gemeinschaft zurückfließen sollte – sei es in Form von Erbschaftsteuer oder Stiftungen. Die Erbschaftssteuer sei – bei weiterhin geltenden Freibeträgen- zu erhöhen; zudem sei eine Obergrenze zu setzen: Ein einzelner Mensch sollte insgesamt nicht mehr als ca. 250.000 Euro plus weitere 50.000 Euro pro Kind, ein Wohnhaus und ggf. einen Familienbetrieb (mit max. 10-15 Beschäftigten) vererben – damit werden seine Hinterbliebenen sicher nicht verarmen (auch die Zahlungen aus Lebensversicherungen u.ä. sollten hier mit einberechnet werden); der Überschuss fließe dem Staat zu. Ebenso sollten Patent- und Urheberrechte nach dem Tod erlöschen (bei juristischen Personen nach etwa 50 Jahren). Diese „Sozialabgabe nach dem Tod“ würde auch helfen, die Frage nach der Gerechtigkeit zu beantworten: Warum sollte die zahlenmäßig schwache junge Generationen einen „Berg“ von Alten finanzieren? Weil diese Alten dafür reichlich Geld und andere materiellen Werte hinterlassen! Wir müssen nur dafür sorgen, dass diese Reichtümer halbwegs gerecht verteilt werden. Anders wäre es auch kaum zu rechtfertigen, auf die Einkommenssteuer zu verzichten, da Gutverdienende ungebremst neue Vermögen aufbauen könnten.280 Spenden für gemeinnützige Organisationen wurden bislang über die Einkommenssteuer subventioniert; hierfür ist ein Ersatz zu schaffen, etwas in der Form, dass der Staat den gleichen Betrag an die jeweilige Organisation überweist wie der Spendende. (Die bisherigen Amtskirchen würden vom Staat getrennt und müssten eine alternative Lösung zum Eintreiben ihrer Steuern finden – siehe auch unten: „Kulturförderung – Rettung der Kirchen?“.) Auf der Ebene der EU sollten wir für eine konzertierte Aktion werben, um ein halbwegs einheitliches Steuer-System zu erreichen. Es ist anzunehmen, dass andere Länder dem 280

Das alternative Modell von Ducommun sieht hier noch eine viel einschneidendere Beschränkung des Einkommens als durch eine progressive Einkommenssteuer vor, nämlich eine Deckelung auf das fünf- bis siebenfache des Mindestlohnes (vgl. Docommun 2005, S. 134). Das ist ein neues, sehr fragwürdiges Dogma, das Investitionskosten ignoriert und dessen Durchsetzung ein neues Ausmaß an Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit nach sich zöge.

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umverteilenden Steuersystem folgen würden, wenn wir damit anfangen und die ersten Erfolge sich einstellen. Entscheidend ist, dass sich die Staatsquote (die Summe aller Steuereinnahmen und Sozialabgaben) nach jahrzehntelanger Auszehrung deutlich erhöht, damit der Staat die Mittel zur Erfüllung seiner sozialen Aufgaben und zusätzlich Spielraum für ein umfangreiches Investitionsprogramm erhält, ohne ständig weitere Kredite aufnehmen zu müssen. In einem ersten Schritt könnten die moderateren Vorschläge der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik umgesetzt werden.281 Die EU könnte den Umtausch des Euro in andere Währungen mit der Tobinsteuer282 belegen, um kurzfristige Devisenspekulationen einzudämmen – und dieses Beispiel könnte weltweit Schule machen.283 8.6.4

Komplementärwährung?

Die u.a. von Bernard A. Lietaer vorgetragene Idee der Komplementärwährung verdient möglicherweise eine regionale Erprobung: Es handelt sich um die Einführung von Währungseinheiten wie Sozialstunden und Bonuspunkten parallel zu dem bereits bestehenden Währungssystem, dessen Schwächen auf diese Weise ausgeglichen werden sollen.284 Die Landkreise wären die geeignete Ebene, um über eine „Regionalwährung“ zu entscheiden.285 Weitergehende, von verschiedenen Autoren vorgetragene Konzepte von „Geld ohne Zinsen und Inflation“286 scheinen dagegen elementaren Mechanismen der Marktwirtschaft zu

281

vgl. Arbeitsgruppe Alternativer Wirtschaftspolitik: Memorandum 2007. 1972 hat James Tobin, Träger des Wirtschafts-Nobelpreises, die Einführung einer Steuer auf DevisenTransaktionen gefordert: Jeder Devisenumtausch sollte mit 0,1 bis 1% besteuert werden. Diese Steuer träfe vor allem jene Vermögensbesitzer, die ihre Anlagen kurzfristig und wiederholt umschichten. Dadurch ließen sich die Finanzmärkte stabilisieren. 283 vgl. Prof. Dr. Jörg Hufschmid: Expertise im Auftrag von Attac Deutschland. Bremen, 2001. Hufschmid hält die Einführung dieser Steuer durch die EU für realistisch und sinnvoll. 284 vgl. Bernard A. Lietaer: Das Geld der Zukunft. 2002. 285 vgl. Margrit Kennedy, Bernard A. Lietaer: Regionalwährungen. Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand. 2004. 286 vgl. die Bücher der Autoren Margrit Kennedy, Helmut Creutz, Bernd Senf u.a. – sie alle basieren auf der kontrovers diskutierte Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell (1862-1930). Das Geld soll hier auf seine ursprüngliche Tauschfunktion zurückgeführt werden und seine Aufbewahrungs- und Verleihfunktion (die der Zins belohnt) ausgeschaltet bzw. über eine "Umlaufsicherungsgebühr" sogar bestraft werden. 282

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widersprechen287 – spätere Zeitalter werden so ein Geld evtl. als Zwischenlösung verwenden... Die Forderung nach Sozialisierung des Bodens sei dagegen lokal zu prüfen und ggf. durchzusetzen; hier sollten die bereits bestehenden Enteignungs-Möglichkeiten, die das Grundgesetz vorsieht, ausgeschöpft werden.288 Subventionieren mit globaler Verantwortung Steuergeschenke bzw. Subventionen müssen politische Ziele haben, die für die gesamte Welt Sinn machen; eine einseitige Befriedigung von Spezial-Interessen darf sich der Staat nicht mehr leisten. Geradezu irrsinnig sind z.B. die fortdauernden Subventionen von Kerosin für Flugzeuge, die Förderung der Kohle (beides heizt das Klima an), und der Atomkraft. Die EU pumpt jährlich über 45 Milliarden Euro in die Landwirtschaft, die den größten Teil dieses Geldes in pestizidbelastete giftige Lebensmittel verwandelt bzw. in Entwicklungsländer exportiert, wo ihre Produkte zu Dumpingpreisen auf den Markt geworfen werden und die dortigen Bauern in den Bankrott treiben. All diese Subventionen seien zu streichen. Es gibt aber auch sinnvolle, ja notwendige Subventionen, die auszubauen sind, vor allem:  die Förderung von erneuerbaren Energien - sowohl die Forschung als auch die Nutzung dieser Energien (Solarenergie, Wasser- und Windkraft, neue Energieträger aus Biomaterial); 287

Ich schließe mich hier H.P. Vetter an, der das Buch „Das Geld-Syndrom“ von Helmut Creutz (2003) wie folgt kritisiert: „Ohne Vermögen im Volk muss ein Volk in Krisenzeiten HUNGERN! Also muss die Politik den privaten Vermögensaufbau ALLER Bürger fördern. Das tut sie aber nicht! Und das ist der eigentliche Fehler im "System", nicht der Zins! Aber nur so wäre eine für die Wirtschaft unschädliche und trotzdem gerechtere Verteilung der Vermögen erreichbar. Die Bremer Soziologen Gunnar Heinsohn und Otto Steiger haben mit ihrer bereits in achtziger Jahren formulierten ‚Eigentumsökonomik’ den Zins und damit auch das Geld widerspruchsfrei erklärt. Das ist den Wirtschaftswissenschaften bisher NICHT gelungen! Wer die Bedeutung des Begriffes EIGENTUMSPRÄMIE in der genannten ‚Eigentumsökonomik’ der Bremer Soziologen einmal gedanklich nachvollzogen hat, ist für alle Diskussionen rund ums Geld gerüstet. Das Buch von Helmut Creutz hilft dabei aber wichtige Fakten zu verdeutlichen. Die von Helmut Creutz aus diesen Fakten, überwiegend statitisches Material der Bundesbank, abgeleiteten Einsichten sind jedoch zumindest in Bezug auf den Zins und die sogenannte Geldhaltung der Privathaushalte, als angebliche Ursache von Zinstreiberei, falsch. Sparstrümpfe von Grosseltern sind nun einmal nicht, wie vom Autor behauptet, Ursache für einen unterbrochenen Geldkreislauf. Denn Geld entsteht im Kredit, der von Unternehmen u.a. in Form von Löhnen verausgabt wird. Dafür hat der Arbeitnehmer seine Arbeitsleistung erbracht. Wenn er jetzt dieses Geld in den Sparstrumpf steckt, so hat dieses Geld eben seine volkswirtschaftliche Aufgabe erst einmal erfüllt. Helmut Creutz schlägt nun vor Geld, nicht nur das im Sparstrumpf, sondern auch Sparguthaben mit einer UMLAUFSICHERUNGSGEBÜHR (Seite 556) zu belasten. Das kann aber nur bewirken, dass die Bürger konsumieren ANSTATT zu sparen. Das wird fatale Auswirkungen für Krisenzeiten haben. Damit ist vor allem und zu aller vorderst die sich dann daraus ergebende mangelnde Vorsorge für das Alter zu nennen. Geld kann man nur verstehen, wenn man den Begriff des Eigentums versteht. Der ergibt sich aber aus unserer Verfassung und dem bürgerlichen Gesetzbuch. Es fehlt damit in dem trotz allem sehr lesenswerten Buch von Helmut Creutz eine scharfe begriffliche Unterscheidung von BESITZ und EIGENTUM. Deshalb sei dem geneigten Leser sehr zu empfehlen auch das Hauptwerk der oben genannten Bremer Soziologen mit dem Titel ‚Eigentum, Zins und Geld - Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft’ genauer zu studieren. Das Buch von Helmut Creutz hilft jedoch sehr sich konkreter die Bedeutung und Funktion des Geldkreislaufes unserer Marktwirtschaft sowie die Zusammenhänge mit der Noten- bzw. Zentralbank zu verdeutlichen.“ 288 vgl. Art. 14 GG: „(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. (3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. [...]“ Art.15 GG: „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden. [...]“

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 den Bau von Passivhäusern; das Wohnen in größeren Gemeinschaften;  umweltfreundliche Verkehrsmittel und Car-Sharing;  weltweit ausschließlich ökologische Landwirtschaft, die im Endeffekt nachhaltiger und billiger sein wird als die Gen- und Giftmethoden289;  Bücher, Fachzeitschriften und Zeitungen (keine Boulevardblätter, keine gewalttriefende bzw. militaristische Bücher). Begründung: 1. Deutschland ist in hohem Maße vom Import von Erdöl und Erdgas abhängig. Das ist nicht nur teuer, sondern wird irgendwann unbezahlbar. Zudem sind wir durch große Exporteure politisch erpressbar (z.B. von Russland). Nur erneuerbare Energien können uns davon befreien. 2. Unsere Stärke ist der Export vor allem von Technologie, Maschinen, Autos und Rüstungsgütern. Die Nachfrage der Zukunft wird sich auf Umwelttechnik beziehen. Mit der Entwicklung der oben aufgelisteten Technologien werden wir nicht nur uns selbst helfen, sondern auch den Exporterfolg in der Zukunft sichern. 8.6.5

Staatliche Betriebe

Alle Bereiche, in denen ein Wettbewerb unsinnig bzw. ein Sicherheitsrisiko ist, mögen (wieder oder weiterhin) in staatlichen Monopolen betrieben werden: Wasser, Strom, Gasversorgung, Straßen, Bahnverkehr, Post, Telekommunikation, Arbeitsvermittlung und Wohnraumvermittlung. Dazu sollten auch die Branchen zählen, die in privaten Händen Nährböden übermäßiger Kriminalität sind: Prostitution, Waffenhandel, Glücksspiele aller Art. Die Organisierte Kriminalität würde durch diese Verstaatlichungen geschwächt, während der Staat, also wir uns über zusätzliche Einnahmen freuen könnte. Bordelle etwa sind verknüpft mit Menschenhandel, Zwangsprostitution und Steuerhinterziehung. Überdies würde der Staat als Betreiber für tarifvertragliche Beschäftigung sorgen und für einen konsequenten Arbeitsschutz sorgen, der auch im Interesse der Freier liegt. Ebenso würde der Staat Vorkehrung treffen, um zu verhindern, dass sich jemand durch Glücksspiele verschuldet oder die falschen Waffen an die falschen Leute geraten. Zudem könnte garantiert werden, dass ein gesetzliches Mindestalter eingehalten wird (z.B. 21 Jahre?). Den Landkreisen bzw. Senaten falle die Aufgabe zu, die Monopole für Bordelle, lokale Glücksspiele und Waffenhandel auszuüben; der Bund nehme sich der zentral organisierten Glücksspiele an. 8.6.6

Betriebsverfassung und Gewerkschaften

Die Demokratie darf am Werkstor nicht Halt machen! Auch Büroräume sollten keine Diktaturen beherbergen. Betriebliche Mitbestimmung der Arbeitenden mögen für Unternehmens-Leitungen als Chance des Dialoges und ggf. der Korrektur des Managements angesehen werden: Die kompetentesten Berater einer Firma kommen selten von außen, sondern meist aus den eigenen Reihen.

289

Duconnum, Experte für Landwirtschaft und Entwicklungspolitik, legt sehr überzeugend dar, dass mittels ökologischer Landwirtschaft 10 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt satt werden könnten (vgl. Ducommun 2005, S. 181ff.). Dass wir zur Bekämpfung des Hungers eine „grüne“ Pestizid- bzw. Gentechnik-Revolution bräuchten, ist ein Märchen, das selbstsüchtige Konzern-Lobbyisten erzählen.

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Gewerkschaften sollten sich auf ihre originäre Aufgabe zurück besinnen: der Organisation von Solidarität. Um einen Hebel gegen transnationale Konzerne in die Hand zu bekommen, muss diese Solidarität international organisiert werden. Das verlangt insbesondere von den Werktätigen in den industrialisierten, d.h. mächtigeren Ländern Arbeitsniederlegungen, um für eine gerechtere Verteilung zu kämpfen: Eine Senkung der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich sollte das Ziel sein, um die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen, d.h. Arbeitslosigkeit abzubauen. Der Staat möge weiter für den gesetzlichen Rahmen eines wirksamen Kündigungsschutz, einer demokratisierenden Betriebsverfassung sorgen, sowie Beauftragte für Datenschutz, Frauenförderung bzw. gegen Sexismus, Diskriminierung und Mobbing institutionalisieren. Auch das Management sollte sich bewusst sein, dass dieses System kein unwirtschaftlicher Luxus ist, sondern Humanität und Produktivität miteinander in Synergie bringt (vgl. die Ausführungen oben unter „Führungskräfte-Training). Des weiteren seien die oben referierten Prinzipien der Wirtschaftsdemokratie umzusetzen. 8.6.7

Arbeitsmarkt

Zu wenige Menschen arbeiten zu viel. Die Arbeit muss gerechter verteilt werden. „Die Lösung der Arbeitsmarktprobleme kann weder in einer Verbesserung des Vermittlungsprozesses noch in der Verdrängung von Arbeitssuchenden in die Stille Reserve liegen. Vielmehr muss zunächst das gesellschaftliche Arbeitsvolumen durch eine geeignete Beschäftigungspolitik erhöht und gleichzeitig Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung umverteilt werden.“290 Das neue Steuer- und Sozialsystem würde die Arbeitskraft nicht nur billiger machen, sondern auch Teilzeitbeschäftigung erleichtern. So sollte die Vollzeit zunächst auf 35 Stunden verkürzt werden, zum einen um Arbeitslosigkeit abzubauen, zum anderen um den Menschen mehr Zeit für Beziehungen und Kinder zu lassen. In Folgeschritten könnte der Staat die Wochenarbeitszeit auf ca. 25 Stunden absenken, was bei weiterhin steigender Produktivität ohne Lohn-Abschläge möglich ist. Die Frage nach einem Lohnausgleich bleibe den Tarifparteien überlassen. Ein Mindestlohn jedoch sei geboten: Wer in Vollzeit arbeitet, muss dadurch genug verdienen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Zeitarbeit sollte strengen gesetzlichen Einschränkungen unterworfen werden. „Die sich verbreitende Bedeutung von Löhnen, die unterhalb der Armutsgrenze liegen, verweist auf ein Marktversagen. Davon betroffen sind in Deutschland ca. sechs Millionen Erwerbstätige. Da die Tarifvertragsparteien praktisch in den Branchen mit Lohndumping nicht präsent sind, kann auch das Tarifvertragssystem nicht richtig greifen. Deshalb ist ordnungspolitisch der Staat gefordert, der damit auch den Marktmachtmissbrauch von Unternehmen gegen sozial schwache Abhängige von Erwerbsarbeit untersagt. [...] Studien zu Ländern, die seit Jahren über Erfahrungen mit Mindestlöhnen verfügen, kommen überwiegend zu dem Ergebnis: Mindestlöhne führen nicht zu Insolvenzen der betroffenen Unternehmen, Arbeitsplätze werden nicht abgebaut, die Motivation der Beschäftigten steigt. Vor allem die positiven Ergebnisse in Großbritannien mit der Mindestlohnpolitik seit 1999 lassen sich durchaus auch auf Deutschland übertragen.“291 Die zigtausend Stellen, die mit überflüssigen Institutionen wegfallen (z.B. bei sich auflösenden Länder-Ministerien, Rentenversicherungsträgern, Krankenkassen usw.), sollten in sinnvollen Bereichen neu eingerichtet werden: Allerorten liegt uns nicht getane 290 291

s. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Momorandum 2007. Dokumentiert in: FR vom 27.4.7 Rudolf Hickel: Mindestlöhne sind keine Jobkiller. In: FR vom 19.6.2007

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Arbeit vor den Füßen – Sozialarbeit auf der Straße und in den Familien, Erziehung von Kindern in Familien und Heimen, Ausbildung von Jugendlichen, Psychotherapien von Erwachsenen, Pflege von Alten und Kranken, ganz zu schweigen von Reinigungsarbeiten, Sanierungen, Naturpflege, Kriminalitätsbekämpfung usw. Das Arbeitsamt zahle jeder Arbeitslosen, sofern ohne Vermögen, mindestens zwei Jahr lang etwa 80% des Einkommens, zumindest so viel, dass sie ihre Wohnung halten kann, und biete offene Stellen, ABM bzw. sinnvolle Weiterbildungen an. Wer über 50 ist, erhalte das Arbeitslosengeld unbefristet.

8.7 Sozialpolitik Der Staat garantiere die Existenzsicherung, d.h. eine Grundversorgung mit Unterkunft, Nahrung, Kleidung usw. auf einem menschenwürdigen Standard. Hierbei mögen Kinder eine besondere Förderung genießen, so dass keines stärker benachteiligt wird als in dem Maß, das unvermeidlich ist. Jede Hilfe-EmpfängerIn soll, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, soziale Dienste leisten und dafür eine Aufwandsentschädigung erhalten. Die Sozialämter mögen ein Leben über der Armutsgrenze gewährleisten und eine staatliche Rente auszahlen,  wenn die Familie kein Vermögen besitzt (ausgenommen selbst genutztes Wohneigentum und Freibeträge),  wenn der Amtsarzt Berufsunfähigkeit bescheinigt oder  wenn bestimmte Altersgrenzen überschritten werden; diese Altersgrenzen sollten flexibel sein, so wie das bei Alterteilzeitmodellen der Fall ist;  spätestens mit 65 sollte eine lebensstandardwahrende Rente bezahlt werden, wenn der Betreffende nicht mehr arbeitet. Eine kapitalgedeckte Altersvorsorge werde nicht mehr subventioniert, da sie die Menschen von den Zufällen der Börsenentwicklung abhängig macht und den internationalen Überfluss an Kapital noch weiter aufblähen, somit die Instabilität der Finanzmärkte verschärfen würde. Stattdessen sollte es bei dem solidarischen Prinzip bleiben, dass die Leistungen für Rentnerinnen von den gegenwärtigen Produktivkräften erwirtschaftet und abgegeben werden. 8.7.1

Bedingungsloses Grundeinkommen?

