Deutsche Sprache Ein Schnellkurs

July 24, 2017 | Author: tereno4 | Category: German Language, Languages Of Europe, Semiotics, Languages, Linguistics
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DUMONT

DUMONT

DEUTSCHE SPRACHE S T A D T B IB LIO T H E K S t e g ld z

Z e h le n d o rf

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...

E 1 11 S c h l l ß H - K U r S

lflgcbo'g-Ofewitz-BihHo*hek

Herbert Genzmer geboren 1952 in Krefeld, studierte Linguistik in Berlin, Düsseldorf und Berkeley, Kalifornien, wo er 1987 promovierte. Er lebt als Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber in Krefeld und Tarragona, Spanien. 1995 erschien seine Grammatik der deutschen Sprache, »Sprache in Bewegung«.

Vorwort Exkurs: Von der Entstehung der Sprache

9 10

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

12

Indoeuropäisch - eine prähistorische Ursprache Völker wandern Verwandtschaftsbeziehungen Volk und Sprache Linguistische Kriterien zur Bestimmung der Urheimat Sprache als eigenständiger Organismus Kein Volk: die Germanen Urgermanisch Die Erste Lautverschiebung Das Vernersche Gesetz Änderung der Akzentverhältnisse Die Bildung der schwachen Verben im Germanischen Die Präterito-Präsensverben Das Verbalsystem reduziert sich Entwicklung der Nomina Wie das Germanische sich gliedert und zu Deutsch wird Exkurs: Das Wort »Deutsch« Gotisch Krimgotisch, eine ausgestorbene Inselsprache Exkurs: Entwicklung der Schrift

12 13 16 20 20 22 24 26 27 29 31 31 32 33 34 34 36 38 39 42

Das Mittelalter - Althochdeutsch

46

Das Ende der Antike Sprache und Text Handschriften in anderen Sprachen Zweite oder Althochdeutsche Lautverschiebung Gründe für die Verschiebung Der Umlaut Artikel aus Demonstrativpronomen Dialekte im althochdeutschen Sprachgebiet Schreiber und Schreibsprache Textsorten Der Einfluss anderer Sprachen Schreiborte Die Texte Die nachkarolingische Zeit Übergang zur frühmittelhochdeutschen Literatur Sprachliche Entwicklung in den Niederlanden Exkurs: Dialekte

46 46 48 50 52 52 54 56 59 60 62 63 65 72 74 79 80

Mittelhochdeutsch

82

Entwicklung einer Nationalsprache Die wichtigsten sprachlichen Eigenarten des Mittelhochdeutschen Vokalwechsel durch Hebung Vokalwechsel durch Senkung Neuerungen im syntaktischen Bereich Mittelhochdeutsche Dichtersprache Sprachliche Entwicklung in Norddeutschland Einflüsse anderer Sprachen Die Kolonisation des Ostens Das Rittertum Die Minne Walther von der Vogelweide Meistersang Mittelhochdeutsche Literatur Formen des mittelalterlichen Dramas Entwicklung in der Schrift Jiddisch Exkurs: Deutsch für Pferde

82 83 84 85 85 86 88 89 91 93 94 97 98 99 103 103 103 106

Frühneuhochdeutsch

108

Zwischen Mittelalter und Neuzeit Humanismus Beschäftigung mit Sprache Entwicklungsmerkmale des Frühneuhochdeutschen Sprachliche Merkmale Vokaldehnung Frühneuhochdeutsche Diphthongierung Frühneuhochdeutsche Monophthongierung Hochdeutscher Aussprachewandel von s >sch Veränderungen der Syntax Kanzleisprache Der »Vater der deutschen Sprache« - Martin Luther Flugblätter und Flugschriften Deutsch für die Wissenschaften Sprachliche Entwicklung in der Schweiz Frühneuhochdeutsche Literatur Exkurs: Vom Sauberhalten der Sprache

108 109 111 112 112 113 114 114 115 115 116 117 119 120 122 123 125

Der Weg zum Neuhochdeutschen

Nationalsprache im Barock Grammatiken, Wörterbücher und andere Werke zur deutschen Sprache Die Aufklärung Literatur vom Barock bis zur Aufklärung Französisch und Deutsch Englisch und Deutsch Das 19. Jahrhundert Die Suche nach einer schriftlichen Norm Orthografie Interpunktion Das Deutsch der Gegenwart

Drei große Veränderungen des Sprachraums Expressionismus Dada Deutsch im Nationalsozialismus Normierung der Sprache in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s Präteritum vs. Perfekt Deutsch in der DDR Dichtung in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s Die Rechtschreibreform Ist Schreiben wie Sprechen? Neue Formen der schriftlichen Kommunikation

128 128 129 132 134 138 140 141 142 142 144 146 146 147 149 151 154 156 156 158 159 164

Das Vaterunser

168

Definitionen

172

Anhang Bibliografie Abbildungsnachweis Personenregister Orts- und Sachregister

184 185 186 188

Abkürzungen und Sonderzeichen in der Germanistik, wie sie in diesem Buch verwendet werden:

Akk.

Akkusativ

m.a.W.

mit anderen Worten mitteldeutsch

abair.

altbairisch

md.

afränk.

altfränkisch

mhd.

mittelhochdeutsch

ags.

angelsächsisch

mnd.

mittelniederdeutsch

ahd.

althochdeutsch

Neutr.

Neutrum neuhochdeutsch

altind.

altindisch

nhd.

alem.

alemannisch

niederl.

niederländisch

as.

altsächsisch

Nom.

Nominativ

bair.

bairisch

nd.

niederdeutsch

dän.

dänisch

obd.

oberdeutsch

Dat.

Dativ

Part.

Partizip

dt.

deutsch

Perf.

Perfekt

engl.

englisch

Pers.

Person

Fern.

Femininum

PI.

Plural

fränk.

fränkisch

R. F.

Rheinischer Fächer

französisch

russ.

russisch

franz. Gen.

Genitiv

schwed.

schwedisch

germ.

germanisch

serb.

serbisch

got.

gotisch

Singular

griech.

griechisch

sg. span.

spanisch

i.e.

indoeuropäisch

Spr.

Sprache

Inst.

Instrumentalis

tschech. tschechisch

ital.

italienisch

ungar.

ungarisch

Jh.

Jahrhundert

VS.

versus, gegen

Jt.

Jahrtausend



Asterisk, kennzeichnet eine

lat.

lateinisch

Mask.

Maskulinum

vermutete Aussprache

Vorwort

Vom Deutschen sagt man, es sei eine merkwürdige Sprache, denn immer dann, wenn es ernst wird, hört man die Leute sagen: »Das kann ja heiter werden.« Die Geschichte der deutschen Sprache ist, wie die Geschichte jeder Sprache, immer die Geschichte der Menschen, die sie sprechen. Menschen schaffen sich einen sprachlichen Raum, in dem sie leben, arbeiten und sich bewegen. Mit diesen Aktivitäten formt sich die Sprache und bricht sich eben den Raum, in dem sie lebt. Die Ge­ schichte der Sprachentwicklung zeigt, dass verschiedene neben­ einander existierende Sprachen sich durch ihre Sprecher und deren Verkehr untereinander gegenseitig beeinflussen. Dieses Buch über die deutsche Sprache zeigt sowohl ihren inneren wie ihren äußeren Bau, denn beide haben die Sprache gestaltet und zu dem gemacht, was sie heute ist. Die Einflüsse wechseln sich ab, wie die Zeiten sich ändern, einmal nimmt die Sprache verstärkt äuße­ re Einflüsse auf, dann wieder gewinnt sie an Selbstständigkeit und strahlt nach außen ab. Dieses dynamische Wechselspiel wird hier gezeigt. Dabei soll ein kompaktes Buch wie dieses nicht mehr leisten als eine Einführung in das Thema. Die dargestellte chronologische Abfolge der deutschen Sprache von ihren indoeuropäischen Wurzeln über das rekonstruierte Germanisch zu den Anfängen des Deutschen, wie wir es heute kennen, dem Althochdeutschen, weiter über das Mittelhochdeutsche zum Frühhochdeutschen und bis zum Deutschen, wie es derzeit in seiner großen dialektalen Vielfalt in Wort und Schrift gelebt wird, zeigen die Eigenarten des Zustands der Sprache in der jeweiligen Epoche auf. Die Textbeispiele geben ein deutliches Bild von Lautstand und Schriftsprache in ihrer jeweiligen Zeit. Die zahlreichen Fachbegriffe, die in der Linguistik zur Eingrenzung von Spracheigenschaften und -besonderheiten verwendet werden, habe ich in einem Instrumentarium an das Ende des Buches gesetzt, sodass der Leser es als Glossar für sich nutzbar machen bzw. an ent­ sprechender Stelle im Buch direkt dort nachschlagen kann. Ich danke Dr. Helga Bister-Broosen für ihre Zeit, die Gespräche zum Thema und ihre vielfältigen Anregungen. Herbert Genzmer

Von der Entstehung der Sprache

»Schon als Tier hatte der Mensch

reißen der Nahrung dienen - die Vo­

Sprache.«

raussetzungen für geordnete Laut­ Johann Gottfried Herder

bildung war gegeben, denn der Arti­ kulationsapparat bildete sich derart

In der Entwicklung von menschlicher

aus, dass er überhaupt in der Lage

Sprache spielt die Hand als Instru­

war, differenzierte Laute zu produzie­ ren. So erklärte der amerikanische

ment eine wesentliche Rolle. Die Hand diente den Primaten zur Fort­

Linguist Philip Lieberman, der Nean­

bewegung, sie diente ihnen als Ar­

dertaler habe nicht die anatomischen

beitsinstrument und war ihr Mittel

Voraussetzungen für die menschliche

zur Verständigung, die ursprünglich

Sprache besessen. Andererseits hat­

gestisch gewesen sein muss. Noch

te sich der Neandertaler bereits aus

wichtiger wurde dieses Glied, als der

dem Tierreich entfernt, darauf ver­

Mensch die Angewohnheit des klet­

weisen die Werkzeuge, die er sich

ternden Tiers aufgab und sich auf­

schuf und verwendete, oder der Be­

richtete: die Hände wurden frei und

stattungskult, den er zelebrierte.

konnten noch gezielter als Instru­ mente eingesetzt werden. Da die

Der russische Sprachwissen­ schaftler Nikolaj Jakowlewitsch Marr

Hand aber frei war, setzte gleichzei­

(1865-1934) geht davon aus, dass

tig der Prozess der Rückbildung der

die Gestik allein nicht zur Verständi­

Kieferknochen ein, denn Mund und

gung ausgereicht hat, sondern dass

Zähne mussten nicht mehr zum Zer­

sie schon früh und in einer komple-

Die Neandertaler verfügten bereits über Werkzeuge und zelebrierten einen Bestat­ tungskult; ob ihr Artikulationsapparat in der Lage war, differenzierte Laute zu produzie­ ren, ist allerdings fraglich.

11

Wichtige Sprachwissenschaftler des 19. Jh.s und ihre Werke: Friedrich Schlegel: Über die Sprache und Weisheit der Inder, 1808 Franz Bopp: Über das Konjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache, 1816 Jacob Grimm: Deutsche Grammatik, 1819-34 Jacob Grimm: Geschichte der deutschen Sprache, 1845 Friedrich Dietz: Grammatik der romanischen Sprachen, 1836-44 Karl Brugmann: Kurze vergleichende Grammatik der indogermanischen Sprachen, 1904

xer werdenden Umwelt von Lauten

langte auch das Lautsystem immer

begleitet wurde. Diese noch relativ

größer werdende Differenzierung und

ungeordneten Laute müssen eine

Präzisierung, Vokale und Konsonan­

Bestärkung der Geste gewesen sein,

ten wurden unterschieden - nicht

eine besondere Hervorhebung. Marr

nur gegeneinander, sondern auch in­

stellte die These auf, dass Laute sich

nerhalb eines Vokals durch Hervor­

dann auf der Ebene magischer oder

hebung, Längung und Kürzung.

kultischer Handlungen weiterentwi­

Unterschiedliche Lebensbedingun­

ckelt hätten. Mit dem Mund, der nun

gen mit jeweils anders gearteten ter­

dazu zunehmend in der Lage war,

ritorialen Eigenschaften ließen ver­

wurden vorerst willkürliche Laute

schiedene Sprachen entstehen, die

hervorgebracht, die die Tätigkeit der

alle den einen Apparat zur Produkti­

kommunizierenden Hände begleite­

on von Lauten benutzten, ihn aber unterschiedlich einsetzten. Die zu­

ten. Lexikalisch waren sie seiner Meinung nach zunächst ohne Bedeu­

nehmende Mobilität der Menschen

tung, hätten aber durch die ständige

führte dazu, dass sich die Sprachen

Wiederholung im Laufe der Zeit an

sowie auch die Stämme, ihre Träger

ritualisierter Bedeutung gewonnen,

also, miteinander vermischten. Von

bis ein bestimmter Laut oder eine

nur einer gemeinsamen Ursprache

Lautfolge mit einer bestimmten

auszugehen, kann also nur ein theo­

Handlung zusammenfiel, damit asso­

retisches Konstrukt bleiben, denn

ziiert, wiederholt und systematisiert

Sprache ist kein Naturgeschenk,

wurde, bis schließlich der reine Laut,

sondern eine Schöpfung des Men­

ohne die Anwesenheit des Dings oder des Sachzusammenhangs vo­

schen. Er schuf sie sich auf der Grundlage seiner Lebens- und Um­ weltbedingungen und je komplexer

rauszusetzen, auf den er Bezug nahm, allein darauf verwies - das sprachliche Zeichen war geboren. Mit zunehmender Komplexität ver­

diese wurden, desto differenzierter gestaltete sich die Sprache.

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

Indoeuropäisch - eine prähistorische Ursprache

Die Geschichte der deutschen Sprache beginnt mit den Indoeuropäern und ihrer Sprache, die, da es keine Dokumente aus dieser Sprache gibt, nur in einer theo­ retischen und rekonstruierten Version existiert. Wie in jener mystischen Zeit vor dem Bau des Turms zu Babel, existiert diese Sprache für unseren Sprachraum monolithisch und unantastbar. Mit ihr und ihren Spre­ chern jedoch beginnt das, was in der Geschichte vom Turmbau berichtet wird: Die Sprache zerfällt in viele miteinander verwandte Fragmente - Einzelsprachen. Gerade deshalb ist Deutsch keine isolierte Sprache, sondern das, was sich heute als Deutsch erweist, ist parallel mit anderen Sprachen gewachsen und hat mit vielen anderen Sprachen derselben Familie im asiati­ schen und europäischen Raum den einen gemeinsa­ men Ursprung: Indoeuropäisch. Die Sprecher dieser prähistorischen Grundsprache wurden nach den östli­ chen und westlichen Völkern, Indern und Germanen, benannt, die sich ihrer bedienten; allerdings ist es nie gelungen, neben der Sprache eine Urkultur dieser Völ­ kergruppe zu rekonstruieren.

Indoeuropäisch /Indogermanisch: Vor allem früher wurde ausschließlich der Begriff Indogermanisch verwendet, der aber heute weitgehend durch Indoeuropäisch ersetzt wurde. Inner­ halb Deutschlands findet man ihn auch heute noch vereinzelt, international allerdings spricht man durchgängig von Indoeu­ ropäisch.

Einer der ersten Wissenschaftler, der die Beziehungen zwischen einzelnen Sprachen, hauptsächlich zwischen dem Gotischen, Griechischen, Lateinischen, Keltischen und Sanskrit entdeckte und systematisch untersuchte und damit zu einem der bedeutendsten Wegbereiter der Indoeuropäistik/Indogermanistik wurde, war Sir William Jones (1746-1794). Sein Buch The Sanscrit Language von 1786 gilt als das erste Werk vergleichender

Indoeuropäisch | Völker wandern

13

Sprachwissenschaft. Es legte den gemeinsamen Ur­ sprung des Griechischen, Lateinischen und Sanskrit dar und deckte darüber hinaus die Verwandtschaft mit dem Gotischen, den keltischen Sprachen und dem Per­ sischen auf. Aus der Kenntnis dieser und weiterer Sprachen schloss man auf eine ihnen zugrunde liegende Grund­ sprache, die aus den bekannten Sprachen rekonstru­ iert wurde. Indoeuropäisch ist also eine von Sprach­ wissenschaftlern des 19. Jh.s ausschließlich durch Rekonstruktion bekannte prähistorische Sprache, Dokumente gibt es nicht.

Sanskrit »Die Sprache des Sanskrit, wie alt sie auch sein mag, ist von wundervoller Struktur. Sie ist perfekter als das Griechische, ergiebiger als das Lateinische und verfei­ nerter und kultivierter als beide, obwohl sie mit beiden starke Verwandtschaftsbande sowohl in den Stämmen der Verben als auch in der Form der Grammatik unter­ hält. Das kann kein Zufall sein. Die Bande sind tatsäch­ lich so stark, dass kein Philologe sie je untersuchen könnte, ohne zu dem Schluss zu gelangen, sie alle müssten von einer gemeinsamen Quelle stammen, die, mag sein, auch nicht mehr existiert.« Auszug aus einem Vortrag von Sir William Jones vom 2. Februar 1886:

Über die Hindus. (Übers. H.G.)

Völker wandern

Porträt von Sir William Jones (1746-1794)

Bestimmte Zweige der historischen Sprachwissen­

aus der »Gallery of

schaften betrachten Sprache als einen von Sprechern

Portraits«, Radierung, 1833, Privatsammlung

unabhängigen Mechanismus oder gar als eigenständi­ gen Organismus. Dabei sind alle Veränderungen, die Sprachen erleben, unabdingbar verbunden mit den Menschen, die diese Sprachen benutzen. Wie sonst sollte man sich den Zerfall einer Sprache und das Ent­ stehen verschiedener neuer Sprachen aus den Resten der anderen vorstellen? Natürlich dauert ein solcher Veränderungsprozess, denn um einen solchen handelt es sich ja und keineswegs um ein Produkt, wie man oft

14

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

Zeittafel der Völkerwanderungen: seit 2000 v. Chr.

