Aldous Huxley - Ziele Und Wege

April 21, 2017 | Author: fredfoehn | Category: N/A
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EINE UNTERSUCHUNG DES WESENS DER IDEALE UND DER MITTEL ZU IHRER VERWIRKLICHUNG 1949 CORNELSEN VERLAG BERLIN-BIELEFELD...

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ALDOUS HUXLEY

ZIELE UND WEGE EINE UNTERSUCHUNG DES WESENS DER IDEALE UND DER MITTEL ZU IHRER VERWIRKLICHUNG 1949 CORNELSEN VERLAG BERLIN-BIELEFELD

Titel der englischen Originalausgabe ENDS AND MEANS, erschienen 1938 bei Chatto & Windus, London Deutsch von Elisabeth Fischer Berechtigte Lizenzausgabe für Deutschland · Ausfuhr verboten Franz Cornelsen Verlag GmbH., Berlin und Bielefeld Einband und Schutzumschlag: Hildegard Friedrichs Gesamtherstellung: Druckhaus Tempelhof, Berlin

INHALT Seite 1. Kapitel

Ziele, Wege und Ausgangspunkte unserer Zeit

7

2. Kapitel

Vom Wesen der Erklärung

16

3. Kapitel

Wirksamkeit und Grenzen einer Sozialreform größeren Ausmaßes

20

4. Kapitel

Soziale Reform und Gewalt

28

5. Kapitel

Die geplante Gesellschaft

34

6. Kapitel

Das Wesen des modernen Staates

57

7. Kapitel

Zentralisierung und Dezentralisierung

61

8. Kapitel

Dezentralisierung und Selbstverwaltung

69

9. Kapitel

Krieg

88

10. Kapitel Die Arbeit des Einzelnen im Dienst der Reform

123

11. Kapitel Ungleichheit

157

12. Kapitel Erziehung

173

13. Kapitel Ausdrucksformen der Religion

218

14. Kapitel Glauben

244

15. Kapitel Ethik

294

I ZIELE, WEGE UND AUSGANGSPUNKTE UNSERER ZEIT Über das Ziel, das die Menschheit anstrebt, ist man sich in unserer Zivilisation ganz allgemein einig, und das seit nahezu dreißig Jahrhunderten. Von Jesajas bis Karl Marx haben die Propheten die gleiche Sprache gesprochen. In dem goldenen Zeitalter, dem sie entgegensehen, werden Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Nächstenliebe herrschen. „Keine Nation wird mehr gegen eine andere das Schwert ziehen“; „die freie Entwicklung jedes einzelnen wird zur freien Entwicklung aller führen“; „die Welt wird vom Wissen um den Herrn durchdrungen sein, wie die See von Wasser erfüllt ist.“ Wie gesagt, über das Ziel besteht und bestand seit langer Zeit ganz allgemeine Übereinstimmung. Nicht so hinsichtlich der Wege, die zu diesem Ziel führen. Hier tritt an Stelle der Einstimmigkeit und Gewißheit äußerste Verwirrung, hier prallen widerstreitende Ansichten aufeinander; man hält sich dogmatisch daran und handelt mit leidenschaftlichem Fanatismus danach. Manche glauben - und diese Überzeugung ist gegenwärtig sehr verbreitet -, der sicherste Weg zu einer besseren Welt sei die Wirtschaftsreform. Einige sehen den kürzesten Weg nach Utopia in militärischer Eroberung und in der Vorherrschaft einer bestimmten Nation; für andere ist es die bewaffnete Revolution und die Diktatur einer gewissen Klasse. Sie alle denken vornehmlich in den begrenzten Begriffen eines sozialen Apparates und einer großzügigen Organisation. Es gibt jedoch Leute, die das Problem vom entgegengesetzten Ende anpacken und glauben, die wünschenswerten sozialen Veränderungen ließen sich am wirksamsten durchführen, wenn man die einzelnen Menschen verändert, die die Gesellschaft bilden. Manche, die so denken, setzen ihr ganzes Vertrauen auf die

1. KAPITEL

Erziehung, einige auf die Psychoanalyse, einige auf den angewandten Behaviourismus*. Und wiederum andere sind im Gegensatz dazu überzeugt, daß der ersehnte „Wandel des Herzens“ nur mit Hilfe übernatürlicher Kräfte zu erzielen sei. Sie sagen, man müsse zur Religion zurückfinden. (Unglücklicherweise können sie sich nicht einig werden, zu welcher Religion wir zurückfinden sollten.) Hier erweist es sich als nötig, etwas über den idealen Menschen zu sagen, zu dem die „Verwandter des Herzens“ sich selbst und andere umbilden möchten. Jedes Zeitalter und jede Klasse hat ihr Ideal gehabt. Für die herrschenden Klassen Griechenlands war der hochherzige, edle Mensch, eine Art gelehrter Gentleman, die Wunschgestalt. Kshatriyas im frühen Indien und die Lehnsherren im mittelalterlichen Europa sahen in dem ritterlichen Mann das Vorbild. Als Ideal der Herren des siebzehnten Jahrhunderts erscheint der „honnete homme“, der Ehrenmann, als das ihrer Nachkommen im 18. Jahrhundert der Philosoph. Das Ideal des neunzehnten Jahrhunderts war der angesehene Mann. Das zwanzigste Jahrhundert hat bereits den Aufstieg und Untergang des liberalen Menschen und die Entstehung des Herdenmenschen der bürgerlichen Gesellschaft und des gottähnlichen Führers erlebt. Währenddessen haben die Armen und Unterdrückten allezeit sehnsuchtsvoll von dem Ideal eines wohlgenährten, freien, glücklichen und nicht unterjochten Menschen geträumt. Für welches Ideal inmitten dieser verwirrenden Vielfalt sollen wir uns entscheiden? Die Antwort lautet: für keines. Denn es ist klar, daß jedes dieser gegensätzlichen Wunschbilder die Frucht besonderer sozialer Umstände ist. In gewisser Beziehung gilt das natürlich für jeden Gedanken und jedes Trachten, die jemals Ausdruck fanden. Einige Gedanken und Bestrebungen sind jedoch offensichtlich weniger von besonderen sozialen Umständen abhängig als andere. Und hier ergibt sich eine bezeichnende Tatsache: alle Ideale des menschlichen Verhaltens, aufgestellt von Menschen, die sich selbst mit größtem Erfolg von den Vorurteilen ihrer Zeit und Stellung freizumachen * Behaviourismus - psychologische Richtung, die das Verhalten und Handeln der Lebewesen der Wechselwirkung zwischen Anlage und Gewohnheit des Einzelwesens und seiner jeweiligen Umwelt zuschreibt, der Versuch, für das Verhalten in verschiedenen Lebenslagen gesetzmäßige Regeln aufzustellen.

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ZIELE, WEGE UND AUSGANGSPUNKTE UNSERER ZEIT

wußten, gleichen einander auffallend. Von der vorherrschenden Konvention im Denken, Empfinden und Verhalten befreien wir uns am wirksamsten, wenn wir die uneigennützigen Tugenden pflegen und unmittelbare Erkenntnis des Wesentlichen in der letzten Wahrheit gewinnen. (Diese Erkenntnisfähigkeit ist eine Gabe, die dem Individuum innewohnt; doch, obwohl angeboren, vermag sie sich nur völlig zu offenbaren, wo bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Die erste Vorbedingung der Erkenntnis ist gerade die praktische Anwendung uneigennütziger Tugenden.) In gewissem Maße wirkt auch der kritische Intellekt als befreiende Kraft. Doch hängt es vom Willen ab, wie der Intellekt angewendet wird. Wo unser Wille nicht uneigennützig ist, neigen wir dazu, uns des Intellekts (abgesehen von den abstrakten Gebieten der Technologie, Wissenschaft und reinen Mathematik) nur als eines Mittels zu bedienen, um Leidenschaft und Vorurteil für vernünftig zu erklären und unsere Selbstsucht zu rechtfertigen. Daher ist es sogar den scharfsinnigsten Philosophen so selten gelungen, sich völlig von der kerkergleichen Enge ihrer Zeit und ihres Landes freizumachen. Tatsächlich erlangen sie kaum jemals soviel Freiheit wie die Mystiker oder Religionsschöpfer. Beinahe ganz frei wurden meist die Menschen, die Güte mit Einsicht in sich vereinten. Diese freiesten Menschen waren nun während der letzten achtzig oder neunzig Generationen im wesentlichen gleicher Ansicht über den Idealmenschen. Die Versklavten setzten sich einmal für dieses Vorbild des Menschen, ein anderes Mal für jenes ein; die Freien aber waren sich allerorts und zu allen Zeiten einig. Es ist schwierig, mit einem einzigen Wort den erschöpfenden Ausdruck für den idealen Menschen der freien Philosophen, der Mystiker und der Religionsschöpfer zu finden. „Unabhängig“ ist vielleicht die beste Bezeichnung. Der ideale Mensch ist der unabhängige Mensch. Unabhängig von seinen körperlichen Empfindungen und Begierden. Unabhängig von seinem Verlangen nach Macht und Besitz. Unabhängig von den Objekten dieser verschiedenen Wünsche. Unabhängig von seinem Zorn und Haß; unabhängig von seiner Vorliebe. Unabhängig von Reichtum, Ruhm, gesellschaftlicher Stellung. Unabhängig selbst von Wissenschaft, Kunst, spekulativem Denken,