Die „Initiative für Grundeinkommen“292, die auch von attac in Deutschland unterstützt wird, fordert: Jede und jeder soll bedingungslos ca. 800 Euro pro Monat vom Staat erhalten. Damit sei der Stachel von Zwang und Existenznot ein für alle Mal aus der Welt geschafft, ein jeder könnte seinen Neigungen nachgehen, oder aber arbeiten gehen. Diese Vorstellung von Gerechtigkeit halte ich für eine sozialromantische Illusion, die wir als kommunistische Utopie für bessere Jahrhunderte pflegen sollten. Einstweilen aber sehe ich nicht einmal eine Mehrheit von Menschen so weit entwickelt, als dass so ein System funktionieren könnte. So sehr ich es befürworte, ein Übermaß an Ungerechtigkeit zu beseitigen, so darf man doch nicht verkennen, dass ein Mindestmaß an Unterdrückung und Ungerechtigkeit unvermeidlich ist, solange Menschen in sich gefangen sind - vgl. das obige Zitat von Wilber (unter „Grundsätze“). Wir müssen ein gewisses Maß an Ungleichheit akzeptieren. Das Geld mit der Gießkanne zu verspritzen, würde nicht einmal mehr Gerechtigkeit schaffen. Wir dürfen das Leben der Menschen nicht in Watte packen. 292

vgl. www.initiative-grundeinkommen.ch

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Im Namen der reifen Liebe wäre alles tun, um das Wachstum eines anderen zu fördern, aber diese Liebe würde nicht blind gebieten, in jedem Falle zu helfen (wie ich an anderer Stelle hinsichtlich der Süchtigen erkläre). Ein bedingungsloses Grundeinkommen zu verschenken, wäre sogar doppelt schädlich: Zum einen würde es die Missgunst der Werktätigen und damit soziale Spannungen provozieren, und zum anderen (was schlimmer wäre) wäre den Arbeitslosen damit gar nicht gedient. Jeder erwachsene, gesunde Mensch muss für sich selbst Verantwortung tragen. Ein arbeitsfähiger Mensch, der immer nur etwas erhält, ohne etwas dafür geben zu müssen, wird auf Dauer an diesem Ungleichgewicht leiden. Indem man glaubt, ihn von einem Problem, nämlich der Existenzsicherung, zu erlösen, lädt man ihm ein viel größeres psychisches Problem auf: Man nimmt ihm die Chance zum Wachsen – und sei es auch die Chance, die sich im Zusammenbruch verbirgt. Wer auf der Straße sitzt und bettelt, besitzt mehr Würde als ein Mensch, der sein Geld für nichts erhält! Im übrigen: Wir haben nur begrenzte Mittel, um ein solches Grundeinkommen zu finanzieren – und wo ziehen wir dann die Grenze? Das Grundeinkommen nur für Deutsche? Grundeinkommen für alle, die in Deutschland leben? Das wäre rassistisch bzw. willkürlich. Nein, wenn wir die falsche Moral seiner Verfechter konsequent anwenden, müssten wir es für jeden Menschen auf der ganzen Welt bezahlen. Also, nehmen wir das Geld lieber, um es mit Sinn und Verstand auszugeben. Dann bleibt auch genug übrig, um neben den übrigen Sozialleistungen, staatlichen Investitionen und Bildungsausgaben auch eine anständige Entwicklungshilfe zu bezahlen. An staatliche Unterhaltsleistungen seien gesetzliche Bedingungen zu knüpfen, so dass Langzeit-Arbeitslose zwar eine Existenzsicherung erhalten, aber dafür in einer sinnvollen Weise einen Dienst für die Gemeinschaft zu erbringen haben. Wer sich aber seinen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft wiederholt entzieht, muss nach und nach alle Unterstützungsleistungen verlieren. Ungesetzliche, d.h. willkürliche Bedingungen bzw. Zwangsarbeit dürfen jedoch nicht geduldet werden. Die Amtsträger haben Bedürftige bzw. Arbeitslose respektvoll zu behandeln und müssen realistisch auf die individuelle Situation eingehen, so dass eine wirksame Hilfe erfolgt; Forderungen an Hilfe-Empfangende müssen ebenfalls angemessen, sinnvoll und individuell abgestimmt sein; hierfür hat sich die Beamtin mit der Bedürftigen zu beraten. In jeder Behörde, in jedem größeren Betrieb mögen unabhängige Ombudsfrauen und Datenschutzbeauftragte sich eines jeden annehmen, der eine Beschwerde vorbringt. Darüber hinaus muss der Rechtsweg gegen Entscheidungen der Behörden für jedeN offen stehen; solange ein Verfahren nicht abgeschlossen ist, sind die strittigen Zahlungen vom Staat an die Bedürftigen zu leisten. Gesundheitspolitik Der Staat garantiere die medizinische Versorgung der Bevölkerung! Er betreibe Rettungsdienste, Polikliniken, Apotheken, Reha-Kliniken, Pflegedienste, Hospize, trage den Verdienstausfall bei Krankheiten bzw. Berufsunfähigkeit ab dem ersten Tag und zahle Sterbegeld. Medizinische Behandlungen, Arzneien und Hilfsmittel seien kostenfrei, es sei denn, sie werden benötigt wegen einer Abhängigkeit (Psychopharmaka) oder mutwilligen/grob fahrlässigen Handlungen (z.B. Konsum von Alkohol, Drogen; Unfälle, Schlägereien usw.) – dann wären die Verantwortlichen (ggf. Erziehungsberechtigte) angemessen an den Kosten zu beteiligen.

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Gesundheitsvorsorgende Maßnahmen von Volkshochschulen, Vereinen und anderen Trägern seien großzügig zu fördern: Rückenschulen, Fitnesskurse, Meditationsworkshops, Kochkurse, aktiver Sport u.ä. Um einen nachhaltigen Behandlungserfolg sicherzustellen bzw. unnötige Kosten zu vermeiden, mögen sich alle staatlichen Kliniken ganzheitliche Therapiemethoden praktizieren, die die Schulmedizin erweitern, indem sie die Psyche und die soziale Umgebung der Patienten berücksichtigen. Dazu seien die Kliniken in lokale politisch/soziale Netzwerke einzubinden; neben ganzheitlich ausgebildeten Ärztinnen, Helferinnen, Pflegerinnen, Köchinnen, Verwaltungspersonal usw. mögen sie in befriedigender Stellenzahl Psychologinnen, Sozialpädagoginnen und Kriminalbeamte beschäftigen und -wie die Schulen- den Freiraum haben, ein eigenes Profil zu bilden. Das übergeordnete Ziel sei es, Patienten und Angehörige zu mündigen Partnern der Ärzte zu machen. Dazu brauchen Ärzte vor allem Zeit für ihre Patienten; dafür werden viele aufwändige Untersuchungen und Operationen überflüssig. Andererseits müssen Patienten hinnehmen, dass es mit dem Pillenschlucken nicht getan ist. Heilung bedarf der Einfühlung, der Weisheit, einiger Mittel und auch der Disziplin. In der Regel gehören zur Ergänzung der Therapie einfache Maßnahmen wie gesunde Ernährung, Verzicht auf Genussmittel, Sport u.ä. Wenn Patienten nicht kooperieren, d.h. ärztliche Verordnungen außer Acht lassen, sollten sie auch finanziell zur Verantwortung gezogen werden (keine kostenlose Behandlung mehr). 8.7.2

Wohnungspolitik

Der Staat betreibe eine Wohnungspolitik, die allerorten preiswerten Wohnraum für Familien bereitstellt (ggf. durch Enteignungen). Daneben seien große, günstige Wohnungen und Häuser für die Bildung von Wohngemeinschaften anzubieten. Die völlige Befreiung einzelner Stadtviertel vom Autoverkehr sei zu erleichtern. Jede habe Anspruch auf eine staatlich betriebene, geschlechtshomogene Gemeinschaftsunterkunft mit sanitären Einrichtungen, für deren Pflege die notwendigen Mittel bereitgestellt werden; jedoch können wiederholte Verstöße gegen die Hausordnung zum Ausschluss führen. Wer eine abgeschlossene Berufsausbildung, einen festen Arbeitsplatz hat und nicht vermögend ist, erhalte Anspruch auf ein zinsloses öffentliches Darlehen zum Erwerb von Wohneigentum (z.B. ca.50qm und ca. 20 qm zusätzlich für jede weitere Person; mind. ca. 10% Eigenkapital).

Zur Senkung des Heiz-Energiebedarfs seien durchgreifende gesetzliche Maßnahmen zu ergreifen: Jeder Neubau von Wohn- und Büroflächen möge in Passivbauweise erfolgen; sämtlich Immobilien, die veräußert werden, mögen zumindest dem NiedrigenergieStandard entsprechen. Bei Gemeinschafts-Wohneigentum seien auf Antrag von mindestens 20% der Eigentümer Energiesparmaßnahmen durchzuführen, für die ggf. zinsgünstige staatliche Kredite bereitgestellt werden.

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8.7.3

Gleichstellung von Frauen

Wir sind am Ziel, sobald Frauen gleiche Löhne wie Männer erhalten, in politischen, wirtschaftlichen Gremien und Regierungen zu ca. 50% vertreten sind und frauenfeindliche Sprüche genauso peinlich sind wie männerfeindliche. Die Anstrengungen mit Gleichstellungsgesetzen und Ombudsfrauen Verbesserungen zu erzielen, seien fortzusetzen, die Koedukation in der Schule in bestimmten Fächern (z.B. Naturwissenschaften) aufzuheben. Hier greifen jedoch staatliche Maßnahmen allein zu kurz. Die Gleichstellung von Frauen ist vor allem Ausdruck der Transformation der Gesellschaft, die abhängt von der Transformation der Individuen. Dafür braucht es einen Kontext. Diesen Kontext aufzubauen und aufrecht zu erhalten ist Aufgabe der Kultur – der Männerkultur und der Frauenkultur. Fangen wir also damit an, unsere Kulturen dahingehend zu entwickeln. Als Beispiel zitiere ich ein Gedicht von Red Hawk293: What I Would Tell Young Boys Every chance you get watch the women, especially the old ones and the mothers with their children. Then enliven the soul an ground it in the sweet soil of the heart. Bond with them. It is the only thing that can save you from the madness: absolute power has corrupted men absolutely; it is believed 700,000 women in the U.S. are raped each year. Half don’t tell. Of those who tell, half are humiliated and made to feel they are at fault. You will be told it is your duty to whip your children and make war. I tell you bonding with women is your duty and your only hope. Surrender to them, serve them, wash their feet and thank them for allowing one who has strayed to come into their gentle company. Waiting for his star to rise in the firmament, praying for his heart to catch the fire and shine, a man carries water to bathe the women and children; he holds, lifts, and turns the old and the dying; he forgets himself completely. He is revered in the company of women because he is tender hearted and kind, a man who can be trusted and for whom they have no fear. He who bonds with women will be shown the content of heaven. The truly damned, those turned out of heaven, are they who strike fear in the hearts of women and children. 293

s. Red Hawk: The Way of Power. Hohm-Press, Prescott, Arizona 1996.

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Übersetzen wir es, finden wir die passenden Gedichte und Geschichten auf Deutsch und fangen wir an, sie zu erzählen! 8.7.4

Förderung von Therapien

Ein Amt für persönliche Entwicklung in jedem Landkreises organisiere ein hochwertiges Angebot von verschiedenen Therapieformen und einer professionellen Beratung für Paarkonflikte und Erziehungsprobleme. Eine niedrigschwellige individuelle Beratung möge Erste Hilfe leisten bzw. eine Orientierung geben. Jede könne auf diese Angebote für Einzelne oder Gruppen zurückgreifen. Kostenlos seien sie jedoch nicht: 1. Je nach Einkommen werde eine mehr oder weniger hohe Gebühr erhoben; 2. Bei jeder Beratung bzw. Therapie erhalte die KlientIn individuelle Aufgaben, die ihre Prozesse unterstützen bzw. neu erworbenes Verhalten im Alltag umsetzen sollen. Werden diese Aufgaben nicht erledigt, muss die KlientIn eine Geldbuße bezahlen; beim zweiten Mal ist die Beratung abzubrechen. 3. Bei manchen Therapie-Formen sollten von allen Beteiligten Verpflichtungen eingegangen werden, deren Missachtung ebenfalls Konsequenzen habe. 4. Der Konsum von Alkohol und Drogen ist mit den Zielen der Transformation unvereinbar. Anzubieten seien Formen der Gesprächstherapie, der Gestalt-Therapie, der VerhaltensTherapie, der Gruppen-Therapie, der systemischen Therapie, der Paar-Beratung, der Supervision. (Alle Informationen über KlientInnen unterliegen selbstverständlich strengstem Datenschutz.) Wie sollte nun eine Hilfesuchende herausfinden, welche Form von Therapie für sie angezeigt ist? Hier referiere ich die Idee von Ken Wilber, derzufolge psychologische Hausärzte als kompetente Ansprechpartner für alle Arten seelischer Probleme fungieren sollen294; sie stellen eine Diagnose, empfehlen eine geeignete Therapiemethode und überweisen die Klientin an eine darauf spezialisierte Kollegin. Die darauf folgenden Therapie-Erstgespräche seien kostenlos, so dass jede nicht nur weiß, welche Therapieform die richtige ist, sondern auch diejenige Therapeutin finden kann, mit der eine Zusammenarbeit fruchtbar ist. 8.7.5

Justizvollzug

Wenn einer hinter Gittern sitzt, ist das (in einem ordentlichen Rechtsstaat) die Konsequenz davon, dass er für andere gefährlich ist; und solange diese Gefahr besteht, ist der Freiheitsentzug notwendig. Doch dürfen Gefängnisse keine Aufbewahrungsanstalten sein. Leider bestätigt sich in manchen Fällen das volkstümliche Vorurteil vom „bequemen“ Gefängnisleben: Wenn Gefangene die Freiheitsstrafe als angenehm empfinden, weil es ihnen im Knast besser geht als in der Kultur, in der sie beheimatet sind295, dann ist unser System falsch. Auf jeden Fall werde es unterbunden, dass Kontakte zum kriminellen Umfeld gepflegt werden. Zur Freiheitsstrafe Verurteilte sind (in den meisten Fällen) für schwere Straftaten 294

vgl. Ken Wilber: Einfach „Das“. S. 160. vgl. Necla Kelek: Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes. Köln 2006: „Das [deutsche] Gefängnis ist für die meisten [türkischen] Männer kein Ort der Strafe, sie kennen auch sonst keine individuelle Freiheit – sie leben in einem doppelten Gefängnis.“ (S.40) 295

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verantwortlich. Fernsehen, Drogen und ähnliche Ablenkungen sind einer Einsicht und Transformation hinderlich. Isolationshaft aber verletzt die Menschenwürde. Hier gilt es, einen menschenwürdigen Weg zu finden, der vordergründig als Bestrafung erscheinen mag, aber eine Chance zur Transformation beinhalten muss. So könnte man Kontakt zu den nächsten Angehörigen erlauben, seriöse Bücher und Zeitungen bereitstellen, Bildungsgänge und transformative Gruppenprozesse anbieten. Wenn sich ein Gefangener innerlich befreien will, möge er dazu Gelegenheit bekommen! Ich denke hier an die freiwillige Teilnahme an Trainings wie z.B. den Gemeinschaftsbildungsprozessen, wie sie in den USA mit großem Erfolg von Purna Steinitz entwickelt und durchgeführt werden.296 Diese Gefängnisarbeit bietet die deutlich erhöhte Chance, dass Verurteilte das Gefängnis nicht als Kriminelle verlassen, sondern als Menschen, die zur Wiedergutmachung ihrer Vergehen einen Beitrag für die Gemeinschaft leisten wollen.297 Rache ist das Motiv zur Bestrafung - dies ist menschlich, aber ungenügend. Schutz der Unschuldigen ist der Grund für das Gefängnis - dies ist konsequent und nicht anders zu verantworten. Rehabilitation ist das höhere Ziel des Justizvollzugs – das sollte nie vergessen werden.

8.8 Einwanderung und Integration Deutschland wird nicht aussterben – Türken, Asylanten, Flüchtlinge aus allen Kontinenten wollen bei uns leben und auch viele Kinder haben. Wir sollten dafür sorgen, dass uns diese Zukunft keine Angst mehr macht. Wir sollten unsere Gesellschaft darauf einstellen, mehr Migranten zu integrieren. Das heißt eben nicht, dass wir grenzenlos und bedingungslos Menschen aufnehmen. Nein, aber wir müssen eine aktive Einwanderungspolitik entwickeln, die festlegt, unter welchen Bedingungen und in welcher Zahl Immigranten zu 296

Steinitz berichtet hierüber in einem Interview: „Unsere Arbeit geht im wahrsten Sinne des Wortes unter die Maske. [...] 29 Männer sitzen im Kreis. Täglich zwölf Stunden in einem Raum, drei Tage lang. Es beginnt heftig, wie unter wilden Tieren. Die meisten haben nicht viel zu verlieren – sie kommen nie mehr aus dem Knast hinaus. Das Misstrauen ist groß: ‚Purna, du arbeitest für das FBI. Deshalb werden wir nicht ehrlich zu dir sein.’ Die Teilnehmer verbringen am Anfang viel Zeit damit, sich zu beklagen: ‚Warum müssen wir hier sein?’ ‚Das ist Zeitverschwendung!’ Sie tragen die Überzeugung in sich, alle Menschen um sie herum seien ihnen schlecht gesinnt. Ich versuche, den Gefangenen gleich zu Beginn zu verdeutlichen, dass ich nicht da bin, um ihre Denkweise zu kritisieren oder ihnen ein neues Glaubenssystem zu verpassen. Vielmehr gehe es mir darum, ihnen mein Trainingsprogramm vorzustellen. Am Ende hätten sie dann die Wahl, weiterzumachen wie bisher oder eine neue Option wahrzunehmen. Diese Wahlmöglichkeit – für viele überhaupt die erste im Leben- ist ein machvolles Instrument. Denn die meisten Menschen denken, sie hätten keine Wahl. Im Laufe des Gruppenprozesses beginnen die Teilnehmer, sich für sich selbst zu interessieren. Sie erkennen, dass sie für den Erfolg (oder Misserfolg) des Trainings eigene Verantwortung tragen. ZeitGeist: Und was hat es mit der Maske auf sich? Am zweiten Trainigstag bekommt jeder Häftling ein großes Blatt Papier mit dem Umriss eines Gesichts und malt seine Maske auf. Es ist die Maske, die ihn von der Gemeinschaft isoliert. [...] In Leavenworth findet ein Jahr lang ein Folgeprogramm statt: Die Teilnehmer treffen sich dazu einmal wöchentlich zwei Stunden und üben Gemeinschaftsbildung.“ (aus: „Knast-Coaching: ‚Schattenarbeit’ der besonderen Art. Im Gespräch mit Purna Steinitz, Trainer in US-amerikanischen Haftanstalten“. In: ZeitGeist, Heft 1/2003, S.30.) 297 “Welche Erfahrungen gibt es in Bezug auf die Zeit nach der Entlassung?“, wird Steinitz gefragt, und er antwortet: „Die US-Regierung führte dazu eine Studie durch, mit dem Ergebnis, dass 7 von 10 Häftlingen [...] nach unseren Trainings ihr Leben veränderten. In Hochsicherheitsgefängsnissen wie Leavenworth sind es immerhin noch 5 von 10. Die Gefangenen werden umgänglicher, die Gewalt geht zurück. Für die Gefängnismitarbeiter eine spürbare Entlastung. Zum Vergleich: Die US-Gefängnisbehörde gibt sich bei dem ‚Fünfhundert-Stunden-Programm’, das neun Monate dauert, schon zufrieden, wenn sie bei 6 von 100 Teilnehmern eine Veränderung feststellt.“ (aus: „Knast-Coaching: ‚Schattenarbeit’ der besonderen Art. Im Gespräch mit Purna Steinitz, Trainer in US-amerikanischen Haftanstalten“. In: ZeitGeist, Heft 1/2003, S.31.)