Erste Indoeuropäische Völkerwanderung

1800-1200 v.Chr.

Hethiter in Kleinasien

seit 1600 v. Chr.

Wanderung der Arier nach Indien

1425 v. Chr.

Die Achäer erobern Kreta

seit 1200 v. Chr.

Zweite Indoeuropäische Völkerwanderung

um 375 n. Chr.

Einfall der Hunnen in das Gotenreich und Beginn der

476 n. Chr.

Zerfall des Weströmischen Reichs

um 500 n. Chr.

Theoderich der Große und Chlodwig I.

568 n. Chr.

Die Langobarden besiedeln Oberitalien- die Germanische

Germanischen Völkerwanderung

Völkerwanderung endet

glauben lassen möchte - lange Zeit. So verhält es sich auch mit dem Indoeuropäischen, der Ursprache zahl­ loser europäischer und asiatischer Sprachen. Dabei war schon diese Ursprache keine isolierte Sprache, sie war in Kontakt z. B. mit dem Babylonischen, von dem sie höchstwahrscheinlich die Ahnen der deutschen Wörter Stern und Beil entlehnte, überdies die Grund­ lagen für ihr duodezimales Zählsystem. Seit ca. 2000 v. Chr. drangen indoeuropäische Völ­ ker in die Mittelmeerwelt vor und behaupteten sich in Form neuer indoeuropäischer Reiche neben den schwächer werdenden alten. Semitische Völker nutz­ ten den Niedergang der herrschenden Mächte und drangen in deren Gebiete vor - eine Zeit großer Aus­ einandersetzungen im mittelmeerisch-orientalischen Raum begann. Es war eine wesentliche Begleiterschei­ nung dieser Entwicklung, dass für mehr Menschen weniger Raum zur Verfügung stand und die politisch­ kulturellen Verflechtungen von Völkern und Staaten weitaus enger geworden waren als zuvor. Nach dem Jahr 2000 v. Chr. drangen indoeuropäische Stämme wie Ionier und Achäer in Griechenland ein und gründe­ ten Fürstentümer wie Mykenä, Tiryns oder Athen. Diese mykenischen Kulturen exisiterten etwa von 1600-1200 v. Chr. Von dort aus begann ein reger Han­ del mit den Inseln, 1425 v. Chr. eroberten die Achäer

Völker wandern

15

Kreta. In der Folge wurden stark befes­ tigte Burgen wie Mykene angelegt, die sich durch gewaltige Kyklopenmauern mit Fresken nach kretisch-minoischem Vorbild auszeichneten; die Toten begrub man in Kuppelgräbern. Kreta und der Peleponnes erlebten mit der kretischmykenischen Kultur eine Blütezeit. Kleinasien wurde seit etwa 1200 v. Chr. von Stämmen erobert, die Klein­ staaten gründeten und sich später zum hethitischen Reich zusammenschlos­ sen. Teile der ostindoeuropäischen Arier drangen bis nach Indien vor und unterwarfen dortige Kulturen. Ein ande­ rer Zweig dieser Gruppe, Meder und Perser, siedelten sich in Mesopotamien an, gewannen aber erst ca. tausend Jahre später an Bedeutung. Mit der Zweiten Indoeuropäischen Völker­ bewegung setzte die dorische Wanderung ein, die für die Bildung Griechenlands entscheidend werden sollte. Die Dorer unterwarfen die Achäer, während die Ionier sich in Attika behaupteten. Gleichzeitig wurde das hethitische Reich von thrakisch-phrygischen Stämmen vernichtet und das phrygische Reich gegründet, wel­ ches wiederum um 700 v. Chr. von den Lydern ab­ gelöst wurde. Nach dem Abschluss der Zweiten In­ doeuropäischen Wanderung waren Griechenland, Kleinasien und Italien besiedelt, und die Grundlage für die griechische und die römische Geschichte war ge­ schaffen. In Bezug auf die Sprachentwicklung ist all dies ein äußerst vielschichtiger und komplizierter Prozess, der nur wenig mit den klaren und sauberen Stammbäumen der Philologen zu tun hat. Verschiedene Sprachen im Kontakt beeinflussen sich gegenseitig durch Entleh­ nungen, veränderte Aussprachen und immer neue Sachzusammenhänge in der Welt.

Teilansicht des Löwen­ tors der Akropolis von Mykene. Die mykenische Kultur ist eine Mischung aus indoeuropäischen und mediterranen Elemen­ ten.

Frühneuhochdeutsch

stark analytischem zu synthetischerem Sprachbau vollzieht sich auch hier konsequent. Kanzleisprache Unter einer Kanzleisprache versteht man eine von ver­ schiedenen Schreibdialekten verwendete gemeinsame und überregionale Sprachvariante, wie sie von einzel­ nen Kanzleien, etwa der Prager Kanzlei Karls IV., ver­ wendet wird, die aber gleichzeitig auf Prag und einige wenige böhmische Städte begrenzt bleibt. Für die Entwicklung der deutschen Sprache spielt die Kanzlei­ sprache eine große Rolle, da das Sprachgebiet durch eine Vielzahl von Dialekten extrem zersplittert ist. Es ist vor allem die sächsische Kanzleisprache Meißens (manchmal auch Meißnischdeutsch genannt), die die weiteste Verbreitung findet, denn sie bewegt sich hin zu einer Standardsprache, die sich auf der Basis ver­ schiedener regionaler Dialekte entwickelt. Martin Luther orientiert sich in seiner Bibelübersetzung von 1545 an dieser Schriftsprache, und seine Übersetzung hat großen Einfluss auf die deutsche,Schriftsprache. Die Orientierung daran fällt ihm leicht, cfenn er ist in seiner mitteldeutschen Heimat mit dem sächsischen Dialekt aufgewachsen und beherrschte ihn gut. »... ich brauche der gemeinen deutschen Sprache, dass mich beide, Ober- und Niederländer [gemeint sind Norddeutsche, A. d. A.] verstehen mögen. Ich rede nach der sächsischen Canzeley, welcher nachfolgen ale Fürsten und Könige in Deutschland; alle Reichsstädte, Fürsten-Höfe schreiben nach der sächsischen und unseres Fürsten Canzeley.« (M. Luther: Werke, Tischreden, Bd. 1 Weimar 1912:524) Außerdem nimmt der sächsische Dialekt geografisch und linguistisch zwischen den süd- und norddeutschen Dialekten eine Mittelstellung ein. Für die Vereinheit­ lichung und Schaffung einer frühneuhochdeutschen Schriftsprache spielt das eine entscheidende Rolle.

Verwandtschaftsbeziehungen

Indoeuropäische Sprachen 1 Niederländisch 2 Walisisch 3 Friesisch 4 Sorbisch 5 Tschechisch 6 Slowakisch 7 Albanisch 8 Aromunisch 9 Makedonisch 10 Moldauisch 11 Slowenisch 12 Kroatisch 13 SerbokroatischKroatoserbisch 14 Serbisch 15 Ossetisch 16 Litauisch 17 Lettisch

Finnisch-ugrische Sprachen 18 Estnisch 19 Ingrisch 20 Wotisch 21 Karelisch 22 Wepsisch 23 Lappisch 24 Liwisch 25 Mordwinisch

17

Turksprachen

I

28 Tschuwaschisch 29 Tatarisch 30 KaratschaiischBalkarisch 31 Nogaiisch 32 Kumykisch 33 Karaimisch

l'S:. ..:l Finnisch-ugrische Sprachen I I Turksprachen K I

I Indoeuropäische Sprachen

I

Kaukasische Sprachen I Sprachen, die keiner dieser Familien zuzurechnen sind Sprachgrenze -Staatsgrenze

Komi!Syrjänisch

(Udmurtisch)

Komi-/

Färöisch

Russisch Schottiscti-,^

Irisch

Irisch

^Weiß/

Kasachisch

russiscf Bretonis

leutsch

Polnisch

''Rumänis*

Portugiesisch'

^ Kpukasfsch^Spridfrfe n / / 34 Kabardinisch

Maltesisch

36 Tscnetscheni'sah-1nguscjiisch 37 Abassinisch 38 übrige Nakhodaghestanische Sprachen

Sprachverteilung

kann diese Ursprache in ihre Grenzen verlegt und eingeordnet werden. Der Grad der Ähnlichkeit zwischen verschiedenen Sprachen ermöglicht der Untersuchung eine weitere Einteilung in Unter- und Obergruppen. Die rekonstruierte Grundsprache des Indoeuropäi­ schen verfügt über ein Flexionssystem und kennt den Ablaut (s. S. 172). Heute unterteilt man die Sprachen dieser Familie gemeinhin in west- und ostindoeuropäische Sprachen, früher jedoch teilte man sie in Kentum- und Satem­ sprachen. Die indoeuropäischen Sprachen gliedern sich in die folgenden großen Untergruppen und Einzelsprachen: * Albanisch * Armenisch

Baltische Sprachen (Lettisch, Litauisch)

mEüropa

18

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

• Germanische Sprachen (Dänisch, Deutsch, Englisch, Färöisch, Friesisch, Isländisch jiddisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch) • Griechisch • Iranische und Indische Sprachen • Keltische Sprachen (Bretonisch, Gälisch, Irisch, Komisch (Cornwall), Kymrisch (Wales)) • Lateinisch und die daraus hervorgegangenen romanischen Sprachen (Französisch, Italienisch, Katalanisch, Portugiesisch, Rätoromanisch, Rumänisch, Spanisch) • Slawische Sprachen (Polnisch, Slowakisch, Tschechisch; Bulgarisch, Russisch, Serbokroatisch, Slowenisch, Ukrainisch) Die Verwandtschaft zwischen diesen Sprachen und Sprachgruppen zeigt sich in Wortschatz, Lautstand und in der grammatischen Struktur. Nehmen wir das Wort Vater \n seiner Geschichte und Verbreitung: dt. Vater, niederl. vader, engl, father, schwed. Fader. Aber auch in nichtgermanischen Sprachen treten ähnliche For­ Darstellung des Verbreitungsraums der indoeuropäischen Sprachfamilie

men auf: lat. pater, griech. pater, altind. pitä, altirisch äthir.

Verwandtschaftsbeziehungen

19

Die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den ein­ zelnen Sprachen des Indoeuropäischen wurden 1853 erstmals von dem deutschen Sprachwissenschaftler August Schleicher (1821-1868) in einem Stammbaum dargestellt, wie er in der Biologie z. B. von Charles Darwin (1809-1882) als schematisierendes Mittel ver­ wendet wurde, um Beziehungen zwischen verschiede­ nen Arten zu zeigen. Sprache unterlag für Schleicher, ebenso wie biologische Zusammenhänge, der Gesetz­ mäßigkeit der natürlichen Evolution. Von Schleicher stammen die noch heute verwendeten Bezeichnungen wie »Abstammung« oder »Verwandtschaft« in Bezug auf Sprache und deren Entwicklung. Kentum- und Satemsprachen: In der vergleichenden Sprach­ wissenschaft wurde aufgrund von Lautrekonstruktionen eine Unterteilung in eine westliche und eine östliche Sprachgruppe vorgenommen, die nach ihrer Bezeichnung für »hundert« unter­ schieden wurden: hundert ist lat. centum, Sanskrit satäm. Da­ raus entwickelten sich die sogenannten Kentumsprachen (die germanischen Sprachen, Griechisch, die keltischen Sprachen, Lateinisch und das Tocharische) und die danach benannten Sa­ temsprachen (Albanisch, Avestisch, die frühen baltischen und slawischen Sprachen, Persisch und Sanskrit). Als Gesetzmäßig­ keit wurde postuliert, dass der palatale Verschlusslaut [k] durchgängig dem [s] der Satemsprachen entspricht. Durch die Entdeckung des Hethitischen (1904) und des Tocharischen (1906) jedoch - beides im Osten beheimatete Kentumsprachen - wurde die Unterteilung in geografisch und phonologisch (s. S. 179) unterteilte Sprachgruppen weitgehend widerlegt.

So etwa bildeten die oskisch-umbrischen Dialekte gemeinsam mit dem Lateinischen das Ur-Italische. Diese Sprache wurde aus dem Vergleich der beiden vorgenannten rekonstruiert. Da aber die oskisch-um­ brischen Dialekte nur aus vereinzelten Inschriften und aus Angaben bei griechischen und römischen Autoren bekannt sind, bleibt die rekonstruierte Ursprache nur fragmentarisch, an dem wenigen aber lässt sich erken­ nen, dass Griechisch und Ur-Italisch in geschwister­ licher Verbindung zueinander stehen.

August Schleicher (1821-1868) betrachtete die Linguistik als Teil der Naturwissenschaften und Sprache als natür­ lichen Lebensbestand­ teil, der Veränderungen unterworfen ist. Holz­ stich nach Fotografie

20

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

Volk und Sprache

Bei allgemeinen sprachwissenschaftlichen Betrachtun­ gen über die Ursprache geht man ebenfalls von einem sogenannten Urvolk aus, dessen Sprache Indoeuro­ päisch war, wobei es jedoch zwei­ felhaft bleibt, ob es sich dabei um ein Volk im modernen Verständnis des Wortes gehandelt hat, das nämlich durch eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Kultur verbunden war, denn es lässt sich, wie schon oben gesagt,

Durch die Abdrücke von Schnüren verzierter

keine gemeinsame Urkultur nachweisen bzw. aus der

Krug des späten Neoli­

rein linguistischen Rekonstruktion erschließen.

thikums (ca. 2800 bis 2200 v. Chr.). Zeugnisse

Der russische Sprachforscher Nikolei Sergejewitsch

dieser Keramikkunst aus

Trubetzkoy (1890-1938), dessen Hauptverdienst es

dem 3.-2. Jt. v. Chr. finden sich in Mittelruss­

war, die Linguistik um die Phonologie bereichert zu ha­

land und in Mitteleuropa vom Rhein bis zur Weichsel.

ben, kam durch komparative Studien zu dem Ergebnis, die Urheimat der indoeuropäischen Sprachgruppe müsse zwischen Nordsee und Kaspischem Meer ange­ siedelt werden, zwischen den finno-ugrischen und den mediterranen oder kaukasisch-semitischen Sprachgruppen. Geografisch befindet sich der Kern dieses Gebiets nördlich und westlich des Schwarzen Meers und um die beiden Flüsse Dnjepr und Donau. In der Archäologie bringt man die spätsteinzeitliche Schnur­ keramik mit diesem indoeuropäischen Urvolk in Ver­ bindung, sprachlich sind überdies die Verbreitung von Flussnamen und die Bezeichnungen für Flora und Fau­ na wegen ihrer großen Ähnlichkeiten im bezeichneten Gebiet auffällig. Linguistische Kriterien zur Bestimmung der Urheimat

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kann man davon ausgehen, dass es keine schriftlichen Funde über die Zeit des indoeuropäischen Urvolkes und aus dieser Zeit geben wird, darum stehen für eine

Volk und Sprache | Linguistische Kriterien

Bestimmung dessen, was das Volk ausmacht - seine Sprache und seine Kultur - fast ausschließlich linguis­ tische Kriterien zur Verfügung. Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass bestimmte Wörter schon beim Urvolk vorgekommen sein müssen, wenn sie später in anderen indoeuropäischen Sprachen existieren. Man vermutet, dass das Urvolk den Wagen und das Rad kannte, denn Wörter wie Nabe, Rad und Wagen gehen aus einer gemeinsamen Wurzel hervor. Auch das Pferd muss nicht nur als Arbeitstier, sondern darüber hinaus als Streitross wichtig gewesen sein, überhaupt exis­ tierte ein großer gemeinsamer Wortschatz aus dem Bereich der Viehzucht und der Tierhaltung allgemein (Vieh, Kuh, Stier, Ochse, Pferd, Fohlen, Schwein, Hund, Biene, Gans, Ente, Herde, Wolle, melken, etc. - nicht dagegen Katze und Esel), der darauf schließen lässt, dass man es mit einer Hirtenkultur zu tun hat. Zur Erhärtung dieser Vermutung kann man aus der Her­ leitung von lat. pecus (Vieh) zu lat. pecunia (Geld) ersehen, dass Reichtum über den Besitz von Vieh an­ gezeigt wurde. Da es keinen gemeinsamen Wortschatz für Bäume, Wald, Nutzholz etc. gibt, liegt die Vermu­ tung nahe, dass es sich um ein Volk handelte, dass in Savannen- oder Heidegebieten lebte. Es gab Wörter für Gold und Silber, doch für Eisen existierte kein ge­ meinsames Wort, es muss also aufgekommen sein, als die Trennung zwischen verschiedenen Teilen jenes Volkes schon weit vorangeschritten war, wodurch sich also Begriff und Wort separat formierten. Aus Funden weiß man, dass Eisen um ca. 2000 v. Chr. aufgekom­ men sein muss, es liegt also der Schluss nahe, dass Indoeuropäisch zu diesem Zeitpunkt schon keine ge­ meinsame Sprache mehr war. Der Linguist Paul Thieme (1905-2001) siedelte in den 1950er Jahren die Urheimat der indoeuropäischen Ursprache im Gebiet der in die Nord- und Ostsee mün­ denden Lachsflüsse an und begründete diese Theorie mit der auffallenden Gemeinsamkeit des Wortes für

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

22

Lachs, *laksos, in räumlich sehr weit voneinander ent­ fernt liegenden indoeuropäischen Sprachen. Für diese Annahme sprechen auch die bereits erwähnten zahllo­ sen Beispiele von Gemeinsamkeiten der Gewässerna­ menskunde (Hydronymie). Wie Forschungen ergeben haben, dringt die Gewässernamenskunde bis zu den ältesten überlieferten Namen vor, Beispiele wie Rhein (*reinos), Main (*moin), Elbe (*albia), Oder (*odra), Weser (*wisura), Saale (*sala) oder Flussnamen kelti­ scher Herkunft wie Donau (*danovios) oder Inn (*enos) gehen auf indoeuropäische Flussnamen zurück und müssen also von vorgermanischen bzw. vorkeltischen Bewohnern stammen.

