Der Fuerst. Der Dieb. Die Daten

January 2, 2017 | Author: Elena Lauder | Category: N/A
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Der Fürst. Der Dieb.

Die Daten.

TATSACHENBERICHT von HEINRICH KIEBER

1

INHALT

Seite

Vorwort

4

Urheberrechte / Hinweis / Erklärung / Abkürzungen

6

Kapitel: K1

1997 – ANNUS HORRIBILIS MAXIMUS

9

K2

Zimmer unter den Alten

97

K3

Die Jagd nach den Verbrechern und der Kampf ums Geld

101

K4

Ein Kübel voll Schweineblut

124

K5

Die Welt des schmutzigen Geldes

133

K6

Heiligsprechung unter Vollnarkose

152

K7

Dicke Post für Hans-Adam

167

K8

Wenn Herr KIEBER eine Reise tut

196

K9

Chaos-Tage ohne Ende

252

K10 Heinrich! Mir graut's vor Dir!

274

K11 Die Polizei – Dein Freund & Helfer !

284

K12 Holländischer Käse

296

K13 Ein Essen für Sechs Euros

318

K14 Weisswein und Rotes Blut

323

K15 Heinrich's Tod in Utrecht

335

K16 Vier mal 9 mm

370

K17 Explosives Gutachten und Freies Geleit

384

K18 Ach wie gut das niemand weiss....

388

K19 Dickes Kissen und dünne Aktenmappe

398

K20 Hochheilige Audienz bei Hans-Adam

408

K21 Blutspur auf dem Rheindamm

425

K22 Es muss sich was ändern, damit...

452

K23 Überraschung! Überraschung!

479 2

K24 Führt die Todesstrafe wieder ein

501

K25 Der Feind hört mit

505

K26 Gnade im Sonderangebot

524

K27 Blaue Flecken und Herzinfarktsymptome

543

K28 Listen, Listen - wer hat noch keine?

553

K29 Zürcher Geschnetzeltes

571

K30 Afrikanische Hitze

592

K31 D A V I D

601

K32 My BIG Brother is watching YOU!

613

K33 Skandal! Skandal! Wirklich, der Skandal?

620

K34 Handbuch! Handbuch! Wer will noch eins?

623

K35 Gib mir Deine Kohle!

630

K36 Letzter Akt! Vorhang auf für .....

636

EPILOG

647

INTERNETLISTE

650

3

Vorwort Geschätzte Leserin, Geschätzter Leser Was haben wir in den vergangenen Monaten nicht alles über den „grössten Steuerskandal Deutschlands - die Liechtenstein-Affäre - die grösste Sensation 2008‚ weltweit lesen können. Jede und jeder hatte dazu etwas zu sagen. Die Steuerfahndung, der BND, Finanzminister Peer Steinbrück, Kanzlerin Angela Merkel, Parteien von rechts bis links, diverse sonstige Behörden, die Medien, ja selbst ein Bischof und natürlich Fürst Hans-Adam und sein Clan, plus seine Regierung in Liechtenstein und die LGT Banken- und Treuhandgruppe. Pünktlich zum Karneval 2008 brach eine weltweite FasnachtsSchnitzeljagd nach tausenden Steuersündern aus. Völlig zu Recht, wie auch die solide Mehrheit meint. Zu einer anderen Hetze, ganz nach seinem Geschmack hat Hans-Adam schnell geblasen: die auf den Dieb, den Bankdaten-Terroristen, wie die hohen Finanz-Herren aus Vaduz ihn nun nannten. Der Dieb, ja der war ich. Der kleine Tropfen Öl, na ja, vielleicht waren es doch ein paar Gallonen, die ich in das nur scheinbar lupenreine Trinkwasser des Fürstenhaushaltes sowie der Liechtensteiner Regierung geworfen hatte, hat unglaubliche Wellen geschlagen. Für viele Menschen ist es schon erstaunlich, ja geradezu faszinierend beobachten zu können, mit welcher multimedialer Kraftanstrengung Hans-Adam und seine MarionettenRegierung geradezu paranoid und krankhaft ständig damit beschäftigt sind, die Weltöffentlichkeit und insbesondere auch das eigene Volk zu täuschen, bzw. einer fortdauernden Gehirnwäsche zu unterziehen. Beim Volk den Hasspegel auf mich ja extrem hoch zu halten. Damit der Fokus immer schön auf den ‚bösen, bösen‚ Kieber bleibt. Und niemand wirklich einmal richtig der Sache auf den Grund geht und in Frage stellt. ERSTENS über die Art und Weise wie die Hohen-Finanz-Herren in Liechtenstein ihre oft schmutzigen Bank/Treuhand-Geschäfte tätigen, bzw. ausgeführt hatten. 4

Und ZWEITENS über die Wahren Gründe seitens des Datendiebs und die Wahren (illegalen und durchaus kriminellen) Handlungen von Hans-Adam und seiner Regierung in der ganzen Angelegenheit ‚der Fürst- der Kieber-die Daten‚ . Zu dem was in den verschiedenen Medien berichtet wurde, kann ich nur in ganz, ganz wenigen Fällen meine Zustimmung geben. Über vieles habe ich bloss den Kopf schütteln können. Oft musste ich auch schmunzeln, denn ganz ohne Humor lässt sich dieses eher traurige Multi-Akt-Drama nicht durchstehen. Ein paar Seiten in einer Zeitung oder ein TV-Interview reichen einfach nicht aus, um die wahren Hintergründe, die zu dieser einmaligen Sensation führten, aufzuzeigen. Knallharte Hintergründe, deren Veröffentlichung Hans-Adam und seine Vasallen unbedingt verhindern wollen. In diesem Buch, meinem Buch, gebe ich euch einen sehr tiefen und detaillierten Einblick in die Umstände, wie es geschehen konnte, dass das was 1997 mit meiner Folter tief im südamerikanischen Kontinent begonnen hatte, elf Jahre später mit der öffentlichen Zündung der deutschen Datenbombe endete. Wie es soweit kommen konnte, dass z.B. Leute wie Klaus Zumwinkel live im Frühstücksfernsehen abgeführt wurden. Es ist eine bewegende Geschichte, bitter für alle Seiten, obendrein oft peinlich. Ich kann enthüllen wie Hans-Adam seine heiligste aller heiligen Kühe, die LGT Gruppe, krampfhaft schützte und seinen mittelalterlichen Herrschaftsanspruch verteidigte. Wie er sein Geld, seine Macht und Position als Staatsoberhaupt missbrauchte, um mit Hilfe der Marionetten-Regierung in Vaduz die Veröffentlichung der Daten zu verhindern und sie alle nicht davor zurückschreckten, dafür Methoden anzuwenden, die meilenweit entfernt von Gut und Böse waren. Natürlich kriege auch ich mein Fett im Buch ab. Ehrenwerte Personen gibt es in dieser Geschichte wenige. Ich bin zuversichtlich, dass jeder von euch am Ende des Buchs ein eigenes, komplettes Bild über diesen Skandal machen kann. Nun denn, ich wünsche euch reichlich Lesevergnügen. Vielen Dank Heinrich Kieber Washington, D.C. Valentinstag, 15.Februar 2009 PS Am Ende des Buches findet ihr eine Liste mit interessanten Internetwebseiten. 5

Urheberrechte/ Hinweis / Erklärung / Abkürzungen

Urheberrechte © Heinrich Kieber 2009 Alle möglichen Rechte (Copyright) zu diesem Buch und den Fotos / Zeichnungen liegen ausschliesslich bei Heinrich KIEBER. Das Buch darf nur für den PRIVATEN Gebrauch verwendet werden. Ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung vom Rechteinhaber darf für KOMMERZIELLE Zwecke aus diesem Buch nichts kopiert, weitergegeben, veröffentlicht, zitiert oder anderweitig verwendet werden.

Hinweis Für dieses Buch habe ich so oft wie möglich Originaltexte verwendet. Alle Originaltexte haben als Unterscheidung zur restlichen Niederschrift links und rechts einen b r e i t e r e n Seitenrand, sind also als Textblock beidseitig nach innen verschoben. Kurze Originalzitate haben jeweils am Anfang das Zeichen OZA- und am Ende das Zeichen -OZE. Bei dem in Buch genannten BANKDIREKTOR handelt es sich um Herrn Dr. Pius Schlachter der LGT Bank. Bei dem in Buch genannten PROFESSOR handelt es sich um den Kriminalpsychologen Herrn Dr. Thomas MUELLER. Als unterstützende Hilfe für meine LeserInnen findet ihr oft kurze Anmerkungen. Diese sind kursiv geschrieben und fangen immer mit „ Anm.: “ an. An wenigen Stellen musste ich – von Dritten angeordnet - aus rechtlichen Gründen und in einigen Fällen aus Sicherheitsüberlegungen 6

diverse Originalnamen und/oder Originalindizien abkürzen oder ganz umbenennen. Auch musste ich Textstellen ganz oder teilweise weglassen, was dann mit dem Zeichen ‚OT Entfernt‚ gekennzeichnet ist. Alle erwähnten Plätze, Städte, Länder, Sachdetails und Zeitangaben entsprechen den wahren Örtlichkeiten oder Gegebenheiten. In meiner nächsten, kommenden Veröfftenlichung werde ich eine unzensierte Version frei vorlegen können.

Erklärung zu Zeichnungen, Fotos und dem Diagramm Die drei Bleistiftzeichnung im Buch sind Originalabdrucke von Handzeichnungen, die ich im September 1997 für das Landgericht Vaduz habe anfertigen lassen. Alle Fotos in diesem Buch (Ausnahme Titelseite) sind Originalabzüge von den Fotos die ich im Dezember 1997 (Kette und ich) oder Februar 1998 (Turmnachbau) für das Gericht habe herstellen lassen. Die abgebildete Person auf den Fotos bin ich selber. Alle Fotos wurden von meinem Vater Alfons erstellt. Wie tief die Wunden (zwei runde Verbrennungspunkte und horizontale Schürfwunde) waren, kann man auf einigen Fotos noch sehr gut sehen, obwohl die Wunden damals schon neun Monate alt waren und auch medizinisch behandelt wurden. Das Drei-Seiten-Diagramm wurde an Ostern 1998 von mir für das Gericht angefertigt. Der Originaltitel: "Psychogramm vom Opfer - Grafik über den Psychoterror und die seelische Grausamkeit während der Gefangenschaft".

Abkürzungen (in alphabetischer Reihenfolge) AVOR

= Arbeitsvorbereitung (fürs Scannen von Treuhanddokumente)

BAK

= Belegartenkatalog (Index zu jedem Treuhanddokument)

DB

= Drittbegünstigter (einer Stiftung)

DL / LF

= Durchlaucht / Landesfürst Hans-Adam 7

EB

= Erstbegünstigter (z.B. einer Stiftung)

FL

= Fürstentum Liechtenstein

IT

= EDV / IT Abteilung

KKZ

= Kriegskommandozentrale (in Vaduz)

KYC

= (Englisch) Know Your Customer („Kenne Deine Kunden‚Profile)

LG

= Landgericht Vaduz

LR

= Landrichter

LTV

= LGT Treuhand Vaduz (alte firmeninterne Abkürzung)

NGO’s

= Nicht-Regierungs-Organisationen

OG

= Obergericht Vaduz

OGH

= Oberster Gerichtshof Vaduz

OT

= Originaltext

OT Entfernt = Weggelassene Textstellen (siehe unter Hinweis) OZA-

= Start Original-Kurzzitat

-OZE

= Ende Original-Kurzzitat

RA

= Rechtsanwalt / Rechtsanwälte

SR

= Stiftungsrat (einer Liechtensteiner Stiftung)

STA

= Staatsanwaltschaft / Staatsanwalt / Staatsanwältin

StGB

= Strafprozessgesetzbuch

StPO

= Strafprozessordnung

UR

= Untersuchungsrichter oder- richterin

VR

= Verwaltungsrat (bei Liechtensteiner Anstalten, AG’s)

WB

= Wirtschaftlicher Berechtigter (z.B. einer Stiftung)

ZB

= Zweitbegünstigter (z.B. einer Stiftung) 8

Kapitel 1

1997 - ANNUS HORRIBILIS MAXIMUS

SWISSAIR Flug Nr. SR 143, von Buenos Aires nach Zürich, 30 Minuten seit Take-Off, C-Class, 1. Reihe rechts, Fensterplatz. Ein Mann sitzt zittern, schwitzend und mit sehr ängstlichen Augen unruhig auf dem ihm gerade neu zugewiesenen Platz. Nicht nur ist sein Verhalten äusserst verdächtig (Gott sei Dank waren dies noch die "Vor 9/11"Zeiten, sonst hätte er es gar nicht bis in das Flugzeug geschafft), nein, er hat auch noch seltsame, blutbesudelte, weisslich-gelbe Stofffetzen um seinen Hals und die beiden Handgelenke gewickelt. Seit dem Abflug hat er nicht aufgehört zu weinen. Sonst eher eine Plaudertante, konnte er praktisch fast nicht mehr sprechen. Es reichte aber aus, dem netten Steward in der Economyklasse, der sich Sorgen um ihn machte, zu erzählen, dass er vor Jahren selber 5 Jahre lang mal bei der SWISSAIR gearbeitet hatte und damit ein Flugzeug, diese Flugzeug irgendwie Heimat für ihn bedeutete. Damit er sich besser, vor allem in Ruhe erholen konnte offerierte der Steward ihm einen Sitz in der praktisch leeren Businessklasse bis zum Zwischenstopp in San Paulo. Klar erkennbar war es, dass der Passagier Furchtbares durchgemacht haben musste. Dieser Passagier war ich. Je weiter ich weg von Argentinien war, desto besser ging es mir und desto weniger glaubte ich, dass mir noch mehr Leid & Terror zugefügt werden konnte. Ich war sehr abgekämpft, leiblich und vor allem psychisch. Wie in Trance erlebte ich die Ankunft am Mittwoch, den 9. April 1997 morgens früh um 06.15 Uhr in einer sauberen, heilen Welt namens Airport Zürich. Auch der Gang durch die Passkontrolle, die Gepäckausgabe und der Zoll. Ich versuchte einige Leute telefonisch zu erreichen, um sie eindringlich zu bitten, mich am Flughafen abzuholen. Doch waren sie entweder schon bei der Arbeit oder einfach nicht erreichbar. Mit dem Zug fuhr ich dann via dem Zürcher Hauptbahnhof nach Sargans im Schweizer Rheintal und von dort mit dem Linienbus zur Haltestelle des Spital Vaduz, wo ich um 09.10 Uhr eintraf. Mit samt meinem Koffer und den Taschen schleppte ich mich ins Spital. Der untersuchende Arzt Dr. M. Moser verfasste folgenden Bericht: Datum: 10.04.1997 / Zeit 09.20 Uhr Diagnose / Behandlung Kieber Heinrich / 30.03.1965 / Meldina 312 / FL-9493 Mauren 9

Angaben des Patienten: Der Pat. ist heute Morgen am Flughafen Kloten/ZH aus Argentinien angekommen. Laut Bericht hat er dort einen Freund besucht, den er in Spanien kennen gelernt hat. Der Freund habe ihm noch Geld geschuldet, deshalb wollt er dies in Argentinien eintreiben. Dort angekommen sei er jedoch eingesperrt und am rechten Bein angekettet worden. In Todesangst habe er mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen (siehe Bericht). Gegen Bezahlung eines Lösegeldes sei er schliesslich freigelassen worden. Die Wundversorgung sei durch einen Laien auf der Hazienda des Freundes vorgenommen worden. Beschreibung der Verletzungen: 1. Im Bereich des rechten Handgelenkes, volarseitig, in der mittleren Handgelenklinie, eine ca. 5 cm lange Wunde. Die Wunde verheilt, es liegen drei Nähte in sito. Die Wunde ist zum Teil mit weisslichem Wundpuder verklebt. Im Bereich der Finger keinerlei Sensibilitätsstörungen oder motorische Ausfälle. 2. Im Bereich des linken Handgelenks, volarseitig, im Bereich der mittleren Handgelenkslinie, eine ca. 5 cm lange Wunde. Die Wunde ist leicht entzündet, mit gelblichem Sekret bedeckt, drei in sito liegende Wundnähte, die aus Zahnseide oder irgendeinem, bei uns nicht verwendeten Material bestehen. Die Sensibilität im Bereich der Langfinger unauffällig. Der Daumen und der Daumenball jedoch deutlich mit herabgesetzter Sensibilität. Hier ist die Zweipunktdiskriminierung nicht möglich. Die Motorik der Langfinger ist ebenfalls nicht beeinträchtigt. Der Daumen kann operiert werden. Die Kraft der Oppositionsbewegung ist jedoch herabgesetzt (schmerzbedingt?). Das Spreizen der Finger ist unauffällig. Die Sensibilität im Bereich des Handrückens und der Handinnenfläche ist unauffällig. 3. Unterhalb der Fossa interjugularis findet sich eine 7 cm lange Wunde, rechts lateral davon eine oberflächliche ca. 3 cm lange Wunde. Die Wunden sind mit weisslichem Puder verklebt, es liegen einige Nähte in sito. Der Patient gibt an, bei seiner Verletzung sei die Wunde so tief gewesen, dass aus der Luftröhre Luft nach aussen entweichen konnte. Derzeit ist jedoch diesbezüglich keinerlei (Atmungs-) Beeinträchtigung festzustellen. 10