1. KAPITEL W f



Menschenliebe. Ja, unabhängig selbst von alledem. Denn gleich dem Patriotismus „genügen sie nicht“, wie Nurse Cavell* sagt. Unabhängigkeit vom Ich und von den sogenannten „Dingen dieser Welt“ ist bei den Philosophen und Religionsschöpfern stets verbunden gewesen mit der Lehre von einer letzten Wahrheit, größer und bedeutender als das Ich. Größer und bedeutender selbst als das Beste, was diese Welt zu bieten hat. Vom Wesen dieser letzten Wahrheit werde ich in den Schlußkapiteln dieses Buches sprechen. Hier brauche ich nur darauf hinzuweisen, daß die Ethik von der Unabhängigkeit stets in Wechselbeziehung zu Weltlehren gestanden hat, die die Existenz einer geistigen Realität bestätigen; einer geistigen Wahrheit, die der Erscheinungswelt zugrunde liegt und ihr alles verleiht, was sie an Wert und Bedeutung besitzt. Unabhängigkeit ist nur dem Buchstaben nach eine Negation. In der Praxis zieht die Unabhängigkeit die Entfaltung aller Tugenden nach sich. Aus ihr ergibt sich zum Beispiel die Nächstenliebe; denn nichts hindert das Ich, sich mit dem ihm innewohnenden und erhabenen Mehr-als-Ich zu identifizieren, als Zorn (selbst als „gerechte Entrüstung“) und kaltblütiger Haß. Aus Unabhängigkeit entwickelt sich Mut; denn Furcht ist eine qualvolle und bedrückende Identifizierung des Ichs mit seinem Körper. (Furcht ist negative Sinnlichkeit, wie Trägheit negative Bosheit.) Aus ihr ergibt sich die Pflege der Intelligenz; denn empfindungslose Dummheit ist eine Hauptursache aller anderen Untugenden. Aus ihr entstehen Freigebigkeit und Uneigennützigkeit; denn Geiz und Liebe zum Besitz zwingen ihr Opfer, sie reinen Dingen gleichzusetzen. Und so fort. Es erübrigt sich, dieses Thema weiter auszuführen. Jedem, der darüber nachzudenken beschließt, leuchtet es völlig ein, daß die Unabhängigkeit allen denen, die unabhängig sind und handeln, eine starke, positive Einstellung zur Welt vorschreibt. Das Ideal der Unabhängigkeit ist im Verlauf der letzten dreitausend Jahre wieder und wieder formuliert und systematisch verkündet worden. Wir finden es (neben allem anderen!) im Hinduis* Die „Nurse“ Cavell, die in Belgien englische Krankenschwester war und im ersten Weltkriege von den deutschen Truppen wegen nachgewiesener Spionage erschossen wurde, ist als „Miss Cavell“ in der Geschichte des Krieges bekannt.

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ZIELE, WEGPSND AUSGANGSPUNKTE UNSERER ZEIT .

mus. Es ist der eigentliche Kern der Lehre Buddhas. Für die Chinesen hat Laotse diese Doktrin aufgestellt. Etwas später wird in Griechenland das Ideal der Unabhängigkeit von den Stoikern proklamiert, wenngleich ein wenig pharisäisch-dünkelhaft. Das Evangelium Jesu ist in höchstem Maße ein Evangelium der Unabhängigkeit von „den Dingen dieser Welt“ und der Abhängigkeit von Gott. Welche Irrwege auch immer die organisierte Christenheit eingeschlagen haben mag - von der äußersten Askese bis zu den brutalsten und zynischsten Formen der Realpolitik -, es hat doch nie an christlichen Philosophen gefehlt, die das Ideal der Unabhängigkeit wieder aufrichteten. So sagt uns zum Beispiel Johannes Tauler*, „Freiheit ist völlige Reinheit und Abkehr, die das Ewige sucht; ein losgelöstes, ein in sich gekehrtes Wesen, identisch mit Gott und völlig an Gott gebunden“. Und der Autor der „Nachfolge“ (The Imitation)** gebietet uns: „Geht hindurch durch viele Sorgen, dennoch ohne Sorge; nicht wie ein träger Mensch, vielmehr mit dem Vorrecht des freien Geistes, der nicht in unmäßiger Zuneigung irgendeiner Kreatur anhängt.“ Solche Zitate ließen sich fast unbegrenzt anführen. Zugleich haben auch Moralisten, die außerhalb der christlichen Tradition standen, nicht weniger nachdrücklich als die Christen versichert, wie notwendig Unabhängigkeit sei. Was beispielsweise Spinoza „Glückseligkeit“ nennt, ist einfach der Zustand der Unabhängigkeit, seine „menschliche Knechtschaft“ dagegen die Verfassung eines Menschen, der sich mit seinen Begierden, Empfindungen und Gedankenvorgängen oder ihren Objekten in der Außenwelt identifiziert. Unabhängig ist in Buddhas Ausdrucksweise der Mensch, der dem Leiden ein Ziel setzt; und indem er sich des boshaften und gedankenlosen Handelns enthält, setzt er nicht nur dem eigenen Leiden ein Ziel, vielmehr auch den Leiden, die er anderen zufügen könnte. Er ist der glückliche oder „glückselige“ Mensch, zugleich auch der gute Mensch. Einige Sittenlehrer - der berühmteste unter ihnen ist Nietzsche und der kompromißloseste der Marquis de Sade - haben den Wert • Bedeutender deutscher Mystiker; in Straßburg um 1300 geboren, 1361 gestorben. ** Das Buch von Thomas A. Kempis ist bekannt als „Nachfolge Christi“ oder „Imitation Christi“.

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1. KAPITEL

der Unabhängigkeit geleugnet. Aber diese Männer sind nachweislich Opfer ihrer Veranlagung und ihrer besonderen sozialen Umgebungen. In ihrer Unfähigkeit, selbst unabhängig zu sein, sind sie außerstande, Unabhängigkeit zu lehren; da sie selbst Sklaven sind, vermögen sie die Vorteile der Freiheit nicht zu begreifen. Sie stehen außerhalb der großen Tradition der zivilisierten asiatischen und europäischen Philosophie. Sie sind Exzentriker der ethischen Gedankenwelt. In gleicher Weise sind solche Opfer besonderer sozialer Umstände wie Machiavelli, Hegel, die Philosophen des Faschismus und des diktatorischen Kommunismus unserer Zeit Exzentriker der politischen Gedankenwelt. Das also waren die Ideale für die Gesellschaft und für den einzelnen Menschen, wie sie ursprünglich vor annähernd dreitausend Jahren in Asien aufgestellt wurden und die von denjenigen, die mit der Tradition der Zivilisation nicht gebrochen haben, noch heute anerkannt werden. Wie steht -es nun gegenwärtig praktisch um diese Ideale? Das läßt sich mit wenigen Worten sagen. Statt dem idealen Ziel näherzukommen, entfernen sich die meisten Völker der Erde rasch davon. Nach Dr. R. R. Marett ist „wirklicher Fortschritt ein Fortschritt in der Nächstenliebe; jeder andere Fortschritt ist im Vergleich dazu sekundär“. Im Lauf der überlieferten Geschichte sind dann und wann tatsächliche Fortschritte erzielt worden. Perioden des Fortschritts in der Nächstenliebe haben mit Perioden des Rückschritts gewechselt. Das achtzehnte Jahrhundert war eine wahrhaft fortschrittliche Epoche. So verhielt es sich auch größtenteils im neunzehnten Jahrhundert, trotz der schrecklichen Begleitumstände des Industrialismus oder vielmehr dank dem energischen Vorgehen der Menschen, die damals guten Willens waren, diesen Schrecken Einhalt zu gebieten. Das gegenwärtige Zeitalter ist nur teilweise menschenfreundlich; wo es sich jedoch um wichtigere politische Fragen handelt, hat es sich in der Nächstenliebe entschieden als rückschrittlich erwiesen. So haben die Denker des achtzehnten Jahrhunderts z. B. einstimmig die staatliche Anwendung der Folter verurteilt. Doch nicht genug, daß die Folter offen von den Herrschern des zwanzigsten 12

ZIELE, WEGE UND AUSGANGSPUNKTE UNSERER ZEIT

Jahrhunderts in Europa angewendet wird, es gibt auch Theoretiker, die bereitwillig alle staatlich organisierten Greuel rechtfertigen, vom Auspeitschen und Brandmarken bis zum allgemeinen Niedermetzeln der Minderheiten und zum totalen Krieg! Ein anderes, schmerzlich bezeichnendes Symptom ist der Gleichmut, mit dem die Öffentlichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts der Wiedergabe von Schlächtereien und Grausamkeiten in Wort, Bild und Film begegnet. Zur Entschuldigung mag angeführt werden, daß die Menschen während der letzten zwanzig Jahre mit Scheußlichkeiten so überfüttert worden sind, daß Greuel nicht mehr ihr Mitleid mit den Opfern oder ihre Entrüstung gegen die Verbrecher zu erregen vermögen. Die Gleichgültigkeit bleibt jedoch Tatsache; und da Greuel niemanden mehr aufregen, werden immer mehr Greuel verübt. Eng verbunden mit dem Rückschritt in der Nächstenliebe ist der Verfall der Achtung der Menschen vor der Wahrheit. In keiner Periode der Weltgeschichte hat man sich der organisierten Lüge so schamlos oder, dank der modernen Technik, so wirksam und in so großem Stil bedient, wie es die politischen und wirtschaftlichen Diktatoren des gegenwärtigen Jahrhunderts tun. Meist tritt diese organisierte Lüge in Form der Propaganda auf; sie schürt Haß und Eitelkeit und bereitet die Gemüter der Menschen auf den Krieg vor. Die Lügner sehen ihr Hauptziel darin, menschenfreundliches Empfinden und Verhalten aus der Sphäre der internationalen Politik auszuschalten. Ein anderer Punkt: auf dem Wege zu universeller Nächstenliebe lassen sich nur Fortschritte erzielen, wenn die vorherrschende Weltlehre monotheistisch oder pantheistisch ist - nur wenn man allgemein glaubt, daß alle Menschen „Kinder Gottes“ sind oder, nach einem indischen Wort, „das (nämlich das All) bist du“, tat tvam asi. Während der letzten fünfzig Jahre hat sich eine große Abkehr vom Monotheismus zum Götzendienst gezeigt. Die Verehrung eines Gottes ist aufgegeben worden zugunsten der Anbetung örtlicher Gottheiten wie der Nation, der Klasse und selbst des zum Gott erhobenen einzelnen Menschen. Das ist die Welt, in der wir leben - eine Welt, die, nach dem einzig annehmbaren Kriterium des Fortschritts beurteilt, sich offen13