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uns kommen und wie sie sich mit uns und unserer Kultur anfreunden können. Dabei scheint es mir einen Unterschied zu machen, ob Migranten nur aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kommen, während sie in intensivem Kontakt mit ihrem Heimatland stehen und dessen Kultur über alles setzen, oder ob sie aus ihrem Land geflohen sind – sei es vor einem Krieg oder wegen der drohenden Verletzung ihrer Menschenrechte. Nun sollten wir lieber solchen Flüchtlingen die Tür öffnen - zum einen aus Gründen des Mitgefühls, zum anderen weil Flüchtlinge, die mit ihrem Herkunftsland gebrochen haben, leichter zu integrieren sind, da sie ein neues Heimatland suchen, und sich, dankbar, anzupassen bereit sind. Es ist also unerheblich, welchen Glauben Migranten haben; entscheidend ist, dass sie mit den Grundwerten unserer Kultur übereinstimmen. Es macht auch keinen Unterscheid, welche Hautfarbe die Kinder haben, die mit meinen Kindern zusammen spielen und lernen. Mir ist es egal, welche Hautfarbe und welche Muttersprache die Personen haben werden, die mich im Alter pflegen; aber es macht einen Unterschied, ob sie mir mürrisch begegnen oder herzlich; ob sie mir zuhören, ob sie einfühlsam sind, mich verstehen oder ob sie ungeduldig sind und mich gering schätzen. Wer kann sagen, dass deutschstämmige PflegerInnen besser seien als migrantische? Wie wir sehen, kommt es nicht so sehr darauf an, dass wir selber die Kinder gebären. Wir haben einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Reichtum geschaffen, und wir können darauf stolz sein, dass dieser Reichtum andere Menschen anzieht. So müssen wir nur für die Regeln und Strukturen sorgen, damit die Integration Erfolg haben kann. Wenn der Staat das versäumt, sehen sich viele Einheimische zu Opfern einer „Überfremdung“ werden bzw. hassen die „Ausländer“. Ist Integration eine so schwierige Aufgabe? Unsere Vorfahren wollten die halbe Welt erobern, und sie sind verdammt weit damit gekommen. Nun haben wir ein Ziel, das weitaus bescheidener ist, und vor allem handeln wir nicht mehr als Mörder und Räuber, sondern als geläuterte Seelen, die anderen etwas zu geben haben – Geben und Nehmen muss in einem angemessenen Verhältnis stehen, so entsteht und gedeiht Beziehung, im Kleinen wie im Großen. Warum sollte das nicht funktionieren? 8.8.1

Konsequente Antwort auf kulturelle Schattenseiten

Eine pluralistische Gesellschaft ist ein Gewinn für alle – aber sie setzt voraus, dass es ein Mindestmaß an Kommunikation zwischen ihre Teilen gibt. Parallelgesellschaften dagegen führen zu Vorurteilen und schaden der Demokratie. Es darf nicht übersehen werden, dass sich in „Multi-Kulti“ kulturelle Gewalt versteckt. Johan Galtung erläutert die dunkle Seite von Kultur: „Die Kultur predigt, lehrt, ermahnt, stachelt auf und stumpft uns ab, bis hin zu dem Punkt, an dem wir die Ausbeutung und/oder Repression als etwas Normales und Natürliches betrachten oder sie gar überhaupt nicht mehr wahrnehmen (insbesondere die Ausbeutung). Darauf folgen die Gewaltausbrüche, die Versuche, direkte Gewalt einzusetzen, um aus den strukturellen Zwangsverhältnissen, die eine Art eisernen Strukturkäfig darstellen, auszubrechen, und Gegengewalt, um diesen Käfig instand zu halten.“298 Schattenseiten besitzt jede Kultur – aber in verschieden Ausmaßen. Wenn nun verschiedene Kulturen miteinander konkurrieren, neutralisieren sich diese Schattenseiten keineswegs gegenseitig; im Gegenteil, diese Konkurrenz führt unweigerlich zu Konflikten. 298

s. Johan Galtung: Kulturelle Gewalt. In: [Nieders.] Landeszentrale für politische Bildung (Hg.): Der Bürger im Staat. Heft 2/1993, S. 108.

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Deshalb muss der Staat mit Nachdruck auf Integration bestehen – sie effektiv fördern, aber auch einfordern. Aber: „Worauf es ankommt, ist nicht, liberalen Pluralismus, konservative Wertevorstellungen, grünen Multikulturalismus oder ganzheitliche Ideen jemandem aufzuzwingen. Vielmehr gilt es, die inneren und äußeren Bedingungen zu fördern, die es dem einzelnen und den Kulturen erlauben, sich in ihrem eigenen Tempo durch die Spirale [der Bewusstseinsentwicklung] zu entwickeln, und zwar auf ihre eigene Weise. Dasselbe gilt auch für eine integralere Haltung gegenüber den Entwicklungsländern.“299 Integration darf keinesfalls Assimilierung bedeuten. Das gilt sowohl für Migranten als auch für Deutsche. Integration heißt, dass jede die Freiheit bewahrt, ihre Religion, Kultur und ihre Meinung zu bilden. Es wäre illusorisch, von jedem zu erwarten, die Menschenrechte zu respektieren; aber wir können erwarten, dass wir ebenso respektiert werden wie wir anderen respektieren, und auf dieser persönlichen Grundlage können wir, sozusagen als Gastgeber, durchsetzen, dass jede unsere Regeln einhält, also die Menschenrechte achtet, unser politisches System und auch Minderheiten respektiert. Mit durchsetzen meine ich durchaus, gegebenenfalls Repressionen anzuwenden. Wenn wir von Menschenrechten reden, aber Verletzungen nicht konsequent geahndet werden, ziehen wir uns die Verachtung anderer Kulturen auf uns. Recht haben sie. Wir müssen uns und unseren Werten Respekt verschaffen – in einer Form, die von jedem verstanden wird: mit Stärke, Polizeipräsenz, Konsequenz und rechtsstaatlicher Gewalt! Ich meine, das wichtigste Mittel zur Integration ist die Aufstellung einer Volkspolizei, die sich zum großen Teil aus den zu integrierenden Gruppen selbst rekrutieren möge, also aus Migranten und deutschen Unterschichten. Weitere Instrumente zur Integration sind die Lokale Direkte Demokratie und das Soziale Jahr, das jeder Erwachsene, der dauerhaft in Deutschland leben will, absolvieren sollte. Wenn wir Immigranten in diese Angebote und Verpflichtungen einbinden, haben alle etwas davon! Migranten „Ein Einzelner kann integriert werden, ein Kollektiv nicht.“300 Necla Kelek Wer in ein fremdes Land kommt, hat sich in vielen Dingen anzupassen. Hier beginnt die Integration mit der Sprache; doch wer im Kollektiv seines Herkunftslandes verhaftet bleibt, wird wenig Anreiz darin sehen, die „fremde Sprache“, nämlich Deutsch zu lernen. „Jeder in dieser Gesellschaft hat das Recht, Türke, Deutscher, Muslim, Christ oder etwas anderes zu sein. Als Individuum kann er frei wählen, seine Integration [...] muss daran keineswegs scheitern – wohl aber, wenn er sich zurückzieht auf die kollektive Identität.“301 Wer das „Türkentum“ –oder welche Nationalität auch immer- verhimmelt, das „Muslim-Sein“ verabsolutiert und „die Deutschen“ bzw. die Werte des Grundgesetzes verachtet, ist nicht integrierbar. Hier gilt es, keine falsche Toleranz walten zu lassen: Viele Migranten stammen aus Kulturen, deren Werte mit Demokratie und Menschenrechten kollidieren. Über die 299

s. Ken Wilber: Ganzheitlich Handeln. S. 114. s. Necla Kelek: Die verlorenen Söhne. Köln 22006. S. 209. 301 ebd., S.208f. 300

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Verständnislosigkeit von Menschen mit einer mythischen Weltanschauung gegenüber unserer rationalen Weltanschauung schreibt Wilber: „Die multikulturelle Bewegung mit ihrem Programm für Toleranz aller Kulturen [...] ist ein gutgemeinter Schritt in die richtige Richtung, der sich dann aber doch als widersprüchlich und sogar heuchlerisch erweist. Diese Bewegung mag sich als ‚nicht-rationalistisch’ darstellen, tatsächlich ist Rationalität als universalpluralistische Haltung das, was kulturelle Toleranz sichert, nämlich durch die Fähigkeit, sich in die Lage eines anderen zu versetzen, und dann die Sichtweise des anderen zu achten oder zumindest zu tolerieren, falls man nicht mit ihr übereinstimmt. Nun mag einer vom Standpunkt der Rationalität aus beschließen, die Ideen eines mythisch denkenden Menschen zu tolerieren, doch damit wird er vermutlich nicht erreichen, dass solche im mythischen Denken befangenen Menschen auch ihn tolerieren - eher werden sie ihn, historisch war es jedenfalls so, auf dem Scheiterhaufen verbrennen, um seine Seele zu retten (und solche Retter können Christen, Marxisten, Muslime oder Shintoisten sein).“ 302 Das Problem beginnt schon mit der einfachen Frage des Kopftuches. Ich teile die Position von Necla Kelek: „Das Kopftuch ist zum Symbol des politische simplifizierten Islam geworden, es ist das Fähnlein, mit dem die Islamisten zeigen wollen: Wir sind hier, und wir sind viele. Die Islamisten haben das Kopftuch zur politischen Frage gemacht. Und sie bedienen sich der Argumente des Rechtsstaats für ihre Zwecke. Sie wollen uns eine Diskussion um Toleranz und Freiheit aufzwingen, statt die für ein Leben in dieser Gesellschaft entscheidenden Fragen zu beantworten: Wie stehen die Muslime zur Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Frau? Wie stehen sie zur Scharia? Kann ihre Tochter heiraten, wen sie möchte? Was tun sie für ihre Integration? Treiben wir, wie manche meinen, die jungen Frauen den Fundamentalisten in die Arme, wenn wir sagen, wir wollen an unseren Schulen kein Kopftuch sehen? Das Gegenteil ist der Fall. Religionen haben, wenn sie klug sind, immer auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert. Eine lebendige Religion passt sich an.“303 In unserer Kultur, ja in unserem ganzen Land hat auch der Mann seine Triebe zu beherrschen. Das schenkt den Frauen die Freiheit, sich figurbetont oder leicht zu bekleiden, ohne deshalb als „Schlampe“ zu gelten, oder fürchten zu müssen, vergewaltigt oder mit Säure übergossen zu werden. Wenn ein Muslim den Anblick unverschleierter Musliminnen nicht dulden will, weil er glaubt (oder „fühlt“?), sie sonst anmachen zu müssen, so müsste er konsequenterweise dasselbe Versteckspiel mit dem Schleier oder Kopftuch auch von nicht-muslimischen Frauen fordern. Die männliche Unbeherrschtheit, Dogmen-Hörigkeit oder auch einfach Unreife, die hinter der Forderung nach dem Kopftuch steckt, wird auf Kosten von Frauen zementiert. Damit ist also weder den Männern noch den Frauen gedient. Wenn wir das Kopftuch verbieten, würde es kein Grundrecht einschränken, sondern der Emanzipation von Frauen und Männern die Tür öffnen. Die Schulen mögen versuchen, zu vermitteln, dass unsere Freiheit ein hohes Gut ist, das leicht verletzbar und zu schützen ist. Die Ausübung und Tradierung menschenrechtsverachtender Kulturformen ist verfassungsfeindlich und damit zu verfolgen. Ich plädiere für die Nulltoleranz gegenüber Volksverhetzern, die sich religiös tarnen. Das gilt auch für Eltern, die ihre Kinder zur Ausübung von Religion oder zur Heirat 302 303

s. Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos. Frankfurt 2001. S.254 (Hervorheb. von mir). s. Necla Kelek: Die fremde Braut. München 2006. S. 261.

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manipulieren oder zwingen; Koranschulen sollten vom Verfassungsschutz beobachtet und, falls sie sich als Brutstätten von Intoleranz und Vorurteilen erweisen, geschlossen werden.304 Fundamentalisten, die z.B. unser Recht auf Meinungs- und Religionsfreiheit missbrauchen, sollten ohne viel Theater abgeschoben werden. Wer das inhuman findet, möge sich vor Augen führen, wie Fundamentalisten selber mit ihren Kritikern umgehen: Verschleppung, Folter, Todesstrafe und „Ehrenmorde“ sind in Scharia-Staaten alltäglich ohne ein faires Gerichtsverfahren. Wer in Deutschland leben will, muss unsere Gesetze akzeptieren. Jede blinde Multikulti-Toleranz, jede falsche Großzügigkeit gegenüber intoleranten kulturellen Praktiken fördert nichts anderes als Verachtung auf Seite der Migranten bzw. Ausländerhass auf Seite der Deutschen. Allerdings sei vor Überreaktionen gewarnt. In Hessen müssen die Ausländerbehörden eine Regelanfrage beim Verfassungsschutz machen, bevor sie eine Aufenthaltsgenehmigung erteilen dürfen – ohne ein Verdachtsmoment zu besitzen, wird jeder AusländerIn unterstellt, eine potentielle TerroristIn zu sein. Das ist ebenso unsinnig wie beleidigend. Wenn wir von anderen erwarten, dass sie unsere Werte teilen, dann müssen wir ihnen diese Werte auch entgegenbringen! Der Weg von Integration ist keine Einbahnstraße. Was hat der Staat für die Integration zu leisten? Zunächst muss er eine gründliche und durchgängige Sprachschulung gewährleisten. „Sich an die Arbeit der Integration zu machen bedeutet nicht, seien Muttersprache zu vergessen, seine Identität zu verraten oder seinen Glauben aufzugeben. [...] Integration bedeutet in erster Linie, aktiv an dieser Gesellschaft teilzunehmen, von ihr zu lernen und wo nötig, sie auch zu verändern. Dazu aber darf der Einzelne nicht als Repräsentant einer türkisch-muslimischen Wir-Gemeinschaft auftreten, sondern er muss diesen Weg als eigene Persönlichkeit gehen.“305 Der Sprachschule muss also eine politische, eine historische und eine praktische wirtschaftliche Bildung folgen – die Methoden dieser Schulen sollen die Selbständigkeit und Emanzipation fördern. Necla Kelek und Ahmet Toprak306 schlagen u.a. diese weiteren, kurzfristig wirksamen Maßnahmen vor, die zweifellos sinnvoll sind: + soziale Arbeit mit Eltern; + Verpflichtung zur Teilnahme an Sexualkunde und Sportunterricht für ALLE Kinder; + soziale Trainingskurse für Männer; Reflexion traditioneller Normen (z.B. „Ehre“ und „Respekt“) im Schulunterricht; + Kindergartenpflicht; + Pflicht, in Kindergarten und Schulen Deutsch zu sprechen – erste Erfahrungen mit dieser Regel sind positiv307; 304

hiermit widerspreche ich den Empfehlungen der „Denkfabrik International Crisis Group“, die eine „Stigmatisierung“ der türkisch-islamistischen Gruppe Milli Görüs befürchtet, wenn sie vom Verfassungsschutz beobachtet wird; sie plädiert dafür, diese Organisation „per Dialog einzubinden“ (s. „Muslime müssen ‚deutscher’ sein als viele Deutsche“ von Ursula Rüssmann in der FR vom 24.3.7). Dialoge sind immer gut, aber ich meine, dass man irgendwo auch eine Grenze ziehen muss – nicht alle Strömungen sind integrierbar. Wichtig für eine Demokratie ist auf jeden Fall, diese Grenze transparent und nicht willkürlich zu setzen. 305 s. Kelek: Die verlorenen Söhne. S. 209. 306 s. Ahmet Toprak: Das schwache Geschlecht – die türkischen Männer. Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Doppelmoral der Ehre. Freiburg im Breisgau 2007. 307 Seit anderthalb Jahren müssen alle Schüler an der Herbert-Hoover-Gesamtschule in Berlin deutsch sprechen, auch auf dem Schulhof. Dazu äußert sich der Schulsprecher: „Es ist viel friedlicher geworden an unserer Schule, die Atmosphäre hat sich gewandelt. Es gab keine einzige Schlägerei mehr. Früher gab es

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+

Aufklärungskampagnen in türkischsprachigen Medien, die aber erst einmal von Vorurteilen und aggressiver Sprache gegen deutsche Gesellschaft und Politik befreit werden müsste; + Bekanntmachung (und Durchsetzung!) der deutschen Gesetze, dass Zwangsehe unter Strafe steht und dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben; + Bekanntmachung, dass deutsche Gesetze für alle gelten; + Verbot von Beschneidung ohne medizinische Indikation; + keine „mildernden Umstände“ für Ehrenmorde; + Deutschkurspflicht vor Eheschließung im Herkunftsland; + Ächtung der Mehrehe; + Altersgrenze für die Familienzusammenführung nach Deutschland; + Staatliche Kontrolle der Koranschulen: + „Koranschulen müssen ihr Programm und ihr pädagogisches Konzept öffentlicher Kontrolle zugänglich machen; Unterricht und Predigten müssen in deutscher Sprache erfolgen; Männer und Frauen ist gleichberechtigter Zutritt zu allen Veranstaltungen zu gewähren; die Betreiber von Moscheen haben ihre Satzung und ihre Finanzen den Behörden offen zu legen; [...] Hodschas haben neben Sprachkenntnissen auch Kenntnisse in Landes- und Gesetzeskunde nachzuweisen.“308 Diese Forderungen sollten alle religiösen Organisationen betreffen, die Schulen bzw. Jugendarbeit betreiben! + Ich füge hinzu, dass meine in anderen Abschnitten aufgeführten Vorschläge sich selbstverständlich auch auf Migranten beziehen. Offenheit und Wille zur Anpassung ist die zentrale Haltung, die wir von Immigranten erwarten, und wir müssen das unsere dazu tun, diese Anpassung zu fördern. Das schließt unsere Offenheit für andere Kulturen ein. Wir können viel von anderen lernen: So können wir uns manche fremden Sitten zum Vorbild nehmen, z.B. Frauenkultur; Musik, Tanz, Temperament; die Werte der Familie... Fremde Kulturen besitzen Reichtümer, die wir (wieder-)entdecken können! 8.8.2

Asylanten

Politisch Verfolgte könnten ebenso gut russisches Roulette spielen als darauf hoffen, in Deutschland Asyl zu erhalten. Gedenken wir der vielen Asylanten, die Deutschland vor 70 Jahren erzeugt hat: Thomas Mann, Albert Einstein, um nur zwei der berühmtesten zu nennen. Nun plädiere ich nicht dafür, Asylbewerben ungeprüft aufzunehmen. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Mensch in seiner Heimat verfolgt wird, weil er sich für die Meinungsfreiheit einsetzt, oder weil er Mitglied einer nationalistischen oder religiösen Organisation ist, die zwar Freiheit proklamiert, aber Terror als Mittel akzeptiert. Menschen, die Gewalt verabscheuen und sich unter großen Gefahren für Grundrechte eingesetzt haben, seien uns willkommen! Wer sich in Deutschland erfolgreich integriert hat, darf nicht mehr abgeschoben werden, sondern sei einzuladen, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen.

etliche, die oft nur durch [sprachliche] Missverständnisse passiert sind. [...] Wir haben viel mit Lehrern diskutiert, uns die Mehrheit der Schüler war sehr schnell vom Sinn dieser Regel [nur Deutsch zu sprechen] überzeugt.“ (s. DIE ZEIT vom 21.6.2007, S.66: „Wir sprechen Deutsch“) 308 s. Kelek: Die verlorenen Söhne. S. 207.