Einige Beispiele der durch Rekonstruktion nachgewiesenen Verwandtschafts­ beziehungen zwischen wichtigen indoeuropäischen Sprachen: gebäre (=trage)

nhd.

Mutter

Vater

drei

neu

ist

engl.

mother

father

three

new

is

bear

got.

-

fädar

reis

niujis

ist

baira

russ.

matj

-

tri

novji

jestj

beru

griech.

meter

pater

treTs

neos

esti

phero

lat.

mäter

pater

tres

novus

est

ferö

altind.

mätär

pitär

tres

nävya

asti

bhärämi

i.e.

* mäter

*pitär

*treies

*neuo

*esti

*bheremi

Sprache als eigenständiger Organismus

Bei den frühen Arbeiten der Philologen legte man be­ sonderes Augenmerk auf die Lautveränderung bei der Entwicklung von einer in die andere Sprache. Man ging davon aus, dass diese Veränderungen bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterlagen, die, wie Naturgesetze, fast als unabhängig von den jeweiligen Sprechern der Sprache zu existieren schienen. Jedes Auftreten einer Ausnahme von der Regel erklärte man durch Analogie. In den 70er Jahren des 19. Jh.s formierte sich in Leipzig eine Gruppe von Sprachwissenschaftlern, die als »Leipziger Schule« oder »Junggrammatiker« bekannt

Sprache als eigenständiger Organismus

23

Ferdinand de Saussure (1857-1913) Der Genfer Linguist Ferdinand de Saussure gilt als der Gründer der modernen Linguistik. In seinem postum herausgegebenen Hauptwerk Cours de linguistique generale (1916) entwickelt er nicht nur eine allgemeine Theorie von Sprache, die sich deutlich von der rein historischen Betrachtung der Junggrammatiker absetzt, sondern darüber hinaus eine brauchbare Methode, Sprache als systemati­ sches Zeichensystem zu analysieren. So unter­ scheidet er langage (Sprache) nach drei wesent­ lichen Dichotomien (Zweiteilung, Gliederung nach zwei Gesichtspunkten): a) die von Konventionen gesteuerte und als so­ ziales Produkt gewachsene, aber nicht unmittelbar sichtbare langue im Gegensatz zu den tatsäch­ lichen Äußerungen von Sprechern, parole; b) die Teilung des Zeichens in eine Wechselbezie­ hung von Signifikat (Bezeichnetes = Objekt oder Ferdinand de Saussure in einer Porträtaufnahme von F. H. Jullien

Sachverhalt in der Wirklichkeit) und Signifikant

aus dem Jahr 1909

tung existiert ausschließlich im Kontrast zu an­

(Bezeichnendes = sprachliches Zeichen); Bedeu­ deren Zeichen und nicht in den Objekten und

Bildliche Darstellung von Saussures

Sachverhalten der Wirklichkeit;

Signifikat (= Bild/Zeichnung von einem Baum) und Signifikant (= Laut­ schriftdarstellung des deutschen

c) synchrone Sprachbetrachtung, d. h. zu einem

Wortes BAUM /bau:m/)

wicklung über einen Zeitraum hinweg.

bestimmten Punkt in der Zeit, vs. diachrone Sprachbetrachtung, d. h. die historischen Ent­

Für Saussure ist das sprachliche Zei­ chen die Verbindung aus der geistigen Vorstellung eines Symbols und dem Lautbild, das mit diesem Symbol ver­ bunden ist. Es hat zwei Eigenschaften: willkürlich und linear. Willkür bedeutet für Saussure, dass es

/

keine natürliche Beziehung zwischen den Lauten und dem Bezeichneten gibt. Auf dieser Basis erklärt er die Existenz mehrerer Sprachen. Gleich­ zeitig jedoch fußt die Verbindung auf

Konventionen, denn eine einmal zugewiesene Lautfolge ist für jeden Sprecher einer Spra­ che verbindlich und muss eingehalten werden. Z. B. gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, warum ein Tisch »Tisch« heißt, soll die Kommunikation aber funktionieren, kann und darf er nicht willkürlich »Stuhl« genannt werden. Sprachliche Zeichen stellen sich in der Zeit dar und sind von Bedingungen bestimmt, die, so Saussure, linear verlaufen.

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

wurde. Ihre Hauptvertreter waren Karl Brugmann (1849-1919), Eduard Sievers (1850-1932), Hermann Paul (1846-1921), Wilhelm Braune (1850-1926), Her­ mann Osthoff (1847-1909), Otto Behagel (1854-1936), Karl Verner (1846-1896), Sophus Bugge (1833-1907) und Graziadio Isaia Ascoli (1829-1907). Die Untersu­ chung von Sprache mittels der Beschreibung ihres ge­ schichtlichen Wandels war das Hauptziel der Gruppe. Im Zuge dessen stellten die verschiedenen Vertreter die Gesetze des Lautwandels auf und postulierten de­ ren Ausnahmslosigkeit. Die Ergebnisse, zu denen man dabei kam, beruhten auf dem Vergleich verschiedener Sprachen sowohl in dem zur Zeit der Junggrammatiker angewandten Zustand als auch auf früheren Stufen. Diese sogenannte diachrone Sprachbetrachtung der Junggrammatiker ging davon aus, dass es zum Verste­ hen einer Sprache in ihrer aktuellen Form nicht ausrei­ che, die gegenwärtigen Erscheinungen aufzuzeigen, man müsse vielmehr ihre Entwicklung betrachten, um verbindliche Aussagen machen zu können. System­ widrigkeiten, das sind Ungereimtheiten und Unregel­ mäßigkeiten, sind nur einzuordnen und zu verstehen, wenn man begreifen und analysieren kann, dass sie oftmals auf althochdeutsche oder gar germanische Zeiten zurückgehen. Die Sprachwissenschaft der Jung­ grammatiker will also Werden und Entwicklung von Sprache allgemein ebenso sichtbar machen wie kon­ kret bei einer Sprache. Kein Volk: die Germanen

Die Germanen als ein Volk mit einem Staat, einer Spra­ che und einer Identität im modernen Verständnis, das sich auch selbst so bezeichnet hätte, hat es nie gege­ ben. Im Gegenteil: Die verschiedenen Stämme, die unter diesem Überbegriff zusammengefasst werden, bekämpften sich untereinander. Das Wort Germanen taucht zum ersten Mal um das Jahr 80 v. Chr. bei dem griechischen Geschichtsschrei­

Kein Volk: die Germanen

25

ber Poseidonios (135-51 v. Chr.) auf und wird seitdem verwendet; vor allem aber fand es durch die Aufzeich­ nungen von Gaius Julius Cä­ sar (100-44 v. Chr.) über den Gallischen Krieg (58-51/50 v. Chr.), De bellogallico (ge­ schrieben 52/51 v. Chr.), Verbreitung. Die südeuropäi­ schen Hochkulturen der Grie­ chen und Römer wussten nur wenig über die Barbaren des Nordens, wie sie sie nannten, wobei »Barbar« nur einen Menschen bezeichnete, der nicht in den Genuss einer griechisch/römischen Ausbil­ dung gelangt war. Aller Kon­ takt mit diesen Barbaren war auf kriegerische Ausein­ andersetzungen beschränkt. »Germanen« ist ein Oberbegriff für verschiedene

C om m entarii de bello gallico von Gaius Julius Cäsar (100-44 v. Chr.), Textblatt mit dem Be­

Stämme, die sich ab circa dem 2. Jt. v. Chr. im Gebiet

ginn des Werkes aus einer lateinischen Hand­

der unteren Elbe (heutiges Dänemark), in Südnorwe­

schrift Ende des 11. Jh.s. Ms.Ricc.541, Florenz,

gen, Südschweden und zwischen den Flüssen Donau, Weichsel und Rhein niederließen. Er kann jedoch kaum von den Menschen stammen, die so bezeichnet wur­ den, denn sie identifizierten sich ausschließlich über ihre Stammes- und Sippengemeinschaften, nannten sich selbst aber nicht »Germanen«. Die Forschung des 19. Jh.s bestimmte die ethnische Identität dieser Men­ schen über die Sprache, die sich in ihrer rekonstruier­ ten Form über die Erste (Germanische) Lautverschie­ bung definiert. Das Urgermanische, das sich so aus dem Indoeuropäischen entwickelte, bildete mit den Ur­ sprachen der slawischen und baltischen Sprachen eine gemeinsame Dialektgruppe, bevor es sich auch aus dieser Gruppe löste.

Biblioteca Riccardiana

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

Urgermanisch Als rekonstruierte Sprache und Vorläufer aller germa­ nischen Sprachen, zu denen heute neben anderen Deutsch, Englisch, Niederländisch und Schwedisch gehören, bleibt das Urgermanische eine Hypothese, denn ebenso wie beim Indoeuropäischen gibt es keine Textfunde. Rekonstruiert wurde diese Vorstufe der deutschen Sprache als eine der Fortsetzungen des Indoeuropäischen aus den bekannten und durch Text­ zeugnisse belegten frühesten altgermanischen Einzel­ sprachen sowie durch vergleichende Studien mit den anderen Zweigen des Indoeuropäischen. Urgermanisch wird etwa zwischen dem 5. Jh. v. Chr. und der Zeiten­ wende angesiedelt. Die Trennung vom Indoeuropäischen vollzog sich durch einen durchgängigen Wandel bestimmter Konso­ nanten und Vokale. Da diese Lautwandel nur aus dem Vergleich von frühen germanischen und nichtgermani­ schen Zeugnissen feststellbar sind, bleibt eine Datie­ rung sehr schwer, man vermutet jedoch, dass sie sich bereits ab dem zweiten Jahrtausend vor der Zeitrech­ nung zu vollziehen begann. Das Warum des Wandels, den die Junggrammatiker noch als ausnahmslos und quasi als Naturgesetz betrachteten und irgendwie losgelöst von den Sprechern, muss durch sprachliche Mischung oder durch Analogiebildung bei der Unter­ werfung fremder Völker, die nun die Sprache der Sieger annehmen mussten, erklärt werden. Es ist ein-

Substrattheorie Theorie, nach der sprachlicher Wandel auf Sprachaustausch bzw. Sprachübertragung zurückzuführen ist. Durch Sprachkontakt und Sprachmischung wird die Sprache eines z. B. durch kriegerische Auseinandersetzungen unterlegenen Volkes (lat. sub- = unter und lat. stratum = Schicht) von der Sprache der Eroberer oder Sieger überlagert und damit durchsetzt. Gleich­ zeitig wirkt die unterlegene Sprache auf die dominierende Sprache zurück und beeinflusst sie.

Urgermanisch | Die Erste Lautverschiebung

leuchtend, das eine Sprache aus dem Mund eines

Fremden durch dessen Muttersprache gefärbt sein muss, außerdem müssen sich für den Wandel bereits im Indoeuropäischen vorhandene dialektale Unter­ schiede mit der Nordwestwanderung der Germanen

bemerkbar gemacht haben. Die Wandlungen, die zur Konstituierung des Germa­ nischen führten, sind die folgenden: • Erste oder Germanische Lautverschiebung, die alle plosiven Konsonanten betraf. • Eine Reihe von Vokalverschiebungen. • Der Akzent wird auf der Stammsilbe des Wortes fixiert. • Eine große Reduktion der Formen in Konjugation und Deklination. • Die Entwicklung einer zweiten oder »schwachen« Adjektivdeklination. • Die Entwicklung »schwacher« Verben. Es ist nicht klar, wie lange diese Wandel bis zu ihrer Vollendung brauchten, und nicht alle waren abge­ schlossen, bevor sich die germanischen Sprachen wei­ ter teilten, aber man geht davon aus, dass die Erste Lautverschiebung um 500 v. Chr. begann und etwa im 1. Jh. v. Chr. abgeschlossen war. In jedem Fall also, bevor die germanischen Stämme andauernden Kon­ takt mit den Römern hatten. Man kann sich dieser Zeitspanne relativ sicher sein, weil keines der Lehn­ wörter aus dem Lateinischen im Germanischen je von diesem Wandel betroffen wurde. Die Erste Lautverschiebung Der Ausdruck Lautverschiebung beruht auf der Annah­ me, dass bestimmte Konsonantengruppen beim Über­ gang vom Indoeuropäischen zum Urgermanischen wechselseitig die Plätze getauscht, sich »verschoben« haben. Als auffälligster Wandel vom Indoeuropäischen zum Germanischen gilt der Konsonantenwechsel, den Jacob Grimm (1785-1863) definierte. Man nennt die-

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

sen Wandel, bei dem die indoeuropäischen Verschluss­ laute betroffen sind und Veränderungen erfahren, die Erste Germanische Lautverschiebung oder Grimm­ sches Gesetz: Die stimmlosen Verschlusslaute (Tenues) p, t, k und die stimmhaften behauchten Verschluss­ laute ph, th, kh werden zu den stimmlosen Reibelauten (Spiranten oder Frikativen) f, p, x, z. B.: • griech. treTs, got. preis (p wird wie das stimmlose engl, th gesprochen) - nhd. drei; • lat. pater, got. Fadar - nhd. Vater, • lat. pisci - nhd. Fisch. Ausnahmen von diesen Regeln: stimmlose Verschluss­ laute ändern sich nicht nach Frikativen (Reibelauten) und in sp, st, sk bleiben p, t, k auch im Germanischen erhalten: • lat. spuere, got. speiwan - nhd. speien, • lat. hostis (Feind, eigentlich Fremdling), got. gasts (Fremdling, Gast), ahd. Gast, • lat. m iscere, ags. m iscian, ahd. miskan - nhd. mischen. Auch bleibt das t nach p und k unverschoben, z. B. • lat. octo, got. ahtau, ahd. ahto - nhd. acht, • lat. neptis, ahd. nift - nhd. Enkelin. Die stimmhaften Verschlusslaute (Mediae) b, d, £ wer­ den zu den stimmlosen Verschlusslauten p, t, k, z. B. • griech. baita (Lederrock), got. paida (Rock), • lat. decem, engl, ten - nhd. zehn, • lat. genu, dt. Knie - nhd. Knie. Die stimmhaften behauchten Verschlusslaute (Aspiran­ ten) bh, dh, gh werden zu den stimmhaften Reibelau­ ten (Spiranten) t), d, g , die später großenteils zu b, d, £ werden, z. B. • altind. bhrätar, griech. phrätör, lat. fräter, got. bröthar, engl, brother - nhd. Bruder, • altind. dvärah (Nom. PL), griech. thyrä, lat. fores (PL), got. daüröns (PL), ags. duru, engl, door - nhd. Tür, • griech. khörtos, lat. hortus, got. gards (Haus, Familie, Hof), as. gardo, engl, garden - nhd. Garten.

Das Vernersche Gesetz

Als systematisierte Regel kann gelten: germ.

A

i.e.

T

i.e.

A

germ.

M

i.e.

M

germ.

T

p ,t,k = T; bh, dh, gh = A; b, d, g = M (A = Aspiranten; M = Media; T = Tenues ) Das Vernersche Gesetz Der dänische Sprachwissenschaftler Karl Verner for­ mulierte 1875 eine Ausnahme der Ersten Lautverschie­ bung, die in der Gruppe der Junggrammatiker als Vernersches Gesetz postuliert wurde. Nach diesem Gesetz werden die nach der Ersten Lautverschiebung im Germanischen vorhandenen stimmlosen Frikative (Reibelaute) in einer stimmhaften Umgebung ebenfalls stimmhaft, wenn sie nicht unmittelbar auf einen Ak­ zent folgen, etwa bei Schnitt aber schneiden, Nerv aber nervös. Also wurden f,

s zu t), d, g , z; z.B.:

• griech. pater (Akzent auf dem e), got. fadar nhd. Vater, aber altind. bhrätar- (Akzent auf dem ersten a), got. Bröthar- nhd. Bruder. Der veränderte Luftdruck, bedingt durch die jeweilige Position des Akzents, erklärt diesen Wandel auch phy­ siologisch. Jacob Grimm hatte dieses Phänomen nicht schlüssig erklären können und es »Grammatischen Wechsel« genannt (von griech. gramma = Buchstabe), also Buchstabenwechsel. Ein gutes Beispiel dieses Akzentwechsels und seiner Auswirkungen auf die Stimmhaftigkeit des Reibelauts, das noch heute im Deutschen beobachtet werden kann, ist der Wechsel von Hannover zu Hannoveraner. Durch den Akzentwechsel wird der Reibelaut in der Be­ zeichnung für die Bewohner der Stadt Flannover (mit stimmlosem v= Reibelaut) stimmhaft. Besondere Auswirkungen hatte das Vernersche Ge­ setz auch auf die Partizipformen der starken Verben.

