48991541 Kuhnl Streit Um Geschichtsbild

January 21, 2018 | Author: failure123 | Category: Politics, Unrest, Politics (General), Science, Philosophical Science
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Reinhard Kühnl (Hrsg.)

Streit ums Geschichtsbild Die »Historiker-Debatte« Darstellung, Dokumentation, Kritik

Pahl-Rugenstein

© 1987 by Pahl-Rugenstein Verlag G m b H , Köln Alle Rechte vorbehalten Umschlag: Willi H o l z e l / A n d r e a s Tsordanidis T i t e l f o t o : Michael M e y b o r g Satz: Fotosatz Klaußner G m b H , Köln D r u c k : Locher G m b H , Köln C I P - K u r z t i t e l a u f n a h m e der D e u t s c h e n Bibliothek Streit u m s Geschichtsbild : d. »Historiker-Debatte« ; Darst., D o k u m e n t a t i o n , Kritik / Reinhard Kühnl (Hrsg.). - Köln : Pahl-Rugenstein, 1987. (Kleine Bibliothek ; 481 : Politik und Zeitgeschichte) I S B N 3-7609-1188-9 N E : Kühnl, Reinhard [ H r s g . ] ; G T

Inhalt

Verzeichnis der Dokumente

6

Vorwort des Herausgebers

13

Dokumentation Broszat, Brügel, Brumlik, Claussen, Fest, Fülberth, Galinski, Gillessen, Grab, Habermas, Hildebrand, Hillgruber, Hoffmann, Hörster-Philipps, Jäckel, Kocka, Kohl, Lübbe, Meier, H. Mommsen, W. J. Mommsen, Nipperdey, Nolte, Pätzold, Pereis, Pietrow, Reißmüller, Schirrmacher, Stürmer, Ueberschär, Winkler

14

Reinhard Kühnl Ein Kampf um das Geschichtsbild: Voraussetzungen - Verlauf - Bilanz

200

Kurt Gossweiler N u r eine Historikerdebatte?

292

Arno Klönne Historiker-Debatte und »Kulturrevolution von rechts«

317

Verzeichnis der Dokumente

1. Hermann Lübbe Es ist nichts vergessen, aber einiges ausgeheilt FAZ v. 24. Ol. 83

14

2. Andreas Hillgruber Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen J u d e n t u m s . Köln: C o r s o bei Siedler 1986. (S. 1 3 - 7 4 )

19

3. Hans Mommsen Die Last der Vergangenheit wird weitgehend ausgeklammert. FR v. 08. 04. 86

27

4. Michael Stürmer Geschichte in geschichtslosem Land. FAZ v. 25. 04. 86

30

5. Ernst Nolte Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. FAZ v. 06. 06. 86

32

6. Christian Meier Verurteilen und Verstehen. An einem Wendepunkt deutscher Geschichtserinnerung. FAZ v. 28. 06. 86

37

7. Jürgen Habermas Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung. DIE ZEIT v. 11. 07. 86

42

8. Frank Schirrmacher Aufklärung? H a b e r m a s und die Geschichte. FAZ v. 11. 07. 86

51

9. Michael Brumlik N e u e r Staatsmythos Ostfront. Die neueste Entwicklung der Geschichtswissenschaft der BRD. taz v. 12. 07. 86

53

10. Klaus Hildebrand Das Zeitalter der Tyrannen. Geschichte und Politik: Die Verwalter der Aufklärung, das Risiko der Wissenschaft und die Geborgenheit der Weltanschauung. FAZ v. 31. 07. 86

56

11. Jürgen Habermas Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein. FAZ v. 11. 08. 86 (Leserbrief)

61

12. Michael Stürmer Eine Anklage, die sich selbst ihre Belege fabriziert. FAZ v. 16. 08. 86 (Leserbrief)

63

13. Günther Gillessen Der Krieg der Diktatoren. Wollte Stalin im Sommer 1941 das Deutsche Reich angreifen? FAZ v. 20. 08. 86

65

14. Joachim C. Fest Die geschuldete Erinnerung. Zur Kontroverse über die Unvergleichbarkeit der nationalsozialistischen Massenverbrechen. FAZ v. 29. 08. 86

68

15. Bianka Pietrow Offensive Militärkonzeption. FAZ v. 03. 09. 86 (Leserbrief)

75

16. Eberhard Jäckel Die elende Praxis der Untersteller. Das Einmalige der nationalsozialistischen Verbrechen läßt sich nicht leugnen. DIE ZEIT v. 12.09. 86

76

17. Hans Mommsen Suche nach der »verlorenen Geschichte« ? Bemerkungen z u m historischen Selbstverständnis der Bundesrepublik. M e r k u r 451-52 (Sept./Okt.) 1986. (S. 8 6 4 - 8 7 4 )

80

18. Jürgen Kocka Hitler sollte nicht durch Stalin und Pol Pot verdrängt werden. Ü b e r Versuche deutscher Historiker, die Ungeheuerlichkeit von NS-Verbrechen zu relativieren. F R v. 23. 09. 86

87

19. Georg Fülberth Ein Philosoph blamiert die Historiker. DVZ/die tat v. 26. 09. 86

92

20. Hans Mommsen Neues Geschichtsbewußtsein und Relativierung des Nationalsozialismus. Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 10/ 1986 (S. 1200-1213)

95

21. Helmut Kohl Selbstbestimmung - wie jedes Volk der Erde. DIE WELT v. 01. 10. 86 (interviewt durch A. Hillgruber)

105

22. Martin Broszat Wo sich die Geister scheiden. Die Beschwörung der Geschichte taugt nicht als nationaler Religionsersatz. DIE ZEIT v. 03. 10. 86

108

23. Christian Meier Gesucht: Ein modus vivendi mit uns selbst. Rheinischer Merkur/Christ und Welt v. 10. 10. 86

111

24. Joachim Hoffmann Stalin wollte den Krieg. FAZ v. 16. 10. 86 (Leserbrief)

116

25. Thomas Nipperdey Unter der Herrschaft des Verdachts. Wissenschaftliche Aussagen dürfen nicht an ihrer politischen Funktion gemessen werden. DIE ZEIT v. 24. 10. 86

120

26. Gerd R. Ueberschär Hitler, nicht Stalin w a r der Aggressor. FAZ v. 31. 10. 86 (Leserbrief)

123

27. Johann Wolfgang Brügel Erstaunliche Behauptungen. FAZ v. 31. 10. 86 (Leserbrief)

125

28. Ernst Nolte Die Sache auf den Kopf gestellt. Gegen den negativen Nationalismus in der Geschichtsbetrachtung. DIE ZEIT v. 31. 10. 86

126

29. Andreas Hillgruber Für die Forschung gibt es kein Frageverbot. Rheinischer Merkur/Christ und Welt v. 31. 10. 86

131

30. Jürgen Habermas Vom öffentlichen Gebrauch der Historie. Das offizielle Selbstverständnis der Bundesrepublik bricht auf. DIE ZEIT v. 07. 11. 86

134

31. Bianka Pietrow Stalins Politik bis 1941. FAZ v. 13. 11. 86 (Leserbrief)

140

32. Johann Georg Reißmüller Verschwiegene Zeitgeschichte. FAZ v. 14. 11. 86

144

33. Heinrich August Winkler Auf ewig in Hitlers Schatten? Zum Streit über das Geschichtsbild der Deutschen. F R v. 14. 11. 86

146

34. Kein Zum FAZ

150

Christian Meier Schlußwort Streit um die NS-Vergangenheit. v. 20. 11. 86

35. Klaus Hildebrand Wer dem A b g r u n d entrinnen will, muß ihn aufs genaueste ausloten. Ist die neue deutsche Geschichtsschreibung revisionistisch? DIE WELT v. 22. 11. 86

156

36. Andreas Hillgruber So schwer nachzuvollziehen? FAZ v. 29. 11. 86 (Leserbrief)

163

37. Wolfgang J. Mommsen Weder leugnen noch vergessen befreit von der Vergangenheit. W. J. M o m m s e n über die Deutschen und ihre Nation. F R v. 01. 12. 86

163

38. Kurt Pätzold Von Verlorenem, G e w o n n e n e m und Erstrebtem oder: Wohin der »neue Revisionismus« steuert. Blätter f ü r deutsche und internationale Politik, Heft 12/ 1986 (S. 1452-1463)

169

39. Ulrike Hörster-Philipps Kernfrage des bundesdeutschen Historikerstreits. DVZ/die tat v. 12. 12. 86

178

40. Joachim Pereis Wer sich verweigerte, ließ das eigene Land im Stich. In der Historiker-Debatte w i r d auch der Widerstand u m bewertet. FR v. 27. 12. 86

182

41. Heinz Galinski Beweiszwang für die Opfer, Freispruch für die Täter. Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 1/ 1987. (S. 2 0 - 2 4 )

185

42. Detlev Claussen U b e r »nationale Identität«, über Indifferenz derGefühle. Deutschland - ein Phönix aus der Asche? Zum Historikerstreit um die identitätsstiftende Kraft der Geschichte. Streitgespräche und Essays, zusammengestellt von Lothar Fend und Brigitte Granzow, Samstagabend in W D R 3, Westdeutscher R u n d f u n k , 3. H ö r f u n k p r o g r a m m , 3. 1. 1987

186

43. Kurt Pätzold Wo der Weg nach Auschwitz begann. Der deutsche Antisemitismus und der Massenmord an den europäischen Juden. Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 2/ 1987 (S. 1 6 0 - 1 7 2 )

191

44. Walter Grab Kritische Bemerkungen zur nationalen Apologetik Joachim Fests, Ernst Noltes und Andreas Hillgrubers. 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, Heft 2/1987 (S. 151 - 1 5 7 )

195

Vorwort des Herausgebers Die »Historiker-Debatte« hat die wissenschaftliche und politische Öffentlichkeit der Bundesrepublik in ungewöhnlichem Maße erregt. Das war kein Zufall. Denn hier wird zwar auch über die Frage gestritten, »wie es wirklich gewesen ist« - damals im Faschismus. Tatsächlich aber geht es auch und wesentlich darum, welche Konsequenzen sich aus der faschistischen Vergangenheit für uns ergeben und welchen Weg dieses Land einschlagen soll. Nicht um die Vergangenheit also geht es primär, sondern um die Zukunft. Eine Koalition aus dem rechten Flügel der Unionsparteien, großen konservativen Zeitungen, insbesondere FAZ, Welt und Rheinischer Merkur, und konservativen Historikern startete einen umfassenden Angriff, mit dem Ziel, das bisherige historisch-politische Selbstverständnis der Bundesrepublik in seinen Grundlagen nach rechts zu verschieben. Der vorliegende Sammelband soll zweierlei leisten: Zum einen soll er die »Historiker-Debatte« selbst dokumentieren, zum anderen die Vorgeschichte, den Verlauf und- die Argumentationslinien dieser Debatte darstellen und kritisch bilanzieren und so ihren historischen, politischen und wissenschaftlichen Stellenwert in der Entwicklung der Bundesrepublik sichtbar machen. Bei der Dokumentation haben wir uns für eine chronologische Ordnung entschieden, da es sich bei zahlreichen Beiträgen um Repliken handelt, die ohne das Vorangegangene nicht zu verstehen sind. Insgesamt hat eine solche Reihenfolge den Vorteil, den Gang der Debatte besser nachvollziehen zu können, als dies bei einer systematischen Aufgliederung nach thematischen Schwerpunkten möglich wäre. Die erste Phase dieser »Historiker-Debatte« scheint zunächst abgeschlossen. Die Auseinandersetzung über den politischen Weg der Bundesrepublik aber wird - angesichts der vielen drängenden Probleme und der stark divergierenden Interessen - sicher nicht nachlassen. Und also wird auch die Auseinandersetzung um das Geschichtsbild weitergehen als einer Legitimationsbasis, mit der politische Entscheidungen begründet werden. Verlauf, Ertrag und Defizite dieser »HistorikerDebatte« aufzuarbeiten, ist also nicht nur von intellektuellem Interesse. Reinhard

Kühnl

13

Dokumentation

1.

Hermann Lübbe

Es ist nichts vergessen, aber einiges ausgeheilt Der Nationalsozialismus im Bewußtsein der deutschen Gegenwart

(. . .) Wenn man auf die Gründungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland zurückblickt, so wird deutlich, daß die öffentliche Anerkennung der politischen und moralischen Niederlage der nationalsozialistischen Herrschaft zu den zentralen legitimatorischen Elementen dieser Republik gehörte. Dasselbe gilt für den Willen, aus naheliegenden Erfahrungen mit jener Herrschaft und insbesondere auch aus Erfahrungen mit den verfassungsmäßigen Voraussetzungen der sogenannten Machtergreifung institutionelle Konsequenzen zu ziehen. Und schließlich galt der Grundsatz der Wiederanknüpfung an jene moralischen und politischen Traditionen, die in der nationalsozialistischen Kulturrevolution liquidiert worden waren. (. . .) Im öffentlichen Schutz dieser normativen Geltungen im Verhältnis zum Nationalsozialismus vollzog sich die Staatwerdung der zweiten deutschen Demokratie. (. . .) Indessen bleibt richtig: Im Vergleich mit diesen normativen Selbstverständlichkeiten öffentlicher Abgrenzung dem Dritten Reich gegenüber spielen in den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland historische oder theoretische Bemühungen zur Bewältigung des Nationalsozialismus in der kulturellen und politischen Öffentlichkeit eher eine geringere Rolle. Ein innenpolitisch und näherhin ideologiepolitisch frontenbildender Faktor ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus damals auch nicht gewesen, und insbesondere hat es im Verhältnis der Deutschen zueinander weder bei Kriegsende noch in den Jahren darauf einen lagebeherrschenden Willen zur politischen Abrechnung gegeben. Wie erklärt es sich also, daß in dieser Weise, im Schutz öffentlich 14

wiederhergestellter normativer Normalität, das deutsche Verhältnis zum Nationalsozialismus in temporaler Nähe zu ihm stiller war als in späteren Jahren unserer Nachkriegsgeschichte? Die Antwort scheint mir zu lauten: Diese gewisse Stille war das sozialpsychologisch und politisch nötige Medium der Verwandlung unserer Nachkriegsbevölkerung in die Bürgerschaft der Bundesrepublik Deutschland. Es hätte eines solchen Mediums nicht bedurft, wenn die Herrschaft des Nationalsozialismus ihre Wirklichkeit exklusiv in jenen Machthabern gehabt hätte, die in den Prozessen der Alliierten abgeurteilt wurden, kraft Spruchkammerbescheid im Entnazifizierungsverfahren nun als »untragbar« galten oder auch als kleine Schergen im Funktionalismus des Verbrechens tätig gewesen waren. (. . .) Gegen Ideologie und Politik des Nationalsozialismus, in dessen Katastrophe zugleich auch das Reich untergegangen war, mußte der neue deutsche Staat eingerichtet werden. Gegen die Mehrheit des Volkes konnte er schwerlich eingerichtet werden. Meine These, daß die gewisse Zurückhaltung in der öffentlichen Thematisierung individueller oder auch institutioneller Nazi-Vergangenheiten, die die Frühgeschichte der Bundesrepublik kennzeichnet, eine Funktion der Bemühung war, zwar nicht diese Vergangenheiten, aber doch ihre Subjekte in den neuen demokratischen Staat zu integrieren. (. . .) (. . .) Zur Verdrängungsthese paßt das (. . .) nicht, aber es paßt, noch einmal, in den Kontext von Vorgängen der politischen Konsolidierung eines Gemeinwesens, das sich für seine eigene Legitimität der Realitäten versichern mußte, aus deren Katastrophe und normativer Uberwindung es hervorgegangen war. Man würde indessen den hier gemeinten Vorgang mißverstehen, wenn man annähme, im Glanz des gelingenden politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus seien die Schatten der Vergangenheit allmählich verblichen und das Verhältnis zu ihr habe sich zu einem Verhältnis historiographischer Unbefangenheit entwickelt. Das Gegenteil ist richtig, und die Schatten der Vergangenheit wurden um so länger, je tiefer das Dritte Reich in den Zeithorizont zurücksank. Dies ist alles andere als ein Paradox. Es liegt dem vielmehr eine elementare Pragmatik menschlicher Vergangenheitsbezogenheiten zugrunde. Solange man aus Gründen, die man sich selbst zurechnen muß, sich vollständig niedergeworfen findet, ist die Vergangenheit, der diese Gründe angehören, mit der Gegenwart ihrer Folgen bruchlos 15

eins. Erhebt man sich aber aus dem Zusammenbruch und gewinnt allmählich Stand und Anerkennung zurück, so beginnt man zugleich, in Differenz zu sich selbst zu existieren, und die Vergangenheit wird zum eigentlichen Moment der Schwäche im wiedergewonnenen Stande. Nicht die zerschmetterte, sondern die in eine neue Zukunft entlassene Identität hat eine diskreditierende Vergangenheit hinter sich, von der sie eingeholt werden könnte, und es ist unvermeidbar, daß sich nun gewisse Unsicherheiten darüber verbreiten, wie man sich, im Reden und Schweigen wann und wem gegenüber, in eine angemessene Beziehung zu ihr setzen könne. (...) Diese Unsicherheiten sind nicht ein Indiz der mißlungenen, sondern gerade umgekehrt der gelingenden Rekonstruktion deutscher Staatlichkeit, und Subjekte dieser Unsicherheiten sind gerade diejenigen, die sich mit dieser Staatlichkeit von Anfang an identifizierten. Die Bereitschaft zu dieser Identifikation nimmt Ende der sechziger Jahre dramatisch ab, und zwar generationenspezifisch. Wieso? Das hat Voraussetzungen, die gar nicht spezifisch deutsch, vielmehr industriegesellschaftsspezifisch, näherhin »westlich«, nämlich charakteristisch für hochentwickelte, politisch liberal verfaßte Gesellschaften sind. Diese sind, erneut, dabei, sich emotional von sich selbst zu distanzieren. So möchte ich den Vorgang kennzeichnen, der auch bei uns Ende der sechziger Jahre die Oberfläche des kulturellen und politischen Lebens durchbrach, und zwar zunächst in Formen einer politischen Jugendbewegung, deren anfängliche spätmarxistische Orientierungen weniger durch ihren Realitätsgehalt als durch ihr Verweigerungspotential faszinierend wirkten. (...) Die entscheidende Frage fürs Verständnis des Verhältnisses dieser Generation zum Nationalsozialismus scheint mir nun diese zu sein: Unter welchen Voraussetzungen hätte sie bereit sein können, die deutsche Nazi-Vergangenheit mit ihren entsprechenden Belastungs- und Verunsicherungsfolgen sich als Teil der eigenen Herkunftsgeschichte überhaupt noch zurechnen zu lassen? Die Antwort lautet: Nur bei einem hohen Grad der Ubereinstimmung mit dem politischen System der Bundesrepublik hätte sie bereit sein können, die Vergangenheit der Väter als eigene Vergangenheit politisch zu übernehmen. Eben diese Übereinstimmung hatte sich aus Gründen, die vom Verhältnis zum Nationalsozialismus prinzipiell unabhängig sind, längst abgeschwächt. Als Konsequenz ergab sich, daß man nun beides zugleich aus der eigenen historisch-politischen Identität abschob: die deutsche Nach16

kriegsgeschichte ebenso wie das Dritte Reich, das ihr vorauslag. Das konnte natürlich am wirkungsvollsten dadurch geschehen, daß man die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland als eine Geschichte der unvollendeten Überwindung des Nationalsozialismus umschrieb, und genau das ist die Funktion der großen akademisch-publizistischen Faschismusdebatte gewesen, die sich Ende der sechziger Jahre erhob und bis tief in die siebziger Jahre hinein anhielt. (...) Ich skizziere (. . .) in drei Absätzen. Erstens. Die historische Erklärung des Faschismus mit Einschluß des Nationalsozialismus zur politischen Funktion des Kapitalismus erhob diesen zur unabhängigen Größe im faschismus-theortischen Kontext. »Wer . . . vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen« - dieser bekannte Satz Max Horkheimers wurde nun hochzitabel. In seiner Konsequenz vollzog sich eine zunächst theoretische, dann aber auch politisch-moralische Delegitimierung der zur Frühgeschichte der Bundesrepublik Deutschland gehörenden Versuche, die nationalsozialistische Vergangenheit ins politische Gegenwartsbewußtsein zu heben. (. . .) (...) Zweitens. Der durch die neue oder doch erneuerte Faschismus-Theorie in Gang gesetzte Delegitimierungsprozeß konnte selbstverständlich mühelos, über den für hilflos erklärten altbundesrepublikanischen Antifaschismus hinaus auch auf die Geschichte der Bundesrepublik insgesamt ausgedehnt werden, und so geschah es. Selbstverständlich hat kein ernst zu nehmender Theoretiker jemals behauptet, die Bundesrepublik Deutschland sei ein faschistischer Staat. Aber ein postfaschistischer Staat mit konserviertem Kapitalismus war er eben doch und damit ein Staat, der unverändert dazu herausfordern sollte, ihn in antifaschistischer Absicht zu verändern. Damit wird die bisherige Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu einer ihrerseits bewältigungsbedürftigen Geschichte erhoben, zu einer »vergessenen Geschichte« und näherhin zu einer Geschichte der »verpaßten Chancen«. (. . .) Drittens. Wenn die unabhängige Größe Kapitalismus sogar in ihrer besonders prekären Spätgestalt fortdauerte, so lag es nahe anzunehmen, daß damit zugleich auch faschistoide Einstellungs- und Verhaltensprädispositionen fortdauern mußten, die es in vorbeugender Absicht aufzuspüren und bloßzustellen galt. In der Frühgeschichte der Bundesrepublik Deutschland war, wie geschildert, eher das integrative Verhalten zu braunen Biographieanteilen der gewöhnliche Fall. (. . .) 17

Im Kunstlicht der revitalisierten linken Faschismus-Theorien erschien nun aber eben dieser zukunftsbezogene politische Wille der Bürgerschaft, soweit sie ans kapitalistische System sich gebunden zu haben schien, grundsätzlich zweifelhaft. Eine Atmosphäre des intellektuellen Verdachts breitete sich aus. Die NS-Studentenschaftsaktivitäten etablierter Professoren, auch literarische, im Regelfall übrigens längst bekannte Dokumente intellektueller Bewegtheit von damals, wurden nun mit dem Gestus der Entlarvung vorgezeigt. Gesinnungsfronten wurden gebildet, hinter denen man sich unter dem Anspruch versammelte, im Unterschied zu den jeweils Ausgeschlossenen »für jene Traditionen« einzustehen, «gegen die 1933 ein deutsches Regime angetreten ist«. Der Faschismus erschien als aktuelle Wirklichkeit »nebenan«, galt sogar als Nato-spezifisch. Zusammengefaßt heißt das: In der zweiten Hälfte dieser Geschichte haben die politisch desintegrativ wirkenden Formen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu-relativen Ungunsten der integrativen zugenommen. Das ist der Hintergrund, vor dem erst die Bewegtheit verständlich wird, die im deutschen Publikum die amerikanische Holocaust-Fernsehserie ausgelöst hat. Wäre die politische Alltagskultur in der Bundesrepublik Deutschland in der Tat eine vom Kleinfaschismus »nebenan« durchsetzte Kultur gewesen, so hätte ja die Konfrontation mit den Holocaust-Konsequenzen des Nationalsozialismus in erster Linie Abwehrreaktionen auslösen müssen. Daß die gegenteilige Reaktion die vorherrschende war - das war entsprechend, zumal für die Anhänger des Verdrängungstheorems, die große Überraschung. Man kam ihr bei durch die Erklärung, jene Bewegtheit sei ein Phänomen eruptiver Entbindung kollektiv verdrängter Wirklichkeiten gewesen. Ich halte diese Verdrängungstheorie für eine Pseudotheorie, mit der die Zumutung verbunden ist, die Mehrheit des Volkes sei als Patient in die intellektuelle Obhut emanzipatorisch tätiger Verdrängungsanalytiker zu nehmen. (...) Identität - das ist nun einmal bis in unseren politischen Lebenszusammenhang hinein eine in erster Linie geschichtsbewirkte, vergangenheitsabhängige Größe, und Subjekte, die sich mit ihrer Vergangenheit schwertun, haben nur eine einzige Möglichkeit, ihr gegenüber allmählich freier zu werden. Diese Möglichkeit besteht darin, sich in der Gegenwart so einzurichten, daß, wenn auch diese Gegenwart schließlich Vergangenheit geworden ist, sie dem zustimmungsfähigen Teil der Vergagenheit zuzurechnen sein wird. FAZ, 24. 1. 1983

18

2.

Andreas Hillgruber

Zweierlei Untergang Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums

Die Literatur zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges ist kaum mehr zu überschauen, wobei es ausgesprochene Schwerpunkte der Forschung gibt, etwa die Kriegsziele Hitlers, die deutsche Politik und Strategie in den Jahren der großen Anfangserfolge 1939 bis 1941 oder wenn man die Gegenseite ins Auge faßt - die Probleme, die zwischen den Hauptmächten der »Anti-Hitler-Koalition« 1941 bis 1945 auftraten. Daneben aber gibt es, aus sehr unterschiedlichen Gründen: solchen politischer Zweckmäßigkeit, ideologischer Scheu oder ganz einfach denen einer schlechten Quellenlage, Felder, auf denen es einen Stillstand gibt oder die Forschung gar nicht in Gang gekommen ist. Dies gilt nicht zuletzt für die Katastrophe des deutschen Ostens im Winter 1944/45, die mit dem Abschluß der letzten Etappe der Geschichte der Großmacht Deutsches Reich, nämlich seiner Zerstörung, zusammenfiel und die doch für die deutsche Nationalgeschichte ebenso bedeutsam ist wie für die europäische Gesamtgeschichte. (S. 13) (...) (. . .) Vor allem kam es zu einer Zersplitterung der Forschung. Auf der einen Seite die durchaus unverächtliche Registrierung der Vorgänge während des Untergangs des deutschen Ostens, auf der anderen Seite die sich gerade in den letzten Jahren sehr entfaltende Widerstandsforschung mit ihrem Schwerpunkt auf den Motiven und Zielen der Männer der Tat des 20. Juli 1944 (die ja im »Führerhauptquartier«, also auch in Ostpreußen, stattfand), schließlich die Erforschung des Mordes an den europäischen Juden, also über die Vernichtungs- und Konzentrationslager (deren größte ebenfalls im Osten lagen). (S. 15 f.) (...) (. . .) Was den Zweiten Weltkrieg angeht, hat sie sich fast ausschließlich auf die Kriegsziele, auf die Politik und Strategie der nationalsozialistischen Führung während der ersten Kriegsjahre konzentriert und sofern die Darstellungen überhaupt darüber hinausreichen - den weiteren Verlauf bis zur Schlußkatastrophe des Jahres 1945 verkürzt. Die 19

Komplexität des Geschehens wurde auf unzulässige Weise ausschließlich - fast monokausal - als sachlogische Konsequenz der hybriden Ziele der Hitlerschen Expansionspolitik und ihrer rassenideologischen Grundlage interpretiert, ohne daß die davon unabhängigen Ziele der östlichen und westlichen Gegenmächte viel untersucht wurden. Dabei war das gegnerische Konzept nicht nur eine Reaktion auf die nationalsozialistische Herausforderung; es entsprach vielmehr lange herkommenden Vorstellungen, die im Kriege nur zum Durchbruch gelangten. Eine Gesamtdarstellung der Geschehnisse im Osten an der Jahreswende 1944/45 wirft aber in Wirklichkeit eine ganze Reihe von grundsätzlichen Fragen auf, die die Politik, die Kriegführung und die »Moral« in Vernichtungskriegen betreffen. Die enorme Schwierigkeit aller historischen Wertung, die weit über die herkömmliche Kompliziertheit geschichtlichen Urteils hinausgeht, wird hier in extremer Weise deutlich. (S. 17) (...) Einen (. . .) neuralgischen Punkt hat vor einigen Jahren Norbert Blüm berührt, als er vor einer konsternierten, sich sogleich polarisierenden Öffentlichkeit die These vortrug, daß die ungeheuerlichen Verbrechen in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern des nationalsozialistischen Regimes weitergehen konnten, solange die deutschen Fronten hielten. Diese These ließ nur die Schlußfolgerung zu, daß es wünschenswert gewesen wäre, die Fronten, und das hieß auch die deutsche Ostfront - die bis zum Winter 1944/45 die Bevölkerung im Osten des Reiches vor der Überflutung der Heimat durch die Rote Armee schützte - möglichst schnell einstürzen zu lassen, um dem Schrecken in den Konzentrationslagern ein Ende zu setzen. In der Tat ist es ja auch und gerade nach jenem 24. Juli 1944, als das Lager Maidanek bei Lublin so schnell von der Roten Armee besetzt wurde, daß die Beseitigung der Stätten des Grauens den abziehenden SS-Einheiten nicht mehr möglich war (so daß zum ersten Mal die Weltöffentlichkeit von den Verhältnissen in einem solchen Lager erfuhr), der Massenmord an den europäischen Juden im Lager Auschwitz-Birkenau bis Anfang November 1944 fortgeführt worden, als Himmler einen Einstellungsbefehl erließ. Es wurde also bis zu jenem (S. 18) Zeitpunkt - Mitte Oktober 1944 - weitergemordet, zu dem die deutsche Front vor dem Druck der Roten Armee schon ins östliche Ostpreußen zurückgewichen war und der sowjetische Ansturm nur unter größter Anstrengung noch einmal zum Stehen gebracht werden konnte. (S. 19) In dem dabei von den deutschen Truppen zurückgewonnenen Ort 20