4. An der linken Halsseite, am Vorderrand des Musculus dernoclaidum mastoideus im mittleren Drittel, eine ca. 3 cm klaffende Wunde. Die Wunde ist ebenfalls mit weisslichem Puder verklebt, eine Naht am Wundrand noch in der Haut vorhanden. Die Wunde befindet sich direkt oberhalb der Carotis!! 5. Im Bereich des rechten Unterschenkels lateral, dorsalseitig, drei etwa ein Zentimeter im Durchmesser messende Krusten. Ansonsten hier nichts zu sehen. Neurostatius: Der Patient ist grob neurologisch unauffällig. Er ist klar zu sich, seiner Person, zeitlich und örtlich orientiert. Keine Hinweise auf eine Psychose. Der Patient ist doch sehr agitiert, was auf den Schlafmangel und die Erlebnisse der vergangenen Tage zurückzuführen ist. Diagnose: Schnittwunde im Bereich beider Handgelenke volarseitig, unterhalb der Incisura interjuguleris, sowie im Bereich der linken Halsseite. Behandlung: Entfernen der Wundnähte, reinigen aller Wunden, Beta-isotoner-Verbände. Der Pat. ist Tetanusgeschützt. Eine Wundkontrolle ist am Samstag, den 12.04.1997, vorgesehen. Mit freundlichen Grüssen Dr. M. Moser , Assistenzarzt / rb (Anhang: 4 Fotos der Verletzungen) Nach der Arztuntersuchung, wobei auch Fotos von allen Verletzungen gemacht wurden, kamen die zwei Liechtensteiner Kriminalbeamten Hr. Büchel und Hr. Kindle zu mir ins Spital. Ich schilderte ihnen aufgeregt die Erlebnisse der letzten zwei Wochen. Je mehr ich ins Detail ging, umso so grösser wurden ihre Augen, ebenso wie ihr Entsetzen. Wir vereinbarten, dass ich am nächsten Tag zu ihnen (Kripo) kommen soll, um eine umfassende Anzeige auf Tonband zu machen. In einem Gästezimmer von Freunden in Vaduz konnte ich den bitter nötigen Schlaf – mit Hilfe von kleinen, ärztlich verordneten Pillen – für fast 24 Stunden lang nachholen. WAS IN ALLER WELT IST IN ARGENTINIEN PASSIERT? Am nächsten Morgen wurde ich von den Kripobeamten im Polizeigebäude empfangen und in ein Sitzungszimmer gesetzt. Dort wurde ich mit ausreichend leeren Tonbandkassetten versorgt und man bat mich meine Anzeige auf Band zu sprechen. 11

Beginn Originaltext (OT) meiner Anzeige: Anm.: Ich bitte die Leser zu Berücksichtigen, dass ich zum Zeitpunkt meiner Aussage/Anzeige noch sehr stark unter dem Schock des gerade erlebten stand und meine gesprochenen Worte eins zu eins in die Niederschrift übernommen wurden. Daher die oftmals sehr langen Sätze, die wenigen unfertigen Sätze, Wort- oder Satzwiederholungen und verkehrte Satzaufbauten. Weitere Details, die ich zusätzlich zur Tonbandaussage in schriftlicher oder mündlicher Form bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft (STA) und dem Untersuchungsrichter (UR) gemacht habe, sind auch integriert im OT wiedergegeben. Guten Tag Heute ist der 11. April 1997 und ich bin hier in einem Sitzungszimmer der Landespolizei Liechtenstein um meine Aussage auf Band aufzunehmen. Diese Aussage soll gleichzeitig Dokument für mich und Anzeige gegen die Täter sein und ich werde in Hochdeutsch sprechen, was die Abschrift meiner Aussage erleichtern wird, und auch damit ich eine gewisse Distanz zu dem Geschehenen machen kann. Mein Name ist Kieber Heinrich, geb. 30.03.1965 in Mauren, Bürger von Mauren, z. Z. nicht angemeldet im Land, da ich mich Ende November letztes Jahr (1996) von Mauren wieder nach Australien abgemeldet hatte, wo ich auch ursprünglich hin wollte, aber noch ein paar persönliche Sachen und Angelegenheiten in Europa erledigen wollte, bevor ich wieder zurückgehe. Jetzt mache ich noch ein paar Angaben zu Namen der Personen, die involviert waren bei dieser Entführung und Geschehnissen, das wären: Ich selber natürlich, dann als Organisatoren die zwei Personen, der Spanier Mariano Marti-Ventosa Roqueta aus Barcelona und Herr Helmut Roegele und sein Frau Salud Hidalgo, beide aus Sant Pol de Mar, nördlich von Barcelona, Katalonien, Spanien. Ich werde später dann die genaue Abschrift und Daten, die ich zu diesen Personen habe, auf einem Blatt vermerken. Zur Vorgeschichte: Den besagten Mariano kenne ich seit ursprünglich 1981, weil er der Freund von einer Deutschen war, die Helga heisst und mit deren Tochter Ruth besuchte ich damals in die Schweizerschule in Barcelona. Aber erst 1992/1993, um die Jahreswende, als ich zufällig das erste Mal aus Australien zurück war, um in Bern auf der australischen Botschaft meine Niederlassungspapiere zu 12

regeln, erfuhr ich, dass Mariano und seine Freundin Helga in Zürich waren wegen irgendeinem komischen Geschäft, das sie da hatten, und da habe ich sie natürlich besucht, weil ich sowieso 2 bis 3 Monate warten musste bis meine Papiere für Australien geregelt waren, im Zuge dieses Wiedersehens hat mich Mariano dazu überredet, dass ich ihm einen Kredit von ca. CHF 240'000.-gewähre, den er mir zu 12 % verzinsen wollte; was ich auch gemacht habe, weil ich wusste, Mariano hat Gutsbesitz in Spanien und ein riesiges Boot und das Übliche halt, was man sich als geistige Absicherung nimmt. Ich habe natürlich auch ein Dokument über diese Schuld, das er mir gegeben hatte. Ich ging dann ungefähr im März 1993 nach Australien zurück und wartete seit damals auf die Rückzahlung dieses Darlehens. Ich hatte viel Briefkontakt mit Mariano, hin und zurück von Australien, auch von Neuseeland aus und er versprach mir immer, dass er zahlen wird, im Moment aber kein Geld hatte: "Liquiditätsprobleme", dies und das und jenes und ich habe natürlich nur geduldig gewartet. Ich habe nie gross gedrückt, denn ich wusste, dass er fast alle seine Besitztümer im Namen seiner Frau oder Söhne hatte, wie es in Spanien üblich ist, damit die Steuerbehörden oder andere Kreditoren nichts wegnehmen können. Also, wenn ich Druck gemacht hätte, dann hätte ich sicher NIE etwas erhalten. Ich kam dann Mitte 1995 das erste Mal wieder nach Europa, nach Spanien zurück, weil ich mich um meine Schuld, also um die Schuld, die er gegenüber mir hat, kümmern wollte, und ich wurde dann vertröstet, ja, vielleicht in diesem Jahr (1995) oder eben im nächsten Jahr bekäme ich mein Guthaben sicher zurück. Ich blieb dann ein Weilchen in Spanien, habe auf seinem Boot gewohnt, das ich übrigens zeitweise, das heisst vom September 1995 bis Ende September 1996 sogar als Garantie vollständig besass, aber nur Ärger mit ihm und dem Boot hatte. Mit der Zeit merkte ich, dass Mariano nicht fähig war, mir die Schuld zurückzuzahlen, ohne dass er irgendwo eine Hypothek aufnimmt oder was immer er herbeizaubert. Zu Herrn Helmut Roegele ist zu sagen, dass ich den auch schon länger kenne und dass wir im letzten Jahr ein Immobiliengeschäft gemacht haben, womit er nachher nicht zufrieden war und eine erfolglose Anzeige in Spanien gegen mich erstattet hatte, die auch zu einer Aussage seinerseits führte und dann aber stillgelegt 13

wurde, weil es Aussage gegen Aussage war. Helmut Roegele (wie auch Mariano Marti-Ventosa Roqueta) hatte akute flüssige Geldsorgen und Helmut musste dringend eine seiner Wohnungen um jeden Preis verkaufen. Am Anfang dieses Jahres als Mariano mir erzählt hat, dass er mir jetzt seine Schuld zurückbezahlen könnte und zwar hätte er auf seiner Hazienda (also Farm) in Argentinien einen Hypothekarkredit beantragt, weil er gewisse Änderungen auf der Farm vornehmen wolle und die Kreditsumme um seine Schuld gegenüber mir erhöht hatte, damit er mich bezahlen kann. Ich soll doch bitte rüberkommen und dort könnte ich es auch kriegen, d.h. am 1. April, das sagte er mir im Februar so, dass er am 1. April die Unterschrift bei der Bank in Argentinien tätigen würde und ich doch ganz gerne rüberkommen könnte, seine Farm besuchen und dann bei derselben Bank, die den Kredit auszahlt auch ein Konto eröffnen könnte und er mir die Schuld, die er gegenüber mir hat, mit Zinseszinsen und Kosten, überweisen würde. Ich hab mich darüber zwar gefreut, obwohl über 4 Jahre verstrichen sind, seit ich ihm das Darlehen gegeben habe und ich eigentlich nicht mehr geglaubt habe, dass es noch was kommen wird; trotzdem aber wollte ich Argentinien und seine Farm kennen lernen, von der er mir früher viel erzählt hat. Dort, wo auch seine drei Söhne mit deren Frauen und Kinder auf der Farm wohnen, wollte ich ihn besuchen. So kam es, dass ich in der 3. Woche März tatsächlich ein Ticket am Flughafen Zürich mit der Lufthansa für ca. CHF 1500.gekauft habe. Ein Flug Zürich-Frankfurt-Buenos Aires direkt, für den Dienstag, 25. März, mit Rückflug Buenos Aires-FrankfurtZürich am 21. April 1997 fest gebucht. Ich hätte aber die Möglichkeit für eine Gebühr den Rückflug auf ein anderes Datum zu ändern. Ich habe meinen Freunden oder Familie, meiner Mutter, nicht viel darüber erzählt, was ich machen würde, ich ging einfach für einen Monat, so habe ich mir gedacht, in die Ferien, und wenn er zahlt dann ist gut, wenn er nicht zahlt, dann kann ich auch nichts machen, das ist halt im Leben, dass man nicht alles haben kann. Wie ich dann meine Tasche gerichtet habe mit Kleider dementsprechend für Herbstwetter, es soll dann ja noch warm sein, so im letzten Fax, den er mir gegeben hat, wo er mir hoch und heilig schreibt, dass er alles bezahlen werde und 14

ich mir keine Sorgen machen solle und so weiter und so fort. Ich habe meine Ausweispapiere und dummerweise auch noch mein Reisegeld, das ich Bar auf mir hatte, (ungefähr CHF 8000. — in Schweizerfranken und US$ 1‘500. —) mitgenommen. Am Dienstag war Abflug und am Mittwoch vor Ostern , den 26. März kam ich um 07.30 Uhr früh Lokalzeit in Buenos Aires an, fuhr in das Hotel SALLES in Buenos Aires, weil ich wusste, Mariano ist dort - wie er mir am Telefon vorher gesagt hatte - weil seine nicht-geschiedene, erste Frau, die Mutter seiner Kinder, Carmen, angeblich am selben Tag nach Spanien fliegen würde. Ich bin im Hotel angekommen und mir wurde vom Türsteher mitgeteilt, dass Mariano und seine Frau gerade zur Tür hinausgegangen sind. Ich habe dann den ganzen Tag gewartet und schaute mir Buenos Aires ein wenig an, eigentlich nur vom Hoteleingang aus und am Abend kam dann Mariano, wie üblich ganz gut gelaunt und hektisch und erzählte mir von dem Problem mit seinem alten Mercedes Coupe, das er nach Argentinien mitgebracht hatte, ein blauer SLC-Type mit Argentinischem KFZ-Nr. daran, der kaputt war. Die Zylinderkopfdichtung war angeblich geplatzt und es kam Wasser heraus. Also sind wir am Abend, bevor es dunkel wurde, noch in Buenos Aires herumgefahren um eine anständige Werkstatt zu finden, die nicht zu teuer war für ihn und die fanden wir auch. Mariano wollte eigentlich, dass ich schon an jenem Tag, dem Mittwoch, weiterfliege oder weiterfahre nach Bahia Blanca. Das liegt eine Stunde Flugzeit, so glaube ich, 500 km südlich von Buenos Aires und dort würde sein Sohn Marco, der mit leicht rötlichen Haaren, ja fast keine Haare mehr, mich abholen. Mariano sprach auch von einem Empfang für mich wie für einen "König" und er sagte auch, dass er eine Überraschung für mich habe, wobei ich darauf tendierte, dass es sich um meinen Geburtstag handeln sollte, der am kommenden Sonntag stattfand, mein 32. Geburtstag. Ich aber sagte zu Mariano, ich fahre gerne mit dir mit dem Auto runter, damit ich die Landschaft ein wenig sehen kann und er müsste nicht alleine fahren. Warum sollte ich jetzt mit dem Flugzeug fliegen? Ich hatte ja Zeit, ich musste ja nicht pressieren um auf die Farm zu kommen und so kam es, dass ich diese Nacht von Mittwoch auf Donnerstag doch in Buenos Aires im 2-Bett-Hotelzimmer blieb, 15

welches Marino schon die Tage vorher belegt bzw. gebucht hatte. Ich musste also kein eigenes Zimmer buchen oder im Hotel einchecken. Am Donnerstag assen wir zusammen Frühstück und Mittagessen und waren damit beschäftigt in die verschiedenen Garagen zu fahren um sein Auto reparieren zu lassen. Am Nachmittag hat er wieder gesagt, er würde mir sogar das Ticket für den Flug von Buenos Aires nach Bahia Blanca bezahlen, was ich ungewöhnlich fand, weil er sonst nie Leute so einlädt oder nie etwas ausgibt in diesem Stil. Ich habe dann, da ich ja nichts vermutete, das Ticket akzeptiert und wir haben nachgeforscht wann ein Flug ist. Er wollte unbedingt, dass ich am Abend fliege - im Nachhinein weiss ich jetzt natürlich schon weshalb ich am Abend fliege sollte - und der Abflug war, so glaube ich, um 19.10 Uhr oder 19.15 ab dem Inlandsflughafen in Buenos Aires. Er fuhr mich dorthin, kaufte das Ticket - ohne Name - für ungefähr US$ 68.-, er bezahlte es mit seiner goldenen Kreditkarte von der Banco Santander oder Banco Atlantico; beide aus Spanien.. Er hat sich verabschiedet und hat gesagt sein Sohn, Marco, er ist ungefähr gleich alt wie ich, er werde mich in allen Ehren empfangen und ich solle dann warten. Mariano käme dann in den nächsten Tagen runter, sobald das Auto fertig repariert sei. Ich hatte kurze blaue Hosen (Jeans-Shorts) und ein T-Shirt mit kurzen Ärmeln an. Mit meinem mitgenommenen Gepäck kam ich dann abends um 20.30 Uhr oder sogar erst 21.00 Uhr in Bahia Blanca zum ersten Mal in meinem Leben an. Ich hatte noch einen Adressenaustausch mit einer Nachbarin, die neben mir im Flugzeug sass. Während der Gepäckausgabe kam schon der Sohn von Mariano, Marco, obwohl er sich als Mario ausgab, den anderen Sohn, den es gibt, aber im nachhinein wusste ich ja, dass er Marco war, dieser leicht Rothaarige. „Marco‚ fuhr nicht den Bronco, einen grossen amerikanischen braunen Ford, entgegen dem was Mariano mir gesagt hatte, sondern einen Fiat 600 oder Seat 600, sogar mit noch den alten Kennzeichen aus Barcelona. Das Auto, das sie auch aus Spanien als Haushaltsgut mitgebracht haben, als die Söhne nach Argentinien ausgewandert sind. Der kleine Wagen stand draussen auf dem Flughafenparkplatz: wir haben meine grosse, weiche, blaue Reisetasche hinten hinein 16

gestopft und meine Anzugtasche, wo auch meine Dokumente und mein Geld und alles drin war, auf den hinteren Sitz geworfen. Ich nahm auf dem Beifahrersitz Platz und geplant war, die Strecke, die ca. 90 bis 100 km lang ist, von Bahia Blanca Richtung Saavedra und dann zur Farm, die ungefähr 15 km von dem Dorf Saavedra entfernt liegt, gleich in Angriff zu nehmen. Die Farm heisst "Estanzia San Francisco" und der Haupteingang der Farm sollte eigentlich über die Strasse "Camino de la Ermita" erreicht werden. Als wir dann endlich – es war schon stockdunkel - abfuhren , sagte mir Marco, dass es ein kürzerer Weg wäre, wenn wir den hinteren Teil der Farm anfahren und nicht den Umweg über das Dorf Saavedra machen und dann von dort auf die normale Zufahrtsstrasse Richtung Haupteingang der Farm fahren würden. Wir fuhren also von dem Parkplatz beim Flughafen in Bahia Blanca weg. Ich konnte mir natürlich die Schilder, die ich gesehen habe, nicht alle merken, weil ich auch nichts dergleichen erwartet habe, was nachher geschehen ist. Irgendwann fuhren wir rechts von der geteerten Strasse weg auf einen breiten weissen Sand-, Gesteins- oder Geröllweg, also nicht geteert, sogar ein Stück über eine Wiese und während dieser gut dreiviertel bis 1 Stunde Fahrt redeten wir über das Leben auf der Farm etc. etc. Auf den letzten Metern bevor wir mit dem Auto anhielten, schon auf dem Farmgrundstück, sagte Marco, dass er noch eine Türe schliessen müsse, bevor wir zum Haupthaus fahren. Ich habe mich nicht darüber gewundert, im Nachhinein ist es natürlich komisch, dass auf einer so grossen Farm, wo niemand oder fremde Menschen weit und breit sind, irgendeine Türe geschlossen werden muss, wo doch sonst alles immer offen gelassen wird. Wir fuhren die letzten 150 Meter auf Gras und im Wagenscheinwerferlicht konnte ich dann einen runden Turm erkennen, an dem wir links davor anhielten. Der Motor wurde abgestellt, Marco sprang aus dem Auto. Das Wagenlicht war aus. Bevor das Wagenlicht ausging, konnte ich noch weiter vorne rechts ein anderes Auto parkiert erkennen, ich glaubte es neben einem Schopf, Baracke zu sehen. Ich bin aber nicht sicher, ob dies ein Schopf war, also eine kleine Halle oder ein kleines Gebäude. Die Fahrerwagentür blieb offen, ich sass im Auto, nichts ahnend und dann ging es los: 17