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

Warum hat das Deutsche verschiedene Artikel, während das Englische mit nur einem auskommt? Das Althochdeutsche hat insgesamt und ihrer Funktion nach 24 Artikel: jeweils Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ (die vier Fälle) für Maskulinum, Femininum, Neutrum in Singular und Plural. Übrig geblieben sind im Neuhochdeutschen noch die folgenden Formen der bestimmten Artikel: der, die, das, des, dem, den. Es reicht also heute die relativ begrenzte Men­ ge von sechs Formen, um die 24 Funktionen des bestimmten Artikels im Deutschen eindeutig anzuzeigen. Das Englische im Gegenzug verfügt lediglich über eine einzige Form des be­ stimmten Artikels »the«. Beispiel: Der Mann streichelt den Hund. The man caresses the dog. Durch seine noch relativ intakte Deklination hat die deutsche Hochsprache eine größtmögliche Flexibilität im Satzbau, denn auch alle folgenden Formen dieses Beispielsatzes sind korrekt: Streichelt der Mann den Hund? Streichelt den Hund der Mann? Der Mann den Hund streichelt. Den Hund der Mann streichelt. Den Hund streichelt der Mann. Diese große Freiheit in der Wortstellung verdankt das Deut­ sche seiner synthetischen Struktur, d. h. der klaren Markie­ rung, dass der Nominativ (der) den Handelnden anzeigt, während der Akkusativ (den) den Empfänger dieser Handlung benennt. Weil diese Markierungen intakt sind, ist die Position im Satz gleichgültig. Verändert man im Englischen den Satzbau zu z. B. The dog caresses the man verändert man zwangsläufig die Bedeutung des Satzes, denn nun ist es nicht mehr der Mann, der etwas tut (streicheln), sondern es ist der Hund. Im Englischen gilt durch den starren Satzbau Subjekt, Prädikat, Objekt (S P 0), dass immer der, der in erster Position steht, der Handelnde ist, während das Ob­ jekt (an letzter Stelle) immer empfängt (hier: gestreichelt wird). Das Englische, das nicht mehr über intakte Deklinati­ onsformen verfügt, muss zum Zwecke der Eindeutigkeit zu ei­ nem analytischen Mittel greifen, um eindeutig sein zu können. Das Deutsche ist allerdings besonders in der Pressesprache auf dem Weg zu dieser (englischen) Situation, die durch den Wegfall der Artikel das Verstehen undeutlich macht: »Mutter gleitet Baby aus dem Arm«. (Süddeutsche Zeitung, 1. 9. 81) Wer gleitet? Die Mutter oder das Baby? Oder: »Verkehrstod Kampf angesagt.« (Frankfurter Rundschau 4.11.81) Der Kampf dem Verkehrstod? Der Verkehrstod dem Kampf? Dem Ver­ kehrstod den Kampf? Und überhaupt: Von wem?

Änderung der Akzentverhältnisse

Änderung der Akzentverhältnisse Im Indoeuropäischen konnte je nach Länge des Wortes jede Silbe die Betonung tragen, denn der Wortakzent war frei. Die Flexibilität der Betonung zeigt sich am lat.

Roma, Romänus, Romanörum, Romanorümque. Dies wurde zugunsten der Initialbetonung (Anfangsbeto­

nung), wo sich meist auch die Wurzelsilbe befand, auf­ gegeben (Ausnahmen z. B. Ürlaub, weil dieses Wort zur Zeit der Änderung schon gebildet war). Diese Entwick­ lung war nach Meinung vieler Linguisten weit folgen­ schwerer als die Konsonantenverschiebungen, denn sie führte in der Entwicklung der Sprache zur Ände­ rung des Lautbestands und darüber hinaus zu einer Reduzierung der Wortendungen und damit morpholo­ gisch (s. S. 177) wichtiger Teile der Wörter, die die grammatische Funktion anzeigen, wie Flexions- oder Pluralendungen. Durch dieses »Abschleifen« der En­ dungen änderte sich der gesamte Bau der Sprache selbst. Allmählich ging die synthetische Struktur verlo­ ren, in der die grammatische Funktion jedes einzelnen Wortes sichtbar gemacht wurde, und eine analytische Struktur gewann langsam die Oberhand. Allerdings trat diese Akzentverschiebung nicht gleichzeitig mit der Ersten Lautverschiebung auf und so sollte es noch bis ins Mittelalter und in die Neuzeit dauern, bis dieser Wechsel seine volle Wirkung zeigte. Die Bildung der schwachen Verben im Germanischen Jacob Grimm wählte den Ausdruck »schwache Verben« und »starke Verben« als formale Klassifizierung nach dem Muster der Konjugationsformen. Grimm wollte damit ausdrücken, dass ein starkes Verb »aus eigener Kraft« in der Lage war, seine Präteritumform durch eine Veränderung der Wurzel zu bilden (singen >sang; riechen >roch etc.). Im Gegensatz dazu benötigen die schwachen Verben ein formales Element zur Markierung des Präteritums, als Zusatzelement dient das Suffix -te (sagen > sagte; nähen > nähte etc.). Aus

Vom indoeuropäischen zum Deutschen

sprachgeschichtlicher Sicht sind die starken Verben die älteren, während die schwachen Verben eine ger­ manische Neubildung darstellen und vielfach aus den Stammformen der starken Verben abgeleitet oder Ab­ leitungen aus anderen Wörtern sind. Als Ableitungen bedienen sie sich des -te (germ. -de), um das Präteritum zu markieren. Dieses -te ist vermutlich ein Überbleibsel von ahd. tuon, dt. tun, i.e. *dhe. Da diese Verben als solche gekennzeichnet werden mussten, wurde ihr »Tun« durch dieses Verb gekennzeichnet, wie es z. B. im Türkischen bei entlehn­ ten Verben oft durch das Verb yapmak (machen, tun) geschieht. Im Neuhochdeutschen gibt es immer noch ca. 160 starke Verben (vgl. Augst 1975), das sind im Vergleich zu früheren Stadien der deutschen Sprache relativ wenig. Tendenziell nehmen sie zugunsten der schwa­ chen Verben weiterhin ab. Heute sind nur noch die schwachen Verben produktiv, d. h. sie sind es, die Neubildungen schaffen, und alle Lehnwörter (Wortü­ bertragungen, Wortübersetzungen etc.) werden auto­ matisch schwach. Darüber hinaus sind viele ehemals starken Verben heute schwach, z. B. backen, nagen, bellen, jäten, kreischen, schmerzen, und den Spre­ chern sind die starken Formen nicht mehr geläufig oder es koexistieren starke und schwache Formen ne­ beneinander wie in glimmen (glomm vs. glimmte); schaffen (schuf vs. schaffte); backen (bukvs. backte). Die Präterito-Präsensverben Es gibt eine weitere Gruppe von Verben - ebenfalls bis heute erhalten -, die präteritale Flexionsformen in präsentischer Bedeutung und die neu gebildeten schwa­ chen Präteritumformen, die sogenannten PräteritoPräsensverben (Gegenwart durch Vergangenheit): dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wissen, wollen. Das Gotische kannte noch elf, das Althochdeutsche schon nur noch neun dieser ursprünglich starken Ver-

Die Präterito-Präsensverben

ben. Sie sind älter als die schwachen Verben, wahr­ scheinlich sogar aus dem Indoeuropäischen überlie­ fert, denn Vieles spricht dafür, dass es sich dabei nicht um unvollständige grammatische Formen - wie man eine Zeit lang annahm -, sondern um tatsächliche Bil­ dung in dieser Art handelt. Formen wie griech. öida (ich habe gesehen = ich weiß) ist lat. vidi (ich habe gesehen), ahd. ich weiz und nhd. ich weiß sind etymo­ logische, semantische und morphologische Entspre­ chungen. Das verlorene Präteritum wird hier analog zum schwachen Präteritum neu gebildet. Diese Verben zeichnen sich durch zwei Gemeinsamkeiten aus: a) 1. und 3. Pers. Sing. Präsens sind endungslos (ich/er darf, kann, weiß etc.) und b) unterscheidbare Vokale in Sing. und Plur. Präsens (ehemals Präteritum) (ich darf, wir dürfen-, ich kann, wir können; ich weiß, wir wissen etc.). Von diesen Verben gibt es nur eine kleine Zahl, aber sie werden sehr häufig verwendet, und es mag daran liegen, dass sie ihre unregelmäßig scheinenden For­ men bis heute gehalten haben. Darüber hinaus bekom­ men sie durch ihre Verwendung als modale Hilfsverben eine spezifische Funktion, die sie unerlässlich für die Sprache macht und also ihre Anwendungshäufigkeit sehr hoch liegt. Das Verbalsystem reduziert sich Im Verhältnis zum Germanischen verfügte das Indo­ europäische noch über sechs grammatische Zeiten (Tempora). Die Frage, warum es zu germanischen Zei­ ten nur noch zwei Tempora gab, nämlich das Präsens, das gleichzeitig auch als Futur diente, und das Präteri­ tum, das alle Vergangenheitsformen einschloss, ist schwer zu beantworten. Am einleuchtendsten ist es, sie mit fehlender Notwendigkeit zu beantworten. Die Lebensumstände der Sprecher und ihre Art, die Welt zu sehen und zu begreifen, müssen Ursache für diesen Schwund gewesen sein. Auch andere verbale Katego­

34

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

rien gehen im Germanischen verloren, sie werden auf Indikativ, Optativ und einen unvollständigen Imperativ beschränkt. Erst in späteren Zeiten bildeten sich zu­ sätzliche, auf analytische Weise gebaute Zeitenformen mit haben und sein heraus. Entwicklung der Nomina

Ebenso wie bei den Verben die Konjugation erfährt auch die Deklination im Germanischen eine umfangrei­ che Reduktion bei gleichzeitiger Beibehaltung der in­ doeuropäischen Wortstruktur, bestehend aus Stamm, Themazeichen und Flexionsendung. Aber auch hier macht sich, wie weiter oben beschrieben, durch die Der römische Ge­ schichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus (55-120 n. Chr.) berich­ tet in seiner ethnogra­ fischen Studie von drei germanischen Kultge­ meinschaften und damit von einer dreisprachigen »Verkehrsgemeinschaft«

Akzentverschiebung auf den Wortanfang, neben ande­ ren Phänomenen die sogenannten Auslautverhärtung bemerkbar. Auch die Themavokale ändern sich im Falle der aus dem Lateinischen bekannten Deklinationsklas­ sen, so wird aus der i. e. o-Deklination die germ. a-Deklination und die i. e. ä-Deklination die germ. ö-Deklination, alle anderen (i-, u- und n-Deklination) bleiben

innerhalb der im (heuti­

gleich. Weiterhin kommt es zu einer Reduzierung auf

gen) Norddeutschland

vier Fälle: Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ - der

lebenden Germanen.

Ablativ oder Instrumentalis fällt weg.

Lithografie von Bernard Romain Julien

Wie das Germanische sich gliedert und zu Deutsch wird

Es muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass Germanisch, Ur- oder auch Gemeingermanisch nur theoretische, d. h. angenommene Stufen der deutschen Sprache sind, die eine Trennung vom In­ doeuropäischen markieren. Es gibt aus dieser Zeit außer einzelnen Wörtern bei Cäsar oder Tacitus keine Belege. Zwar fanden Archäologen 1812 nordöstlich von Maribor, in der Nähe von Negau, Sloweni­ en, 26 Bronzehelme aus dem 3. oder 2. Jh. v. Chr., und einer von ihnen, der soge-

Wie das Germanische sich gliedert

35

Auf dem Negauer Helm B sind drei germanische Lexeme zu sehen: *haria, *gasti, *teira. Er zählt zu den ältesten Helmen aus dem Depot­ fund von Zenjak-Negau und ist wegen der In­ schrift, die in einem norditalischen Alphabet in die Krempe eingeritzt wurde, berühmt. Die von rechts nach links ge­ schriebene (Besitzer-?) Inschrift »harigastiteira« nennt den vermutlich germanischen Namen Harigast(i). Bronze, gegossen und nach­ getrieben, H. 20,6 cm,

0 23,5 x 25,4 cm.

nannte Negauer Helm B, trägt die germanische In­

Hallstattzeit, 1. Hälfte d. 5. Jh. v. Chr., Kunsthisto­

schrift »harigastiteira«, ist somit also das einzige ger­

risches Museum Wien,

manische Sprachdenkmal vor der Zeitenwende - Auf­

Antikensammlung

schluss bietet diese Inschrift indes nicht. Robert Nedoma (* 1961) vermutet, dass es sich um einen germanischen Doppelnamen handelt, dass also der Text, der überdies an unspektakulärer Stelle ange­ bracht ist, nichts weiter als eine Version der germa­ nisch gebräuchlichen Doppelnamigkeit ist und den Be­ sitzer oder einen Träger des Helms ausweist. Durch spätere umfangreiche Sprachfunde in unserer Zeitrechnung (n. Chr.) kann man darauf schließen, dass schon früh erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Sprachen bestanden haben müssen, es sich also nie um eine homogene Sprache handelte. Grundsätzlich teilt man das Germanische in drei Grup­ pen: • Ostgermanisch ist die Variante, die die mit der Völkerwanderung nach Osten ziehenden Völker wie Burgunder, Gepiden, Goten, Heruler, Rugier, Van­ dalen ausmacht. Davon ist einzig das Gotische schriftlich überliefert.

Das Wort »Deutsch«

»Diutischin sprechin, Diutischin liute

Jahrhunderten nur sehr selten ver­

in Diutischemi lande« - Diese Zeile

wendet und wenn, dann immer nur

aus dem Annolied, das zwischen 1077 und 1081 vermutlich von einem

für die Sprache, nie für Land oder Volk. Ebenfalls ist im 9. Jh. das alt­

Mönch im Kloster Siegburg verfasst

hochdeutsche Wort frenkisg (frän­

wurde, behandelt in 878 Versen Le­

kisch) für die Sprache gebräuchlich,

ben und Wirken Annos II., der von

und erst als die romanisch sprechen­

1056 bis 1075 Erzbischof von Köln

den Franken im Westreich dieses

war. Dies ist die erste Quelle, in der

Wort für sich selbst verwenden, setzt

diutisc, deutsch, auf Sprache, Volk

man *theodisc als Kontrast bzw.

und Land gleichzeitig angewendet

Markierung für die andere Sprache

wird. Vorher hatten weder Sprache

dagegen. Gleichzeitig bleibt das alt­

noch Land oder Leute eine echte und

hochdeutsche Wort germanischen

gebräuchliche Bezeichnung.

Ursprungs diutisc selten in seiner

Erstmals taucht das Wort in latei­ nischer Form 786 auf, als der päpst­

Verwendung, und es dauert einige Jahrhunderte, bis es sich durchset­

liche Botschafter Georg von Ostia

zen kann - dies aber immer nur für

Papst Hadrian I. die Berichte von

die Sprache -, bis es im eingangs zi­

zwei Synoden in England vorlegt. Alle

tierten Annolied voll eingesetzt wird.

dort gefassten Beschlüsse sollten in

Im Ostfränkischen bezeichnet man

Latein, der Sprache der Kirche, und

die Sprache als thiotisk, abgeleitet

in der Sprache des Volkes vorgetra­

vom ahd. thiot, Volk - eben Sprache

gen werden, latine et theodisce,

des Volks. Noch zum Ende des 9. Jh.s

damit sie allseits verstanden werden

erscheint parallel dazu ein aus dem

konnten. Belege für dieses lateini­

Lateinischen stammender Konkur­

sche Wort theodiscus sind im Mittel­

rent von theodiscus: teutonicus,

lateinischen des 9. Jh.s häufig. Wört­

teutoni, der aber zur Zeit des Anno­

lich übersetzt ist es das gelehrte

lieds um 1050 zum letzten Mal belegt

Wort für genti/is (völkisch, heidnisch)

werden kann. Im Mittelhochdeut­

und stammt vom germanischen

schen wandelte es sich zu tiutsch

*\beudö (Volk); an dieses Wort wird

oder diutsch, woraus schließlich

noch die Adjektivendung -iska ge­

deutsch wurde.

hängt, was dem neuhochdeutschen -isch entspricht. Zunächst noch be­ zeichnet dieser Ausdruck aber nichts weiter als eben die germanische Volkssprache im Gegensatz zum La­ teinischen. Er wird in den folgenden

Der Name für »die Deutschen« in den anderen Sprachen leitet sich jeweils von dem Wort ab, das in dem germanischen Stamm verwendet wurde, mit dem das jeweilige Volk/die jeweilige Sprache zuerst

37

mania für das Land, aber tedesco für eine Person dieses Landes. Im Russi­ schen ist es Germanija aber njemjet Änno rolom cnfls

für die Personen. Dieses letztere Wort für die Deutschen leitet sich aus dem Tschechischen nemec her, »der Stumme«. Man geht davon aus, dass im Mittelalter deutsche Stäm­ me in tschechischen Gebieten leb­ ten. Man verstand sie nicht und sie verstanden die anderen nicht, und da sie an den Gesprächen also nicht teilnehmen konnten, betrachtete man sie als Stumme. Diese tsche­ chische Bezeichnung setzte sich dann im gesamten slawischen Sprachraum durch. Ungarisch, das ja keine indoeuropäische Sprache ist, hat das Wort als Lehnwort eingeführt

Bischof Anno von Köln mit Modellen der von ihm gebauten Klöster. Abbildung aus der sogenannten Darm städter Anno-Vita, um

und übernommen. So heißt es tschech. nemecko, ungar. nemetors-

ca. 1180, Kloster Siegburg, Universitäts-und

zäg, serb. nemacka und eben russ.