Nemmersdorf südlich von Gumbinnen hatte sich den Soldaten ein Bild des Entsetzens von vergewaltigten und ermordeten Frauen und Kindern geboten. »Nemmersdorf« wurde zum Begriff dafür, was die deutsche Bevölkerung zu erwarten hatte, wenn »die Dämme brechen« würden. (. . .) (ebd.) Natürlich gibt es die von Blüm angesprochene strukturelle oder funktionale Problematik, daß das Halten der Fronten die Fortdauer der Verbrechen in den Konzentrationslagern ermöglichte. Wer das Geschehen dieser Wintermonate im deutschen Osten zureichend begreifen will, muß aber auch die subjektive Lagebeurteilung der jeweils Verantwortlichen berücksichtigen und das daraus hervorgehende Handeln oder Nicht-Handeln der führenden Militärs an der Ostfront. Auch der Betrachtende steht vor dem Dilemma der damals Handelnden. Auf der einen Seite die gesinnungsethische Haltung der Männer des 20. Juli, die sich in außenpolitisch längst aussichtsloser Konstellation zum Attentat auf Hitler entschlossen, um der Welt ein Zeichen der Existenz eines »anderen Deutschlands« zu geben, und zwar zu einem Zeitpunkt, als die Heeresgruppe Mitte, die bisher das Ostpreußen schützende militärische Bollwerk gewesen war, im Zuge der sowjetischen Sommeroffensive seit dem 22. Juni 1944 zerschlagen war und der Roten Armee der Weg nach Ostpreußen schon fast frei schien. Auf der anderen Seite die verantwortungsethische Position der Befehlshaber, Landräte und Bürgermeister, aus deren Sicht alles darauf ankam, wenigstens einen schwachen Schleier von Sicherungen an der ostpreußischen Grenze aufzubauen, um das Schlimmste zu verhindern: die drohende Orgie der Rache der Roten Armee an der deutschen Bevölkerung für all das, was in den Jahren 1941 bis 1944 in den von deutschen Truppen besetzten Teilen der Sowjetunion - von welchen deutschen Dienststellen auch immer - an Verbrechen begangen worden war. (S. 20 f.) Es war eine heillose Situation. Wer darauf zurückschaut, steht vor dem Problem der Identifizierung, also einem Schlüsselproblem, dem der Historiker nicht mit allgemeinen Hinweisen auf das Objektivitätsideal ausweichen kann, (. . .). Es ist schnell gesagt, welche Extreme nicht in Betracht kommen. Eine auch nur halbe Identifizierung mit Hitler ist nicht möglich; dessen starre Halte-Befehle mußten die unausweichlich herankommende Katastrophe des deutschen Ostens nur vergrößern, zumal da Hitler (. . .) in sozialdarwinistischer Argumentation die Katastrophe geradezu herbeizuführen entschlossen war, nachdem das deutsche Volk »versagt« und sich »seiner nicht würdig« erwie21

sen habe. Aber auch eine Identifizierung mit den kommenden Siegern - und das hieß ja (S. 23) für den Osten: mit der Sowjetunion, mit der Roten Armee - war undenkbar. Der Begriff »Befreiung« impliziert eine solche Identifizierung mit den Siegern, und natürlich hat er seine volle Berechtigung für die aus den Konzentrationslagern und Gefängnissen befreiten Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Aber auf das Schicksal der deutschen Nation als Ganzes bezogen, ist er unangebracht. »Befreiung« umschreibt nicht die Realität des Frühjahrs 1945. Wollte man mit dieser Vokabel ernsthaft den Zusammenbruch des Reiches zu erfassen suchen, so setzte dies voraus, daß das Kriegsziel der Alliierten in West und Ost tatsächlich in nichts anderem bestanden hätte als in der Beseitigung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems. Aber davon kann nicht die Rede sein, auch wenn sicherlich viele Briten und Amerikaner zumindest über die machtpolitischen Ziele ihrer Regierungen hinaus die Beseitigung der Diktatur in Deutschland anstrebten, um die Deutschen aus der Identifizierung mit dieser Diktatur und aus ihrer Verstrickung in sie zu lösen. Schaut der Historiker auf die Winter-Katastrophe 1944/45, so bleibt nur eine Position, auch wenn sie im Einzelfall oft schwer einzulösen ist: er muß sich mit dem konkreten Schicksal der deutschen Bevölkerung im Osten und mit den verzweifelten und opferreichen Anstrengungen des deutschen Ostheeres und der deutschen Marine im Ostseebereich identifizieren, die die Bevölkerung des (S. 24) deutschen Ostens vor den Racheorgien der Roten Armee, den Massenvergewaltigungen, den willkürlichen Morden und den wahllosen Deportationen zu bewahren und in der allerletzten Phase den Ostdeutschen den Fluchtweg zu Lande oder über See nach Westen freizuhalten suchten. Den Zeitgenossen war verschlossen - auch wenn es von vielen geahnt wurde -, daß über den deutschen Osten zwischen den alliierten Mächten in West und Ost längst entschieden war, bevor der Zusammenbruch der deutschen Ostfront der Roten Armee den Vorstoß ins Zentrum Deutschlands und Europas freigab; will man heute die Ereignisse und ihre Bedeutung begreifen, hat man das damals Ungewußte zu wissen - daß über alles bereits entschieden und daß das Reich bereits verspielt war. (S. 25) (...) Der Versuch, das Geschehen im Osten noch einmal in den Griff zu bekommen, wurde für die deutsche Führung immer fragwürdiger, schließlich so gut wie unmöglich. Die Diskrepanz zwischen den Adhoc-Weisungen Hitlers und den Realitäten an Ort und Stelle wurde immer größer. Das Schicksal der Reste des zerschlagenen deutschen 22

Ostheeres und das Geschick der Bevölkerung in den Ostprovinzen, die - sofern sie nicht in großen Trecks gerade noch rechtzeitig nach Westen ziehen oder über See gerettet werden konnte - nun von der Roten Armee überrollt wurde, verwoben sich jetzt unentwirrbar ineinander. Vergewaltigungen in einem bis dahin kaum vorstellbaren Ausmaß, vieltausendfacher Mord und Massendeportationen, nämlich planmäßig vollzogene Zwangsverschleppungen von zirka 500 000 Deutschen waren darin eingeschlossen. Der Ruf »Die Russen kommen« wurde zum Schreckensfanal im ganzen Osten. Natürlich hatte das mit Rache zu tun, die die Soldaten der Roten Armee jetzt für die von Deutschen 1941 bis 1944 auf sowjetischem Boden begangenen Verbrechen übten; aber das erklärt nur die extremen Ausmaße der Exzesse, nicht das Phänomen der Vergewaltigungen und Morde selber. Denn dieselben Vorgänge gab es ja auch beim Einrükken der Roten Armee in andere Länder. Die Tatsache, daß die gleichen Ausschreitungen nicht nur schon 1939 beim Einmarsch der Roten Armee in Polen, sondern auch 1944 in Rumänien und Ungarn, ja, sogar bei der »Befreiung« des nordöstlichen Teils Jugoslawiens 1944/45 vorkamen, deutet auf einen weiteren Zusammenhang hin: die sowjetischen Kriegsvorstellungen, die in der stalinistischen Epoche offensichtlich allgemein solche barbarischen Züge annahmen. Das ungeheure Geschehen zwischen dem Herbst 1944 und dem Frühjahr 1945 verlangt noch nach Darstellung, einer Behandlung, die den weltgeschichtlichen Vorgang im Auge hat und doch das Einzelschicksal sieht, wo es im Leiden und Tun, im Handeln und Versagen repräsentativ ist. (. . .) (S. 34/35) In diesen Ereignissen, in der jedermann von der Aufgabe beherrscht war, zu retten, was noch zu retten war, steht die Vernichtung ganzer Armeen neben dem Opfermut einzelner, der Verlust von Städten neben der Bewahrung von Flußübergängen, an denen das Schicksal eines Trecks hing. Manche Unbekannte wuchsen damals in der hereinbrechenden Katastrophe über sich hinaus - Führer von Flüchtlingszügen, Geistliche, Ärzte, französische, belgische, auch polnische Kriegsgefangene, die mit den Deutschen nach Westen strebten, nicht zuletzt auch die deutschen Soldaten, die die Ostsee-Brückenköpfe (. . .) so lange wie möglich hielten, um der Bevölkerung die Rettung über See zu ermöglichen, und die dann selbst vielfach aus den ganz schmal gewordenen Brückenköpfen nicht mehr gerettet werden konnten (. . .). (S. 36) Von den Hoheitsträgern der NSDAP bewährten sich manche in der Not von letzter, verzweifelter Verteidigung, von Zusammenbruch und Flucht, andere versagten, zum Teil in erbärmlicher Weise. (. . .) (S. 37) (...) 23

Blickt man nüchtern auf das Verhalten der USA und Großbritanniens während der beiden großen Kriegskonferenzen 1945, so wird deutlich, daß für den Fall einer deutschen Niederlage zu keinem Zeitpunkt des Krieges Aussicht bestand, den größeren Teil der preußischdeutschen Ostprovinzen zu retten. Es gab niemals ein Interesse der Westmächte daran, sich für deren Zugehörigkeit zu Deutschland nach Kriegsende zu engagieren. Das westliche Interesse ging, wie auch die Absprachen über die Zonen-Einteilung des zu besetzenden Deutschlands seit Januar 1944 zeigten, niemals über Nordwest- und Süddeutschland hinaus. (S. 61) Für dieses Desinteresse der Westmächte am Osten des Deutschen Reiches war einerseits das extrem negative, klischeehafte Preußen-Bild der führenden westlichen Staatsmänner ausschlaggebend, die von Preußens tatsächlicher oder schon damals nur noch vermeintlicher Schlüsselstellung im Kaiserreich ausgingen, nicht aber von dem tatsächlichen, ganz andersartigen Bezugsgeflecht zwischen Preußen, dem Deutschen Reich und dem Nationalsozialismus (. . .). (ebd.) Dies aber hieß im Blick auf den Verlauf des Geschehens im deutschen Osten: Jede Stadt, jede Siedlung, jede Landschaft, die die deutschen Truppen beim Zusammenbruch der Ostfront im Winter 1944/45 aufzugeben gezwungen waren, war in einem ganz elementaren Sinne für immer für Deutschland und für seine deutschen Bewohner verloren. Den meisten Ostdeutschen war dies allerdings trotz aller grauenvollen Erlebnisse weder während der Flucht oder Vertreibung noch nach der erst notdürftigen, dann allmählich endgültigen Etablierung im restlichen Deutschland voll bewußt. (S. 62) (...) Ob sich der Begriff des Tragischen auf das Geschehen anwenden läßt, das im Zweiten Weltkrieg gipfelt, mag dahingestellt bleiben; Schuld und Verhängnis, legitimes Verlangen und offenes Unrecht, Willkür und Verstrickung sind hier unauflösbar ineinander gemischt. Aber im Falle des Geschehens im deutschen Osten 1944/45 darf man wohl von tragischen Vorgängen sprechen, die Ausweglosigkeit der Situation für die Soldaten und die Bewohner der Ostgebiete ist evident. (S. 64) Die Reste jenes deutschen Ostheeres, mit dem Hitler 1941 die Sowjetunion hatte vernichten wollen, verteidigten nun sein immer stärker zusammenschrumpfendes Reich, innerhalb dessen Grenzen - was damals gewiß nur ein Teil der Soldaten und der deutschen Bevölkerung wußte oder ahnte - der Massenmord an den Juden bis zum November 1944 fortgesetzt wurde und in dessen Konzentrationslagern bis zum allerletzten Moment unvorstellbare Verbrechen geschahen. Aber in 24

eben dieser Situation rang das deutsche Ostheer doch auch - in bruchstückhafter, nur durch die nationalsozialistische Propaganda halbwahr vermittelter Kenntnis der alliierten Kriegsziele - mit seinem verzweifelten Abwehrkampf um die Bewahrung der Eigenständigkeit der Großmachtstellung des Deutschen Reiches, das nach dem Willen der Alliierten zertrümmert werden sollte, (ebd.) Das deutsche Ostheer bot einen Schutzschirm vor einem jahrhundertealten deutschen Siedlungsraum, vor der Heimat von Millionen der Ostdeutschen, die in einem Kernland des Deutschen Reiches, nämlich im östlichen Preußen, in den Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, Schlesien, Ostbrandenburg und Pommern wohnten. Und das deutsche Ostheer schützte in einem ganz elementaren Sinne die Menschen in eben diesen preußisch-deutschen Ostprovinzen, denen im Falle einer Überflutung ihrer Heimat durch die Rote Armee, wie die haßerfüllte Propagandakampagne in der Sowjetunion zeigte und »Nemmersdorf« im Oktober 1944 und »Metgethen« im Februar 1945 (bei der vorübergehenden Rückeroberung dieses Königsberger Vororts an der Strecke nach Pillau) schon vor Augen geführt hatte, ein grauenvolles Schicksal drohte. Die von der nationalsozialistischen Propaganda seit langem schon so oft beschworene Vorstellung, daß es nur die Alternative zwischen Hitler und Stalin gebe, war jetzt für den deutschen Osten zur Realität geworden. Da es spätestens seit dem Januar 1943 mit der Verkündung der Forderung nach einem »Unconditional Surrender« durch Roosevelt und Churchill, der sich Stalin hintergründig angeschlossen hatte, da er dahinter eigene Ziele verbergen konnte, keinen Ausweg mehr gab, konnte angesichts des ungleichen Kräfteverhältnisses am Ende dieses Ringens nur der Zusammenbruch der deutschen Front im Osten und als Folge dann die Auslöschung des Deutschtums in Ostmitteleuropa stehen. (S. 64/65) (...) Mit der Massenvertreibung der Deutschen aus einem Viertel des Reichsgebietes von 1937 war ein (S. 66) vorläufiger Endpunkt erreicht auf jenem Wege, der mit der Verbreitung der Idee einer völkischen Feld- und Flurbereinigung betreten worden war und in den Nationalitätenkämpfen an der Peripherie Europas während des Ersten Weltkrieges und in dessen Folge in der Türkei zum ersten Mal zu dem Genozid an den Armeniern und zu den Massenvertreibungen der Griechen aus Kleinasien geführt hatte. Die Ausrottungs- und Umsiedlungspraktiken Hitlers und Stalins in ihren jeweiligen »Interessensphären« in der Zeit ihrer Partnerschaft 1939/40 hatten solchen »Bevölkerungsaustausch« fortgesetzt, und in Hitlers »Ostkrieg« hatte der Massenmord dann 25

vom Juni 1941 an ein extremes Ausmaß erreicht; erst sollten die Juden in Polen und im gesamten Osten, dann im ganzen deutsch-beherrschten Kontinentaleuropa ausgelöscht werden. Zuerst in Großbritannien und in seinem Gefolge dann auch in den USA gewann mit immer sicherer werdendem Siege der Gedanke einer Massenumsiedlung in Ostmitteleuropa in völliger Abwendung von ihrer humanitären Tradition immer mehr an Boden, je deutlicher das Ziel einer Zerschlagung jenes Preußen zum eigentlichen Kriegsziel erhoben wurde, das vermeintlich stets der harte Kern des Deutschen Reiches gewesen war. (S. 67) (...) Schon im Kaiserreich hatte der deutschen Führungsschicht eine Sensibilität für die Gefährdungen gefehlt, denen der preußische und deutsche Osten ausgesetzt war; daraus war in der Weimarer Republik Ahnungslosigkeit, im »Dritten Reich« Rücksichtslosigkeit, ja Brutalität geworden. (S. 69) (. . .) Immer wieder gab es in der Politik des Zarenreiches Wechsel und Brüche, einmal ganz unverkennbar ein Hegemonialstreben, das territoriale Expansion nach Westen, zunächst auf Kosten Polens, tendenziell aber auf Kosten Preußens bedeutete, (. . .). (ebd.). (...) In der Tat boten die zwanziger und dreißiger Jahre nicht nur für die Wiederherstellung und Konsolidierung der im Weltkrieg zwar erschütterten, aber nicht zerstörten deutschen Großmachtstellung eine bemerkenswerte Chance; noch immer gab es eine Möglichkeit für eine Führungsrolle des Reiches in Mitteleuropa. Auch für Europa waren diese beiden Jahrzehnte eine letzte Gelegenheit, seine ins Wanken geratene Weltvormachtstellung in einem begrenzteren und gewandelten Maßstab wieder zu stabilisieren. Der machtpolitische Rückzug der USA aus Europa nach 1919, dann ihr in der Weltwirtschaftskrise abnehmendes Gewicht als Wirtschafts- und Finanzmacht, schließlich die Außenseiterrolle, in die das durch die Revolution erschütterte und geschwächte Rußland abgedrängt worden war, eröffneten eine während des großen Krieges kaum mehr für möglich gehaltene Chance für die europäischen Mächte insgesamt. (S. 70/71) (...) (. . .) Mit dem Jahr 1945 wurde das sich seit 1871 in mehreren Schüben vollziehende Zusammenwachsen der Deutschen zu einer Nation innerhalb des als Nationalstaat angelegten Deutschen Reiches durch die Zerstörung eben dieses staatlichen Gehäuses radikal unterbrochen. In Westdeutschland ist es unter enormen sozialen Veränderungen mit Hilfe einer außerordentlich starken Mobilität der Bevölkerung auf der 26

Grundlage der Integration von Millionen von Vertriebenen aus den Ostgebieten und dem Sudetenland zu einer ganz neuen Formation gekommen. In Mitteldeutschland ist dieser Prozeß unter völlig anderen Rahmenbedingungen verlaufen, aber die sozialen Entwicklungen sind mindestens ebenso tiefgreifend gewesen. So ist es zu einer offenen Frage geworden, ob die Geschichte der Deutschen als der von der Reichsgründung geprägten Nation ausrinnt oder doch noch eine Zukunft hat. (S. 72) (...) Ob über regionale Ansätze im Westen Europas hinaus jemals eine Rekonstruktion der zerstörten europäischen Mitte - als Voraussetzung für eine Rekonstruktion ganz Europas oder aber als Konsequenz einer in Gang kommenden Rekonstruktion des ganzen Europa - möglich sein wird, ist vierzig Jahre nach dem Zusammenbruch der europäischen Mitte so offen wie damals, als die Zeitgenossen als Mithandelnde oder Opfer Zeugen der Katastrophe des deutschen Ostens wurden. (S. 74) Corso bei Siedler, Köln 1986 (S.

3.

13-74)

Hans Mommsen

Die Last der Vergangenheit wird weitgehend ausgeklammert Zu den Museumsplänen der Bundesregierung

(...)

Obwohl der Kanzler seinerzeit sein Studium in Heidelberg mit einer historischen Dissertation abgeschlossen hat, geht es ihm bei den beiden Planungen nicht darum, der historischen Forschung die Chance einzuräumen, ihre Arbeit der Öffentlichkeit besser zu präsentieren. Vielmehr erhofft sich die Bundesregierung von beiden Vorhaben eine »Festigung des historischen Selbstverständnisses« der Bürger der Bundesrpublik. Sie tut dies in der Erwartung, daß eine stärkere historische Rückbesinnung die Verbundenheit mit Staat und Verfassung erhöhen 27

und das gesamtdeutsche Nationalbewußtsein beleben werde. »Es geht um die Schaffung einer Stätte der Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis«, erklärte der Kanzler am 27. Februar 1985 in seinem Bericht zur Lage der Nation, »wo nicht zuletzt junge Bürger unseres Landes etwas davon spüren können - und sei es zunächst auch nur unbewußt -, woher wir kommen, wer wir als Deutsche sind, wo wir stehen und wohin wir gehen werden.« Das sind, bezogen auf die Aufgaben eines historischen Museums, anspruchsvolle Worte, die eine mehr oder minder eindeutige historische Standortbestimmung fordern, letztlich ein verbindliches deutsches Geschichtsbild, das auch Aussagen über den zukünftigen Weg der Nation einschließt. In der Tat ist die Stiftung eines neuen historischen Konsenses der geheime Wunsch der Koalitionsparteien. Einerseits geht es darum, die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik historisch zu dokumentieren. Andererseits steht der Gedanke im Hintergrund, (. . .) »die tausend Jahre heiler deutscher Geschichte jenseits des Nationalsozialismus« freizulegen und zur Abstützung eines konservativ gefärbten Patriotismus zu nützen. Nur widerwillig und erst auf das Drängen der Öffentlichkeit hin hat sich der längst eingerichtete Planungsstab für das »Haus der Geschichte« in Bonn dazu bereit erklärt, unter dem Stichwort »Die Last der Vergangenheit« den »Schatten der Katastrophe« (so Bauminister Schneider in der erwähnten Vorlage),1) also die Geschichte der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, mit zu berücksichtigen, allerdings nur als eines von 23 Schwerpunktthemen. Die Auffassung des Direktors des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Professor Martin Broszat, (. . .) daß die Entstehung der Bundesrepublik und die Herausbildung der deutschen Teilung nur im Kontext mit der Geschichte des Dritten Reiches sinnvoll dargestellt werden könnten, wurde beiseitegeschoben. Welches Gewicht dieser schwierigste Abschnitt der deutschen Geschichte im projektierten Berliner Historischen Museum einnehmen wird, ist noch offen. Unzweifelhaft besitzt die Geschichte die eigentümliche Kraft der Identitätsstiftung, aber sie lehrt auch, daß jeder künstliche Versuch, dies zu forcieren, ins Gegenteil umschlägt. Den Bundeskanzler stört dies nicht. Er scheint sich nicht bewußt zu sein, daß moderne historische Museen vom Methodenfortschritt der historischen Wissenschaften nicht abgekoppelt werden können. Dem Selbstverständnis der internationalen Historiographie entspringt die Einsicht, daß Geschichte nur aus einer kritischen Distanz heraus und gerade nicht als Gegen1) Kabinettsvorlage v o m 15. Juli 1985 (d. Hrsg.)

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stand emotionaler Identifikation dargestellt werden kann, und dies betrifft auch das Arrangement historischer Ausstellungen. (. . .) (...) Während gewachsene historische Museen mit guten Gründen die Selektion der gezeigten Gegenstände mit den spezifischen Bedingungen einer historisch gewachsenen und damit notwendigerweise fragmentarischen Sammlung begründen, sind künstliche Museen und Dauerausstellungen - so die Bonner wie die Berliner Planung - notwendig darauf verwiesen, mit einer gewissen Systematik vorzugehen und Prioritätensetzungen zu begründen. Hier verbirgt sich der Fallstrick der Berliner Planung, der mich veranlaßt hat, die Befürchtung zu äußern, daß sie zur »größten Investitionsruine der Bonner Wendepolitik« geraten könne. Es ist kein Zufall, daß in Deutschland und ebenso in West- und Südeuropa nationalhistorische Museen, die beanspruchen, die Gesamtheit der Geschichte des Landes widerzuspiegeln, nicht existiert haben und nicht existieren. Derartige Veranstaltungen pflegen nur bei Nationalstaaten oder sozialistischen Ländern anzutreffen zu sein, die teils aus Gründen einer nachgeholten Nationsbildung, teils aus politischem Bedürfnis eine letztlich staatlich verordnete geschichtliche Legitimierung ihres Daseins für unentbehrlich ansahen. Daß die Bundesrepublik in dieser Hinsicht die DDR ein- und zu überholen sucht, spricht nicht gerade für die Solidität des Vorhabens, im 20. Jahrhundert auf die im nationalstaatlichen 19. Jahrhundert entwickelte Konzeption einer Nationalgeschichte zurückzugreifen, und dies angesichts der Spaltung der Nation und ausgerechnet dort, wo sie am meisten fühlbar ist: in WestBerlin gegenüber dem Reichstagsgebäude und in Sichtweite des auf westzonalem Boden gelegenen sowjetischen Ehrenmals. (...) Auch in anderer Hinsicht verbinden sich mit der Errichtung eines »Deutschen Historischen Museums« bestimmte Optionen, die mit fundamentalen politischen Wertentscheidungen zusammenhängen und die nicht mit der Berufung auf die formalen Grundlagen der westdeutschen Verfassungsordnung angetan sind. Deshalb sollte die Bedeutung der legitimatorischen Funktion, die historischen Vorhaben dieser Art zukommt, nicht gering eingeschätzt werden. (...) Jede Form eines gleichsam »verordneten« Geschichtsbilds, das, um nicht anstößig zu sein, den Weg in eine Konturen und Kontroversen verdeckende Geschichtsdarstellung eines juste milieus mit konservativem Vorzeichen geht, wird (. . .) nur dazu beitragen, die Verdrossen29

heit gegenüber der Beschäftigung mit zentralen Hypotheken unserer Geschichte zu vermehren. (. . .) FR, 8. 4. 1986

4.

Michael Stürmer

Geschichte in geschichtslosem Land In einem Land ohne Erinnerung ist alles möglich. Die Meinungsforschung warnt, daß unter allen Industrieländern die Bundesrepublik Deutschland die größte Schwerhörigkeit verzeichne zwischen den Generationen, das geringste Selbstbewußtsein der Menschen, den gründlichsten Wertewandel zwischen ihnen. Wie werden die Deutschen morgen ihr Land, den Westen, sich selbst sehen? Es bleibt anzunehmen, daß die Kontinuität überwiegt. Aber sicher ist es nicht. Landauf, landab registriert man die Wiederentdeckung der Geschichte und findet sie lobenswert. Museen sind in Blüte, Trödelmärkte leben von der Nostalgie nach alten Zeiten. Historische Ausstellungen haben über mangelnden Zuspruch nicht zu klagen, und geschichtliche Literatur, vor zwanzig Jahren peripher, wird wieder geschrieben und gelesen. Es gibt zwei Deutungen dieser Suche nach der verlorenen Zeit. Die einen sehen darin Erneuerung des historischen Bewußtseins, Rückkehr in die kulturelle Überlieferung, Versprechen der Normalität. Die anderen erinnern daran, daß der Blick, der in der Zukunft keinen Halt findet, in der Vergangenheit Richtung sucht und Vergewisserung, wohin die Reise geht. Beides bestimmt die neue Suche nach der alten Geschichte: Orientierungsverlust und Identitätssuche sind Geschwister. Wer aber meint, daß alles dies auf Politik und Zukunft keine Wirkung habe, der ignoriert, daß in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet. (. . .) Hitlers Aufstieg kam aus den Krisen und Katastrophen einer säkularisierten, von Aufbruch zu Aufbruch stürzenden Zivilisation, deren Signum Orientierungsverlust und vergebliche Suche nach Sicher30

heit war (. . .). Von 1914 bis 1945 sind die Deutschen den Katarakten der Modernität ausgesetzt gewesen in einem Maße, das alle Überlieferung zerschlug, das Undenkbare denkbar machte und die Barbarei zur Staatsform. Deshalb konnte Hitler triumphieren, deshalb konnte er Preußen und den Patriotismus, den Staat und die bürgerlichen Tugenden erbeuten und verderben. Lange Zeit war die deutsche Diktatur Anfang und Ende der Geschichtsbetrachtung - und wie hätte es anders sein dürfen? Dann öffneten sich, je mehr die Bundesrepublik sich von ihren Anfängen entfernte, zurückliegende Epochen wieder dem Blick. (. . .) Heute ist die Geschichte des Nachkriegssystems Gegenstand politischer und wissenschaftlicher Studien. Das aber hat zur Folge, daß die Leistung Konrad Adenauers deutlicher hervortritt, der alles tat, um den deutschen Sonderweg der moralischen und politischen Trennung vom Westen zu überwinden. Aber zur selben Zeit wird die berüchtigte Stalin-Note von 1952, die ebendies durchkreuzen sollte, als Mythos der verpaßten Einheitschance dargestellt und der russische Tyrann als Nikolaus, von dem die Deutschen nur zu wünschen brauchten, was sie wollten: Einheit, Freiheit, Wohlstand und Sicherheit dazu - in Wahrheit aber ging es doch nur um Vorformen von Sowjet-Deutschland. Und unter den Gespenstern der Vergangenheit wird man auch des Antifaschismus wieder gewahr: der Legende vom edlen Wollen der Kommunisten, vom Versagen der deutschen Sozialdemokraten und vom Segen der Volksfront. Daß der Partei Kurt Schumachers unlängst, es war der 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation, der Kampf gegen die gesellschaftlichen Grundlagen des Faschismus in der Bundesrepublik als politische Hauptaufgabe von ihren Vordenkern zugewiesen wurde, verrät verborgene Gedanken über die Zukunft. (...) Die Bundesrepublik hat weltpolitische und weltwirtschaftliche Verantwortung. Sie ist Mittelstück im europäischen Verteidigungsbogen des atlantischen Systems. Doch es zeigt sich jetzt, daß jede der heute in Deutschland lebenden Generationen unterschiedliche, ja gegensätzliche Bilder von Vergangenheit und Zukunft mit sich trägt. Es erweist sich auch, daß die technokratische Geringschätzung der Geschichte von rechts und ihre progressive Erwürgung von links die politische Kultur des Landes schwer schädigten. Die Suche nach der verlorenen Geschichte ist nicht abstraktes Bildungsstreben: sie ist moralisch legitim und politisch notwendig. Denn es geht um die innere Kontinuität 31

der deutschen Republik und ihre außenpolitische Berechenbarkeit. (...) FAZ, 25. 4. 1986

5.

Ernst Nolte

Vergangenheit, die nicht vergehen will Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte

Mit der »Vergangenheit, die nicht vergehen will«, kann nur die nationalsozialistische Vergangenheit der Deutschen oder Deutschlands gemeint sein. Das Thema impliziert die These, daß normalerweise jede Vergangenheit vergeht und daß es sich bei diesem Nicht-Vergehen um etwas ganz Exzeptionelles handelt. Andererseits kann das normale Vergehen der Vergangenheit nicht als ein Verschwinden gefaßt werden. Das Zeitalter des Ersten Napoleon etwa wird in historischen Arbeiten immer wieder vergegenwärtigt und ebenso die Augusteische Klassik. Aber diese Vergangenheiten haben offenbar das Bedrängende verloren, das sie für die Zeitgenossen hatten. Eben deshalb können sie den Historikern überlassen werden. Die nationalsozialistische Vergangenheit dagegen unterliegt - wie kürzlich noch Hermann Lübbe hervorgehoben hat - anscheinend diesem Hinschwinden, diesem Entkräftigungsvorgang nicht, sondern sie scheint immer noch lebendiger und kraftvoller zu werden, aber nicht als Vorbild, sondern als Schreckbild, als eine Vergangenheit, die sich geradezu als Gegenwart etabliert oder die wie ein Richtschwert über der Gegenwart aufgehängt ist. Schwarz-Weiß-Bilder Dafür gibt es gute Gründe. Je eindeutiger sich die Bundesrepublik Deutschland und die westliche Gesellschaft überhaupt zur »Wohlstandsgesellschaft« entwickeln, um so befremdender wird das Bild des Dritten Reiches mit seiner Ideologie der kriegerischen Opferbereitschaft, der Maxime »Kanonen statt Butter«, der bei Schulfesten im Chor herausgeschmetterten Edda-Zitate wie »Unser Tod wird ein 32

Fest«. Alle Menschen sind heute Gesinnungspazifisten, aber sie können gleichwohl nicht aus sicherer Distanz auf den Bellizismus der Nationalsozialisten blicken, denn sie wissen, daß die beiden Supermächte Jahr für Jahr weitaus mehr für ihre Rüstung ausgeben, als Hitler von 1933 bis 1939 ausgegeben hatte, und so bleibt eine tiefe Unsicherheit, die den Feind lieber im Eindeutigen anklagt als in der Verwirrung der Gegenwart. (. . .) Der Anspruch Hitlers auf »Weltherrschaft« muß sich um so ungeheuerlicher ausnehmen, je unzweideutiger sich herausstellt, daß die Bundesrepublik in der Weltpolitik allenfalls die Rolle eines Staates von mittlerer Größenordnung spielen kann - »Harmlosigkeit« jedoch wird ihr gleichwohl nicht attestiert, und an vielen Stellen ist die Befürchtung noch lebendig, sie könne zwar nicht zur Ursache, aber doch zum Ausgangspunkt eines dritten Weltkriegs werden. Mehr als alles andere trug indessen die Erinnerung an die »Endlösung« zum Nichtvergehen der Vergangenheit bei, denn die Ungeheuerlichkeit der fabrikmäßigen Vernichtung von mehreren Millionen Menschen mußte um so unfaßbarer werden, je mehr die Bundesrepublik Deutschland durch ihre Gesetzgebung sich der Vorhut unter den humanitären Staaten hinzugesellte. (. . .) Aber war es wirklich nur die Verstocktheit des »pays réel« der Stammtische, die diesem Nichtvergehen der Vergangenheit widerstrebte und einen »Schlußstrich« gezogen wissen wollte, damit die deutsche Vergangenheit sich nicht mehr grundsätzlich von anderen Vergangenheiten unterscheide? Steckt nicht in vielen der Argumente und Fragen ein Kern des Richtigen, die gleichsam eine Mauer gegen das Verlangen nach immer fortgehender »Auseinandersetzung« mit dem Nationalsozialismus aufrichten? Ich führe einige dieser Argumente oder Fragen an, um dann einen Begriff desjenigen »Verfehlens« zu entwickeln, das nach meiner Auffassung das entscheidende ist, und diejenige »Auseinandersetzung« zu umreißen, die von einem »Schlußstrich« ebenso weit entfernt ist wie von der immer wieder beschworenen »Bewältigung«. Gerade diejenigen, die am meisten und mit dem negativsten Akzent von »Interessen« sprechen, lassen die Frage nicht zu, ob bei jenem Nichtvergehen der Vergangenheit auch Interessen im Spiel waren oder sind, etwa die Interessen einer neuen Generation im uralten Kampf gegen »die Väter« oder auch die Interessen der Verfolgten und ihrer Nachfahren an einem permanenten Status des Herausgehoben- und Privilegiertseins. Die Rede von der »Schuld der Deutschen« übersieht allzu geflissentlich die Ähnlichkeit mit der Rede von der »Schuld der Juden«, die ein 33

Hauptargument der Nationalsozialisten war. Alle Schuldvorwürfe gegen »die Deutschen«, die von Deutschen kommen, sind unaufrichtig, da die Ankläger sich selbst oder die Gruppe, die sie vertreten, nicht einbeziehen und im Grunde bloß den alten Gegnern einen entscheidenden Schlag versetzen wollen. Die der ¡»Endlösung« gewidmete Aufmerksamkeit lenkt von wichtigen Tatbeständen der nationalsozialistischen Zeit ab wie etwa der Tötung »lebensunwerten Lebens« und der Behandlung der russischen Kriegsgefangenen, vor allem aber von entscheidenden Fragen der Gegenwart - etwa denjenigen des Seinscharakters von »ungeborenem Leben« oder des Vorliegens von »Völkermord« gestern in Vietnam und heute in Afghanistan. (...)