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8.8.3

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Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft

Voraussetzung zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft sei lediglich ein in Deutschland erzielter Schulabschluss oder Hochschulabschluss. Deutschen ohne Schulabschluss sei das Wahlrecht vorzuenthalten. Straftäter sollten zum Entzug des Wahlrechts und anderer Bürgerrechte (nicht Grundrechte!) verurteilt werden können, so dass sie z.B. keine Firmen mehr leiten können. Mit Bestehen einer Abschlussprüfung von Rehabilitationskursen können sie nach Verbüßung ihrer Strafe ihre vollen Bürgerrechte wiederherstellen. Deutsche Warum sollten wir die Gesinnungstests, denen sich Ausländer unterziehen sollen, um die deutsche Staatbürgerschaft zu erhalten, nicht auch mit Deutschen machen? Zum Beispiel könnte das Bestandteil der Prüfung zur bürgerlichen Reife werden. Allerdings bin ich mir nicht sicher, dass ich selber positiv abschneiden würde. Gesinnungstests versuchen den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben und können Bildungsmangel nicht wettmachen. Wie sonst können wir den Rechtsradikalismus, den religiösen Fundamentalismus und den Hooliganismus in öffentlichen Räumen (Schule, Straßen, Fußballstadien usw.), wie auch in den Familien bekämpfen? Die Fundamentalisten aus unserer eigenen Kultur können wir nicht abschieben. Kontrolle, schärfere Gesetze, Verbote und Strafen sind Notmaßnahmen, vor denen wir nicht zurückschrecken dürfen. Wir müssen diesen Menschen aber auch Entwicklungsmöglichkeiten geben – jedoch kann und darf man keine Transformation erzwingen! Ich schlage folgende Maßnahmen vor: + Lenkung der Immigrantenströme nach Ostdeutschland, bis überall ein ähnlich hoher Migrantenanteil vorhanden ist (Beziehungen bauen bekanntlich Vorurteile ab – siehe Kap. 4.11/Seite 71); + Verbot für rassistisch gefärbte Medienbotschaften, + antirassistische Werbekampagnen, + multikulturelle Volksfeste und lokale Integrationsprojekte, + verstärkte Sozialarbeit und Jugendhilfe, + Einsatz von Unterrichtsmethoden in den Schulen, die dem Rassismus entgegenwirken (solche Methoden werden in den USA und in Israel mit Erfolg angewandt, sie sind aber in Deutschland bislang nahezu unbekannt!)309; + verstärkter Verfassungsschutz, Polizeieinsatz und eine konsequente Justiz, + Verbot rechtsradikaler Parteien.

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Es handelt sich beispielsweise um die Bildung von national/leistungsmäßig heterogenen Kleingruppen, die eine Aufgabe bekommen, die so differenziert gestellt wird, dass jedes Gruppenmitglied einen Einzelaspekt zur Bearbeitung erhält, so dass zur Lösung der Gesamtaufgabe alle Gruppenmitglieder kooperieren müssen; um sicherzustellen, dass ein leistungsschwacher Schüler bei seinem Beitrag versagt und dadurch ggf. Vorurteile zu bestätigen scheint, wird eine Kompensationsphase eingebaut, in der sich alle Schüler mit dem gleichen Aufgabe-Aspekt zusammenarbeiten (in Meta-Kleingruppen, die sich aus je einem Schüler aus den ursprünglichen Kleingruppen zusammensetzen) und sich auf einen gemeinsamen Stand zu bringen, so individuellen Unzulänglichkeiten vorgebeugt wird. Der Erfolg: 1. Abbau von ethnischen Vorurteilen; 2. Leistungssteigerung von leistungsschwachen Schülern, während gute Schüler ihre Lesitungen beibehalten (vgl.: Meltem Avci-Werning: Prävention ethnischer Konflikte in der Schule. Marburg 2004.)

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Die Fremdenfeindlichkeit wird nicht überall zu lösen sein. Sicherlich werden wir einen gewissen Bodensatz an Verfassungsfeindlichkeit ebenso hinnehmen müssen wie die Kriminalität. Doch sollten wir nicht müde werden, uns zu wehren! Wir brauchen individuelle Zivilcourage und zugleich die klare Botschaft der staatlichen Führung: Verfassungsfeindliche Aktivitäten werten nirgendwo geduldet!

8.9 Kulturförderung Rettung der Kirchen? Jedes Kind, das sich normal entwickelt, muss die blaue Welle durchschwimmen. Dafür ist eine äußere Autorität erforderlich, die ihm Orientierung gibt, einen Rahmen, Grenzen setzt. Es probiert spielerisch unterschiedliche Rollen aus und lernt seine Rolle anzunehmen. Daneben stellt es Fragen, Fragen über alles, dürstet nach Geschichten, die seine Welt erklären. Diesem Bedürfnis sollten wir Rechnung tragen. Als eine sehr mächtige, wertvolle Geschichte hat sich die Geschichte von Gott erwiesen, z.B. so: Es gibt einen Gott, der auf dich schaut, der immer bei dir ist, dich versteht und dich liebt. Diesen Gott kann man eigentlich nicht beschreiben, aber du kannst ein Gefühl für ihn bekommen: Gott ist dir nah, er ist wie Wärme, wie Licht, er gibt dir Energie, weil er dich liebt. Und er gibt jedem Menschen eine Bestimmung, um ihm zu dienen. Du wirst diese Bestimmung herausfinden, wenn du größer bist, vielleicht bist du eine Heilerin oder eine Lehrerin, oder du bist für irgendetwas anderes Gutes ausersehen. Gott wird dir helfen, deinen Weg zu finden. Gott wird dich für jede Anstrengung belohnen, und wenn Gott dich sterben lässt, dann wird deine Seele die Welt verlassen und von Gott aufgenommen werden, und du wirst es gut bei ihm haben. Denn du bist nicht von der Welt, sondern von Gott gesandt, und so wirst du nach Hause zurückkehren. Rituale (Beten u.v.a.m.), Geschichten (Mythen: Entstehung der Welt usw.) und Normen (Zehn Gebote usw.) helfen der kindlichen Seele, ihren Platz in der Welt zu finden. Wer keine Religion gelehrt bekommt, hat es möglicherweise schwerer, sich in die Gesellschaft einzuordnen – je nachdem, wie er erzogen wird. Vor allem Eltern können sich die Erziehung erleichtern, wenn sie auf die Macht der Religion zurückgreifen. Allerdings wissen wir, wie Religionen dazu missbraucht werden, (nicht nur) Kinder zu manipulieren und zu bedrohen („Der Teufel soll dich holen!“). Von daher kann eine religiöse Erziehung für die geistige Entwicklung des Kindes gesund oder auch verheerend sein. Wenn Eltern nicht selber mit dem Herzen glauben, sollten sie ihre Kinder nicht religiös erziehen; und wer all das Zeug von Apokalypse, Hölle und „Gott schuf Eva aus einer Rippe Adams“ wörtlich und „bibeltreu“ glaubt, der sollte lieber gar keine Kinder erziehen. Nun schütten aber manch rationale Eltern mit der Religion auch das Kind in den Abguss der Weltgeschichte. Und wenn das Kind fragt: „Wo komme ich hin, wenn ich sterbe?“ Was wollen areligiöse Eltern darauf antworten? Wollen sie ihr totes Kind in den Sarg einsperren, seinen Körper von Würmern auffressen und seine Seele in der Finsternis hängen lassen? Das ist kaum besser als in der Hölle zu schmoren.

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Glücklicherweise gibt es auch humane Alternativen zur Religion. Eltern können referieren, was die verschiedenen Religionen antworten. Oder sie können die Allegorie von Elisabeth Kübler-Ross310 erzählen: Wenn ein Mensch stirbt, dann ist es so wie wenn ein Schmetterling aus seinem Konkon schlüpft: Die Seele wird aus dem Körper befreit, und was dann passiert, wissen wir von der Nahtodforschung. Mit dieser Geschichte sind wir wissenschaftlich korrekt, und trotzdem vermittelt sie den Trost, dass man mit dem Tod -vermutlich- nicht einfach ausgelöscht wird. Über solche Geschichten hinaus müssen Eltern für Rituale, Strukturen und Normen sorgen, die der religiösen Erziehung gleichwertig sind. Wenn aber Eltern das nicht leisten (können) und sich auch der Religion nicht bedienen (ein beträchtlicher Teil der erwachsenen Bevölkerung schwimmt im Roten), dann besteht die Gefahr, dass ihre Kinder in der roten Welle verharren – die Schule kann dieses Versäumnis selten kompensieren. So bleiben sie egozentrisch, werden tyrannisch und asozial, und selbst bei hoher Intelligenz können sie kaum mehr als den Hauptschulabschluss erreichen. Auch das Farb-Fernsehen hilft hier nicht weiter: Die Inhalte von Filmen und Fernsehen schwimmen überwiegend in den niedrigsten Wellen von beige, purpur und rot, erreichen gelegentlich die blaue und selten die orange Welle (populärwissenschaftliche Sendungen).311 Aber das Fernsehen ist eben kein Erzieher: Wer blau nicht erreicht hat, wird im Fernsehen nur beige, purpur oder rot sehen. Die Kirche dagegen kann den Eltern einen guten Teil der Arbeit abnehmen, indem sie die nötigen Geschichten erzählt, für die äußere Autorität sorgt, Strukturen und Gebote vorgibt. Doch könnten sie eine wesentlich größere Bedeutung gewinnen, wenn sie sich dafür hergeben würden, auch die trans-rationalen Wellen zu begleiten. Für die geistige Entfaltung der Erwachsenen besteht eine eklatante Lücke in unserer Kultur, die zur Zeit großteils von Scharlatanen gefüllt wird. Die Weltreligionen jedoch haben durchaus mystische Traditionen, die sie beleben könnten. Dadurch könnten sie keine neuen „Gläubigen“, wohl aber „SchülerInnen“ als Mitglieder der „Kirche für Fortgeschrittene“ (zurück-)gewinnen. Eventuell könnten sie auch bewährte Methoden aus fernöstlichen Schulen importieren und in ihre Lehre integrieren: Meditations-Workshops hinter Klostermauern werden schon angeboten, und dieser Trend ließe sich ausbauen. Warum nicht auch Meister (Yogis usw.) aus anderen Kulturen in den Dienst nehmen? Allerdings ist zu befürchten, dass sich die zentralistische und herrschaftlich-hierarchische Struktur der blauen Kirche wohl kaum mit gelber oder türkiser Universalität vertragen dürfte. In den postrationalen Wellen braucht es in der Führung echte Autorität und keine klerikale Anmaßung; bei den SchülerInnen braucht es vertrauensvolle Hingabe und keinen furchtsamen Gehorsam. Indes bedurften Mystiker noch nie formeller Organisationen – im Gegenteil: die Kirchen versuchten, ihren „Wildwuchs“ -die mystischen Schulenauszurotten oder, nicht viel freundlicher, auf die blaue Linie zu bringen. 310

vgl. Elisabeth Kübler-Ross (1984): Über den Tod und das Leben danach. Güllesheim 272000. Selbst Filme, die eine grüne Absicht verfolgen, müssen der Hollywood-Dramaturgie folgen, die Welle um Welle in die Regression führt; ein Beispiel: „THe Day After Tomorrow“ beginnt mit einem beherzten Vortrag eines grünen Professors, der vor der Klimakatastrophe warnt. Als diese Katastrophe nun überraschend eintritt, muss der Professor ohne Mitgefühl die orange Linie quer durch die USA ziehen, die die Menschen teilt in eine Evakuierungszone im Süden und dem verlorenen Norden, wo alle Einwohner dem Tod geweiht sind. Kaum ist das erledigt, sieht der Protagonist nur noch purpur und versucht, seinen verlorenen Sohn zu retten; seine beiden blauen Mitarbeiter sind so loyal, sich seiner verwegenen Aktion anzuschließen. Immerhin haben wir hier eine klare Abwärts-Entwicklung. In der Regel gibt es in Actionfilmen gar keine Entwicklung, da die „Helden“ von vornherein rot sehen, vielleicht mit einem Schuss ins Blaue noch für Gerechtigkeit sorgen. 311

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Mir fehlt die Kompetenz zur weiteren Erörterung dieses Problems. Der Staat kann hier allenfalls als Förderer auftreten, der den Kirchen eine materielle Existenzgrundlage sichern hilft – sollte tatsächlich die Einkommenssteuer wegfallen, so sollten die Kirchen wie die Schulen aus dem Bundeshaushalt finanziert und von den Landkreisen getragen werden. Allerdings wären alle Weltreligionen, je nach Mitgliederzahl, zu berücksichtigen: Jede Gruppe, die gesetzliche Auflagen erfüllt, sollte in den Genuss staatlicher Förderung kommen. Vergangenheitsbewältigung ist Gegenwartsarbeit Die herrschende Meinung in der Türkei verleugnet den Völkermord der Türken am armenischen Volk. Viele Türken drehen sogar die historische Wahrheit um und erklären sich zum Opfer der Armenier. Diese Leugnung und Geschichtsklitterung verurteilen wir. Im Jahre 2006 schreibt ein renommierter deutscher Publizist unter der Überschrift „Schicksalsgemeinschaft“ über das Jahr 1945 über die Deutschen: Er interpretiert „die Stunde Null“ als Temperatur; „was vor 1945 geschah, bewegte sich in den Minusgraden des Lebens“ – „eine Katastrophe der Weltgeschichte“. Kein Wort davon, dass die Deutschen etwa eine Verantwortung dafür haben. Sein Mitleid gilt nicht den Opfern des deutschen Massenmords, sondern den Nachkriegsdeutschen: „Die Menschen lebten nicht nur in Trümmern, viele hatten ihre Heimat und sozialen Bindungen verloren, trauerten um Tote, wussten ihre Väter oder Ehemänner in Kriegsgefangenschaft, litten unter starken Schuldgefühlen.“312 Nun, vor lauter „Schuldgefühlen“ zögerten die Deutschen die Entschädigung für die überlebenden Opfer über 50 Jahre hinaus und zahlten selbst dann nur knauserig. Die Kette von grober Verleugnungen reißt nicht ab, wie jüngst das Beispiel des Ministerpräsidenten Oettinger zeigt, der die Nazi-Vergangenheit seines Vorgängers rein zu waschen versuchte. Immerhin erntete er dafür auch die Empörung seiner klugen Parteichefin. Solange führende deutsche Politiker und Kommentatoren unsere NS-Vergangenheit verklären (oder noch schlimmere Verklitterungen kursieren), können wir keinen Schlussstrich ziehen. Und wir sollten uns enthalten, anderen Kulturen Vorwürfe zu machen für einen Fehler, den wir bei uns selbst finden können: Seine eigenen Schatten zu leugnen, zu projizieren. Traditionelle Kultur Für die meisten Menschen erschöpft sich die Kultur in Fernsehen, Kino, Disko und Computerspielen. Wozu sollen wir dann Theater, Oper, Konzerte, Kunstausstellungen subventionieren? Die Bürger, die davon profitieren, hätten sowieso genug Geld, um die vollen Kosten zu bezahlen. Nicht alle haben soviel Geld. Es geht auch nicht nur um die Pflege kultureller Tradition. Diese kulturellen Disziplinen dienen der Verfeinerung des menschlichen Daseins. Sie regen nicht nur Geisteskräfte an, sondern vermögen es, die Seele zu bewegen. Kultur ist ein Grundbedürfnis des Menschen! Wie schon Friedrich Schiller darlegte, kann der Mensch seine Freiheit durch keine Revolution erreichen; stattdessen kann die Ästhetische 312

s. Frank Schirrmacher: „Minimum“, München 2006, S.27.

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Erziehung darauf hinwirken, dass der Mensch seine Freiheit in sich selbst findet: Im Zusammenspiel von Neigung und Vernunft. Oder: „Zweck einer jeden wirklich transzendenten Kunst ist es, etwas auszudrücken, was noch nicht ist, aber werden kann.“313 Der Auftritt von Schauspielern, Musikern und Künstlern ist authentisch, er strahlt auf eine Weise in das Publikum, die allerdings Menschen, deren Sinne von Bildschirmen verstrahlt wurden, nicht mehr empfangen können. Wir sollten also 1. die Menschen vor zuviel verletzender Bildschirm-Strahlung schützen – damit meine ich die Übertragung von Brutalität, Horror, Pornodarstellungen; 2. die Kultur schon in der Schule (noch mehr) fördern (Vorbild dafür: Waldorfschulen); 3. die öffentliche Kultur großzügig subventionieren; dazu zählen auch (Schul-) Büchereien; Zu jedem Geburtstag von Minderjährigen schenke der Staat einen Gutschein für ein Buch, einen Theaterbesuch, ein klassisches Konzert oder eine Oper-Aufführung (zusammen mit den Eltern).

Besonderer Aufmerksamkeit bedürfen Künstlerinnen. Die Künstler-Sozialkasse lindert nur etwas die Versicherungs-Notlage freischaffender Künstler und müsste finanziell weitaus stärker bezuschusst werden. Das private Mäzenentum ist zu willkürlich und zu schmal ausgelegt. Jeder Autor, Musiker, Künstler sollte die Möglichkeit haben, individuelle fachkundige Rückmeldungen zu seinem Schaffen und ggf. eine staatliche Förderung zu erhalten. Warum ist das so wichtig? Jedes Kind kennt den unsäglichen „Fluch der Karibik“ und all den Hollywood-Müll, der mit Milliardenaufwand produziert, beworben und verkauft wird. Die Werke einheimischer Künstler dagegen sind oft weitaus besser, bleiben aber in der Versenkung kultureller Ignoranz. Um der Verbreitung von Banalität und Trivialität etwas entgegen zu setzen, sollte jeder Landkreis Ämter zur Förderung und Plattformen zur Veröffentlichung unserer Kunst einrichten und dadurch ein kulturelles Profil ausbilden. Gemeinsam produzierte bzw. erlebte Kunst fördert Toleranz, Gemeinschaft und demokratische Willensbildung. Und sie erschafft Einsicht und Spaß auf der Basis realer Erfahrung. Steuerung moderner Kulturformen Was einst Lessing, Schiller und Brecht mit dem Theater versuchten, sollten wir mittels Computerspielen unternehmen: Aufklärung und Erziehung zur Tugend. Im Moment haben wir dort eine Kultur in Rohform, die zur Verrohung der Spieler führt – das Ziel der gängigsten Computerspiele ist im wesentlichen das Punktesammeln durch Abschlachten von Lebewesen. In der modernsten Form hat man sogar die Möglichkeit, in einer als realistisch simulierten Welt ein selbst bestimmtes Leben zu führen: Man kann sich Arbeit suchen, eine Familie gründen, aber hier kann man sein Punktekonto nur langsam füllen, man kommt auf keine höhere Stufe; einträglicher und spannender ist es, in einer Verbrecherbande aufzusteigen. Keine Frage, welche Wahl der Spieler treffen wird. Nun könnte man ja sagen, wenn so ein Spiel also Verbrechen und Gewalt belohnt, dann muss der Staat für die Strafe sorgen: Der Hersteller muss zahlen! Immerhin erzeugen diese 313

Alex Grey, zitiert bei Wilber 2001. S. 17.

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Spiele Sozialkosten durch ihre gemeinschaftsschädlichen Inhalte. Im Zweifelsfall müsste der Hersteller die Unschädlichkeit nachweisen. Umgekehrt würde es mir viel besser gefallen: Wenn die Computer- und Fernseh-Spiele Moralität verträten, also die Kooperation und Integrität seiner Spieler belohnten, wenn man die Klassiker des Theaters auf den Bildschirm transformierte! Glänzende Vorbilder dafür sind die TV-Serien Star-Trek: „The Next Generation“ oder „Raumschiff Voyager“. Das verdiente eine Belohnung, sagen wir, der Staat subventioniere die Produktion solcher Spiele, so wie er auch die Filmkunst fördert. All diese Medien-Produktionen sind natürlich reine Fiktion, und als solche müssen sie immer kenntlich sein. Ausdrücklich warnen möchte ich an dieser Stelle vor einem Irrweg: Sämtliche „Reality-Produktionen“ des Fernsehens wie z.B. Gerichts-Shows, Talk-Shows, Paar-Beratungen oder die Super-Nanny suggerieren eine Realität, die falsch ist; ihre Inhalte folgen einer Fernseh-Dramaturgie, die den Unterhaltungsgewohnheiten der Zuschauer angepasst ist und mit der Wirklichkeit nicht viel mehr zu tun hat als dass wirkliche Menschen als Schauspieler missbraucht werden. So torpedieren die Inhalte dieser Shows jedes Verständnis der Realität. Zum Beispiel die Super-Nanny erzeugt die Illusion, dass schwerste Erziehungsprobleme innerhalb von zwei bis drei Wochen behoben werden könnten – ihre Methoden sind dementsprechend direktive Interventionen, die wie ein Strohfeuer verlöschen, wenn sie nicht von einer gründlichen, systemisch wirksamen Beratung bzw. Therapie ergänzt werden. Zudem erzeugt sie Vorurteile und Aggressionen, z.B. gegen „asoziale“ Mütter, die als unfähig dargestellt werden.314 Viel besser als Bildschirme sind Live-Auftritte auf der Bühne – nicht unbedingt, da sie nach demselben Muster ablaufen können; wir sollten hier ein paar kulturelle Korrekturen vornehmen. So könnten wir z.B. den Brauch, Kirschblüten-Prinzessinnen oder SchönheitsKöniginnen zu küren, abändern: Warum sollten wir nur kinderlose junge Frauen auszeichnen? Und damit den Narzissmus fördern? Liegt das an der Unersättlichkeit der Männer? Wollen wir nichts anderes? - Was wir brauchen, sind keine Models für Magersüchtige, sondern Rollenvorbilder. Nun liegt es mir fern, den Mutterkult der Nazis wiederauferstehen zu lassen; viel besser wäre es, altehrwürdige Ehepaare zu adeln, oder, solange wir noch unter dem Jugendwahn leiden, ganze Familien, die sich als Vorbild eignen: Sie hätten noch andere Potentiale als das Publikum nur stolz anzulächeln. Vater und Mutter könnten uns etwas erzählen über das Funktionieren von Beziehung, über Elternschaft und Erziehung. Wenn wir es denn hören wollen.