1. KAPITEL

sichtlich im Rückschritt befindet. Der technische Fortschritt vollzieht sich rasch. Doch ist ein technischer Fortschritt ohne Fortschritt in der Nächstenliebe nutzlos. In Wirklichkeit ist er schlimmer als nutzlos. Der technische Fortschritt hat uns ausschließlich wirksamere Mittel zum Rückschritt geliefert. Wie läßt sich der Verfall der Nächstenliebe, den wir erleben und für den jeder von uns in gewissem Grade verantwortlich ist, aufhalten und in sein Gegenteil verwandeln? Auf welche Weise kann die bestehende Gesellschaft zu der idealen Gesellschaft, wie sie die Propheten beschreiben, umgewandelt werden? Wie lassen sich der durchschnittlich sensualistische Mensch und der außergewöhnlich ehrgeizige (und gefährlichere) Mensch zu diesem unabhängigen Menschen entwickeln, der allein eine bedeutend bessere Gesellschaft als die unsere schaffen kann? Das sind die Fragen, die zu beantworten ich in dem vorliegenden Bande versuchen werde. Dabei werde ich mich notgedrungen mit sehr vielen verschiedenen Themen beschäftigen müssen. Das ist unvermeidlich; denn die Menschen wirken und handeln kompliziert, unterschiedliche und gemischte Kräfte treiben sie an. Viele Schriftsteller werden den mannigfaltigen menschlichen Gedanken, Meinungen, Absichten und Handlungen nicht genügend gerecht. Sie vereinfachen das Problem zu sehr und schreiben damit eine allzu vereinfachte Lösung vor. Aus diesem Grunde habe ich es für nötig gehalten, den Hauptargumenten dieses Buches eine Untersuchung des Wesens der Erklärung voranzustellen. Was meinen wir, wenn wir sagen, wir hätten eine verwickelte Situation „erklärt“? Was wollen wir damit sagen, wenn wir behaupten, ein Ereignis sei die Ursache eines anderen? Bevor wir diese Fragen nicht beantworten können, muß unser Nachsinnen über die Natur der sozialen Mißstände und ihre Heilmittel unvollkommen und einseitig erscheinen. Wir kommen, wenn wir das Wesen der Erklärung erörtern, zu dem Schluß, daß die Ursachen der menschlichen Angelegenheiten vielfältig sind - mit anderen Worten, daß jedes gegebene Ereignis viele Ursachen hat. Daraus ergibt sich, daß es kein einzelnes, allgemein wirksames Heilmittel für die Leiden der Gesellschaftspolitik gibt. Wir müssen das Heilmittel für die sozialen Mißstände gleich14

ZIELE, WECITUND AUSGANGSPUNKTE UNSERER ZEIT

zeitig auf vielen verschiedenen Gebieten suchen. Daher gehe ich in den nächsten Kapiteln dazu über, die wichtigsten dieser Tätigkeitsfelder zu betrachten, angefangen vom politischen und wirtschaftlichen Gebiet bis zum persönlichen Verhalten. In jedem Falle schlage ich die Veränderungen vor, die durchgeführt werden müssen, wenn die Menschen die idealen Ziele erreichen sollen, die sie angeblich alle anstreben. Das verwickelt uns beiläufig in eine Erörterung der Beziehung der Mittel zu den Zwecken. Gute Zwecke können, wie ich häufig hervorheben muß, nur durch Anwendung entsprechender Mittel erreicht werden. Der Zweck kann die Mittel nicht rechtfertigen, aus dem einfachen und einleuchtenden Grund, weil die angewendeten Mittel das Wesen der bewirkten Zwecke bestimmen. Diese Kapitel, vom zweiten bis zum zwölften, stellen eine Art praktischen Reform-Kochbuchs dar. Sie enthalten politische Rezepte, wirtschaftliche Rezepte, Erziehungsrezepte, Rezepte für die Organisation der Industrie, der örtlichen Gemeinschaften, der Gruppen opferbereiter Einzelner. Wir finden darin ebenfalls, als Abschreckung gedacht, die Wege beschrieben, die nicht eingeschlagen werden sollten - Rezepte, die angeblich angestrebten Ziele nicht zu erreichen, Rezepte, den Idealismus zu widerlegen, Rezepte, den Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen zu pflastern. Das Reform-Kochbuch gipfelt im letzten Teil des Bandes, worin ich die Beziehung zwischen Theorie und Praxis der Reformer einerseits und dem Wesen des Universums andererseits erörtere. Was ist das für eine Welt, in der die Menschen das Gute anstreben und doch so häufig das Böse bewirken? Was ist Sinn und Absicht dieser ganzen Angelegenheit? Welche Stellung nimmt der Mensch darin ein, und was bedeuten seine Ideale, seine Wertbegriffe im Verhältnis zum Gesamt-Universum? Mit solchen Fragen werde ich mich in den letzten drei Kapiteln befassen. Dem „Mann der Praxis“ werden sie belanglos erscheinen. In Wirklichkeit sind sie es jedoch nicht. Denn nur aus unserer Erkenntnis und Ansicht vom Wesen der letzten Wahrheit formt sich unsere Auffassung von Recht und Unrecht; und aus unserer Überzeugung von Recht und Unrecht bildet sich unser Verhalten heraus, nicht nur in den Beziehungen unseres Privatlebens, sondern auch auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet. Weit 15

2. KAPITEL

davon entfernt, unerheblich zu sein, sind unsere metaphysischen Ansichten letztlich der entscheidende Faktor bei all unseren Handlungen. Daher schien es mir notwendig, mein Kochbuch der praktischen Rezepte durch eine Untersuchung der Grundprinzipien abzurunden. Die letzten drei Kapitel sind die bedeutendsten und, auch vom rein praktischen Standpunkt aus betrachtet, wichtigsten des Buches. II VOM WESEN DER ERKLÄRUNG über das Ziel herrschte, wie ich wiederhole, seit langer Zeit Übereinstimmung. Wir wissen, welcher Art von Gesellschaft wir als Mitglieder angehören und was für Männer und Frauen wir sein möchten. Wenn jedoch beschlossen werden soll, wie dieses Ziel zu erreichen sei, bricht ein Babel widerstreitender Ansichten herein. Quot homines, tot sententiae. Soviel Köpfe, soviel Sinne. Handelt es sich um letzte Ziele, ist diese Behauptung falsch; meint man aber die Mittel, ist sie beinahe richtig. Jeder hat seine eigene Patentmedizin, garantiert geeignet, die Leiden der Menschheit zu heilen; und die Menschen glauben vielfach so fanatisch an die Wirksamkeit dieses Universalmittels, daß sie um seinetwillen bereitwillig töten und sich töten lassen. Daß die Manschen so hartnäckig an den von ihnen erfundenen oder übernommenen Dogmen hängen und die Leute so leidenschaftlich hassen, die andere Dogmen erfunden oder anerkannt haben, ist tatsächlich nur allzu leicht erklärlich. Gewißheit ist tief befriedigend und Haß zahlt hohe Dividende in Gemütsbewegung. Weniger leicht verständlich ist es hingegen, warum solche ausschließlichen Doktrinen entstehen müssen und warum der Verstand, selbst der von Leidenschaft unverblendete Verstand sich bereit und sogar mit Eifer bereit findet, sie für richtig zu halten. Es lohnt sich in diesem Zusammenhang, dem Wesen der Erklärung ein paar Zeilen zu widmen. Worin besteht der Vorgang der Erklärung? Und was befriedigt uns geistig an einer gegebenen Erklärung? Diese Fragen sind sehr scharfsinnig 16

VOM WESEN DER ERKLÄRUNC

und mit reicher Sachkenntnis von dem verstorbenen Emile Meyerson* behandelt worden, dessen Schriften ich freimütig vieles für die folgenden Absätze entlehnt habe. Der menschliche Verstand hat die unüberwindliche Neigung, das Verschiedenartige auf das Gleichartige zurückzuführen. Was uns unmittelbar durch unsere Sinne bekannt wird, ist mannigfaltig und unterschiedlich. Unser Intellekt, der nach Erklärung hungert und dürstet, versucht, diese Ungleichheit auf Identität zu bringen. Jede Theorie, die die Existenz einer den unterschiedlichen Erscheinungen zugrunde liegenden oder Zeit und Wandel überdauernden Identität voraussetzt, erscheint uns wahrhaft glaubwürdig. Wir sind tief befriedigt von jeder Doktrin, die die irrationale Vielfalt auf rationale und faßliche Einheit beschränkt. Dieser grundlegenden psychologischen Tatsache ist die Existenz der Wissenschaft, der Philosophie, der Theologie zuzuschreiben. Würden wir uns nicht ständig bemühen, das Unterschiedliche zum Identischen zu machen, müßten wir es nahezu für unmöglich halten, überhaupt zu denken. Die Welt wäre nichts als ein Chaos, eine unzusammenhängende Folge von Erscheinungen ohne jede Beziehung zueinander. In dem Streben, das Unterschiedliche auf das Identische zurückzuführen, kann man zu weit gehen, und in der Regel geht man auch zu weit. Das trifft vor allem für die Denker auf Gebieten zu, die nicht den Gesetzen der wohlgeordneten Naturwissenschaften unterworfen sind. Die Naturwissenschaft erkennt, daß es einen Rückstand an irrationaler Ungleichheit gibt, der sich nicht dem Identischen und Rationalen angleichen läßt. Sie gibt beispielsweise zu, daß im Lauf der Zeit Veränderungen eintreten, die nicht rückgängig zu machen sind. Wenn ein nicht rückgängig zu machender Wandel erfolgt, liegt dem Zustand vor und dem Zustand nach der Veränderung keine Identität zugrunde. Die Wissenschaft bemüht sich nicht nur, das Unterschiedliche dem Identischen anzugleichen; sie erforscht auch unter anderem den irrationalen reinen Vorgang des Werdens. Es gibt zwei Bestrebungen in der Wissenschaft; das Streben nach Gleichsetzung und Verallgemeinerung, und das * Siehe »Du Cheminement de la Pensee« und »De l’Explication dans les Sciences« von Emile Meyerson. 2 Huxley, Ziele und Wege 17