Eine voreilige Äußerung eines Bundestagsabgeordneten zu gewissen Forderungen der Sprecher jüdischer Organisationen oder das Ausgleiten eines Kommunalpolitikers in eine Geschmacklosigkeit werden zu Symptomen von »Antisemitismus« aufgebauscht, als wäre jede Erinnerung an den genuinen und keineswegs schon nationalsozialistischen Antisemitismus der Weimarer Zeit verschwunden, und um die gleiche Zeit läuft im Fernsehen der bewegende Dokumentarfilm »Shoah« eines jüdischen Regisseurs, der es in einigen Passagen wahrscheinlich macht, daß auch die SS-Mannschaften der Todeslager auf ihre Art Opfer sein mochten und daß es andererseits unter den polnischen Opfern des Nationalsozialismus virulenten Antisemitismus gab. Zwar rief der Besuch des amerikanischen Präsidenten auf dem Soldatenfriedhof Bitburg eine sehr emotionale Diskussion hervor, aber die Furcht vor der Anklage der »Aufrechnung« und vor Vergleichen überhaupt ließ die einfache Frage nicht zu, was es bedeutet haben würde, wenn der damalige Bundeskanzler sich 1953 geweigert hätte, den Soldatenfriedhof von Arlington zu besuchen, und zwar mit der Begründung, dort seien auch Männer begraben, die an den Terrorangriffen gegen die deutsche Zivilbevölkerung teilgenommen hätten. (...) (. . .) Kein Deutscher kann Hitler rechtfertigen wollen, und wäre es nur wegen der Vernichtungsbefehle gegen das deutsche Volk vom März 1945. Daß die Deutschen aus der Geschichte Lehren ziehen, wird nicht durch die Historiker und Publizisten garantiert, sondern durch die vollständige Veränderung der Machtverhältnisse und durch die anschaulichen Konsequenzen von zwei großen Niederlagen. Falsche Lehren können sie freilich immer noch ziehen, aber dann nur auf einem Wege, der neuartig und jedenfalls »antifaschistisch« sein dürfte. 34

(. . .) Ich will im folgenden versuchen, anhand einiger Fragen und Schlüsselworte die Perspektive anzudeuten, in der diese Vergangenheit gesehen werden sollte, wenn ihr jene »Gleichbehandlung« widerfahren soll, die ein prinzipielles Postulat der Philosophie und der Geschichtswissenschaft ist, die aber nicht zu Gleichsetzungen führt, sondern gerade zur Herausstellung von Unterschieden. (...) Dann aber muß man fragen: Was konnte Männer, die einen Völkermord, mit dem sie in nahe Berührung kamen, als »asiatisch« empfanden, dazu veranlassen, selbst einen Völkermord von noch grauenvollerer Natur zu initiieren? Es gibt erhellende Schlüsselworte. Eins davon ist das folgende: Als Hitler am 1. Februar 1943 die Nachricht von der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad erhielt, sagte er in der Lagebesprechung gleich voraus, daß einige der gefangenen Offiziere in der sowjetischen Propaganda tätig werden würden: »Sie müssen sich vorstellen, er (ein solcher Offizier) kommt nach Moskau hinein, und stellen Sie sich den >Rattenkäfig< vor. Da unterschreibt er alles. Er wird Geständnisse machen, Aufrufe machen . . .« Die Kommentatoren geben die Erläuterung, mit »Rattenkäfig« sei die Lubjanka gemeint. Ich halte das für falsch. In Georg Orwells »1984« wird beschrieben, wie der Held Winston Smith durch die Geheimpolizei des »Großen Bruders« nach langen Folterungen endlich gezwungen wird, seine Verlobte zu verleugnen und damit auf seine Menschenwürde Verzicht zu tun. Man bringt einen Käfig vor seinen Kopf, in dem eine vor Hunger halb irrsinnig gewordene Ratte sitzt. Der Vernehmungsbeamte droht, den Verschluß zu öffnen, und da bricht Winston Smith zusammen. Diese Geschichte hat Orwell nicht erdichtet, sie findet sich an zahlreichen Stellen der antibolschewistischen Literatur über den russischen Bürgerkrieg, unter anderem bei dem als verläßlich geltenden Sozialisten Melgunow. Sie wird der »chinesischen Tscheka« zugeschrieben. Archipel GULag und Auschwitz Es ist ein auffallender Mangel der Literatur über den Nationalsozialismus, daß sie nicht weiß oder nicht wahrhaben will, in welchem Ausmaß all dasjenige, was die Nationalsozialisten später taten, mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung, in einer umfangreichen Literatur der frühen zwanziger Jahre bereits beschrieben war: Massendeportationen und -erschießungen, Folterungen, Todesla35

ger, Ausrottungen ganzer Gruppen nach bloß objektiven Kriterien, öffentliche Forderungen nach Vernichtung von Millionen schuldloser, aber als »feindlich« erachteter Menschen. Es ist wahrscheinlich, daß viele dieser Berichte übertrieben waren. Es ist sicher, daß auch der »weiße Terror« fürchterliche Taten vollbrachte, obwohl er in seinem Rahmen keine Analogie zu der postulierten »Ausrottung der Bourgeoisie« geben konnte. Aber gleichwohl muß die folgende Frage als zulässig, ja unvermeidbar erscheinen: Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine »asiatische«" Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer »asiatischen« Tat betrachteten? War nicht der »Archipel GULag« ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der »Klassenmord« der Bolschewiki das logische und faktische Prius des »Rassenmords« der Nationalsozialisten? Sind Hitlers geheimste Handlungen nicht gerade auch dadurch zu erklären, daß er den »Rattenkäfig« nicht vergessen hatte? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte? Man braucht das verschollene Büchlein von Melgunow nicht gelesen zu haben, um solche Fragen zu stellen. Aber man scheut sich, sie aufzuwerfen, und auch ich habe mich lange Zeit gescheut, sie zu stellen. Sie gelten als antikommunistische Kampfthesen oder als Produkte des kalten Krieges. Sie passen auch nicht recht zur Fachwissenschaft, die immer engere Fragestellungen wählen muß. Aber sie beruhen auf schlichten Wahrheiten. Wahrheiten willentlich auszusparen, mag moralische Gründe haben, aber es verstößt gegen das Ethos der Wissenschaft. Die Bedenken wären nur dann berechtigt, wenn man bei diesen Tatbeständen und Fragen stehenbliebe und sie nicht ihrerseits in einen größeren Zusammenhang stellte, nämlich in den Zusammenhang jener qualitativen Brüche in der europäischen Geschichte, die mit der industriellen Revolution beginnen und jeweils eine erregte Suche nach den »Schuldigen« oder doch nach den »Urhebern« einer als verhängnisvoll betrachteten Entwicklung auslösten. Erst in diesem Rahmen würde ganz deutlich werden, daß sich trotz aller Vergleichbarkeit die biologischen Vernichtungsaktionen des Nationalsozialismus qualitativ von der sozialen Vernichtung unterschieden, die der Bolschewismus vornahm. Aber so wenig wie ein Mord, und gar ein Massenmord, durch einen anderen Mord »gerechtfertigt« werden kann, so gründlich führt doch eine Einstellung in die Irre, die nur auf den einen Mord und den einen Massenmord hinblickt und den anderen nicht zur Kenntnis nehmen will, obwohl ein kausaler Nexus wahrscheinlich ist. 36

Wer sich diese Geschichte nicht als Mythologem, sondern in ihren wesentlichen Zusammenhängen vor Augen stellt, der wird zu einer zentralen Folgerung getrieben: Wenn sie in all ihrer Dunkelheit und in all ihren Schrecknissen, aber auch in der verwirrenden Neuartigkeit, die man den Handelnden zugute halten muß, einen Sinn für die Nachfahren gehabt hat, dann muß er im Freiwerden von der Tyrannei des kollektivistischen Denkens bestehen. (. . .) Sofern die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gerade von diesem kollektivistischen Denken geprägt ist, sollte endlich ein Schlußstrich gezogen werden. Es ist nicht zu leugnen, daß dann Gedankenlosigkeit und Selbstzufriedenheit um sich greifen könnten. Aber das muß nicht so sein, und Wahrheit darf jedenfalls nicht von Nützlichkeit abhängig gemacht werden. Eine umfassendere Auseinandersetzung, die vor allem im Nachdenken über die Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte bestehen müßte, würde die Vergangenheit, von der im Thema die Rede ist, zwar ebenso zum »Vergehen« bringen, wie es jeder Vergangenheit zukommt, aber sie würde sie sich gerade dadurch zu eigen machen. FAZ, 6. 6. 1986

6.

Christian Maier

Verurteilen und Verstehen An einem Wendepunkt deutscher Geschichtserinnerung Ein Vortrag, gehalten in Tel Aviv

Unter den drei Staaten, in die das Großdeutsche Reich zerfallen ist, ist es allein die Bundesrepublik, deren Angehörigen die Erschießung und Vergasung von mehr als fünf Millionen Juden im Zweiten Weltkrieg in größerem Ausmaß zu schaffen macht. Das hat, wie ich vermute, vor allem drei Gründe. Die Bundesrepublik trat die Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches an; der Weg, auf dem allein sie wieder einen geachteten Platz unter den Nationen gewinnen konnte, schloß die Wiedergutmachung und manches daran anknüpfende Nachdenken ein; schließlich hat die Negation dessen, was Deutschland zwischen 1933 und 1945 war, die neu entstehende Demokratie mit begründet. Die 37

Verantwortung, die zur Freiheit gehört und wohl gerade bei neugewonnener Freiheit besonders empfunden wird, war ohne eine Verantwortung auch für die Vergangenheit nicht denkbar. So ist die Erinnerung an die deutschen Verbrechen in die Fundamente der Bundesrepublik tief installiert. (...) (. . .) Wolf Jobst Siedler beobachtete 1964 eine betäubte Empfindungslosigkeit der Deutschen. Es erstaunte ihn die Robustheit, die einerseits nach Auschwitz vom Unrecht an Deutschland zu sprechen wagte und andererseits nach Jalta und Potsdam in der Bundesrepublik ein »unter glücklichen Umständen« wiedergeborenes Weimar fand, wie wenn da nicht auch unendlich viel zu betrauern wäre. Letztlich hat sich daran bis 1986 nichts geändert - außer daß jenes Niemandsland heute offenbar viel stärker empfunden und daß an ihm gearbeitet wird. Aber es wird nicht nur daran gearbeitet, es arbeitet vielmehr auch selbst. Das hat wesentlich mit den Verbrechen gegen die Juden zu tun. Die anderen Völker, so schlimm sie zum Teil unter uns zu leiden hatten, stehen dahinter zurück. Und die weitere Problematik unseres Verhältnisses zu unserer Geschichte, die sich aus der Teilung Deutschlands ergibt, wird wirklich schwierig nur, weil eben in der Bundesrepublik die Jahre von 1933 bis 1945 zwischen uns und unserer Geschichte liegen. (. . .) Die alte Frage ist weiter offen, ob und wie wir anerkennen, was wir zwischen 1933 und 1945 angerichtet haben. Genauer gesagt geht es um die prägnante Bestimmung und das klare Bewußtsein dessen, was da geschah, sowie um das Subjekt, dem dieses Geschehen zuzurechnen ist: Waren wir das, also das deutsche Volk - oder nur unsere Eltern oder Großeltern (die inzwischen tot oder an der Schwelle des Todes sind), das deutsche Bürgertum (oder eher Kleinbürgertum), »der Faschismus«, nur ein paar Verbrecher unter uns (in einer im ganzen »anständig« gebliebenen Nation), oder war es gar nur Hitler? Die Weltgeschichte ist anders geworden Die Frage, was in jenen zwölf Jahren geschah, betrifft nicht diese oder jene Häufung von Unrecht und Verbrechen, wie sie in der Weltgeschichte immer wieder einmal vorgekommen ist, auch nicht nur die Anerkennung des verbrecherischen Charakters des NS-Regimes, sondern das Einzigartige daran. Daß da ein Land, ein Volk, vertreten durch seine Regierung, sich die Entscheidung darüber anmaßt, ob ein 38

ganzes anderes Volk (dessen Mitgliedschaft sie überdies willkürlich festsetzt) auf Erden leben darf oder nicht! Ein Volk nebenbei, das dem deutschen nie feindlich begegnet war, im Gegenteil vielfach geradezu mit Liebe. (. . .) Und dessen Vernichtung dann planmäßig als administrativer Massenmord nach Methoden, die für Ungeziefer indiziert sind, ins Werk gesetzt wurde. Dafür fehlt es an Parallelen. Das war ein völlig neuartiges Verbrechen gegen Rang und Stand der Menschheit. Die Anerkennung dieser Einzigartigkeit der deutschen Verbrechen ist offenbar ungeheuer schwierig. Vieles kann man sagen, Fakten lassen sich letztlich einkapseln und isolieren. Um das Zugeständnis der Einzigartigkeit aber drückt man sich, wenn es irgend geht, herum. Man flüchtet sich gern in ein Aufrechnen mit Untaten, die wir erlitten. Allein durch die Tatsache, daß diese unermeßlichen Verbrechen möglich waren (und das heißt möglich sind), ist die Weltgeschichte anders geworden. Dadurch, wie überhaupt durch den Zweiten Weltkrieg, haben wir unsere Opfer, haben wir die Welt tief in unsere Geschichte hineingezogen. (. . .) (...) (. . .) Wenn die Totalitarismus-These die Einzigartigkeit der Verbrechen umging, indem sie das nazistische Deutschland mit der stalinistischen Sowjetunion in eins setzte, so tat es die Faschismus-These, indem sie es in der Reihe der anderen faschistischen oder gar kapitalistischen Regime aufgehen ließ, um sich selbst auf die Gegenseite zu stellen. Eine bemerkenswerte Verharmlosung. Insgesamt wird man festhalten können, daß es durchaus viel Trauer, Leiden und Scham im Bewußtsein des von uns zwischen 1933 und 1945 Angerichteten gegeben hat und gibt, daß aber weithin Verdrängung in der Form der Generalisierung oder der Flucht dazu verhalfen, mindestens der Einzigartigkeit der Verbrechen zu entrinnen. (. . .) Die Fortsetzung dieser Verdrängungsgeschichte erleben wir heute. Nur das Vorzeichen ist neu, unter dem sie geschieht: Das ist der Versuch, die Beziehung zur eigenen Geschichte zu normalisieren. Gewiß sollten wir wieder ein bewußteres, geordneteres Verhältnis zu unserer Geschichte haben. Es müßte uns ermöglichen, diese wieder mit den Augen der Identität zu sehen. Das ist aus vielen Gründen wichtig, nicht zuletzt, weil offenbar die Realitätsbeziehung einer Gesellschaft daran hängt. Es gibt, grob geschieden, zwei Quellen für Handlungsmaßstäbe: geschichtliche Erfahrungen oder Vorbild und die Forderungen einer allgemeinen, im Extremfall rigorosen Moral. (. . .) (...)

Jede historische Besinnung sollte davon ausgehen, daß kein Versuch 39

gemacht werden kann, zu leugnen oder auch nur in den Hintergrund zu drängen, was geschehen ist. Zum Geschichtsbewußtsein der Deutschen muß immer das Bewußtsein der Beispiellosigkeit der Verbrechen gehören, die wir in jenen zwölf Jahren begangen haben. Schon deswegen, weil es sonst unverständlich bliebe, warum von den Untaten jener Zeit nicht dasselbe gilt, was wir bei den unangenehmen Teilen der Geschichte anderer Völker beobachten, daß sie nämlich irgendwann abgelegt sind, so daß uns dann schon der Takt davon abhält, sie öffentlich daran zu erinnern. Wir werden also zu unserer Geschichte nie wieder ein unbefangenes Verhältnis bekommen. Es nützt nichts, sondern schadet, wenn sich ein Bundeskanzler unter Hinweis auf die »Gnade der späten Geburt« wieder leicht mit der Geschichte tut, von der doch gerade Konservative ein Bewußtsein haben sollten. Die langen Diskussionen um die Frage, wie wir es mit dem 8. Mai 1985 halten wollen, aber auch die Fassbinder-Debatte sowie die um die Strafrechtsänderung (welche wieder dem Gedanken der Aufrechnung Vorschub leistete) haben nur allzu deutlich gezeigt, daß wir aus dem Schatten Hitlers noch lange nicht heraus sind. Und gerade die Geschichte um Bitburg hat deutlich gemacht, daß alles nur schlimmer wird, wenn wir einfach auf eine historische Normalität zusteuern. Die Wahrheit auszuhalten lernen So wenig es Kollektivschuld gibt, so sehr haben wir eine Verantwortung für das, was von uns und in unserem Namen geschah, wenn anders die deutsche Geschichte die unsere sein soll. Weil dem so ist, müssen auch die Jüngeren von uns das Gedächtnis an die Untaten wachhalten. Das sind wir den Opfern schuldig. Tun wir es nicht, beginnt dort eine Schuld für uns. Und wenn wir in irgendeiner Weise die Klarheit der Verurteilung dessen, was da geschehen ist, durch Relativierungen und Ausflüchte verwischen wollten, wäre jeder Versuch, ein neues Verhältnis zu unserer Geschichte zu gewinnen, auf Sand gebaut. (...) (. . .) Wohl muß es uns zugemutet werden, daß wir diese Geschichte tragen. Allein, ohne daß man Unvergleichliches vergleichen wollte, darf doch wohl gesagt werden, daß es auch schwierig ist, zu den Nachfahren der Täter des Holocaust zu gehören. Daher sollte man Verständnis aufbringen für die Nöte, die wir mit unserer jüngeren Geschichte haben. Das aber wird nur geschehen, wenn wir selbst nichts schuldig bleiben. (. . .) 40

Man muß dabei bedenken, daß mit den Jahrzehnten seit 1945 ein tiefer Wandel der zeitlichen Perspektive auf die NS-Verbrechen stattgefunden hat. Es mag sich damit die Rigorisität manches Urteils gemindert haben. Aber zugleich hat das Geschehen jener Jahre die Tendenz, immer größer und unfaßlicher, nämlich immer mehr unter dem Möglichkeits- als unter dem Wirklichkeitsaspekt zu erscheinen. Zunächst, nach dem Krieg, als die Generationen der unmittelbar Beteiligten das öffentliche Leben bestimmten, war man in der ursprünglichen Empörung, in Anklage und Verteidigung, Betroffensein und Verdrängung der Wirklichkeit des Geschehens selbst, also mit der ganzen Entsetzlichkeit und Grausamkeit des Krieges und der Verfolgung noch fast unmittelbar konfrontiert. Es war den Wissenden und zumal den Hassenden klar, wie einzigartig Einsatzkommandos, Konzentrationslager und Vergasung waren. (. . .) Jetzt hingegen, aus dem Abstand von vierzig Jahren, (. . .) jetzt macht uns schon die Möglichkeit des damaligen Krieges, des Schießens, der Bedrohung und raschen Verurteilung von Menschen, macht uns die Möglichkeit von Totalitarismus aufs schwerste zu schaffen. Nicht nur die Untaten selbst, sondern ihr ganzes engeres und weiteres Umfeld erscheinen als kaum begreiflich: das Geheimnis, das sie umgab, die exakte Befolgung der Befehle, der Diensteifer, die offene Unmenschlichkeit, vielfältigste Gewalt und Bereitschaft, sie hinzunehmen. (...) Wir wissen heute - oder könnten doch oder sollten wissen daß die Beteiligung an den Untaten sich sehr weit verzweigte. Hinter den Befehlshabern und Administratoren der Mordmaschinerie sowie den KZ-Schergen standen die Polizisten, die die Opfer sammelten, die Eisenbahner, die sie brachten; vor ihnen stand die ganze Deutsche Wehrmacht, die die Fronten verteidigte, hinter denen die Vernichtungsmaschinen arbeiten konnten: Soldaten, von denen viele auch zu Zeugen der Juden-Erschießungen, der Deportationen wurden, ohne dem zu wehren, ohne daraus praktische Konsequenzen zu ziehen. »Wenn das wahr ist« (was über Juden-Erschießungen erzählt wurde), sagte ein damals junger Offizier, »dann dürfen wir den Krieg nicht gewinnen.« Aber er kämpfte weiter, wie er es für seine Pflicht hielt, für sein Land, mit seinen Kameraden, die er nicht im Stich lassen wollte. Wie viele wirkten mit, um das weitere Umfeld der Verbrechen aufzubauen, das vielfache weitere Unrecht - etwa die Gefangenen-Erschießungen - und das tatenlose Zusehen geschehen zu lassen? Gewiß ein perfekter Unterdrückungsapparat, aber auch viel Bereitschaft oder wenigstens menschliche Schwächen, die ihm seine Arbeit erleichterten! (. . .) 41

Daß die Deutschen dann im Krieg ihre Aufgaben pünktlich, korrekt und tüchtig erfüllten, tapfer waren, ihr Leben aufs Spiel setzten, wird man ihnen im einzelnen kaum vorhalten können. Wie sollten sie, aufs Ganze gesehen, um des Regimes willen ihr Land im Stich lassen? Sie haben auch darin zumeist nicht anders - vermutlich auch nicht schlechter - gehandelt als ihre Gegner. Nur daß wohl die Zahl derer, die zu offensichtlich unrechten Taten kommandierten oder sich kommandieren ließen, auf deutscher Seite viel größer war als in anderen Armeen. Und daß vom Regime, insbesondere von seiner Rassenlehre her, nicht nur die großen Verbrechen, sondern auch zahlreiche kleinere Unrechtmäßigkeiten und Schikanen nahegelegt wurden, da die ethischen Normen erschüttert oder stark relativiert waren. (. . .) H Z , 28. 6.1986

7.

Jürgen

Habermas

Eine Art Schadensabwicklung Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung

Der Erlanger Historiker Michael Stürmer bevorzugt eine funktionale Deutung des historischen Bewußtseins: »In einem geschichtslosen Land (gewinnt derjenige) die Zukunft, der die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet.« Im Sinne jenes neokonservativen Weltbildes von Joachim Ritter, das in den siebziger Jahren von seinen Schülern aktualisiert worden ist, stellt sich Stürmer Modernisierungsprozesse als eine Art Schadensabwicklung vor. Der einzelne muß für die unvermeidliche Entfremdung, die er als »Sozialmolekül« in der Umgebung einer versachlichten Industriegesellschaft erfährt, mit identitätsstiftendem Sinn kompensiert werden. Stürmer sorgt sich freilich weniger um die Identität des einzelnen als um die Integration des Gemeinwesens. Der Pluralismus der Werte und Interessen treibt, »wenn er keinen gemeinsamen Boden mehr findet . . . früher oder später zum sozialen Bürgerkrieg«. Es bedarf »jener höheren Sinnstiftung, 42

die nach der Religion bisher allein Nation und Patriotismus zu leisten imstande waren«. Eine politisch verantwortungsbewußte Geschichtswissenschaft wird sich dem Ruf nicht versagen, ein Geschichtsbild herzustellen und zu verbreiten, das dem nationalen Konsens förderlich ist. Die Fachhistorie wird ohnehin »vorangetrieben durch kollektive, großenteils unbewußte Bedürfnisse nach innerweltlicher Sinnstiftung: (sie) muß diese aber« - und das empfindet Stürmer durchaus als ein Dilemma - »in wissenschaftlicher Methodik abarbeiten«. Deshalb macht sie sich auf »die Gratwanderung zwischen Sinnstiftung und Entmythologisierung«. Beobachten wir zunächst den Kölner Zeithistoriker Andreas Hillgruber bei seiner Gratwanderung. (. . .) Im ersten Teil seiner Studie beschreibt Hillgruber den Zusammenbruch der deutschen Ostfront während des letzten Kriegsjahres 1944/ 45. Zu Beginn erörtert er das »Problem der Identifizierung«, die Frage nämlich, mit welcher der seinerzeit beteiligten Parteien der Autor sich in seiner Darstellung identifizieren solle. Da er die Situationsdeutung der Männer vom 20. Juli gegenüber der verantwortungsethischen Haltung der Befehlshaber, Landräte und Bürgermeister vor Ort als bloß »gesinnungsethisch« schon abgetan hat, bleiben drei Positionen. Die Durchhalteperspektive Hitlers lehnt Hillgruber als sozialdarwinistisch ab. Auch eine Identifikation mit den Siegern kommt nicht in Betracht. Diese Befreiungsperspektive sei nur für die Opfer der Konzentrationslager angebracht, nicht für die deutsche Nation im ganzen. Der Historiker hat nur eine Wahl: »Er muß sich mit dem konkreten Schicksal der deutschen Bevölkerung im Osten und mit den verzweifelten und opferreichen Anstrengungen des deutschen Ostheeres und der deutschen Marine im Ostseebereich identifizieren, die die Bevölkerung des deutschen Ostens vor den Racheorgien der Roten Armee, den Massenvergewaltigungen, den willkürlichen Morden und den wahllosen Deportationen zu bewahren und . . . den Fluchtweg nach Westen freizuhalten suchten.« Man fragt sich verdutzt, warum der Historiker von 1986 nicht eine Retrospektive aus dem Abstand von vierzig Jahren versuchen, also seine eigene Perspektive einnehmen sollte, von der er sich ohnehin nicht lösen kann. Sie bietet zudem den hermeneutischen Vorzug, die selektiven Wahrnehmungen der unmittelbar beteiligten Parteien in Beziehung zu setzen, gegeneinander abzuwägen und aus dem Wissen des Nachgeborenen zu ergänzen. Aus diesem, man möchte fast sagen: »normalen« Blickwinkel will Hillgruber jedoch seine Darstellung nicht schreiben, denn dann kämen unvermeidlich Fragen der »Moral 43

in Vernichtungskriegen« ins Spiel. Die aber sollen ausgeklammert bleiben. Hillgruber erinnert in diesem Zusammenhang an die Äußerung von Norbert Blüm, daß, solange nur die deutsche »Ostfront« hielt, auch die Vernichtungsaktionen in den Lagern weitergehen konnten. Diese Tatsache müßte einen langen Schatten auf jenes »Bild des Entsetzens von vergewaltigten Frauen und ermordeten Kindern« werfen, das sich beispielsweise den deutschen Soldaten nach der Rückeroberung von Nemmersdorf geboten hat. Hillgruber geht es um eine Darstellung des Geschehens aus der Sicht der tapferen Soldaten, der verzweifelten Zivilbevölkerung, auch der »bewährten« Hoheitsträger der NSDAP; er will sich in die Erlebnisse der Kämpfer von damals hineinversetzen, die noch nicht von unseren retrospektiven Kenntnissen eingerahmt und entwertet sind. Diese Absicht erklärt das Prinzip der Zweiteilung der Studie in »Zusammenbruch im Osten« und »Judenvernichtung«, zwei Vorgänge, die Hillgruber gerade nicht, wie der Klappentext ankündigt, »in ihrer düsteren Verflechtung« zeigen will. Nach dieser Operation, die man wohl dem von Stürmer erwähnten Dilemma sinnstiftender Historie zugute halten muß, zögert Hillgruber freilich nicht, das Wissen des nachgeborenen Historikers doch noch in Anspruch zu nehmen, um die im Vorwort eingeführte These zu belegen, daß die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten keineswegs als eine »Antwort« auf die Verbrechen in den Konzentrationslagern zu verstehen sei. Anhand der alliierten Kriegsziele weist er nach, daß »für den Fall einer deutschen Niederlage zu keinem Zeitpunkt des Krieges Aussicht bestand, den größeren Teil der preußisch-deutschen Ostprovinzen zu retten«; dabei erklärt er das Desinteresse der Westmächte mit einem »klischeehaften Preußenbild«. Daß die Machtstruktur des Reiches mit der besonders in Preußen konservierten Gesellschaftsstruktur zu tun haben könnte, kommt Hillgruber nicht in den Sinn. Von sozialwissenschaftlichen Informationen macht er keinen Gebrauch. (. . .). Wie dem auch sei, die Westmächte waren durch ihr illusionär wahrgenommenes Kriegsziel, die Zerschlagung Preußens, verblendet. Zu spät erkannten sie, wie durch den Vormarsch der Russen »ganz Europa der Verlierer der Katastrophe von 1945« wurde. Vor dieser Szene nun kann Hillgruber das »Ringen« des deutschen Ostheeres ins rechte Licht rücken - den »verzweifelten Abwehrkampf um die Bewahrung der Eigenständigkeit der Großmachtstellung des Deutschen Reiches, das nach dem Willen der Alliierten zertrümmert werden sollte. Das deutsche Ostheer bot einen Schutzschirm vor einem jahrhundertealten deutschen Siedlungsraum, vor der Heimat von Millionen, die in einem Kernland des Deutschen Reiches . . . 44

wohnten.« Die dramatische Darstellung schließt dann mit einer Wunschdeutung des 8. Mai 1945: Vierzig Jahre danach sei die Frage einer »Rekonstruktion der zerstörten europäischen Mitte . . . so offen wie damals, als die Zeitgenossen als Mithandelnde oder Opfer Zeugen der Katastrophe des deutschen Ostens wurden«. Die Moral der Geschichte liegt auf der Hand: Heute wenigstens stimmt die Allianz. (. . .) Der in der Rhetorik von Kriegsheftchen beschworenen »Zerschlagung des Deutschen Reiches« (die anscheinend nur an der »Ostfront« stattgefunden hat) steht das nüchtern registrierte »Ende des europäischen Judentums« gegenüber. Die »Zerschlagung« verlangt einen aggressiven Gegner, ein »Ende« stellt sich gleichsam von selber ein. Während dort »die Vernichtung ganzer Armeen neben dem Opfermut einzelner« stand, ist hier von den »stationären Nachfolgeorganisationen« der Einsatzkommandos die Rede. Während dort »manche Unbekannte in der hereinbrechenden Katastrophe über sich hinauswuchsen«, werden hier die Gaskammern als »effektivere Mittel« der Liquidation umschrieben. Dort die nicht-revidierten, unausgedünsteten Klischees eines aus Jugendtagen mitgeführten Jargons, hier die bürokratisch gefrorene Sprache. Der Historiker wechselt nicht nur die Perspektive der Darstellung. Nun geht es um den Nachweis, daß »der Mord an den Juden ausschließlich eine Konsequenz aus der radikalen Rassendoktrin« gewesen sei. (. . .) Hillgruber bezweifelt aber, daß zwischen 1938 und 1941 bereits alle Funktionsträger eine forcierte Auswanderungspolitik als die beste Lösung der Judenfrage angesehen hätten. Immerhin seien bis dahin zwei Drittel der deutschen Juden »ins Ausland gelangt«. Was schließlich, seit 1941, die Endlösung anbetrifft, es war Hitler allein, der sie von Anbeginn ins Auge gefaßt hatte. Hitler wollte die physische Vernichtung aller Juden, »weil nur durch eine solche »rassische Revolution der angestrebten >Weltmacht-Position< seines Reiches Dauerhaftigkeit verliehen werden konnte«. Da dem letzten Wort der konjunktivische Umlaut fehlt, weiß man nicht, ob sich der Historiker auch diesmal die Perspektive des Beteiligten zu eigen macht. (...) Dagegen sei Hitler mit der Idee der »Endlösung« sogar in der engsten Führungsclique, »einschließlich Görings, Himmlers und Heydrichs«, isoliert gewesen. Nachdem Hitler so als der alleinverantwortliche Urheber für Idee und Entschluß identifiziert worden ist, harrt nur noch die Durchführung einer Erklärung (. . .). Freilich wäre das Ziel der mühsamen Revision gefährdet, wenn dieses Phänomen am Ende doch noch einer moralischen Beurteilung aus45