8.10 Verkehrspolitik Wenn man unsere Städte mal mit den Augen eines Kindes betrachtet, wird deutlich, dass das wichtigste Leben das Auto ist. Fahrende Autos machen die schönsten Rollflächen zu Todesbahnen und vergiften die Luft in Kinderwagenhöhe; schlafende Autos blockieren die schönsten Fußballplätze. Wenn man schlafende Autos wenigsten zum Klettern und Rutschen benutzen dürfte, oder zum Spielen reinkriechen könnte! Aber Autos sind Unberührbare, also heilig: Wer es auch nur wagt, einen Ball gegen sie zu schießen oder auf ihnen zu trommeln, wird bestraft. Damit wir keine Autos in der Stadt mehr brauchen, sei in einen lückenlosen Öffentlichen Verkehr zu investieren! Dafür können Parkplätze umgewidmet, mehrspurige Straßen zurückgebaut werden (man achte mal darauf, wie viele Flächen in jeder Stadt dem Auto geopfert werden). 314

Ich stütze mich hier auf Forschungsergebnisse des Teams von Prof. Prokop an der Universität Marburg.

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Die Bahn und die Straßen sollten staatlich betrieben und auf einem hohen Standard gehalten werden. Das Schienennetz sei in der Fläche auszubauen. Ein enges Netz von Fahrradstraßen sei zu bauen; hierzu sollten auch Fahrrad-Fernstraßen gehören. Für die Benutzung von Autobahnen werden allgemein Gebühren erhoben, die zumindest die Kosten für Bau und Unterhaltung aller Straßen sowie alle Folgekosten von Verkehrsunfällen zu tragen haben. Jede Kommune verleihe (Kinder-)Fahrräder und Tandems gegen Pfand und eine geringe Gebühr (etwa 20 Euro pro Jahr), betreibe preiswerte Fahrradwerkstätten und schenke zum 16. Geburtstag jedem Geburtstagkind ein Fahrrad mit gehobener Ausstattung nach eigener Wahl, zum 18. Geburtstag einen Bahn-Gutschein, zum jedem 10./20./30./... Hochzeitstag eine Bahnreise. Und wenn Politiker schon nicht vorbildlich mit der Bahn fahren wollen, so plädiere ich wenigstens dafür, dass die Straßenverkehrsordnung uneingeschränkt auch für ihre Dienstwagen gelte – Politiker werden auch nur von Menschen chauffiert.315

8.11 Umwelt- und Naturschutz „Unsere Umwelt ist die gefährdete Grundlage unseres Lebens“316 - das Wahl-Programm der GRÜNEN von 2005 ist in diesem Bereich eine hervorragende Grundlage für die Politik. Es werde aktualisiert und konsequent umgesetzt! Deutschland möge sich innerhalb der EU wieder an die Spitze des Umweltschutzes vorarbeiten! Generell mögen die Belange der Gesundheit Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen genießen – im Zweifelfall sei das Geld der Hebel zur Regulierung (Besteuerung):  Lärm schadet Tieren und Menschen. Hier sollten strengere Grenzwerte die Emissionen begrenzen und auch besteuern. Z.B. bei Laubbläsern oder bellenden Hunden 2000 Euro pro Jahr. Tiefflüge seien i.d.R. zu verbieten.  Mit Autobahn-Tempolimits von 130 bzw. Tempo 80 für LKW möge nicht nur der Lärm, sondern vor allem die Zahl der Unfälle gesenkt werden – Umweltschutz ist zugleich Menschenschutz! Was ist den Fahrern wichtiger: die Freiheit des Gaspedals oder der Respekt vor dem Leben?  Wenn es wissenschaftlich erwiesen ist, dass Elektrosmog die Gesundheit gefährdet, müssen Sendemasten fallen! Ein transparent arbeitende Enquêtekommission habe hier Klarheit zu schaffen (der Großteil der gefunkten Daten ist ohnehin entweder unnötig oder könnte auch per Festnetz gesendet werden – vor allem die datenreichen WANVerbindungen und Bild-Übermittlungen sind verzichtbar; gesalzene Preise für Funkverbindungen könnten dafür sorgen, dass Überflüssiges unterbleibt).  Das gleiche gelte für die Gentechnik, die Atomenergie und alle anderen neuen Technologien. Das Potsdamer Manifest fordert – in Übereinstimmung mit den GRÜNEN- „die Schaffung von geschlossenen Produktions- und Stoffkreisläufen, einen nachhaltigen Energieumsatz sowie die Internalisierung ökologischer Externalisierungen und eine Minimierung ökologischer Risiken“.317 Die Problembereiche Energie und Stoffkreisläufe seien hier wegen der grundlegenden Bedeutung etwas näher betrachtet. 315

Regierungsmitglieder können Verbote im Straßenverkehr missachten, ohne eine Buße befürchten zu müssen. Diese Freiheit nutzen sie auch – wie z.B. der hess. Ministerpräsident oder seine Sozialministerin, die Tempolimits großzügig überschreiten (120 statt 60) oder auf der Autobahn rechts überholen lassen (vgl. Express vom 10.5.7, S.3). 316 aus: Wahlprogramm 2005 von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN, S. 11. 317 s. Potsdamer Manifest, dokumentiert unter http://www.vdw-ev.de/

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8.11.1 Zur Lösung des Energieproblems Um die Klimakatastrophe aufzuhalten, müssen wir über kurz oder lang die Nutzung von Erdöl, Kohle und Gas einstellen. Kann uns dafür die „saubere“ Kernenergie kurzfristig aus den Nöten heraus helfen? Ich zitiere hier exemplarisch den Physiker und Initiator des Potsdamer Manifestes Hans-Peter Dürr, der eine moralisch vertretbare Antwort gibt: „Nein. Die jetzige Kernenergie müssen wir abschaffen. Sie ist viel zu gefährlich – aus vielerlei Gründen. So ist nicht nur die Frage der Endlagerung von Atommüll nicht gelöst, sondern dieser Atommüll kann auch als Waffe benutzt werden. [...] Wenn der schlimmste Störfall in einem Reaktor passiert, hat man ein Ergebnis, das einfach nicht akzeptabel ist. Dieses Risiko betrifft nicht nur uns, sondern vor allem die nachfolgenden Generationen. Ein Risiko einzugehen, das ich selber nicht ausbaden muss, ist unmoralisch. Ich kann Russisches Roulette an meinem eigenen Kopf spielen. Wenn ich so blöd bin, ist das okay. Aber die Pistole an den Kopf meines Kindes zu halten ist verantwortungslos. Wir Nutznießer leben nur ein paar Jahrzehnte. Aber unseren Nachkommen überlassen wir die Lasten über Tausende von Jahren. Nein, die Kernenergie muss weg.“ 318 Stattdessen rät Dürr zur „intelligente[n] Energienutzung als Schlüssel zu einer ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsweise“: Die Hälfte der gegenwärtig verbrauchten Energie sei durch effektivere Techniken einzusparen (effizientere Motoren/Stromerzeugung, Wärmedämmung usw.). Von der anderen Hälfte sei ein Teil durch einen veränderten Lebensstil einzusparen; der andere Teil könne als erneuerbare Energie umweltfreundlich erzeugt und verbraucht werden.319 Aber wäre das Energiesparen durch einen bescheideneren Lebensstil für uns zumutbar? „Energiereduzierte Lebensstile bedeuten kein Leben in Sack und Asche. Mit etwas Fantasie werden wir sogar ein viel besseres, weil sinnerfülltes, lust- und freudvolleres Leben führen können.“ Denn das Energieniveau, auf das wir bald herunterkommen müssten, entspreche nicht dem eines Steinzeitmenschen, sondern dem des Schweizer Normalverbrauchers im Jahr 1969.320 Ein Großteil heutiger Verschwendung ließe sich vermutlich über die Preisschraube regulieren: Die Steuer auf fossile Energieträger und Kraftstoffe einschließlich Kerosin werde in den nächsten 30 Jahren sukzessiv (jährlich um ca. 5%) hoch geschraubt! Damit würden wir zugleich die CO2-Emmissionen senken, ohne dass wir dazu irgendwelche Emissionshändel bräuchten.321 Eine so berechenbare, kleinschrittige Steuerpolitik würde jedem Zeit lassen, in Energiesparmaßnahmen zu investieren, aber sie mittelfristig auch amortisieren helfen: In ein paar Jahren würde beispielsweise keiner mehr zum Fenster heraus heizen, sondern seine Wohnung wärmeisolieren lassen – was von den Steuer-Mehreinnahmen zu subventionieren sei. Ebenfalls nach ökologischen Kriterien sei der Waren-Import zu bezollen, so dass wir bald kaum noch mit Steinen aus Indien oder Holz aus tropischen 318

s. Interview mit Hans-Peter Dürr: Am Anfang war der Quantengeist! Welches Denken brauchen wir, um die Probleme der Menschheit zu lösen? In: P.M., Heft 5/2007. S. 46. 319 ebd., S. 42f. 320 ebd. 321 Damit wandle ich einen Lösungs-Vorschlag ab, den Stiglitz vorträgt; allerdings ist zu beachten, dass dies –nach Stiglitz- eine global konzertierte Aktion sein sollte, um eine wirksame Reduzierung von Treibhausgasen zu erreichen (vgl. Joseph Stiglitz 2006, S. 232). Auch Rischard plädiert für die Ökosteuer: „Wie wir gesehen haben, brauchen wir im Kampf gegen die Erderwärmung ein vpllkommen anderes Energieprofil, und das werden wir ohne starke steuerliche Anreize nicht erreichen.“ (s. Rischard 2002, S. 137)

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Urwäldern322 bauen, in kein Tafelwasser mehr aus Konya/Türkei (5 Liter für 1,50 Euro!) kaufen würden, keine Kartoffeln aus Afrika, keine Äpfel aus Neuseeland oder Amerika, sondern all diese Produkte aus Deutschland/Europa. Wäre das ein schlimmes Opfer? Natürlich ließe sich über das Geld nicht alles unterbinden: Porsche-Besitzer würden weiterhin über die Autobahn rasen, mit einem Super-Verbrauch von 66 l auf 100 km; und Reiche, denen es auf Exklusivität ankommt, würden die Fußwege ihrer Parks nicht etwa mit einem billigen irdischen Material bedecken lassen, sondern mit dem astronomisch teuren Mondsand. Gegen Beton in den Köpfen scheinen nur Gesetze zu helfen. Doch lässt sich nicht jeder Unsinn verbieten, und wir wollen ja auch keine Öko-Diktatur. Vielmehr sollte das Bewusstsein der Verbraucher geschärft werden. Dazu dienen Aufklärungskampagnen, vom Staat beauftragte Werbung oder die Förderung von Umweltschutzgruppen. Eine innovative Maßnahme wäre die persönliche Stromerzeugung: Statt im Fernsehsessel säße man im Energiesessel im Wohnzimmer, so dass man während des Medienkonsums in die Pedale tritt, die einen Generator antreibt - so wird das Fernsehen gesund (wenigstens körperlich), und zugleich erzeugt man den nötigen Strom dafür. Oder in Kneipen: statt sitzend sein Bier zu trinken, könnte man die Kalorien strampelnd gleich wieder umsetzen statt ansetzen! Es ließen sich Tische bauen, um die herum alle wie gewöhnlich sitzen und sich unterhalten können, die aber unter der Oberfläche für jeden ein Tretwerk bereitstellen, in das man nach Belieben seine Energien ableiten kann. Desgleichen in Cafes, Büros, Schulen: allerorten Energiesessel! Kinästhetisch323 veranlagten Angestellten und Schülern wäre geholfen, weil sie besser denken und lernen können, wenn sie sich dabei bewegen! Die Investition in persönliche Stromerzeugung sei staatlich zu subventionieren, auch wenn sie als erneuerbare Energiequelle ein Potential besitzt, das physikalisch gesehen wenig bedeutsam ist: Erst wenn ca. 14 Millionen Deutsche strampeln würden, könnten sie gerade mal ein Atomkraftwerk ersetzen.324 Hier sind die Nebeneffekte wesentlich: Zum einen die Förderung der Gesundheit, zum zweiten wird einem beim Drehen warm, und man dreht Heizung herunter. Nicht zuletzt hat die persönliche Energieerzeugung einen psychologischen Effekt, nämlich die Schärfung des Bewusstseins: Jeder erzeugt mit seinen Muskeln seinen eigenen Strom, und weil man mit diesen 100 W so gut wie nichts ausrichten kann, wenn man den Strom verschwendet, wird man überlegen, wie man Strom sparen kann, und man wird ein Mehrfaches von dem, was man selber erzeugen kann, einsparen! Ein neuer Volkssport kann entstehen, und wir können ihn exportieren! 8.11.2 Umweltfreundliche Produktion „Wir müssen alles, was wir sehen, neu erfinden.“325 Einen neuen, nicht-militanten Weg zur Umweltfreundlichkeit weist der Chemiker Prof. Michael Baumgart. Er propagiert den Ausweg über technologische Intelligenz, der es uns erlaubt, guten Gewissens zu konsumieren und Überfluss zu genießen. Die von ihm gegründete Umweltagentur EPEA (Environment Protection Encouragement Agency) vermittelt technologische Konzepte, die dem neuen Ansatz entsprechen: „Es geht nicht mehr um Vermeidung und Verzicht, es geht um Lebensbejahung. Die Natur produziert auch ständig Überfluss, ohne dass es uns schadet.“326 322

die Beteiligung deutscher Firmen an der Vernichtung des zweitgrößten Regenwaldes der Erde, nämlich des tropischen Urwalds in Afrika, ist dokumentiert unter www.greenpeace.de/kongo-report 323 Kinästheten können sich besser konzentrieren, wenn sie sich dabei bewegen. 324 Eine Person erbringt eine Dauerleistung von gut 100 W. Bei 14 Millionen energieerzeugenden Personen ergibt sich: 100W Einzelleistung x 14.000.000 = 1400 MW ≈ die Leistung eines Atomkraftwerks 325 Michael Baumgart, zitiert in: Uwe Pütz: Ökovision mit Lebenslust. In: DB – mobil, Heft 2/2007, S. 42f. 326 ebd.

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Das gelte auch für den Menschen: Es liegt in unserer Natur, zu verschwenden, und die Technologie habe dafür zu sorgen, dass dies zu keinen Umweltbelastungen führt. „Das gängige Gebot der ökologischen Effizienz in Politik und Wirtschaft führe lediglich dazu, die Umwelt durch Schadstoffverminderung weniger zu belasten. ‚Aber wenn ich ein bisschen weniger vergifte, vergifte ich trotzdem.’ Baumgart setzt dagegen das Modell der Öko-Effektivität. ‚Wir können verschwenderisch sein, wenn wir von Anfang an nur ungiftige Substanzen verwenden.’“327 Zur Veranschaulichung, wie skrupellos die heutige Industrie mit Giften umgeht, demonstriert Baumgart einen Plastik-Dinosaurier: „’So etwas schenken wir unseren Kindern’, sagt er, ‚das ist purer Sondermüll.’ Mit giftigem Cadmium als Farbstoff, mit Plastik-Weichmachern, die im Tierversuch die Fruchtbarkeit beeinträchtigen, aus PVC, das beim Verbrennen in den Müllöfen Dioxin erzeugt. Im Labor hat er messen lassen, welche Ausgasungen moderne Plastikspielzeuge [...] von sich geben. Viele lange Zacken zeigt das Diagramm, das dabei herauskam, besonders bei Benzol und Weichmachern. ‚Schlimmer als an einer Tankstelle’, sagt Baumgart. Und wundert sich, dass so etwas heute noch verkauft werden darf. Denn es geht Baumgart ja nicht nur um Plastikspielzeug, sondern um sämtliche Produkte, mit denen der moderne Mensch sich umgibt – vom Unterhemd bis zum Computer, von der Plastikrassel bis zum Auto. Die Luft in Innenräumen sei viermal schlechter als die Außenluft, hat das von Baumgart mitbegründete Hamburger Umweltinstitut ermittelt. Die Produkte machen die Leute krank. Gleich bei den Kindern gehe es los. Asthma – bei ihnen die häufigste Erkrankung – Allergien, 47% der Siebenjährigen litten daran.“328 Baumgarts „Cradle-to-Cradle“-System besteht aus zwei Kreisläufen: 1) der natürliche Kreislauf: Hier „landen die verwendeten Rohstoffe nicht auf der Mülldeponie, sie bleiben im natürlichen Kreislauf erhalten. Nach dem Prinzip ‚Cradle to Cradle’ – ‚von der Wiege zur Wiege’ entwickelte er zum Beispiel mit dem Sportartikelhersteller Trigema ein T-Shirt, das im Kompost zu Humus wird. Mit der Schweizer Firma Rohner stellte er kompostierbare Polsterbezüge für Büro- und Flugzeugstühle her.“ [Vorher musste die Firma die Zuschnittsreste ihrer Bezüge-Stoffe als Sondermüll verbrennen lassen.] 2) der technische Kreislauf: ‚Normalerweise stecken in einem Fernseher einige giftige Chemikalien. Man kann aber auch ein Gerät bauen, das ohne diese Giftstoffe auskommt; das kann man später zerlegen und für andere Geräte verwenden. Entscheidend ist, dass es im Kreislauf erhalten bleibt.’ Im Auftrag von Formen entwickelte EPEA Baukästen mit Chemikalien, die unverträgliche Stoffe ersetzen. Mit zunehmendem Erfolg. Auf der Kundenliste der Agentur stehen heute Konzerne wie Nike, BASF, VW, Ford und Unilever. Allerdings setzt dieses System ein Umdenken bei Herstellern und Konsumenten voraus. Denn der Produzent, der ein von EPEA vergebenes ‚Crale-to-Cradle’-Siegel erhält, verpflichtet sich dazu, sein Produkt nach Gebrauch wieder zurückzunehmen. Und der Konsument muss bereit sein, seinen Erwerb wie eine Leihgabe zu betrachten.“329

327

ebd. s. Joachim Wille: Der intelligente Verschwender. Ökoforscher Michael Baumgart stellt mit seinen Ideen die Glaubenssätze der Umweltschützer auf den Kopf. In: FR vom 17.1.2004. 329 Uwe Pütz: Ökovision mit Lebenslust. In: DB – mobil, Heft 2/2007, S. 42f. 328

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In den USA findet Baumgarts Vision mehr Beifall als in seinem Heimatland – bei uns weniger. Ford entwickelt bereits ein „Cradle-to-Cradle’-Konzept für seine Autos. Wie können wir die deutsche Industrie für diese notwendige Innovation gewinnen? Vermutlich müssen erst die Entsorgungskosten für umweltbelastenden Müll kräftig steigen. Eine zukunftsweisende Umweltpolitik möge dem Markt weiterhin über Steuern und Abgaben wirksamere Anreize für umweltfreundliche Produkte bzw. Produktion geben, die Grenzwerte für Umweltgifte sukzessiv senken und umweltfreundliche Methoden subventionieren; ergänzend dazu seien gesetzliche Normen umweltfreundlicher zu gestalten (z.B. der Altpapieranteil bei Print-Produkten, oder dass der „Umwelt-Engel“ für Briefumschläge, Waschmittel, Textilien usw. einfach zur Pflicht werde).