1. KAPITEL

Bestreben, die greifbare Wirklichkeit zu erklären und zugleich die Eigentümlichkeit der Erscheinungen zu erkennen. Wo der Gedanke nicht der Disziplin einer der organisierten Wissenschaften unterworfen ist, besteht die Gefahr, daß der ersten Richtung - dem Streben nach Gleichsetzung und Verallgemeinerung - zuviel Spielraum gewährt wird. Das Ergebnis ist eine übermäßige Vereinfachung. In seiner Ungeduld zu verstehen, hungernd und dürstend nach Erklärung, neigt der Verstand dazu, den gegebenen Tatsachen mehr Vernunftmäßigkeit zu unterlegen, als diese Tatsachen rechtfertigen; er neigt dazu, in der groben Unterschiedlichkeit der Erscheinungen mehr Gleichbedeutung zu entdecken, als ihnen tatsächlich innewohnt - oder jedenfalls mehr Identität, als der Mensch im praktischen Leben gebrauchen kann. Für ein Geschöpf, das die Dinge mit dem Auge Gottes zu betrachten vermag, offenbaren gewisse Verschiedenheiten eine gemeinsame Identität. Das Tier hingegen muß sie als das gelten lassen, was sie zu sein scheinen, nämlich als spezifisch ungleichartig. Der Mensch ist ein zwiefältiges Wesen und kann die Dinge mit göttlichem Auge oder auch mit dem Auge des Tieres betrachten. Er kann beispielsweise behaupten, daß beides, Kreide und Käse, aus Elektronen besteht, daß beide vielleicht mehr oder minder täuschende Offenbarungen des Absoluten sind. Das Unterschiedliche so dem Identischen anzugleichen, mag unseren Hunger nach Erklärung befriedigen; wir besitzen aber nicht nur einen Geist, sondern auch einen Körper, und dieser Körper hat Appetit auf Stiltonkäse und empfindet Widerwillen vor Kreide. Soweit wir hungrige und durstige Tiere sind, ist es für uns wichtig zu wissen, daß zwischen dem, was bekömmlich, und dem, was giftig ist, ein Unterschied besteht. Dieses beides identisch zu machen, mag richtig sein in der Forschung; im Speisezimmer ist es völlig nutzlos. Übertriebene Vereinfachung führt bei solchen Erscheinungen wie Kreide und Käse, wie bei H2O und H2SO4 rasch zu verhängnisvollen Resultaten; wir kommen daher selten zu derartigen übermäßigen Vereinfachungen. Es gibt jedoch andere Arten von Erscheinungen, bei denen wir bis zu einem bestimmten Grad ungestraft übermäßig vereinfachen können. Die Strafe tritt bei solchen Fehlern nicht augenfällig und unmittelbar ein. Vielfach werden sogar diejenigen, 18

M WESEN DER ERKLÄRUNG

die die Fehler begehen, der Strafe nicht einmal gewahr; denn die Strafe zeigt sich nicht, indem sie sie des Guten beraubt, das sie bereits besitzen; sie enthält ihnen vielmehr das Gute vor, das sie hätten erlangen können, wenn sie den Fehler nicht begangen hätten. Nehmen wir beispielsweise die einst sehr verbreitete Über-Vereinfachung der Tatsachen, die darin besteht, Gott für alle unvollkommen begriffenen Erscheinungen verantwortlich zu machen. Sekundäre Ursachen werden außer acht gelassen und alles wird auf den Schöpfer zurückgeführt. Billiger läßt sich das Unterschiedliche zum Identischen nicht mehr herabmindern; und dennoch ist die Auswirkung dessen nicht unmittelbar wahrzunehmen. Alle, die den Fehler begehen, im Rahmen eines Urgrunds zu denken, sind dazu verurteilt, niemals Männer der Wissenschaft werden zu können. Aber da sie nicht wissen, was Wissenschaft ist, merken sie nicht, daß ihnen etwas’ entgeht. Die Erscheinungen auf einen Urgrund zurückzuführen, ist heute nicht mehr Mode, zumindest nicht im Westen. Die Identitäten, denen wir die komplizierten Verschiedenheiten um uns anzugleichen suchen, sind verschiedenartig im Rang. Wenn wir zum Beispiel von der Gesellschaft oder vom individuellen Menschen sprechen, wenden wir bei unserer ÜberVereinfachung nicht mehr den Begriff des göttlichen Willens an, vielmehr Begriffe wie Wirtschaft oder Geschlecht oder Minderwertigkeitskomplex. Übertriebene Vereinfachungen! Aber auch hier zeigt sich wieder die Strafe nicht unmittelbar oder augenfällig. Unsere Strafe besteht in dem Unvermögen, unsere Ideale zu verwirklichen und dem sozialen und psychologischen Sumpf zu entrinnen, durch den wir waten. Nie werden wir wirklich mit unseren menschlichen Problemen fertig werden, bis wir dem Beispiel der Naturwissenschaftler folgen und unser Verlangen nach vernunftmäßiger Vereinfachung durch die Erkenntnis mäßigen, daß es gewisse Rückstände oder Irrationalitäten, Verschiedenheiten und Eigentümlichkeiten in Dingen und Ereignissen gibt. Nie wird es uns gelingen, unser ehernes Zeitalter in ein goldenes zu verwandeln, wenn wir nicht unseren Ehrgeiz preisgeben, eine einzige Ursache für all unsere Leiden zu finden* und die , Existenz vieler, gleichzeitig wirkender Ursachen anerkennen, vieler 19

3. KAPITEL

verwickelter Wechselbeziehungen und sich steigernder Wirkungen und Rückwirkungen. Es gibt, wie wir gesehen haben, eine Fülle fanatisch vertretener Ansichten über den besten Weg, das ersehnte Ziel zu erreichen. Es wird ratsam sein, sie alle zu untersuchen. Einen einzigen für rechtmäßig zu erklären, hieße den Fehler der Über-Vereinfachung begehen. Auf diesen Seiten will ich einige der Mittel betrachten, die angewendet werden müssen, und zwar gleichzeitig angewendet werden müssen, wenn wir die Ziele erreichen wollen, auf die die Propheten und Philosophen die Menschheit hingewiesen haben - eine freie und gerechte Gesellschaft, die sich für unabhängige Männer und Frauen eignet, eine Gesellschaft, die zugleich nur von unabhängigen Männern und Frauen geschaffen werden kann. III WIRKSAMKEIT UND GRENZEN EINER SOZIALREFORM GRÖSSEREN AUSMASSES Unter Leuten, die sogenannte „fortschrittliche Ansichten“ vertreten, ist die Meinung weit verbreitet, die von uns allen ersehnten Ziele ließen sich am besten dadurch erreichen, daß man auf die Gesellschaftsstruktur einwirkt. Sie setzen sich nicht für einen „Wandel des Herzens“ der einzelnen ein, sondern für gewisse politische und vor allem wirtschaftliche Reformen großen Maßstabs. Nun gehört die wirtschaftliche und politische Reform zu den Dingen, die man als vorbeugend ethisch bezeichnen könnte. Das Ziel der vorbeugenden Ethik besteht darin, soziale Umstände hervorzurufen, die den Einzelwesen keine Möglichkeiten bieten, sich unerwünscht, das heißt übermäßig „abhängig“ zu verhalten. Die Christen beten unter anderem am häufigsten darum: führe uns nicht in Versuchung. Der politische und wirtschaftliche Reformer bemüht sich, dieser Bitte zu entsprechen. Er glaubt, die Umgebung des Menschen ließe sich so gut organisieren, daß die meisten Versuchungen nicht mehr in Erscheinung treten können. In der vollkommenen Gesellschaft wird der einzelne sich unabhängig zeigen, nicht weil er vorsätzlich und bewußt unabhängig ist, sondern weil 20

WIRKSAMKEIT UND GRENZEN EINER SOZIALREFORM

ihm keine Gelegenheit geboten wird, abhängig zu werden. In diesem Kampf des Reformers liegt offensichtlich viel Wahres. In England werden beispielsweise heute weit weniger Morde begangen als in der Vergangenheit. Dieser Rückgang der Mordziffer ist einer Reihe von durchgreifenden Reformen zuzuschreiben - den Gesetzen, die den Waffenverkauf beschränken und das Waffentragen verbieten, der Entwicklung eines wirksamen Rechtssystems, das rasche Sühne für die Opfer von Gewalttaten vorsieht. Auch dürfen wir nicht den Wandel der Sitten vergessen, der, selbst vielfachen Ursachen zuzuschreiben, zu einer Geringschätzung des Duells und einer neuen Auffassung der persönlichen Ehre führte. Ähnliche Beispiele ließen sich unbegrenzt anführen. Soziale Reformen haben fraglos den Erfolg gehabt, die Zahl der Versuchungen zu beschränken, denen der einzelne ausgesetzt sein könnte. (In einem späteren Absatz werde ich die neuen Versuchungen betrachten, die aus den Reformen entstehen können.) Sind die Versuchungen eine Zeitlang weggefallen, so ist ein ethischer Zustand zur Gewohnheit geworden; die Menschen kommen zu der Ansicht, das Böse, zu dem sie nicht mehr verführt werden, sei etwas Abscheuliches und sogar kaum Denkbares. Gewöhnlich nehmen sie für sich selbst das Verdienst in Anspruch, das in Wirklichkeit den Umständen zuzuschreiben ist. Betrachten wir beispielsweise das Thema Grausamkeit. In England wurde die Gesetzgebung gegen Grausamkeit Tieren und später Kindern und Erwachsenen gegenüber von einer kleinen Minderheit ernster Reformer durchgesetzt, der Gleichgültigkeit und sogar lebhafter Opposition zum Trotz. Die Gelegenheiten, Grausamkeiten zu begehen und sich an ihnen zu weiden, wurden beseitigt und schufen nach einer gewissen Zeit die Gewohnheit, human zu denken. Dank dieser Gewohnheit sind die Engländer heute tief entsetzt bei dem Gedanken an Grausamkeit und bilden sich ein, sie wären unfähig, grausam zu sein oder Grausamkeiten mit anzusehen. Diese Ansicht ist wahrscheinlich unbegründet. Es gibt viele Leute, die sich für grundsätzlich human halten und sich auch gegenwärtig wie Menschenfreunde benehmen, die aber, wenn veränderte Umstände die Gelegenheit bieten würden, grausam zu sein (vor allem, wenn die Grausamkeit als Mittel zu einem edlen Zweck dargestellt würde), der Versuchung 21