Landesbibliothek Darmstadt, fol. 1v aus Hs 945

njemjet. Das japanische Wort für Deutschland, doitsu, ist eine Entleh­ nung aus dem Niederländischen. Die

Kontakt hatte. So wurde aus dem im

Niederländer waren die einzigen Eu­

Süden Europas gebräuchlichen ale-

ropäer, denen die japanische Regie­

mant (heute noch Alemannen) franz.

rung während der über 250 Jahre an-

Allemagne oder span. Alemania. Aus

dauenden Abschließung des Landes

Germanen wurde ital. Germania, engl. Germany, griech. reppavlcx

von der Außenwelt eine Handelsnie­

oder russ. l"epMaHMfl. Aus teutschen [diutisk, theodisk, tuitsch, duitsch etc.) wurde schwed./dän. Tyskland und niederl. Duits/and (sprich: deuts1and). Manche Sprachen verwenden verschiedene Wortursprünge für un­ terschiedliche Inhalte, so ital. Ger­

derlassung auf der Insel Deshima zu­ gestanden hatte.

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

• Nordgermanisch bezeichnet die Sprachen des nördlichen Europas wie Dänisch, Färöisch, Islän­ disch, Norwegisch, Schwedisch (wer hier Finnisch vermutet, muss bedenken, dass es sich dabei nicht um eine Indoeuropäische Sprache handelt). • Westgermanisch umfasst das Deutsche (Ober-, Mit­ tel-, Niederdeutsche), Englische, Friesische und Nie­ derfränkische (Niederländisch und Flämisch). Diese hier angebotene Gliederung wird von verschie­ denen Wissenschaftlern noch differenziert bzw. in wei­ tere Gruppen zerbrochen. Da es aber um eine Gliede­ rung des Germanischen im Hinblick auf das Deutsche geht, soll die genannte Aufteilung als verbindlich gelten. Man geht davon aus, dass nach dem Abwandern der Angelsachsen nach Britannien ab dem 5. Jh. n. Chr. Prozesse zwischen dem Nordseegermanischen (Säch­ sisch), dem Weser-Rhein-Germanischen und dem Elb­ germanischen (später Oberdeutsch) einsetzten, die sich innerhalb des Althochdeutschen in den dort reprä­ sentierten verschiedenen Dialekten spiegelten, aber eine erste (weitgehend) einheitliche deutsche Sprache schufen. Gotisch

Gotisch war vermutlich die gemeinsame Sprache von ost- (ostro-) und west- (wisi-) gotischen Stämmen, die in Sü

jvien ansässig waren und um die Zeiten-

wenc

iden an die Weichselmündung zogen.

Ab 200 n. Chr. setzten sie ihre Wanderungen fort bis Südrussland, auf den Balkan und dann weiter bis nach Italien und Südfrankreich, wo sie verschiedene Reiche gründeten. Gotisch ist durch die Bibelübersetzung des westgoti­ schen Missionsbischofs Wulfila (311 -382) das früheste Dokument germanischer Sprachen. Erhalten ist es in Fragmenten im kostbaren Codex argenteus. Als Sprache weist das Gotische bereits einige Ab­ weichungen vom rekonstruierten Germanisch auf, aber

Gotisch | Krimgotisch

39

Fundorte gotischer Sprac □ Codex argenteus (6. Jh.) ■ Codex Gissensis (6. Jb^s□ Codex Carolinus (5. Jh.)

N ordsee

0 Codices Ambrq|&hi (6. $i \7 Einzelblatt desCodex arge □

Skeireins aus Bobbio

{K o w e l Atlantischer Ozean

W ESTG OTEN (200-375)

iS T G O T E N (ab 419)'4 iy £

^ ie tro a s a

1 cchwa W ESTG OTEN (460-711)

O STG O TE ! (489-555)

es bleibt das wichtigste Zeugnis für die Entwicklung der deutschen Sprache nach der Ersten und Zweiten Lautverschiebung. Grammatisch umfasst das Gotische fünf Fälle (Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ und Vo­ kativ), zwei Zeiten (Vergangenheit und Nicht-Vergan­ genheit) und drei Numeri (Singular, Plural und Dual, um die Paarigkeit des Subjekts auszudrücken). Der Dual ist einzig noch im heutigen Bairischen in der Form enk (euch), auch in enker (euer) erhalten: Pfiad’s enk! = Führe euch! Behüt euch! im Sinne von »Auf Wiedersehen«. Krimgotisch, eine ausgestorbene Inselsprache

Während der Wanderung der Goten nach Südrussland gibt es schon seit dem Jahr 258 Zeugnisse von goti­ schen Siedlern auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer. Diese »Gothi« werden noch im Mittelalter er­ wähnt. Als im 16. Jh. Kaufleute aus Nürnberg an die Küsten der Krim verschlagen wurden, begegneten sie einem jungen Mann, mit dem sie sich deutsch unter­ halten konnten. Aus dergleichen Zeit, 1562, liegt der Bericht von Ogier Ghislain de Busbecq (1522-1592)

Wanderung, Ausdehnung und Sprache der

Goten

Vom Indoeuropäischen zum Deutschen

40

Wulfila (griech. ulfilas; 311-383, Dimi­ y e i n - u i m a i \n =\i ; f a : •. s n : uj *k i n s • y a i k i}> A• y i K • : K • h NM}: MN Ji,\ jtfvf! A T I (}>M Jv N N A M M is t; AKtiKi n s Y z « a|^ ats t 1 4 *y \ h Yx. y i »; a t t M z y s a n }; A)< h i m i n f Y, m ,

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»nrkenruftJ VuAluv- AtfUtuxUtCenfcmdal tustmtmrimJare

lekt entstanden die beiden Dialekte von Brabant und Holland, die Grundlage des

tu u m Ju n - U u x ru n w n ta a lA jk n A e fltrx fiU d *-- iö h m n b ttJ ta tirA

modernen Niederländisch,

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darum die Gleichsetzung der!

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Holland und am Niederrhein

d e d b u lo lb tn . Am»kjwmBWxionf iit + jawLip-A>ttew»r«»Wiw«r»üriW-

tn * A .tftm t rA ttn 'X b a u * * r A * f

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Begriffe. Es wird im heutigen!

U ^ if> t> *T a u j> rU e hexet»

h A J tm tn A g lc trr*n c n . irr U ttt x n d fc ru g e r rd u tu J m b a J t ih * ft* c J h fß * J e f'h u & r g a m tn » H eld *-'tu ta rJ h n tb e f~ tu n h e

gesprochen. Altnordisch ist der Sam­ melbegriff für die skandinavH sehen Sprachen, Isländisch und Norwegisch als West­ nordisch sowie Dänisch und Schwedisch als Ostnordisch. Die alten Zeugnisse dieser Sprachen waren Runenin­ schriften. Bedeutendstes

Dieses Fragment des Heliand wurde 1978 in der Bibliothek in Strau­ bing entdeckt. Heute be­

Zeugnis der Literatur aber ist die »ältere« oder LiederEdda, die im späten 13. Jh. schriftlich fixiert wurde. Sie enthält 30 Götter- und Heldenlieder aus der Wikinger­

findet sich die Textseite

zeit. Als Snorri-Edda (1220) bezeichnet man die My­

aus der Handschrift in der Staatsbibliothek

thendichtung von Snorri Sturluson (gest. 1241).

München.

Altsächsisch ist auf dem Kontinent ebenso wie Alt­ englisch und Altfriesisch ein Teil des Nordseegermani­ schen. Diese Sprache unterscheidet sich vom Althoch­ deutschen hauptsächlich durch die Tatsache, dass sie die Zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht hat. Die wichtigste schriftliche Überlieferung dieser Sprache ist die um 840 verfasste Bibeldichtung des Heliand. Darin wird Jesus als strahlender germanischer Held, Heer­ führer und Fürst dargestellt, dessen Gefolgsleute und Krieger seine Jünger sind. Zweite oder Althochdeutsche Lautverschiebung Ähnlich der Ersten Lautverschiebung veränderte sich in der Althochdeutschen Lautverschiebung die Laut­ qualität von germanisch p-, t-, /r-Reibelauten:

Zweite oder Althochdeutsche Lautverschiebung

• Zu Doppelfrikativen ff, zz, hh nur nach Vokal im gesamten hochdeutschen Gebiet, • zu den Affrikaten (Verbindung eines Verschlusslauts mit einem Reibelaut) pf, tz (z), kch (ch) im Anlaut, bei Konsonantenverdopplung und nach Konsonanten. Die geografische Ausdehnung dieses Wandels erstreckt sich bei den drei Konsonanten jeweils unter­ schiedlich weit (s. S. 53):

. p>pf{ um das 6./7. Jh. nur im oberdeutschen Gebiet = Bairisch, Alemannisch, Ostfränkisch): germ. *plegan, ahd. pflegan - nhd. pflegen germ. *appla, ahd. apful - nhd. Apfel (vgl. engl, apple) germ. *scarpa, ahd. scarpf - nhd. scharf (vgI. engl.

sharp) • t>tz (um das 5./ 6. Jh. im gesamten althoch­ deutschen Gebiet): germ. *taiknam, ahd. zeihhan - nhd. Zeichen germ. *satjan, ahd. settian - nhd. setzen germ. *holta, ahd. holz - nhd. Holz • k >kh (um das 7./8. Jh. nur im Bairischen und Alemannischen): germ. *korna, fränk. korn, abair. kchorn - nhd. Korn germ. *werka, fränk. werk, abair. werkch - nhd. Werk germ. *quekka, fränk. quec, abair. kchwek, kchwech - nhd. lebendig Die germanischen Medien (stimmhafte Verschlusslau­ te) b, d, g werden etwa um das 8./9. Jh. zu den Tenuesp, t, k verschoben:

8 b>p nur im Alemannischen und Bairischen mit einigen Ausnahmen

8 d> t im Oberdeutschen und teilweise im Rheinfrän­ kischen:

as. dag, ahd. tag - nhd. Tag (vgl. engl, day), auch: as. blöd, ahd. bluot - nhd. Blut (vgl. engl, b/ood)

52

Das Mittelalter - Althochdeutsch

• g> k nur im Bairischen fast voll durchgeführt: abair. kot - nhd. Gott; abair. perg - nhd. Berg Gründe für die Verschiebung Der Grund für die Zweite Lautverschiebung ist um­ stritten, wieder führt man die Substrattheorie als Er­ klärungsversuch an (s. S. 26), vor allem auch, weil es schon erste Belege für frühe Verschiebungen in Nord­ italien gibt, wo sich in germanischen Wortformen bereits im 6. Jh. bestimmte Tenues-Verschiebungen finden. In jedem Fall aber hat sich die Verschiebung wellenförmig von Süden nach Norden ausgedehnt, ist im Alemannischen am stärksten und wird, je weiter sie sich nach Norden erstreckt, um so schwächer, was man noch heute in den deutschen Dialekten nachvoll­ ziehen kann - man vergleiche das Schweizerdeutsch Die Speerspitze aus Wurmlingen zeigt die runische Inschrift IDORIH (oder nur DORIH, da das erste Zeichen unsicher ist). Man datiert sie um das Jahr 600 n. Chr., denn sie zeigt für viele Sprachwissenschaftler bereits die Verschiebung von k zu h, got. reiks, hier -rih, nhd. -reich. An­ dere Wissenschaftler wie Henrike Lähnemann sehen keine Anzeichen

mit dem Dialekt, der z. B. in Hamburg gesprochen wird. Bei dieser Süd-Nord-Entwicklung verlor die Ver­ änderung, je weiter sie nach Norden vordrang, an Kraft, am Rhein fächerte sie sich im sogenannten »Rheini­ schen Fächer« in einer Reihe von Isoglossen aus. Erhalten blieb der größte Unterschied zwischen den deutschen Dialekten, zwischen Nieder- und Hoch­ deutsch, denn die niederdeutschen Dialekte weisen keins der Merkmale auf, das die Zweite Lautverschie­ bung mit sich brachte. Ebenso verhält es sich mit dem Niederländischen und dem Englischen.

für die Zweite Lautver­ schiebung, da bei idnoch keine Medienver­ schiebung aufgetreten sei und der zweite Teil -rih zusammen mit an­ deren altgerm. -rich-Formen betrachtet werden müsse. Die Spitze befin­ det sich im Landesmu­ seum in Württemberg, Stuttgart.

Der Umlaut Als Umlaut bezeichnet man den Prozess der Anglei­ chung des Vokals der Haupttonsilbe an den Vokal der folgenden (unbetonten) Silbe. In gewisser Weise wird der Ton der Folgesilbe vorweggenommen. In allen ger­ manischen Dialekten (außerdem Gotischen) kommt der sogenannte »/-Umlaut« vor, der seit etwa 750 n. Chr. durch ein /, Toder j in der Folgesilbe zur Umlau-

Der Umlaut

53

Der Rheinische Fächer Die Verdichtung von Isoglossen (s. Kasten) oder Mundart­ grenzen, die durch die unterschiedliche Entwicklung bzw. das unterschiedliche Voranschreiten der Zweiten Lautver­ schiebung entstanden, bildeten eine sogenannte Staffelland­ schaft. Diese Staffellandschaft in Form eines Fächers mit ihrem Drehpunkt im Rothaargebirge und ihren Ausläufern am Rhein, wo die Wirkung abschwächt und sich deshalb zerfa­ sert, nennt man den Rheinischen Fächer (R. F.). Der R. F. setzt sich aus den folgenden Hauptisoglossen zu­ sammen (Kontrast jeweils Nord/Süd): • Uerdinger Linie - ik /ic h (Niederfränkisch) • Benrather Linie - m aken/m achen (Südniederfränkisch) • Eifelschranke - d o rp /d o rf (Ripuarisch, z. B. Kölsch, Bönnsch etc.) • Hunsrückschranke - d a t/d a s (Moselfränkisch) • Speyerer Linie - A p p e l/A p fe l (Rheinfränkisch, z. B. Pfäl­ zisch, Südhessisch etc.) Dabei ist die Uerdinger Linie die jüngste Lautverschiebungs­ grenze des R. F., die sich aus der im 13. Jh. fest gewordenen Benrather Linie ausfächerte und im 15. Jh. haltmachte.

Die geographischen Grenzen des Rheini­ schen Fächers

Das M ittelalter - Althochdeutsch

tung des vorausgehenden Vokals führt. Der Begriff stammt von Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), der damit ursprünglich jede Art von Vokalwandel in Kurzsilben bezeichnete, Jacob Grimm wandte ihn erst­ mals auf das hier beschriebene Phänomen an. Dieser Vokalwandel zeigt sich wie folgt: • a

> e (ä)

ahd. faran - nhd. fahren, ferit - nhd. er fährt, ahd.gast, - nhd. Gast, gesti, - nhd. Gäste; ahd. mähtic, mhd. mähtec - nhd. mächtig; • a

> eferit, gesti, mähtec

• ä > ae

ahd. mär/, mhd. maere - nhd. Erzählung;

• u >ü

ahd. ubir, mhd. und nhd. über;

• ü

> iuahd.hlüten, mhd. Hüten - nhd. läuten;

• ö

> ceahd.sköni, mhd. schoene - nhd. schön;

• ou > öu ahd. loufit, mhd. löufet - nhd. er läuft; • uo > üe ahd. guoti, mhd. Güete - nhd. Güte. Auslösender Faktor für den Umlaut (der systematisch vollzogen wurde) war der Endsilbenverfall, bei dem die /-haltigen Silben verlorengingen. Heute ist er nicht mehr produktiv, unterscheidet aber immer noch zwi­ schen verschiedenen (morphologischen) Kategorien wie der zweiten und dritten Person bei den starken Verben (ich fahre, du fährst, er fährt; ich laufe, du läufst, er läuft), zwischen Plural und Singular (Mutter, Mütter; Apfel, Äpfel; Haus, Häuser), zwischen Positiv und Komparativ (groß, größer; jung, jünger; hoch, höher) Artikel aus Demonstrativpronomen Das Indoeuropäische vereinigte noch in einem Wort alle Angaben zu Geschlecht, Fall, Zeit, Beziehung zu anderen Wörtern usw. Durch die Abschwächung der Endsilben jedoch, die durch die Verschiebung des Ak­ zents hervorgerufen wurde, der nun auf der ersten Silbe lag (s. S. 29f.), fiel laut Gerdes und Spellerberg (1983:22) mehr als die Hälfte des althochdeutschen

Artikel aus Demonstrativpronomen

55

pormenbestands zusammen. Diese gravierende Verän­ derung führte zu einem großen Wandel des Systems. Auswirkungen hatte dies auch auf die Art, wie man mit Substantiven umging. Das Germanische kannte, wie andere indoeuropäische Sprachen auch, ein dem Sub­ stantiv vorausgehendes Wort, allerdings hatte es stets

eine (hin)weisende oder hervorhebende Funktion - es war ein Demonstrativpronomen. Durch den Wandel des Systems diente dieses Pronomen plötzlich nicht mehr allein zur Hervorhebung, sondern auch zur Mar­ kierung der grammatischen Eigenschaften des Haupt­ worts, vor das es gestellt war - es bekam eine neue Funktion und wurde zum Artikel. Dieses Pronomen als Artikel wurde im Lauf der Zeit so stark, dass es schließlich ständige Verwendung fand und zur alleini­ gen Markierung für das Substantiv wurde - d. h. nicht mehr das Substantiv trägt wie noch im Indoeuropäi­ schen die Information über z. B. Geschlecht, Fall, Zeit, sondern der Artikel. Das Substantiv ist meist bis auf die Unterscheidung Singular vs. Plural markierungslos. Ursprünglich ist der bestimmte Artikel mit dem Demonstrativpronomen identisch, von dem es die schwache bzw. die unbetonte Form ist. Die Endungen sind mit denen der Pronomen der 3. Pers. gleich:

Sg. Nom.

Mask.

Fern.

Neutr.

PI.

Mask.

Fern.