8.12 Forschungspolitik Hier gibt der berühmte Computerwissenschaftler und Kritiker Joseph Weizenbaum eine vernünftige Richtung vor: „Ist eine Beschränkung der Forschung gleichzusetzen mit Zensur der Naturwissenschaft? Zensur ist ein hartes Wort, und doch würde ich sagen: ‚Ja, aber es geht nicht anders.’ [...] Wir können [...] nicht die Entwicklung von Ideen verbieten, es ist unmöglich. Doch gibt es Ideen, die uns einfallen, die wir aber nicht weiter verfolgen sollten. [...] Ein Psychiater sagte mir einmal: Wir können nichts dafür, dass wir uns verlieben, aber wir können entscheiden, was wir dann machen. Genauso können wir auch entscheiden, was mit Ideen zu machen ist. [...] Z.B. die Gen-Manipulation: Die Leute können sich zwar alles mögliche ausdenken, aber sobald sie anfangen, Experimente zu machen, dürfen sie nicht allein entscheiden, dass ihre ganze Umgebung ihr privates Testlabor werden soll. Es gibt also Grenzen, und es sollte Beschränkungen geben.“330 Einerseits haben wir also die Wissenschaft der Aufsicht und Kontrolle der internationalen Öffentlichkeit zu unterwerfen. Die Prinzipien, die für die Anwendung und Produktion gelten, sollten bereits für die Erforschung der o.g. riskanten Gebiete in Kraft gesetzt werden: die Vorsorge und die Umkehr der Beweislast bei der Frage nach der Gefährlichkeit neuer Stoffe bzw. neuer Verfahren. Im Zweifelfalle sind Forschungs-Verbote national durchzusetzen und international zu propagieren. Wilber, dem ich mich anscheinend immer anschließe, plädiert in seinem Kapitel „Der Terror von morgen“ für eine Kombination von Verboten und „innerer moralischer Selbstbeschränkung (etwa ein innerlicher Zuwachs an kollektiver Weisheit, die einen weisen Gebrauch der Technologie anstrebt und durchsetzt“.331 Andererseits haben wir WissenschaftlerInnen frei zu halten von Zensur, aber auch von der noch gefährlicheren Ausbeutung durch Kapitalinteressen; bezüglich des Patentrechtes möge die Freiheit des Erfindens und Entwickelns Priorität gegenüber blockierenden Profitinteressen erhalten (vor allem bei Software-Patenten). Deshalb verstärke der Staat die Förderung der wissenschaftlichen Forschung durch öffentliche Mittel. Doch sind Zeit, Mittel und Personal der Wissenschaften naturgemäß begrenzt. Deshalb gilt es, die Prioritäten so zu setzen, dass die Forschung vorwiegend dem Interesse der Allgemeinheit dient. Mit Prof. Weizenbaum halte ich es für sehr fragwürdig, dass die EU weiterhin zig’ Milliarden Euro für die Raumfahrt und die Teilchenphysik verausgabt und 7000 Wissenschaftler mit der Auswertung eines einzigen Experiments 330

s. Joseph Weizenbaum: Computermacht und Gesellschaft. Freie Reden, herausgegeben von Gunna Wendt und Franz Klug. Frankfurt 2001. S. 120f. 331 s. Ken Wilber: Ganzheitlich handeln. S. 120.

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jahrelang beschäftigt – von den Risiken, auf die ich oben hinweise, ganz zu schweigen.332 Vielmehr sollten ökologisch, medizinisch, politisch, sozial oder kulturell bedeutsame Zweige ausgebaut bzw. neu initiiert und koordiniert werden, z.B.: + die Technologien für Erneuerbare Energien; + alternative Heilverfahren; + Auswirkungen verschiedener Arten von Elektro-Smog + soziale Netzwerke; soziale Entwicklung von vernachlässigten Stadtvierteln + Internet als Plattform für Demokratie; Sicherheit und Datenschutz im Internet (hier sei die deutsche Führung auszubauen) + umweltfreundliche Technologien im Sinne des „cradle-to-cradle“-Prinzips + die (Wieder-)Einrichtung von Lehrstühlen für Sexualität und Peer-Orientation.

8.13 Internationale Beziehungen und globale Probleme Bilaterale Beziehungen neigen dazu, dass wirtschaftliche Interessen die Interessen der Menschrechte dominieren. Die Zukunft liegt nicht in abgeschotteten Gruppen mit Partialinteressen (z.B. NATO, G8). Die essentiellen Partner für die deutsche Politik seien nach wie vor die EU und die UNO - aus diesen Gemeinschaften heraus mögen die Prinzipien der Solidarität und Menschenrechte international verbreitet werden. Diese oberste Direktive zielt auf die weltweite Ächtung und Vernichtung von Atomwaffen und Minen, die Therapie des globalen Rüstungswahnsinns, einen nachhaltigen Klima-, Umwelt- und Naturschutz sowie Entwicklungshilfe. Dieser Direktive sind auch die Hermes-Bürgschaften zu unterwerfen. Ebenso möge Deutschland seine Stimme erheben für die Reformierung der heute neoliberal geprägten UN-Organisationen WTO, Weltbank und IWF, die in den Entwicklungsländern mehr Schaden anrichten als dass sie helfen: Sie sollten zu Institutionen werden, die die wirtschaftliche, soziale und ökologische Entwicklung eines jeden Landes fördern. Richtungsweisend seien die realpolitischen Vorschläge von Joseph Stiglitz.333 Eine demokratisch entwickelte EU bzw. UN seien Leitziele unserer Politik. Doch müssen wir die politischen Gestaltungsspielräume realistisch einschätzen. Bedachtsamkeit und kleine Schritte sind angemessener als zu glauben, einer internationalen Gemeinschaft revolutionäre Ziele überstülpen zu können. Das gilt insbesondere hinsichtlich der EUVerfassung: „Unter den gegenwärtigen Umständen sozialer Polarisierung und innerer politischer Konflikte könnte die ‚europäische Identität’ nur in der aggressiven Abwehr von - zu diesem Zweck hochgespielten - Gefahren und Bedrohungen bestehen: gegen die chinesische Konkurrenz, gegen Terrorismus, gegen Immigration und Energieabhängigkeit. Der Versuch, heute eine europäische Verfassung zum politischen Vorrangprojekt zu machen, lenkt von der Notwendigkeit ab, zunächst einmal die sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse für die Mehrheit der Menschen zu verbessern, und dadurch den Raum für die Diskussion identitätsstiftender Eckpfeiler des europäischen Sozialmodells zu schaffen. [...] Unter diesen Umständen kommt es darauf an, in möglichst vielen Ländern der EU dem vorherrschenden Modell des Neoliberalismus praktisch 332

Gemeint ist der „Large Hadron Collier“ der Teilchenphysik, der als CERN-Projekt bei Genf gebaut wurde und im Herbst diesen Jahres startet. Dieser Teilchen-Zertrümmerer hat allein 4 Milliarden Euro gekostet und hat eine Leistungsaufnahme von 120 Megawatt – etwa soviel, wie die Stadt Genf (vgl. P.M. Fragen und Antworten. Heft 4/2007, S.24f.). Tröstlich für die Genfer ist, dass sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von den Atomkraftwerken in ihrer Umgebung ausgelöscht werden. 333 vgl. Joseph Stiglitz: Die Chancen der Globalisierung. München 2006.

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entgegenzutreten, die durch neoliberale Politik in erheblichem Maße demontierten und teils bereits verschütteten demokratischen und sozialstaatlichen Traditionen zu erneuern und weiterzuentwickeln, sowie die neuen Anforderungen an den Umgang mit der Natur und an die Gestaltung der Globalisierung praktisch-politisch aufzunehmen. Auf der Grundlage einer erst zu schaffenden demokratischen Öffentlichkeit und wacher sozialer Bewegungen wird dann auch eine europäische Verfassung ein sinnvolles stabilisierendes Vorhaben.“334 8.13.1 Zur Außenpolitk Waffen und Bestechungen lösen Probleme niemals nachhaltig. Wo bewaffnete Konflikte eingedämmt werden müssen, möge die UN andere Maßnahmen als Waffengewalt treffen: z.B. internationale Sanktionen, Sperrung der Waffenlieferungen an die Konfliktparteien und deren finanzielle Austrocknung. Im Zeitalter der Globalisierung sind eben die meisten Regierungen von anderen Staaten abhängig, und das gilt es für humanitäre Ziele zu nutzen. Importwaren mögen auf fairen Handel geprüft und ggf. mit Ausgleichszöllen belegt werden: Der Preis einer Ware sollte ihren Erzeugern ein international zu definierendes Existenzminimum verschaffen; der Erlös aus diesen Zöllen muss also den Erzeugern zugute kommen und ihr Existenzminimum gewährleisten. Zugleich sorgt der Zoll dafür, dass hierzulande keine Ware zu Lohndumping-Preisen verkauft wird, so dass damit auch die heimischen Arbeitsplätze geschützt werden. 8.13.2 Entwicklungshilfe Weltweit ächzt die Menschheit unter Kriegen, Rüstungsausgaben und verminten Regionen. Die Unsummen von Dollars, die für Waffen und Söldner ausgegeben werden, fehlen für die Entwicklung - im Prinzip in allen Staaten. Deshalb muss die globale Demilitarisierung das oberste Ziel einer jeden Politik sein. Das Verbot von Waffenexport und diplomatische Bemühungen zur Befriedung regionaler Konflikte sind ebenso dringliche NotfallMaßnahmen wie Katastrophenhilfe; beides muss mit einer nachhaltigen Entwicklungshilfe-Politik verknüpft werden. Im Rahmen der UN seien nicht nur neue „Milleniums-Ziele“ zur Bekämpfung des Hungers und der Korruption zu stecken, sondern auch verbindliche Verträge zu schließen. Und diese Verträge seien einzuhalten: So sollte Deutschland die für 2010 zugesagten 0,51% bzw. schon lange anvisierten 0,7% seines Bruttoinlandsprodukts auch tatsächlich für Entwicklungshilfe ausgeben (bisher erreicht sie nur 0,36% des BIP). Wichtiger noch ist es, endlich eine faire Handelpolitik zu betreiben und global schädliche Subventionen abzuschaffen. Dazu der Bundespräsident: „Nichts würde den ärmeren Ländern der Welt rascher helfen als ein Ende der Doppelstandards in der Welthandelspolitik. Deren jetzige Regeln und Praktiken erschweren diesen Ländern die Integration in die Weltwirtschaft und begünstigen bestimmte Branchen in den reichen Staaten. Das kostet Steuerzahler und Verbraucher viel Geld und bringt die Entwicklungsländer um dringend benötigtes Einkommen. Zum Beispiel subventionieren die Industriestaaten allein ihren Agrarbereich mit fast einer Milliarde US-Dollar pro Tag. Den afrikanischen Staaten geben sie eine Milliarde Dollar Agrarhilfen - pro Jahr.“335

334 335

Jörg Huffschmid: Eine europäische Verfassung ist nicht vorrangig. In: FR vom 24.3.2007 s. Horst Köhler: Kein Aufstieg auf Kosten anderer. Berliner Rede am 1.10.2007. In: FR vom 2.10.2007.

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Des weiteren darf Entwicklungshilfe nicht länger die kulturelle und psychische Förderung vernachlässigen: die nicht-fundamentalistische Lehre von Religionen, der Aufbau von Bildungssysteme und Therapien mögen die Chance erhöhen, aus dem Kreislauf von Traumata, Überlebenskämpfen, Gewalt, Stammesfehden usw. auszusteigen. Auf staatlicher Ebene sollten die Kriterien von „good governance“ berücksichtigt werden. Mit Wilber befürworte ich auch hier die Anwendung des Integralen Ansatzes.336 Ebenso verweise ich auf die fundierten und überzeugenden Argumente und Vorschläge von Gil Ducommun.337 Hervorheben möchte ich Ducommuns Abschätzung, dass es möglich sei, sogar 10 Milliarden Menschen satt zu machen – dazu bedürfe es weder Gentechnik noch Pestizide, sondern einfach eine ökologische Landwirtschaft, deren Effizienz besonders in der Dritten Welt noch lange nicht ausgeschöpft werde.338 Nicht zuletzt sei der Verzicht Deutschlands bzw. der EU auf Export von Waffen und Atomtechnologie der einfachste Beitrag zu Frieden und Entwicklung in aller Welt. 8.13.3 Eine Zukunft für den selbsternannten „Weltzukunftsrat“ (WFC)? Jakob von Uexküll ist der Initiator des 2004 gegründeten World Future Council (Weltzukunftsrat), der versucht, der Menschheit eine „Anleitung zur Umkehr von der Grenze des Bösen“ (Uexküll) zu geben: „Ein Weltzukunftsrat müsste den Aufbau von Institutionen fördern, die die Machtbalance in den Gesellschaften wiederherstellen und die Bürgerwerte auf allen Ebenen repräsentieren. Er müsste an die gemeinsamen Wertvorstellungen der Weltbürger appellieren und die innere moralische Stimme ansprechen, die in der dissonanten Konsumpropaganda oft überhört wird. Der Zukunftsrat würde an die Verantwortung erinnern, Hüter der Erde für künftige Generationen zu sein und könnte für wichtige Entscheidungen und deren Übereinstimmung mit der ethischen Pflicht zur Gefahrabwendung und zur Sicherung der Erde eine Ethikprüfung festlegen, die den Zusammenhang zwischen der Jagd nach Reichtum und dem Anwachsen sozialen Übels aufdecken würde.“339 Wenn ich auch weitgehend mit der Bestandsaufnahme und den Werten von Uexkülls übereinstimme, so bin ich doch gegenüber seiner Strategie skeptisch. Drei grundlegende Fehler liegen seinem Modell des Weltzukunftsrates zugrunde: 1. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass es „eine gemeinsame Wertvorstellung der Weltbürger“ geben könnte. Weder gibt es die Weltbürger –sondern bestenfalls eine Minderheit global denkender Menschen-, noch würden sich jemals alle Erwachsenen dieser Welt auf eine gemeinsame Wertvorstellung einigen können. Ich erinnere an das Wellen-Modell von Wilber, das veranschaulicht, wie unterschiedlich das Bewusstsein bei verschiedenen Individuen bzw. verschiedenen Kulturen entwickelt sein kann. Die Werte, die Uexküll dann konkret aufzählt, zeigen, wie schmal der Konsens ist: „Wir wollen alle unseren Kindern eine bessere und keine schlechtere Welt überlassen. Wir wollen respektiert werde und vertrauen 336

vgl. Ken Wilber: Ganzheitlich handeln. Eine integrale Vision für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Spiritualität. Freiamt, 2001. S. 115ff. 337 vgl. Gil Ducommun: Nach dem Kapitalismus. Wirtschaftsordnung in einer integralen Gesellschaft. Petersberg 2005. S. 188ff. 338 Docummun argumentiert zum einen mit (noch) zu wenig genutzten fortschrittlichen ökologischen Ackerbaumethoden, zum anderen mit der Verschwendung von Nahrungsmitteln zum Mästen von Tieren (vgl. Docummun 2006, S. 184ff.) 339 s. Jakob von Uexküll, zitiert auf der Seite „World Future Council“ von www.wikipedia.de

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können.“340 An anderer Stelle fügt er hinzu: „Wir alle wollen [...] ein Leben ohne Gewalt.“341 Schon die Konkretisierung dieser Werte wird zu Widersprüchen führen, ganz zu schweigen davon, wie unterschiedlich die Menschen sich Konfliktlösungen vorstellen. Sogar Uexküll selbst zitiert einen Bericht aus der FAZ (2004): „Und wenn heute weltweit Wahlen abgehalten würden, schlüge er [Osama Bin Laden] den US-Präsidenten und vermutlich auch jeden westlicher Staatsmann mit Leichtigkeit.“342 Hier sieht man, wie sich die Mehrheit der Menschheit den Wert eines „Lebens ohne Gewalt“ vorstellt: Attentate nur auf die Feinde! Uexküll setzt dort, wo es konkret wird, die Werte eines blau-orangen, westlichen Bürgertums absolut - und wird damit nicht einmal eine Mehrheit der Weltbevölkerung repräsentieren können. 2. Der Weltzukunftsrat „soll für unsere gemeinsamen Werte sprechen und wird legitimiert durch die Qualität seiner Arbeit.“343 Damit ist er nicht einmal ansatzweise demokratisch legitimiert (was er ja angesichts der Popularität Bin Ladens auch nicht anstreben kann). Des Rates Mitglieder sind von Uexküll persönlich ernannt worden: „aus ethisch integren, respektierten Persönlichkeiten, die national und international Vertrauen genießen – erfahrene ‚planetary elders’, Pioniere und Vorreiter auf bestimmten Gebieten, sowie junge ‚leaders of tomorrow’.“344 Doch die Zeit der Aristokratie ist vorbei – auch die des vererbbaren Adels (von wegen: „leaders of tomorrow“, die schon heute im Rat sitzen). 3. Der Weltzukunftsrat wird u.a. von privaten Firmen und vom rechtslastigen Hamburger Senat gesponsort. Kann er trotzdem unabhängig sein? Sehr bedenklich mutet mir folgender Gedankengang von Uexkülls an: „Die herrschende Ordnung wirkt heute so mächtig wie die sowjetische noch wenige Jahre vor ihrem Zerfall. [...] Die Frage ist daher nicht, ob, sondern wann die jetzige Ordnung zusammenbricht. [...] Die Lösungen [für die globalen Probleme] sind vorhanden: Wir haben das Wissen, die Technologie und die Arbeitskraft, um unsere Probleme zu meistern. Die Frage ist nur ‚wie’ und ‚von wem’? Die Römer wählten in Krisenzeiten eine Diktatur auf Zeit und auch heute kommt zunehmend der Ruf nach dem starken Mann auf. Aber in einer atomwaffenstrotzenden Welt ist diese Alternative offensichtlich nicht zeitgemäß. [...] Wo ist in der derzeitigen Reformdiskussion die Stimme der Verantwortung für unsere Um- und Nachwelt? Wo ist die Stimme der Kinder und zukünftiger Generationen? Um diese Lücke zu füllen, habe ich einen World Future Council [...] vorgeschlagen“345 Wenn ich diese Aussagen ungünstig interpretiere, liegt der Verdacht nahe, dass von Uexkülls Organisation sektiererische Elemente aufweist: Die Ordnung der heutigen Welt, heißt es in von Uexkülls Prophezeiung, werde untergehen, aber von Uexküll weiß schon heute die Lösung für alle Probleme, und sein Rat wird der Menschheit im Chaos die 340

s. Jakob von Uexküll: Verantwortung für morgen: Der Weltzukunftsrat. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein (Hg.): Projekte der Hoffnung. München 2006. S. 203. 341 s. Jakob von Uexküll und Herbert Giradet: Die Aufgaben des Weltzukunftsrates. als Download von der Homepage des Weltzukunftsrates unter http://www.worldfuturecouncil.org/forschung__publikationen.html 342 s. Jakob von Uexküll: Verantwortung für morgen: Der Weltzukunftsrat. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein (Hg.): Projekte der Hoffnung. München 2006. S. 202. 343 ebd., S. 204. 344 ebd., S. 204. 345 ebd., S. 203f.