3. KAPITEL

mit Begeisterung erliegen würden. Daher ist es so ungeheuer wichtig, alle alteingeführten Anstandssitten und beschränkenden Gebote aufrechtzuerhalten. Daher ist es lebensnotwendig, den Krieg zu vermeiden, den Völker- wie den Bürgerkrieg/ Denn ein auf breiter Basis geführter Krieg zerstört mehr als das Leben einzelner Männer und Frauen; er erschüttert das Gesamtgefüge der Sitte, des Rechts und des gegenseitigen Vertrauens, des gedankenlosen und gewohnheitsmäßigen Anstandes und der Menschenfreundlichkeit, worauf alle Formen des erträglichen sozialen Lebens aufgebaut sind. Die Engländer sind, im ganzen gesehen, ein gutmütiges und gütiges Volk. Das ist bei ihnen nicht auf eine Extradosis ursprünglicher Tugend zurückzuführen, vielmehr darauf, daß ihr Inselreich die letzte erfolgreiche Invasion im Jahre 1066 erlebte und der letzte Bürgerkrieg (eine höchst milde und gentlemanlike Angelegenheit) sich 1688 abspielte. Außerdem ist zu beachten, daß die Güte der Engländer sich nur in ihrer Heimat und in den Teilen ihres Empires offenbart, die längere Zeit keinen Krieg gekannt haben und auch nicht durch Krieg bedroht wurden. Die Inder empfinden ihre Beherrscher nicht als besonders gütig. Und tatsächlich verändert sich das ethische Niveau der Engländer stark, wenn sie aus der höchst friedlichen Atmosphäre ihres eigenen Landes in die des von ihnen eroberten und militärisch besetzten indischen Reiches übersiedeln. Dinge, die daheim absolut undenkbar wären, sind dort nicht nur denkbar, sondern durchführbar und v/erden tatsächlich in Indien durchgeführt. Beispielsweise das Gemetzel von Amritsar*. Lange Entwöhnung von Krieg und Gewalttätigkeit kann mehr dazu tun, den allgemeinen Lebensanstand zu fördern als alle ethischen Ermahnungen. Krieg und Gewalt sind die Hauptursachen des Krieges und der Gewalt. Ein Land wie Spanien, in dem Bürgerkriege traditionell sind, ist stets stärker der Gefahr von Bürgerkriegen ausgesetzt als ein anderes Land, das sich seit langem im Zustand gewohnter friedlicher Zusammenarbeit befindet. Wir sehen also, daß die Erhaltung der sozialen Ordnung viel dazu beitragen kann, den einzelnen vor Versuchungen zu bewahren, * Am 13. April 1919 ließ General Dyer auf waffenlose Demonstranten ein Maschinengewehrfeuer eröffnen, 450 Menschen wurden getötet, 1500 verwundet.

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WIRKSAMKEIT UND GRENZEN EINER SOZIALREFORM

die vor Einführung der Reformen stets bestanden und nahezu unwiderstehlich waren. Soweit gut. Wir dürfen aber nicht übersehen, daß Reformen die Menschen von gewissen Übeln befreien können, nur um sie in neue, andersartige Übel hineinzuführen. Oftmals haben Reformen nur den Erfolg, die unerwünschten Neigungen der Menschen von einem Fahrwasser in ein anderes zu leiten. Einer bestimmten bösen Kraft ist das alte Ventil verschlossen worden; ein neues hat sich ihm jedoch geöffnet/ Das Böse selbst ist nicht aus der Welt geschafft; man hat ihm nur eine Reihe anderer Ausdrucksmöglichkeiten erschlossen. Es ließe sich eine höchst aufschlußreiche Geschichte der Sünde schreiben, um zu beweisen, in welchem Maße die verschiedenen Zivilisationen der Welt den vielfältigen bösen Neigungen ein Feld boten; man könnte die Mängel der jeder Kultur eigentümlichen Tugenden aufzählen und die aufeinanderfolgenden Metamorphosen des Bösen unter veränderten technischen und politischen Bedingungen verfolgen. Betrachten wir beispielsweise die jüngste Entwicklung der Hauptquelle alles Übels, der Machtgier, des Verlangens nach persönlichem Erfolg und der Herrschsucht. Hierbei können wir wohl den Übergang von den mittelalterlichen zu den modernen Bedingungen als ein übergehen von der Gewalttätigkeit zum Betrug bezeichnen, vom Begriff der Macht, die ihren Ausdruck in militärischem Heldenmut und dem göttlichen Vorrecht der Aristokratie fand, zum Machtbegriff der Finanz. In der früheren Periode sind Schwert und Adelsrechte zugleich Symbole und Werkzeuge der Herrschaft. In der späteren Periode tritt das Geld an ihre Stelle. In jüngster Zeit hat die Machtgier begonnen, sich wiederum in fast mittelalterlicher Form zu äußern. In den faschistischen Staaten hat sich eine Rückkehr zur Herrschaft des Schwertes und des göttlichen Rechts vollzogen. Es handelt sich dabei allerdings um das Recht selbstberufener Führer an Stelle des Rechts erblicher Aristokraten; dennoch gilt auch dieses Recht im wesentlichen als göttlich. Mussolini ist unfehlbar; Hitler von der göttlichen Vorsehung gesandt. Im kollektivistischen Rußland ist ein System des Staatskapitalismus eingeführt worden. Die Produktionsmittel sind nicht mehr Privateigentum, und es ist für den einzelnen unmöglich geworden, das Geld dazu zu benützen, seine Mitmenschen zu beherrschen. Das bedeutet 1 23

3. KAPITEL

aber nicht, daß die Machtgier unterdrückt worden ist; sie ist nur von einem Fahrwasser in ein anderes gelenkt worden. Unter dem neuen Regime ist die politische Stellung zum Symbol und Werkzeug der Macht geworden. Die Menschen streben nicht nach Wohlstand, sondern nach einem strategischen Posten in der Rangordnung. Wie rücksichtslos sie um diese Posten zu kämpfen, imstande sind, zeigten die Hochverratsprozesse von 1936 und 1937. Die Lage in Rußland, wie bis zu einem gewissen Grade auch in den anderen diktatorischen Ländern, ähnelt der Situation in den geistlichen Orden, wo die Stellung wichtiger war als das Geld. Unter den Kommunisten ist der Ehrgeiz mehr oder minder wirksam vom Geiz geschieden worden, und die Machtgier findet einen sozusagen chemisch gereinigten Ausdruck. Auf dieses Stichwort hin wird man nachsichtig lächelnd einwenden: „Die menschliche Natur läßt sich nun einmal nicht ändern.“ Worauf der Anthropologe mit dem Hinweis antwortet, die menschliche Natur sei in Wirklichkeit dazu gebracht worden, sich in die vielfältigsten und erstaunlichsten, die überraschendsten und unwahrscheinlichsten Formen zu verwandeln. Es läßt sich eine Gesellschaftsordnung schaffen, in der selbst eine so fundamentale Neigung wie die Machtgier nicht leicht in Erscheinung treten kann. Die Zuni-Indianer beispielsweise sind nicht der Versuchung ausgesetzt, die die Menschen unserer Zivilisation dazu verführt, für Ruhm, Reichtum, soziale Stellung oder Macht zu arbeiten. Wir beten stets den Erfolg an. Bei den Zunis hingegen gilt es als so schlechtes Benehmen, sich um persönliche Auszeichnung zu bemühen, daß nur sehr wenig Leute daran denken, eine höhere Stellung als ihre Mitmenschen einzunehmen, während diejenigen, die den tatsächlichen Versuch dazu machen, als gefährliche Zauberer gelten und entsprechend bestraft werden. Dort gibt es keine Hitler, keine Kreuger, keine Napoleone und keine Calvin. Der Machtgier ist einfach keine Ausdrucksmöglichkeit gegeben. In den ungestörten und ausgeglichenen Gemeinschaften der Zunis und anderer Pueblo-Indianer sind dem persönlichen Ehrgeiz all diese Ventile verschlossen - das politische, das finanzielle, das militärische, das religiöse Ventil, mit denen unsere eigene Geschichte uns auf so schmerzliche Weise vertraut gemacht hat. 24

WIRKSAMKEIT UND GRENZEN EINER SOZIALREFORM

Eine moderne industrialisierte Gesellschaft könnte das Vorbild der PuebloKultur nicht nachahmen. Und selbst wenn es möglich wäre, dürfte es für uns kaum wünschenswert sein, uns ein Beispiel an dieser Gesellschaftsordnung der Indianer zu nehmen. Denn der Triumph der Pueblo-Indianer über die Machtgier ist ungewöhnlich teuer erkauft worden. Die einzelnen jagen nicht nach Reichtum und Stellung wie wir; sie erkaufen sich diese Vorteile aber zu einem hohen Preis. Auf ihnen lastet die schwere Bürde religiöser Tradition; sie hängen an allem Alten und fürchten alles Neue und Unbekannte; sie verschwenden ungeheuer viel Zeit und Kraft auf Zauberbräuche und das mechanische Herunterleiern endloser Formeln. Theologen würden sagen, die uns besonders anhaftenden Todsünden sind Hochmut, Geiz und Bosheit. Sie erliegen besonders der Trägheit - vor allem der geistigen Trägheit oder Stumpfheit, vor der die buddhistischen Sittenlehrer ihre Schüler so eindringlich warnen. Wir stehen vor der Frage: lassen sich die Vorzüge der Pueblo-Kultur mit denen unserer Kultur vereinen? Können wir ein neues Lebensschema schaffen, dem die Mängel der beiden gegensätzlichen Vorbilder, der Pueblo-Kultur und der westlichen industriellen Kultur, fehlen werden? Ist es uns möglich, zu ihrer bewunderungswürdigen Unabhängigkeit von Reichtum und persönlichem Erfolg zu gelangen und uns gleichzeitig unsere intellektuelle Regsamkeit zu erhalten, unser Interesse an der Wissenschaft, unsere Fähigkeit, rasche Fortschritte auf technologischem Gebiet zu machen und soziale Veränderungen zu bewirken? Das sind Fragen, die sich unmöglich einigermaßen zuverlässig beantworten lassen. Nur die Erfahrung und der wohldurchdachte praktische Versuch können uns zeigen, ob unser Problem vollkommen zu lösen ist. Wir wissen nur genau, daß sich wissenschaftliche Wißbegier und die Fähigkeit, rasche soziale Veränderungen durchzuführen, bis heute stets mit Machtgier und Erfolgsanbetung verbunden haben*. Es ist historisch erwiesen, daß wissenschaftliches Fortschrittsstreben noch niemals getrennt von Angriffslust aufgetreten ist. Bedeutet dies, daß sie überhaupt nicht zu trennen sind? * Siehe im letzten Kapitel die Untersuchung der Beziehungen zwischen zwangsweiser sexueller Enthaltsamkeit und sozialer Energie.