Neutr.

der

diu

da

Nom.

die

dio

diu

Akk.

den

dia

da

Akk.

die

dio

diu

Gen.

des

dera

des

Gen.

dero

dero

dero

Dat.

demu

deru

demu

Dat.

dem

dem

dem

Inst.

*diu

*diu

Inst.

dieses neue Wort ermöglichte auch die Substantivie­ rung von Nichtsubstantiven, von Verben, Adverben, Personalpronomen oder Adjektiven, eine bis dahin un°ekannte Ausdrucksvariante, die im Lauf der Zeit sehr Produktiv wurde:

Das M ittelalter - Althochdeutsch

• Das Gehen fiel im schwer, (substantiviertes Verb) • Das Schöne jedoch beflügelte seinen Schritt, (substantiviertes Adjektiv) • Dabei lebt er nur im Heute, (substantiviertes Adverb) • Auf diese Weise wächst sein Ich in ungeahnter Weise, (substantiviertes Personalpronomen) Im Althochdeutschen gibt es zunächst jedoch noch viele Verwendungen ohne den noch sehr neuen Artikel:

• ahd. Man giang aftar wege, zöh s?n hros in handum. (keine Artikel) • nhd. Ein Mann ging den Weg entlang, führte sein Pferd an der Hand. In wörtlicher Übersetzung müsste es heißen »zog sein Ross in Händen«, was nicht möglich ist, darum die Übersetzung mit dem bestimmten Artikel. Allerdings gibt es im Deutschen auch heute noch feste und nicht analysierte Formen, die ohne Artikel auskommen und als idiomatische Formen behandelt werden: Sie hält sein Glück in Händen, er tritt es mit Füßen. Andere idiomatische Beispiele als Überbleibsel einer Zeit vor den Artikeln, die sich im Neuhochdeutschen bewahrt haben, sind z. B. Mann und Maus, Tag für Tag, über Berg und Tal, nach Hause gehen, zu Hause sein, zu Bett gehen, zu Bett liegen, bei Tisch sitzen, mit Kind und Kegel. Das althochdeutsche Demonstrativpronomen im Nom./Akk. Sg. Neutr. ditz ist durch eine gesonderte Entwicklung entstanden. Dialekte im althochdeutschen Sprachgebiet Der Unterschied zwischen den verschiedenen deut­ schen Dialekten und die Aufteilung des Sprachraums existiert seit dem Mittelalter und hat sich eigentlich im Bereich der gesprochenen Sprache nur wenig verän­ dert. Was die Schriftsprache angeht, haben große Ver­ änderungen durch Standardisierungen eingesetzt, aber

Dialekte im althochdeutschen Sprachgebiet

das gesprochene Wort unterscheidet sich in den heuti­ gen Versionen der Dialekte nur wenig von denen vor hunderten Jahren. Alle regionalen Umgangssprachen sind stark von den jeweiligen Dialekten gefärbt, ob­

wohl durch die zunehmende Mobilität der Sprecher ei­ ne Annäherung zu beobachten ist. Eine einheitliche deutsche Aussprache gibt es tatsächlich erst seit 1898, als der Sprachwissenschaftler Theodor Siebs (1862-1941) mit der Deutschen Bühnenaussprache das erste Standardwerk für die deutsche Aussprache vorlegte. Aus dem Mittelalter kennen wir die geschriebene Sprache als Schriftdialekte. Gleichzeitig kann man für diese Zeit das Lateinische als vereinende Sprache der Verwaltung und der Kirche betrachten, als lingua franca. Was man also als Althochdeutsch bezeichnet, ent­ spricht nicht einem Konzept, wie wir es heute vom Neuhochdeutschen haben: Es gab keine althochdeut­ sche Sprache in diesem Sinn. An den schriftlichen Dokumenten können wir den Unterschied zwischen den einzelnen Dialekten in Wortwahl, in Flexions- und Wortbildung, im Satzbau und überhaupt im Wortschatz erkennen. Allerdings muss man sich auch bewusst machen, dass diese Texte nicht die Sprache der Men­ schen spiegeln, sondern die der Mönche. Geistliche waren aber eine Art von Bildungselite und schon des­ halb muss sich ihre Sprache von der des »gemeinen Volkes« unterschieden haben - wenn nicht im Dialekt, so bestimmt in der Wortwahl und in der Komplexität der Sätze und Diskurse. Diese Mönche und Priester orientierten sich am jeweiligen Dialekt der Region, in der sie schrieben, aber auch an dem Dialekt der Ge­ gend, aus der sie jeweils stammten, was nicht dersel­ be Ort gewesen sein muss. Allein aus einem solchen Unterschied, einerseits der eigenen Veranlagung fol­ gend und andererseits die Auflagen des jeweiligen Kosters befolgend, ergaben sich nicht unwesentliche Unterschiede. Weiterhin wurde die Sprache innerhalb

58

Das Georgslied aus dem späten 9. Jh. n. Chr. stammt aus dem ale­ mannischen Raum. Heu­ te ist nur noch eine frag­

Das Mittelalter - Althochdeutsch

' N tmWlon fr-eimwi.

mentarische Abschrift erhalten. Es ist die erste

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Heiligenlegende in deut­

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davon ausgehen, dass die

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p iii< w U jr puafrUtt,

... so daz Eliases pluot

in erda kitriufit, so inprinnant die perga, enihc in erdu,

B

•■'-■rrvjtnto-Ud'i

Das M uspilli wird nach

pounn ni kistentit

ahä artruknent,

muor varsuuilhit sih, suilizöt lougiu der himil, mäno vallit, prinnit mittilagart, sten ni kistentit, verit denne stuatago in lant, verit mit diu vuiru viriho uuisön: dar ni mac denae mäk andremo helfan vora demo muspille. ... so dass des Elias’ Blut auf die Erde tropft, dann brennen die Berge, kein einziger Baum bleibt stehen auf der Erde, die Wasser trocknen aus, das Moor verschlingt sich, die Flammen verbrennen den Himmel, der Mond fällt herunter, es brennt der Erdkreis, kein Stein bleibt bestehen, wenn der Sühnetag ins Land zieht, er kommt mit Feuer, sucht die Menschen auf: Da kann kein Verwandter dem anderen helfen vor dem Muspilli. Die Straßburger Eide

Mit Straßbuger Eide wird ein weltlicher Text von 842 bezeichnet, der in Altfranzösisch, Althochdeutsch und Latein verfasst wurde - ein deutliches Indiz für ver­ schiedene nebeneinander koexistierende Sprachen.

Baumann und Oberle (1986:16) auch »das verzweifelste Stück alt­ hochdeutscher Dich­ tung« genannt.

70

Das M ittelalter - Althochdeutsch

Der geschichtliche Hintergrund für die Eide ist der Folgende: Ludwig der Fromme (778-840), Sohn Karls des Großen, hatte bereits 817 für seine drei Söhne Lothar I. (795-855), den ältesten, Pippin I. (797-838) und Ludwig II. (806-876) die Erbfolge geregelt: Wäh­ rend Lothar den größten Teil des Reiches erhielt und

bereits zu Lebzeiten seines Vaters regierte, bekam Pip­ pin die südfranzösische Provinz Aquitanien zugespro­ chen und an Ludwig, später genannt »der Deutsche«, fiel Bayern. 829 jedoch verstieß der Vater gegen seine eigene Erbregelung, indem er für seinen Sohn aus Darstellung Ludwigs I.,

zweiter Ehe, Karl II. (823-877), später genannt »der

des Frommen, als »miles

Kahle«, ein viertes Teilreich einrichtete und diesem veri machte. Die drei älteren Söhne erhoben sich daraufhin

Christi« (Soldat Christi) um 831 in einem Ge­ dicht von Rabanus Mau­ rus (780-856), Abt des Klosters Fulda. Fleute befinden sich Text und Abbildung in Rom, Biblioteca Apostolica Vati­ cana, Codex Vat. Reg. lat. 124, folio 4 v.

gegen den Vater, um ihn abzusetzen. Nach Ludwigs Tod beteiligte sich auch Karl II. an diesen kriegerischen Auseinandersetzungen und verbündete sich mit Lud­ wig gegen Lothar; Pippin war schon 838 gestorben. 841 schlugen die beiden den älteren Bruder in der Schlacht von Fontenoy, und am 14. Februar 842 begegneten sie sich in Straßburg, um mit den Straßburger Eiden ihr Bündnis gegen Lothar zu erneuern. Im Jahr 843 einigten sich die drei Brüder im Vertrag von Ver­ dun auf die Teilung des Reichs, und mit dem Aussterben von ) Lothars Erbfolgelinie wurde »Lotharingien« (Elsass-Lothringen) unter den Nachfolgern Karls des Kahlen und Ludwigs I des Deutschen aufgeteilt. Das Bündnis der Brüder von 841 und ihre Zusammenkunft zeichnen die Entstehung Frankreichs und Deutschlands vor. Gleichzeitig legt es zusam-

Die Texte

rnen mit der späteren Entwicklung den Grundstein für

das seit damals immer wieder zwischen Frankreich und Deutschland umkämpfte Gebiet westlich des

Rheins. Jeder der beiden Herrscher sprach in der je­ weils anderen Sprache, damit er vom Heer des andeen verstanden werden konnte. Überliefert sind die Texte in der auf Lateinisch abgefassten Historiae des Nithardus (ca. 800-845), eines Enkels Karls des Großen. Hier ein Auszug des Eidestexts zuerst in altfranzö­ sisch, der Sprache Ludwigs, denn er war der ältere:

Pro Deo amur et pro Christian poblo et nostro commun salvament, dist di in avant, in quant Deus savir et podir me dunat, si salvaraeio eist meon fradre Karlo, et in adiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dist, in o quid il mi altresi fazet; et ab Ludher nul plaid numquam prindrai, qui meon voi \666\cist meon fradre Karle in damno sit. Dieselben Worte in althochdeutscher Sprache, der Sprache Karls IL: ))in godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi, fon thesemo dage frammordes, so fram so m ir got geuuizei indi mahd furgibit, so haldih thesan minan bruodher, soso man mit rehtu sinan bruodher scal, in thiu thaz er mig so sama duo, indi mit Ludheren in nohheiniu thing ne gegango, the minan uuillon imo ce scadhen uuerdhen. « Auf Neuhochdeutsch: In Gottes Liebe und in des christlichen Volkes und unser beider Erlösung, von diesem Tage an ferner­ hin, sofern mir Gott Weisheit und Macht [dazu] gibt, so halte ich diesen meinen Bruder, so wie man mit Recht seinen Bruder soll, in dem dass [=damit] er mir dasselbe tue, und mit Lothar in keinen [einzigen] Dingen nicht [zusammen-]gehe, die meinen Willen ihm zu Schaden werden [lassen würden].

71

72

Das Mittelalter - Althochdeutsch

Straßburger Eide, 14. Februar 842. Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle leisten die Eid­ schwüre gegen den ab­ wesenden Bruder Lothar. Holzstich von 1866

Die nachkarolingische Zeit Die Germanen waren vorwiegend durch angelsächsi­ sche Missionare christianisiert worden. Als in diesem Zuge der Mönch Bonifazius Pippin, den Vater Karls des Großen, im Jahr 751 in Soissons als König aller Fran­ ken krönte und damit den Grundstein für die karolingi­

sche Dynastie legte, waren weite Teile der Bevölkerung bereits zum Christentum übergetreten. Für die Krö­ nung bedurfte es jedoch insofern noch des Rückhalts der Kirche, als Pippin keiner königlichen Familie ent­ stammte und also nachträglich noch zum König ge­ salbt werden musste. Im Gegenzug wurde die Verbindung zwischen Pippin und dem heiligen Stuhl durch die »Pippinsche Schen­ kung« des Jahres 756 gefestigt, denn der König schütz­ te den Papst gegen die Langobarden und verbriefte ihm mit dem Dukat von Rom Landbesitz: Der Grund­ stein für den Kirchenstaat war gelegt. Für diese Leis­ tung wurde dem Frankenkönig der Titel Patricus Romanorum verliehen, der ihn mit Oberhoheit und Schutzpflicht über Rom und der wichtigsten Stimme bei der Wahl des Papstes ausstattete. Diese enge Verbindung zwischen Kaiser und Papsttum ist für die spä-

j

Die nachkarolingische Zeit

73

tere Regierung Karls des Großen sehr wichtig und leibt für das gesamte frühe Mittelalter bestimmend. Die Nachfolger Karls des Großen erwiesen sich als unfähig, das Reich zusammenzuhalten; sie konnten ben einfallenden Wikingern, die sich seit 890 in der Normandie festsetzten, nicht standhalten und blieben auch gegen die ins Ostreich einfallenden Ungarn unter­ legen. Mit dem Ende der karolingischen Zeit um 911 stehen statt eines starken Reichs fünf Stammesherogtümer als fast selbstständige Gebilde da: Bayern, Franken, Lothringen, Sachsen und Schwaben. Da sie stark sind, verhindern sie eine Zentralregierung und

oereiten so den Boden für die territoriale Entwicklung Deutschlands, das im Laufe seiner Geschichte immer wieder Bestrebungen erfährt, dieses Heilige Römische

Reich auferstehen zu lassen. Gleichzeitig mit diesem politischen Ende zerfällt die deutschsprachige Schriftsprache und damit ihre gera-

Bonifazius Im Jahr 723 fällt Bonifazius die Thor-Eiche

ab jetzt Zentrum ihrer Häuser und ihres

in Geismar, Thüringen, um mit ihr sinnbild­

Lebens sein; ihre Nadeln seien immer

lich die heidnischen Götter zu zerstören.

grün, wie Christus immer Licht ihrer Leben

Aus den Wurzeln der gefällten Eiche sprießt

sein solle; sie stehe wie ein Pfeil, der in den

der Legende nach eine Tanne, und Bonifazi­

Himmel weise, Christus solle ihr Wegweiser

us ruft sie zum neuen christlichen Symbol

und ihr Trost sein. Als »Tannenbaum« bleibt

aus. Ihr Holz diene zum Bau ihrer Häuser,

die Tanne Wahrzeichen des Weihnachts-

erklärt er den Ungläubigen, Christus solle

fests.

Bonifazius fällt die Donar-Eiche von Geismar. Farblithografie, um 1900, Dortmund, Westfä­ lisches Schulmuseum

74

Das Mittelalter - Althochdeutsch

Notgers Anlautgesetz dient zur Regelung der Schreibung von j ( Explosivlauten im Althochdeutschen: Endet das unmittelbar i vorausgehende Wort auf einen stimmlosen Konsonanten (p, t, \ J k, pf, z, ch, b, d, g, f, h, z), so wechselt der erste Buchstabe des Folgewortes (im Anlaut) von b, d, g zu p, t, k. Endet das vorausi gehende Wort auf einen Vokal oder einen stimmhaften Konso­ nanten (I, r, m, n), schreiben sich die Konsonanten im Anlaut 1 als b, d, g.

de keimende Literatur für ca. 150 Jahre bis zur Mitte des 11. Jh.s. Allein Latein ist in der gängigen Ideologie der Zeit - und einer erstarkenden Kirche - die ange- ! strebte Schriftsprache. Ein Rückfall nach den Bemü­ hungen Karls des Großen um die deutsche Sprache und Kultur. Gleichzeitig wird durch diese konservative Entwicklung der Grundstein dafür gelegt, dass bis weit ins 17. Jh. hinein Latein die Sprache von Wissenschaft und Bildung bleibt. Große Verdienste um die deutsche Schriftsprache erlangte um diese Zeit der Benediktinermönch und Leiter der Klosterschule von St. Gallen, Notker Labeo (950-1022). Seine Werke gehören zu den bekanntes­ ten und wichtigsten der Zeit. Er übersetzte und kom­ mentierte antike Literatur in althochdeutsche Prosa, um die biblischen Inhalte verständlicher zu machen. In seinem Hauptwerk Psalter, einem liturgischen Text­ buch mit Psalmen und Wechselgesängen, entwickelte er als erster eine konsequente phonetische Recht­ schreibung des Deutschen, die in der Sprachwissen­ schaft als »Notkers Anlautgesetz« bezeichnet wird.

Übergang zur frühmittelhochdeutschen Literatur Um die Mitte des 11. Jh.s geht die althochdeutsche Literatur zu Ende. Ausgehend vom Kloster Cluny (ge­ gründet 910) im französischen Burgund, setzte eine Welle großer Religiosität ein - Scholastik nannte sich diese Form der Theologie, die versuchte, Glaubens­ inhalte philosophisch-wissenschaftlich zu deuten und

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Übergang zur frühmittelhochdeutschen Literatur

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die W eltgeschichte als direkte Folge göttlicher Offen­ barung betrachtete.

1059 wird das Papsttum per Dekret von jeder Art der Einflussnahme durch weltliche Kräfte befreit; die Kirche hatte in den letzten Jahrhunderten stark an Macht gewonnen und benötigte den Schutz eines welt­ lichen Herrschers nicht mehr. Von nun an wählen aus-

chließlich Kardinäle den Papst. Die Kirche fordert nicht nur ihre absolute Unabhängigkeit, sondern darü­ ber hinaus die Unterwerfung der weltlichen Herrscher unter ihre Vormacht.