Auf einmal kam von hinten ein maskierter Mann mit einer Pistole in der Hand zum Fahrersitz, setzte sich und forderte mich, mit der Pistole auf mich gerichtet, blutrünstig auf sofort hinauszugehen. Ich natürlich, wie vermutlich jeder der so was nicht erwartet hat, habe im Schock reflexartig den Pistolenlauf mit meiner Hand umschlossen und versucht die Pistole, die auf mich gerichtet war, wegzudrücken, weil ich dachte, da passiert noch was, der drückt noch ab und ich bin tot. Aber das hat mir nicht viel geholfen, weil dann zwei andere Männer mit Maskierung, eine Art Skimütze, die Beifahrertür aufrissen. Einer von denen hatte eine deutlich erkennbare Maschinenpistole, eine alte, wobei das Magazin seitlich, also 90 Grad horizontal herausragte, und nicht wie normal von unten eingesteckt war. Ich konnte einem von den Dreien einen Fausthieb verpassen, sie natürlich schlugen zurück, wobei dann meine Brille über dem Nasenbein zu Bruch ging und ich die Brille verlor. Dadurch gab es eine triefe Schramme, wo dann auch das Blut zu fliessen begann. Sie zerrten mich brutal aus dem Wagen und da ich ja ziemlich kräftig gebaut bin, war das nicht so einfach. Sie stülpten mir einen weiss-gelblichen Sack über den Kopf, wobei, wie ich später sah, es sich um einen Getreidesack oder ähnliches handelt, worin man Getreide abfüllt. Ich konnte trotzdem noch auf den Boden runter schauen und wurde zuerst über Gras und dann über Beton in einen Raum geschleppt und gezogen. Der Raum war bestückt mit Naturstein in verschiedenartigsten Formen, eher kleinen Stücken, die in Zement rundherum eingelegt waren, wobei der Zement ziemlich dick zwischen den Natursteinrillen aufgetragen wurde. Beim Eintritt in diesen Raum, wo das Licht brannte, konnte ich auf der linken Seite einen Elektroschweissapparat erkennen, ich wusste, dass es ein solcher Apparat ist, weil obendrauf die Gesichtsschutzmaske, die man bei solcher Apparatur verwendet, lag. Ich wurde dann bäuchlings auf eine Matte oder Bett geworfen, die Hände wurden mir hinten mit einer dicken Schnur fest übereinander zusammengebunden und zwei oder eineinhalb der drei Personen setzte sich dann auf mich und ich habe gezittert wie Laub im Herbst und um mein Leben gebeten. Ich habe sie angefleht, mich nicht umzubringen. Ich wusste nicht, warum das 18

alles geschehen sollte, darum möchte ich hier auch noch hinzufügen, dass ich eigentlich die ersten Sekunden dachte, dass wir, d.h. der Sohn von Mariano, „Marco‚, und ich, Opfer anderer Verbrecher wurden, die die Farm oder wem immer das Gebäude gehörte, überfielen. Mir wurde dann der rechte Schuh, Marke Timberland, samt dem Socken, abgezogen. Währenddessen haben sie mir auch den Knäuel wieder aus dem Mund genommen. Der weisse Sack über meinem Knopf hatte sich rot verfärbt und da haben sie sehr wahrscheinlich gedacht, sie müssten mir dem den Knäuel, den sie mir vor dem Haus in den Mund gestopft hatten, damit ich vermutlich nicht schreien konnte oder so, wieder wegnehmen, da ich sonst eventuell nicht atmen konnte, da die Nase stark blutete. Heute weiss ich, warum sie mir überhaupt einen Knäuel gegeben haben, weil der Turm nicht weit weg vom Hauptwohnhaus der Farm liegt und sie vermeiden wollten, dass ich anfange zu schreien und das es jemand von den Angestellten oder den Leuten, die dort auf der Farm wohnten, hören könnten. Während mir Tücher, also Textilstoffteile auf mein rechtes Bein, das ja frei war, weil ich ja kurze Hosen an hatte, gelegt wurden, hörte ich wie der Elektroschweissapparat in Betrieb gesetzt wurde. Ich dachte an grausame Folter oder so und hab nur um mein Leben gefleht, damit sie mich nicht umbringen. Es war dann aber so, dass mir ein Eisenstück an mein rechtes Bein oberhalb der Ferse angeschweisst wurde und obwohl sie mir schützende Tücher auf mein Ober- und Unterbein gelegt hatten, die Funken, die so ein Elektroschweissapparat abgibt, hatten doch zwei Stellen an meinem unteren Schenkel an der Wade verbrannt, die man heute noch sehr gut erkennen kann. Ich zitterte und nachdem sie ihre Schweissarbeit erledigt hatten, wurde mir der Sack vom Kopf weggenommen und sie tupften das Blut in meinem Gesicht mit einem schmutzigen Lappen weg und ich glaube, es war nicht Blut aus der Nase, sondern es war Blut aus einer Wunde ausserhalb des Nasenflügel, die dadurch entstanden war, als die Brille beim Wegschlagen zerbrochen wurde und dadurch einen Schnitt in das Fleisch gemacht hatte. Sie hoben meinen Kopf und unterlegten ihn mit einem Kissen. Ich spürte auch wie sie eine zusammengefaltete Decke auf meine Beine legten. Es wurde kein Wort gesprochen während der 19

ganzen Angelegenheit, ich habe nur zwei Mal den Namen Mario, Mario gerufen, in der Annahme, dass es sich ja um Mario handelte, obwohl es ja der Marco war und nicht der Mario, der das alles gemacht hat mit seinen Gehilfen, die ich nicht erkennen konnte, weil sie ja maskiert waren. Eine braune, schwere Metalltür wurde zugeschlagen, ein Riesenlärm und das Licht brannte noch. Ja, bevor sie gegangen sind, habe ich gespürt wie sie meine Hosentaschen leerten, wo ich ungefähr US$ 180.— in kleinen Noten hatte, mein Münzportemonnaie - und auch einen kleinen goldfarbenen Schlüssel, der zum Schloss gehört, das ich an der Anzugstasche befestigt hatte, wo die Dokumente drin waren. Obwohl die Verbrecher schon ein Weilchen den Raum verlassen hatten und ich ja auf dem Bauch lag, mit Gesicht zur Wand, traute ich mich nicht umzudrehen, weil ich nicht wusste, ob noch jemand im Raum ist. Ich zitterte noch lange und hatte Angst und dachte nur warum, warum, warum. Ich drehte mich nach einer Weile um und habe den Raum liegend angeschaut. Erst nach weiteren zwei Stunden getraute ich mich aufzustehen und musste Folgendes feststellen. Es wurde eine schwere Kette an mein Bein geschweisst und unter dem Ring, der um mein Bein war, ein Stoffstück unterlegt und auf meine Haut darunter ein schwarzes Gummistück und dann die kalte Kette. Es war ein Stück von einem Rohr, ich nehme an, es war das Endstück eines Rohres mit einem Gewinde daran, also Rillen für ein Gewinde. Das Eisenstück war nicht rundherum geschlossen, sondern war 2 bis 3 cm offen, dort wo zwei Gliedstücke, je eins links und rechts auf den Ring geschweisst wurden, vermutlich vorher schon, und dann ein weiteres Gliedstück auf die zwei Gliedstücke darauf geschweisst und an diesem dritten Gliedstück hängte dann eine zwei bis drei Meter lange, schwere Stahlkette, die an der Wand eingelassen war. Anm.: Alle Zeichnungen wurden für das Landgericht Vaduz angefertigt. In Zeichnung auf der nächsten Seite und der Zeichnung auf Seite 42 hat die Zeichnerin aus praktischen Gründen den in meiner Aussage beschriebenen Kasten mit dem Stromzähler und der Steckdose (für das Elektroschweissgerät) weiter unten an die Wand skizziert, anstelle weiter oben, wo es an die Turmwand angeschraubt war. 20

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Den Raum beschreibe ich wie folgt: Es ist ein runder Raum, es ist ein Wasserturm, sehr feucht und kalt und wenn man bei der Türe hinein kommt war links mein Feldbett. Neben meinem Feldbett an der Wand war ein Fenster in der Grösse eines normalen Fensters mit zwei Flügelfenstern zum Öffnen. Am Kopfende des Bettes war ein alter Ofen ohne Türchen für die zwei Stellen, wo man Holz hinein gibt und es ist ein so genannter Wasserofen, weil es am Wassersystem angeschlossen ist damit man Heisswasser produzieren kann und gleichzeitig kochen kann. Oberhalb des Ofens ist ein ca. 50 Liter grosser, silberner Wasserbehälter, der das gekochte Wasser, dann auffangen sollte. Neben dem schmutzigen, schwarzen Ofen stand ein kleines Möbelstück, wie so ein Mini-Mini-Sekretär mit einem Fach, das man mit der Tür schliessen konnte und das vierte Bein war gebrochen, sodass man es entweder an die Wand oder an den Ofen anlehnen musste, wenn man darauf etwas schreiben oder essen wollte, weil sonst das Stück umkippen würde. Weiter nach rechts schwingend im runden Kreis sieht man dann einen Durchgang ohne Türe, dieser Durchgang führt zu einem kleinen Gang, wo links ein Waschbecken eingemauert ist mit Sims und unter dem Sims an der Aussenwand des Waschbecken konnte ich ein verschobenes, rechteckiges Herstellerkennzeichen erkennen. Es war alles ziemlich schmutzig. Vorbei an diesem Waschbecken konnte ich in einen Raum, wo links ein schmutziges WC mit einem losen, nicht angeschraubten, schwarzem WC-Deckel war, oberhalb der Wasserbehälter für das WC, sehen, dass es mit flüssigem Klebstoff schon mehrmals repariert worden. Vor allem das Abflussrohr, das sich zur Hälfte im Raum befand und zur anderen Hälfte in der Wand verschwand und unten wieder heraus kam. Die Wasserspülbetätigung war eine Schnur, eine schwarze Plastiknylonschnur, die herunter hing und am Ende 2 bis 3 Knoten hatte. Rechts davon ist eine Dusche in die Wand eingelassen, d.h. die Duschvorrichtung kam aus der Wand heraus und dort wo sich der Wasserstrahl verbreiten kann, wurde die Wand und der Boden im 90 Grad Winkel, also links und rechts, die Wand und der Boden braun angemalt. Sonst war alles weiss in diesem runden Raum und in diesen zwei Nebenräumen. 22

Gegenüber der Dusche war ein Spülbecken mit je Kalt- und Warmwasserhähnen separat angebracht, alles sehr dreckig. Und darüber, an die Wand geschraubt ein Spiegelschrank mit einem kleinen Abstellfach darunter. Der Wasserablauf der Dusche ist ohne Gitter im Boden und rechteckig. Das Wasser funktionierte nicht, weder für das erste noch das zweite Waschbecken oder die Dusche oder das WC, es gab kein Wasser. Im WC war nur eine Füllung im Tank der WC-Spülung vorhanden. Die Eisenkette wurde so angelegt, dass es genau reichte, damit ich vom Bett bis zum WC gehen konnte. Es war alles sehr schmutzig und dreckig, trotzdem waren auf der rechten Seite des Waschbeckens, im so genannten „Badezimmer‚, ein hellblaues Handtuch und eine neue Seife in der Seifenschale. Es gab drei Fenster, ein Fenster, wie schon beschrieben, oberhalb meines Bettes, ausserhalb dieses Fensters war ein Lattenrost, der geschlossen war. Es war ein Lattenrost aus braunem Metall und war zu, nur bei ungefähr die Grösse eines A4-Blattes im Lattenrost konnte man die Latten verstellen und man konnte dann etwas hinausschauen. Draussen am Fenster war noch ein Metallgitter, ein Ausbruchgitter, das aber sicher schon vorher dort war, als man den Turm baute. Das Fenster im Gang, zwischen dem Badezimmer und dem Hauptraum war mit zwei Kippfenstern versehen, viel kleiner als das im Zimmer wo ich schlief, in meinem Raum, und an dem Fenster vor dem grossen Waschbecken und dem kleinen Fenster im Badezimmer wurden von aussen an die Gitterroste Wellbleche, die man zum Dachbauen nimmt, zugeschnittene Wellbleche mittels Draht befestigt, damit man nicht herausschauen kann oder andere Leute nicht hinein schauen konnten. Ich konnte nur schräg hoch in den Himmel durch einen Schlitz schauen und sonst sah ich nichts von diesen zwei kleinen Fenstern. Es war also unmöglich dort auch hinauszugelangen. Ich hatte riesige Angst und betete und eigentlich war mir nicht kalt, obwohl ich in kurzen Hosen war und im kurzen Hemd. Nachdem ich alles inspiziert hatte und feststellen musste, dass die Kette fest in der Wand eingemauert war, ich vermutete auch, dass die Kettenvorrichtung, die an der Wand war, erst frisch 23

gemacht wurde, weil es weiss gestrichen war und auch die ersten Kettenglieder von der Wand mit weisser Farbe überzogen waren. Ich muss auch sagen, dass man überall im runden Raum, der übrigens auch auf der gegenüberliegenden Seite meines Bettes eine Rundtreppe in den oberen Stock hatte, die weiss gemalt war und das Geländer, wo man die Hand drauflegt, ist braun gemalt, alles aus Beton. An vielen Stellen konnte man sehen, dass Regale und Aufhängevorrichtungen, die in diesem Raum offenbar früher vorhanden waren, weggeschraubt wurden, weil man die alte Farbe darunter sah und auch die riesengrossen Löcher von Schrauben mit Dübeln. Vermutlich wollten sie, dass ich nichts wegnehmen konnte, womit ich einen Wächter oder wen auch immer erschlagen konnte oder verletzen würde, darum gab es überall Stellen mit diesen Abzeichnungen mit ehemals vorhanden Regalen, Schränken und anderem Zeug. Ich legte mich dann ins Bett auf mein Kissen, das einen riesengrossen Blutfleck vorwies von den Stunden, die ich regungslos auf dem Kissen lag, und legte mich schlafen.