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3. KAPITEL

Nicht unbedingt. Jede Kultur kennt eine Fülle von willkürlich und zufällig verbundenen Vorbildern für das Verhalten, Denken und Empfinden. Diese Verbindungen können sich über lange Zeiträume erhalten und gelten inzwischen als notwendig, natürlich, berechtigt, dem Schema der Dinge innewohnend. Es kommt jedoch der Augenblick, wo unter dem Druck der veränderten Verhältnisse diese langanhaltenden Verbindungen auseinanderfallen und durch andere ersetzt werden, die in entsprechender Zeit nicht weniger natürlich, notwendig und richtig erscheinen als die alten. Wir wollen einige Beispiele untersuchen. Bei den reicheren Klassen der mittelalterlichen Gesellschaft und der Gesellschaft der Frühzeit des modernen Europas bestand eine enge Verbindung zwischen Gedanken und Gewohnheiten, die mit den Frauen zusammenhingen, und Gedanken und Gewohnheiten, die sich auf Eigentum und soziale Stellung bezogen. Der Edelmann des Mittelalters heiratete ein Lehngut, der Bürger der frühen Moderne eine Mitgift. Könige heirateten ganze Länder und konnten sich durch geschickte Wahl ihrer Bettgenossinnen ein Reich aufbauen. Und die Frau verkörperte nicht nur Besitz, sie war auch Besitz. Die wilde Eifersucht, die zu empfinden traditionell, richtig und angemessen war, kam mindestens in gleichem Maße aus beleidigtem Besitzsinn wie aus verletzter sexueller Leidenschaft. Verwundeter Stolz und erbitterte Habsucht schufen im Verein mit gekränkter Liebe eine Eifersucht, die nur im Blut der ungetreuen Gattin Genugtuung finden konnte. Die treue Gattin wurde indessen geschmückt und mit Juwelen überhäuft, gelegentlich zweifellos aus ehrlicher Zuneigung, öfter jedoch und hauptsächlich, um das Verlangen des Gatten nach Selbstverherrlichung zu befriedigen. Die kostbar gekleidete Frau war sozusagen die wandelnde Reklame für den Reichtum und die soziale Stellung ihres Eigentümers. Die Neigung zu „augenfälligem Aufwand“, wie Veblen es nennt, gehörte in diesen Kulturperioden zum vorbildlichen sexuellen Leben. Ich habe im vorstehenden Absatz die Vergangenheitsform benützt. Tatsächlich ist jedoch diese Verbindung von augenfälligem Aufwand mit Ehe - und auch mit Ehebruch - noch charakteristisch für unsere Gesellschaftsformen. In den anderen Fällen haben sich hingegen die Begriffe beträchtlich voneinander entfernt. Gatten betrachten einander 26

WIRKSAMKEIT UND GRENZEN EINER SOZIALREFORM

nicht mehr in gleichem Maße wie früher als Privateigentum; infolgedessen gilt es nicht länger als natürlich und gerecht, einen ungetreuen Partner zu ermorden. Der Gedanke an eine von Berechnung völlig freie sexuelle Verbindung, ohne Rücksicht auf Mitgift und Stellung, wird heute sogar bei den Reichen häufig erwogen. Umgekehrt glaubt man fast allgemein, daß selbst zwischen verheirateten Leuten eine sexuelle Bindung bestehen könne. Zur Zeit der Troubadoure verhielt es sich nicht so; denn die ritterliche Liebe war „ein gigantisches System der Bigamie“, wie es ein neuerer Geschichtsschreiber der Ritterzeit nennt. Liebe und Ehe waren zwei völlig getrennte Dinge. Es gibt noch viele andere Verbindungen von ungeschriebenen Gesetzen des Denkens, Fühlens und Handelns, die in ihren Tagen unumgänglich und natürlich erschienen, zu anderen Zeiten aber und anderwärts überhaupt nicht bestanden. So war die Kunst bisweilen mit der Religion verbunden (wie in Europa während des Mittelalters oder bei den alten Mayas); zu anderen Zeiten jedoch war sie von ihr gelöst (wie bei verschiedenen Indianerstämmen und bei den Europäern während der letzten dreihundert Jahre).! Ganz ähnlich haben Handel, Landwirtschaft, das Sexualleben, das Essen zu gewissen Zeiten mit der Religion in Verbindung gestanden, zu anderen Zeiten nicht. Es gibt Gesellschaften, bei denen fast alle Handlungen von negativen Gemütsbewegungen begleitet sind und wo es als sozial korrekt und moralisch lobenswert gilt, chronisches Mißtrauen, Neid und Mißgunst zu empfinden. Bei anderen wiederum hält man positive Gefühle für nicht weniger richtig. Und so fort, fast bis ins Unendliche. Nun kann es allerdings sein, daß Fortschrittsbestreben und Angriffslust gleichermaßen zufällig und willkürlich miteinander verbunden sind, wie die verschiedenen gepaarten Gedanken- und Handlungssitten, die ich oben erwähnt habe. Andererseits wäre es auch möglich, daß die Wurzeln dieser Verbindung nur in den Tiefen der menschlichen Seele zu entdecken sind und daß es sich als sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich erweisen wird, diese beiden miteinander verbundenen Neigungen voneinander zu trennen. In dieser Frage läßt sich kein Dogma aufstellen. Mit Sicherheit läßt sich nur sagen, daß keine so vollkommene Verbindung zu bestehen brauchte, wie es gegenwärtig der Fall ist. 27

4. KAPITEL

Wir wollen zusammenfassend unsere Schlüsse ziehen. Erstens sehen wir also, daß „die unwandelbare menschliche Natur“ keineswegs unwandelbar ist, sich vielmehr grundlegend verändern läßt und häufig verändert worden ist. Zweitens erkennen wir, daß viele, vielleicht die meisten der beobachteten Verbindungen von Verhaltungsmaßregeln in menschlichen Gemeinschaften sich trennen und daß ihre Elemente sich auf andere Art und Weise wieder vereinen lassen. Drittens sehen wir, daß durch weitreichende Einflüsse auf die soziale Struktur gewisse „Veränderungen der menschlichen Natur“ hervorgerufen werden können, daß diese Veränderungen jedoch selten grundlegend sind. Sie schaffen das Böse nicht ab; sie lenken es nur in ein anderes Fahrwasser. Wenn jedoch die von uns allen angestrebten Ziele erreicht werden sollen, muß mehr geschehen als eine bloße Umleitung des Bösen; es muß in seinem Ursprung vernichtet werden, im Willen des Menschen. Daraus folgt, daß politische und wirtschaftliche Reformen großen Maßstabs nicht ausreichen. Der Angriff auf unser ideales Operationsziel muß nicht nur von dieser Front, sondern auch von allen anderen Fronten und gleichzeitig ausgehen. Bevor wir betrachten, was an diesen anderen Fronten geschehen sollte, muß ich ziemlich ausführlich auf die Angriffsstrategie und -taktik der Front der großzügigen Reform eingehen. IV SOZIALE REFORM UND GEWALT „Je mehr Gewalt, um so weniger Umsturz.“ Über diesen Ausspruch Barthelemy de Ligts nachzudenken, lohnte sich*. Soll eine Revolution als erfolgreich gelten, muß sie irgend etwas Neues erreicht haben. Aber Gewalt und die Auswirkungen der Gewaltsamkeit Gegengewalt, Mißtrauen und Rachsucht bei den Opfern sowie bei den Frevlern die wachsende Tendenz, immer mehr Gewalt anzuwenden - sind nur allzu bekannt, allzu hoffnungslos unrevolutionär. Eine gewaltsame Revolution kann nichts erreichen * Siehe »Pour Vaincre sans Violence« und »La Paix Criatrice« von B. de Ligt.

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SOZIALE REFORM UND GEWALT

als das, was sich unweigerlich aus Gewaltsamkeit ergibt, also Ergebnisse, die steinalte Wahrheiten sind. Oder anders ausgedrückt: Eine Revolution kann nur dann als erfolgreich gelten, wenn sie zum Fortschritt führt. Nun ist aber der einzige wahrhafte Fortschritt, um nochmals Dr. Maretts Worte zu zitieren, ein Fortschritt in der Nächstenliebe. Läßt sich ein Fortschritt in der Nächstenliebe durch ganz besonders unbarmherzige Mittel erzielen? Wenn wir unbefangen unsere eigene Erfahrung und die historische Überlieferung werten, müssen wir daraus schließen, daß es unmöglich ist. Wir möchten aber so gern an einen Abkürzungsweg nach Utopia glauben, wir sind so stark voreingenommen für Leute, die unsere Ansichten teilen, daß wir uns kaum zu der erforderlichen Unbefangenheit aufraffen können. Wir behaupten fest und steif, die Zwecke, die wir für gut halten, könnten die Mittel rechtfertigen, von denen wir genau wissen, daß sie abscheulich sind; allen augenscheinlichen Gegenbeweisen zum Trotz beharren wir bei der Überzeugung, mit diesen verwerflichen Mitteln die von uns ersehnten guten Ziele erreichen zu können. Wie weit selbst hochintelligente Leute sich in dieser Angelegenheit selbst zu betrügen vermögen, ist gut illustriert durch die folgenden Worte aus Professor Laskis Broschüre über den Kommunismus. Er schreibt: „Es ist offenkundig, daß die Republik ohne die eiserne Diktatur der Jakobiner vernichtet worden wäre.“ Wer die Tatsachen unparteiisch erwägt, findet es allerdings offenkundiger, daß die Republik gerade durch die eiserne Diktatur der Jakobiner zerstört worden ist. Eiserne Diktatur führte zu Krieg mit dem Ausland und Reaktion im Inland. Krieg und Reaktion schufen schließlich die Militärdiktatur. Die Militärdiktatur bewirkte immer mehr Kriege. Diese Kriege führten zur Intensivierung des nationalistischen Gefühls in ganz Europa. Aus dem Nationalismus entstanden eine Reihe neuer Götzendienste, die die Welt zersplitterten. (Fichtes Schriften beispielsweise enthalten bereits das Glaubensbekenntnis der Nazis und legen es sogar weitgehend klar.) Dem Nationalismus verdanken wir die allgemeine Wehrpflicht daheim und den Imperialismus in Übersee. „Ohne die eiserne Diktatur der Jakobiner“, sagt Professor Laski, „wäre die Republik vernichtet worden.“ Schön empfunden! Unglücklicherweise gibt es aber auch Tatsachen. v 29