Im »Wormser Konkordat« von 1122 kommt es schließlich zur Trennung von kirchlichen Ämtern und weltlichem Recht. Die Bischofsweihe findet zwar noch im Beisein des Kaisers statt und er stattet den Geist­ lichen mit weltlichen Gütern und Rechten aus, verliert aber gleichzeitig jede Macht über sein Wirken. Papst­ tum und Kaisertum sind gänzlich unabhängige Mächte geworden. Gewinner dieser Machtrangeleien zwischen Kaiser und Kirche ist (neben der Kirche selbst) der ho­ he Adel, der sich Besitz und Ho­ heitsrechte auf Kosten des Königs aneignet und schließlich das Kö­ nigswahlrecht durchsetzt. Gleichzei­ tig und folgerichtig sind die Bischöfe eine Art Staat im Staat geworden, als geistliche Reichsfürsten gehören sie zum hohen Adel und profitieren gemeinsam mit ihm von den grund­ legenden Veränderungen. Es verwundert nicht, dass in die­ ser Zeiten großer Religiosität und politischer Vormachtstellung der Kirche der Erste Kreuzzug fällt. Zwi­ schen 1096 und 1099 ziehen christ­ liche Soldaten in Judäa ein, um die Wirkstätten Christi aus moslemischer Hand zu befreien, da Palästina

Nach seiner Gründung 910 erlebte das Kloster Cluny einen sehr ra­ schen Machtzuwachs. 1098 nannte Papst Ur­ ban II. das Kloster »das Licht der Welt«. Nach der französischen Revo­ lution wurde Cluny 1790 geschlossen, seine Ge­ bäude wurden als Stein­ bruch freigegeben.

Das Mittelalter - Althochdeutsch

1070 von den Seldschuken erobert worden war. Die Schriften der Zeit sind vorwiegend deutsche religiöse Gebrauchstexte, die das Volk auf den rechten Weg weisen sollen, wie das Ezzolied des Geistlichen Ezzo aus Bamberg um 1063. In einem 34-strophigen Hym­ nus werden die Erschaffung des Menschen und Christi Tod am Kreuz als Vollendung des göttlichen Heilspla­ nes besungen. Notker Zwiefalten (vor 1065 bis nach 1090) schrieb im Kloster Hirsau, das stark von der cluniazensischen Reformbewegung geprägt war, um das Jahr 1070 mit dem Memento mori die erste deutsche Büßpredigt in Reimform: ein Aufruf zur Weltabkehr und zur Askese im Sinne von Cluny. Das 12. Jh. liefert milder gestimmte Texte in Form von Mariendichtungen, hier herrscht volkstümliche Einfachheit und Frömmigkeit vor mit Maria als weib­ licher Mittlerin zwischen Mensch und Gott. Beispiel­ haft für diese Texte ist der folgende Auszug der

Mariensequenz aus dem Schweizer Kloster Muri: Ave, vH lieh tu maris stel/a, ein lieht der christinheit, Maria, alri magide lucerna. Sei gegrüßt heller Stern des Meeres, ein Licht der Christenheit, Maria, Leuchte aller Jungfrauen. Die Mariendichtung bildet in gewisser Weise den sach­ ten Übergang zu den sogenannten vorhöfischen Dich­ tungen mit stärkerer Hinwendung zu weltlichen Belan­ gen, ritterlichem Leben und schließlich Abenteuern. Maria ist als Mutter Gottes und weltliche Frau für den Übergang kennzeichnend, die ausschließlich religiös geprägte Dichtung kommt zu ihrem Ende. Man will in diesem neuen Spiegel der Welt seinem Gott, gleich­ zeitig aber auch der Welt zugewandt sein und beiden gefallen.

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Übergang zur frühmittelhochdeutschen Literatur

In diese Zeit fällt die Kaiserchronik, die erste Ge-

hichtsdichtung in deutscher Sprache. Über 17.000 Verse bilden den Übergang zum Frühmittelhochdeut­ schen. Die ursprünglich Cronica genannte Schrift wure von einem anonymen Geistlichen am Regensburger

Hof verfasst und bricht mit den Vorbereitungen zum Zweiten Kreuzzug 1147 abrupt ab. Episodenhaft weren die Leben von 54 römischen und deutschen Kai­ sern dargestellt.

Nach der französischen Vorlage über das Leben aiexanders des Großen von Alberich von Besangon (um 1120), von der nur noch 1205 Verse erhalten sind, erfasste der vermutlich aus dem Rheinland stammen­ de Geistliche Lamprecht, genannt »der Pfaffe«, zwi­ schen 1120 und 1150 das Alexanderlied. Damit beginnt :ie Einflussnahme der französischen Literatur auf die deutsche, die jahrhundertelang anhalten wird. Hier der Anfang aus der um 1170 entstandenen Straßburger assung: Daz liet, daz wir hie wirken, daz su/t ir rehte merken. S/n gevöge ist vHgereht. Iz tihte der paffe Lamprecht unde saget uns ze mere, wer Alexander were. Alexander was ein listich man, vii manige riche er ge wan, er zestörte manige lant. Das Lied, das wir hier vortragen, dem sollt ihr gebührende Aufmerksamkeit schenken, denn es ist genau und richtig gefügt. Der Pfaffe Lamprecht hat es gedichtet und uns ferner berichtet, wer Alexander gewesen ist. Alexander war ein kluger Mann, der viele Reiche gewann und viele Länder zerstörte.

Das Mittelalter - Althochdeutsch

Die Jahre zu Beginn des 12. Jh.s sind reich an Stoff für die sogenannte Spielmannsdichtung, der Erste Kreuzzug (1096-99) ist nach unendlichen Strapazen vorüber, und die Kämpfer kehren mit wilden Geschich­ ten von unbekannten Ländern und nie gesehenen Menschen und Tieren zurück nach Hause. Der Erste Kreuzzug ist von Erfolg gekrönt, Jerusalem wird er­ obert und in Syrien und Palästina werden fränkische Reiche gegründet. Die Angreifer kämpfen geschlossen und eng verbündet - was in den späteren Kreuzzügen nicht mehr der Fall sein soll, wenn Uneinigkeit die Christen schwächt - und es kommt nicht zu den Mas­ sakern und Gräueltaten an der mohammedanischen Bevölkerung, wie in den späteren Kreuzzügen. Neben dem Stoff für die Fantasie, den die Fremde liefert, bereichern die weiteren Kreuzzüge die Kultur des Abendlandes erheblich. Der Kontakt mit dem kulturell viel höher stehenden Islam wirkt sich positiv aus, die arabischen Ziffern werden übernommen, Kenntnisse in Geografie, Naturwissenschaften und Philosophie fließen nach Norden, morgenländische Werren und Aus­ drücke kommen in die nördlichen Kulturen. Letztend­ lichen Gewinn aus den Kreuzzügen ziehen das Papst­ tum, denn sein Ansehen steigt, und italienische Städte wie Venedig, Pisa, Genua sowie Handelszentren in Frankreich und Deutschland. Zu den abenteuerlichen Kriegserlebnissen kommen neue Sagen, Märchen und Tatsachenberichte ebenfalls aus fremden Ländern, die von jungen Geistlichen oder Absolventen von Klosterschulen an den Höfen münd­ lich, mit Witz und Gesang vorgetragen wurden. Litera­ tur diente nicht mehr allein der geistlichen Erbauung, sondern vor allem auch der Unterhaltung, sie ist Vor­ reiter der ritterlich-höfischen Dichtung, die ebenso wie die Spielmannsdichtung in Süddeutschland, dem heutigen Österreich und hauptsächlich im nördlichen Schwaben zu finden war - in den bairischen, alemanni­ schen und ostfränkischen Dialekten also. Es ist schwer

Sprachliche Entwicklung in den Niederlanden

zu sagen, welche Rolle die Staufer für die Entwicklung der Dichtung gespielt haben, obwohl zwei ihrer Könige, ieinrich VI. (1165-1197) und Konrad IV. (1228-1254)

Minnesänger waren, die allerdings vermutlich persön­ lich keine Beiträge geliefert haben. Fest steht, dass die dchtersprache des Mittelhochdeutschen ein Produkt der höfischen Kultur war, deren Qualität und Vielseitig­ em Friedrich I. Barbarossa (1122-1190) zu verdanken

:st Man vermied regionale Formen und Ausdrücke und wählte Reime, die sich leicht in andere Mundarten bertragen ließen, um eine Dichtersprache zu finden, die sich über den gesamten deutschen Sprachraum in­

klusive des niederdeutschen Sprachraums ausdehnte, bwohl sie nie bis in die Niederlande vordrang. Sprachliche Entwicklung in den Niederlanden Auf dem Gebiet der heutigen Niederlande entwickelte

sich um das Ende des 13. Jh.s auf der Grundlage des liederfränkischen Dialekts rasch eine Sprache jenseits des Lateinischen, die von Verwaltung, Gerichtsbarkeit, für den Kontakt zwischen Handelsniederlassungen und

ien Umgang des gebildeten Bürgertums verwendet wurde. Hier hatte die mittelhochdeutsche Dichterspra­ che keine Wirkung. Im 16. Jh., mit der Abspaltung der Niederlande und dem Kräftegewinn des Calvinismus als Variante des Protestantismus etablierte sich diese

Sprache als Standard für die geografische Region. Dar­ aus entwickelte sich das moderne Niederländisch. Man kann also sagen, dass das Niederländische dem Mitteldochdeutschen weit näher steht als das moder­ ne Deutsch.

Dialekte

■Ein Dialekt (griech. dialektos = Rede­

ten Ort, dort wird er die meiste Zeit

weise, Unterredung) ist die Variation

verbringen müssen. Er beginnt in

einer Hochsprache, die in Ausspra­

Dünkirchen (auf französischem

che, im Satzbau, in den grammati­

Sprachgebiet) mit einer südwestflä­

schen Formen und in der Wortwahl

mischen Mundart, die es ihm gestat­

vom Standard abweicht. Eine der

tet, auf der belgischen Seite leicht

wichtigsten Fragen jedoch in der Be­

den dort gesprochenen westflämi­

stimmung dessen, was ein Dialekt

schen Dialekt zu verstehen und zu

ist, bleibt: Was unterscheidet einen

sprechen. In jedem weiteren Ort wird

Dialekt von einer Sprache?

er etwas Neues dazulernen, aber

Zur Erklärung zeichnet der nieder­

auch etwas zuvor Erlerntes verges­

ländische Linguist Klaas Heeroma

sen können - nie jedoch wird er das

(1909-1972) den Fall eines engli­

Gefühl haben, eine Sprachgrenze

schen Touristen, der eine Wanderung

überschritten zu haben. Schon gar

vom französischen Dünkirchen nach

nicht, wenn er, aus Belgien kom­

Danzig in Polen plant; Zeit spielt da­

mend, die Schelde überquert und

bei keine Rolle. Er will an jedem Ort

von Zeeuws-Flandern auf die Inseln

bleiben, an den er kommt, und mit

Zeelands gelangt. Jede Sprachvarian-

den Leuten sprechen, jedoch nicht

te geht mehr oder weniger nahtlos in

in der jeweiligen Landessprache (im­

die nächste über und so wird aus

merhin Französisch, Niederländisch,

Südholländisch Nordholländisch und

Hochdeutsch, Dänisch, Polnisch),

schließlich der Dialekt, der auf der

sondern im jeweils vorherrschenden

deutschen Seite der Grenze gespro­

regionalen Dialekt, den er zuvor ler­

chen wird: Sprache als Kontinuum!

nen muss. Auf eine solche Sprach-

Man kann vermuten, dass der

reise, so Heeroma, kann man sich

Deutsche, der hinter der Grenze lebt,

nicht vorbereiten, denn, so definiert

den niederländischen Nachbarn bes­

er Dialekt, »örtliche Mundarten stel­

ser versteht als zum Beispiel einen

len dem interessierten Außenstehen­

Bayern oder einen Alemannen. Den­

den keine Lehrmittel zur Verfügung.

noch aber sind alle drei Deutsche,

Dafür sind es eben Dialekte. Der Dia­

während der Holländer, mit dem sich

lekt ist eine örtlich festgelegte Form

der deutsche Grenznachbar nahezu

menschlicher Sprachexistenz, ein so­

perfekt verständigen kann, ein Aus­

ziales Kontaktmittel zum Gebrauch

länder ist. Wieso? Heeroma beant­

im eigenen Lebensbereich. Dialekt

wortet diese Frage so: »Die deutsch­

wendet sich nicht an den Außenste­

niederländische Staatsgrenze ist

henden.« Heeromas Engländer muss

keine Volkssprachengrenze, vielmehr

sich einarbeiten - vor allem am ers­

eine Kultursprachgrenze«. Aber es ist

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;iiCht die Sprache, die über Zugehö­

In gewisser Weise ist also der Stan­

rigkeitsgefühle entscheidet, es ist

dard selbst zu einer Art (sozialem)

■in eher abstraktes Gefühl, das man S o lid a r it ä t

nennen könnte, ein politi­

sches Gefühl, kein geografisch jgionales.

Dialekt geworden, an dem deutlich Herkunft, Schulbildung, Universitäts­ und Klassenzugehörigkeit abgelesen werden können.

Tatsache ist, dass Hochdeutsch

Doch die meisten Menschen be­

;nd Niederländisch zwei sehr unter­

dienen sich nicht nur einer Sprache,

schiedliche Sprachen sind, ihre sich

sie »surfen«, durchbrechen Grenzen,

geografisch nahe liegenden Dialekte ingegen nicht Der Dialekt dient im­ mer der persönlichen Kommunikati­ on, in ihm ist der Mensch zu Hause, ■ährend die Standardsprache dem Statusgewinn dient, denn sie hat heute vor allem diese Funktion. Neben dem regionalen Dialekt gibt

bewegen sich frei zwischen den so­ zialen und regionalen Dialekten, ver­ wenden Sprache in verschiedenen sozialen Situationen und setzen sie, wenn sie es können, in jeder Situation angemessen ein. Können sie es nicht, wird sanktioniert. Im deutschsprachigen Raum des Mittel­

es noch den sozialen Dialekt oder

alters gibt es die folgenden Dialekte in

Soziolekt. Darunter versteht man die

ihren jeweiligen Spraehlandschaften:

spezielle Sprachverwendung sozialer Gruppen wie Jugendsprache, betimmte Berufssprachen oder sogar

a) Oberdeutsch: Alemannisch (Südbaden, Schweiz, Eisass, SüdWürttemberg, Vorarlberg) und Bai­

Männer- und Frauensprache. Jeder

risch (Tirol, Kärnten, Steiermark,

regionale Dialekt hat soziale Register

Ober- und Niederbayern, Ober- und

Sprache ist dreidimensional. Wer spricht aber tatsächlich den

Niederösterreich, Oberpfalz). b) Mitteldeutsch: Westmittel­

Standard einer Sprache? Wahr­

deutsch (Mittelfränkisch (Köln-Trier),

scheinlich in seiner reinen und unge­

Oberfränkisch (u.a. Rheinfränkisch

färbten Form nur sehr wenige Spre­

(Pfälzisch, Hessisch)) und Ostmittel­

cher einer Sprache. Als Beispiel: Auf

deutsch (Thüringisch, Obersäch­

der Welt gibt es etwa 350 Millionen

sisch-Nordböhmisch, Schlesisch).

Muttersprachler des Englischen und }is zu einer Milliarde Zweitsprachler.

c) Niederdeutsch: Mittelnieder­ deutsch (hat sich mit West-, Ostfäli-

Man schätzt, dass nur etwa drei Pro­

schem und Nordniedersächsischem

zent aller Muttersprachler das spre­

aus Altsächsisch entwickelt) und

chen, was man als englische Hoch­

Mittelniederländisch (aus Altnieder­

sprache (Standard oder RP-English,

fränkisch).

rQceived pronounciation) bezeichnet.