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Freitag vor Ostern. Den ganzen Tag habe ich kein Essen erhalten, das Zeitgefühl ging mir auch weg, weil mir meine Uhr auch weggenommen wurde, jedoch so ca. mittags hörte ich ein Auto, es war ein Diesel. Ich lag noch auf dem Bett und bekam Herzflattern. Ich lag seitlich gekauert auf dem Bett und von draussen hörte ich laut Schlösser öffnen, als würden 50 Schlösser daran sein, und ein Geknalle und sehr laute Geräusche. Mit einem Tritt, vermutlich wurde die Türe immer so aufgeknallt, sodass ich mehr erschrak: ich sah zwei Männer, die leicht gebückt wie beim Skifahren mit gespreizten Beinen und einer Pistole, die mir alt erschien und einem Revolver, ein silberner mit einem langem Lauf, der mir neu erschien, auf mich gerichtet vor der Tür standen, vermummt. Einer kommt auf mich zu und deutet mit dem Revolverlauf oder Pistolenlauf, in dem Fall, auf mein Kissen und zwar auf den Blutfleck auf dem Kissen. Ich vermutete, dass er den Blutflecken meinte und ich sagte dass es das Blut von gestern Abend war. Er deutete ohne Worte an, ich solle mein Kopf unter das Kissen begeben und mit den Oberarmen und Händen von aussen das Kissen an meinen Kopf drücken damit ich nicht sehe wer kommt oder was sie tun. 26

Ich tat es und spürte den Revolverlauf auf meinem Kopf. Ich hatte Angst und zitterte andauernd. Sie kontrollierten die Kette und hoben mein Bein und rüttelten daran. Ich glaube auch, sie kontrollierten das andere Ende der Kette um zu schauen, ob ich nicht was gemacht habe. Es wurde dann von einem der Männer in Spanisch gesagt, dass ich, falls ich versuchen sollte zu fliehen oder sonst was machen würde, oder wenn ich ausschlagen würde, sie mich ohne Skrupel umbringen würden. Die Männer gingen und dies nicht ohne dass sie die Tür mit einem Riesenschwung zuknallten, was mich noch mehr ängstlich machte. Ich weinte und weinte und weinte. Wenn der Wind ein wenig kam, das spürte ich, weil ich meine Fenster offen hatte, dann setzte sich die Wasserpumpe in Bewegung, was für mich bedeutete, dass es eine Windwassermühle sein musste. Wenn man in einer solchen Situation ist und lange Zeit zum Denken hat, dann kommt automatisch der Fluchtgedanke. Die verfluchte Kette war aber nicht so leicht loszukriegen. Ich habe dann, als es ein wenig hell wurde, an jenem Freitag, die Fenster nochmals inspiriert und festgestellt, dass es unmöglich sein wird durch diese Fenster ohne Werkzeuge oder andere Hilfsmittel zu entkommen. Beim Laufen, wenn man es so nennen kann, innerhalb dieser 3 kleinen Raumebenen, hat sich dauernd die Kette verdreht, was dann zu einem kürzeren Radius meiner Bewegungsmöglichkeit führte. Ich musste dann immer öfters im Tag mich nach links um meine eigene Achse drehen damit sich die Kette wieder entwindet. Ich weinte oft und betete wieder und fragte mich warum, warum nur? Sie haben mir am Freitag nichts zu essen gegeben, aber ich hatte sowieso keinen Hunger. Am selben Tag, ich schätze so um 22.00 Uhr abends, bekam ich wieder Besuch, der sich wie immer in den folgenden Besuchen so abspielte. Ich hörte meistens ein Auto heranfahren, meistens ein Diesel, Riesenlärm, dann die Türschlösser geöffnet, dann ein Schlag an die Türe, Waffen, Kontrolle der Kette, kein Wort zu mir und dann gingen sie wieder. Ich konnte mehr oder weniger schlafen in der Nacht von Freitag auf Samstag. Samstag früh bekam ich wieder Besuch, sie brachten mir meine Brille, die sie mit Schnellklebstoff zusammengeflickt hatten und Schreibpapier 27

mit Schreiber und die zwei Nachrichtenmagazine, die ich mir in Frankfurt am Flughafen gekauft hatte, das eine war der SPIEGEL Nr. 13 von diesem Jahr und die rosarotfarbene Financial Times. Es kam wieder zu Morddrohungen von einem der Bewacher auf spanisch und wieder mit den Angaben, ich soll ja nicht versuchen zu fliehen, weil ich sonst tot bin. Es kam dann so, dass ich mehr oder weniger beruhigt war, da ich doch dachte, sie seien ein wenig human, da sie ja mir was zum Lesen brachten und auch Früchte und altes Brot bei diesem Besuch am Morgen. Ich versuchte dann den SPIEGEL Nr. 13 als Abwechslung zu lesen und musste an die Story der Entführung des Hamburgers Industriellen Reemtsma denken und es gab auch sonst in diesem SPIEGEL einige Seiten, die mich sehr traurig stimmten wie z.B. gab es eine Werbung einer Autofirma mit einem Besenfresserzitat und der Besen, den dieser Mann in der Hand hielt, den hätte ich gerne gehabt um den Saustall, wo ich mich befand, aufzuräumen. Dann gab es noch eine Werbung im SPIEGEL Nr. 13 von einer Telefongesellschaft, einer Mobiltelefonfirma, mit einem abgebildeten Mobiltelefon und eine Nummer im Display : die Nummer, die dort eingegeben war, die fing mit 01 80 an und die war eigentlich nur 3 bis 4 Nummern anders als die Nummer meines besten Freundes in Zürich, die auch 01 865 u.s.w. war, 28

was hätte ich bloss gegeben damit ich ihn anrufen könnte. Der Preis pro Minute war dort in der Anzeige 69 Pfennig; ich habe mir gedacht, auch wenn die Minute 690 Mark kosten würde, ich hätte ihn so gerne jetzt angerufen. Ich habe alles über die Tage verteilt gelesen ausser ein paar Artikel: z.B. einer der über Selbstverletzungen geschrieben war, wie sich Leute, aus welchen Gründen auch immer, Selbstverletzungen am eigenen Fleisch zutun. Es ist auch zu sagen, dass die Financial Times in solchen Situationen nicht das geeignete Lesemittel ist über Geld und Kurse nachzulesen. Die Zeitung habe ich dann nur als Tischdecke für das schmutzigen kleinen Möbelstücklein verwendet. Ich öffnete das kleine Look-Out wie man auf Englisch sagt, also dieser kleine Lattenrost vom Hauptfenster, den ich verschieben konnte und sah ein paar Bäume vor mir und rechts davor einen künstlich aufgehäuften Erdhügel in dieser Waldlichtung und weiter weg sah ich dann die gelbe Wiese mit ein paar Kühen. Später musste ich auf das WC und spülte das WC. Die Hände konnte ich ein wenig waschen indem ein paar kl. Tropfen aus der Wasseranlage kamen. Am Nachmittag desselben Tages bekam ich wieder Besuch. Wie befohlen verdeckte ich mein Gesicht damit ich nichts sehen konnte und wie üblich wurde mir die Pistole auf den Kopf oder auf die Brust gedrückt, falls ich dummes Zeug vorhatte. Es wurde mir eine Notiz hinterlegt, die mit Schreibmaschine geschrieben worden war, aber auf Faxpapier gedruckt war. Ich nehme an, sie haben es mit dem Faxgerät des Hauses kopiert. Darauf stand auf Spanisch, dass ich Angaben machen soll über meine Geschäfte oder vor allem über mein Vermögen, das ich besass. Es sollte so aussehen, als wäre dieses ein Fax von Übersee gewesen, von Europa. Zu jenem Zeitpunkt schrieb ich noch normal mit dem mir verteilten Papier und Kugelschreiber an Mariano. Ich schrieb warum, wofür, wie viel und was das alles bedeuten soll. Ich sass auf dem weissen Plastikstuhl, den habe ich noch vergessen zu beschreiben. Ich hatte einen weissen Plaststuhl, so wie man sie für Gartenstühle verwendet, auch in diesem Raum. Ich schrieb ihm, ob er sich nicht schäme mich als Freund dort so zu haben. Ich bat ihn dringend, mich zu besuchen damit wir darüber reden könnten, vor allem am nächsten Tag, an 29

meinem Geburtstag am Sonntag, 30.03., zu kommen. Ich war traurig für mich selber, für meine Familie und für seine Familie auch. Ich ass einen Apfel und das alte Brot und war ein wenig beruhigt an jenem Tag, weil ich keine Besuche mehr erwartete und dadurch für mich selber alleine sein konnte. Ich hoffte auf eine ruhige Nacht. Den Brief den ich an Mariano geschrieben habe, habe ich unter der Türe so durchgesteckt, damit ein Ecken des Briefes noch in meinem Raum lag und ich so sehen konnte, wann und ob er weggenommen wurde. Müde und mit der schweren Eisenkette an meinem rechten Bein, schlief ich im Bett mit den zwei Decken ein.

Sonntag, 30. März, mein 32. Geburtstag. Ich wachte früh auf und dachte an Flucht, aber wie konnte ich flüchten, ich kannte die Farm nicht und war in der Nacht gekommen, also ist es sehr schwierig. Falls ich je aus diesem Turm raus kommen sollte, wohin ich dann rennen sollte, links rechts oder wohin, weil ich ja nicht wusste wo Sicherheit für mich sein könnte. Ich hätte ja in die falsche Richtung rennen können 30

und dann 30 km lang in der Wildnis herumirren, das ging also nicht, aber wenn man eingesperrt ist, dann denkt man sowieso an Flucht. Die Kette, wie konnte ich die Kette lösen. Ich erinnerte mich, dass man, wenn man verheiratet ist oder Leute die verheiratet sind und sie den Ehering loswerden wollen, es mit Seife probieren. Da ich ja eine Seife hatte, dachte ich mir, aha, ich werde warten bis es Abend ist, weil während dem Tag wegzuspringen, da würden sie mich auf 100 km auf dem freien wohl Feld sehen, also wollte ich, wenn schon, in der Nacht weg. Also dachte ich mir gut, ich werde mit dem Versuch, die Kette mit Wasser und Seife über meinen Fuss zu ziehen, warten. Meine Nerven lagen frei. Auf einmal bekam ich grössere Angst: Nach einer halben Stunde hatte ich meine Meinung geändert und sagte zu mir, wer weiss, was noch passiert, es ist besser, wenn ich es jetzt versuche. Ich zog so meinen rechten Schuh aus und auch den Socken und da ich kein fliessend Wasser hatte, benützte ich ein wenig Wasser von der WC Schlüssel, seifte meinen nackten Fuss samt dem Eisenring ein und nahm auch das Tuch und das Gummiband unter dem Eisenring weg und versuchte mit aller Gewalt den Eisenring über meinen Fersen und Vorderfuss zu stülpen. Es ging aber nicht, der Verschluss, also dieser Eisenring war ja nicht ganz geschlossen und die dementsprechenden Ecken, die dieser Ring hatte, stachen sehr fest auf meine Ferse, wo ich mich leicht verletzte, ich war verzweifelt, denn selbst mit Seife ging es einfach nicht. Ich war traurig und weinte und trocknete meinen eingeseiften Fuss mit dem Handtuch ab und war sehr bemüht den Stahlring auch von der Seife zu befreien, was mir nicht ganz gelang, weil sich die Seife auch in den feinen Rillen des Gewindes festgesetzt hatte. Ich war traurig, weil ich realisierte, dass die Kette so angemacht wurde, dass es für ewig war, was mein Tod bedeutete. Ich weinte, weil ich an meine Familie dachte und dass mich keiner so schnell vermissen würde, weil ich keine genauen Angaben gemacht habe, wo ich jetzt noch mal hinging, und zudem hatte ich auch realisiert, dass es auf einer solch grossen Farm eine Leiche loszuwerden kein Problem wäre. Wer sollte mich je da finden? Ich bekam auch Panik, weil ich die Seife nicht vollständig vom Ring entfernen konnte, und ich befürchtete, dass wenn bei 31

einer Kontrolle die Wächter nicht die Dümmsten sind, und erkennen, dass es dort Seife daran hat und dann vielleicht erkennen oder erraten, was ich vorgehabt hatte. Ich hatte Angst, dass sie mich dafür foltern werden oder anderswie bestrafen würden. Ich blieb den ganzen Vormittag im Bett. Spät abends am Sonntag bekam ich wieder Besuch. Es war Lärm mit Autos, Tür aufgeschlagen, Revolver auf Kopf und kein Wort. Sie nahmen den Brief, den ich die Nacht zuvor unter die Tür gelegt hatte dann weg, brachten mir Kaltes zum essen und zum trinken Wasser. Die Kette wurde kontrolliert. Ich hatte Riesenangst, falls sie die Seifereste entdecken würden und ich dachte mir, wenn sie es entdecken würden, dann würde ich sagen, dass ich meine Füsse gewaschen habe. Aber dann war das Problem, sie würden mich fragen mit was, mit Urin oder mit was, wenn kein Wasser vorhanden ist. Sie gingen dann aber wieder. Anm.: Auf den 2 Fotos (nächste und übernächste Seite) kann man sehr gut die 2 eingebrannten Stellen an meiner rechten Wade erkennen, die von Funken beim Anschweissen der Kette herstammen. Auf dem 2. Foto ist auch die noch nicht verheilte horizontale Schürfwunde wunde der Kette gut sichtbar (2-3 cm oberhalb meines rechten Daumens). Die für das Landgericht Vaduz nachgebaute Kette samt „Mauerstueck“ befindet sich heute im Keller des Landgerichts, im „Argentinien-Akt“.

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Das WC füllte sich ohne dass ich es spülen konnte und auch tagsüber war der Raum gefüllt mit dem Lärm von der Wasserpumpe draussen. Mariano kam doch nicht, wie ich ihn gebeten habe an meinem Geburtstag. Ich weinte und war traurig, weil sie mir nicht nur meine Freiheit genommen hatten, sondern auch meine Fluchtmöglichkeit, aber wohin sollte ich auch flüchten. In der Nacht hörte ich oft Schüsse und auch Hunde. Das war kein gutes Zeichen. Ich war mir auch bewusst, falls ich überhaupt von der Kette wegkommen sollte, ich dann weiterhin nicht aus dem Raum flüchten konnte, da die Fenster so zugenagelt waren, also war es aussichtslos. Der Fluchtgedanke ist dabei gestorben. Nervös schlief ich ein.

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Am nächsten Tag, Montag, 31. März. Es ist der Geburtstag meiner Mutter, sie ist 60 Jahre alt geworden. Ich weinte wieder, aber weniger, weil ich nicht mehr soviel weinen konnte. Ich las den SPIEGEL nochmals, denn man muss ja etwas tun, um die Zeit totzuschlagen, um auf einen anderen Gedanken zu bekommen. Der Tag ist ja sehr, sehr lang. Ich schreibe wieder an Mariano. Diesmal etwas unterwürfiger. Bitte ihn zu kommen, offeriere ihm mein ganzes Geld und schreibe auch, wie er es sich aneignen kann, hoffte auf baldige Freilassung, hoffte auf seinen Verstand, etc. etc. 34

An diesem Montag bekam ich Vormittags wieder Besuch. Wie üblich ein Auto, ein Dieselfahrzeug, das ich nicht sehen konnte von der kleinen Fensteröffnung aus, die ich hatte. Wieder Waffen, wieder vermummt und wieder Morddrohungen. Sie brachten Essen und eine Notiz von Mariano. Die Notiz von Mariano, ich wusste sie war von ihm, aber sie wurde nie von ihm unterschrieben. Es war sogar, dass darin stand, dass Mariano angeblich für wichtige Geschäfte nach Europa zurückkehren musste. Ich wusste aber und konnte an der Art und Weise wie es geschrieben war, erkennen, dass es Mariano's Stil war. Auf der Notiz stand, dass die Zeit auslaufe und es wurde Besuch aus Europa angekündigt. Sie legten mir Rechnungen vor. Rechnung in „Anführungszeichen‚, denn es waren Forderungen an mich, absurde Forderungen an mich, wo sie vermutlich meine späteren Geldzahlungen rechtfertigen wollten. Ich habe sie im Detail nicht gelesen, weil wissen Sie, wenn man in Gefangenschaft ist, dann unterschreibt man alles. Ich hätte auch unterschrieben, wenn sie mir gesagt hätten, ich soll schreiben, wie ich John F. Kennedy ermordet hätte. Es ist egal, man unterschreibt einfach alles, es ist zwecklos, man will nur lebendig aus der Sache wieder herauskommen. Es kam auch der Gedanke an Mord. Ich meine den Mord an Wächtern um hier herauszukommen, aber wie. Wenn man bei der Türe herein kommt, links oben an der Wand, kam ein Stromkabel aus der Wand heraus in einen kleinen Kasten mit drei runden Sicherungsknöpfen und dann in einen grauen Kasten führt, wo man die elektrische Wasserpumpe ein- und ausschalten kann. Neben dem Stromkabel war auch ein Stromzähler der Marke ABB von 1992 mit dem Zählerstand von entweder 2030 oder 3020, ich bin mir nicht mehr sicher. Ich habe mir überlegt, ob ich eventuell die Wächter, wenn sie zur Tür hereinkommen, mit einem Stromschlag erledigen könnte. Bin mir aber nachher unsicher geworden, weil ich mich mit Strom nicht gut auskenne und nicht gewusst hätte, welches Kabel wo zu was führte und zudem dachte ich, mit einer Kette am Bein würde evt. der Strom wie eine Erdung an mir vorbeigehen. Wenn nicht ein Stromschlag dann vielleicht die Waffe entnehmen dachte ich mir, was aber nicht so einfach sein wird, weil ich nicht nahe genug an die Waffe gekommen wäre, damit ich meine Hand hätte anlegen können 35

und ich kein Tumult riskieren wollte, was sicher mein Tod bedeutet hätte. Der Gedanke an eine Schlägerei kam auch, aber einen gegen zwei oder drei und ich dann noch angekettet; dies ist nicht sehr hilfreich. Für einen Rest, für andere Möglichkeiten, hatte ich einfach keine Kraft oder war zu dumm dazu. Ich selber war sehr schmutzig, weil ich fast eine Woche in derselben Kleidung gesteckt habe und die Luftfeuchtigkeit in diesem Wasserturm, Wasserwindmühle, ziemlich hoch war. Auch begann der Stahlring in der Nacht zu kratzen, wovon man heute noch die Schürfwunden erkennen kann. Ich bekam wieder Besuch mit denselben Vorzeichen wie Lärm, das Auto, die Waffen, die Türe und Morddrohungen. Es gab auch erste Schläge auf meinen Kopf, wobei ich nicht wusste, womit ich das verdiente oder was ich getan hatte. Bei jener Visite wurde mir wieder Essen, Brot und Früchte und sogar meine blaue Jacke gebracht, weil sie vermutlich vermutet hatten, dass ich während des Tages, wenn ich nicht im Bett bin, eigentlich frieren sollte, weil die Sonne nur ganz klein, also der ganze Raum immer im Schatten war. Zu meiner Überraschung brachten sie auch mein kleines Necessaire, also meine Badeutensilien, Reinigungsutensilientasche mit, was wie folgt beinhaltete: Es war eine Hygienetasche und es war ein Nagelklipser drin, mit einer Fingernagelreinigungsvorrichtung, ein Rasiermesser von der Marke Gillette, kein Schaum, ein paar kleine Seifen von Hotels, sonst gaben sie mir nichts und es gab auch keine Antwort auf meine Bitten, die ich im Brief davor formuliert hatte. Sie checkten wieder die Kette, diesmal sehr gründlich und knallten die Türe beim Hinausgehen zu und verriegelten sie mit massivem Lärm. Wisst ihr, wenn man selber nicht in einer solchen Lage war, ist es vermutlich nicht so einfach für Aussenstehende nachvollziehbar: wie und warum ich das, was ich später tat, machte und wie und warum ich dazu kam. Wenn man sich in Händen solcher Verbrecher befindet, dann macht man sich sicherlich Gedanken, wie stehen die Chancen, dass man lebend aus dieser Gefangenschaft herauskommt. Jeder der so was miterlebt hat, wird vermutlich zugestehen, dass es zum ersten Gedanken an möglichen Selbstmord kommt. 36