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Richtung weisen (oder gar die Herrschaft übernehmen?), um die drohende Apokalypse abzuwenden. – Nun ist der WFC ganz gewiss keine Sekte, und von Ueküll mag durchaus eine integre Persönlichkeit sein. Doch halte ich seine Konzeption eines WFC für sehr fragwürdig. Offensichtlich geht es ihm um Einfluss und, mittels e-parliament, auch um Macht. Schon jetzt stellt er seinen Rat auf die Stufe einer globalen Legislative, die gar nicht existiert: „Der Rat soll im Verbund mit Parlamentariern weltweit die nötigen Reformen zu einer fairen und zukunftsgerechten Weltordnung identifizieren, formulieren, begleiten und umsetzen helfen“346 – ein „World Future Council Executive Committee“347 ist auch schon im Amt. Dazu passt das Beispiel der alten Römer und der Sowjetherrschaft: Deren Ideologie war ebenfalls darauf ausgelegt, eine „Weltordnung“ unter ihrer Ägide zu erschaffen. Jetzt aber machen wir das mal mit mehr Vernunft! - so scheint von Uexkülls heimliches Motto zu lauten. An anderer Stelle schreibt von Uexküll: „Ich hoffe aber, dass es möglich sein wird, in einigen Jahren die Mitglieder des Rates direkt zu wählen. [...] Der Weltzukunftsrat ist keine Versammlung von Besserwissern, die wissen, wo es lang geht. Der Rat wird zum Nach- und Mitdenken ermuntern und auf Alternativen hinweisen. [...] Der Rat wird die Demokratie nicht aushöhlen, sondern ihre Glaubwürdigkeit stärken, indem er problemadäquate Lösungen in die politische Debatte einbringt. Nach meinen Erfahrungen gibt es in allen großen Parteien Menschen, die verstanden haben, was getan werden muss. Der Rat wird diesen potentiellen Gorbatschows den Mut geben, neue Wege zu gehen.“348 Sicherlich ist von Uexküll kein Usurpator, sondern verfolgt achtbare Ziele – wenn auch sein Konzept verworren bzw. sein Standpunkt zwischen Demokratie und dem Glauben an die große Autorität nicht eindeutig zu verorten ist. So will ich das Kapitel Weltzukunftsrat mit einem moderaten Kommentar (aus dem „Grünen Blatt“) schließen: „Dieser ‚Rat der Seher in die Zukunft’ kann emanzipativem Umweltschutz gestohlen bleiben und gehört enttarnt als das, was er ist. Nämlich ein entmündigender, gutmenschlicher Elite-Zirkel.“ „Traurig nur, dass sich so emanzipatorische Persönlichkeiten wie Vandana Shiva unter diesen elitären Klüngel mischen. Und Jakob von Uexküll, Gründer des Rates, hatte mit der Einführung des Alternativen Nobelpreises auch schon mal bessere Ideen.“349 8.13.4 Netzwerke zu globalen Problemen Die Zukunft gehört nicht der hierarchischen Weltregierung, autoritären Räten, Hütern oder anderen selbsternannten Rettern, sondern globalen Netzwerken. Um diese Netzwerke mit hoheitlichen Kompetenzen auszustatten, die nicht diktatorisch, sondern demokratisch ausgerichtet sind, müssen wir indes noch ein gutes Stück Entwicklungsarbeit leisten. Diesbezüglich hat Rischard m.E. überzeugende Lösungsansätze vorgelegt, die zwar inhaltliche und methodische Parallelen zum Zukunftsrat von Uexkülls aufweisen, aber viel besser legitimiert sind: 346

ebd. vgl. Homepage des Weltzukunftsrates unter http://www.worldfuturecouncil.org/das_exekutivkomitee.html 348 s. Jakob von Uexküll: Verantwortung für morgen: Der Weltzukunftsrat. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein (Hg.): Projekte der Hoffnung. München 2006. S. 207f. 349 s. http://www.gruenes-blatt.de/wiki/index.php/2007-02:World_Future_Council__Oder:_Mein_neues_Gewissen 347

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Für jedes globale Problem werde ein Netzwerk eingerichtet, das ein „vernetztes Regieren“ (Rischard) ermöglicht. Rischard, VP der Weltbank von 1998 bis 2005, diskutiert verschiedene Strategien, um solche Netzwerke aufzubauen und mit bestehenden offiziellen globalen Institutionen zu verknüpfen. Hier geht es darum, alte Strukturen (nationale Regierungen, UN-Institutionen, Regierungskonferenzen, G8 usw.) mit neuen Elementen zu verknüpfen. Warum nicht die maroden und korrupten Strukturen komplett durch neue und demokratischere ersetzen? Rischard argumentiert, dass uns dafür die Zeit fehlt: „Drängende globale Probleme können nicht warten, bis Verträge ausgehandelt sind, und dann vergehen womöglich noch einmal Jahrzehnte, bis die erforderlich Mindestzahl von Unterzeichnern sie ratifiziert hat, sodass sie in Kraft treten können. [...] Die globale Rechtsetzung, die in einem sehr langsamen öffentlichen Raum stattfindet, ist darum nicht der geeignete Weg für die Problemlösung. Sie muss in Formen stattfinden, die schneller wirken: über Normen und die Sorge um den guten Ruf [...] . Und sie muss Institutionen einbinden, vorhandenes Wissen und vorhandenen Sachverstand nutzen, auf die legislativen Möglichkeiten der Regierungen setzen und das beste aus den bestehenden multilateralen Organisationen herausholen.“350 So sei für jedes globale Problem ein globales Netzwerk zu etablieren, das sich zusammensetzt aus: • • •

vom Problem besonders betroffenen Regierungen oder Regierungen, die ihre Erfahrungen zu dem Problem beisteuern wollen; zivilgesellschaftlichen Organisationen bzw. Netzwerke solcher NGOs, die sich ebenfalls mit dieser Problematik beschäftigen; Firmen, die Spezialisten für das Problem haben.

Zusätzlich sei jedes Netzwerk zu begleiten von einer „großen elektronischen Bürgerversammlung [...] – eine nach allen Seiten offene Struktur, die das Ziel hätte, alle an der Arbeit des Netzwerkes Interessierten einzubeziehen durch überlegtes ‚Polling’, also elektronische Umfragen. Das große Mobilisierungspotential des Internets wäre dafür geeignet, aber es müsste dafür gesorgt werden, dass der Prozess diszipliniert abläuft: Wenn Alternativen zur Abstimmung vorgelegt werden, muss klar sein, dass sie die Diagnose oder die Problemlösung ein kleines Stück voranbringen – eine weitere Anforderung an die Disziplin, die gleichfalls im Verhaltenskodex des Netzwerkes verankert sein müsste.“351 Weitere Details von Rischards wohl überlegtem Konzept übergehe ich hier. Was seien die Ergebnisse dieser Netzwerke? - Sogenannte Normen, „weiche Gesetze“, die weltweit publik gemacht werden; aus Einsicht oder aus Image-Gründen können sie dann von den nationalen Gesetzgebern ratifiziert werden. Denn öffentliche Ranglisten könnten diejenigen Regierungen anprangern, die sich solchen Normen widersetzen. Dass dieses Prinzip erfolgreich sein kann, belegen zahlreiche Beispiele von MenschenrechtsKampagnen der Organisation amnesty international sowie Umweltkampagnen oder der propagandistische Feldzug gegen Geldwäsche-Staaten.352

350

s. J.F.Rischard: Countdown für eine bessere Welt. Lösungen für 20 globale Probleme. München, Wien 2003. S. 208. 351 ebd., S. 214. 352 vgl. Rischard, S. 217ff.

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Ein hoffnungsvolle Initiative wurde beispielsweise mit dem Netzwerk www.globalmarshallplan.org begonnen, das sich bisher darauf „beschränkt“, die globale Wirtschaft sozial und ökologisch auszurichten (was ja schon unermesslich ehrgeizig ist). Könnte nicht auch der mediengängigere, konzeptionell fortgeschrittenere „Weltzukunftsrat“ (WFC) die Weisheit besitzen, zur Keimzelle solcher Netzwerke zu werden? Eher nicht. Rischard schlägt dazu eine legitime Instanz vor: sei es eine Regierungskonferenz oder die Initiative einer globalen multilateralen Organisation, etwa ein UN-Organ. Und dieser Initiator „würde nur als Katalysator auftreten, und nicht als Problemlöser.“353 Ganz zu schweigen davon, dass ein selbsternannter Welt-Rat damit angäbe, bereits Lösungen für alle Probleme zu haben! Globale Problemlöse-Netzwerke nach Rischard sollten sich fachlich auf ein Problem fokussieren, für das sie Lösungen entwickeln, die wirklich alle Betroffenen berücksichtigen – das wäre ein eher induktives, pragmatisches Vorgehen. Der Weltzukunftsrat untergliedert sich zwar in 24 Kommissionen – jede Kommission wird einem globalen Problemthema gewidmet- doch er maßt sich an, quasi deduktiv die Lösungen aus den vermeintlich global für richtig gehaltenen Werten abzuleiten. Das Modell, wie es von Uexküll vorschwebt, ist eine klassische Hierarchie: „Der WFC wir aktiv mit den vorhandenen internationalen Netzwerken von Parlamentariern und der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, um handfeste Strategien und langfristige Problemlösungen von Land zu Land zu verbreiten. Zu diesem Zweck wird er mit den Medien zusammenarbeiten und das Internet dazu verwenden, um sicherzustellen, dass die Resultate seiner Beratungen weltweit verbreitet werden. Das SWF-Fernsehen hat sich bereit erklärt, Auszüge aus seinen Sitzungen zu senden.“354 Von unten werden die Informationen (ggf. über nationale/regionale WFC) zum obersten WFC gegeben, der sie „destilliert“ und dann die Ratschlüsse seiner erlauchten Weisheit nach unten durchgibt. Doch dieses Modell hat für große Organisationen ausgedient! Es steht zu hoffen, dass der WFC bald selbst ein Einsehen habe und beispielsweise den Preisträgern des von Uexküll selbst gestifteten Alternativen Nobelpreises zuhöre – hier Manfred Max-Neef, dessen Praxis von Alternativer Ökonomie übertragbar ist auf viele globale Probleme: „Barfußökonomie heißt, die Probleme zusammen mit den Leuten zu lösen, die in Not sind, und gemeinsam herauszufinden, wie man ihre Lebensbedingungen verbessern kann. Aber eben nicht durch Theoretisieren weit weg im Elfenbeinturm, sondern direkt da, wo die Armut und das Leiden sind. Ich glaube nicht, dass es nur ein Lösungsmodell gibt. Vielmehr muss jedes Modell der Wirklichkeit angepasst werden. Das schlimmste, was man mit einem großen Problem machen kann, ist eine große Lösung zu finden. Diese großen, universellen Lösungen sind immer katastrophal. Große Probleme kann man nur mit vielen kleinen Lösungen lösen. Dann kann man auch die Kreativität der Menschen vor Ort nutzen, die wissen, was sie brauchen und was möglich ist.“355

353

ebd., S.211. s. Jakob von Uexküll und Herbert Giradet: Die Aufgaben des Weltzukunftsrates. Als Download von der Homepage des Weltzukunftsrates unter http://www.worldfuturecouncil.org/forschung__publikationen.html. S.9. 355 Gespräch mit Manfred Max-Neef. In: Geseko von Lüpke, Peter Erlenwein [Hg.]: Projekte der Hoffnung. Der Alternative Nobelpreis: Ausblicke auf eine andere Globalisierung. München 2006. S.76f. 354

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Im 21. Jahrhundert sollten wir gelernt haben, dass globale Lösungen von keiner Macht der Welt durchgesetzt werden können, sondern von einer breiten Mehrheit von Menschen in aller Welt akzeptiert, mitgetragen und immer wieder angepasst und an die nächsten Generationen vermittelt werden müssen. Dem Individuum kommt so viel Bedeutung zu, dass man es mehr im klassischen Sinne beherrschen kann. Partizipation ist das Prinzip, das uns in die Zukunft führt, und dazu brauchen wir einerseits die Infrastruktur von Netzwerken, andererseits Individuen, die bereit sind, ein wachsendes Maß an Verantwortung zu übernehmen.

8.14 Die Verantwortung der Einzelnen Jeder erwachsene Mensche trägt eine weitaus größere Verantwortung als vielen bewusst ist. Wie kann das sein? Viele denken, sie hätten keine Wahl. Das stimmt nicht. Jeder Mensch badet in einem Meer von Möglichkeiten, und als Erwachsene treffen wir die Wahl – sei sie bewusst oder unbewusst. Aber wir wählen, trotz aller Umstände und Gründe: In jedem Moment sind wir frei zu wählen, wir wählen und realisieren etwas. Unsere Wahl kann die Welt verändern – und wenn es nur ein kleiner Teil von ihr ist! Jederzeit wählen wir, und jederzeit können wir Verantwortung für etwas übernehmen. Christoph Keese macht in seinem Buch darauf aufmerksam, in welchen Bereichen jede (mehr) Verantwortung übernehmen kann; ich empfehle daraus die Kapitel „Selbstverantwortung“, „Verantwortung im Beruf“, „Verantwortung in Staat und Gesellschaft“.356 Zusammengefasst dreht es sich bei der Verantwortung zuallererst darum, die richtigen Fragen zu stellen bzw. mit einem klaren Ja oder Nein zu antworten – also nicht „Vielleicht“, „Mal sehen“, „Naja gut“, „Ich weiß nicht“, „Keine Ahnung“... Es ist fies und belastend, was man sich selbst und anderen damit antut, eine halbherzige, verwirrende Antwort zu geben, und verheerend, sich selbst und andere zu belügen. Man muss nicht jede Frage sofort beantworten, aber wenn die Antwort klar ist, sollte man wirklich ehrlich Ja oder Nein sagen. Beispiele für solche Fragen:  „Hast du das angerichtet?“  „Würdest du diese Aufgabe übernehmen?“ „Kann ich mich darauf verlassen?“  „Sind Sie dafür zuständig?“ „Können Sie mir eine verbindliche Auskunft geben/mir weiter helfen?“  „Würdest du mich heiraten?“ „Bist du mir treu?“ „Willst du ein Kind mit mir haben?“ Im Großen und Ganzen bewirkt ein Ja, dass ein Unterschied gemacht wird in der Welt, dass sich etwas bewegt und verändert. Hier heißt Verantwortung, dass ich für etwas einstehe: Mit jeder positiven Antwort, die ich gebe, verpflichte ich mich zur Umsetzung. Das geht natürlich auch ohne dass mich jemand fragt: Als freier, verantwortlicher Mensch kann mich einfach dafür entscheiden, mich für etwas verpflichten, und danach kann ich handeln. Dazu Goethe: „Was immer Du zu tun oder zu träumen vermagst – wag Dich noch frisch daran. 356

vgl. Christoph Keese: Verantwortung Jetzt. Wie wir uns und anderen helfen und nebenbei unser Land in Ordnung bringen. München 2006. Mit dem Kapitel „Verantwortung in der globalisierten Welt“ kann ich nicht übereinstimmen, da Keeses neoliberale Ideologie hier seine eigenen Ziele konterkariert.

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Kühnheit trägt Genie, Kraft und Magie in sich.“ Ein Nein dagegen blockiert etwas. Das meine ich jedoch nicht bewertend – hier widerspreche ich Keese, der behauptet: „Wer den Schritt zum Kind nicht tut, obwohl er biologisch, emotional und wirtschaftlich dazu eigentlich in der Lage wäre, bleibt im Zustand der Infantilität zurück.“357 Nein. Ein Nein kann absolut verantwortlich sein: Es kann Schlimmes verhüten. Wer tatsächlich zu unreif für die Elternrolle ist, der sollte Kinder nicht als Therapie-Ersatz oder als Krücke für das eigene Ego missbrauchen – narzisstische, neurotische und pädagogisch unfähige Eltern gibt es genug, und je weniger Kinder darunter leiden müssen, desto besser. Und wer im Leben eine Berufung hat, die Kinder ausschließt (z.B. im Zölibat lebt), oder eine Beschäftigung ausübt, der lebensgefährlich ist, sollte keine Kinder haben. „Angela Merkel und drei von fünf Ministerinnen der deutschen Regierung sind kinderlos. Mächtige Medienfrauen wie Sabine Christiansen und Sandra Maischberger gehören dieser Spezies ebenso an wie österreichische Spitzenpolitikerinnen oder Topmanagerinnen, etwa Außenministerin Ursula Plassnik oder Siemens-Chefin Brigitte Ederer“, führt Birgit Kofler auf358 – sind diese Frauen etwa infantil? Die Hetze gegen Kinderlose ist irrational und unbegründet; ich zitiere aus dem Buch von Kofler, um zu zeigen, dass hinter der Kinderlosigkeit Verantwortung stehen kann: „Für viele Medien und Politiker gelten kinderlose Frauen als verantwortlich für das drohende Pensionsdesaster. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Diese meist kontinuierlich berufstätigen Frauen konsumieren nicht nur im Laufe ihres aktiven Lebens deutlich weniger Sozial- und Transferleistungen aus den öffentlichen Kassen, sondern tragen mit ihren Steuern und Sozialabgaben ganz wesentlich zur Finanzierung öffentlicher Ausgaben bei.“359 Hier noch ein paar Beispiele, die beweisen, wie verantwortlich es sein kann, Nein zu sagen:  „Verbrauchst du Atomstrom?“ „Kaufst du Billig-Klamotten?“ „Isst du GenSojaprodukte?“ „Kaufst du MÜLLER-Produkte?“  Ein Kind fragt: „Darf ich Computer spielen/Fernsehen gucken?“  Ein Alkoholiker fragt: „Kannst du mir ein bisschen Geld leihen?“  Oder ein höfliches „Nein, danke“ ist angebracht, wenn mir jemand etwas anbietet, das ich nicht möchte, z.B. eine Zigarette oder ein alkoholisches Getränk, einen süßen Nachtisch etc. (mit dieser Art der Zurückweisung haben wir Deutschen die geringsten Probleme).  Ein klares, nicht unbedingt höfliches Nein ist immer wieder unerlässlich, um anderen Grenzen zu setzen: „Nein, ich will nicht, dass du mich anfasst/küsst“ etc.  Sich selbst gegenüber muss man auch mal Nein sagen können, das gehört zur Selbstdisziplin, z.B.: „Nein, ich gebe nicht auf“, „Nein, ich flirte nicht mit diesem Mann/mit dieser Frau, obwohl ich große Lust dazu habe, aber ich bin

357

s. Keese (2006), S. 152. Keese verrät nicht, was genau seine genannten Kriterien genau bedeuten sollen, vor allem frage ich mich, was „emotional" in der Lage sein heißen soll. Zumindest sollte einer, der so etwas schreibt, selber ein Vorbild sein. Ob nun Keese Vater ist, weiß ich nicht. Der Klappentext seines Buches beschreibt die Stationen seiner Bilderbuch-Karriere; von Kindern: kein Wort. 358 s. Birgit Kofler: Kinderlos, na und? Kein Baby an Bord. Wien 2006. Klappentext. 359 ebd.