geliefert werden müßte. An dieser Stelle bricht deshalb der narrativ verfahrende Historiker, der von sozialwissenschaftlichen Erklärungsversuchen nichts hält, ins Anthropologisch-Allgemeine aus. (. . .) Hillgrubers Bonner Kollege Klaus Hildebrand empfiehlt in der Historischen Zeitschrift (Bd. 242. 1986, 465 f.) eine Arbeit von Ernst Nolte als »wegweisend«, weil sie das Verdienst habe, der Geschichte des »Dritten Reiches« das »scheinbar Einzigartige« zu nehmen und »die Vernichtungskapazität der Weltanschauung und des Regimes« in die gesamttotalitäre Entwicklung historisierend einzuordnen. Nolte, der schon mit dem Buch über den »Faschismus in seiner Epoche« (1963) weithin Anerkennung gefunden hatte, ist in der Tat aus anderem Holz geschnitzt als Hillgruber. In seinem Beitrag »Zwischen Mythos und Revisionismus« begründet er heute die Notwendigkeit einer Revision damit, daß die Geschichte des »Dritten Reiches« weitgehend von den Siegern geschrieben und zu einem »negativen Mythos« gemacht worden sei. (. . .) (. . .) Selbst die Totalitarismustheorie der fünfziger Jahre habe keine veränderte Perspektive angeboten, sondern nur dazu geführt, in das negative Bild eben auch die Sowjetunion einzubeziehen. Ein Konzept, das derart vom Gegensatz zum demokratischen Verfassungsstaat lebt, genügt Nolte noch nicht; ihm geht es um die Dialektik wechselseitiger Vernichtungsdrohungen. Lange vor Auschwitz habe Hitler, meint er, gute Gründe gehabt für seine Uberzeugung, daß der Gegner auch ihn habe vernichten wollen. (. . .) Als Beleg gilt ihm die »Kriegserklärung«, die Chaim Weizmann im September 1939 für den jüdischen Weltkongreß abgegeben und die Hitler dazu berechtigt habe, die deutschen Juden als Kriegsgefangene zu behandeln - und zu deportieren. Man hatte schon vor einigen Wochen (. . .) lesen können, daß Nolte dieses abenteuerliche Argument einem jüdischen Gast, seinem Fachkollegen Saul Friedländer aus Tel Aviv, zum Abendessen serviert hatte - jetzt lese ich es schwarz auf weiß. Nolte ist nicht der betulich-konservative Erzähler, der sich mit dem »Identifikationsproblem« herumschlägt. Er löst Stürmers Dilemma zwischen Sinnstiftung und Wissenschaft durch forsche Dezision und wählt als Bezugspunkt seiner Darstellung den Terror des Pol-Pot-Regimes in Kambodscha. Von hier aus rekonstruiert er eine Vorgeschichte, die über den »Gulag«, die Vertreibung der Kulaken durch Stalin und die bolschewistische Revolution zurückreicht bis zu Babeuf, den Frühsozialisten und den englischen Agrarreformern des frühen 19. Jahrhunderts - eine Linie des Aufstandes gegen die kulturelle und gesellschaftliche Modernisierung, getrieben von der illusionären Sehnsucht nach 46

der Wiederherstellung einer überschaubaren, autarken Welt. In diesem Kontext des Schreckens erscheint dann die Judenvernichtung nur als das bedauerliche Ergebnis einer immerhin verständlichen Reaktion auf das, was Hitler als Vernichtungsdrohung empfinden müßte: »Die sogenannte Vernichtung der Juden während des Dritten Reiches war eine Reaktion oder eine verzerrte Kopie, aber nicht ein erstmaliger Vorgang oder ein Original«. (. . .) (. . .) Das alles fügt sich trefflich in heute dominierende Stimmungslagen - und in den Reigen der kalifornischen Weltbilder, die daraus hervorsprießen. Ärgerlicher ist die Entdifferenzierung, die aus dieser Sicht »Marx und Maurras, Engels und Hitlers bei aller Hervorhebung ihrer Gegensätze dennoch zu verwandten Figuren« macht. Erst wenn sich Marxismus und Faschismus gleichermaßen als Versuche zu erkennen geben, eine Antwort zu geben »auf die beängstigenden Realitäten der Moderne« kann auch die wahre Intention des Nationalsozialismus von dessen unseliger Praxis fein säuberlich geschieden werden. (. . .) Nun könnte man die skurrile Hintergrundphilosophie eines bedeutend-exzentrischen Geistes auf sich beruhen lassen, wenn nicht neokonservative Zeithistoriker sich bemüßigt fühlten, sich genau dieser Spielart von Revisionismus zu bedienen. Als Beitrag zu den diesjährigen Römerberggesprächen (. . .) bescherte uns das Feuilleton der FAZ vom 6. Juni 1986 einen militanten Artikel von Ernst Nolte (. . .). Auch Stürmer solidarisierte sich (. . .) mit dem Zeitungsaufsatz, in dem Nolte die Singularität der Judenvernichtung auf »den technischen Vorgang der Vergasung« reduziert und mit einem eher abstrusen Beispiel aus dem russischen Bürgerkrieg seine These belegt, daß der Archipel Gulag »ursprünglicher« sei als Auschwitz. Dem Film »Shoah« von Lanzmann weiß der Autor nur zu entnehmen, »daß auch die SS-Mannschaften der Todeslager auf ihre Art Opfer sein mochten und daß es andererseits unter den polnischen Opfern des Nationalsozialismus virulenten Antisemitismus gab«. Diese unappetitlichen Kostproben zeigen, daß Nolte einen Fassbinder bei weitem in den Schatten stellt. Wenn die FAZ mit Recht gegen die in Frankfurt geplante Aufführung dieses Stücks zu Felde gezogen ist, warum dann dies? Ich kann mir das nur so erklären, daß Nolte nicht nur jenes Dilemma zwischen Sinnstiftung und Wissenschaft eleganter umschifft als andere, sondern für ein weiteres Dilemma eine Lösung parat hat. Dieses Dilemma beschreibt Stürmer mit dem Satz: »In der Wirklichkeit des geteilten Deutschlands müssen die Deutschen ihre Identität finden, 47

die im Nationalstaat nicht mehr zu begründen ist, ohne Nation aber auch nicht.« Die Ideologieplaner wollen über eine Wiederbelebung des Nationalbewußtseins Konsens beschaffen, gleichzeitig müssen sie aber die nationalstaatlichen Feindbilder aus dem Bereich der Nato verbannen. Für diese Manipulation bietet Noltes Theorie einen großen Vorzug. Er schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Nazi-Verbrechen verlieren ihre Singularität dadurch, daß sie als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich gemacht werden. Auschwitz schrumpft auf das Format einer technischen Innovation und erklärt sich aus der »asiatischen« Bedrohung durch einen Feind, der immer noch vor unseren Toren steht. (...) Wenn man sich die Zusammensetzung der Kommissionen ansieht, die die Konzeptionen für die von der Bundesregierung geplanten Museen, das Deutsche Historische Museum in Berlin und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn, ausgearbeitet haben, kann man sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, daß auch Gedanken des Neuen Revisionismus in die Gestalt von Exponaten, von volkspädagogisch wirksamen Ausstellungsgegenständen umgesetzt werden sollen. (. . .) Wer wollte sich schon gegen ernstgemeinte Bemühungen stemmen, das historische Bewußtsein der Bevölkerung in der Bundesrepublik zu stärken. Es gibt auch gute Gründe für eine historisierende Distanzierung von einer Vergangenheit, die nicht vergehen will. (. . .) Jene komplexen Zusammenhänge zwischen Kriminalität und doppelbödiger Normalität des NS-Alltags, zwischen Zerstörung und vitaler Leistungskraft, zwischen verheerender Systemperspektive und unauffällig-ambivalenter Nahoptik vor Ort könnten eine heilsam objektivierende Vergegenwärtigung durchaus vertragen. Die kurzatmig pädagogisierende Vereinnahmung einer kurzschlüssig moralisierten Vergangenheit von Vätern und Großvätern könnte dann dem distanzierenden Verstehen weichen. Die behutsame Differenzierung zwischen dem Verstehen und dem Verurteilen einer schockierenden Vergangenheit könnte auch die hypnotische Lähmung lösen helfen. Allein, diese Art von Historisierung würde sich eben nicht wie der von Hildebrand und Stürmer empfohlene Revisionismus eines Hillgruber oder Nolte von dem Impuls leiten lassen, die Hypotheken einer glücklich entmoralisierten Vergangenheit abzuschütteln. Ich will niemandem böse Absichten unterstellen. Es gibt ein einfaches Kriterium, an dem sich die Geister scheiden: Die einen gehen davon aus, daß die Arbeit des distanzierenden Verstehens die Kraft einer reflexiven Erinnerung freisetzt und 48

damit den Spielraum für einen autonomen Umgang mit ambivalenten Überlieferungen erweitert; die anderen möchten eine revisionistische Historie in Dienst nehmen für die nationalgeschichtliche Aufmöbelung einer konventionellen Identität. (. . .) Wer auf die Wiederbelebung einer in Nationalbewußtsein naturwüchsig verankerten Identität hinauswill, wer sich von funktionalen Imperativen der Berechenbarkeit, der Konsensbeschaffung, der sozialen Integration durch Sinnstiftung leiten läßt, der muß den aufklärenden Effekt der Geschichtsschreibung scheuen und einen breitenwirksamen Pluralismus der Geschichtsdeutungen ablehnen. Man wird Michael Stürmer kaum Unrecht tun, wenn man seine Leitartikel in diesem Sinne versteht (. . .). Stürmer plädiert für ein vereinheitlichtes Geschichtsbild, das anstelle der ins Private abgedrifteten religiösen Glaubensmächte Identität und gesellschaftliche Integration sichern kann. Geschichtsbewußtsein als Religionsersatz - ist die Geschichtsschreibung mit diesem alten Traum des Historismus nicht doch etwas überfordert? Gewiß, die deutschen Historiker können auf eine wahrlich staatstragende Tradition ihrer Zunft zurückblicken. (. . .) Bis in die späten fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts herrschte jene Mentalität, die sich seit dem Scheitern der Revolution von 1848/49 und nach der Niederlage der liberalen Geschichtsschreibung vom Typ Gervinus ausgebildet hatte: »Liberale, aufgeklärte Historiker konnte man fortan fast hundert Jahre lang nur mehr isoliert oder in kleinen Randgruppen finden. Die Mehrheit der Zunft dachte und argumentierte reichsnational, staatsbewußt, machtpolitisch.« Daß sich nach 1945, jedenfalls mit der Generation der nach 1945 ausgebildeten jüngeren Historiker, nicht nur ein anderer Geist, sondern ein Pluralismus von Lesarten und methodischen Ansätzen durchsetzte, ist aber keineswegs nur eine Panne, die sich schlicht reparieren ließe. Vielmehr war die alte Mentalität nur der fachspezifische Ausdruck eines Mandarinenbewußtseins, das die Nazizeit aus guten Gründen nicht überlebt hat: Durch erwiesene Ohnmacht gegen oder gar Komplizenschaft mit dem Naziregime war sie vor aller Augen ihrer Substanzlosigkeit überführt worden. Dieser geschichtlich erzwungene Reflexionsschub hat nicht nur die ideologischen Prämissen der deutschen Geschichtsschreibung berührt; er hat auch das methodische Bewußtsein für die Kontextabhängigkeit jeder Geschichtsschreibung verschärft. Es ist jedoch ein Mißverständnis dieser hermeneutischen Einsicht, wenn die Revisionisten heute davon ausgehen, daß sie die Gegenwart aus Scheinwerfern beliebig rekonstruierter Vorgeschichten anstrahlen und aus diesen Optionen ein besonders geeignetes Geschichtsbild aus49

wählen könnten. Das geschärfte methodische Bewußtsein bedeutet vielmehr das Ende jedes geschlossenen, gar von Regierungshistorikern verordneten Geschichtsbildes. Der unvermeidliche, keineswegs unkontrollierte, sondern durchsichtig gemachte Pluralismus der Lesarten spiegelt nur die Struktur offener Gesellschaften. Er eröffnet erst die Chance, die eigenen identitätsbildenden Überlieferungen in ihren Ambivalenzen deutlich zu machen. Genau dies ist notwendig für eine kritische Aneignung mehrdeutiger Traditionen, das heißt für die Ausbildung eines Geschichtsbewußtseins, das mit geschlossenen und sekundär naturwüchsigen Geschichtsbildern ebenso unvereinbar ist wie mit jeder Gestalt einer konventionellen, nämlich einhellig und vorreflexiv geteilten Identität. (. . .) Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte. Stabilisiert wird das Ergebnis nicht durch eine deutsch-national eingefärbte Natophilosophie. Jene Öffnung ist ja vollzogen worden durch Überwindung genau der Ideologie der Mitte, die unsere Revisionisten mit ihrem geopolitischen Tamtam von »der alten europäischen Mittellage der Deutschen« (Stürmer) und »der Rekonstruktion der zerstörten europäischen Mitte« (Hillgruber) wieder aufwärmen. Der einzige Patriotismus, der uns dem Westen nicht entfremdet, ist ein Verfassungspatriotismus. Eine in Überzeugungen verankerte Bindung an universalistische Verfassungsprinzipien hat sich leider in der Kulturnation der Deutschen erst nach - und durch - Auschwitz bilden können. Wer uns mit einer Floskel wie »Schuldbesessenheit« (Stürmer und Oppenheimer) die Schamröte über dieses Faktum austreiben will, wer die Deutschen zu einer konventionellen Form ihrer nationalen Identität zurückrufen will, zerstört die einzige verläßliche Basis unserer Bindung an den Westen. DIE ZEIT, 11. 7. 86

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8. Frank S c h i r r m a c h e r *

Aufklärung? Habermas und die Geschichte

Irgendwann in den letzten Jahren müssen führende Teile der deutschen Intelligenz buddhistisch geworden sein. Auf irgendeine Weise sind lutherisches Pathos, sensibler Protest, zornige Debatte zum fernöstlichen »Sichhineinfühlen« geronnen. Die wundersame Verwandlung von Rede- und Streitlust in neblige Gefühlskultur geschah ganz heimlich. Sie ereignete sich an der »Basis«, beim zivilisatorischen Fußvolk und zog träge nach oben. Schon beginnen die kritischen Vordenker der Gesellschaft mehr von »Stimmungen« und »Empfindungen« zu reden, statt Argumente zu bieten. Ein Beispiel dieser stillen Bekehrung liefert ein Artikel des Soziologen Jürgen Habermas, den dieser unter dem Titel »Eine Art Schadensabwicklung« gestern in der »Zeit« veröffentlichte. Habermas rechnet mit den vorgeblich »apologetischen Tendenzen in der deuschen Zeitgeschichtsschreibung« ab. (. . .) Erst im vierten Teil des Artikels [vgl. Dok. 7, S. 48 f.] gibt Habermas das Ziel dieses Angriffs zu erkennen: die »apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung« paßten aufs vortrefflichste zu den Plänen der Bundesregierung, ein Deutsches Historisches Museum in Berlin einzurichten. Hieß es bislang bei einigen Gegnern des Konzepts, das Historische Museum werde ein abstraktes Geschichtsbewußtsein »verordnen«, so bereichert Habermas die Debatte um eine neue Pointe: das Museum werde den Nationalsozialismus zu einer Art Betriebsunfall der deutschen Geschichte herunterspielen. Kein Mensch wird Habermas darin widersprechen, daß es ein lineares, teleologisches, zielgerichtetes Geschichtsbewußtsein nicht mehr geben kann. Daß sich bei den Historikern »nicht nur ein anderer Geist, sondern ein Pluralismus von Lesarten und methodischen Ansätzen durchsetzt«, verbindet diese mit allen anderen Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Arbeiten von Nolte und Hillgruber bezeugen diesen Pluralismus (. . .). Habermas kann nicht im Ernst glauben, daß ein Historisches Museum diese Vielfalt rückgängig machen könnte. Identität läßt sich nicht erfinden. (...) 51

(. . .) Die »Revisionisten« benutzten Geschichte als »Religionsersatz«, als Träger der verlorengegangenen nationalen Identität, sie plädierten für ein »vereinheitlichtes Geschichtsbild, das anstelle der ins Private abgedrifteten religiösen Glaubensmächte Identität und gesellschaftliche Integration sichern kann«. Das ist nicht originell, aber es ist äußerst folgenreich, und es trifft in erster Linie die Position von Jürgen Habermas selber. Denn die »Vereinheitlichung« des Geschichtsbildes, die Habermas heraufziehen sieht, ist Reaktion auf die Uniformierung des Geschichtsbildes, die Habermas seit Jahrzehnten betreibt. Der intellektuelle Pluralismus, den er nun gegen die neuen »Revisionisten« ins Feld führt, war in dem monströsen Habermas'schen »Projekt der Moderne«, dort, wo es empirisch wurde, selten zu spüren. (. . .) Habermas' Ausfälle gegen die »Revisionisten« in der Geschichtswissenschaft (. . .) wirken unterdessen wie intellektuelle Machtsicherung, welche die »Stimmung« erst produziert, gegen die sie sich dann vehement zur Wehr setzt. Habermas kann dem angeblichen Mentalitätswandel der Zeithistoriker nichts anderes vorwerfen als die Mutmaßung, sie wollten eine »entmoralisierte Vergangenheit« abschütteln. (. . .) Die Habermas'sche Strategie der sich empirisch gebenden Verdächtigung, des Indizienprozesses, der mit den selbstverfaßten Gesetzen einer diffusen »Moderne« geführt wird, sind selber schon Ausdruck eines zutiefst ahistorischen Bewußtseins. (...) (. . .) Neuzeitliche Identität bedeutet auch Gewalt, Imagination, voraussetzungslose Subjektivität. Für diese Aspekte, für die Metaphysik der Alltagsgeschichte, fehlten Habermas allem Anschein nach die Sprache und die Anschauung. Statt dessen argumentiert der Soziologe buddhistisch: er entlarvt »Stimmungen« empirisch, und er fühlt sich in vorgebliche Mentalitätswechsel hinein. Dieter Henrich hat den Verdacht geäußert, daß Habermas' Theorie das »Denken in gerade den Fragen verweigert«, die für Philosophie die entscheidenden sind. Habermas' emotionales Gefecht gegen die Zeithistoriker legt den Verdacht nahe, daß es auch Geschichte verweigert. FAZ, 11. 7. 1986

* H e r r Schirrmacher legt Wert auf die Feststellung, d a ß die auszugsweise Wiedergabe seines Artikels o h n e seine Z u s t i m m u n g erfolgt ist.

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9.

Michael Brumlik

Neuer Staatsmythos Ostfront Die neueste Entwicklung der Geschichtswissenschaft der BRD

Zu berichten ist vom Niedergang deutscher Geschichtswissenschaft auf das Niveau von Landserheftchen. In der preziösen, viel zu teueren Geschenkreihe des Siedler Verlages, die verschmockt »Corso« getauft wurde, sind zwei überarbeitete, bereits anderswo gehaltene Vorträge und Aufsätze von Hillgruber unter dem Titel »Zweierlei Untergang« erschienen.(. . .) Ein neues Niveau Zumal der erste Aufsatz stellt an Schamlosigkeit und Zynismus alles in den Schatten, was seitens »seriöser« Wissenschaft an pronazistischen Stellungnahmen erschienen ist, während der zweite Aufsatz sich seines Themas eher unlustig und gleichsam gepreßt entledigt. Das Erscheinen von Hillgrubers Buch im Siedler Verlag stellt einen Einschnitt dar, der das Umschwenken deutscher Konservativer zum aggressiven Nationalismus signalisiert. Der Rahmen dieses Umschwenkens ist die Einsicht der Nationalisten in das Paradox ihres Versuchs, in Bitburg und später am Rhein die Versöhnung zwischen Opfern und Henkern zu erzwingen. Es scheint, als seien die Planer des kollektiven Gedenkens in patriotischer bzw. nationalistischer Absicht dieses Paradoxes gewahr geworden, weswegen sie auf den untauglichen Versuch einer Versöhnung mit den ermordeten Juden, Sinti und Slawen verzichten und sich ganz auf die im Kriege und während der Vertreibung umgekommenen Deutschen konzentrieren. (...) (. . .) Die politische Kultur der Verdrängung wird dort am deutlichsten, wo Menschen der verständlichen Versuchung nicht widerstehen können, das unbegreiflich-welthistorisch Einmalige, das die Holocaust genannte Massenvernichtung darstellte, anderen, bekannten und nachvollziehbaren Tötungshandlungen zu assimilieren. 53

Auschwitz das kleinere Übel, um das größere, die sowjetischen Massaker, zu verhindern Indem dies geschieht, wird die Shoah zu einer Art verständlichem Massaker umdefiniert, die um Vermeidung weiterer Massaker willen in Kauf zu nehmen war. Auf diese Art und Weise wird endlich der deutsche Abwehrkampf im Osten zu einem tragischen Ereignis, bei dem die Soldaten das Morden in den KZs schützen mußten, um ihre eigenen Landsleute vor sowjetischen Massakern zu bewahren. (. . .) Vertreten werden derlei Thesen nicht etwa von der Deutschen National- und Soldatenzeitung, die dies schon immer vertrat, sondern von dem Repräsentanten der seriösen Universitätshistorik Andreas Hillgruber (. . .). (...) Zum ersten Mal gibt ein konservativer, renommierter und angesehener Historiker öffentlich zu Protokoll, daß die Ausrottung der Juden und Sinti unter gewissen Umständen, wenn schon nicht gebilligt, so doch legitimerweise billigend in Kauf genommen werden durfte! Über Kohl und Dregger hinaus soll es nun nicht mehr nur darum gehen, auch der Wehrmacht, also der Beschützer der Mörder zu gedenken, sondern auch ihr faktisches Schützen des industriellen Massenmordes ausdrücklich anzuerkennen. Die Rekonstruktion der Nationalgeschichte mündet so - mit eiserner Konsequenz und auf abschüssiger Bahn - darin, die Shoah als eine von zwei etwa gleichbedeutenden Katastrophen anzusehen (. . .). Schon der euphemistische Titel verkündet das Programm: Während das deutsche Reich zerschlagen wird, endet das europäische Judentum - ein Prozeß, dem nicht anzusehen ist, wer ihn verursacht hat. (. . .) Bei Hillgruber ist nur noch von einem theatralisch-tragischen »Untergang« die Rede, aus der Vernichtung wird das Ende, und aus den ermordeten Juden das Judentum. Die tragisierende Abstraktifizierung, die sich im Innern des Buches so nicht durchhalten läßt - hat nur die Funktion, das Grauen hinter Worthülsen verschwinden zu lassen, es abzubuchen, abzuschließen - zu verdrängen. (...)

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Der Antikommunismus als notweniger Bestandteil der Verdrängung der Judenvernichtung

Nur wenn - wahrheitswidrig und gegen alle historischen Erfahrungen, die stalinistische Despotie und die Wut der von den Deutschen unsäglich drangsalierten Völker Osteuropas, die sich nach dem Krieg in Vertreibung, Mißhandlungen und auch Massakern äußerte - mit der kaltblütigen, geplanten, administrativ und industriell betriebenen, nur durch Sieg der Alliierten beendeten Massenvernichtung gleichgesetzt wird - nur wenn also in gewisser Weise unterstellt wird, es habe die Sowjetunion die Deutschen ausrotten wollen, läßt sich der Umstand, daß die kriegführende Nation die Vernichtungslager schützte, rechtfertigen. In dieser Hinsicht ist der Antikommunismus ein geradezu notwendiger Bestandteil von Verdrängung - beide sind wechselseitig aufeinander angewiesen. Das Denken Heinrich Himmlers als neuer Staatsmythos der BRD (...) Der Verdrängung entgeht nur, wer sich der Realität stellt. In dieser Hinsicht stellt der Antikommunismus eine Herausforderung dar - zumindest was die sogenannte Bewältigung des Nationalsozialismus und die Verdrängung der Shoah angeht. Er entläßt uns mit einer einfachen Frage: Gab oder gibt es in der Sowjetunion Gaskammern? Und wenn nicht - heißt das, daß sie dennoch mit dem Nationalsozialismus vergleichbar ist? Sind also - und darauf kommt es an - die Gaskammern, Eisenbahnbetriebe und Bürokratien der Massenvernichtung in moralischer und politischer Hinsicht zufälliges Beiwerk eines beliebigen Totalitarismus oder nicht doch Ausdruck, nein Wesen eines weltgeschichtlich einmaligen Verbrechens, dessen Dimensionen sich unserem moralischen Fassungsvermögen je und je wieder entziehen, so daß wir stets versucht sind, es in vertraute und bekannte Kategorien zurückzuholen? Hillgrubers Versuch jedenfalls, die Massenvernichtung gegen die Ostfront aufzuwiegen, stellt nichts anderes dar, als das Programm Himmlers aus den letzten Kriegsmonaten. (Sonderfrieden im Westen / Weiter »kämpfen« und Morden im Osten). Sollte also das Denken Heinrich Himmlers der neue Staatsmythos der Bundesrepublik werden? tax, 12. 7. 1986

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10.

Klaus Hildebrand

Das Zeitalter der Tyrannen Geschichte und Politik: Die Verwalter der Aufklärung, das Risiko der Wissenschaft und die Geborgenheit der Weltanschauung / Eine Entgegnung auf Jürgen Habermas

Jürgen Habermas' am 11. Juli 1986 in der »Zeit« unter dem Titel »Eine Art Schadensabwicklung« erschienerer Artikel über die angeblich »apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung« ist ein trübes Gebräu aus Politik und Wissenschaft, aus Weltanschauung und Geschichtsbetrachtung, aus Vorurteilen und Tatsachen. Daß die Hamburger Wochenzeitung seiner sogenannten »Kampfansage« sogleich toposartig die »beste aufklärerische Tradition« testiert, ändert nichts daran, daß hier unter dem Rubrum der Aufklärung Gegenaufklärung betrieben wird. (. . .) Auch der obligatorische Hinweis auf die Wertbehaftetheit aller Wissenschaft hilft da kaum weiter und wird fadenscheinig, wenn man sich auf Kosten der Wahrheitssuche ins Politisieren begibt. Wer einen ins Gewand des Philosphischen gehüllten Artikel verfaßt, der mit dem Eigentlichen der Wissenschaft, sich über Verlangen und Widerwillen hinwegzusetzen und um Objektivität bemüht zu sein, nichts mehr zu tun hat, erweist der Politik einen schlechten Dienst und verleugnet die Wissenschaft allemal. Falsche Zitate Das Anliegen dieser Entgegnung ist es nicht, sich mit den weltanschaulichen und politischen Urteilen auseinanderzusetzen, die in Habermas' Artikel dominieren. Verzichtet wird auch darauf, fehlerhafte Zitate seiner Abhandlung im einzelnen nachzuweisen. Mit Schmunzeln übergangen werden ridiküle Einschätzungen des Autors (zum Beispiel: Jürgen Kocka als Liberaler), und der Auseinandersetzung nicht wert erscheinen die wütenden Rundumschläge gegen Michael Stürmers Anschauungen über Geschichte und Politik. Eine den Sinn eines Textes nahezu verfälschende Zitation muß jedoch erwähnt werden, da sie für die tendenziöse Machart des Artikels typisch ist. Dem Kölner Historiker Andreas Hillgruber wird unterstellt, er habe 56

»Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums« (»Zweierlei Untergang«, Corso bei Siedler, Berlin 1986) unter anderem »aus der Sicht der tapferen Soldaten, der verzweifelten Zivilbevölkerung, auch der »bewährten« Hoheitsträger der NSDAP« darstellen wollen. Postume Mohrenwäsche also für Hitlers »Goldfasanen« durch einen renommierten Vertreter der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft - so suggeriert es der »Aufklärer« Habermas seinem Leser. Ein Blick in Hillgrubers Studie belehrt einen jedoch umgehend des Besseren. Denn dessen Ausführungen bemühen sich um ebenjene Differenzierungen, die Jürgen Habermas fremd bleiben müssen, da seine aus Vergröberungen zusammengefügte »Kampfansage« ansonsten in sich zusammenfiele. Hillgruber jedenfalls schreibt: »Von den Hoheitsträgern der NSDAP bewährten sich manche in der Not von letzter, verzweifelter Verteidigung, von Zusammenbruch und Flucht, andere versagten, zum Teil in erbärmlicher Weise« - und auf weiteren sechzehn Zeilen wird diese Feststellung über das Versagen der anderen sodann beispielhaft illustriert. Da dies aber das von Habermas gezeichnete Schwarzweißgemälde über Fortschritt und Reaktion in der deutschen Historiographie so offensichtlich stört, übergeht er es geflissentlich und schiebt Hillgruber eine Würdigung der »bewährten Hoheitsträger« der NSDAP unter. Der Sachverhalt spricht für sich und wird dazu noch durch den schnoddrigen Vorwurf abgerundet, Hillgrubers Abhandlung erinnere in ihrem ersten Teil an die »Rhetorik von Kriegsheftchen«. Man male sich die Reaktionen der »kritischen« Sozialwissenschaftler aus, wenn ihren Arbeiten der Jargon eines einst modischen und inzwischen arg in die Jahre gekommenen Halbstarken-Marxismus bescheinigt würde. (...) Demgemäß soll Andreas Hillgruber in der bereits erwähnten Studie über »Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums« den Versuch unternommen haben, die »deutsche Katastrophe« (Friedrich Meinecke) sozusagen aufzuteilen und die Darstellung über die Vernichtung des europäischen Judentums abzusondern von einer Glorifizierung des Endkampfes der deutschen Soldaten im Osten während der Jahre 1944/45. Die Suggestion ist irreführend. Vom zweiten Teil des »Corso«-Bandes ganz abgesehen, in dem Hillgruber die Positionen der Forschung und seine Deutung der nationalsozialistischen Rassenpolitik in extenso darlegt, durchzieht das stets beim Namen genannte - Bewußtsein von dieser moralischen Untat sein Buch (vergleiche beispielsweise die Seiten 45 und 64). 57