Die Gründe warum ich an Selbstmord gedacht habe, waren die Folgenden: Ich hatte Todesangst auszustehen unter diesem psychischen und sonstigem Terror, und ich habe nie von den Entführern gehört, dass, falls ich dies und dies erfülle, ich dann freikomme. Während der ganzen Zeit sagten sie das nicht. Ich bin selber kein Feigling und möchte hier sagen, es ist anders, wenn sich jemand wegen einer verlassenen Freundin oder eines verlorenen Arbeitsplatzes in Freiheit vor den Zug wirft oder sich sonst irgendwie umbringt. Dann ist er vielleicht in meinen Augen ein Feigling oder dumm, weil wegen einer Freundin oder anderen zerbrochenen Beziehungen oder eines verlorenen Arbeitsplatzes sollte man sich nicht umbringen. Aber in einer Gefangenschaft sieht die Sache ganz anders aus. Ich hatte auch Riesenangst vor Folter, weil sie es auch in zweideutigen Andeutungen so gemacht hatten, was auch eine sexuelle Folter beinhaltet hätte. Es ist nämlich so, dass ich dort realisieren musste, dass sie mir nicht nur meine Freiheit, sondern auch meine Fluchtmöglichkeiten genommen hatten und das Einzige, was einem noch übrig blieb war die Macht über Leben und Tod d.h. die Macht über sein eigenes Leben d.h. ich konnte noch selber bestimmen, wann ich sterben wollte oder nicht. So entschied ich mich die zwei kleinen Rasierklingen, die in dem Wegwerf-Giletterasierapparat darin waren, heraus zu nehmen. Ich tat es mit der Fingernagelreinigungsvorrichtung am Nagelknipser. Ich brach die zwei Klingen heraus, lernte mit verschlossenen Augen wie ich ohne mich zu schneiden erkennen konnte, welche Seite das Messer und welche Seite nur diese angehefteten oder angeschweissten kleine Metallstreifen waren. Ich wickelte sie je in ein Stück Zeitungspapierchen hinein und steckte eine Klinge in die vordere, rechte kl. Münztasche von meiner kurzen Jeanshose und die andere habe ich mir in die linke Po-Hosentasche gesteckt. Der Grund darin liegt da, ich vermutete, falls sie mich foltern oder sonst was mit mir machen würden oder nur meine Hände gefesselt auf den Rücken binden würden, so hätte ich doch noch eine Möglichkeit mit der rechten Hand auf den Rücken gebunden in die linke Potasche zu greifen und das Messerchen, das eine Länge von ca. 2 cm und ca. eine Breite von 0,5 bis 1 mm hatte, heraus zu nehmen und vielleicht dadurch die Schnur um meine 37

Hand oder sogar meine Blutvenen aufzuschneiden. Den Rest der Klinge, also den Rest der Vorrichtung zum Rasieren habe ich in altes Brot rein gesteckt. Die Lage wurde auch sonst unangenehm. Das WC war verstopft und Mücken und anderes Zeug verbreiteten sich in meinem Raum. Ich schrieb wieder an Mariano, wobei ich jedes Mal immer unterwürfiger wurde, und ich flehte ihn an, mich freizulassen, wobei ich natürlich auch sagte, dass ich von seiner Geldschuld nichts mehr haben wollte, da mich diese Geldschuld in diese Lage gebracht hatte. Komischerweise fühlte ich mich nach den getätigten Dingen mit der Rasierklinge besser, da ich glaubte, ich alleine entscheide, wann ich sterben will oder nicht. Das war das Letzte was mir blieb. Ich bin ein lebensfroher Mensch und sonst nie depressiv oder sonst was, aber ich hatte nur dies und ich wollte nicht, dass sie es mir wegnehmen könnten. Natürlich ausser sie kämen mir zuvor und davor hatte ich natürlich wieder Angst. Ich möchte hier auch hinzufügen, dass ich gedacht habe, was kann ich mir selber noch Schönes machen, bevor ich diese Welt verlassen sollte und das Einzige, was mir in den Sinn kam, wäre eventuell eine letzte Masturbation an Gedanken an die letzte Frau die ich lieben durfte. Ich überlegte mir dann, was dann passieren würde, wenn ich ihre Bedingungen, die sie mir ja nicht konkret gestellt hatten, erfüllen würde. Lassen sie mich frei, davon schrieben sie aber nichts. Ich dachte ich kannte Mariano gut, aber ich kannte ihn zumindest so gut: er würde nie einen Mord planen, ich glaubte es nicht. Abgesehen davon ist er ein riesiger Feigling. Aber ich war mir sicher, er würde im Effekt jemanden umbringen lassen, weil im späteren Gespräch einem der Bewacher, er war ein Farmknecht, sagte dieser auch, dass in Argentinien ein Menschenleben nicht viel wert hat und dass es für die Angestellten nicht möglich war sich den Befehlen des Gutsherrn, selbst wenn es Mordbefehle wären, zu widersetzen. Also Mariano müsste sich nicht mal die Finger selber schmutzig machen. Ich überlegte mir auch, dass es selbst nach meinen Zahlungen keinen Grund geben würde, warum mich Mariano freilassen sollte. Sicher gebe es Gründe, aber auf der anderen Seite war die Leichtigkeit mit der er mich 38

auf der Farm verschwinden hätte lassen können viel grösser und das beunruhigte mich. Es wäre anders gewesen, wenn er mich in Spanien oder in Vaduz entführt hätte und mich gefangen genommen hätte. Da ist die Lage komplizierter. Auf einer grossen Farm, wo kein Mensch genau weiss, wo ich bin und da gibt es mögliche Unfälle oder da ist einfach die Leichtigkeit eines solchen Vorhabens viel grösser und dadurch auch viel präsenter im Kopf von Mariano, nehme ich an. Wir haben immer noch Montag, Geburtstag meiner Mutter und ich musste ihn in den Briefen immer ständig davon überzeugen, dass ich kein Rachemensch bin, wie z.B. die Argentinier oder die Latinos im Generellen. Ich will hier nur heil rauskommen und werde niemand etwas sagen. Ich schrieb so, dass er gar nicht darauf eingehen sollte, sondern sagte nur, ich will hier raus und das Geld ist mir nicht wichtig. Ich will einfach auch Dinge erfüllen, meine Träume, wie Heirat, Familie, Kinder und ein ruhiges Leben führen. Ihr müsst verstehen, dass man alles macht, was sie verlangen, weil man Ihnen 100-prozentig ausgeliefert ist. Am Montagnachmittag, spät, bekam ich wieder Besuch. Wieder der Lärm eines Wagens, der sich ankündigte, und ich bekam sofort Herzflattern. Die Türe wurde wieder massiv aufgeschlagen und die Waffe an den Kopf gehalten und die Kette wieder kontrolliert. Eine Notiz von Mariano mit Schreibmaschine geschrieben, ohne seine Unterschrift darauf, wurde mir wieder zugesteckt. Er glaubte mir nicht oder sie glaubten mir nicht in Bezug auf mein Geld und wie man es transferieren könnte oder meine einzige geschilderte Möglichkeit wie ich an das Geld kommen könnte und er sagte auch, dass Morgen der letzte Tag sei und dass die Zeit zu Ende gehe. Das war alles. Das Essen ist wieder kalt gewesen. Ich glaubte durchzudrehen, obwohl mein Geist ganz scharf blieb. Ich versuchte zu schlafen, konnte aber nicht. Dienstag, 1. April. Mein ganzer Körper schmerzte und ich hatte eine unruhige Nacht hinter mir. Ich war traurig und glaubte, dass ich hier nie rauskommen werde. Ich überzeugte mich davon selbst, wartete 39

aber ab. Es war mir sehr kalt, ich kontrollierte die Rasierklingen in meinen Hosen und merkte mir wieder auf welcher Seite die scharfe Klinge war. Ich liess alles nochmals durch meinen Kopf gehen und es widersträubte mir, daran zu denken, dass ich bald soweit kommen könnte, mir selber das Leben zu nehmen. Es kann ja nicht sein, dass ich gehe, ohne dass ich meiner Familie, meinen Freunden, meinen besten Freunden und der Welt ADIOS gesagt hätte. Aber von hier aus konnte ich ja niemanden erreichen. So geschah es, dass ungefähr am Mittag wieder Besuch kam. Ich begab mich wieder in die übliche Position, eingekauert unter meine Bettdecke, das Gesicht unter das Kissen und die Hände und Oberarme vor meinem Gesicht. Ich hörte mehrere Personen, Schritte und zu meiner völligen unglaublichen Überraschung stand da Verdammt noch Mal dieser Verbrecher Helmut Roegele mit seiner Frau Salud Hidalgo und zwei Wächtern mit gezogenen Revolvern und Pistole vor mir im Raum. Ich möchte noch anfügen, dass ich bei einem dieser Besuche beim Wächter klar erkennen konnte, dass der silberne Revolver mit Patronen in der Trommel voll geladen war. Ich begann erst dann zu realisieren, dass wahrhaftig Helmut Roegele und Mariano das alles ausgeheckt hatten. Die zwei Wächter waren maskiert und mit Waffen, Helmut und seine Frau nicht. Sie kamen in sehr gepflegtem Stil daher. Ich zitterte am ganzen Körper am ganzen Leib. Helmut schrie mich auf Spanisch an und dann auf deutsch und er sagte: "Ja, jetzt können wir Dir das antun." Ich kniete auf vom Bett und kniete vor ihm auf dem kalten Boden mit meinen kurzen Hosen und sagte: „Ich habe Euch doch nichts getan und ich flehe um mein Leben." Die Worte von Helmut waren sicher ein grosser Teil des Auslösungsprozesses, was ich mir dann später angetan habe. Er sagte: „Wir kriegen dein Geld sowieso. Entweder du machst es uns als Überweisung oder du wirst hier einen "Unfall" erleiden." Er sagte es in vollem Ernst. Er sagte wortwörtlich: "Ermordet wirst du hier sicher nicht, wir sind nicht so blöd und machen uns die Hände schmutzig, sondern du wirst z.B. einen "Reitunfall" oder von einem "hohen Baum fallen" und der Arzt wird dies als Unfall bestätigen und mit den Rechnungen, die du in Gefangenschaft unterschrieben hast oder mit den 40

Schuldanerkennungen werden wir gegen deine Erben losgehen.‚ Die Erben wären mein Vater Alfons Kieber oder meine Mutter Maria, da ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe. Er hat es mit einer solchen Deutlichkeit gesagt, dass ich keinen Anlass dazu hatte, an seinen Worten oder den möglichen Taten seiner Mittäter zu zweifeln, auf keinen Fall. Er legte mir zwei Rechnungen vor um die Transaktionen wohl ein wenig legaler, wenn man so sagen kann, zu gestalten. Ich las nur eine Forderung von 80 Millionen Peseten von ihm und eine Forderung von 150 Mio. Peseten von Mariano und ich dachte nur, das ist mein Ende. Erstens, wieso dachten die ich hätte so viel Geld und zweitens wie konnten sie mir so was unterschieben, da ich ihnen doch absolut gar nichts schulde! Im Gegenteil, Mariano schuldet mir sogar viel und das weiss er und Helmut ganz genau. Ich habe die Postenaufstellung nicht gelesen, was dann dazu führte, dass die Frau von Helmut sich aufgeregt hat und geschrienen hat: "Willst du sie nicht lesen?" Ich habe geantwortet: "Ich kann es nicht." Sie forderte ihren Mann auf, es mir vorzulesen, aber das tat er nicht. Ich unterschrieb aber, ich wurde genau beobachtet und Helmut hat darauf geachtet, dass ich meine genaue Unterschrift mache und nicht eine schusslige. Ich musste also zuerst auf der Zeitungen, die ich als Tischdecke benutzte, zuerst 2 bis 3 Mal meine Originalunterschrift üben, weil ich so zitterte und ich mich erst beruhigen musste. Dann im vierten Anlauf unterschrieb ich auf das Papier von Helmut, das ich erst gar nicht gelesen hatte. Die massiven Drohungen, die darauf folgten möchte ich nicht wörtlich wiederholen, weil ich sie nicht ganz verstehen konnte, aber es war einfach eine massive Drohung, die sicherlich jedem eingefahren wäre. Sie machte noch den Kommentar auf spanisch, seine Frau, dass ich halt noch weiter leiden muss, weil sie mir nicht glaubten, dass ich nur soviel Geld,

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wie ich dem Mariano aus dem Kerker geschrieben habe, habe, was mich gezwungenermassen zu der Annahme brachte, dass ich noch gefoltert werden sollte, da ja die normale Haft, wenn man es als normal bezeichnen kann, die ich bis anhin durchgemacht hatte, ohne grosse Folter, dass das das Wenigste oder das Einfachste in deren Augen war oder das weniger Schlimmste in deren Augen, was ich bis anhin erlebt habe. Sie wollten noch mehr Tortur und er hat es auch so ausgedrückt. Sie sind dann schon nach 20 Minuten gegangen, nicht ohne einen weiteren Besuch am Abend anzukündigen und ich setzte, da ich ja leben möchte, einen ersten, erzwungenen und vordiktierten, handgeschriebenen Brief an Herrn Bankdirektor Bröll der BAWAG in Österreich in Feldkirch auf. Ich schrieb ein normaler Brief an ihn und bat um Überweisung mit dem nötigen Codewort, obwohl ich ja nicht wusste, wohin das Geld zu überweisen war, weil sie mir noch keine Angaben dazu gemacht haben. Da schrieb ich einfach den Überweisungsauftrag und liess dann den Platz leer damit Helmut oder Mariano dies selber einfüllen konnten, wohin es überwiesen werden soll. Da kommt mir wieder in den Sinn, dass ich – als ich die Financial Times im Kerker gelesen hatte, ich auf einen speziellen Artikel gestossen bin; in der Aufregung fällt mir jetzt der Inhalt nicht mehr ein: es hatte aber zu tun mit Angaben über Vermögen oder so; in meiner Angst, dass Helmut, der auch Englisch kann, den Artikel sehen würde und mich beschuldigen würde, ich hätte Aussagen zu meinem Vermögen, auf Grund der Worte, wie im Artikel verwendet wurde, "verfälscht". Ich bekam wieder eine Panik und riss den Artikel aus dem Blatt und zerkaute den ganzen Artikel und ass ihn auf. Ich spürte, dass meine Situation hoffnungslos war, und dass mein Ende nah war. Es lag einfach in der Luft. Wiederholt hatten sie ja nie von Freiheit gesprochen, kein Mensch hat von Freiheit gesprochen, nach Erfüllung der Bedingungen und sie hätten mich ohne Probleme Monate so halten können, ohne dass mich je jemand gefunden hätte. Ich war traurig, weil ich nicht "Good Bye" und "Auf Wiedersehen" zu meiner Familie, meinen Freunden und allen Leuten, die ich kenne und die mich geliebt haben, hätte sagen können. Ich erinnere mich dann an einen Sonntagsartikel oder einem Samstagartikel in dem Magazin vom 43