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meiner Partner/in verpflichtet“, „Nein, ich trinke nichts/ nehme keine Drogen“ etc. Aber auch bei Fragen, ob man diese und jene Aufgaben übernähme, wäre es unverantwortlich, immer Ja zu sagen: Das kann nicht funktionieren. Jede hat nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung (Zeit, Geld, Nerven), und so sollte sie sich überlegen, wofür sie sie ausgibt. Man trägt auch eine Verantwortung sich selber gegenüber, und bevor man sich etwas aufhalst, was man eigentlich gar nicht will, sollte man sich sehr genau fragen, welche Motive man hat, um Ja oder Nein zu sagen. Es ist legitim, Nein zu sagen, aber es kommt darauf an, sich der eigenen Wünsche und Prinzipien bewusst zu sein. 8.14.1 Verantwortung und Geduld „Aber wie kommt es zu dem Mut, sich einzubilden, dass man die Welt verbessern kann? [...] Durchgängig kommt bei Engagierten der Glaube zum Vorschein, dass sie mit einer Verantwortung für das Ganze betraut sind.“360 Wenn nun aber andere diesen Glauben nicht teilen? Wenn andere sich dafür entscheiden, gleichgültig oder unvernünftig zu sein? Verantwortung fordert auch Toleranz, Respekt und Geduld zu üben. Richters Mahnung zur Geduld bei der zivilgesellschaftlichen Entwicklung gilt für jede einzelne: „Es geht nur mit Geduld. Der Wandel braucht eine sehr breite Basis in der Bevölkerung, und dazu müssen Einsicht und Entschlossenheit erst heranwachsen. Es geht nicht mit einem Ruck und unbesonnenem Aktionismus, allerdings auch nicht mit ideologischen Dogmen. Ganz wichtig ist das Einüben von Gleichheit und Ebenbürtigkeit in den Planungen und in der Organisation des Ganzen.“361 Zugleich aber warnt Richter vor „passivem Stillhalten“ – Geduld ist eben nicht passiv, sondern beruht auf bewusster, aktiver Demut. Passivität führe zu Pessimismus. „Aktive Einmischung“ dagegen bringe Zuversicht hervor. „Die Einmischung sollte das Pro, das Engagement für das Bessere, der unentbehrlichen Kritik am Falschen voranstellen.“362 8.14.2 Einzig: meine Wahl Beginnen wir mit dem einfachsten: Alltägliche Verrichtungen, über die jedeR alleinverantwortlich entscheidet, können auf Dauer eine beträchtliche Auswirkung haben. Damit meine ich weitaus mehr als nur den Müll zu trennen - z.B. • Ziehe ich einen Wollpulli an oder stelle ich die Heizung höher? Lüfte ich mit gekipptem Fenster oder per Stoßlüften? • Trinke ich Apfelsaft oder Orangensaft?363 Wie oft esse ich Fleisch?364 • Trockne ich meine Wäsche elektrisch oder an der frischen Luft? Wie lange dusche ich? • Wie oft mache ich Flugreisen? Und wenn, sorge ich für Ausgleichsmaßnahmen?365 360

Horst Eberhard Richter: Krise der Männlichkeit. S. 274. ebd., S. 261. 362 ebd., S.275. 363 Um einen Liter Orangensaft herzustellen, werden mehr als 1000 l Wasser verbraucht. 364 Ein Zwanzigstel der Getreidemenge, die an Vieh verfüttert wird (600 Millionen Tonnen), würde ausreichen, um alle hungernden Menschen auf der Welt satt zu machen (vgl. Docummun 2006, S. 185). 365 z.B. wie unter www.atmosfair.de oder www.plant-for-the-planet.org vorgeschlagen und vorgerechnet wird. 361

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Beziehe ich Atomstrom oder Ökostrom? (beides kostet für Privatverbraucher gleich viel) Kaufe ich ökologische Lebensmittel / Kosmetika / Textilien / Baustoffe? Wie oft kaufe ich neue Möbel/ modische Kleidung/ neue Computer usw.? Es gibt ganze Bücher mit solchen Öko-Tipps...366

Die meisten dieser Maßnahme kosten weder Geld noch psychologische Schmerzen. Man muss nur einfach seine Gewohnheit ändern, und das kostet i.d.R. nur 15 Tage lang Aufmerksamkeit, dann ist eine neue Gewohnheit entstanden. Wir sollten hier auf Aufklärung und Beratung der VerbraucherInnen zielen, z.B. durch Werbekampagnen. Schwierig, ja scheinbar grausam wird es, wenn wir ans „Eingemachte“ gehen und versuchen, uns selbst zu verbessern. Hier handelt es sich nicht um einen Angriff auf einfache Angewohnheiten, sondern auf den „individuellen Lebensstil“, der so tief in der Psyche verankert ist, dass viele fester daran hängen als an sonst etwas in der Welt. Gleichwohl: Wenn ich eine der folgenden Fragen negativ beantworten muss, so hätte ich als selbst-verantwortlicher Mensch für eine sofortige Korrektur meines Lebenswandels sorgen:  Ernähre ich mich gesund?367 Esse ich nur, wenn ich wirklich Hunger368 habe?  Verzichte ich auf Genussmittel (Alkohol, Rauchen, Zucker, Tabletten, Kaffee etc.)?  Tue ich genug, um meinen Körper fit und gesund zu halten?  Lese ich förderliche Literatur? Welche (Weiter-)Bildung verfolge ich?  Schule und pflege ich meinen Geist?  Welche Ziele verfolge ich? Was investiere ich in mich selbst?  Achte ich auf ausreichende Entspannung und Erholung? Die Beachtung all dieser Dimensionen ist unverzichtbar für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Diese Verantwortung trage ich ganz allein. Allein das Weglassen von Genussmitteln kann mörderische Disziplin kosten – aber wie groß ist der Gewinn, nicht nur körperlich: Ich selbst erlange bedeutend mehr Klarheit, Energie, Sensibilität, Geduld, und darüber freuen sich auch meine Mitmenschen. Das Entfalten dieser Qualitäten macht für mich den wahren „Lebensstil“ aus, wenn auch die „Belohnung“ hier nur indirekt erfolgt: wachsendes Vertrauen, sich vertiefende Nähe zu anderen Menschen, Freundschaft, Liebe... Einen ähnlich großen Unterschied können selbstkritische Fragen bewirken, die Beziehungen betreffen – die Fragen nach meiner Verantwortung in Beziehungen: • Wie kommen meine Worte bei dem anderen an? Was bedeuten sie für ihn? Was bedeutet mein Schweigen/meine Mimik, meine Körpersprache für ihn? • Halte ich, was ich versprochen habe? • Mache ich mit bei einem Drama? Welche Rolle spiele ich? Opfer? Verfolger? Retter? • Wie kann ich aussteigen? Welche (nicht-linearen) Alternativen gibt es?

366

vgl. greenpeace-magazin 1/06, oder www.greenpeace-magazin.de – Kampagne „Tu was!“ vgl. meinen Aufsatz im Anhang. 368 In der Überflussgesellschaft werden durch Überernährung, Übersäuerung und Wassermangel verursachte Magenschmerzen oft mit Hunger verwechselt. Oft genügt es, einen halben Liter Wasser zu trinken, um den vermeintlichen Hunger auszutreiben. 367

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Welchen Prinzipien diene ich? Welche sind mir bewusst, wie verhalte ich mich unbewusst? Wie setze ich mich für mich und andere ein? Zeige ich Zivilcourage, wenn sie gebraucht wird? Wo verhalte ich mich solidarisch? Wo wird was gebraucht? Was gebe ich dazu? Was brauche ich? Wen frage ich danach? Kann ich annehmen, was mir gegeben wird? Kann ich anerkennen, was ist? Kann ich akzeptieren, eine Absage zu bekommen? Wie stehe ich dafür gerade, wenn ich etwas vermasselt habe? Welche Fragen stelle ich? Wie formuliere ich sie?369 Wie kann ich meine Fragen umdrehen?370 Gebe ich mich mit Ausreden zufrieden? Werde ich unbequem, wenn es sein muss? Bin ich bereit, mich selber in Frage zu stellen? Bin ich bereit, schlecht auszusehen? Frage ich nach dem, was ich brauche? Setze ich Grenzen? Wie? Drücke ich meine Gefühle aus? Wie?371 Wo halte ich etwas zurück? Achte ich darauf, andre nicht unnötig zu verletzen? Wie kann ich meine Wut zügeln?372 Wie erfülle ich mein Leben? Wie kann ich in Würde und Frieden sterben?

Wer diese Fragen ernst nimmt, ist ein wahrer Friedenskämpfer und Weltverbesserer.

369

Es gibt eine große Bandbreite zwischen geschlossenen und offenen Fragen: Auf geschlossene (dualistisch) Fragen kann die andere mit Ja oder Nein antworten. Zu diesem Fragetyp zählen auch Fragen, bei denen der Fragende die Antwortmöglichkeiten selbst vorgibt: „Siehst du das als A oder als B oder als C?“ Mit dualistischen Fragen überstülpt der Fragende seine Sichtweise auf die Gefragte; deshalb handelt es sich um einen tendenziell narzisstischen Fragetyp. Auf der anderen Seite des Frage-Spektrums stehen offene Fragen, die die Fragende dazu einladen, sich zu öffnen und mitzuteilen: „Wie siehst du das?“ 370 Byron Katie hat ein System entdeckt, das es aufdeckt, wenn der Fragende versucht, seine Verantwortung durch Fragen auf andere abzuwälzen, z.B.: „Warum hast du mir das angetan?“ Katie lehrt, solche Frage „herumzudrehen“: „Warum habe ich mir das angetan?“ und immer weiter nachzufragen, bis eine neue, eigenverantwortliche Sicht auf die Welt möglich ist. Katies nennt ihre dekonstruktivistische Methode „The Work“, um auszudrücken, dass sie auf transformative Arbeit zielt. (Vgl. Kriben Pillay: Radikales Erkennen. Transformation im täglichen Leben durch „The Work“ von Byron Katie. Berlin 2002.) 371 Zehn Sekunden reichen i.d.R. aus, um ein Gefühl und eine dahinter stehende Wahrheit mitzuteilen; wie man das auf verantwortliche Weise handhabt, wird in diesem Buch sehr gut beschrieben: Gay Hendricks: Das Bingo! Prinzip. Wie Sie mit kleinen Erkenntnissen wichtige Weichen in Ihrem Leben stellen. München 2000. Allerdings bringt es wenig, Ratgeber-Bücher zu lesen; eine nachhaltige Wirkung können nur Trainings erzielen. 372 „Wenn es heißt, wir sollen unsere Wut und unsere anderen negativen Gedanken und Gefühle zügeln, dann bedeutet das aber nicht, dass wir unsere Empfindungen verleugnen sollen. Zwischen Verleugnung und Einschränkung gibt es einen wichtigen Unterschied. Einschränkung bedeutet eine bewusste und freiwillige Selbstdisziplin, die aus der Einsicht entsteht, dass es vorteilhaft ist, sie sich aufzuerlegen. Das ist etwas ganz anderes als wenn jemand Gefühle wie zum Beispiel Wut unterdrückt, weil er oder sie glaubt, einen beherrschten Eindruck machen zu müssen, oder Angst vor dem hat, was andere denken könnten. So ein Verhalten ist, als würde man eine Wunde zunähen, die noch infiziert ist. Auch hier spreche ich nicht davon, eine Regel zu befolgen. Wo verdrängt und unterdrückt wird, da besteht meiner Meinung nach die Gefahr, dass die betreffende Person ihren Ärger und ihren Widerwillen einfach aufstaut. Und das Problem besteht darin, dass sie eines Tages plötzlich feststellen muss, dass sie diese Gefühle nicht mehr zurückhalten kann.[...] Das Entscheidende ist, dass wir differenzieren, und zwar sowohl bezüglich der Empfindungen, die wir äußern, als auch in Hinsicht darauf, wie wir sie äußern.“ (s. Dalai Lama: Das Buch der Menschlichkeit. Eine neue Ethik für unsere Zeit. Bergisch Gladbach 2000. S. 113f.)

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8.14.3 Geballte Macht von Konsumenten Der vernetzte Kunde ist König. Per E-mail-Kampagne kann die Masse der Kunden sogar große Konzerne zum Einlenken bringen. Auf diese Weise können wir nicht nur erzwingen, unverschämte Preiserhöhungen beim Benzin zurückgenommen werden. Das Potential ist viel größer: fairer Handel, pestizidfreie Lebensmittel, faire Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter, giftfreie Kleidung, umweltgerechte Produktion - so vieles ließe sich mit konzertierten Aktionen erreichen. Der Gesetzgeber sollte zusätzlich stärker für die ordentliche Vergabe von Produkt-Labels und deren Kontrolle sorgen: Energie-Verbrauch, blauen Engel, fair trade und BIO sind dafür Vorbilder; weitere, differenziertere Labels und gesetzliche Kennzeichnungspflichten für Ausbeutung, Kinderarbeit, Raubbau, Sozialkosten, ökologische Kosten, Zuckergehalt, gentechnisch manipulierte Inhaltsstoffe, Belastungen durch Radioaktivität/Pestizide usw. sollten hinzukommen. Die Informationsgesellschaft sei auszubauen! 8.14.4 Handeln und Nichthandeln. In diesem Buch sind nur einige Erkenntnisse verschiedener Experten und ergänzende Ideen eines Einzelnen umrissen – eines Menschen, der nicht viel weiß, nicht viel überblickt, ein wenig zu lesen und zu zitieren vermag, ein wenig Feedback und Training zu nutzen versucht. All diese Vorschläge sind nichts als ein Beitrag zur Diskussion, die überall stattfindet, wo politisch Interessierte zusammen sind, z.B. in Parteien, Internet-Foren, aber auch in projektbezogenen Initiativen vor Ort. Wer manche dieser Ideen ernst nehmen will, möge handeln – antworten, diskutieren, etwas umsetzen, etwas ändern, sich für etwas einsetzen oder etwas Neues initiieren. Die Tat ist das, was zählt. Aber eine Tat, die im falschen, unbewussten Kontext verübt wird, geht fehl. Deshalb rate ich zu Bedachtsamkeit. Wer sich des rechten Kontextes nicht in Form von Feedback versichert hat, d.h. sich nicht bewussten Prinzipien unterworfen hat, möge das NichtHandeln als bessere Option wahrnehmen. Mit Nicht-Handeln meine ich nicht das Nichtstun. Nichtstun ist von Faulheit geleitet. Nicht-Handeln ist Ausdruck von Disziplin. Wer etwas unbewusst tut oder nicht tut, lässt sich von der Maschine seiner Psychologie benutzen, also von neurotischen, selbstsüchtigen Motiven. Wenn wir sofort auf etwas reagieren, so sind wir vom Automatismus unserer Maschine geleitet. Merkmal dieses unbewussten Mechanismus’ ist es, dass seine Reaktion innerhalb von fünf Sekunden erfolgt. So vertun wir den Großteil des Lebens im Joch unserer Maschine und meinen, wir würden es richtig machen. Auch eine Meinung, die sofort da ist, beruht eher auf Vorurteil als auf Bildung. Erst wenn wir einen Augenblick warten, einen Abstand gewinnen, haben wir die Chance, bewusst zu handeln. Wer bewusst handelt oder nicht-handelt, dient einem bewussten Prinzip. Im Zweifelfalle sollten wir also nicht-handeln; das bedeutet - die äußeren Reize nur wahrnehmen, ohne sofort zu reagieren; - den ersten, automatischen Impuls zum Tun wahrnehmen, ohne ihm zu folgen; - die eigene Maschine des Denkens und Drängens in den Leerlauf schalten; - nichts sagen, also nicht jemanden unterbrechen, anblaffen, beschuldigen, schlagen, manipulieren, sich rechtfertigen; - nicht den Raum verlassen; - nicht vorschnell „Konsequenzen“ ziehen; - inne halten; spüren; - Gefühle, Schmerz und Verletzung wahrnehmen;

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bei mir und bei der anderen; anerkennen, was ist; zuhören; Geduld üben; mit den Problemen in Beziehung gehen...

Nicht-Handeln erfordert höchste Disziplin. Mit Nicht-Handeln, mit einem Verlangsamen der Reaktionen, mit einer „Entschleunigung“373 des Lebens wäre bereits viel gewonnen!

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diesen Begriff habe ich übernommen von: Fritz Reheis: Entschleunigung. Abschied vom Turbokapitalismus. München 2003.

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9 Vision Wir Deutsche! Wir sind Türken, Kurden, Russen, Amerikaner, Immigranten aus aller Welt und eingeborene Deutsche; wir sind Raser, Alkoholiker, Depressive, Schuleschwänzer, Faulpelze, Bildschirm-Junkies, Steuerhinterzieher, Verräter, Gewalttäter, Neonazis und alle anderen Arten von Arschlöchern, Süchtigen und Drama-Aktivisten. Aber wir sind mehr als das. Tiefe und Herrlichkeit können aus uns leuchten. Wir Deutsche können stolz sein, dass Menschen in unser Land kommen wollen, weil sie unsere Lebensbedingungen schätzen. Unter dem Dach von menschlicher Würde und gegenseitigem Respekt führen wir verschiedene Kulturen zusammen. Wir können stolz sein auf unsere Forschung und Technologien, die weltweit begehrt sind, weil sie die Menschen mit umweltfreundlicher Energie versorgen und helfen, Natur und Gesundheit zu schützen. Wir Deutsche können stolz darauf sein, die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen: wir bauen unsere Gesellschaft und Arbeit so um, dass wir Platz für Kinder schaffen und Lust für Erwachsene, Eltern zu werden; unsere Rüstung sind nicht Waffen, sondern Bildung, die wir neu und besser aufbauen, damit sie den Bedürfnissen von Kindern gerechter wird und zugleich die Anforderungen der Zukunft erfüllt; und wir sichern einer großen Zahl alter Menschen einen menschenwürdigen Lebensabend. Wir können stolz darauf sein, damit angefangen zu haben, die Netzwerk-Demokratie aufzubauen, die für mehr Gerechtigkeit sorgt, die Menschenrechte garantiert und Vorbild ist für andere Nationen, so dass eine vernetzte Weltgesellschaft daraus erwächst. Deutschland steht für Frieden, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz. Doch diese Prinzipien können wir nicht allein umsetzen. Wir sind ein Teil Europas und ein Teil der Welt. Demütig gestehen wir ein, dass unsere Macht gering ist. Demütig suchen wir in der EU und in der UN Zusammenarbeit, Partnerschaften und Gemeinschaft für diese großen Ziele. Demütig gewahren wir, dass unser Wissen begrenzt, unsere Weisheit fehlbar ist. Doch die Würde und Ehre gebieten, dass sich jeder entwickelt und verbessert und so, wie es ihm möglich ist, Verantwortung übernimmt. Kraftvoll packen wir gemeinsam an, tragen wir mit an den Bürden dieser Welt, erhalten diesen Planeten lebendig und fruchtbar, sorgen für seine Zivilisation, so dass wir ihn guten Gewissens unseren Kindern übergeben können. Wir leisten unseren Beitrag, und wir geben mehr als das, wir geben unsere Liebe für unsere Kinder und die Welt. Darauf können wir wirklich stolz sein – aber eigentlich brauchen wir diesen Stolz nicht. Die Erfüllung mit Liebe und Dankbarkeit reicht uns zum Glücklichsein.

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10 Nachwort Woher nehme ich den Optimismus? Ist es nicht vermessen, wenn ich erst alles so schwarz male, um auf diesem Morast dann die fröhlichste Utopie aufzubauen? Im Prinzip: Ja. Aber ich baue auf die Zwischentöne – zwei Beispiele: Wenn wir bei einem Beamten oder einer Angestellten etwas erreichen wollen, ist Bestechung tabu. Und der Neoliberalismus muss seine Macht auf Angst und Manipulation gründen, denn überzeugte Anhänger hat er wenige. Darauf können wir aufbauen. Wir haben ein großes politisches Vakuum in der Gesellschaft. Die Menschen sind nicht von der Politik an sich frustriert, sondern von den herrschenden Parteien, zu denen es scheinbar keine Alternative gibt. Ich bin mir gewiss, dass wir mit einer neuen, humanen Vision und einem realistischen Programm das Vertrauen der zurückgezogenen Menschen gewinnen und sie zur Teilnahme an einer demokratischen Gesellschaft motivieren könnten. Allerdings müssten die Menschen verzichten lernen auf die große Staatsfrau, die die Geschicke des Landes in die Hand nimmt. Deutschland braucht keine Führerin (und erst recht keinen Führer), sondern eine vernetzte Demokratie, die jeder die Möglichkeit zur Teilnahme und Mitbestimmung bietet. Sind die Deutschen dafür reif? Ich weiß es nicht. Nach Wilber haben bei weitem nicht genügend Menschen die erforderliche Sekundärschicht des Bewusstseins erreicht.374 Wir haben noch lange keine grüne Mehrheit in der europäischen Bevölkerung. Doch wie Ducommun feststellt, waren politische Visionäre ihrer Zeit oft voraus und haben den Weg gewiesen: So wurden die grünen Menschenrechte zu einer Zeit in die amerikanische und französische Verfassung geschrieben, als diese Gesellschaften erst noch die orange Welle heranbilden und kräftigen mussten – könnte da nicht in unserer Zeit, da die grüne Welle sich aufbaut, langsam schon eine gelbe Programmatik aufkommen? Immerhin sprechen die ersten Netzwerke für eine integrale Politik dafür. Zudem öffnen sich viele Menschen der Transformation und übernehmen Verantwortung für ihr Leben und ihre Beziehungen. Jede Erwachsene hat eine Verantwortung für die Gesellschaft, deren Teil sie ist. Diese Verantwortung führt zu unterschiedlichem Engagement in zivilgesellschaftlichen Organisationen. Können wir diese Verantwortung nicht hochwachsen lassen in die Politik und die staatliche Führung? Wir haben doch eine Demokratie, warum nutzen wir sie so wenig? Warum entwickeln wir sie nicht weiter? Wer Liebe in sich spürt, möge diese Liebe ausdehnen! - In diesem Buch habe ich nichts anderes beschrieben als Bereiche des Menschlichen, in denen Liebe und Einsatz gebraucht werden. Im Prinzip wartet die ganze Welt darauf. Aber jede sollte erst einmal bei sich selbst anfangen! Das sollte uns unterscheiden von der 68er-Generation, die glaubte, die Politik herumreißen, die Institutionen stürmen zu können, ohne an sich selbst zu arbeiten, ohne selbst die Mühe der Transformation auf sich zu nehmen. Manche der abgehalfterten Revolutionäre haben es auf der Karriereleiter in hohe Positionen geschafft, und ihre Schattenseiten beherrschen uns alle mit. Wenn wir aus ihrem Fehler lernen, Transformation und Geduld walten lassen, dann glaube ich, dass wir Grund zur Hoffnung haben.

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In Europa überwiegt die orange Welle, grün und blau sind große Minderheiten, und die gelbe Welle, die wir brauchen, um die Gesellschaft voranzuspülen, ist noch zaghaft dabei, sich aufzubauen. (s. Ken Wilber: Ganzheitlich handeln. S. 135.

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