Nicht zuletzt vor einem solchen Hintergrund wird ja überhaupt Hillgrubers Beurteilung der deutschen und europäischen Geschichte dieser Jahre als einer Tragödie verständlich, war doch in ihr das.historische Geschehen nunmehr reduziert auf die propagandistisch von den Nationalsozialisten bereits von Anfang an fälschlich beschworene, jetzt aber zur Wirklichkeit gewordene Alternative der Deutschen, sich zwischen den ErzÜbeln des Jahrhunderts, zwischen Hitler und Stalin, zwischen einer Vernichtung im Zeichen der Rasse oder der Klasse eingepfercht zu sehen. Dabei geht es Hillgruber nicht, wie die »Kampfansage« durchgehend nahelegt, darum, das böse Tun der Russen aufzurechnen gegen das der Deutschen. Aber das ist Habermas entgangen, vielleicht aus Mangel an Sachkenntnis, vielleicht auch aus Unvertrautheit mit dem Gang historischer Forschung. (. . .) Geschichte als Utopie Der Kölner Historiker gelangt vor allem an Hand der in den letzten Jahren zugänglich gewordenen britischen Akten zu der Einsicht, daß weitausgreifende Kriegsziele mit großen, ja erschreckenden territorialen und bevölkerungspolitischen Verschiebungen nicht nur von Seiten des Hitler in vielem ebenbürtigen und gleichenden Stalin, sondern auch von Seiten der britischen Führung lange vor dem Bekanntwerden der nationalsozialistischen Untat des Genozids und nicht als Reaktion darauf entworfen wurden. Daß in dieser Beziehung nach den Hintergründen, Motiven und Zielen noch ausgiebig geforscht werden muß, liegt auf der Hand. Immer wieder tauchte auf englischer Seite in solchem Kontext die Abneigung gegenüber Preußen auf, dessen Geschichte und Existenz für Hitlers gewalttätige Politik als verursachend und verantwortlich angesehen wurden. (. . .) Was er (= Habermas) sodann freilich in anderem Zusammenhang über die Ausschreitungen der Roten Armee als sozialwissenschaftliche Interpretation anzudeuten versucht, bleibt eher dunkel (. . .). Zu unterscheiden ist doch zwischen spontanen Ausschreitungen und punktuellen Kriegsverbrechen einerseits sowie langfristigen Kriegszielprogrammen und planmäßigem Völkermord andererseits. Letztere verfolgten und verwirklichten Hitlers Deutschland im Zeichen der Rassen- und Stalins Sowjetunion im Zeichen der Klassenherrschaft. Daß Hillgruber zudem in Würdigung des gesinnungsethischen Widerstandes und in Erwähnung der »Haltebefehle« Hitlers das Schicksal 58

und die Empfindungen der 1944/45 im Osten kämpfenden deutschen Soldaten untersucht, die für Hitler gegen Stalin fochten, erscheint ganz im Gegensatz zu Habermas' Verdächtigungen über eine angebliche Verherrlichung und falsche Rechtfertigung solchen Tuns nicht zuletzt vor dem Hintergrund der von Hillgruber präsentierten Forschungslage legitim und notwendig. Die Tragödie dieser Soldaten, deren Kampf gegen die Rote Armee unsägliches Leid verhinderte und doch gleichzeitig die Existenz des nationalsozialistischen Unrechtsregimes verlängerte, tritt in diesem Band Seite um Seite deutlicher hervor. (...) Hillgruber formuliert das Urteil, wonach, »auf das Schicksal der deutschen Nation als Ganzes bezogen«, es nicht angebracht ist, das Kriegsende vom Mai 1945 allein als Befreiung zu beurteilen: »Befreiung umschreibt nicht die Realität des Frühjahres 1945.« Auf diesem Feld weiterzuarbeiten und zu differenzierenden Ergebnissen zu gelangen ist eine Aufgabe, die Habermas nicht in das ihm vertraut gewordene Geschichtsbild paßt. Daran aber möchte er ungeachtet neuer Quellen, neuer Erkenntnisse und neuer Fragen, die nun einmal den Fortgang der Wissenschaft konstituieren, beharrlich festhalten. Damit aber würden Geschichte und Geschichtsschreibung in einen Endzustand überführt, der einer Utopie gliche und dem wie jeder Utopie in vielerlei Hinsicht gefährliche, sogar totalitäre Züge anhafteten. Geschichte als erklärte Feindin der Dauer ist das Gegenteil von Utopie, recht verstandene Geschichtsschreibung ist somit stets Abwehr des Totalitären. Selbst einschlägige wissenschaftliche Fragen, die immer ein gewisses Maß an Behauptungen enthalten, erscheinen Habermas unsympathisch und verdächtig. Wer solche Sperren im Dienste des ein für allemal Etablierten aufrichtet, behindert die Forschung und huldigt dem Dogma. Insofern bringen Habermas' platte Politisierungen gegenüber den von Ernst Nolte, unabhängig von politischen Gezeiten und Wenden, seit vielen Jahren vorgelegten Fragen und Thesen zum Problem der Singularität und Vergleichbarkeit des nationalsozialistischen Völkermordes in der Weltgeschichte nichts Weiterführendes. Habermas stemmt sich gegen die drohende Einsicht, daß historische Tatsachen möglicherweise stärker sein könnten, als eine unkritische Philosophie. (. . .) Da es aber keine liberalen oder reaktionären Forschungsergebnisse gibt, ist nicht einzusehen, warum wir mit den Füßen im Zement irgendeines Geschichtsbildes stehen und uns Frageverbote auferlegen sollen, die es untersagen, nach Parallelen zwischen der Vernichtungsqualität des Kommunismus und des Nationalsozialismus zu fragen be59

ziehungsweise den Vorbildern und Spuren des »Judenmords« in der Geschichte nachzugehen. (...) Die lange Zeit mit viel Berechtigung und in weit verbreiteter Form als singulär angesehene rassenpolitische Untat des »Dritten Reiches« erklärt - beziehungsweise dient zur Erklärung für - die Deutschland treffenden und ebenfalls nicht selten als unvergleichbar gekennzeichneten Kriegsfolgen. Mit voranschreitender Forschung sehen wir nun allerdings, daß Hitlers Reich nicht allein zu dem Zweck besiegt wurde, um die Deutschen zu befreien, zu zähmen und zu erziehen. Die Eigenständigkeit der sowjetischen Kriegsziele, teilweise aber auch die der Briten und Amerikaner, ging weit darüber hinaus. Die Bösen und die Guten Vom deutschen Vorgehen unabhängig, hat vor allem Stalin seine weitgespannten außenpolitischen Ziele verfolgt und - von den Vereinigten Staaten von Amerika toleriert - die Nachkriegsentwicklung maßgeblich zu seinem Nutzen gestaltet. Daß die ehemaligen Alliierten jedoch so handelten und ihre ideologischen Differenzen angesichts der als einzigartig eingeschätzten »braunen« Vergangenheit der Deutschen immer wieder zurückstellten, hat auch entscheidend damit zu tun, daß Hitlers Politik zuvor mit allen Maßstäben des Praktischen und Prinzipiellen jäh gebrochen hatte. (. . .) Nicht zuletzt der Vergleich mit der Vernichtungsqualität des sowjetischen Kommunismus und die Erkenntnis über die antagonistische Verwandtschaft zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus führen aber zu der Einsicht, daß (. . .) in den einmal zur Herrschaft gekommenen Ideen eine nötigende Gewalt liegt, die das in der Rassen- und Klassendiktatur hervorgetretene Phänomen solch »unvermuteter Gemeinheit der Menschennatur« (Wilhelm Röpke) mitzuerklären imstande ist. Totalitarismus, Völkermord und Massenvertreibung gehören zur Signatur des 20. Jahrhunderts, wenn sie auch, Gott sei Dank, nicht seine Norm und auch nicht seine Normalität beschreiben. Solche Feststellung redet keineswegs einer Verharmlosung der nationalsozialistischen Vergangenheit das Wort, im Gegenteil. Selbst der Totalitarismus des 20. Jahrhunderts, der die scheinbare Absurdität menschlicher Existenz so grausam zu versinnbildlichen vermag, braucht nicht als Schicksal blind hingenommen zu werden. Davon befreit nicht zuletzt die erkennende und darstellende Arbeit des Historikers. Seine Suche nach Wahrhaftigkeit wirkt der Herrschaft des Terrors entgegen, so wie sein wissenschaftliches Tun, sogar in der Gewißheit 60

des Scheiterns, individuellen und allgemeinen Sinn stiftet (. . .). Erfolgreiche Therapie setzt die umfassende Diagnose voraus. (. . .) Ebendavor aber scheint Habermas ebenso Angst zu empfinden wie vor einem umfassenden Offenbarwerden der Schrecken eines Jahrhunderts, das schon recht früh als »Zeitalter der Tyrannen« (Elie Halevy) und ihrer Untaten bezeichnet worden ist. Der Raum dieser Schrecken ist eben nicht auf Deutschland begrenzt geblieben. (. . .) Die deutsche Welt zerfällt wieder einmal, charakteristisch für das Land der Reformation, in Böse und Gute, in Schwarz und Weiß, in, wenn die Einfalt es will, sogenannte »Regierungshistoriker« und Jürgen Habermas. Auf seine »Kampfansage« trifft die Sentenz des Boethius zu, daß er besser geschwiegen hätte - philosophus mansisses! FAZ, 31. 7. 1986

11.

Jürgen Habermas

Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein Zu Klaus Hildebrand »Das Zeitalter der Tyrannen« (F.A.Z. vom 31. Juli): Bezeichnenderweise schlüpft Klaus Hildebrand unter die Fittiche der F.A.Z. und antwortet auf meinen Artikel nicht dort, wo er erschienen ist und gelesen werden konnte - in der »Zeit« (11. Juli). Um die Substanz seiner »Entgegnung« würdigen zu können, müßten sich die Leser der F.A.Z. andernorts über deren Gegenstand informiert haben. Die schiefe Situation wird auch nicht dadurch besser, daß Hildebrand sich getroffen fühlt und diffus reagiert. Durch die Milchglasscheibe einer trüb-ungekonnten Polemik verschwimmen die Konturen dessen, worum der Streit geht. 1. Zunächst geht es um den angeblichen »Verlust des Geschichtsbewußtseins« und um die Bildungsaufgabe der Geschichtswissenschaft in der Öffentlichkeit. Nach Michael Stürmers Auffassung soll diese durch einen identifikatorischen Zugriff auf die Nationalgeschichte »deutsche Identität« herstellen helfen. Eine narrativ verfahrende, geopolitisch ernüchterte und an der nationalen Frage orientierte Geschichtsschreibung soll unter dem Stichwort »Identitätssuche« beherzt Aufgaben »innerweltlicher Sinnstiftung« anpacken. Demgegenüber 61

hatte ich den Zweifel angemeldet, ob nicht die Geschichtsschreibung mit diesem Programm - Geschichtsbewußtsein als Religionsersatz etwas überfordert sei. 2. Sodann geht es um die methodische Frage, in welchem Sinn die NS-Periode auch im öffentlichen Bewußtsein »historisiert« werden kann - und soll. Ein distanzierendes Verstehen fördert allemal eine kritische Einstellung zu ambivalenten Uberlieferungen. Eine derart problematisierende Vergegenständlichung würde aber der aus neokonservativer Sicht erwünschten Identifikation zuwiderlaufen. Deshalb werden die verharmlosenden Varianten eines in der NS-Zeitgeschichtsschreibung aufgekommenen Revisionismus wichtig für eine andere Art der »Historisierung« - von der Einfühlung über die Relativierung zur Überbrückung unterbrochener Kontinuitäten. In diesem Zusammenhang gehe ich auf die merkwürdige Überlegung ein, die Andreas Hillgruber seiner Darstellung des Geschehens an der Ostfront im Jahre 1944/45 voranstellt (Zweierlei Untergang, Berlin 1986). Er will sich nicht mit Hitler, nicht mit den Widerständlern, nicht mit den Insassen der Konzentrationslager identifizieren, sondern »mit dem konkreten Schicksal der Bevölkerung im Osten«. Das wäre vielleicht ein legitimer Blickwinkel für die Memoiren eines Veteranen - aber nicht für einen aus dem Abstand von vier Jahrzehnten schreibenden Historiker. Unter jenen Akteuren, mit deren Schicksal Hillgruber sich nach eigenem Bekunden identifiziert, finden sich neben Soldaten und Zivilisten auch die »bewährten« Hoheitsträger der NSDAP - die Anführungszeichen, die ich für diesen einen zitierten Ausdruck verwendet habe, schließen doch nicht aus, daß Hillgruber für die nicht so bewährten Goldfasane herbe Worte findet. 3. Schließlich geht es um Beispiele für apologetische Tendenzen. Ich bin davon überzeugt, daß Hillgruber vor den Naziverbrechen den gleichen Abscheu empfindet wie die meisten von uns - und er sagt es auch. Sein Büchlein wirkt gleichwohl apologetisch. Das beginnt beim Untertitel: Ein deutscher Leser müßte schon eine gehörige Portion sprachlicher Insensibilität mitbringen, um sich nicht beeindrucken zu lassen von der Gegenüberstellung einer aggressiven »Zerschlagung des Deutschen Reiches« durch äußere Feinde und einem sich gleichsam automatisch einstellenden »Ende des europäischen Judentums«. Dieser erste Eindruck bestätigt sich vor allem durch die Kompilation der beiden in Darstellungsstil und erklärter Parteinahme so ungleichen Teile. Und die These des letzten Teils fügt sich nahtlos in das bekannte Muster: »Je größer die Rolle Hitlers und seines Herrschaftssystems, um so entschuldbarer die deutsche Gesellschaft.« (K. E. Jeismann) 62

Von anderem Kaliber ist das zweite Beispiel, ein Aufsatz über »Mythos und Revisionismus«, in dem sich Ernst Nolte auch mit der »sogenannten« Judenvernichtung beschäftigt (in: H. W. Koch (Hg.), Aspects of the Third Reich, London 1985). Chaim Weizmanns Erklärung Anfang September 1939, die Juden der ganzen Welt würden an Englands Seite kämpfen, habe - so meint Nolte unter anderem — Hitler dazu »berechtigt«, die deutschen Juden als Kriegsgefangene zu behandeln und zu internieren. Von allen anderen Einwänden abgesehen: Ich kann die Unterstellung des Weltjudentums als eines völkerrechtlichen Subjekts von üblichen antisemitischen Projektionen nicht unterscheiden. Und wär's wenigstens bei Deportationen geblieben. Das alles hindert Klaus Hildebrand nicht daran, in der »Historischen Zeitschrift« (Bd. 242, 1986) Noltes »wegweisenden Aufsatz« zu empfehlen, weil er »gerade das scheinbar Einzigartige aus der Geschichte des »Dritten Reiches« vor den Hintergrund der europäischen und globalen Entwicklung zu projizieren . . . versucht«. Daß Nolte die Singularität der NSVerbrechen leugnet, hat es Hildebrand angetan. Auf diese drei Komplexe geht Hildebrand nicht ernsthaft ein. Seine Ausführungen illustrieren allenfalls, wie sehr er noch in den suggestiven Feindbildern eines »Bundes Freiheit der Wissenschaft« befangen ist. Man fragt sich übrigens, mit welchen Maßstäben Hildebrand eigentlich hantiert, wenn er meine Einschätzung seines liberalen Kollegen Kocka als liberal nur für eine »ridiküle Fehleinschätzung« halten kann. [Leserbrief] FAZ, 11. 8. 1986

12.

Michael Stürmer

Eine Anklage, die sich selbst ihre Belege fabriziert Zum Leserbrief »Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein« von Professor Jürgen Habermas (F.A.Z. Nr. 183): Habermas kann entweder ernstgenommen werden, oder er kann fortfahren, schludrige Recherche und geklitterte Zitate zu verbinden, um Historiker auf seine 63

Proskriptionsliste zu setzen. Beides zusammen kann er nicht. Im einzelnen zu seinen Behauptungen: 1. Nationale Frage? Er verwechselt das mit der deutschen Frage, die ich nicht erfunden habe und die in der Tat heute vielfach gestellt wird. Das hat mit Geopolitik nichts zu tun, wohl aber mit dem wirtschaftlichen, geistigen und strategischen Bedingungsgefüge Europas in der Geschichte und Gegenwart. Meine Antwort liegt nicht in der sozialistischen Nostalgie des Jürgen Habermas, sondern in Bestätigung und Entwicklung der atlantisch-europäischen Bindungen unseres Landes. 2. Identitätsstiftung? Was immer Identität sein mag, es befindet sich offenbar jedermann auf der Suche nach derselben. Inwieweit die Historie als Wissenschaft dazu beizutragen hat, ist umstritten. Identitätsstiftung sollte sie anderen überlassen. Jürgen Habermas hat dies lange genug, und glücklicherweise vergeblich, unternommen. 3. Innerweltliche Sinnstiftung? Ob die Historie dazu berufen sei, hatte ich unlängst gefragt (»Dissonanzen des Fortschritts«, Piper Verlag 1986) und dem Leser die Antwort nicht vorenthalten: die Historie müsse »von allem Anfang der Legende, dem Mythos, der parteiischen Verkürzung entgegentreten. Das bleibt ihr Dilemma: sie wird vorangetrieben durch kollektive, großenteils unbewußte Bedürfnisse nach innerweltlicher Sinnstiftung, muß diese aber in wissenschaftlicher Methodik abarbeiten.« Was ist nach alledem von einer Anklage zu halten, die sich selbst ihre Belege fabriziert? Dem Vorwurf, sagen wir, phantasievoller Erfindung wird Habermas sich nicht entziehen können. Er hat die Aufklärung gepachtet und läßt den Zweck die Mittel heiligen. Schade um einen Mann, der einmal etwas zu sagen hatte. [Leserbrief] FAZ, 16. 8. 1986

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13.

Günther Gillessen

Der Krieg der Diktatoren Wollte Stalin im Sommer 1941 das Deutsche Reich angreifen?

Wer wollte wen im Jahre 1941 überfallen, Hitler Stalin oder Stalin Hitler? Die alte Kontroverse der Historiker über die Bedeutung des sowjetischen Aufmarschs vor Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 ist in jüngster Zeit wieder aufgelebt. Die Hypothese, Stalin hätte Hitler wenig später angegriffen, wenn er nicht von diesem angegriffen worden wäre, hat in einer in den Spalten von »RUSI« , der Vierteljahresschrift des »Royal United Services Institute« in London geführten Kontroverse (Hefte Juni 1985, März und Juni 1986) Plausibilität gewonnen. Die neue Auseinandersetzung wurde eröffnet von einem ehemaligen Mitglied des sowjetischen Generalstabs, Victor Suvorov (. . .). Er teilt Einzelheiten des sowjetischen Aufmarschs im Frühjahr und Frühsommer 1941 mit und behauptet, zwischen August 1939 (dem Monat des Nichtangriffspaktes, mit dem Stalin Hitler den Weg für den Überfall auf Polen und in den Krieg mit den Westmächten freigab) und April 1941 (dem Monat des deutschen Überfalls auf Jugoslawien und Griechenland) habe die Sowjetunion elf »Armeen« in der westlichen Grenzregion aufgestellt; drei weitere Armeen und fünf Luftlandekorps seien im Mai hinzugekommen, und wenn Hitler nicht im Juni angegriffen hätte, hätten ihm Ende Juli sogar 23 Armeen und weitere 20 selbständige Armeekorps gegenüber gestanden - der größte Aufmarsch eines einzelnen Landes in der ganzen Weltgeschichte, und dies alles noch ohne allgemeine »Mobilmachung«. Vor 1939 hätten in der westlichen Grenzzone der Sowjetunion überhaupt keine »Armeen« existiert, sondern lediglich Divisionen und Armeekorps. (. . .) Zum Nachweis einer Angriffsplanung bedarf es weiterer Kennzeichen. Suvorov berichtet, Stalin habe die sowjetischen Feldbefestigungen der sogenannten »Stalin-Linie« hinter der ehemaligen polnisch-sowjetischen Grenze abbauen, Minenfelder sprengen, Tausende von Kilometern Stacheldrahtverhau beseitigen, Kader für Partisanengruppen auflösen und den Sprengstoff aus Brückenkammern, Bahnhöfen und Fabrikanlagen für vorbereitete Zerstörung entfernen lassen. Eine auf Verteidigung angelegte Strategie würde jedenfalls Wert darauf 65

gelegt haben, sich solche in der Tiefe des rückwärtigen Gebietes vorbereiteten Angriffshindernisse zu erhalten. Vor allem aber seien die in Grenznähe aufmarschierten Großverbände der »Ersten Strategischen Staffel« nach Struktur, Dislozierung und Einsatzbereitschaft eindeutig als offensiv anzusehen. Suvorov weist dabei besonders auf die vorne aufgestellten Luftlandedivisionen und Artillerieverbände hin. Im Frühsommer 1941 seien dann auch die Verbände der »Zweiten Strategischen Staffel« aus den inneren Militärbezirken der Sowjetunion, auch von jenseits des Urals, unter dem Vorwand von Manövern (vor der Ernte?) nach Westen in Marsch gesetzt worden. Suvorovs Mitteilungen über den sowjetischen Aufmarsch werden in einer 1983 erschienenen Darstellung der sowjetischen Armee am Vorabend des deutschen Angriffs aus der Feder von Joachim Hoffmann im vierten Band der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg, im Detail bestätigt und sogar übertroffen. Hoffmann weist besonders auf die exponierte Aufstellung mechanisierter sowjetischer Verbände in den Grenzvorsprüngen von Lemberg und Bialystok hin sowie auf die weit nach vorne verlegten Fliegerverbände und die vorne eingerichteten Depots für Brennstoff, Munition und Gerät (. . .). Hoffmann hält auf Grund der Aufmarschstruktur eine Angriffsabsicht Stalins mindestens in der Form einer Planung »für alle Fälle«, etwa im Jahr 1942, für nahezu erwiesen. Suvorov unterscheidet sich davon nur darin, daß er sagt: schon 1941. Der Aufmarsch sei so gewaltig gewesen und die Truppen hätten so provisorisch, unter freiem Himmel, kampieren und in den Wäldern versteckt werden müssen, das gesamte Eisenbahntransportwesen der Sowjetunion sei durch die gewaltigen Militärtransporte seit dem Frühjahr bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit vollständig beansprucht worden, daß er es für ausgeschlossen hält, daß man diese Truppen vor Einbruch des Winters wieder in geeignete Quartiere hätte zurückbringen können. (. . .) Suvorovs Schlußfolgerung: Eine so hohe Angriffsbereitschaft so vieler Truppen auf engem Raum lasse sich nicht monatelang aufrechterhalten. Der Angriff sei alsbald zu erwarten gewesen. Mitte Juni hätten 114 Divisionen nahe zur Grenze aufgeschlossen; weitere 69 Divisionen der Zweiten Strategischen Staffel waren auf dem Weg nach vorn, als der deutsche Angriff hereinbrach. Der israelische Militärhistoriker Gabriel Gorodetsky und einige britische und amerikanische Offiziere haben Suvorovs Ansicht widersprochen. Gorodetsky argumentiert, Stalin habe vorsichtig abgewartet. Im Einklang mit der Grundlinie der sowjetischen Diplomatie seit 66

Rapallo habe er versucht, Konflikte in Westeuropa auszunutzen. Er habe auf einen wechselseitigen Verschleiß der Westmächte und Deutschlands in einem Krieg warten wollen (. . .) und von da an sei es seine Absicht gewesen, Zeit zu gewinnen, selbst stärker zu werden, aber sich nicht von England in den Krieg hineinziehen zu lassen. Auch habe er gefürchtet, England und Deutschland könnten sich überraschend einigen und dann gemeinsam gegen die Sowjetunion wenden. (. . .) Gorodetsky beruft sich auf sowjetische Äußerungen gegenüber britischen und amerikanischen Diplomaten, um zu belegen, daß Moskau den Warnungen vor Deutschland widersprach oder zum Ausdruck brachte, daß man ihnen nicht glauben dürfe. Suvorov stimmte in einer Replik Gorodetsky darin zu, daß Stalin sich zunächst aus dem Krieg habe heraushalten wollen, bis Deutschland und England ihre Kräfte erschöpft hätten. Danach habe er eingreifen wollen, als die letzte Macht, die die Entscheidungen in Europa in ihrem Interesse treffe. Stalin habe wohl zu Beginn des Krieges erwartet, daß dieser Zeitpunkt im Jahre 1942 kommen werde, später aber die Planung auf 1941 vorgezogen. (. . .) Wie aber sind die sowjetischen Versicherungen des Frühjahrs und Frühsommers 1941 von der Gültigkeit und Dauerhaftigkeit des Paktes mit Hitler und besonders die Tass-Erklärung vom 13. Juni 1941 zu deuten, in der die Moskauer Führung die »Gerüchte« über einen bevorstehenden Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion als Propadanda von Mächten darstellte, die der Sowjetunion feindlich gesonnen seien und den Krieg ausweiten wollten? Und warum hatten sowjetische Truppen Anweisung, es ja nicht zu Grenzzwischenfällen mit deutschen Truppen kommen zu lassen, auf Verletzungen des sowjetischen Gebietes durch deutsche Soldaten oder deutsche Aufklärungsflugzeuge nicht zu reagieren und überhaupt keine Stellung direkt an der Grenze zu beziehen? (. . .) Suvorov betrachtet sie als Täuschungsmanöver. (. . .) Suvorov meint, die historische Forschung solle aufhören, die damaligen sowjetischen Täuschungsversuche für eine wahre Erklärung der sowjetischen Motive zu halten. Er betrachtet sie als planmäßige Desinformationspolitik, dazu bestimmt, die eigene Angriffsabsicht zu tarnen und Hitlers Aufmerksamkeit einzuschläfern. (. . .) Das merkwürdige sowjetische Verhalten gerade in den letzten Wochen vor dem deutschen Angriff, die auffällige Betonung eines guten Verhältnisses zu Deutschland, die peinlich genaue Fortsetzung der Wirtschaftslieferungen an Hitler, die seltsame Mißachtung so vieler, verschiedener Warnungen vor einem Angriff Hitlers - und der mas67

sive Aufmarsch ohne Vorbereitung für eine Verteidigung in der Tiefe -, das paßt jedenfalls nicht zusammen. Die Ansicht, daß im Sommer 1941 zwei Aggressoren aufeinanderstießen, hat jedenfalls durch die Arbeiten von Joachim Hoffmann und Suvorov neue Nahrung erhalten. Es gibt keine Grundlage, einem der beiden Diktatoren oder beiden gegenseitig das entlastende Motiv eines Präventivangriffs zuzugestehen. (. . .) Wäre Stalins Strategie tatsächlich defensiv gewesen, hätte es für ihn im übrigen einfachere Mittel gegeben. Er hätte nur zu unterlassen brauchen, den Nichtangriffspakt vom August 1939 abzuschließen - das hätte genügt, um Hitlers Aggressivität in Grenzen zu halten. Hitlers Überfall gab Stalin die Möglichkeit, den Krieg, ohne Rücksicht auf seine komplizierte Vorgeschichte, als Krieg der Verteidigung Rußlands, als großen vaterländischen Krieg, dazustellen. Spätere sowjetische Führungen suchten die schweren Verluste an Leben und Zerstörungen an Gut, die er brachte, in eine besondere Friedensschuld der Deutschen gegenüber der Sowjetunion umzumünzen und außenpolitisch-propagandistisch zu operationalisieren. Die Fortsetzung fiele nicht mehr so leicht, wenn sich mehr Klarheit über die Vorgänge der Jahre 1940/41 gewinnen ließe. FAZ, 20. 8. 1986

14. Joachim Fest

Die geschuldete Erinnerung Zur Kontroverse über die Unvergleichbarkeit der nationalsozialistischen Massenverbrechen

Ein amerikanischer Zeithistoriker hat unlängst den unfreien Stil der akademischen Debatte in der Bundesrepublik beklagt. (. . .) Entweder dränge man mit formelhaften Captationen und Schuldbeteuerungen, die so inhaltsleer wie unglaubwürdig seien, auf die Seite der kompakten Moralität, oder alles ende in moralischer Denunziation. (. . .) Richtig ist (. . .), daß die Öffentlichkeit, allen Ermunterungen 68

von politischer Seite zum Trotz, aus dem Schatten, den Hitler und die unter ihm verübten Verbrechen geworfen haben, noch lange nicht heraus ist, und unvermeidlicherweise fällt er nach wie vor über alle ernsthafteren Versuche historischer Erörterung und Analyse. Zur wissenschaftlichen Integrität des Historikers zählt auch das Bewußtsein, daß seine Tätigkeit nicht im Leeren stattfindet, sondern vor einer Öffentlichkeit mit vielfältig unberechenbaren Verstärker- und Schwundeffekten. Er kann diese Wirkungen nicht ignorieren und muß dennoch versuchen, in Frage und Antwort weiterzukommen. Wie schwierig das sein kann, hat Christian Meier unlängst in einem Beitrag für diese Zeitung auf bewegende Weise gezeigt. Es verlangt Verantwortungsbewußtsein und innere Unabhängigkeit. Was es nicht verlangt, sind die Rituale einer falschen Unterwürfigkeit. Diese Rituale werden von einem Konformismus dekretiert, der jede Position, die sich die Freiheit des Fragens bewahrt, unter moralischen Verdacht stellt. Spätestens seit dem Ende der sechziger Jahre wurde es üblich, jede historische Wahrnehmung, die nicht der damals herrschend werdenden Vorstellung folgte, der heimlichen Komplizenschaft mit dem »Faschismus« zu zeihen. (. . .) Für diese elende Praxis gibt es seit kurzem eine neue Variante. Sie stammt von Jürgen Habermas. In einem Artikel in der »Zeit«, der verschiedene historische Publikationen jüngeren Datums zu einer neokonservativen Tendenz bündelt, stellte er einige renommierte Historiker der Bundesrepublik unter Nato-Verdacht. Aus Schriften und Artikeln (. . .) las er allen Ernstes die Strategie heraus, »über eine Wiederbelebung des (deutschen) Nationalbewußtseins. . . die nationalstaatlichen Feindbilder aus dem Bereich der Nato (zu) verbannen« und neue Feindbilder im Osten an deren Stelle zu setzen. Vor allem ein Artikel von Ernst Nolte (F.A.Z. vom 6. Juni 1986) diente als Beweisstück. Darin leugne Nolte, so Habermas, die Singularität der Naziverbrechen dadurch, das er sie »als Antworten auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich« mache; und Auschwitz vermindere er auf »das Format einer technischen Innovation«. Nun leugnet Nolte die Singularität der nationalsozialistischen Vernichtungsaktionen überhaupt nicht. Ausdrücklich vermerkt er, daß sie sich »trotz aller Vergleichbarkeit . . . qualitativ von der sozialen Vernichtung unterscheiden, die der Bolschewismus vornahm«; dennoch, fährt er fort, dürfe man nicht allein auf den einen Massenmord sehen und den anderen ignorieren, zumal ein kausaler Zusammenhang zwischen beiden Untaten wahrscheinlich ist. Man fragt sich, wie dieser 69

zentrale Gedanke, auf den die ganze Beweisführung Noltes zuläuft, von Habermas übersehen werden konnte. Falls es sich nicht um eine Form akademischer Legasthenie handelt, bleibt nur die Annahme, daß hier ein ideologisches Vorurteil sich die Dinge erst zurechtrückt, um sie dann attackieren zu können. Für die zweite Annahme spricht, daß Habermas seine These mit gestückelten Zitaten belegt, daß er den angegriffenen Autoren Äußerungen Dritter oder eigene Flüchtigkeiten unterschiebt und die Dinge mit einer Unbekümmertheit verdreht, für die es seit langem kein Beispiel gibt. (. . .) Nicht so sehr um diesen Versuch eines wissenschaftlichen und womöglich persönlichen Rufmords geht es hier. (. . .) Es geht vor allem um die These von der Singularität der Naziverbrechen. (. . .) Zunächst wird behauptet, daß Ungeheuerliche, Nie-Dagewesene an der sogenannten Endlösung sei, daß deren Betreiber nicht nach Schuld oder Unschuld fragten, sondern die rassische Zugehörigkeit zur ausschließlichen Ursache der Entscheidung über Leben oder Tod machten. Aber Ende 1918 erklärte einer der ersten Chefs der Tscheka, der Lette Martyn Latsis, in einer Rede vor Kommissaren, daß im Zuge der bolschewistischen Revolution nicht mehr die Frage der Schuld, sondern die soziale Zugehörigkeit Strafe und Liquidation nach sich ziehe (. . .). Stand aber, wenn es sich so verhält, die gleiche Auffassung nicht hinter den »Schuldsprüchen« des Reichssicherheitshauptamtes, nur daß hier nicht ein soziales, sondern ein biologisches Sein als todeswürdig angesehen wurde? Im einen wie im anderen Falle gab es keine Möglichkeit der Rechtfertigung oder des Unschuldbeweises, weil es um Schuld oder Unschuld gar nicht ging, sondern um bloße Zugehörigkeiten. Hier zu einer Klasse, dort zu einer Rasse. Zur Begründung der Singularität von Auschwitz und allem, wofür es steht, wird ferner die administrative und mechanische Form angeführt, in der das Massenmorden vollzogen wurde. (. . .) Aber kann man glauben, daß das Ausrottungswerk Stalins auf wesentlich andere, weniger administrative Weise vollbracht wurde? Habermas wirft Andreas Hillgruber ein beschönigendes Vokabular vor, weil er in einem Buchtitel von der »Zerschlagung« des Reiches einerseits und vom »Ende« des europäischen Judentums andererseits spricht. Aber was er selber in schwerlich überbietbarer Verharmlosung »die Vertreibung der Kulaken durch Stalin« nennt, bedeutete in Wirklichkeit den Tod für Millionen. (. . .) Gewiß bedeuten die Gaskammern, mit deren Hilfe die Exekutoren der Judenvernichtung zu Werke gingen, eine besonders abscheuerregende Form des Massenmords, und mit Recht sind sie zu 70