Tagesanzeiger in Zürich, wo ein Journalist ein Buch geschrieben hat "Das war es also" und er Leute interviewt hat, die Dinge im Leben erlebt haben und die sich dann schon in gewissen Altersstufen gefragt haben, ob es das schon war. Ich musste mich dann auch wahrhaftig, als 32-jähriger Mann plus zwei Tage selber fragen, ob es DAS wirklich schon war. Ob ich nie mehr das Licht, die Sonne, Vaduz, meine Familie, meine eigene "zukünftige" Familie, Frau und Kinder erleben werde. Das machte mich sehr, sehr traurig. Da ich auch vermutete, dass sie mir nicht glauben werden, wegen der tatsächlichen Höhe meines Vermögens, musste ich annehmen, dass sie mich töten werden. Von späterer Freiheit sprach ja niemand. Ich schrieb den handgefertigten Brief an Herrn Bröll zu Ende, es waren eineinhalb Seiten, und unterschrieb ihn korrekt. Auf dem Brief waren auch die genauen Angaben des Kontos und des Lösungswortes darauf. Ironischerweise hiess das Lösungswort Teklanika und das ist ungefähr der Name eines Flusses in Alaska, wo ich 1989 mit meiner damaligen Freundin, die ich sehr geliebt habe, auf Besuch war. Im Denali-National- Park in Alaska sagten wir uns, falls wir eines Tages heiraten werden und ein Kind haben sollten, dann werden wir es, wenn es ein Mädchen werden sollte, Teklanika nennen, weil uns dieser Name sehr gefallen hat. Und ich war nun dort in dem Raum und musste Teklanika schreiben und nachher meinen eigenen Tod bestimmen. Meine Sinne waren sehr geschärft. Die Zuhörer mit schwachem Herz sollten jetzt nicht weiterhören und die anderen bitte ich um Verzeihung, falls ich zu detailliert vorgehe. Ich war mir sicher, dass beide Verbrecher, Helmut und Mariano, vor allem Mariano mit seiner 1,5 Mil. CHF-Forderung "enttäuscht" sein würde und er sicher schon das Geld in Gedanken ausgegeben hat. So ist er und er wird bestimmt böse, weil er nicht im Geringsten so nahe an das Geld kommt, an diese Summe, die er sich erwünscht hat von mir und als Profit aus dieser Operation schlagen wollte. Nebst dem Verlust und nebst dem Nichtbezahlen seiner Schuld dazu. Ich dachte mir, ich könnte mir eigentlich auch am Abend nach dem letzten üblichen Besuch das Leben nehmen. Damit ich sicher war, wenn ich verblute, dass ich auch genug Stunden habe, um zu sterben. Mir 44

kam dann die Angst, dass ich vielleicht nachher keine Gelegenheit dazu hätte über mein Leben selbst zu bestimmen, weil doch die Worte von Helmut und seiner Frau und die Andeutungen der Wächter, dass es mir noch schlechter ergehen sollte und dass ich noch leiden musste, als nur diese in deren Augen "einfache Gefangennahme", wobei natürlich meine eigene ANSICHT darüber wichtiger und vor allem die ECHTE ist. Ich war ja der Gefangene und nicht sie. Meine Gefühle dazu waren natürlich die Ausschlaggebenden und meine Eindrücke und nicht deren die draussen frei herumlaufend konnten. Ich hatte keine Zeit mehr und wollte auch nicht einen Abschiedsbrief schreiben, weil ein Abschiedsbrief, wenn ich tot bin, da war ich mir sicher, sie einen Brief an meine Mutter oder meinen Vater nicht übergeben werden würden, darum hätte es auch keinen Sinn gemacht einen zu schreiben. Ich stand auf vom weissen Plastikstuhl mit all meinen Sinnen sehr geschärft und auch die Augen wie ein Adler geschärft. Ich zog meine Jacke aus, die ich an hatte und legte mich auf das Bett. Ich hatte natürlich selber nie Erfahrung mit einem Selbstmordversuch, warum auch, und bin auch sonst kein Mediziner. Ich dachte einfach, dass es mit Handgelenken aufschneiden genügen sollte und dann das Blut fliessen sollte und einfach der Herzstillstand eintritt, weil kein Blut mehr kommt oder das Gehirn stirbt, weil kein Blut mehr kommt. Natürlich habe ich mir auch gedacht, dass ich gegen die Wand rennen könnte, aber mit der Kette am Fuss kann ich nicht genug Anlauf nehmen und zudem war ich mir nicht sicher, ob das funktioniert. Auch die Glasscheiben habe ich mir vorgestellt als Selbsttötungswaffe, aber die Rasierklingen schienen mir schon sauberer und schärfer als das Glas. Ich legte mich also auf mein Bett und nahm zuerst mit der rechten Hand die rechte Klinge aus der vorderen Münztasche meiner kurzen Hose und ohne dass ich grossen Schmerz empfand, schnitt ich mit der rechten Hand einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal mit schräg, dem schräg angesetztem kleinen Messer in das linke Handgelenk. Beim 5. Mal machte es "SSSSch", wobei ich vermutlich eine Vene oder einen Nerv angeschnitten hatte. So dachte ich jedenfalls. Das Blut floss nicht gleich und nicht so wie ich es mir erdacht hatte und gar nicht so wie es im Film immer ist. Ich wollte mit einer frischen Klinge, mit der 2. Klinge, die linke Hand aufschneiden, 45

musste aber feststellen, dass ich ja auf dem Bett lag, auf dem Rücken, so musste ich wieder aufstehen mit der rechten Hand nach hinten in die linke Po-Tasche greifen, die Klinge aus dem Papier auswickeln, in die linke Hand geben, die komischerweise nicht geschmerzt hat, und dann zwei- bis dreimal mit schräg angesetztem Messer tief in das rechte Handgelenk schnitt. Wieder machte es "SSSSch". Ich lag wieder auf dem Bett und legte die Hände auf den Boden damit das Blut auch gut fliessen konnte. Ich dankte Gott und noch anderen Leuten für das, was sie für mich getan hatten und ich bat Gott um Verzeihung auch für das was ich getan hatte und dass er mich bitte in den Himmel nimmt und mir meine Familie verzeihen werde. Komischerweise verspürte ich keinen Schmerz, nur vielleicht einen kleinen, brennenden Stich in meinen Händen. Ich war bereit zu sterben und auch hatte ich nicht eine Sekunde lang, nachdem ich die Hände aufgeschnitten hatte, das Bedürfnis es abzubrechen, ich wollte sterben, weil die Täter mich überzeugt hatten, dass sie mich umbringen werden und mich dadurch zum Selbstmord getrieben hatten. Ich will noch jetzt dazu sagen, dass ich all meinen Mut, den ich je in meinem Leben gehabt hatte, zusammennehmen musste, damit ich mir solchen Schaden, solche Verletzungen beifügen konnte. Es ist falsch zu glauben, dass es einfach war, sondern im Gegenteil, man muss seinen ganzen Mut aufbringen um sich selber das Leben so zu nehmen. Wenn ich eine Pistole gehabt hätte, wäre es einfacher und schmerzfreier erledigt gewesen und viel schneller, aber das hatte ich ja nicht. Zudem musste ich leider wiederum feststellen, dass das Blut nicht so floss, wie ich es vermutet hatte, und ich dadurch in eine Lage kam, wo ich feststellte, dass ich SO nicht sterben werde, nicht sterben konnte. Ich musste aber sterben; es gab keinen Weg zurück. Die zweite Rasierklinge, die noch in meiner linken Hand, zwischen den zwei Fingern blutverschmiert klebte, nahm ich mit der rechten Hand weg und setzte mit dieser Hand zum hoffentlich finalen brutalen Schnitt in die linke Halsschlagader an; ich wusste, dass wenn diese durchtrennt oder massiv angeschnitten ist, das Blutfliessen ohne Hilfe von Aussen nicht gestoppt werden kann. Die kleine Klinge bohrte sich links ca. unterhalb des Unterkiefers ins Fleisch und beim Herunterschneiden versuchte ich den Druck auf die Klinge zu 46

erhöhen, so dass ich die tief irgendwo darunter liegende Haupthalsschlagader zerschneiden kann. So, das sollte genügen, so war ich überzeugt. Wie sich jetzt (Anm.: später im Spital Vaduz) herausstellte, habe ich die Hauptschlagader um ca. 0,4 cm verpasst. Minuten, die mir wie Sekunden erschienen vergingen und der Tod wollte nicht kommen. Verdammt noch mal.... So stand ich, stand ich wieder vom Bett auf und glauben Sie mir, es ist möglich wieder aufzustehen, obwohl man beide Handgelenke zerschnitten hat und wenn man auch ohne grossen Erfolg versucht hat, seine "eigene Kehle" durchzuschneiden. Ich nahm eine Decke vom Bett, umwickelte die Decke um meine rechte Faust und schlug in beide kl. Fenster, die oberhalb von meinem Bett waren, ein. Es war ein Riesenkrach und die Scheiben flogen überall herum. Ich suchte mir ein Stück, dass längste Stück mit dem spitzigsten Spitz aus und legte mich wieder hin. Das Glas, in einer Form eines Dreiecks, hielt ich in meiner linken Hand, zwischen Daumen und den anderen Fingern und mit der rechten Hand suchte ich nach den Pulsadern, bzw. dem heftig schlagenden Puls in der „Halsgrube‚. Ich konnte links und rechts von der Halsgrube dort den Puls stark spüren, aber am stärksten spürte ich ihn an der kleinen Mulde am Halsansatz. Ich legte die Glasspitze darauf an und hielt mit der linken Hand das Glas fest und mit der rechten Hand machte ich eine Faust, holte mit dem Arm aus und schlug mit voller Wucht, was ich noch konnte, auf das Glasmesser drauf, damit es einen Stich gibt. Es gab einen starken Schnitt in meinen Hals und ich hörte auch Luft entweichen. Ich vermute, dass es die Luftröhre war und dachte, wenn sich Blut in die Lungen füllt, dass ich dann so sterben konnte. Ich wollte aber ganz sicher gehen und setzte das Glas nochmals links, ein wenig von mir ausgesehen nach links, die Spitze versetzte ich nach links und – nach einer Drehung des Glasstücks - schlug nochmals zu und liess das Glas danach auf meinen Bauch fallen. Es strömte sehr viel Blut heraus und floss herunter, links und rechts von meinem Hals und in meine Haare. Auch hatte ich jetzt tiefe Schnitte am linken Daumen und Zeigefinger. Ich legte die Arme wieder hinunter auf den Boden und hoffte, dass Gott mich zu sich nehmen würde. Ich wollte sterben. Da ich sicher war, dass sie mich umbringen würden oder 47

zuerst foltern würden und davor hatte ich Angst. Ich spürte, komischer Weise keinen grossen Schmerz, konnte aber noch durch die Nase und dieses Loch atmen. Ich wartete auf den Tod und wartete und wartete und betete zu Gott, er solle mir verzeihen und mich zu ihm aufnehmen, wie wir es in der Schule gelernt hatten, in unserer Schule. Es war komisch, ich dachte, es müssten langsam die Sinne nachlassen, die Augen und die Ohren oder so, aber es war nicht dementsprechend, ich konnte die Vögel klar hören und die Decke des Zimmers gut beobachten und ich konnte auch meine Zehen bewegen und ich verstand nicht wie so was möglich war. Dann auf einmal fing der Körper selber an, ohne dass ich es wollte, komische Laute von sich zu geben, das heisst der Unterteil von meinem Kiefer war wie gelähmt und mein Herz pumpte wild daher und die Lunge oder der Magen füllte sich mit Luft und die Laute waren so wie eine Kuh schreit. Ich lag da, vielleicht 15 - 20 Minuten und wartete auf den Tod, der kam nicht, aber dafür kamen die Wächter, weil sie vielleicht mein Schreien gehört hatten oder nicht, ich weiss es nicht. Ich war nicht bewusstlos und ich hörte die Tür aufgehen und sah zwei vermummte Gestalten dort, mit Waffen in denen Händen und der eine, das war dann der Sohn Mariano's, Mario, ich habe ihn dann erkannt, weil sie, als sie mich gesehen haben in dieser Blutschweinerei, die aussah wie auf einem Schlachthof, sie die Kapuzen abgenommen haben und die Waffen weggeschmissen, irgendwo hin, und einer von beiden schrie dann, ich weiss nicht welcher, "der verdammte Sauhund" hat sich umgebracht. Später dann kam der Knecht zu meinem Bett, und fragte: "Warum, warum, hast du das getan?‚ Ich sagte nur, nein ich sagte nichts, eigentlich, ich wollte nur alleine gelassen werden. Und habe vielleicht geflucht, dass es mir nicht gelungen ist meinem Leben ein Ende zu setzen. Sie haben sofort die Handtücher oder das Handtuch aus dem Badezimmer geholt und der eine Sohn, Mario, hatte ein Mobiltelefon und hat sofort, weiss Gott wen, angerufen und einer sagte noch, sie müssten den Papa, also den Mariano informieren, dass der eine habe sich umgebracht, der Vollidiot oder versucht sich umzubringen und dann ging das Gerenne los. Sie haben noch kurz, denn ich lag nochmals ca. 1015 Minuten so da, mir mit einem Handtuch meine Halsverletzung und die Hände eingewickelt. Ich hörte auch, weil 48

sie nicht wussten wie mit der neuen Lage umzugehen, dass sie darüber referiert haben, ob sie mich sterben lassen sollten, gleich totschlagen sollen oder ob sie mir helfen sollten. Jetzt hatten sie natürlich ein Problem. Sie hatten einen halbtoten Gefangen und kein Geld. Dies war natürlich ein Problem und da ich jetzt weiss, dass sie nur für das Geld, so geldscharf waren die und mich natürlich für das Geld "operiert" hatten. Darum hatten sie mir auch geholfen, sonst hätten sie mich sterben lassen, denn früher oder später wäre ich mit dem Blutverlust sowieso gestorben, da bin ich mir ganz sicher, das haben sie auch gemeint. Dann hatten sie einen Knecht beauftragt, ich kenne seinen Namen nicht, er hat nur gesagt, ich soll ihn auf Spanisch "den Vogel" nennen. Dann haben sie mir das Hemd vom Leibe gerissen, die Hose behielt ich an. Man darf nicht vergessen, dass ich noch die Kette am Bein hatte. Sie schmierten die Glasscherben weg und hoben auch noch den vorhandenen Fensterrahmen links und rechts auf der Fassung und brachten das ganze Fenster mit den zerbrochenen Scheiben ins Freie. Ich konnte mich selbst nicht mehr bewegen und war in Ekstase oder so. Sie richteten meinen Körper auf und die Beine schoben sie von Richtung Bett auf den Boden, sodass ich dann so eingeknickt auf dem Bett sass und diese Handlung mit mir geschehen liess. Ich habe dann nichts gesagt und sie haben eine zweite Matratze eine alte, echte Matratze, das andere war ja nur ein Schaumstoff mit einem Stoff überzogen, vom oberen Stock die Treppe hinunter geschleift und sie gegenüber von der Wand, wo ich jetzt mein Bett hatte, hingelegt, d.h. unter die Steinwendeltreppe. Sie schleppten mich über den Boden oder noch besser gesagt schleiften mich über den Boden samt Kette auf die andere Seite und legten mich hin. Es gab Diskussionen über was zu tun war, der Knecht kam zu mir und sagte: ‚Enrique, ich muss dich jetzt‘ nähen. Ich wollte oder stammelte etwas von Spital oder Arzt, aber sie gingen nicht darauf ein. Er war ja nur der Handlanger, und ein Knecht hat in Argentinien sowieso nichts zu sagen, sie sind wie Leibeigene bei diesem Gutsherrn Mariano. Ich lag dann dort, und ich weiss heute, dass einer der Söhne dann wie verrückt ins Dorf gefahren ist und bei der Apotheke Verbandszeug, Tetanusspritze, Infusion, Nadel und weiss Gott was, geholt hat und auch Gaze. Dieser Stoff wird da zum 49