4. KAPITEL

Die erste bezeichnende Tatsache ist, daß die Republik vernichtet wurde und daß die eiserne Diktatur der Jakobiner die Hauptursache ihrer Vernichtung war. Auch war das nicht die einzige Unheilstat, für die die Diktatur der Jakobiner verantwortlich war. Sie führte zu der nutzlosen Verheerung und dem Gemetzel der napoleonischen Kriege; zu dauernder militärischer Sklaverei oder Wehrpflicht, die praktisch allen europäischen Ländern auferlegt wurden, und zum Entstehen der nationalistischen Götzendienste, die die Existenz unserer Zivilisation bedrohen. Eine schöne Leistung! Und dennoch glauben angehende Revolutionäre hartnäckig daran, mit Hilfe von Methoden, die denen der Jakobiner im wesentlichen ähneln, so völlig andersartige Resultate erzielen zu können wie soziale Gerechtigkeit und Frieden unter den Nationen. Gewalt kann nie zu wahrem Fortschritt führen, es sei denn, sie würde anschließend durch das Gegenteil von Gewalt ausgeglichen und durch Taten der Gerechtigkeit und des guten Willens wiedergutgemacht. Jedoch den Fortschritt bewirkt in solchen Fällen das ausgleichende Verhalten, nicht die vorangehende Gewalt, die dieses Verhalten ausgleichen sollte. Soweit zum Beispiel die Eroberung Galliens durch die Römer und die Eroberung Indiens durch die Briten zu einem Fortschritt führte (und es ist schwer zu sagen, ob es an dem ist, und ganz unmöglich zu erraten, ob ein gleicher Fortschritt sich nicht ohne diese Eroberungen hätte erzielen lassen), ist dieser Fortschritt allein dem ausgleichenden Verhalten der römischen und britischen Verwaltungsbeamten zuzuschreiben, nachdem die Periode der Gewaltsamkeiten vorüber war. Wo dem ursprünglichen gewaltsamen Vorgehen kein ausgleichendes gutes Verhalten folgt, wie in den von den Türken eroberten Ländern, wird kein wirklicher Fortschritt erzielt. (In Fällen, wo Gewaltsamkeit auf die Spitze getrieben wird und die Opfer völlig ausgerottet werden, ist die Tafel reingewaschen, und es steht denen, die Gewalt anwenden, frei, von neuem auf eigene Rechnung anzufangen.; Auf diese Weise haben die englischen Siedler in Nordamerika, ohne Rücksicht auf Penns humaneren Vorschlag, die Indianerfrage gelöst. Diese Politik ist abscheulich und nur in schwachbesiedelten Ländern anwendbar.) 30

ilALE REFORM UND CEWALT

Je länger Gewalt angewendet wurde, um so schwerer fallen denen, die sie anwendeten, ausgleichende Handlungen, die auf Gewalt verzichten. Gewalt wird zur Tradition; die Menschen stellen eine Wertskala auf, nach der gewaltsame Handlungen als heroisch und tugendhaft gelten. Wenn das geschieht, wie es beispielsweise bei den Wikingern und Tataren geschah und worum sich die Diktatoren gegenwärtig in Deutschland, Italien und der Sowjetunion zu bemühen scheinen, ist wenig Aussicht, daß sich die Folgen der Gewaltsamkeit durch anschließende Taten der Gerechtigkeit und Güte aufwiegen lassen. Aus dem Vorangegangenen ergibt sich, daß es wahrscheinlich keiner Reform beschieden sein kann, die gewünschten Ergebnisse zu erzielen, sofern sie nicht nur gute Absichten verfolgt, sondern auch zur richtigen Zeit einsetzt. Eine soziale Reform durchzuführen, die unter den gegebenen historischen Umständen auf so viel Widerstand stoßen muß, daß Gewaltanwendung notwendig wird, ist ein übereiltes Verbrechen. Denn die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß jede Reform, die sich zu ihrer Einführung der Gewalt bedient, nicht allein die vorgesehenen guten Ergebnisse verfehlt, sondern daß sie vielmehr tatsächlich die Dinge noch verschlimmern wird. Gewalt kann, wie wir gesehen haben, nur die Ergebnisse der Gewalt hervorrufen; diese Ergebnisse lassen sich nur ungeschehen machen durch anschließende ausgleichende Gewaltlosigkeit; wo lange Zeit Gewalt angewendet wurde, wird die Gewalt zur Gewohnheit, und es fällt denen, die Gewalt anwenden, außerordentlich schwer, ihre Politik umzustoßen. Außerdem übertreffen die Ergebnisse der Gewaltsamkeit bei weitem die kühnsten Träume der oftmals wohlmeinenden Leute, die zu ihr ihre Zuflucht nehmen. Die „eiserne Diktatur“ der Jakobiner führte, wie wir gesehen haben, zu militärischer Tyrannei, zu zwanzigjährigem Krieg, zu dauernder Wehrpflicht in ganz Europa und zum Entstehen des nationalistischen Götzendienstes. In unserer Zeit bewirkten die anhaltende Gewaltsamkeit der zaristischen Tyrannei und die akute katastrophale Gewaltsamkeit des Weltkrieges die „eiserne Diktatur“ der Bolschewiken. Aus der drohenden Gefahr einer gewaltsamen Weltrevolution entstand der Faschismus; der 31

4. KAPITEL

Faschismus bewirkte die Wiederaufrüstung; die Wiederaufrüstung zog die fortschreitende Entliberalisierung in den demokratischen Ländern nach sich. Worin die weiteren Ergebnisse der Moskauer „eisernen Diktatur“ bestehen werden, wird allein die Zeit beweisen. Im gegenwärtigen Augenblick jedenfalls (Juni 1937) sind die Aussichten, milde ausgedrückt, außerordentlich düster. Wenn wir also Reformen großen Stils anstreben, die sich durch die Ausführung nicht selbst aufheben sollen, müssen wir uns zu Durchführungsmaßnahmen entschließen, die keine oder schlimmstenfalls sehr geringe Gewaltanwendung erfordern. (In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, daß Reformen, die unter dem Druck der Furcht vor der Gewaltsamkeit der ausländischen Nachbarn und mit dem Ziel durchgeführt werden, in künftigen internationalen Kriegen Gewalt noch wirksamer anwenden zu können, sich auf lange Sicht wahrscheinlich genau so selbst aufheben werden wie Reformen, die dem Inland nur durch Terror aufgezwungen werden können. Vielfach haben die Diktatoren die Struktur der Gesellschaft, die sie regieren, in großem Stil verändert, ohne zur Schreckensherrschaft greifen zu müssen. Die Bevölkerung stimmte diesen Veränderungen zu, da sie durch eindringliche Propaganda davon überzeugt worden war, sie seien nötig, um das Land gegen „ausländische Angriffe“ zu schützen. Einige dieser Veränderungen trugen den Charakter wünschenswerter Reformen; soweit sie jedoch darauf berechnet waren, das Land zu einer wirksameren Kriegsmaschine zu machen, veranlaßten sie meist nur andere Länder, ihre militärische Leistungsfähigkeit zu steigern und damit einem kommenden Krieg um so eher den Weg zu bereiten. Es liegt jedoch in der Natur des Krieges, daß höchstwahrscheinlich keinerlei wünschenswerte Reform die Katastrophe überlebt. Daraus läßt sich ersehen, daß wahrhaft wünschenswerte, ohne Widerspruch aufgenommene Reformen sich dennoch selbst aufheben können, wenn die Gemeinschaft durch die Art der Propaganda dazu bestimmt wurde, sie anzuerkennen, durch Propagandamittel, die mit der Furcht der Menschen vor künftigen Gewalttaten von anderer Seite spekulieren oder kommende und erfolgreiche eigene Gewaltsamkeiten verherrlichen.) Um zu unserem Haupt32

SOZIALE REFORM UND GEWALT

thema zurückzukehren, der Notwendigkeit, bei der Durchführung von Reformen im Lande Gewaltsamkeiten zu vermeiden: wir sehen, eine Reform kann wahrhaft wünschenswert sein, und doch kann es ihr so an Beziehung zu den bestehenden historischen Gegebenheiten fehlen, daß sie praktisch nutzlos ist. Das bedeutet nicht, wir sollten den ungeheuren Fehler begehen, dem Hegel verfiel und der erneut munter von jedem modernen Tyrannen begangen wird, um Verbrechen zu rechtfertigen und Torheiten für vernünftig zu erklären - wir meinen den Fehler, zu behaupten, das Reale sei zugleich das Rationale und das Historische gleichbedeutend mit dem Idealen. Das Reale ist nicht das Rationale; und was auch immer sei, ist damit noch nicht richtig. In jedem gegebenen historischen Augenblick enthält das Reale, wie wir es kennen, gewisse Elemente des Rationalen, die seinem Gefüge durch geduldiges menschliches Bestreben mühsam einverleibt wurden; unter den Dingen, die da sind, gibt es richtigere und weniger richtige. Daher verlangt der schlichte, gesunde Menschenverstand, wir sollten uns bemühen, alle wertvollen Bestandteile der bestehenden Ordnung zu erhalten, wenn wir Reformen durchführen. Veränderungen an sich sind für die meisten Menschen mehr oder minder stark schmerzhaft. Aus diesem Grunde werden wir gut tun, selbst die Elemente der bestehenden Ordnung beizubehalten, die weder besonders schädlich noch besonders wertvoll, sondern nur neutral sind. In jeder gegebenen historischen Situation spielt die konservative Einstellung der Menschen eine Rolle. Daher ist es sehr wichtig, daß Sozialreformer von unnötigen oder erschreckend großen Veränderungen absehen. Wo immer möglich, sollten bekannte Einrichtungen erweitert oder entwickelt werden, um die gewünschten Erfolge zu bewirken; bereits anerkannte Prinzipien sollten übernommen und auf ein größeres Gebiet angewendet werden. Auf diese Weise würden Ausmaß und Intensität des Widerstandes gegen den Wechsel und zugleich die Gefahr, Gewaltmaßnahmen anwenden zu müssen, auf ein Mindestmaß beschränkt. 3 Huxley, Ziele und Wege 33