einem Symbol für die technizistische Barbarei des Hitlerregimes geworden. Aber läßt sich wirklich sagen, daß jene Massenliquidierungen durch Genickschuß, wie sie während des Roten Terrors über Jahre hin üblich waren, etwas qualitativ anderes sind? Ist nicht, bei allen Unterschieden, das Vergleichbare doch stärker? (. . .) Sind nicht, aufs Ganze gesehen, die Vorgänge hier wie dort in den entscheidenden Merkmalen vergleichbar? Beide Male geht es um mechanische, mit technischen Mitteln massenhaft »reproduzierbare« und gleichsam abstrakte Tötungspraktiken, auf adminisitrativem Wege geplant und von Exekutoren vollstreckt, die im Dienste einer vorgeblich größeren Sache ungerührt ihre Aufgabe verrichteten. (. . .) Das dritte Argument schließlich, mit dem die Singularität der NSVerbrechen begründet wird, stützt sich auf die Behauptung, daß es um vieles erschreckender sei, wenn solche Rückfälle ins Entmenschte sich in einem alten Kulturvolk ereigneten. In der Tat ist dieser Bruch nur schwer oder gar nicht überbrückbar. (. . .) (Die) Fassungslosigkeit vieler angesichts des Geschehenen hat gerade damit zu tun, daß Deutsche das Massenmorden erdacht, geplant und ausgeführt haben; daß es sich vor dem Hintergrund einer jahrhundertelang gewachsenen deutsch-jüdischen Symbiose ereignete, die zu den großen Kulturleistungen der Geschichte zählt. (. . .) Aber sollte es wirklich zulässig sein, damit vor alle Welt hinzutreten, auch wenn es immer wieder geschieht? Denn strenggenommen setzt dieses Argument die alte Nazi-Unterscheidung fort, wonach es höhere Völker gibt und Völker auf primitiverer Stufe, die nicht einmal vom Tötungsverbot wissen. Wer empfindlicher ist, wird den Hochmut erkennen, der darin steckt, die alte Herrenvolkgesinnung, wenn auch verborgen unter einer Demutsgeste. Die These von der Singularität der NS-Verbrechen wird zuletzt auch durch die Überlegung in Frage gestellt, daß Hitler selber immer wieder die Praktiken der revolutionären Gegner von links als Lehre und Vorbild bezeichnet hat. Doch kopierte er sie nicht nur. Durchweg entschlossen, sich radikaler zu zeigen als sein erbittertster Widersacher, überbot er sie zugleich auch. Das läßt sich insbesondere zu Beginn auf allen Ebenen nachweisen und blieb nicht etwa auf die Auftrittsformen und Rituale beschränkt, durch die sich die NSDAP als Partei neuen Typs darstellte. Weit wesentlicher war der bürgerkriegsähnliche Zuschnitt, den Hitler der politischen Auseinandersetzung gab, bereit, wie er versicherte, »jedem Terror des Marxismus noch einen zehnfach größeren entgegenzusetzen«. Man muß nicht der Auffassung sein, daß Hitlers Vernichtungswille ganz überwiegend von der Vernichtungsdrohung der russischen Revo71

lution inspiriert war; er kam, dem Ursprung nach, doch eher aus den frühen Ängsten und Überwältigungsphantasien des Deutsch-Österreiches. Aber daß er ganz und gar unbeeinflußt davon blieb, läßt sich schwerlich denken, und jedenfalls ist die Resonanz, die seine lange Zeit einsamen Wahnideen fanden, ohne die panischen Empfindungen, die sich von Rußland her ausbreiteten und München im Frühjahr 1919 immerhin gestreift hatten, nicht zu begreifen. Die Berichte über das Deportieren, Morden und Austilgen ganzer Bevölkerungsgruppen waren sicherlich übertrieben. Doch enthielten sie einen zutreffenden Kern, der durch das Pathos der nahenden Weltrevolution zusätzlich an Glaubwürdigkeit gewann. In aller Verzerrung gaben sie Hitlers Ausrottungskomplexen einen realen Hintergrund. Und daß unter denen, die der schon bald in Chaos und Schrecken auslaufenden Münchner Räterepublik vorgestanden hatten, nicht wenige Juden gewesen waren, verschaffte überdies seinen antisemitischen Obsessionen eine scheinbare und jedenfalls agitatorisch nutzbare Bestätigung. Er ebenso wie die verängstigten Massen mochten glauben, daß eine Rettung, wenn überhaupt, nur durch den Entschluß möglich sei, in der Gegenwehr genauso zu verfahren, wenn auch »zehnmal« terroristischer. Es kann nicht unzulässig sein, diese Überlegung vorzutragen und einen Zusammenhang herzustellen zwischen den Greuelmeldungen von Osten und Hitlers Bereitschaft zum Exzeß. (. . .) Gegen diese gedankliche Verknüpfung meldet sich ein verbreiteter Einwand. Er verweist auf den grundsätzlichen, kaum ausmeßbaren Unterschied der Ideologien. Der Kommunismus, so wird behauptet oder stillschweigend vorausgesetzt, reiche selbst in der sowjetrussischen Ausprägung, sofern man sich der Ursprünge erinnert, auf einen großen humanitären Ideenbestand zurück. Ein unverbrauchbarer Rest davon bleibe ihm immer erhalten. (. . .) Demgegenüber entstamme der Nationalsozialismus dem inferioren Gedankenmüll völkischer Sektierer, wie er um die Jahrhundertwende in Traktaten und Groschenheften unter die Leute kam. Der Hinweis ist nicht ohne Gewicht. Und wenn in den vehementen Kampfansagen der einen wie der anderen Seite das Wort »Vernichtung« auftaucht, kann auch nicht außer acht bleiben, daß die radikale Linke darunter zumeist nicht die physische, sondern offenbar die gesellschaftliche oder historische Ausschaltung des Gegners im Auge hatte. Aber der parareligiöse Anspruch, mit dem sie ihre Parolen auflud, die manichäische Unversöhnlichkeit, mit der sie die Welt wieder schroff in Gut und Böse, die Menschen in Gerechte und Verworfene unterteilte, verwischte zwangsläufig die Grenzen, die noch dem ge72

schworenen Feind das Recht zu leben gewährleisteten, und die Erinnerung an die Religionskriege und den Fanatismus, den sie entbunden hatten, lag noch nicht weit genug zurück, um sicherzugehen, daß solche Postulate nicht wortwörtlich genommen und die »gesellschaftliche Vernichtung« in die buchstäblich physische umschlüge. In allem Reden gibt es einen Automatismus, der aus den Worten die Taten hervorgehen läßt und dem Gedanken die Unschuld nimmt, auf die er sich gern rechtfertigend beruft. (. . .) (. . .) Und welchen Unterschied macht es auf Seiten der Täter, ob sie sich durch eine korrumpierte Menschheitsidee oder durch eine von allem Anfang an verderbte »Weltanschauung« gerechtfertigt glaubten? Läuft es auf mehr hinaus, als daß die einen mit allenfalls gutem, die anderen mit nicht so gutem Gewissen dem Mordgeschäft folgten? (. . .) Viel eher geht es darum, Zweifel an der monumentalen Einfalt und Einseitigkeit der vielfach herrschenden Vorstellung über die vorbildlose Besonderheit der NS-Verbrechen zu wecken. Die These steht, nimmt man alles zusammen, auf schwachem Grund, und überraschend ist weniger, daß sie, wie Habermas unter Hinweis auf Nolte fälschlich behauptet, in Frage gestellt wird. Weit erstaunlicher mutet an, daß dies auf ernsthafte Weise bisher gerade nicht geschehen ist. Denn es bedeutet zugleich auch, daß die ungezählten anderen Opfer, vor allem wenn auch gewiß nicht nur - die des Kommunismus, nicht mehr in der Erinnerung sind. (. . .) Das gilt insbesondere für die Millionen Toten dieses Jahrhunderts, angefangen von den Armeniern bis hin zu den Opfern des Archipels GULag oder den Kambodschanern, die vor unser aller Augen ermordet wurden oder werden - und doch aus dem Gedächtnis der Welt gefallen sind. Wer diese These in Frage stellt, daß die nationalsozialistischen Massenverbrechen einzigartigen Charakter hatten, muß sich überdies mit dem Einwand auseinandersetzen, daß der Hinweis auf die gleichartigen Verbrechen anderer den Vorwurf, dem man selber gegenübersteht, verringere. Immer sei das »Tu quoque!« nichts anderes als ein Versuch, aus den Untaten überall in der Welt Entlastung für die eigenen zu ziehen. In einer umfassenden Aufrechnung würde dabei der Genozid gleichsam der historischen Normalität zugeschlagen, in die jede Nation mit einem Verbrechensanteil verstrickt sei, am Ende, eher spät sogar, eben auch die Deutschen. (...) Zur Auseinandersetzung über die Frage der Unvergleichbarkeit der 73

NS-Verbrechen ist aber auch zu sagen, daß Schuld schlechterdings nicht aufrechenbar ist. Kein fremdes Vergehen verkleinert das eigene, und kein Mörder hat sich je mit dem Hinweis auf den anderen exkulpieren können. Das sind Einsichten von so schlichtem Charakter, daß man sich scheut, daran zu erinnern. Und dennoch steht die Sorge, sie könnten außer Kraft geraten und alle historisch zurechenbare Schuld sich in einem allgemeinen Kompensationswirrwarr verflüchtigen, hinter vielen, auch ernst zu nehmenden Überlegungen zur Singularitätsthese. Jenseits allen Lärms und Bezichtigungsgeschreis im Vordergrund ist die derzeitige Auseinandersetzung womöglich von ganz anderen Gegensätzen beherrscht. Jürgen Habermas, tief gefangen in den Geisterkämpfen von gestern und vorgestern, sieht die Grenze, die die Widersacher trennt, noch immer zwischen konservativen und fortschrittlichen, deutschnationalen und liberalen Historikern. Er sieht Strategien der moralischen Relativierung, die dem Ziel eines entlasteten Geschichtsbildes dienen und damit auf ihre Weise zu jener schimärischen »Wende« beitragen sollen, deren Helfer er überall am Werke sieht, Nolte und Hildebrand und Stürmer und Hillgruber - alle über einen Leisten. Es läuft auf die platteste Verschwörungstheorie hinaus, die hier, wie übrigens immer, nichts anderes als ein Ausdruck unbegriffener Verhältnisse ist. (. . .) Fragen ließe sich beispielsweise, ob nicht eine andere Unterscheidung vorzuziehen wäre: auf der einen Seite die pessimistische Sicht auf die Dinge, die in der Geschichte nicht viel anderes wahrzunehmen vermag als den mörderischen Prozeß, der immer war, beherrscht von Haß, Angst und Ausrottung, sinnlos und ohne Ziel, aber aufgrund der technischen Mittel der Gegenwart mit einer nie gekannten Leidenschaftslosigkeit und zugleich unendlich viel opferreicher ablaufend als je in der Vergangenheit. Unter diesem Blick schrumpft Auschwitz dann in der Tat auf den Rang einer »technischen Innovation«. Und den Pessimisten gegenüber stehen diejenigen, die aus den moralischen Katastrophen des Jahrhunderts die Hoffnungen von einst über die »Perfektibilität« des Menschen sowie seine Erziehbarkeit hinübergerettet haben und im Holocaust die eine und singuläre Abirrung sehen, nach der es zum Besseren weitergehen wird. Am Horizont, in irgendeiner Zukunft, erhebt sich hier, ramponiert zwar, aber nicht aufgegeben, das Bild vom »neuen Menschen«. Für die andere Seite dagegen bleibt der Mensch immer der alte, mit dem Bösen als Teil der »condition humaine«, und keine Utopie kam je dagegen an. Die einen halten sich für überzeugt, daß Hitler ein schrecklicher Fehltritt im Geschichtsprozeß 74

war, der nie vergessen werden darf, die anderen beugen sich der Einsicht, daß der Genozid, den er ins Werk setzte, nicht der erste war und auch nicht der letzte; daß man den Opfern hier wie dort Erinnerung schulde und damit leben müsse. (. . .) Habermas hält sich und seiner Generation zugute, die Bundesrepublik vorbehaltlos gegenüber der politischen Kultur des Westens geöffnet zu haben, und macht sich zum Anwalt der »Pluralität der Lesarten«. Das kann und soll zwar (. . .) den Streit nicht ausschließen, aber doch die persönliche Verunglimpfung. (. . .) Einmal mehr zeigt sich hier, daß die Siegelbewahrer der neuen Aufklärung, wenn Umstände und Interessen es nahelegen, zugleich die »Mandarine« der Mythen sind. Denn Hitler und der Nationalsozialismus sind noch immer, aller jahrelangen Gedankenmühe zum Trotz, mehr Mythos als Geschichte, und die öffentliche Erörterung zielt nach wie vor mehr auf Beschwörung als auf Erkenntnis. (. . .) FAZ, 29. 8. 1986

15.

Bianka Pietrow

Offensive Militärkonzeption Es ist allerdings bedauerlich und bedenklich, wenn längst begrabene Legenden von der F.A.Z. wieder ans Tageslicht befördert werden, zum Zweck der derzeit vielbeschworenen Identitätsfindung der Deutschen. Diesmal nahm Günther Gillessen den Faden auf (»Der Krieg der Diktatoren«, F.A.Z. vom 20. August). Daß politische Wunschvorstellungen hier die selektive Wahrnehmung von Geschichtsschreibung bestimmen, ist klar. Der Emigrant Viktor Suvorov hat es vielleicht nötig, mit Halbwahrheiten Publicity zu machen. Doch er beschreibt kein neues Blatt. Selbst ein Blick in das von Joachim Hoffmann ausgebreitete Quellenmaterial kann zeigen, daß eine Angriffsabsicht der Sowjetunion für 1941 oder 1942 nicht nachweisbar ist, weil eine offensive Militärkonzeption nicht identisch ist mit einer tatsächlich praktizierten Aggressionspolitik. So scheint es wohl politisch opportun zu sein, zu übersehen, was man nicht wahrhaben will: zum Beispiel die Tatsache, daß der Aufmarsch der (sich in einer großangelegten Reorganisation) 75

befindlichen Roten Armee im Frühjahr 1941 als Reaktion auf den Aufmarsch der deutschen Wehrmacht erfolgte; daß Forschungen wie die des britischen Historikers John Erickson durchaus Antworten auf die von Gillessen aufgeworfenen, scheinbar widersprüchlichen Fragestellungen zur sowjetischen Rüstungs- und Verteidigungspolitik gegeben haben und nicht zuletzt, daß die Deutschen im Osten einen rassistischen Vernichtungskrieg führten, von dem keine Schuld der anderen sie wird entlasten können. Die F.A.Z sollte sich zu schade sein, Thesen wie der Suvorovs Plausibilität abzugewinnen, wo doch gerade diese Zeitung selbst schon Differenziertes zur Thematik des deutsch-sowjetischen Krieges und seiner Vorgeschichte veröffentlicht hat. [Leserbrief] FAZ, 3. 9. 1986

16.

Eberhard Jäckel

Die elende Praxis der Untersteller Das Einmalige der nationalsozialistischen Verbrechen läßt sich nicht leugnen

Es gibt Diskussionen, die ihren Reiz dadurch erhalten, daß nicht klar ausgesprochen wird, was gemeint ist. Statt Fragen zu stellen und Antworten zu geben, um sie alsdann zu überprüfen, werden Aussagen in Frageform vorgetragen, um anzudeuten, was nicht belegt werden kann oder soll, und wer bei dem Spiel ertappt wird, erwidert mit Empörung und unschuldiger Miene, man werde ja noch fragen dürfen. In Wahrheit aber war die Frage gar keine Frage gewesen, sondern eine verdeckte Aussage, und der scheinbare Fragesteller hatte sich nur der Mühe entzogen, sie zu begründen, und die Überzeugungsarbeit einigen verklausulierten Andeutungen überlassen. Ein solches Verwirrspiel wird derzeit bei uns aufgeführt. Es begann mit dem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. Juni 1986, in dem Ernst Nolte dafür plädierte, nicht immer »nur auf einen Mord«, nämlich den nationalsozialistischen, hinzublik76

ken, ohne auch den anderen, nämlich den bolschewistischen, zur Kenntnis zu nehmen. (. . .) Wer eine solche Einstellung eingenommen haben sollte, verriet Nolte nicht. Er unterstellte, daß es jemand getan hatte. (. . .) Anstatt aber diese einfache Einsicht mit ein paar einfachen Worten noch einsichtiger zu machen, deutete Nolte in einem weiteren Nebensatz an, zwischen den beiden Morden sei »ein kausaler Nexus wahrscheinlich«. Das war, zumal aus dem Munde eines angesehenen Historikers, aufregend, und man konnte erwarten, daß Nolte seine These begründet und die Diskussion sich darauf zugespitzt hätte. Nichts von dem aber trat ein. Statt dessen antwortete Jürgen Habermas in der ZEIT vom 11. Juli, indem er Nolte und einigen anderen deutschen Historikern apologetische Tendenzen vorwarf. Der Verdacht lag angesichts von Noltes Argumentation, von der noch die Rede sein wird, in der Tat nahe, und Habermas belegte ihn auch, indem er die Wortwahl einiger Historiker mit guten Gründen beanstandete. Zur Sache indessen und zu Noltes These sagte er nichts. Das tat auch Klaus Hildebrand nicht, der (. . .) Habermas entgegnete und dabei vor allem seinen Kollegen Andreas Hillgruber in Schutz nahm, dem Habermas auch nach meinem Empfinden Unrecht getan hatte. Über Nolte aber sagte er wenig mehr, als daß nicht einzusehen sei, warum wir »uns Frageverbote auferlegen« sollten. Wer uns solche Verbote auferlegen will, verriet er nicht. Er führte das Spiel fort, indem er unterstellte, daß es jemand getan hatte. So ging es mit ein paar Leserbriefen und Artikeln weiter, bis Joachim Fest in die Diskussion eingriff (. . .). Zunächst nannte er die Ausführungen von Habermas »eine neue Variante« der »elenden Praxis«, die spätestens seit dem Ende der sechziger Jahre üblich geworden sei, nämlich nicht die Ergebnisse von Historikern zu erörtern, sondern deren Motive. Daß dies seit dem ominösen Datum üblich geworden sein soll, begründete Fest nicht und hätte es auch nicht begründen können. Denn es ist unbestreitbar, daß seit jeher sowohl die Ergebnisse als auch die Motive der Historiker erörtert werden. (. . .) Man nennt die Überprüfung Ideologiekritik, und sie ist ebenso legitim wie die fachliche. Fest hingegen nennt sie eine »elende Praxis« und schiebt sie nebenbei durch eine chronologische Insinuation auch noch den Linken in die Schuhe. Doch während man schon befürchten mußte, die Diskussion gerate abermals ins Abseits, kam Fest verdienstvollerweise zur Sache. Freilich griff er ein Thema auf, das bisher nicht diskutiert worden war. Er sagte, Nolte leugne »die Singularität der nationalsozialistischen Vernichtungsaktionen überhaupt nicht«. Das hatte dieser aus77

drücklich in der Tat nicht getan. Nur Habermas hatte den Begriff einmal verwendet. Doch auch das gehört zum Spiel: Man greift auf, was nicht gesagt wurde, weil man ahnt, was gemeint war, und spricht von einer Kontroverse, wo noch gar keine stattgefunden hat. Darauf führte Fest seinerseits drei Argumente an, die angeblich gegen die Singularität sprechen, und schloß sich dann Nolte an, (. . .). Damit trieb Fest das Spiel auf einen neuen Höhepunkt. Er sagt nicht, es gebe einen kausalen Zusammenhang. Er sagt nur, es könne nicht unzulässig sein, ihn herzustellen. Und wenn die Bemerkung Ungehaltenheit auslöst, fragt er nicht, ob das vielleicht damit zu erklären sei, daß sie dem Quellenbefund widerspreche. Nein, er wendet die von ihm selbst gerade noch gegeißelte »elende Praxis« an und fragt nach den Motiven. Nun scheint es an der Zeit, das Spiel abzubrechen. Ich will es jedenfalls nicht weiterspielen. Ich will auch nicht nach den Motiven der Beteiligten fragen, obwohl man das dürfte und könnte. Ich will von der Sache reden, und dann lassen sich aus dem künstlichen Nebel der Verklausulierungen und Latinismen wie Prius und Nexus, logisch, faktisch und kausal in einfacher Sprache zwei Behauptungen herauslösen. Die erste, die zwar, wie Fest zu Recht feststellt, nicht Nolte, wohl aber er selbst aufstellt, lautet: Der nationalsozialistische Mord an den Juden war nicht einzigartig. Und die zweite, die Nolte für wahrscheinlich und Fest für nicht unzulässig hält: Es besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen diesem Mord und dem der Bolschewisten. Was die erste Behauptung angeht, zitiert Fest drei Argumente, die, so sagt er, angeführt würden, um die These von der Einzigartigkeit des Mordes an den Juden zu begründen, und bestreitet sie mit Gegenargumenten. (. . .). Fest sagt nicht, wer die von ihm zitierten Argumente angeführt hat. Ich kann keines von ihnen stichhaltig finden. (. . .) Ich behaupte dagegen (und nicht erst hier), daß der nationalsozialistische Mord an den Juden deswegen einzigartig war, weil noch nie zuvor ein Staat mit der Autorität seines verantwortlichen Führers beschlossen und angekündigt hatte, eine bestimmte Menschengruppe einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und der Säuglinge möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit allen nur möglichen staatlichen Machtmitteln in die Tat umsetzte. Dieser Befund ist so offensichtlich und so bekannt, daß es sehr erstaunen muß, wie er der Aufmerksamkeit von Fest entgehen konnte. (Auch die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkrieges waren, nach allem, was wir wissen, eher von Morden begleitete Deportationen als geplanter Völkermord. 78

(...)

(. . .) Im übrigen ist die Frage nach der Einzigartigkeit am Ende so entscheidend nicht. Was eigentlich würde sich dann ändern, wenn der nationalsozialistische Mord nicht einzigartig gewesen wäre? Soll die Bundesrepublik dann etwa keine Wiedergutmachungszahlungen mehr leisten, der Bundeskanzler sich nicht mehr in Yad Vashem verneigen oder der Bürger sich besser fühlen? Es ist doch nicht so, als ob diese Gesellschaft gramgebeugt darniederliege und Trost brauchte. (. . .) Niemand bestreitet doch, daß es in der Geschichte seit jeher Verfolgungen, Vertreibungen und Morde gegeben hat, und wer bestreitet denn, daß alle diese Vorgänge historisch untersucht werden können und sollen? Man möge uns doch Namen nennen, statt Andeutungen zu verbreiten. Unstreitig aber müßte eigentlich ferner sein, daß der von unserem Lande ausgegangene Völkermord bei uns ein besonderes Interesse beanspruchen darf und nicht durch unklar angedeutete Parallelen relativiert werden sollte. Viel wichtiger und aufregender ist die zweite Behauptung, die Nolte für wahrscheinlich erklärt, und die Fest aufgreift, nämlich die von einem ursächlichen Zusammenhang zwischen den bolschewistischen und den nationalsozialistischen Morden. Freilich ist ein rationaler Diskurs darüber außerordentlich schwierig. Die Geschichtswissenschaft kennt keine schwierigere Aufgabe als die Vermittlung von historischen Ursachen. Sie existieren ja nicht irgendwo, wo man sie suchen und finden könnte. Überdies werden darunter zwei verschiedene Dinge begriffen, nämlich einerseits Motive, die jemanden zu einer Handlung veranlassen, und andererseits Bedingungen, ohne die ein Vorgang nicht gedacht werden kann. (. . .) (...)

Post hoc, ergo propter hoc. Auf diesen zweifelhaftesten aller logischen Schlüsse scheint die These vom »kausalen Nexus« hinauszulaufen, es sei denn, es gelinge der Nachweis, daß Hitlers Entschluß, die Juden zu töten, von (. . .) Ängsten bestimmt war. In der Tat argumentieren Nolte und Fest so. Doch sind ihre Argumente nicht nur nicht überzeugend. Sie lassen sich sogar verhältnismäßig sicher widerlegen. Hitler hat nämlich viele Male gesagt, warum er die Juden zu entfernen und zu töten wünschte. Seine Erklärung ist ein kompliziertes und in sich schlüssiges Gedankengebäude, das man in allen Einzelheiten rekonstruieren kann. Ein Rattenkäfig, die Morde der Bolschewisten oder eine besondere Angst vor ihnen kommen darin nicht vor. Im Gegenteil war Hitler immer der Ansicht, Sowjetrußland sei, gerade weil es von Juden beherrscht werde, ein wehrloser Koloß auf tönernen Füßen. (. . .) 79

Dagegen verstand er es vorzüglich, die antibolschewistischen Ängste der Bourgeoisie für seine Zwecke zu mobilisieren. In der Öffentlichkeit sprach er gern von den asiatischen Horden, die Europa bedrohten, und stellte seine Lebensraumeroberung ja auch fälschlich als Präventivkrieg hin. Nur darf man diese taktischen Äußerungen nicht mit seinen wahren Motiven verwechseln. Diese Verwechslung scheint der These vom »kausalen Nexus« zugrunde zu liegen. Was man uns suggerieren will, ist die These von einem Präventivmord. Aber sie ist so falsch wie die vom Präventivkrieg, die, obwohl hundertmal widerlegt, auch immer wieder aus Hitlers Arsenal hervorgeholt wird. DIE ZEIT, 12. 9. 1986

17.

Hans Mommsen

Suche nach der »verlorenen Geschichte« ? Bemerkungen zum historischen Selbstverständnis der Bundesrepublik

Jüngsthin hat Michael Stürmer (. . .) das Trauma der sich konsolidierenden konservativen Rechten beredt zum Ausdruck gebracht, das in der Einsicht besteht, sich nicht länger auf ein hinreichend verbindliches nationales Geschichtsbild abstützen zu können. Er befürchtet von der »verlorenen Erinnerung« einen Mangel an Kontinuität und außenpolitischer Berechenbarkeit der Bundesrepublik. (. . .) Hingegen stellt sich die Frage, ob die hierzulande beinahe zum Stereotyp geratene Klage vom Verlust der historischen »Identität« berechtigt und ob sie nicht eine Widerspiegelung der von konservativer Seite bestrittenen Tatsache ist, daß sich in der Bundesrepublik ein neues politisches Selbstverständnis entfaltet hat, das von einem grundlegenden historischen Paradigmenwechsel begleitet ist. (S. 864) (...) . . . (Die) Debatte über das historische Selbstverständnis der Bundesrepublik (bricht) zu einem Zeitpunkt (auf), der eher durch politische Stagnation als durch rasche Veränderung gekennzeichnet ist. Sie ist indessen der Ausdruck einer schleichenden Legitimitätskrise des politi80

sehen Systems der Bundesrepublik, die aus der Phase eines ungebrochenen und unhinterfragten Wirtschaftswachstums herausgetreten ist und aus den unbestreitbaren Wiederaufbauleistungen der frühen Nachkriegszeit keinen Vertrauensbonus mehr ableiten kann. Die sich verschärfende politische Polarisierung, die nicht zuletzt zentrale sozialpolitische Fragen betrifft, erfaßt in zunehmendem Umfang das Politikverständnis selbst, und es ist nicht verwunderlich, daß damit auch die geschichtliche Überlieferung zum Gegenstand grundsätzlicher Kontroversen wird, (ebd.) (...) Für das Selbstverständnis der überwiegend auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Bundesrepublik blieb bis zum Ende der sechziger Jahre kennzeichnend, daß der historischen Legitimitätsfrage zunächst untergeordnetes Gewicht beigelegt wurde. (. . .) Größere Bedeutung erhielt die Legitimationsdebatte jedoch erst seit der Proklamation der Politik der »Wende«. Es erwies sich rasch, daß die Wiederanknüpfung an Auffassungen der fünfziger Jahre keine hinreichende Resonanz in der öffentlichen Meinung besaß. Nachdem die Schonfrist beendet war, die der Regierung Kohl/Genscher erlaubte, sich auf Kosten des in den letzten Amtsjahren Bundeskanzler Helmut Schmidts innerlich zerstrittenen sozialliberalen Kabinetts zu profilieren, trat der Mangel eines integrativen politischen Konzepts offen zutage, das der »Wende«-Politik den Makel bloßer Restauration nahm. (. . .) Zwar fehlte es nicht an Anstrengungen rechtsstehender oder zur Rechten übertretender Intellektueller, dieses ideologische Vakuum zu füllen, und sie scheuten nicht vor Anleihen bei den amerikanischen Neokonservativen zurück. Aber letztlich vermochten diese von einer betont konservativen Kulturpolitik begleiteten Bemühungen keine langfristige Perspektive zu zeichnen (. . .). (S. 867 f.) Exakt in dieser Konstellation verschärfte sich der bis dahin eher schwelende Streit um die Konturen des westdeutschen Geschichtsbilds. Während dieser sich zuvor im wesentlichen in der Klage über die angeblich weit verbreitete Geschichtsverdrossenheit der westdeutschen Bevölkerung niederschlug, füllte er sich nunmehr inhaltlich auf. Im Mittelpunkt stand die Bewertung der Geschichte des Dritten Reiches (. . .). Die Ungeschicklichkeiten der Bundesregierung anläßlich des Besuchs von Präsident Reagan in Bitburg machten überraschend klar, daß die Belastungen des Zweiten Weltkrieges nach wie vor traumatische Bedeutung besaßen. Sie störten die Dramaturgie des BitburgSpektakels, das unter der Fiktion der endgültigen Versöhnung zwischen Bundesgenossen den Kreuzzugsgedanken der Alliierten gegen 81

die Hitler-Diktatur durch den Kreuzzugsgedanken gegen die kommunistische Weltherrschaft ersetzen sollte. Folgerichtig wurde in den offiziellen Reden der Zweite Weltkrieg in die Reihe der Normalkriege zurückgedrängt und erschien das Dritte Reich als eine tragische, aber angesichts der Bedrohung durch die bolschewistische Aggression begreifliche Verstrickung. (S. 868) (...) (. . .) (Die) bis dahin in der Politischen Bildung und den Geschichtslehrbüchern tonangebende Sicht der nationalsozialistischen Periode (besaß) keine hinreichende Verbindlichkeit mehr. Letztere war von der problematischen Annahme der inneren programmatischen Konsequenz der Herrschaftsideologie Hitlers geprägt, die mit dem ursprünglich gerade nicht personalistisch gewendeten Totalitarismus-Theorem kombiniert worden war. (. . .) (ebd.) Die Bewertung des Dritten Reiches als in sich kontingentes, mit der Weimarer Republik nur bedingt in Verbindung stehendes Geschehen spiegelte sich auch in der von konservativen Historikern vollzogenen Gleichsetzung der Oktoberrevolution mit der in Übernahme des nationalsozialistischen Vokabulars als »revolutionäre« Erhebung apostrophierten Machteroberung. Tendenziell wurde die Geschichte des Dritten Reiches zum schicksalhaften Verhängnis stilisiert, aus dem es kein Entrinnen gab, von dem aber auch konkrete politische Impulse auf die Gegenwart nicht ausgehen. Ebenso reagierte man auf Judenverfolgung und Holocaust primär mit moralischer Betroffenheit und beließ die damit verknüpften, von der westdeutschen Forschung nur unzulänglich aufgearbeiteten Vorgänge auf der Ebene einer bloß traumatischen Erfahrung. Bundeskanzler Kohl faßte die darin sichtbar werdende politische Folgenlosigkeit der nationalsozialistischen Erfahrung in die Formel von der »Gnade der späten Geburt«. (S. 869) (. . .) In der internationalen wie in der westdeutschen Zeitgeschichtsschreibung hat sich eine weit offenere Sicht des Dritten Reiches seit längerem durchgesetzt, die sich vor allem von der ursprünglich vorherrschenden dualistischen Interpretation freimachte, welche dem Terrorzentrum des SS-Staates die Traditionen des »anderen Deutschland« gegenüberstellte und sich im übrigen einem ideologiegeschichtlichen Determinismus verschrieb. Bezeichnenderweise waren es gerade außenpolitische Forschungen, insbesondere die grundlegenden Arbeiten Andreas Hillgrubers, die den Blick für die Kontinuitäten der deutschen Politik vom Spätwilhelminismus bis zur Kapitulation öffneten. Zugleich trat immer deutlicher hervor, daß die Verfügbarkeit weiter Teile der überwiegend konservativ orientierten Funktionseliten für die 82

Politik der NS-Regimes weniger auf ideologischer Indoktrination als vielmehr auf den dann von diesem nur unzureichend eingelösten Versprechen beruhte, die im Zuge der vorschreitenden gesellschaftlichen Nivellierung eingetretenen Statuseinbußen wieder rückgängig zu machen. (ebd.) Es ist kennzeichnend, daß diese von der konkreten Forschung längst aufgegriffene Linie in der Bundesrepublik weniger mit fachwissenschaftlichen als mit ordnungspolitischen Argumenten bekämpft wird. Die hochemotionalisierte Debatte über die Frage, ob es eines förmlichen Befehls Hitlers zur Implementierung der Genozidpolitik bedurfte, beleuchtet diese bis an die Schwelle des Agnostizismus reichende Tendenz zur Verweigerung unbequemer, weil nicht einfach ideologisch kompensierbarer Tatsachen. (S. 870) (...)