Verbinden gebraucht. Der Unfall passierte so ungefähr um 14:00 Uhr / 14:30 Uhr, mein Selbstmordversuch. Ich blieb dann eingedeckt liegen und der Knecht kniete sich einmal links, einmal rechts unter der Wendeltreppe in die Ecke und fing an beim Hals, die Haut, zusammen zunähen. Es gab natürlich keine Betäubungsmittel und zudem habe ich gar nichts gespürt, ich vermute, dass ich um die Gegend der Verletzungen sowieso schon so sehr, ich weiss den medizinischen Ausdruck nicht, aber sicher schon sehr betäubt war, da es ihn doch Mühe kostete die Nadel durch meine Haut zu stecken, da heisst ich die Nadel nicht spürte. Nachdem er den Hals zusammengenäht hatte, nähte er vier Stiche auf das linke Handgelenk und drei Stiche in die rechte Hand. Alles wurde mit Gaze verbunden und ich blieb dann unter der Decke ohne Hemd auf einem Kissen aus Kunststoffwolle liegen. Die Kette blieb noch daran. Später bekam ich dann Besuch vom Sohn Marco, weil ich um einen Arzt beim Knecht gebeten hatte. Marco sagte ganz kalt mit dem kältesten Blick, den ich je in einem Mann oder Menschen gesehen habe: „Heinrich, du musst selbst gesund werden hier, wenn nicht, dann müssen wir dich umbringen, weil wir können auf keinen Fall einen Arzt hierher kommen lassen oder dich ins Spital bringen, weil du sonst die Polizei rufen würdest und das ganze Unternehmen samt der Hazienda in Gefahr bringen würdest.‚ Nämlich selbst in Argentinien ist die Polizei auch reaktionsfähig und nicht dumm, wenn ich das so sagen darf. Ich weinte nur, weil ich dachte, entweder heisst es, als ich wieder zu normalen Gedanken kam und dort lag, verfluchte ich es, dass ich es nicht geschafft hatte, meinem Leben ein Ende zu machen, denn ich wollte doch von dieser Situation rauskommen und jetzt war es noch schlimmer. Jetzt lag ich zwar halbwegs verpflegt, aber immer noch in diesem scheiss, verdammten, kühlen, kalten, dreckigen, schmutzigen Verliess und immer noch die Kette am Bein und es hatte sich nichts geändert. Der Sohn Marco, der Rothaarige, sagte mir auch, falls ich nicht, falls es zu Komplikationen kommen könnte, wie zu einer Infektion oder Lungenentzündung oder so, sie natürlich keinen Arzt rufen könnten und ich dann im Ofen verbrannt würde. Sie haben dort einen grossen Ofen, wo sie jeweils die Reste der Kühe oder der Kuh, die sie pro Monat für den Eigengebrauch schlachten, verbrennen, damit sie keine 50

Restspuren hinterlassen. Ein Vergraben käme nicht in Frage, da es früher oder später zu Funden meiner Gebeine kommen könnte, wobei ein Ofen mit so hoher Temperatur nichts übrig lassen werde von mir. Ich war natürlich nicht gerade fröhlich über solche Nachrichten und was mich natürlich anstrengte selbst gesund zu werden, so gut wie ich es selbst in der Hand hatte. Mich wundert es heute, dass ich nicht an den Verletzungen einer Entzündung gestorben bin, denn dem Knecht seine Hände sahen schwärzer und dreckiger als die eines Kaminfegers aus. Am Abend spät kamen sie mit einer Infusionslösung, weil ich soviel Blut verloren hatte. Dummerweise, wie man heute noch an den Unterarmen links und rechts erkennen kann, konnten sie keine vernünftige Vene finden, d.h. ich musste soviel Blut verloren haben, dass sich die Venen im Unterarm links und rechts nicht deutlich zu erkennen gab, weil sie zuwenig mit Blut gefüllt war. So kam es, dass ich links sieben Einstiche mit der blöden Scheissnadel links und zwei oder drei Einstiche rechts im Unterarm bekam. Sie haben auch die Flasche mit der Infusion so hoch über mir an die Wand genagelt und aufgehängt, dass der Flüssigkeitsdruck so stark war, dass die Lösung wie aus einem voll offenen Wasserhahnen sprudelte. Und nicht wie es sein sollte mit kleinen Tropfen. Sowieso, die Infusionslösung ging nicht in eine Vene hinein, sondern in die Haut dazwischen und es bildeten sich Schwellungen in der Haut. Ich musste ihn darauf hinweisen, dass die Nadeleinstiche nicht korrekt sind und er versuchte es dann bis zu 10 Mal oder so und dann haben wir gesagt, lassen wir es lieber sein. Da lag ich nun wie ein halbtoter Hund an einer Kette und schmutzig war ich auch noch dazu, weil ich mich ja nicht waschen und die Wäsche auch nicht wechseln konnte. Die Unterhosen und Hosen konnte ich nicht wechseln, weil man sie nicht über die Kette ausziehen konnte.

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Währenddem ich gepflegt oder behandelt wurde, räumten sie mit grosser Gründlichkeit die andere Raumseite auf und nahmen die andere Matratze weg. Das Bettgestell, das auch durchblutet war, das habe ich gesehen, d.h. dass das Blut durch die Schaumstoffmatratze floss und dann auf die Federn und auf das Bettgestell durchtropfte. Auch wurden alle Scherben aufgeräumt und die Fensterrahmen aus den Angeln genommen und weggenommen. Von nun an hatte ich einen ständigen Bewacher, es war der Knecht, der vor mir auf dem Stuhl sass und mich beobachtete, ich weiss nicht, ob die Angst grösser war, dass ich mir noch einmal was antun könnte und sie dadurch das Geld nicht erhalten könnten, oder ob die Bewachung und Beobachtung wirklich dazu da war, um zu schauen, ob ich nicht doch sterben würde. Mir tat alles weh, die Öffnung in der Speiseröhre, wie sie mir jetzt sagten, ich dachte es sei die Luftröhre, aber sie sagten nein, es sei die Speiseröhre und es wäre die Luft vom Magen herausgekommen. Ich habe bis gestern, bis zu meinem Besuch bei Herrn Dr. Moser im Spital Vaduz selbst geglaubt, dass es die Speiseröhre ist, aber er hat mir gesagt dass die vordere Röhre die Luftröhre ist, jetzt 52

weiss ich auch nicht, was ich denken soll. Egal, es tat mir alles weh, ich hatte Angst wegen der Öffnung, wegen dem Loch in der damals noch Speiseröhre, wie ich noch glaubte, weil mir nur die Haut zugenäht wurde. Sie sorgten sich um mich. Logischerweise mussten sie mich ja aufpäppeln damit ich die Kohle organisieren konnte und wegen meines miserablen Zustandes und ob wirklich keine Gefahr bestand, dass ich fliehen konnte, ich wollte auch nicht mehr fliehen, ich wollte entweder nur Tod oder lebendig aus diesem Haus, aus dieser Geschichte, aus diesem Raum, aus diesem Land weg. Obwohl ich mich in so schlechtem Zustand befand, hatten sie mich trotzdem in der Kälte gelassen, ich weiss nicht wieso. Spät am Abend, ich konnte sowieso nicht schlafen, weil die Matratze, die sie mir untergelegt haben, hatte ein Riesenloch in der Mitte, sodass mein Gesäss im Loch lag und ich dann mit den Rippen auf einer gewissen Kante lag und dazu mir der ganze Rücken und der ganze Körper schmerzte. Ich wollte auch nicht schlafen, weil ich mit einem Auge, dem linken, hinüber zur Tür geschaut habe, die jetzt offen blieb, sie haben die Tür nicht mehr zugeschlossen und vor mir auf dem Stuhl oder zeitweise auch neben den Stuhl der Bewacher sass. Im oberen Stock hat der Knecht im Bett geschlafen oder er beobachtete mich. Ich hatte immer noch das Gefühl, dass Mariano mit seinen drei Söhnen, wobei der dritte Sohn, Pedro, den ich nie gesehen hatte, und ich nicht weiss, ob er auch informiert war, d.h. ich habe ihn dort nie gesehen, aber ich habe in einmal in Spanien kennen gelernt. Ob Mariano mit seinen Söhnen, Mario und Marco, doch nicht zum Schluss gekommen sind, dass sie mich wegen meinen schweren Verletzungen und der Gefahr, dass ich nicht durchkommen könnte oder was immer, dass sie doch entschieden mich gleich zu beseitigen. Ich hatte auch Riesenangst als der Knecht mein Hals zugenäht hatte und dann, der anwesende, unmaskierte Mario mit seinem Messer das Ende der Schnur durchtrennte. Ich lag nur bewegungslos da und schaute mit meinen Augen unter den Lidern hervor und sah wie Mario mit seinem grossen, langen Messer an meiner Kehle die Schnüre vom Nähen abtrennte. Ich hatte solche Angst und ich glaubte fest, dass er mir im Effekt die Kehle durchschneiden könnte um diesem Drama und diesem Problem ein Ende zu machen. Sehr, sehr spät am Abend kamen dann überraschend der Verbrecher 53

Helmut und seine Frau zu meinem Bett. Ich lag ja nicht mehr auf einem Gestell, sondern nur noch auf der nackten Matratze auf dem Boden. Ich flehte Helmut Roegele an, da ich fälschlicherweise dachte, dass er ist der Einzige von dieser Bande hier, der noch ein wenig menschlich auf mich wirkte und meine Tränen kamen mir in die Augen und ich flehte sie an, mich nicht alleine zu lassen und hier wie ein Hund verrecken zu lassen. Sie schworen mir und sagten auch, dass sie angeblich von dem Ganzen zuvor nichts gewusst hätten, erst nach dem Nachtessen wurde es ihnen erzählt und sie hätten sich angeblich sehr aufgeregt und verstanden nicht, warum Mariano mich nicht in ein Spital bringen wolle, d.h. sie verstehen es schon, aber sie wollten es nicht machen. Ich erzählte ihnen von den missglückten Infusionseinführungen, dass wenn ich nicht an meinen Verletzungen oder einer Vergiftung oder Entzündung von den dreckigen Händen des Knechts sterben werde, dass ich sicher hier in dieser Kälte und bei dieser Luftfeuchtigkeit an einer Lungenentzündung sterben werde, da ich sonst schon schwach war. Sie versprachen mir, dass sie sich um mich kümmern würden und ich solle so schnell wie möglich gesund werden, damit ich hier herauskomme natürlich nachdem ich Ihre Bedingungen, d.h. ihre Geldforderungen bezahlt hätte. Denn sie hatten sich nun auf das eingelassen, diese Herren und Verbrecher und sie wollten auf keinen Fall jetzt ohne einen Pfennig Verdienst diese Lage beenden, nur weil ich versuchte, mich umzubringen. Das Einzige das es wirklich zu jenem Zeitpunkt bewirkt hat, war dass sie mir geglaubt haben, dass ich nur das habe, was ich habe und keinen Pfennig mehr. Mittwoch, 2. April. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, weil ich mit einem Auge auf den Bewacher schaute und aufpassen musste, dass er sich nicht die Hose verbrannte, weil er vor dem Stuhl einen Gaskocher aufgestellt hatte und vor mir eingenickt war und die Beine und damit seine Hosen ziemlich nah am Feuer dieser Gasflamme gestreckt hatte. Zweitens habe ich immer die Tür beobachtet, die nicht verschlossen wurde, weil ich vermutete und überzeugt davon war, dass es zu einer Kurzschlussreaktion kommen könnte von Seiten der Verbrecher und dass sie in der 54

Nacht kommen und mich erschiessen, die Möglichkeit war sehr, sehr gross, dass es passieren würde, um dieser unvorhergesehen Wendung, die ihr Verbrechen genommen hatte, ein Ende zu bereiten. Mir ist dann auch aufgefallen, dass an der Aussenseite der Stahltüre offenbar extra für diese Gefangenschaft mehrere zusätzliche Riegel mit Schliessvorrichtung daran angeschweisst wurden. Nochmals, am Mittwoch morgen kam Marco und sagte mir, dass ich, wenn ich nicht selber gesund werde, sie mich erschiessen oder umbringen müssten. Wobei sie es nicht selber machen würden, weil die ganze Familie Marti-Ventosa Roqueta Feiglinge sind. Es waren solche Leute, die dir von hinten in den Rücken fallen und dies vermutlich einfach ihren Angestellten übertragen würden, mit der Begründung, dass es lebensnotwendig für den Erhalt der Einheit und den Erhalt dieser Farm ist, dass man mich beseitigen muss, weil sonst alle im Knast oder wo immer landen würden, nehme ich an. Auch bat ich um einen Arzt oder um ein Spital, weil ich nicht glauben konnte, dass mit diesen kleinen Korrekturen, die der Knecht an mir verübt hatte, überleben würde. Obwohl sie mir auch noch eine Tetanusspritze in den Hintern geschossen haben und noch eine andere Spritze, die sie beim Arzt im Dorf oder sonst wo gekauft hatten, ich konnte nicht glauben, dass das so heilen würde. Zudem war ja mein seelischer Zustand auch nicht der Beste und das heisst es war eigentlich eine sehr verrückte Lage, weil ich ja noch angekettet war und wieder in der Scheisse des Kerkers drin war. Der Knecht blieb die ganze Zeit bei mir, Tag und Nacht, und es gab auch einige, peinliche Situationen, wo ich auf den Stuhlgang musste und ich mich aber schämte. Für den Urin war es kein Problem, denn da konnte ich in eine leere Mineralwasserflasche aus Plastik meine Blase entleeren und auf die Toilette musste ich im Moment nicht gehen, da ich ja sowieso nicht viel gegessen hatte. Ich blieb dann den ganzen Tag im Bett liegen und dauernd kamen Leute und fragten nach meinem Bewusstsein, nach meinen Gefühlen und ich sagte, ich könne meine Hände, meine Arme und nichts bewegen. Mein Hals war ganz starr. Das Herz und das Hirn waren sehr geschärft. Ich weiss nicht auf wessen Treiben hin entschieden wurde, dass sie mich verlegen würden und zwar aus diesem Raum heraus und in einen anderen Keller. Jetzt kommt mir noch in den Sinn, dass ich 55

für mich selber, wenn ich dachte, dass ich mal rauskomme, ich mir soviel wie möglich merken muss von den Details dieses Gefängnisses. Ich weiss z.B. als ich dort auf dieser Matratze auf dem Boden unter der Rundtreppe lag, dort eine Stelle gibt, wo der weisse Verputz und die Farbe weggebröckelt ist und die Form, die es hinterlässt auf dem dunklen, grauen Betongrund ist die Form einer Maus oder einer Ratte, einer ganz Kleinen. Zudem müssen jetzt beim betonierten Treppengeländer von dieser Rundtreppe zwei bis drei Löcher in die Betonmauer eingehämmert sein, wo sie den Nagel eingeschlagen haben damit man die Infusionsflasche aufhängen kann, die, die sie ja nicht gut brauchen konnten, die Infusionslasche. Zudem kann jeder ganz klar erkennen warum, denn falls es zur Anklage kommt, sie sagen würden, ja das hat der Heinrich sich selber beigebracht, weil er depressiv war, obwohl mich alle Leute die mich kennen, sofort verstehen würden oder sofort die Hand ins Feuer legen würden, dass ich mir nie selber ohne diese zwingenden Massnahmen oder Umstände unter denen ich mich befunden hatte, ich mir das Leben nehmen würde und zudem ist dann die grosse Frage hier, wenn die, die als meine Freunde gelten oder galten, Mariano und Kompagnon, warum holten sie denn keinen Arzt oder haben mich ins Spital gebracht, als ich mir solche Verletzungen zufüge und ich weiss ganz genau, dass es keinen einzigen Arzt in Argentinien oder sonst wo gibt, der mich vom 1. April an bis ich zu meiner Abreise aus Argentinien gesehen hat, weil ich eben in Gefangenschaft war und sie es nicht riskieren konnten, dass ein Arzt mich aufsucht, weil der Arzt ja vermutlich dann zur Polizei gegangen wäre und weil er vermutlich auch die Verletzungen oder die Kette gesehen hätte.