V DIE GEPLANTE GESELLSCHAFT Vor dem ersten Weltkrieg sprachen nur „Fabier“* von einer geplanten Gesellschaft. Während des Krieges wurden alle kriegführenden Gesellschaften geplant, und (wenn man berücksichtigt, wie rasch sich das vollzog) sehr wirksam geplant, um die Feindseligkeiten fortführen zu können. Unmittelbar nach dem Kriege setzte eine Reaktion gegen die Planung ein, was unter den damaligen Umständen verständlich genug war. Die Depression bewirkte eine Reaktion gegen diese Reaktion, und seit 1929 ist die Idee der Planung fast in der ganzen Welt populär geworden. Inzwischen wurde die Planung in totalitären Staaten systematisch und in großem Maßstab, in demokratischen Ländern teilweise durchgeführt. Eine Flut von Literatur über soziale Planung entströmt fortgesetzt den Druckpressen. Jeder „fortschrittliche“ Denker vertritt sein Lieblingssystem, und selbst ganz gewöhnliche Leute sind von dieser Krankheit angesteckt. Planung ist gegenwärtig in Mode. Nicht ganz ungerechtfertigt. Unsere Welt ist übel dran, und es hat den Anschein, als sei es unmöglich, sie aus ihrer augenblicklichen Verlegenheit herauszureißen, geschweige denn ihre Lage zu verbessern, es sei denn durch sorgfältige Planung. Zugegeben, das ist nur eine Ansicht; es spricht aber alles dafür, sie für wohlbegründet zu (halten. Mittlerweile hat sich jedoch als sicher herausgestellt - weil wir es tatsächlich beobachten können -, daß wir bei dem Versuch, unsere Welt oder einen Teil dieser Welt aus ihrer heutigen Verworrenheit herauszuretten, Gefahr laufen, sie in einen höllischen Zustand und schließlich in völlige Vernichtung hineinzuplanen’. Manche Heilmittel sind schlimmer als die Leiden selbst. Eine gewisse überlegte Planung ist notwendig. Aber wieviel und welche Art von Planung? Wir dürfen diese Fragen nur beantworten und eines der bestehenden Systeme ablehnen, wenn wir ständig auf * Mitglieder der „Fabian Society“, einer englischen Vereinigung von führenden Vertretern des wissenschaftlichen Sozialismus. Sie wollen durch stete, zähe Beeinflussung des öffentlichen Lebens den Staatssozialismus vorbereiten, ihn aber nicht durch rasche und gewaltsame Maßnahmen herbeiführen. Sie nennen sich nach dem Feldherrn Fabius Cunctator („der Zauderer“, der Abwartende).

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E GEPLANTE GESELLSCHAFT

unsere idealen Forderungen zurückgreifen. Wollen wir einen Plan beurteilen, so müssen wir uns fragen, ob er dazu beitragen wird, die betreffende Gesellschaft in eine gerechte, friedliebende, sittlich und geistig fortschrittliche Gemeinschaft von unabhängigen und verantwortlichen Männern und Frauen zu verwandeln. Wenn ja, können wir sagen, der Plan ist gut. Wenn nein, müssen wir ihn für schlecht erklären. In unserer Welt von heute gibt es zweierlei schlechte Pläne - die einen haben Menschen entworfen und ausgeführt, die nicht an unsere idealen Forderungen glauben, die anderen sind von Menschen erfunden und verwirklicht worden, die zwar an die von den Propheten aufgestellten Ziele glauben, sich aber einbilden, sie ließen sich mit schlechten oder ungeeigneten Mitteln erreichen. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, und wahrscheinlich werden die Pläne der wohlmeinenden Leute der zweiten Art nicht weniger verheerende Folgen haben als die der böswilligen Leute der ersten Gattung. Womit erneut bewiesen ist, wie recht Buddha hatte, als er das Nicht-Bewußtsein und das, Nicht- Wissen zu den Todsünden zählte. Wir wollen einige schlechte, diesen beiden Arten zugehörige Pläne betrachten. In die erste Gattung müssen wir alle faschistischen und spezifisch militaristischen Pläne einreihen. Der Faschismus glaubt, wie Mussolini sagt, „daß der Krieg allein die menschliche Energie zu höchster Spannkraft entwickelt und den Völkern, die den Mut halben, ihm ins Auge zu sehen, den Stempel des Adels aufprägt“. Ferner „jede Doktrin, die auf der verhängnisvollen Forderung nach Frieden fußt, ist anti-faschistisch“. Der Faschist glaubt also, die Bombardierung offener Städte mit Feuer, Gift und Explosivstoffen (mit anderen Worten, der moderne Krieg) sei wahrhaft gut. Er verwirft die Lehren der Propheten und ist davon überzeugt, die beste Gesellschaft sei eine nationale Gesellschaft, die in chronischer Feindschaft mit anderen nationalen Gesellschaften lebt, befangen in Gedanken an Raub und Gemetzel. Er verachtet das unabhängige Individuum; zum Gegenstand der Bewunderung macht er den Menschen, der, gehorsam dem Führer, der augenblicklich gerade die politische Macht an sich gerissen hat, systematisch alle Leidenschaften kultiviert (Hochmut, >Zorn, Neid, Haß), die die Propheten und 3* 36

5. KAPITEL

Religionsstifter einstimmig als die bösartigsten und menschenunwürdigsten verurteilt haben. Die gesamte faschistische Planung strebt ein höchstes Ziel an: die nationale Gesellschaft zu einer wirksameren Kriegsmaschine zu machen. Zu diesem Zweck werden Industrie, Handel und Finanz kontrolliert. Die Produktion von Ersatzmitteln »wird gefördert, damit das Land sich in Kriegszeiten selbst versorgen kann. Zölle und Kontingente werden festgesetzt, Ausfuhrprämien verteilt, Geldwerte herabgesetzt, um Augenblicksvorteile zu gewinnen oder einem Gegner Verluste zuzufügen. Die Außenpolitik richtet sich offen nach machiavellistischen Prinzipien; feierliche Abkommen werden bewußt in der Absicht abgeschlossen, sie zu brechen, sobald das vorteilhaft erscheint; man beruft sich auf das internationale Recht, wenn es zufällig zweckdienlich ist, man verwirft es, wenn es den imperialistischen Bestrebungen der Nation die geringste Beschränkung auferlegt. Die Untertanen des Diktators werden inzwischen systematisch zu guten Bürgern des faschistischen Staates erzogen, die Kinder einer autoritären Zucht unterworfen, um sie zugleich im Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten und in Brutalität gegen die, die unter ihnen stehen, heranwachsen zu lassen. Wenn sie den Kindergarten verlassen, beginnt schon die militärische Ausbildung, die in den Jahren der Militärdienstpflicht ihren Höhepunkt erreicht und anhält, bis der Mensch zu alt ist, um als kriegstüchtiger Soldat in Betracht zu kommen. Die Schule lehrt die Kinder ungeheuerliche Lügen über die Heldentaten ihrer Vorfahren, während die Wahrheit über andere Völker entweder entstellt oder ganz unterdrückt wird. Die Presse unterliegt der Zensur, so daß auch die Erwachsenen nur das erfahren können, was dem Diktator beliebt. Wer andersgeartete Ansichten äußert, wird rücksichtslos verfolgt. Um das Privatleben und die Meinungen selbst der bescheidensten Menschen überwachen zu können, sind sorgfältig ausgearbeitete Polizei-Spionage-Systeme geschaffen worden. Denunziation wird unterstützt, Verbreitung von Gerüchten bestraft. Der Terror ist legalisiert. Das Gericht arbeitet unter Ausschluß der Öffentlichkeit; das Verfahren ist ungerecht, die Strafen sind barbarisch grausam. Unmenschlichkeiten und Folterungen sind an der Tagesordnung. 36

DIE GEPLANTE GESELLSCHAFT

Das ist die faschistische Planung - die Planung derer, die die idealen Forderungen der christlichen Zivilisation und der älteren asiatischen Zivilisationen verwerfen (von denen jene abgeleitet ist) - die Planung von Menschen mit offenkundig schlechten Absichten. Jetzt wollen wir Beispiele für Planung durch politische Führer untersuchen, die die idealen Forderungen anerkennen und gute Absichten haben. Zunächst ist dabei zu beachten, daß keiner dieser Männer die idealen Forderungen uneingeschränkt befolgt. Sie glauben alle, die erwünschten Zwecke könnten sich mit unerwünschten Mitteln erreichen lassen. Sie streben zwar Ziele an, die denen der Faschisten diametral entgegengesetzt sind, schlagen aber beharrlich die gleichen Wege ein wie die Duces und Führer. Sie sind Pazifisten, richten sich jedoch, obwohl Pazifisten, nach der Theorie, daß man mit kriegerischen Mitteln den Frieden erzwingen könne; sie sind Reformer und Revolutionäre, jedoch Reformer, die sich einbilden, ungerechtes und willkürliches Vorgehen könne soziale Gerechtigkeit bewirken; Revolutionäre, die sich einreden, die Zentralisierung der Macht und die Versklavung der Massen könne allen die Freiheit bringen. Das revolutionäre Rußland besitzt die größte Armee der Welt; eine Geheimpolizei, die in rücksichtslosem Vorgehen mit der deutschen oder italienischen wetteifert; eine strenge Pressezensur; ein Erziehungssystem, das, seit Stalin es reformierte, so autoritär wie das Hitlersche ist; ein umfassendes System militärischer Ausbildung, das nicht nur auf Männer, sondern auch auf Frauen und Kinder angewendet wird; einen Diktator, den man ebenso sklavisch anbetet wie die Gottmenschen in Rom und Berlin, eine Bürokratie, die tief durchdrungen ist von dem Bewußtsein, die neue, herrschende Klasse zu sein, und die sich der Macht des Staates bedient, um sich ihre Vorrechte zu erhalten und ihre begründeten Interessen zu schützen; eine oligarchische Partei, die das ganze Land beherrscht und die nicht einmal ihren aufrichtig gläubigen Mitgliedern Freiheit gewährt. (Die meisten herrschenden Kasten sind demokratisch, soweit es sich
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