Folgerichtig tendieren konservative Fachvertreter dazu, an die Stelle der Ausklammerung des Dritten Reiches aus der geschichtlichen Kontinuität dessen geschichtliche Relativierung treten zu lassen. Mit der Forderung, den Nationalsozialismus in größere geschichtliche Zusammenhänge einzuordnen, stimmt Ernst Nolte mit stärker progressiv eingestellten Historikern überein, ebenso in der Warnung vor »volkspädagogisch« motivierten Tabus. Wenn er indessen den Genozid als bloße psychologische Gegenreaktion auf den als »asiatische Tat« hingestellten »weißen Terror« Lenins begreift und in die Tradition der »Tyrannei kollektivistischen Denkens« einreiht, die er mit der »entschiedenen Hinwendung zu allen Regeln einer freiheitlichen Ordnung« beantwortet sehen will 3 , bewegt er sich jedoch in ein Feld, in dem alle irgendwie gegen den Bolschewismus gerichteten Handlungen als solche gerechtfertigt erscheinen und jede konkrete politische Verantwortung hinter epochenspezifisch bedingten Dispositionen verschwindet, (ebd.) Mag man diese Argumentation als inakzeptable ideengeschichtliche Konstruktion ohne eigentliche politische Absicht begreifen, die ihm wegen seiner relativen Rechtfertigung der Deportation der Juden und der Betrachtung von Auschwitz als bloßem Auswuchs einer anomalen politischen Konstellation schon vor Jahren den Vorwurf eines »gewöhnlichen deutschen Nationalisten« (Felix Gilbert) eintrug, so gilt dies nicht für die Schützenhilfe, die er von Seiten konservativer Fachvertreter in dieser Frage erhält. Klaus Hildebrand ist Nolte in dieser Sehweise ausdrücklich zur Seite getreten, indem er die vorher zäh behauptete Singularität des Nationalsozialismus (diese zu mißachten war bekanntlich der Standardvorwurf gegen die Verfechter der vergleichen83

den Faschismus-Theorie) preisgab. 4 Ähnlich plädierte Michael Stürmer, der sich hierbei auf Franz Oppenheimer als unverdächtigen Zeugen bezog, welcher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Deutschen dazu aufrief, sich endlich vom traumatischen Ballast dieses Teils ihrer Vergangenheit zu lösen, gegen das Festhalten an der »kollektiven deutschen >Schuldbesessenheit«Deutsches ReichteilidentischZusammen mit den Deutschen wären wir unbesiegbar gewesenins Ausland gelangtabsolute Böse< kämpften«, und dies wiederum besäße politische Konsequenzen.1 Es ist also die Orientierung am antifaschistischen Widerstandskampf und seinen aufrechtesten Teilnehmern, die ein Teil der schon älteren Generation bewahrt und die von Jüngeren, von deren Wirken in diesem Artikel eingangs die Rede war, aufgenommen wurde und erweitert worden ist, wodurch auf konservativer Seite Unruhe entstand. Dort wird man von der Befürchtung geplagt, es seien in der Bundesrepublik inzwischen Generationen herangewachsen, von denen ein zu großer Teil weder vom Antikommunismus und Antisowjetismus des deutschen Faschismus noch von jenem der Zeit des Kalten Krieges genügend geformt wurde. Das ist gemeint, wenn einer der hartnäckigsten Verfechter einer neuen ideologischen Aufpulverung der Gesellschaft in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« schreibt: »Etwas ist nicht in Ordnung mit dem zeitgeschichtlichen Bewußtsein, mit dem Verhältnis zur Zeitgeschichte und mit der Moral im Urteil über die Zeitgeschichte.« 2 Daran schließt dieser Her194

ausgeber-Kollege Joachim Fests die an jene Lehrer, Eltern und Schüler, welche die gewünschte Grundhaltung schon besitzen, gerichtete Forderung, sie mögen in den Schulen mehr antisowjetische Unterrichtung der Kinder und Jugendlichen verlangen. (S. 172) Also klar zur Wende? Ich hoffe auf diejenigen, die sich diesem Kurs widersetzen. Denn wer sollte in dem Lande, aus dem diese Einmischung in eine Debatte geschrieben wurde, ein Interesse daran haben, daß Schülern in unserem Nachbarlande eingetrichtert wird, jenseits der Ostgrenze ihres Staates begänne das »Reich des Bösen von Anfang an«, (ebd.) Anmerkungen 1 Ernst Nolte, Die Sache auf den Kopf gestellt, »Die Zeit«, 31. 10. 1986. 2 Johann Georg Reißmüller, Verschwiegene Zeitgeschichte, FAZ, 14. 11. 1986.

Blätter für

44.

deutsche

und

internationale

Politik,

Heft

2/1987

(S.

160-172)

Walter Grab

Kritische Bemerkungen zur nationalen Apologetik Joachim Fests, Ernst Noltes und Andreas Hillgrubers (...)

Die politische Absicht, die Nazis zu verharmlosen und sich sogar mit ihrem Kampf gegen die Rote Armee zu identifizieren, wurde am Vorabend und bei den Feiern des 40. Jahrestags des Kriegsendes deutlich. Am 20. April 1985 (zufälligerweise Hitlers Geburtstag) behauptete Joachim Fest in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, der 8. Mai 1945 habe nicht nur für die Deutschen, sondern für den Westen insgesamt eine »verheerende Niederlage, fast eine Katastrophe« bedeutet. Der Händedruck amerikanischer und deutscher Veteranengeneräle auf dem Bitburger Soldatenfriedhof sollte nicht nur die Vasallentreue der Bundesrepublik bezeugen, sondern auch symbolisieren, daß das deutsche Heer schon zur Nazizeit gegen den richtigen Feind, die Sowjetunion, gekämpft habe; Reagans Besuch der Leichenhügel im KZ Bergen-Belsen und der SS-Gräber in Bitburg sollte demonstrieren, daß 195

alle Toten »gleichermaßen Opfer« gewesen seien, und mithin den Naziverbrechen ihren einzigartigen Charakter abstreiten. (. . .) (...) Die Verharmlosung der Naziverbrechen und die Wiederbelebung des deutschen Nationalbewußtseins unter dem alten und wohlbekannten Zeichen des Feindbildes im Osten wird in zahlreichen Essays und Abhandlungen maßgebender Historiker deutlich. Ernst Nolte, der schon 1963 in seinem Buch »Der Faschismus in seiner Epoche« die Ansicht vertrat, das NS-Regime sei eine Reaktion auf die kommunistische Revolution in Rußland gewesen, behauptete in seinem Artikel »Vergangenheit, die nicht vergehen will« in der FAZ am 6. Juni 1986, die nazistischen Vernichtungslager hätten lediglich die Ausrottungspraktiken in den stalinistischen Gulags nachgeahmt, könnten also als Reaktion auf die (angeblich bis heute fortdauernden) bolschewistischen Bedrohungen gelten; nur die Vergasungen, also wie Nolte meint eine Art »technische Innovation«, hätten die Todeslager der Nazis von ihren stalinistischen Vorbildern unterschieden. Mit dergleichen Behauptungen - die auf eine Apologie der Nazis hinauslaufen - will Nolte nach eigener Aussage verhindern, daß »die nationalsozialistische Vergangenheit zum negativen Mythos vom absolut Bösen wird« (DIE ZEIT, 31. Oktober 1986). Damit im Einklang steht seine (erstmals in einem englischen Aufsatz 1983 erhobene) Behauptung, Hitlers Judenpolitik sei gleichsam als Notwehrmaßnahme anzusehen. Denn die Erklärung Chaim Weizmanns, des Vorsitzenden der Jewish Agency, vom September 1939, daß die Juden in dem soeben begonnenen Krieg an Englands Seite kämpfen würden, kam laut Nolte »zwar nicht im völkerrechtlich-exakten Sinne, wohl aber als Vorwegnahme einer künftigen Realität einer Kriegserklärung gleich« (DIE ZEIT, 31. Oktober 1986). Die Internierung der deutschen Juden durch die Nazis lasse sich daher »als eine Gegenmaßnahme begreifen«. Nolte verliert kein Wort darüber, daß die deutschen Juden seit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 und dem Pogrom vom November 1938 der elementarsten Menschenrechte beraubt und wirtschaftlich vernichtet waren; vielmehr verhöhnt er die jüdischen Naziopfer, indem er sie Geiseln oder kriegsgefangenen Soldaten gleichsetzt und heuchlerisch meint, die Nazis hätten ihnen gegenüber »die Regeln der Haager Landkriegsordnung« beachten müssen (ebd.). Noltes Unterstellung, Weizmanns »Kriegserklärung« sei vielleicht von der »Intention« geleitet gewesen, die deutschen Juden von Hitler internieren zu lassen, ist schlechterdings infam. Derartige ungeheuerliche Thesen sollen Verständnis für die Motive 196

und Aktionen der Nazis wecken. Wer einen Zusammenhang zwischen der politischen Wende in der Bundesrepublik und der ideologischen Offensive konservativer Historiker erblickt, wird von Joachim Fest in seinem Aufsatz »Die geschuldete Erinnerung« (FAZ, 29. August 1986) der »plattesten Verschwörungstheorie« beschuldigt. Ebenso wie Nolte erhebt Fest »Zweifel an der vorbildlosen Besonderheit der NS-Verbrechen« und meint, die in den »Mordfabriken der Stalin-Ära« üblichen »Massenliquidationen durch Genickschuß« hätten ebensolche Berge von Koffern, Schuhen und Brillen der Opfer hinterlassen wie die Todeslager der Nazis. Der politische Zweck dieser (der Totalitarismustheorie verpflichteten) Analogie ist klar: Der von den Nazi-Untaten geschändete deutsche Namen soll von Schuld freigesprochen und die Verantwortung auf die Schultern der »asiatischen« und »barbarischen« Bolschewiken gewälzt werden. Alle Exkulpationen der Nazis sind jedoch unhaltbar; niemals, auch unter Stalin nicht, betrieb die Sowjetunion eine Politik der systematischen und mit Präzision durchgeführten Ausrottung von in- und ausländischen Bürgern, einschließlich der Alten, Frauen, Kinder und Säuglinge; nur unter der Naziherrschaft wurde (unter Beihilfe von Chemiekonzernen) die Vernichtung von Menschenleben industriell betrieben; nur in Nazideutschland wurden die Haare der Opfer zur Erzeugung von Hausschuhen und U-BootDichtungen verwendet, ihre Kleidungsstücke und andere Habe der »Winterhilfe« übergeben, das Gold der falschen Zähne der Ermordeten ausgebrochen und zur Verwertung an die Staatsbank weitergeleitet, Menschenasche als Düngemittel für Gemüseanbau benutzt. Der vom Rassenwahnwitz der Nazis diktierte, bürokratisch organisierte Völkermord in den Hochleistungs-Mordfabriken von Auschwitz, Treblinka, Majdanek und anderen Lagern ist ohne Beispiel und Vorbild in der Menschheitsgeschichte; alle Versuche, die »Vernichtung lebensunwerten Lebens« durch die Nazis mit Stalins Untaten zu vergleichen, erregen den Verdacht, es gehe den konservativen Ideologen gar nicht um historische Wahrheit, sondern vielmehr um politischen Kampf gegen den alt-neuen Feind, die Sowjetunion. Dieser Verdacht wird bei der Lektüre von Andreas Hillgrubers Abhandlung »Der Zusammenbruch im Osten 1944/45 als Problem der deutschen Nationalgeschichte und der europäischen Geschichte« (in seinem Bändchen: Zweierlei Untergang, Siedler Verlag, Berlin 1986) erhärtet. In der gegenwärtigen Kontroverse distanzieren sich zwar einige Historiker von Ernst Nolte, den sie als Außenseiter ansehen, nehmen jedoch Hillgruber in Schutz und verwahren sich dagegen, ihn in einem Atem mit Nolte zu nennen. Hillgruber selbst nimmt aller197

dings für Joachim Fest (der, wie oben gezeigt, Noltes Thesen übernahm und variierte) Partei und bezeichnet dessen Artikel »Die geschuldete Erinnerung« als einen »bedeutsamen Beitrag zur Rückkehr zu einem wissenschaftlichen >Diskursaggressiven< preußischen >Militarismusmitteleuropäischen< Verbindungen wieder zum Tragen kommen«. Das bedeutet zunächst die Warnung vor der Reduktion auf ein bundesrepublikanisches Nationalbewußtsein 291 , vor der Preisgabe der Einheit Deutschlands. Doch die Ansprüche reichen weiter: Eben diese Verbindungen, wie sie damals die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Osteuropa kennzeichneten, will Hillgruber wieder »zum Tragen« bringen. Diese Formulierung ist so entlarvend, daß es dann auch nicht viel nützt, wenn Hillgruber erklärt, daß die alte Konzeption eines Mitteleuropa unter deutscher Führung »infolge des Ausgangs des Zweiten Weltkrieges historisch erledigt« sei. Kohl definiert nämlich in dem Gespräch mit Hillgruber »die Konstruktion von Gesamteuropa als unsere Hauptaufgabe«, und er gibt auch an, was in diesem Zusammenhang unter Europa zu verstehen ist: »Zu Europa, wie ich es verstehe, gehören . . . Polen, die Tschechoslowakei . . . Weimar und Dresden . . . Leningrad.« Die Formel »Schlesien bleibt unsere Zukunft«, 228

auf die sich die Bundesregierung bereits 1985 festgelegt hatte, wurde nun dahingehend präzisiert, daß für alle Polen »eine freiheitliche Gesellschaftsordnung« geschaffen werden müsse - aber natürlich nicht nur für die Polen, sondern für »Gesamteuropa«. Bei dieser Bewertung des »Abwehrkampfes« der Ostfront im Dienste Europas ergeben sich allerdings einige weitere Fragen: War es denn nicht eigentlich ein Aggressions- und Eroberungskrieg, den das Deutsche Reich da begonnen und geführt hat? Standen Terror und Massenmord nicht im Dienst der Versklavung dieser Völker? Aus dem Munde Kohls erfährt der erstaunte Leser hingegen, daß es sich um »Rache« handelte, die »in deutschem Namen in Polen und anderswo geübt wurde«. Danach müssen es wohl die anderen gewesen sein, die angefangen haben; und dann sind sie ja wohl auch selber schuld. Die allgemeinen Schlußfolgerungen, die sich aus diesem Geschichtsbild ergeben, liegen auf der Hand: Wenn es um die Verteidigung gegen die Gefahr aus dem Osten geht, so muß man mancherlei in Kauf nehmen, wenn es sein muß eben auch faschistischen Terror - denn das Foltern und Morden hielt ja in der Tat bis zum letzten Tag an, und Hillgruber verheimlicht das auch nicht. Und zweitens ergibt sich: Da der Faschismus nicht nur die Interessen Deutschlands, sondern die Europas vertreten hat, ist er in einem noch höheren Sinne legitimiert; der heutige Kampf gegen die Sowjetunion kann also durchaus als die Fortsetzung des faschistischen Krieges begriffen werden. So hatte es Alfred Dregger in seinem Brief an die US-Senatoren bereits vorgetragen. Und so sieht es auch Michael Stürmer: Mit ihrem Übergang zur Politik der Konfrontation 1946 traten die USA »ohne es zu wissen . . . in die Erbschaft des Deutschen Reiches ein«. (FAZ v. 6. September 1986). Die Westmächte hätten also allen Anlaß, ihren damaligen Kampf gegen Deutschland als Fehler einzugestehen und daraus für heute zu lernen, daß sie die Machtansprüche der Bundesrepublik als die Sache Europas, als ihre eigene Sache zu begreifen haben. Wie man sieht, weisen diese Thesen nur wenig Originelles auf. Sie gehören zu den ideologischen Grundbeständen der rechtskonservativen Presse und der Stahlhelmfraktion in den Unionsparteien, sie wurden von Alfred Dregger mehrfach vorgetragen - und sie werden natürlich auch von der neofaschistischen Presse seit Jahrzehnten verfochten. Das Neue besteht hauptsächlich darin, daß sie nun mit dem Renommee eines anerkannten Historikers versehen und mit einigen zusätzlichen Reflexionen über die »Tragik« dieses »Abwehrkampfes« ausgestattet wurden. In diesem Geschichtsbild ist auch für eine positive Bewertung des 229

antifaschistischen Widerstands kein Raum mehr. Die Widerstandskämpfer werden entweder zu Komplizen des Bolschewismus oder zu Traumtänzern, zu bloßen »Gesinnungsethikern« wie die Männer des 20. Juli - gegenüber den »Verantwortungsethikern«, die bei Hillgruber von den Funktionären des faschistischen Staates repräsentiert werden. Hätte der Putsch gesiegt, so hätte dies nämlich die Sowjetunion »zu noch schnellerer Kriegsentscheidung genutzt«, der Krieg wäre also rascher zuende gewesen - für Hillgruber offensichtlich eine schreckliche Vorstellung. Mit dieser Bewertung des Widerstandes ist der Boden dessen, was bisher als das offizielle Selbstverständnis der Bundesrepublik gegolten hatte, gänzlich verlassen. Das also war die erste Stufe der rechten Offensive mit wissenschaftlichem Beistand. Die Hauptaussage bestand darin, daß mindestens der Faschismus der letzten Kriegsjahre verteidigenswert gewesen war und für die heutige Problemlage ein zwar nicht widerspruchsfreier, aber letzten Endes doch positives Vorbild darstellen kann. Ihre wissenschaftliche und politische Schwäche bestand darin, daß sie die letzte Phase des Krieges ziemlich willkürlich ablöste vom Gesamtcharakter des faschistischen Krieges. War denn das Regime, das 1944/45 den »Abwehrkampf« führte, nicht dasselbe, das 1939/41 einen Aggressionskrieg begonnen hatte - mit dem Ziel, die Völker bis zum Ural dauerhaft zu versklaven und »-zig Millionen«, wie es in den Planungen heißt, zu ermorden? Waren die Jahre 1944/45 dann nicht die letzte Phase eines Mörderregimes, das von den Völkern Europas nun endlich zerschlagen wurde? Diesen Fragen hat sich Hillgruber nicht gestellt. b) Stalins drohender Aggressionskrieg 1941 (Gillessen, Hoffmann) Diese Defizite waren nur zu beheben, wenn es gelang nachzuweisen, daß der Krieg gegen die Sowjetunion von Anfang an kein Aggressionskrieg war, sondern eine Verteidigungsmaßnahme. Sollte es wirklich jemanden geben, der - angesichts des überwältigenden Beweismaterials, das hier vorliegt - diese abenteuerliche These vertreten und doch in der Öffentlichkeit als seriös akzeptiert würde? Sicherlich: die Hitlerregierung selbst hatte dies natürlich in ihrer Propaganda behauptet, und der Neofaschismus hatte es aufgegriffen. Aber nie hatte ein seriöser Wissenschaftler dergleichen ernstgenommen. Die CSU hatte einen solchen Vorstoß bereits unternommen - gestützt auf das Buch des Grazer Sozialphilosophen Ernst Topitsch. Sie hatte dieses Buch »Stalins Krieg« in einer eigens dafür angesetzten Pressekonferenz in Bonn groß herausgebracht und als geschichtswis230

senschaftliche Wende gefeiert. In diesem Buch versuchte Topitsch nachzuweisen, daß bei der Entfesselung des Krieges 1939 in Wahrheit Stalin der Drahtzieher gewesen war, der - mittels des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages, des »Hitler-Stalin-Paktes« - Hitler für seine Zwecke instrumentalisiert hatte. Die politische Resonanz auf diesen Vorstoß blieb allerdings gering, und auch die Fachwissenschaft sah keinen Anlaß, sich mit diesen Thesen ernsthaft zu befassen, denn: Sie standen offensichtlich in überhaupt keinem Bezug zum Stand der Forschung; die politische Funktionalisierung durch die CSU war auch allzu offensichtlich; und schließlich welches Gewicht für die Geschichtswissenschaft hatte schon Ernst Topitsch? Nun aber, im Sommer 1986, wagte die FAZ einen neuen Vorstoß, freilich in einer Weise, die Rückzugsmöglichkeiten offen ließ: Sie brachte (am 20. August) einen großen Bericht ihres Redakteurs Günther Gillessen über eine Kontroverse in einer englischen Zeitschrift 30 zu der Frage, ob es sich beim Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion 1941 tatsächlich um einen Aggressionskrieg gehandelt habe. Sein Urteil lautete: »Die Hypothese, Stalin hätte Hitler wenig später angegriffen, wenn er nicht von diesem angegriffen worden wäre«, habe nunmehr »an Plausibilität gewonnen«. Es war demnach kein purer Aggressionskrieg des Deutschen Reiches, sondern es war eher so, »daß im Sommer 1941 zwei Aggressoren aufeinanderstießen«. Der scheinbare Aggressionskrieg des Deutschen Reiches wäre demnach in Wirklichkeit ein Präventivkrieg gewesen, der einer kurz bevorstehenden Aggression gerade noch zuvorgekommen ist. Gillessen verheimlicht auch nicht, was daraus für heute erfolgt. Hier spricht nun die Stimme der Herrschenden mit kaum verhüllter Brutalität: Die Geschundenen und Versklavten und die Nachkommen der millionenfach Ermordeten sollten bloß nicht frech werden und etwa irgendwelche Ansprüche anmelden - und seien es auch nur moralische! Aus dem Verhalten der großen Konzerne, die Millionen von Zwangsarbeitern um Leben und Gesundheit brachten, ist diese Haltung wohl bekannt. Gillessen formuliert sie so: »Spätere sowjetische Führungen suchten die schweren Verluste an Leben und Zerstörungen an Gut. . . in eine besondere Friedensschuld der Deutschen gegen die Sowjetunion umzumünzen und außenpolitisch-propagandistisch zu operationalisieren.« In der Tat: Wir, die Bundesrepublik, sollen gegenüber der Sowjetunion zu einer Friedenspolitik verpflichtet sein? Dieser Gedanke erschient dem FAZ-Redakteur geradezu unverschämt. Die bei Gillessen noch vorsichtig formulierte These vom Präventivkrieg wurde in gleicher Ausführlichkeit, aber in wesentlich schärferer 231

Form zwei Monate später von Dr. Joachim Hoffmann, dem wissenschaftlichen Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamts Freiburg, dargelegt: Die Rote Armee habe »mit einem Offensivaufmarsch begonnen«, so daß »im Sommer 1941 der eine Aggressor, Hitler, die letzte Gelegenheit hatte, dem anderen Aggressor zuvorzukommen«. Das Totalitarismusschema wird also formal beibehalten - doch die Priorität ist klar. Diesen Artikel brachte die FAZ (am 16. Oktober 1986) trotz seiner Länge in Form eines Leserbriefs - vermutlich deshalb, weil sie nicht gänzlich mit ihm identifiziert werden wollte, weil die wissenschaftliche Beweisführung allzu windig erschien und weil Dr. Hoffmann, der nicht einmal über einen Professorentitel verfügt, nicht das gleiche Renommee beanspruchen kann wie Nolte oder Hillgruber. Fragt man sich, welche »Botschaft« diese Interpretation für die heutige Lage enthält, so muß man wohl schlußfolgern: Gegenüber dem Bolschewismus, mit dessen Aggressionsbereitschaft grundsätzlich immer gerechnet werden muß, ist dann, wenn konkrete Symptome einer Aggressionsvorbereitung vorliegen, ein Präventivschlag gerechtfertigt oder mindestens begreiflich. c) Auschwitz als »asiatische Tat« (Nolte) Aggressionskrieg und Massenmord - das verbindet sich seit über vierzig Jahren mit dem deutschen Faschismus. Die Sache mit dem Aggressionskrieg wäre - ginge es nach diesen Thesen der Rechten - einigermaßen ausgestanden. Konnte man es wagen, noch weiter zu gehen? Sollte es möglich sein, sogar für Auschwitz eine Ausrede zu finden? Gerade in dieser Frage war der Neofaschismus bis zum Ende der 70er Jahre total isoliert gewesen. War es denkbar, daß sich auch diese seit Jahrzehnten erforschten und in der seriösen Wissenschaft bis dahin gänzlich unumstrittenen Tatbestände aus der Welt schaffen, daß sich alle diese Verbrechen soweit relativieren ließen, daß sie als normal erschienen, daß sich womöglich sogar die Kommunisten und die Sowjetunion als die letzten Endes dafür Verantwortlichen dingfest machen und daß sich für dieses abenteuerliche Unterfangen wissenschaftlich renommierte Namen gewinnen ließen? Das kaum Glaubliche geschah - und es kam für den Beobachter durchaus nicht gänzlich unerwartet. Anfang Juni 1986 fand die FAZ den gesuchten wissenschaftlichen Beistand in Gestalt einer Rede des West-Berliner Historikers Ernst Nolte. Nolte hatte sich bei der vergleichenden Faschismusforschung internationales Ansehen erworben und 232

hatte dann den Ost-West-Konflikt zu seinem Thema gemacht. Er hatte sich zwar in der Hochschulpolitik auf der Rechten stark engagiert und den Bund Freiheit der Wissenschaft mitbegründet, von den »politischen Niederungen« im Sinne von Tagespolitik jedoch bislang ferngehalten; wissenschaftlich und politisch war er eher ein Einzelgänger geblieben. Im Verlaufe von zwei Jahrzehnten hatte Nolte seine These herausgearbeitet, die schon in seiner Habilitationsschrift von 1963 angelegt ist, dort aber nur als ein Moment innerhalb einer komplexen Argumentation fungiert hatte. In der Folge hatte diese These in seinem Geschichtsbild aber eine abolut beherrschende Stellung gewonnen. Diese These lautet: Der Faschismus sei eine extreme, aber doch begreifliche Reaktion auf die russische Oktoberrevolution und die kommunistische Gefahr.31 In dieser These ist durchaus ein Element von Wahrheit enthalten: Der Faschismus stellt in der Tat in einer gewissen Hinsicht eine radikale Antwort auf die »Gefahr von links« dar, nämlich die Antwort der herrschenden Klassen: Die inneren Widersprüche des Kapitalismus hatten die Arbeiterbewegung erzeugt, die nach einer Veränderung der Eigentumsverfassung drängte; die Massaker des Ersten Weltkrieges hatten große Bevölkerungsmassen mobilisiert für den Kampf gegen die Gesellschaftsordnung, die diese Massaker hervorgebracht hatte; die revolutionäre Welle, die 1917/18 durch Europa ging, hatte die akute Bedrohung dieser Eigentumsordnung den Herrschenden drastisch vor Augen geführt. Die große Wirtschaftskrise und der Versuch ihrer offensiven Überwindung hatten besonders im besiegten Deutschland zur Zusammenfassung aller Kräfte für einen Eroberungskrieg geführt. Auf diese Gefahren und Probleme antworteten die Herrschenden in der Tat in einigen Ländern durch Errichtung einer Herrschaftsform, die den schrankenlosen Terror zur Methode erhob. Bei Nolte (und Fest) aber wird dieser in der Tat vorhandene Kausalzusammenhang verfälscht zu der These, der Faschismus stelle eine Antwort auf die von der Linken begangenen Verbrechen dar - und sei dadurch gewissermaßen legitimiert. Mit dieser Logik können in der Tat alle Gewalttaten der Herrschenden gegenüber der Bevölkerung legitimiert werden von der Kreuzigung tausender aufständischer Sklaven im alten Rom bis zu den Massakern der Feudalherren gegenüber den Bauern: immer handelte es sich um »Reaktionen« auf »Bedrohungen«. Bereits 1980 hatte Nolte in seinem Aufsatz »Die negative Lebendigkeit des Dritten Reiches« die Grundzüge jener Interpretation entwikkelt, die sechs Jahre später die liberale Öffentlichkeit so erregt hat. 233

Und bereits damals hatte die FAZ (am 24. Juli 1980) diesen Aufsatz groß herausgebracht, so daß man sich sehr wohl fragen kann, warum eine kritische Reaktion nicht erfolgte. Der Drang der Rechten nach Revision des Geschichtsbildes war also durchaus schon am Werk, die Sensibilität der liberalen Öffentlichkeit für die Gefahren dieser ideologischen Offensive war aber offenbar noch nicht entwickelt. Zu diesem Zeitpunkt standen die am Marxismus orientierten Kritiker konservativer Faschismusinterpretationen mit ihren Warnungen noch ziemlich isoliert. Nolte übertrug in diesem Aufsatz bereits seine These von der »russischen Revolution« als der »wichtigsten Vorbedingung« des Faschismus auf das Auschwitzproblem und führte aus: »Auschwitz resultierte nicht in erster Linie aus dem überlieferten Antisemitismus und war im Kern nicht ein bloßer »Völkermords sondern es handelte sich vor allem um die aus Angst geborene Reaktion auf die Vernichtungsvorgänge der russischen Revolution.« Das bedeutet, »daß die sogenannte Judenvernichtung des Dritten Reiches eine Reaktion oder verzerrte Kopie und nicht ein erster Akt oder das Original war«. Deshalb müsse das Dritte Reich »aus der Isolation heraus genommen werden« und »in den Zusammenhang der durch die industrielle Revolution ausgelösten Umbrüche, Krisen, Ängste, Diagnosen und Therapien hineingestellt werden«. In einem Vortrag im Studienzentrum Weikersheim, einem der ideologischen Zentren des Neokonservatismus, fügte er 1983 hinzu, daß weder der Antisemitismus noch der Antikommunismus des deutschen Faschismus »historisch grundlos und moralisch unberechtigt« oder »Ausgeburt kranker Hirne« gewesen sei. Lediglich eine »falsche Verknüpfung« dieser Elemente und ihre Verbindung mit der Rassenidee habe zu den bekannten negativen Folgen geführt.313 Diese Thesen zu Auschwitz wiederholte Nolte nun im Sommer 1986: Er definierte Auschwitz erneut als eine Reaktion auf den asiatischen Bolschewismus, als eine »asiatische Tat« womit gesagt war, daß sie weder eine genuin deutsche noch eine genuin faschistische Tat war. Die Art und Weise, wie Nolte zu diesem Ergebnis kommt, ist kaum wiederzugeben, weil sie mehr der Assoziationskette eines surrealistischen Dichters als der Argumentation eines seriösen Historikers gleicht: Nolte versteht seine Thesen als Fortführung der Schriften von Lübbe, Fest und Haffner und als Präzisierung der Totalitarismustheorie. Er will »anhand einiger Fragen und Schlüsselworte die Perspektive andeuten, in der diese Vergangenheit gesehen werden sollte, wenn ihr jene >Gleichbehandlung< widerfahren soll, die ein prinzipielles Postulat der Philosophie und der Geschichtswissenschaft ist«. 32 Er sagt dann, 234

daß Hitler am 1. Februar 1943, als er von der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad Nachricht erhielt, eine »Rattenkäfig« erwähnt habe, mit dem nun deutsche Offiziere in Moskau zu rechnen hätten. Solche und ähnliche Foltermethoden seien sowohl in Georg Orwells »1984« wie in der »antibolschewistischen Literatur über den russischen Bürgerkrieg« beschrieben. Daraus folgert Nolte, daß »die Literatur über den Nationalsozialismus nicht weiß oder nicht wahrhaben will, in welchem Ausmaß all dasjenige, was die Nationalsozialisten später taten, mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung, in der umfangreichen Literatur der frühen 20er Jahre bereits beschrieben war: Massendeportation und -erschiessungen, Folterungen, Todeslager, Ausrottung ganzer Bevölkerungsgruppen nach bloß objektiven Kriterien. . .«. Damit ist Auschwitz in den Bereich des Normalen gerückt. Aber Nolte geht noch weiter: »Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine »asiatische« Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Ofper einer »asiatischen« Tat betrachteten? War nicht der »Archipel GULag< ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der >Klassenmord< der Bolschewiki das logische und faktische Prius des »Rassenmords« der Nationalsozialisten? Sind Hitlers geheimste Handlungen nicht gerade auch dadurch zu erklären, daß er den »Rattenkäfig« nicht vergessen hatte? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte?« Der Verantwortliche für Auschwitz war nach Nolte also letzten Endes der Bolschewismus. Und der These vom Präventivkrieg war damit die These vom Präventivmord beigesellt - ein Massenmord aus Angst, als Verteidigungsmaßnahme. Damit war nun nicht nur Auschwitz allein auf die Person Hitlers und dessen Entscheidung wiederum auf einige angstvolle Erlebnisse seiner früheren Jahre zurückgeführt - ohne Rücksicht auf die komplexen Entstehungsbedingungen der faschistischen Ideologie und die komplexen Wirkungsbedingungen faschistischer Politik -, sondern es war in der Tat alles auf den Kopf gestellt, was bisher durch die seriöse Wissenschaft zu Auschwitz geforscht und ermittelt worden war. Sei es nun, daß den für die Frankfurter Römerberggespräche Verantwortlichen diese These doch etwas zu heiß war, sei es wegen eines Mißverständnisses: Nolte konnte seine Rede dort nicht halten. Die FAZ aber ergriff die Gelegenheit beim Schöpfe, deklarierte das Ganze als einen Akt der Verteidigung geistiger Freiheit (»eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte«) und druckte auch die Rede am 6. Juni 1986 ab. 235