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Auf jeden Fall haben sie dann entschieden, dass ich aus dem kalten Keller in das Haupthaus verlegt werden sollte, wo ich besser genesen kann. Ja, das Problem lag daran, dass die restlichen Familienangehörigen, vor allem die Frauen, glaube ich, nicht informiert waren, und sie mussten es also so herdrehen, dass ich in der Nacht oder im Dunkeln oder ganz geheim in ein Zimmer in diesem grossen Haus eingeschleust werde. Ich konnte mich mit meiner letzten Kraft und mit Hilfe von ihnen dann vom Bett aufstehen und trotzdem musste ich wieder vier bis fünf Stunden auf dem weissen Stuhl in dem leer geräumten Raum warten, weil es wieder Komplikationen gab. Die Komplikationen gab es daraus, dass Helmut und Mariano sich zugehend uneinig wurden, wie der Weiterverlauf dieser Angelegenheit sich entfalten sollte, Helmut hatte schlechte Karten, weil er selber mit seiner Frau auf dieser Farm, dem Mariano und seinen Söhnen und der ganzen Angelegenheit ausgeliefert war, wobei ich ihn hier nicht in Schutz nehmen möchte, weil er ein Hauptinitiator zusammen mit Mariano von dieser Angelegenheit ist und dann natürlich selber verantwortlich ist für die Lage, in der er glaubte sich zu befinden. Ich musste also vier bis fünf Stunden auf diesem Stuhl warten und das Zimmer wurde ganz, ganz leer geräumt. Alle Spuren 57

wurden soweit wie möglich entfernt. Natürlich, bevor ich gehen konnte, haben sie eine Eisensäge gebracht, es war, glaube ich, eine grüne "Black and Decker", auf jeden Fall war es eine grüne, elektronische Eisensäge, die sie dann nicht benutzen konnten, weil der Strom ausgefallen war. Ich natürlich, in meiner Elendsverfassung, glaubte eher an einen Trick, dass sie wieder versuchen würden etwas mit mir zu machen, und ich war so geängstigt, dass ich mir vorstellen konnte, dass sie mit dem Eisenschneider vielleicht mein Bein abhacken könnten. Sie waren böse, dass ich mir so was zugetan habe und dass ich die ganze Organisation auf den Kopf gestellt hatte. Den Eisenschneider konnten sie dann nicht verwenden, weil es keinen Strom gab, so sprang der Marco weg und brachte eine Handeisensäge und ich habe mein Fuss nicht gesehen, weil ich ja dafür unbeweglich liegen bleiben musste und habe nur gehofft, dass sie mir nicht weh tun. Der Knecht war auch da und hat mich beruhigt und hielt den Eisenring fest und abwechslungsweise haben sie dann die Kette oder den Eisenring aufgesägt. Es war für mich eine grosse Erlösung, dass ich nach einer Woche an dieser Kette, 24 Stunden lang, endlich frei war. Sie zogen mir meinen Socken und meinen Schuh wieder an, den sie vorher ausgezogen hatten, vor dem Abtrennen, nein, sie zogen mir beide Schuhe und den Socken aus und steckten meine Füsse unter die Bettdecke. In diesem Zwischenraum, der zum Badezimmer geht, haben sie den Gaskocher aufgestellt und heisses Wasser gekocht. Ich musste leider wieder Angst haben, weil ich dachte, sie hätten mir meine Schuhe und meine Socken ausgezogen - um die sie sich eine ganze Woche nicht gekümmert hatten- weil sie vielleicht meine Fusssohlen verbrennen wollten, damit ich nicht wegflüchten könne. Mir sagten sie, dass dies ab und zu bei solchen Situationen sein muss, dass man die Füsse in kochendes Wasser stellt und dadurch die Fusssohlen aufschwollen und natürlich keine Möglichkeit für mich bestehen würde, wegzurennen, da ich nicht mehr auf den Füssen stehen könnte. Ich hatte solche Angst, so Angst, wie noch nie in meinem Leben während der ganzen Geschichte. Sie haben mir dann Tee gemacht und nicht die Fusssohlen verbrannt und ich trank ihn NICHT, denn mein Körper war ganz auf Alarm eingestellt, aufpassen was geht und weil ich eben wusste, dass es ganz feige Leute sind, die mich 58

eigentlich nur von hinten umbringen, d.h. mir gut zulächeln würden. Dies war ein grosses Problem, denn wenn man schon in Gefangenschaft ist, dann finde ich, ist es wahrscheinlich besser, wenn man direkt konfrontiert wird und es wird gesagt, erschiesst mich oder anstelle man fälschlich schon in solcher Lage ist, dass man ihnen 100-prozentig ausgeliefert ist und dass sie wie sie es mit mir gemacht haben, mich dauernd in der Unwissenheit liessen, was genau geschehen wird und mich falsch informierten, bewusst, und ich dadurch mehr Angstzustände bekam, als dass ich mich hätte beruhigen können. Am Schluss konnte ich keinem von allen Leuten mehr trauen und war sehr traurig darüber. Jetzt kommt mir noch in den Sinn, dass an dem Besuch, an dem Tag, wo mich Herr Helmut und seine Frau und die zwei Bewacher zum ersten Mal besucht haben, das war kurz vor meinem Selbstmordversuch, dass ich beim Flehen um mein Leben und wo ich gemerkt habe, sie glauben mir nicht, dass ich gesagt habe, dann sollen sie mich, wenn sie mich umbringen, mich bitte mit der Pistole erschiessen und daraufhin hat Helmut gesagt: "Nein, so einfach machen wir es dir nicht, wir werden dich einem grausameren Tod, einen grausamen Unfall erleben lassen, wo du noch lange halb tot bei Bewusstsein sein bleibst und dann stirbst." Ja, das ist mir noch in den Sinn gekommen. Ich sass also, als mir die Kette gelöst wurde, auf dem Stuhl und wartete nochmals weitere drei Stunden. Meine Nerven wurden wieder auf das Äusserste gespannt, weil dauernd der Sohn Marco oder Mario immer rein kamen und raus gingen und geflüstert haben mit meinem Knecht und ich wusste nicht, was los ging. Einmal sagten sie, der Deutsche – Helmut - habe einen Lügendetektorapparat organisieren können und sie werden mich daran anschliessen und wenn sie mir Fragen stellen würden über mein Vermögen und es nicht stimme, das was ich habe, dass das alles ist und wenn dann der Lügendetektor das herausfände, ich dann gefoltert werde. Ich konnte es nicht glauben, dass ich am Tag zuvor oder waren es zwei Tage, ich bin mir nicht mehr sicher, ob es schon Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag war, wo ich diese drei Stunden auf dem Stuhl auf die Verlegung wartete, denn ich hatte solche Angst, dass ich vielleicht, bedingt durch meine Gemütslage und meine Nerven beim Lügendetektor versagen werde und dass dieser vielleicht falsch reagieren würde, 59

weil ich wusste ja, ich habe ja nicht mehr Geld, aber vielleicht würde durch meine Situation das Resultat des Lügendetektors anders herauskommen und ich dadurch gefoltert werde. Ich habe dann wieder geweint und gesagt, dies ist alles was ich habe, und ich will hier nur raus. Der Knecht hat mich versucht zu beruhigen. Er war der Menschlichste von allen, wenn man es so nennen darf, und ich habe schon mal gehört und ich weiss, dass wenn gefangene Leute oder so westliche Gefangene über längere Zeit gefangen sind, versuchen sie halt an jeder Hoffnung, allem Positiven, wenn man es so nennen kann, jedem positiven Gedanken eines der Bewacher oder der Verbrecher, man versucht sich daran anzuhängen und das Menschliche zu sehen und man wünscht sich, dass es doch so Leute sind, wie Sie und ich zusammen und dass wir uns nie fähig sehen, so etwas anderen Menschen anzutun. Zudem wussten sie ganz genau, dass, wenn sie mir wieder falsche Informationen gaben und mir Angst machten, dass ich am Ende meiner Nerven war und dadurch noch mehr Angst hatte. Es kamen sehr oft Momente, wo man meine ganze Hand und beide Arme stark zitterten und ich konnte es nicht stoppen, dass sie zitterten. Also ich konnte auch nicht etwas in meine Hand nehmen oder so, sie zitterten einfach so stark, dass ich es nicht verstecken konnte und dummerweise zitterte ich um mein Leben und zitterte, weil ich Angst hatte, sie würden mir nicht glauben, dass ich die Wahrheit sage. Sie wiederum nahmen genau das Gegenteil an, nämlich dass wenn ich zitterte, sie vermuteten, dass ich so Angst hätte, weil ich nicht die Wahrheit gesagt hätte und nicht deshalb‚ weil sie mit der Folter gedroht hatten. Das ist die Ironie darin. Ich wartete und wartete und mir wurde schlecht, weil ich einfach nicht wusste, warum wir warteten. Auf einmal kam der Täter Helmut herein – mit etwas, ich habe es zuerst gar nicht gesehen - einem Kuvert, darin war ein Brief. Er sagte mir heuchlerisch: "Entschuldigung Heinrich, wir konnten dich nicht früher verlegen wegen den Söhnen von Mariano." Ich weiss genau, wenn Mariano so was sagt, ist es immer er selber, er schiebt gerne die Schuld auf andere Leute, weil "die Söhne von Mariano", die angeblich wirklich nichts wussten, sie haben nur die Befehle ausgeführt von Mariano, sie wussten angeblich nicht genau, warum‚ was, wieso, Geld und so. Die Söhne von Mariano eben, wollten, dass ich das 60

unterschreibe. Ich sagte: "Klar, ich unterschreibe alles, was mir vorgelegt wird, es ist mir Wurst." Wiederum musste ich mit Hilfe der zwei Wächter, dem Knecht und dem einen Sohn von Mariano, Marco, aufstehen. Sie haben mir unter die Arme gegriffen und mir das kleine Möbelstück gebracht, wo die rosarote Zeitung schon weg war, alles war eigentlich schon weg und ich musste dort auf der Rückseite des Kuvert wieder meine Unterschrift üben, damit es nicht verzittert ausschaute. Ich habe es gemacht und dann habe ich die Unterschrift auf ein maschinen geschriebenes Papier gesetzt, das, wie ich erkennen konnte, ungefähr die Abschrift von meinem handgeschriebenen Brief war, den Letzten, den ich geschrieben habe an, den an Bankdirektor Bröll in Feldkirch und die zusätzlichen Angaben, die darauf waren, waren eben Angaben mit Bankkonten und so, die ich selber nicht wusste, Kontos wohin das Geld hinkam. Ich glaube eine Überweisung würde auf ein Konto in Spanien gemacht, das der Firma gehört, einer Briefkastenfirma von Panama und es ist dieselbe alte Briefkastenfirma aus Panama, die heisst "Maritim Compania Naviera S.A." oder so ähnlich; die ist auch Besitzerin der Hazienda "Estanzia San Francisco", also der Farm San Francisco und das andere Konto war ein Geschäftskonto von Helmut Roegele. Ich habe es unterschrieben und dann musste ich wieder warten und wieder warten und der Knecht stand immer neben mir und machte einen Kreis um mich herum und machte mich ganz nervös. Der andere Sohn von Mariano, jeweils der Marco oder Mario, kamen abwechslungsweise zur Tür herein und flüsterten und standen drinnen vor der Tür und öffneten die Tür ganz wenig und schauten hinaus was vor sich ging und was nicht vor sich ging und so. Ich habe gedacht, die würden mir nur sagen, dass sie mich in Sicherheit bringen würden, aber in Wirklichkeit würden sie mich umbringen. Ich habe den Fax und den Brief unterschrieben und vielleicht hätten sie ja Glück gehabt und hätten das Geld so gekriegt, wie es von mir aufgesetzt wurde, weil wir alle noch nicht wussten, weder ich noch die andere Seite, dass es in dem spezifischen Fall, wie ich das Geld bei der BAWAG hatte, das Buch selber erforderlich war, das Sparbuch in dem das Geld verbucht war. 61

Schlussendlich, als es dunkel wurde, denn ich habe darum gebeten, mich nicht in der Dunkelheit zu verlegen, weil ich wusste, dass Dunkelheit der Tod bedeutet. Ich bin bei Dunkelheit auf die Farm gekommen und bin überfallen worden, und ich wusste Dunkelheit, das hat kein gutes Omen. Trotzdem wurde es dann dunkel und endlich kam Helmut wieder und hat gesagt, er würde mich zum Haupthaus begleiten, das übrigens nicht weit weg liegt. Dies hat er mir zum ersten Mal gesagt, ich wusste ja nicht wie weit und wo dieser Wasserturm war oder wie viele Wassertürme es auf dieser Farm gibt. Sie stülpten mir eine dieser Skimasken über den Kopf und halfen mir auf die Beine. Es war das erste Mal, dass ich halbwegs laufen konnte und wäre eigentlich nach vorne hingefallen, vermutlich aus Blutmangel oder so, und da mussten sie mich angestrengt auffangen, weil ich über 100 kg schwer bin. Ich wurde in ein Auto gebracht, ein grosser Jeep, ein Amerikaner, wie ich später erkennen konnte und sass in der Mitte. Rechts von mir sass Helmut und links wurde das Auto von Mario gesteuert. Ich glaube es war auch sein Dienstwagen, also Arbeitsauto. Meine rechte Hand hat mir so weh getan und ich habe die Hand von Helmut gehalten. Die Skimütze war nicht ganz dicht; also mussten sie mir aus einer Tasche, die sie hatten, worin sich ein Leintuch befand, das weisse Leintuch um meinen Kopf wickeln, damit ich den Weg vom Wasserturm zum Haupthaus nicht sah. Ich habe die Hand von Helmut ganz fest gedrückt und ich bat Helmut auf Deutsch: "Du kennst den Weg, du bist schon hierher gefahren, pass auf, dass er nicht einen falschen Weg fährt." Ich habe wieder Angstzustände bekommen, weil Mario, der den Wagen fuhr, war nicht die normale Route gefahren, weil ich hörte wie Helmut zu Mario auf Spanisch sagte: ‚Ja, wohin fährst du? Warum fährst du so? Wo fährst du hin?" Ich hatte solche Angst, ich dachte, jetzt haben sie den Helmut auch überrumpelt oder sie spielten mir alle etwas vor und weil Helmut offensichtlich ohne zu lügen erkannt hat, dass es nicht derselbe Weg ist und Mario nur sagte, er solle sich beruhigen, er fahre einen Umweg damit die Angestellten und die Frauen vom Haupthaus mich nicht erkennen oder sehen würden. Ich hatte solche Angst, ich dachte, sie würden mich an eine Waldlichtung fahren und ich hätte eine Kugel im Kopf. Ich sagte das im Auto zu Helmut. Es war eine Fahrt von, ich weiss nicht, es 62

kam mir länger vor als es war, aber ich schätze so ca. drei bis vier Minuten, mehr nicht mit seinen Umwegen. Ich habe Helmut gebeten, dass wenn sie mich erschiessen, bitte eine Kugel in den Kopf, nur bitte keine Folter. Ich habe aber das Wort Folter nicht mal in den Mund genommen, weil es dumm ist die Leute auf Ideen zu bringen, die sie vielleicht im Moment gar nicht hatten oder an die sie gar nicht dachten im Moment und wenn sie merkten, dass ich vor irgend etwas sehr viel Angst hatte, dann würden sie mich extra damit foppen oder mich ängstlich machen, weil sie wissen würden, dass genau dieses Thema mich sehr beängstigte. Ich habe darum gebeten: "Nur eine Kugel im Kopf, falls es soweit ist. Bitte lasst mich als Mensch sterben und nicht als ein Schwein oder eine Kuh." Wahrhaftig, er hat das Auto angehalten und dann wurde mir das Leintuch vom Kopf abgewickelt und die Mütze auch. Ich konnte dann sehen, ich war beruhigt, denn ich konnte ein kleines drei mal zwei Meter grosses Kinderschwimmbecken auf der Wiese erkennen, auch Kinderspielzeug, ein Gartenstuhl mit rundem Tisch aus Metall und zwei Stühlen. Ich wurde an der Hand unterstützt, weil ich selber nicht gut laufen konnte und durch eine Tür in das Hausinnere gebracht. Es war ein Haus aus den 30er Jahren, gross gebaut und mit sehr viel Holz. Ich wurde die Treppe hoch und dann in ein Zimmer gebracht. Ich war sehr beruhigt für den Moment, weil im Zimmer meine blaue Tasche war und meine Anzugtasche. Das Zimmer war durch eine Tür zu betreten, hinter der Türe war ein Gang und von diesem Gang aus ging eine Tür in ein Zimmer, die andere Tür in ein Badezimmer, die andere Tür in mein Zimmer und noch ein Badezimmer und ein weiteres Zimmer. Der Knecht, mein Bewacher, war auch bei mir und für ihn, glaube ich, war es das erste Mal, dass er in einem solchen Haus gewohnt hat oder solch ein Badezimmer gesehen hat, weil er sehr arm ist. Er hat eine Frau und vier Kinder, wie er mir sagte, aber ich wusste nicht, was ich glauben sollte und was nicht, sie haben mich so viel irregeführt. Das Zimmer, wo ich war, war mit zwei Einzelbetten aus schönem Holz belegt. Ein Tisch, vermutlich original eine andere Farbe, aber dann mit brauner Farbe dick übermalen mit einem Stuhl und einem weiteren Stuhl ohne Armlehnen oder beide mit Armlehnen, ich glaube, einer ohne und einer mit. Auf 63

dem Tisch hatte es ein kleines Regal fest montiert, einer zweiten Tischplatte nach hinten, worauf man Sachen abstellen konnte. Das Zimmer hatte zwei Fenster. Eines in eine Richtung und das andere in die andere Richtung. Das Zimmer war ein Eckzimmer des Hauses. Beide Zimmerfenster waren wie alle Zimmer im Haus mit Eisengitter zugemacht, gegen Diebe und sonstiges Zeug, original gebaut. In der Wand vor meinem Bett, wo ich schlief, waren an der Wand, wo das Fenster in der Mitte ist, links und rechts Bücherregale eingelassen. Dann gab es einen grossen Schrank, das Zimmer hat eine Decke von mindestens 2,5 Meter oder drei Meter Höhe, es war sehr hoch. Der Schrank selber war mindestens 2,5 Meter mit drei oder vier Türen. Zwischen den zwei Betten war ein weisser, alter ein Meter mal 1,5 Meter grosser Teppich, der Rest des Bodens im Zimmer war mit Holz belegt. Es gab peinliche Situationen, weil der Bewacher immer bei mir bleiben musste und ich war ja sehr stinkig und dreckig und meine Haare waren von der Halsverletzung voll vom Blut verklebt. Ich konnte mich natürlich nicht selber waschen und sie liessen mich in Bezug auf das Geld einen halben Tag in Ruhe, dass ich mich erholen konnte. Der Verband wurde gewechselt, es war Donnerstag, mit Sicherheit. Der Verband wurde gewechselt und ich wurde ins Badezimmer geführt und dem Knecht wurde aufgetragen mich zu waschen, was nicht eine peinliche Situation für mich war. Ich sass nackt in der Badewanne mit halbvollem, warmen Wasser und rote Farbe floss überall herunter, vom getrockneten Blut. Er hat dann alles, ausser meinen Händen und dem Hals, gründlich mit Seife gereinigt und ich konnte aus meinem eigenen Gepäck frische Unterwäsche und ein Pyjama anziehen. Mir tat alles weh und im Spiegel sah ich aus
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