Mittelhochdeutsch

Entwicklung einer Nationalsprache Die Periode des Mittelhochdeutschen als Ablösung des Althochdeutschen erstreckt sich von der Mitte des 12. Jh.s als Frühmittelhochdeutsch über das Klas­ sische Mittelhochdeutsch vom Ende des 12. bis Mitte des 13. Jh.s bis hin zum Spätmittelhochdeutschen, das je nach Quelle bis zum Ende des 15. Jh.s dauert. Das Ende der althochdeutschen Periode zeichnet sich nicht mehr durch große literarische Tätigkeit aus.' Diese setzt erst wieder um die Mitte des 12. Jh.s mit dem Beginn der Herrschaft der Hohenstaufen ein, hebt die deutsche Sprache aus der regionalen Begrenzung und macht sie zum ersten Mal zu einer wichtigen eu­ ropäischen Sprache. Es beginnt die Ära der großen Hofdichter wie Wolfram von Eschenbach (ca. 1170 bis ca. 1230), Hartmann von Aue (ca. 1160 bis ca. 1210), Gottfried von Straßburg (gest. um 1215), Der von. Kürenberg (Mitte des 12. Jh.s), Walther von der Vogel­ weide (ca. 1170 bis ca. 1230), Heinrich von Morungen (gest. um 1220) oder Neidhardt von Reuenthal (11801246), deren Vers-Werke weitgehend weltlich geprägt sind und keine geistlich-kirchlichen Themen mehr be­ handeln, obwohl sie noch von religiösen Gedanken durchdrungen sind. Die Werke, die zwischen circa 1170 und 1250 entstanden, begründen das erste klassische Zeitalter deutschsprachiger Literatur. Während die episch-lyrischen Werke in deutscher Sprache überwie­ gen, war es immer noch Latein, das die (wenn auch wenigen) Prosatexte bestimmte. Im Verlauf der mittel­ hochdeutschen Periode und besonders gegen deren Ende in den Jahren zwischen 1300 und 1350 wächst die Zahl der Prosadokumente auf Deutsch, bis Deutsch Latein als Verwaltungssprache langsam abzulösen be­ ginnt. Um 1225 übersetzte Eike von Repgow (1180/901233) den Sachsenspiegel, einen Gesetzestext, aus dem Lateinischen ins Niederdeutsche. Bald schon wur­ de der Text auch ins Hochdeutsche übertragen. Damit

Entwicklung einer Nationalsprache

setzt eine langsame, aber stetige Verdeutschung der

Amtssprache ein. Das älteste kaiserliche Dokument in deutscher Sprache datiert 1240, weitere folgen und ab 1275 ist eine deutliche Zunahme zu verzeichnen. Aus der Zeit bis 1300 sind etwa 2.500 Dokumente erhalten - dem standen allerdings immer noch fast eine halbe Million (!) in lateinischer Sprache gegenüber. Aber ge­ gen Mitte des 14. Jh.s verwenden fast alle Kanzleien Deutsch. Für diesen Wechsel vom Lateinischen zum Deutschen gibt es soziale Gründe: Latein wird mit der Knute traditioneller feudalistischer Interessen und vor allem mit der Kirche assoziiert, jedoch sind die aristo­ kratischen Feudalherren zu dieser Zeit vielfach von Bürgertum und niederem Adel als treibende Kräfte der Gesellschaft abgelöst worden. Andererseits bleibt die Kirche als Bewahrer des Lateinischen und widersetzt sich standhaft jeder Ein­ mischung durch die Verwendung der Umgangsspra­ che; man verbot die Veröffentlichung jeglicher Texte religiösen Inhalts in deutscher Sprache, und 1369 er­ ließ Karl IV. sogar ein allgemeines Verbot derartiger Texte. In einer Zeit, da über religiös-philosophische Dinge in weitem Rahmen nachgedacht wurde, stellte die kirchliche Position eine starke Behinderung in der Entwicklung der deutschen Sprache dar. Noch im Jahr 1486 erklärt der Bischof von Mainz, deutsche Bibeln seien in seiner Diözese nicht erwünscht. Die wichtigsten sprachlichen Eigenarten des Mittelhochdeutschen Sprachlich wird das Mittelhochdeutsche durch drei Veränderungen gegenüber dem Althochdeutschen Markiert: ' Durch die Reduzierung der vollklingenden Vor-, Neben- und Endsilbenvokale a, e, /, o, u zu einem schwachtonigen [a] (Schwa), geschrieben als »e«, außer in den Ableitungssilben -ung, -nis, -üch, -heit, -keit, -inne, -in etc., z. B.:

Mittelhochdeutsch

ahd. Dat. PI. tagun, mhd. tagen - nhd. tagen; ahd. ich nimu, ginoman, mhd. ich nim(e), genomen - nhd.

nehmen, genommen; ahd. scöno, mhd. Schöne nhd.schon. • Durch die grafische Kennzeichnung des Sekundär­ umlauts. • Durch die grafische und lautliche Änderung von sk zu sch. Andere lautliche Entwicklungen wie Monophthongierung (mhd. lieber mueder bruoder - nhd. Heber müder

Bruder), Diphthongierung (mhd. mm ntuwes hüs - nhd. mein neues Haus) und Dehnung in offener Tonsilbe (ahd. wagan hatte ein kurzes a, das im nhd. Wagen lang wird; ebenso wird faran zu nhd. fahren) sind spä­ tere Phänomene, die den Wechsel vom Spätmittelhoch­ deutschen zum Frühneuhochdeutschen markieren. Sekundärumlaut (zu Primärumlaut s. S. 52 ff.) Bis zum Verschwinden der den Umlaut auslösenden Umgebung, also durch den Wegfall der/haltigen Silben beim Verfall der Endsilben ca. um das Jahr 1200, wurde der Umlaut in allen umlautfähigen Silben (a, u, o) durchgeführt. Diese ausnahmslose Regelmäßigkeit des Wech­ sels in der Flexion von z. B. mhd. m aht zu mähte (auch nhd. die i M acht zu die Mächte), g u o t zu güete, ahd. ubir zu mhd. und nhd. über bezeichnet man als Sekundärumlaut.

Vokalwechsel durch Hebung Als Flebung bezeichnet man den Wechsel von e > i in der Wort- und in der Formenbildung. Die neuhochdeut­ schen Verben mit Vokalwechsel [geben - gibt, werfen

- wirft) oder Wortableitungen (Berg - Gebirge, Rechtrichten) stammen daher, dass e vor /, T, j oft auch vor einem u der Folgesilbe, zum Flochzungenvokal /geho­ ben wurde (Flebung). Man beachte die korrespondie­ renden Beispiele aus dem Althochdeutschen:

gibirgi

berg

rihten

reht werfan

wirfu, wirfit gibist

geban

Neuerungen im syntaktischen Bereich

Vokalwechsel durch Senkung Als Senkung bezeichnet man den Wechsel von u (ü) > o

n der Wortbildung. Der Wechsel im Neuhochdeut­ sch en

(Huld - hold, füllen - voll, gülden - Gold) rührt

jäher, dass der Hochzungenvokal u vor a, e, o der Fol­ gesilbe zu o gesenkt wird (Senkung), also an die nach­ folgenden Vokale, die eine geringere Zungenhebung rfordern, angepasst wird. Andere Bezeichnungen für diesen Wechsel sind »a-Umlaut« oder »Brechung«. Man beachte die korrespondierenden Beispiele aus dem

althochdeutschen: ahd. hold (aus got. hui s) - huldF mhd. holt

- hu/de

ahd. fol (aus got. fulls)

- füllen (got. fu/ljan)

mhd. vol

- vullen

ahd. scolta, scolo

- sculum, sculdfg

mhd. solde, schol

- su/n, schu/dec.

Neuerungen im syntaktischen Bereich Der Verfall der Endsilben wirkte sich auch stark auf den Satzbau aus, denn die Flexionsendungen, die ja der Schaffung von Eindeutigkeit dienen sollen, verlie­ ren diese Funktion und gewährleisten deutliches Ver­ stehen nicht mehr. Anders als noch im Althochdeut­ schen tritt nun ein Personalpronomen an das flektierte Verb: ahd. Gilaubiu, mhd. ich geloube - nhd. ich glaube. Waren die Flexionsendungen der Substantive im Alt­ hochdeutschen noch vollkommen klar, so sind sie nun abgeschliffen und darum undeutlich für den jeweiligen grammatischen Fall, ihnen wird stets ein Artikel voran­ gestellt: ahd. heilegemo gesite, mhd. dem heiligen geiste !hd. dem Heiligen G eist Hier die Deklinationsformen der schwachen Feminina: Ho m. PI.

ahd. zungün

mhd. die zungen

^kk.

zungün

^en.

zungöno

die zunge der zunge

)at.

zungöm

den zungen

Mittelhochdeutsch

Man sieht eine deutliche Entwicklung weg von einer synthetischen hin zu einer analytischen Bauweise. Mittelhochdeutsche Dichtersprache Im Gegensatz zur geschriebenen ist die gesprochene Sprache wie zuvor, in althochdeutschen Zeiten, ein Zusammenspiel zahlreicher Dialekte. Es zeichnen sich

allerdings erste Unterschiede im Gebrauch der Spra- ? che ab, die nicht nur auf die Verwendung von regiona­ len Dialekten, sondern auch auf die Entwicklung von

j

Soziolekten hindeuten: Gebildete Menschen unter­ schieden sich in ihrer Sprache von ungebildeten wobei die dialektale Basis bei beiden dieselbe war. Da­ durch entstanden Ähnlichkeiten in der Sprache einer Bildungselite, c^e dialektgrenzenübergreifend war und sich absetzte von der täglichen Sprache der Bauern und Dörfler. An den fürstlichen Höfen hat sich eine solche über­

greifende Variante gehalten und von dort aus verbrei- \ tet, denn hier kamen Menschen aus allen Teilen des Landes zusammen. Eine noch größere Übereinstimmung gibt es in der j

Diktion der Dichter der klassischen Periode. Zwar ist I ihre regionale Abstammung erkennbar, aber die Spra­ che ihrer Werke zeichnet sich durch ein hohes Maß an Gleichheit aus. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass man dies nicht im selben Umfang verste­ hen darf wie den Gebrauch des modernen Deutsch, wo

Orthografie, grammatische Verwendung und Formge- 1

bung eines jeden Wortes reguliert und standardisiert j sind - im Mittelalter wurde eine derartige Einheitlich- I keit natürlich nie erreicht und das, was dafür galt, blieb einigen privilegierten Gruppen Vorbehalten. Aber inner­

halb eines jeden Dialektgebiets wurden Übereinstim- I

mungen (um das Wort Standardisierungen zu vermei- 1

den) in der gesprochenen und der Schriftsprache ge- 1 schaffen, die sich wiederum gegenseitig beeinflussten.

Bei einigen alemannischen Dichtern lassen sich sogar 1

Mittelhochdeutsche Dichtersprache

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Bestrebungen erkennen, bestimmte Eigenarten des Dialekts zu vermeiden, um überregional verständlich und akzeptabel zu sein. So wurden, wie in der mittel­ hochdeutschen Phonetik mit Ausnahme des Alemanni­ schen, die unbetonten Vokale zum unbestimmten [a] (Schwa) reduziert, gleichgültig, ob es sich um einen langen oder einen kurzen Vokal in der althochdeut­ schen Periode handelte. Die alemannischen Dichter je­ doch verwenden stets das nicht spezifische Schwa, wie es in allen anderen Dialekten außer dem ihren ver­ wendet wurde. Es gelang den mittelhochdeutschen Dichtern, zum ersten Mal in der Geschichte der deut­ schen Sprache, so etwas wie eine Einheit der Sprache

zu schaffen, die allerdings nur innerhalb der herrschen­ den Feudalklasse Verwendung fand und das Volk unbe­ teiligt ließ. Es handelt sich, wie Hugo Moser (19091989) es nennt, um eine »künstlerische Sonderspra­ che«. Diese Sprachvariante nennt man gemeinhin die »Mittelhochdeutsche Dichtersprache«. Dieser Prozess war zum einen wegen eines größer gewordenen Kom­ munikationsradius möglich, zum anderen und vor al­ lem aber durch den kaiserlichen Hof. Mit dem Verfall der kaiserlichen Institutionen jedoch und dem späteren

Friedrich I. Barbarossa Unter dem Schlagwort »renovatio imperii« will Friedrich I. Barbarossa (Rotbart, 1122-1190) die Macht des Im­ periums in der alten Dreieinheit Deutschland, Italien, Burgund wiederherstellen, um die kaiserliche Macht zu stärken und einen festgelegten Lehnstaat zu schaffen. Barbarossa führt Reich und Kaisertum erneut zu großer Macht, und seine Gestalt bleibt beim Volk über Jahr­ hunderte das Ideal eines mittelalterlichen deutschen Kaisers, denn er ist gleichzeitig einer der volkstümlichs­ ten Herrscher seiner Zeit. 1189 bricht Friedrich an der Spitze seines Heers zum Dritten Kreuzzug auf, man will Jerusalem zurückerobern. Auf dem Weg dorthin ertrinkt er bei einem Bad im Fluss Salef in Anatolien. Seinem Sohn gelingt es nicht mehr, die Ritter zu einen und den Kreuzzug fortzusetzen, er wird abgebrochen.

Das Kyffhäuser-Denkmal in Thüringen: Auf Barbarossa wurde seit 1519 die KyffhäuserSage übertragen, wonach er noch heute im Fels sitzt und auf seine letzte Schlacht wartet.

Mittelhochdeutsch

i Der Unterschied zwischen Alt- und Mittelhochdeutsch wird durch einen direkten Vergleich deutlich. Das folgende Beispiel gibt den Anfang des Credo (Glaubensbekenntnis) in beiden Sprachen sowie in Latein wieder: ahd. Gilaubiu in g o t fater almahtigon sceppuhion himiles enti erda. Ende in heilenton Christ suno sinan einagon truhtin unseran mhd. Ich geloube an got vater qalmechtigen schephaer himels un­ de der erde unde an Jesum Christ sun sinen einigen herren unseren lat. »Credo in deum patrem-ömnipotentem, creatorem caeli et terrae. Et in Jesum Christum, filium eius unicum, dominum nostrum.«

Untergang der Hohenstaufer verfiel diese Sprache, denn auf die analphabetischen Massen hatte sie nie Einfluss. Die deutsche Sprache hatte zum ersten Mal (wie die Dichtung in dieser Sprache) europäischen Rang er­ reicht und wurde zum Ausdruck seelischer Zustände und sachterer Gefühle verwendet, sie fiel jedoch nach dieser Periode in ihren regionalen Charakter zurück und verlor den eben gewonnenen nationalen Charaktei wieder. Sprachliche Entwicklung in Norddeutschland

j

Durch das florierende soziale und wirtschaftliche Le-

j

ben in den Hansestädten im Norden Europas etabliert j sich hier ab der Mitte des 14. Jh.s eine eigenständige

j

regionale Standardsprache, die an den meisten nord- \ deutschen Kanzleien und Gerichten verwendet wird. Durch die Niederlassungen der Hanse in Skandinavien,] den Niederlanden, Russland, England sowie im gesam-j ten baltischen Raum und durch die Anerkennung des Gesetzestextes von Lübeck in all diesen Städten und Regionen gewinnt diese Variante des Deutschen ein größeres Prestige außerhalb der Grenzen, als es je zu-

j

Einflüsse anderer Sprachen

;r oder später der Fall war. Lange Zeit ist es sowohl die Handelssprache für den gesamten Nordeuropäi­ schen Raum als auch Vehikel für eine lebendige nie­

derdeutsche Literatur. Und wie so oft: Mit dem Fall der Hanse als wirtschaftlichem Motor verfällt die Sprache. Bis zum Ende des 15. Jh.s ist sie weitgehend durch

hochdeutsch ersetzt.

Die Hanse Ursprünglich ist die Hanse ein Zusammenschluss von Kaufleu­ ten aus Sicherheitsgründen. Per Land und auf See benutzt man gemeinsame Handelskarawanen und errichtet im Ausland Han­ delsniederlassungen, die z. T. mit Privilegien des Gastlandes ausgestattet sind. Der Begriff stammt aus dem Althochdeut­ schen und bedeutet »bewaffnete Schar«. Ursprünglich ent­ stand die Hanse im 12. Jh. in Flandern, England und Deutsch­ land. Ab 1358 ist die Deutsche Hanse für ca. 200 Jahre ein un­ ter der Führung Lübecks stehender Verbund von Städten mit wirtschafts- und handelspolitischen Zielen und dem Handels­ monopol im Ostseeraum. In ihrer Blütezeit hat sie weit über 100 Mitgliedsstädte, nach dem Dreißigjährigen Krieg jedoch löst sich die Hanse 1669 auf. Wichtige Hansestädte waren: Antwerpen, Brügge, Hamburg, Riga, Lübeck, Nowgorod, Lon­ don, Bergen, Köln, Duisburg, Dortmund.

Einflüsse anderer Sprachen Fahrende Ritter, geistiger Austausch zwischen den ver­ schiedenen Fürstentümern und Höfen und internatio­ nale Verflechtungen führen zu einem verstärkten Ein­ guss anderer Sprachen auf das Deutsche. Es sind vor allem altfranzösische und provenzalische Wörter und Formen, die in die Sprache einfließen: am our- Liebe; garzun (frz. garqon) - Knappe; schevaiier - Ritter, turnei ~ Turnier, palias (frz. palais) - Palast. Aus dieser Zeit stammt auch die Übernahme der altfranz. Endung -ier = -ieren, z. B. loschieren - beher­ bergen. Dies ist eine bis heute sehr produktive Wort­ bildungsendung, die aus nichtdeutschen Verben deut­ sche macht wie etwa telefonieren, renovieren, impor­ tieren, tradieren, fotografieren etc.

Mittelhochdeutsch

Vom duzen und irzen Jacob Grimm beschreibt in seiner vierbändigen Grammatik von 1819-37 den Gebrauch von »du« und »ir« im 12. und 13. Jh.: 1. gegenseitiges duzen galt unter Geschwistern und Geschwisterkindern. 2. Eltern duzen ihre Kinder, der Vater empfing von Sohn und Tochter ir, die Mutter vom Sohn ir, von der Tochter gewöhnlich du, weil es zwischen Mutter und Toch­ ter eine größere Vertraulichkeit gab. 3. Eheleute irzen sich.

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4. Liebende, Minnewerbende nennen sich ir, gehen aber leicht i in das vertrauliche Du über. 5. Der Geringere gibt dem Höhe­ ren ir und erhält du zurück. 6. Zwischen Freunden und Gesel­ len gilt du. 7. Frauen, Geistliche und Fremde erhalten ir. 8 Per­ sonifizierte Wesen werden vom Dichter geirzt. 9. Das einfache Volk hat das Irzen unter sich noch gar nicht angenommen, sondern bleibt beim duzen. 10. In stark emotionalen Reden wird nicht auf die Sitte geachtet und es wechseln höfisches ir { und vertrauliches du.

Ebenfalls nach frz. Vorbild (frz. vous) setzt sich die Anrede in der 2. Pers. PI. mhd. irzen durch - Siezen kommt erst im Lauf des 16. Jh.s auf. Durch die Kreuzzüge kommen neben exotischen Waren auch orientalische Ausdrücke in die Sprache

(Schach - Schach; zuccer - Zucker; dschubba - Joppe), andere Wörter aus dem Arabischen: Alkohol, Alma-

nach, Algebra, Alchemie, Kaffee, Mokka, Sandei- und Ebenholz, Damast, Kattun, Satin, Sakko, Kümmel, Safran, Droge, Natron, Benzin, Harem, Giraffe, Ha­ schisch, Baldachin, Matratze, Talisman, Jasmin. Viele Wörter werden auch mittels anderer Sprachen übernommen: Spinat gelangt aus dem Persischen ins Arabische, in die romanischen Sprachen, ins Deutsche,

Kampfer aus dem Indischen, Giraffe aus dem Abessinischen und Dolmetsch aus dem Türkischen. Aus dem Italienischen z. B. mhd. spacziren
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