Gegenüber der sich allmählich formierenden Kritik liberaler Wissenschaftler, insbesondere der von Jürgen Habermas, ergriff dann knapp drei Monate später (am 29. August) einer der Herausgeber der FAZ, J. C. Fest, selbst das Wort, um klarzumachen, daß es sich nicht um die vereinzelte Stimme eines eigenwilligen wissenschaftlichen Individuums handelte, sondern um eine umfassende ideologische Offensive. Fest unterstreicht noch einmal mit allem Nachdruck, daß Hitler selbst immer wieder »die Praktiken der revolutionären Gegner von links als Lehre und Vorbild bezeichnet hat«, zählt noch einmal die Verbrechen des Bolschewismus auf, bekennt sich zu der »Einsicht, daß der Genozid (Hitlers) . . . nicht der erste war und auch nicht der letzte« und verlangte, daß »die Rituale einer flachen Unterwürfigkeit« der Deutschen endlich aufhören müßten. Diese Auschwitzinterpretation ist nun freilich ein dreistes Stück, bei dem die Initiatoren auch 1986 weder bei der politischen noch bei der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, weder in der Bundesrepublik noch im westlichen Ausland (vom östlichen ganz zu schweigen) mit Verständnis oder gar mit Zustimmung rechnen konnten. Es handelte sich wohl mehr um einen neuen Versuchsballon, der erkunden sollte, wie heftig und wie breit jetzt der Widerstand wohl sei. Ein zweiter Beitrag von Ernst Nolte zum gleichen Thema war denn auch nicht neu herausgebracht, sondern nur ganz kurz erwähnt worden. Hier hatte Nolte den schon von Hitler selbst formulierten Gedanken wiederaufgenommen, daß die Juden ja im September 1939 durch den Mund des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Chaim Weizmann ihrerseits dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hätten, so daß ihre Behandlung als Kriegsgegner, ihre Internierung, als eine Kriegshandlung gerechtfertigt sei.32a Überraschenderweise erhielt Nolte sogar für diese These Beifall, allerdings nicht in der FAZ, sondern im Fachorgan der Historiker, der angesehenen Historischen Zeitschrift (HZ). Hier nannte Klaus Hildebrand, Professor für Geschichtswissenschaft in Bonn und Mitglied im Beirat zur Planung des Bonner Museums, Noltes Arbeit »wegweisend«, weil sie der Geschichte des Dritten Reiches das »scheinbar Einzigartige« nehme und »die Vernichtungskapazität der Weltanschauung und des Regimes« in die Gesamtentwicklung des Totalitarismus historisierend einordne. 33 Die FAZ allerdings druckte diesen Beitrag nicht. Das ist verständlich. Die eine These, die die Schuld an Auschwitz mindestens teilweise dem Bolschewismus zuschob, war eben für die politische Offensive sehr brauchbar, die andere, die sie den Juden selbst zuschob, aber sehr viel weniger. Denn die Distanzierung vom Antise236

mitismus war ja seit 1945 eben jenes Alibi gewesen, das ermöglicht hatte, alle anderen Dimensionen der faschistischen Politik, soweit es eben ging, im Dunkeln zu lassen. Auch an diesem Vorgang wird sehr deutlich, wer die Ziele und die Richtung dieser Offensive von rechts bestimmte und daß dies keineswegs die konservativen Historiker selbst waren. Auch wenn die einzelnen Elemente dieser Offensive zunächst durch die beteiligten Historiker nicht miteinander abgestimmt gewesen sein sollten, so ergaben sich doch im Resultat ein Ganzes: in ihrer Summe liefen diese Thesen darauf hinaus, das bisherige Geschichtsbild von Grund auf zu revidieren und den deutschen Faschismus als gewissermaßen normale Erscheinung in einem »Zeitalter der Tyrannen« darzustellen: »Totalitarismus, Völkermord und Massenvertreibung gehören zur Signatur des 20. Jahrhunderts«. 32b Mit der »Historisierung» aber geht die Legitimierung Hand in Hand: Der Krieg des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion erscheint als vertretbar, wenn nicht gar notwendig und jedenfalls im Interesse Europas liegend, und die Verbrechen des Faschismus - bis hin zu Auschwitz - erscheinen einerseits vergleichbar mit denen der Sowjetunion und andererseits als im Kampf gegen diesen Feind begreiflich, wenn nicht gar durch diesen Feind letzten Endes selbst verursacht. Und die Schlußfolgerungen, die teils offen formuliert, teils implizit nahegelegt wurden, lauteten: Deutschland habe - im Unterschied zu den Westmächten - in der Hauptfrage schon immer das richtige Feindbild gehabt und den richtigen Krieg geführt. Zu Schuldbewußtsein und Büßerhaltung der Deutschen bestehe kein Grund: die Bundesrepublik habe keinen Anlaß, sich ständig vorzunehmen, »das Gegenteil des Hitlerreiches sein zu müssen« (FAZ v. 8. Januar 1987); sie habe ein Recht darauf, entsprechend ihren Leistungen und ihrem Potential gewürdigt und in der Rolle einer Führungsmacht in den internationalen Beziehungen anerkannt zu werden.

2)

Die Argumente der Kritiker

Im Verlauf der letzten vier Jahrzehnte waren Quellen und Dokumente in großem Umfang erschlossen und auf ihrer Basis bestimmte Resultate erarbeitet worden, die in der seriösen Wissenschaft als gesichert galten. Dazu gehörten, wie schon erwähnt, die langfristige Planung des Eroberungskrieges durch den deutschen Faschismus und dessen Terror- und Vernichtungsmaschinerie besonders in Hinsicht auf die Konzentrationslager und den Massenmord an den europäischen Juden. 237

Natürlich gab es Kontroversen darüber, welches Gewicht den einzelnen Kausalfaktoren zukam, ob die Führerpersönlichkeit Adolf Hitler dabei eine entscheidende Rolle spielte, wieweit sozialökonomische Interessen im Spiel waren usw. Aber daß sowohl der Aggressionskrieg sowie auch die Terror- und Vernichtungsmaschinerie aus der Beschaffenheit des faschistischen Systems selbst, aus dessen inneren Triebkräften, abgeleitet werden mußten und daß beides verbrecherischen Charakter hatte, war allgemein akzeptiert. In diesem begrenzten Sinne konnte durchaus von einem »Konsens« gesprochen werden. Zwar hatte es immer einen rechten Flügel gegeben, der z. B. - ausgehend von der Totalitarismusthese - der Sowjetunion eine Mitverantwortung für den Kriegsausbruch 1939 zugesprochen hatte, aber doch mehr in dem Sinne, daß die Sowjetunion durch den »Hitler-Stalin-Pakt« es dem Deutschen Reich ermöglicht habe, den geplanten Eroberungskrieg zu beginnen. Was die Konzentrations- und Vernichtungslager betraf, so war die Verantwortlichkeit des deutschen Faschismus unumstritten. Der Neofaschismus stand mit seinen Thesen über den Krieg und über Auschwitz außerhalb und isoliert. Die Leichtfertigkeit, mit der konservative Historiker seit dem Beginn der 80er Jahre über Quellenlage und Forschungsstand hinweggegangen waren und seriöse wissenschaftliche Argumente durch abenteuerliche Spekulationen ersetzt hatten, machte die Fachkollegen offenbar ziemlich fassungslos. Sie brauchten eine ganze Weile, bis sie überhaupt wahrzunehmen bereit waren, was sich da vollzog, und bis sie sich artikulierten 33a , und ihre Reaktionen schwankten zwischen dem Protest »so geht das aber wirklich nicht« und dem kopfschüttelnden »das kann doch eigentlich nicht wahr sein«, »das kann doch nicht so gemeint sein«. Der erste, der deutlich und ausführlich Einspruch erhob, war denn auch gar kein Fachhistoriker, sondern der Philosoph Jürgen Habermas. Dann aber folgte eine ganze Reihe von liberalen Historikern, die ihre Kritik artikulierten. Ihr Forum wurde die Wochenzeitung »Die Zeit«, die aber auch den mit Hillgruber und Nolte Sympathisierenden das Wort gab, sowie die Frankfurter Rundschau, in der solche Historiker antworten konnten, die sozial- und strukturgeschichtliche Positionen und damit den linken Flügel der etablierten Geschichtswissenschaft repräsentieren und politisch meist der Sozialdemokratie verbunden sind. In ihren Leserbriefspalten ließ auch die FAZ eine begrenzte Kritik an den Positionen der rechten Historiker zu. Auch viele andere Tages- und Wochenzeitungen sowie eine Reihe von Zeitschriften (wie der Spiegel, Konkret, Merkur) griffen diese Kontroverse auf. In linken 238

Zeitschriften kamen auch marxistische und am Marxismus orientierte Positionen zu Wort, z. B. im Argument, in der Deutschen Volkszeitung und in Links. Eine wichtige Rolle spielten die »Blätter für deutsche und internationale Politik« als Forum konsequenter Kritik an den rechtskonservativen Thesen und ihrer politischen Funktion, die von einem breiten Spektrum demokratischer Positionen aus entfaltet wurde. Auf der Seite der konservativen Historiker nahmen weiterhin Die Welt, die FAZ, der Bayernkurier und der Rheinische Merkur (Christ und Welt) eine führende Rolle ein; hier publizierten die Historiker - nachhaltig unterstützt von den Redakteuren dieser Zeitungen ihre Repliken auf die Kritik. Die folgende Darstellung konzentriert sich auf die Kritik liberaler Historiker und (links-)liberaler Publizistik. Deren Argumente werden zunächst nur referiert. Eine kritische Prüfung ihrer Reichweite und Tragfähigkeit erfolgt im Schlußkapitel in dem Abschnitt »Die Maßstäbe der Kritik«. Die am Marxismus orientierte Kritik wird nur am Rande einbezogen, weil sie in Gestalt mehrerer Beiträge im vorliegenden Sammelband präsent ist. a) Kritik an Hillgrubers Thesen Am 11. Juli 1986 publizierte der Frankfurter Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas in der »Zeit« seinen Artikel »Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung«. Er legte den Zusammenhang dar zwischen den Thesen von Dregger, Stürmer, Hillgruber und Nolte, zwischen den »Ideologieplanern« und den Museumskonzepten der Bundesregierung und warnte vor dem »Neuen Revisionismus«. Bei Hillgruber diagnostizierte Habermas die »Rhetorik von Kriegsheftchen«, die »unausgedünsteten Klischees eines aus Jugendtagen mitgeführten Jargons«. »Die Moral der Geschichte liegt auf der Hand: Heute wenigstens stimmt die Allianz«; seine »Wunschdeutung« formulierte Hillgruber in dem Satz von der »Rekonstruktion der zerstörten europäischen Mitte«. In einem Leserbrief, den Habermas in der FAZ (11. August 1986) veröffentlichte, heißt es: »Er will sich nicht mit Hitler, nicht mit den Widerständlern, nicht mit den Insassen der Konzentrationslager identifizieren, sondern >mit dem konkreten Schicksal der Bevölkerung im Osten«. Das wäre vielleicht ein legitimer Blickwinkel für die Memoiren eines Veteranen - aber nicht für einen im Abstand von vier Jahrzehnten schreibenden Historiker.« »Apologetische Tendenzen« seien auch darin enthalten, daß Hillgruber schon im Titel der »aggres239

siven »Zerschlagung des Deutschen Reiches< durch äußere Feinde« ein »sich gleichsam automatisch einstellendes »Ende des europäischen JudentumsLinken< genau den politischen und kulturellen Prozeß einleitet oder beschleunigt, den Habermas verhindern zu wollen vorgibt«. 671 Den liberalen Historikern und Politologen ist in der Tat ein gewisser Idealismus eigen, wenn von der Entstehung der Bundesrepublik und ihrer »Öffnung zum Westen« die Rede ist: ein Idealismus, der die Struktur und Politik der Westmächte betrifft sowie die Bedingungen, unter denen die Gründung der Bundesrepublik erfolgte, und die Ziele, die damit verknüpft waren. Ihnen gegenüber kann sich dann Hillgruber wirklich als »Realist« aufspielen, indem er auf die (imperialistischen) Kriegsziele Großbritanniens oder auf die militärische Eingliederung der Bundesrepublik in den Westen hinweist. Im Lichte dieses Idealismus wird auch der »Konsens« etwas überschätzt, der nach der Auffassung der liberalen Wissenschaftler seit der Entstehung der Bundesrepublik in der Beurteilung des Faschismus geherrscht habe und nun »von rechts aufgekündigt« werde. Sie orientieren sich dabei am offiziell proklamierten Selbstverständnis der Bundesrepublik; zu bedenken wäre allerdings, daß, wie im 1. Kapitel dargestellt, die reale Politik dieses Staates seit 1949 doch erheblich anders beschaffen war. Die liberalen Wissenschaftler gelangen zu diesem Ergebnis deshalb, weil sie methodologisch hauptsächlich von Ideen und weniger von realen Strukturen und Interessen ausgehen - wie auch bei der Beurteilung »des Westens«. Mit dieser idealistischen »Westorientierung« mag es auch zusammenhängen, daß sich die Kritik der liberalen Historiker zwar sehr scharf gegen Nolte richtet, Hillgruber aber ziemlich geschont wird. Nolte nämlich hat jenes Tabu verletzt, das für die Bundesrepublik der offizielle Ausweis der Abkehr vom Faschismus gewesen ist: Er hat Auschwitz verharmlost und auf jegliches Schuldbekenntnis im Zusammenhang mit dem Judenmord verzichtet. Damit hat er der Bundesrepublik nach Westen hin ein Stück ihrer Glaubwürdigkeit genommen. Hillgruber hingegen richtet seine Argumentation in der Hauptsache gegen die Sowjetunion, erklärt den Krieg des Deutschen Reiches 1944/ 45 als legitim und notwendig und fügt sich damit im Prinzip eben doch gedanklich ein ins westliche Bündnis der Nachkriegszeit. Hillgrubers Thesen werden - wenn man von marxistischen Historikern absieht nur von Habermas scharf kritisiert, während sich die liberalen Historiker hier sehr zurückhalten. Ebenso bleiben die Thesen von Gillessen 273

und Hoffmann über die 1941 angeblich bevorstehende sowjetische Aggression weitgehend außerhalb der Kritik der liberalen Historiker, soweit sie Professoren sind (nur Jäckel wendet sich scharf und eindeutig gegen die »Präventivkriegsthese«). Man wird also in der Tat genauer angeben müssen, was mit der »Bindung an den Westen« (Habermas) gemeint ist - und was damit nicht gemeint ist. Man wird vor allem genauer bestimmen müssen, in welcher Beziehung Ökonomie und Politik, Kultur und Militär »des Westens« zueinander stehen. Der Hinweis auf die »westlichen Werte«, deren »Ausverkauf« die konservativen Historiker angeblich betreiben (Winkler), reicht offensichtlich nicht aus. Habermas und andere liberale Kritiker meinen offenbar die liberalen, demokratischen, humanistischen und bürgerlich-revolutionären Traditionen der westlichen Länder, die dort in der Tat bedeutend stärker ausgeprägt sind als im Deutschen Reich. Und sie meinen nicht die imperialistische Politik, die grausamen Kolonialkriege, nicht Hiroshima und Vietnam, nicht Chile und die Türkei und nicht die gegenwärtigen Kriegsplanungen der USA. Wie aber verhalten sich diese zur Gesellschafts- und Eigentumsordnung »des Westens« ? Sind sie nur zufällige Entgleisungen oder gehen sie hervor aus dieser Eigentumsordnung, aus der auch der deutsche Imperialismus mitsamt den beiden Weltkriegen hervorging? Und was schließlich »die Kultur« der kapitalistischen Länder betrifft: Ist nicht auch sie zutiefst durchdrungen und deformiert durch imperialistische Interessen? Diese Fragen legen die Schlußfolgerung nahe, daß die demokratischen Errungenschaften der bürgerlichen Revolution heute nur bewahrt und weiterentwickelt werden können, wenn die kapitalistische Eigentumsverfassung verändert, wenn die Dispositionsgewalt des Kapitals eingeschränkt und schließlich durch die Selbstbestimmung der Produzenten ersetzt, wenn die Volkssouveränität wirklich umfassend realisiert wird. Von hier aus relativiert sich dann die Formel von der vorbehaltlosen Öffnung zum Westen. Unzweifelhaft richtig aber bleibt die in dieser Formel liegende Abgrenzung gegenüber allen Ideologien vom »deutschen Sonderweg«, von der Vorstellung, die preußisch-deutsche Tradition mit ihrem auf Staatsautorität, Militärmacht, Gehorsam und Leistungsbereitschaft fürs Ganze basierenden Tugendkodex stelle etwas besonders Wertvolles, Zukunftsweisendes und womöglich auch für andere Nationen Vorbildliches (»Modell Deutschland«) dar. In der Tat sind bei konservativen Historikern und Politikern wieder Ideen im Schwange, daß für unser Land (z. B. wegen der »europäischen Mittellage«) Führungsaufgaben resultieren, die nur wahrgenommen werden 274

können, wenn die »bewährten« deutschen Traditionen wiederbelebt werden. Ein weiterer problematischer Punkt in der Argumentation der liberalen Kritiker betrifft die Frage der Verantwortlichkeit für die Verbrechen des Faschismus. Die Vorstellung, daß »wir Deutsche« dafür verantwortlich sind und deshalb auch heute noch allen Grund zur Scham haben, bildet ein Leitmotiv dieser Kritik. Dies ist eine moralisch absolut respektable Haltung; und sofern sie sich auf die Frage der Gesamthaftung der Nation und ihres Staates als Völkerrechtssubjekt bezieht, ist sie auch ohne Zweifel richtig. Dennoch habe ich Zweifel, ob sie der geschichtlichen Realität angemessen ist und ob sie ausreicht, um der ideologischen Offensive der Rechten wirksam entgegenzutreten. Erstens wäre festzustellen, daß die Redeweise »wir Deutsche« logisch auf der gleichen Ebene liegt wie die von »den Deutschen«, »den Franzosen« usw. Sie unterstellt eine Gemeinsamkeit der Interessenlage und eine Einheitlichkeit des Denkens und Handelns, die es real nicht gab, auch nicht im Faschismus. Sie gerät also, ob explizit oder nicht, in die Nähe der konservativen Ideologie von der »Volksgemeinschaft« und im konkreten Fall der These von der Kollektivschuld. Nun ist in der Tat die große Mehrheit der Deutschen durch Handeln oder durch Dulden daran beteiligt gewesen, daß die faschistischen Verbrechen vollzogen werden konnten. Ein Begreifen dieser Vorgänge wird jedoch eher blockiert denn gefördert, wenn nicht unterschieden wird zwischen den Faschisten und den Antifaschisten, wenn verdrängt wird, daß Hunderttausende politisch in Opposition standen und Verfolgungen auf sich nahmen und daß Tausende ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus opferten. In der Tat war die Unterwerfung des eigenen Volkes und die terroristische Zerschlagung aller oppositionellen Kräfte die Voraussetzung dafür, daß die faschistische Ideologie ihre Massenwirksamkeit voll entfalten und daß dann die Unterwerfung der anderen europäischen Völker in Angriff genommen werden konnte. Aber selbst auf der Seite derer, die nicht in Opposition standen, sind Differenzierungen notwendig zwischen den Kräften, die die faschistische Politik konzipiert und organisiert und für ihre Durchsetzung den Terrorapparat aufgebaut und eingesetzt haben - und den Vielen, die mitgemacht oder dies alles jedenfalls hingenommen haben - angestachelt durch eine jahrzehntelange ideologische Hetze oder in Angst versetzt durch den Terrorapparat; notwendig ist also die Unterscheidung zwischen »Hauptverantwortlichen« und »Mitläufern«, wie es nach 1945 anschaulich hieß. Wer aber wollte behaupten, daß die im Untergrund kämpfenden, 275

die in Zuchthäusern und Konzentrationslagern eingesperrten Antifaschisten sich schuldig gemacht haben? Und wer wollte ihnen ansinnen, sie hätten sich zu schämen? Sicherlich: Sie haben politische Fehler gemacht, sie haben nicht die richtigen Wege gefunden, um den Faschismus aufzuhalten, und in diesem Sinne mag man auch von einer Mitschuld reden (wie es der Aufruf der KPD vom 11. Juni 1945 auch getan hat). Diese Mitschuld der Opfer aber liegt offensichtlich auf einer anderen Ebene als die Schuld derer, die sich an der Konzipierung und Durchsetzung der faschistischen Politik aktiv beteiligt haben. Notwendig ist also die präzise Benennung der für den Faschismus verantwortlichen Kräfte und Interessen. Auch die These von der Kollektivschuld, die zunächst (z. B. in der Publizistik der USA) auch das Unvermögen ausdrückte, den sozialen Charakter des Faschismus wirklich zu begreifen, wurde dann, funktional gesehen, zu einer der vielen Varianten, mit denen die tatsächliche Machtstruktur des Faschismus verschleiert wurde. Sie taucht die gesamte faschistische Periode in eine Nacht, in der alle Katzen grau und Faschisten und Antifaschisten, Hauptverantwortliche, Ausführende und Verführte nicht mehr unterscheidbar sind. In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich kaum von der Führertheorie (obgleich ihr meist ganz andere moralische Motive zugrundeliegen): ob man behauptet, alle seien gleichermaßen schuldig geworden oder ob man behauptet, alle seien gleichermaßen unschuldig (und nur der Führer sei schuldig), macht hier keinen großen Unterschied. Ich wage sogar zu behaupten, daß der Ruf nach einem »Schlußstrich« unter die Vergangenheit um so leichter durchsetzbar ist, je besser es der Rechten gelingt, in der Bevölkerung die Meinung zu verbreiten, es gehe um einen Schuldvorwurf gegen »die Deutschen«. So leistet die These von der Kollektivschuld womöglich der Rechten noch Vorschub - auch wenn die Vertreter dieser These von ehrenwerten Motiven bewegt sind. Zweitens wäre nach der Generation derer zu fragen, die nach 1945 aufgewachsen oder erst in den 50er und 60er Jahren geboren worden sind - und das ist mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung. Die Spuren der faschistischen Vergangenheit begegnen ihnen auf Schritt und Tritt: Es existiert keine Stadt in unserem Lande, in der nicht ein Konzentrationsaußenlager oder ein Lager verschleppter Zwangsarbeiter stand, kein Dorf, in dem nicht Menschen, die jeder kannte, umgebracht oder abtransportiert wurden. Die lokalgeschichtliche Forschung - oft durch Laien oder durch Schulklassen - hat hier vieles wieder aufgedeckt, was die Generation der damals Lebenden schon verdrängt hatte und vergessen glaubte. Und es waren und sind die eige276

nen Großväter und Großmütter, die das miterlebt haben, die der heutige Schüler als »Zeitzeugen« befragen kann. Es handelt sich also keineswegs um Verbrechen, die von uns ebenso weit entfernt sind wie die des Nebukadnezar oder des Tschingis Khan, wie es uns die konservativen Ideologen weismachen wollen. Auch das Ausmaß und die Methoden dieser Verbrechen haben durchaus singulären Charakter und zwingen uns schon deswegen, der Frage besonders intensiv nachzugehen, wie dergleichen geschehen konnte. Auch das haben die liberalen Wissenschaftler in ihrer Kritik herausgearbeitet. Der besondere Charakter der faschistischen Verbrechen verbietet also eine »Historisierung« im Sinne einer Einordnung in den »normalen« Geschichtsverlauf der Neuzeit. Daß diese »Historisierung«, wie sie von den konservativen Historikern jetzt gefordert wird, in den Lehrplänen der meisten Bundesländer (keineswegs nur in denen von CDU- und CSU-regierten) bereits verwirklicht ist, daß hier dem Faschismus im normalen Durchgang von der römischen Antike bis zur Gegenwart keine besondere Aufmerksamkeit mehr gewidmet ist, verweist auf den umfassenden Charakter der »geistig-moralischen Wende«. Die besondere Betroffenheit all derer, die in diesem Lande leben und mit dieser Vergangenheit konfrontiert sind, auch der jungen Generation, steht also außer Zweifel. Sie darf jedoch nicht so aufgefaßt werden, als seien diese jungen Leute in irgendeiner Weise persönlich schuldig, als enthalte die Erinnerung an die faschistischen Verbrechen einen Schuldvorwurf gegen sie. In der Tat gibt es Darstellungen besonders in den Massenmedien, die sich mangels analytischer Kraft einer pauschalmoralisierenden Tonlage zuwenden und den Vorwurf durchschimmern lassen, »wir Deutsche« seien allesamt gleichermaßen schuldig. Ist es nicht verständlich, daß die junge Generation solche Vorwürfe zurückweist? An genau dieser Stelle setzt die Ideologie der Rechten an. Im Wort des Bundeskanzlers Kohl von der »Gnade der späten Geburt« ist bereits die von Dregger und Strauß formulierte Konsequenz angelegt, die heute Lebenden hätten ein Recht darauf, von dieser Vergangenheit nichts mehr zu hören. Und im nächsten Schritt, der nicht nur vom Neofaschismus, sondern neuerdings auch von konservativen Ideologen vollzogen wird, heißt es dann: Die Beschäftigung mit der faschistischen Vergangenheit diene überhaupt nur dazu, »die Deutschen« in politischer und geistiger Knechtschaft zu halten, sie zukunftsunfähig zu machen. Mit Schuldvorwürfen und Aufforderungen zu Schamgefühlen ist 277

also sehr vorsichtig umzugehen. Daraus folgt natürlich keineswegs, daß die faschistischen Verbrechen nun schleunigst zu vergessen seien, im Gegenteil. Wohl aber folgt daraus, daß wir ihre Aufarbeitung fassen als ein Stück unserer eigenen Zukunftsbewältigung, als Erfahrungen, die wir dringend brauchen, damit wir die Zukunft auf andere, bessere, antifaschistische Weise gestalten können. Das Konzept der Rechten ist klar: Sie verlangt, »Schlußstrich unter die Vergangenheit, Hinwendung zur Zukunft«. Wir sollen vergessen, was die damals herrschenden Kräfte den Deutschen und den Nachbarvölkern angetan haben, damit eben diese Kräfte heute erneut freie Hand haben, damit wir begriffslos und wehrlos werden. Wir aber brauchen die Wahrheit über den Faschismus, wir brauchen die Lehren der Vergangenheit, damit wir die Zukunft gewinnen können. Nicht ein Schuldvorwurf an »die Deutschen« resultiert aus der Beschäftigung mit dem Faschismus, sondern eine große Chance zu begreifen, was damals den Menschen angetan worden ist und wer es ihnen angetan hat, warum unsere Städte in Trümmer gelegt wurden, warum unsere Väter und Großväter in Millionen auf den Schlachtfeldern gestorben sind und warum wir manchmal immer noch Zurückweisung erfahren, wenn wir nach Norwegen oder nach Jugoslawien kommen. Eine Chance ist dies auch für die Heimatvertriebenen zu begreifen, wem sie es zu verdanken haben, daß sie aus Schlesien und aus dem Sudetenland vertrieben wurden, und in welcher Tradition es steht, wenn die heutige Regierung wieder einmal zur Gewinnung östlicher Räume aufruft mit der Parole »Schlesien bleibt unsere Zukunft«. Diese Art, Vergangenheit zu bewältigen, ermöglicht also die Überwindung pauschaler Kollektivschuldthesen, gegen die die junge Generation sich mit Recht zur Wehr setzt; und sie ermöglicht auch diesen Jugendlichen, die Beschäftigung mit der faschistischen Vergangenheit als ihre eigene Sache zu begreifen. Erst von hier aus kann der Rechten, die ihnen einreden will, Beschäftigung mit den faschistischen Verbrechen richte sich immer nur gegen »die Deutschen«, wirklich der Wind aus den Segeln genommen werden. Eine solche Art der Geschichtsschreibung schafft aber auch die Möglichkeit, jenes »andere Deutschland« sichtbar zu machen und unseren Kampf in seinem geschichtlichen Zusammenhang zu begreifen. So wie es zur Zeit der Französischen Revolution auch in Deutschland jakobinische Kräfte gab, die für Freiheit und Demokratie kämpften, wie sich diese Traditionslinie dann ausgeprägt hat in den revolutionären Kämpfen von 1848/49, in den Kämpfen gegen den kaiserlichen Staat und seinen Krieg und dann in der Revolution 1918/19 und in den 278

Kämpfen gegen die Rechte in der Weimarer Republik, so gab es dieses »andere Deutschland« auch in der Zeit der faschistischen Herrschaft. Sicherlich: diese Kräfte waren immer wieder besiegt worden - 1792 ebenso wie 1849, 1919 ebenso wie 1933; und auch ihr mutiger und opferreicher Kampf gegen den Faschismus konnte dessen Herrschaft nicht stürzen und dessen Krieg nicht verhindern. Aber waren diese Kämpfe deswegen umsonst? Haben nicht auch die deutschen Antifaschisten mitgewirkt an dem großem Kampf der Völker zur Befreiung von der faschistischen Tyrannei? Gewiß, sie waren nicht stark genug, um die Befreiung aus eigener Kraft zu schaffen; die Entscheidung brachten die Armeen der Alliierten, vor allem die der Sowjetunion. Aber hat nicht jede Granate, die von deutschen Arbeitern unwirksam gemacht worden war, hat nicht jede Handlung, die die Entfaltung der faschistischen Macht an irgendeinem Punkt beeinträchtigte, beigetragen zu dem großen Befreiungskampf? Die Rechte weiß, warum sie seit Jahrzehnten alles unternimmt, um die Erinnerung an diesen Widerstand der arbeitenden Bevölkerung auszulöschen, ihn abzuwerten und zu verleumden. Und wir sollten wissen, weshalb wir die Erinnerung an diesen Widerstand so dringend brauchen. Aus diesen Überlegungen folgt zweierlei: Es ist - erstens - historisch nicht richtig und politisch eher kontraproduktiv, die Befreiung vom Faschismus 1945 ausschließlich den Alliierten zuzuschreiben und ihren gleichsam eine einförmige Masse von Mitläufern und Mittätern auf der deutschen Seite gegenüberzustellen. Ganz »ohne eigenes Zutun« (Habermas) vollzog sich die Befreiung nicht. Es gibt eine demokratische und antifaschistische Tradition in Deutschland, die nicht nur aus moralischen Gründen der Erinnerung wert ist. Die Kämpfe und Leiden dieser Menschen können Erfahrungen vermitteln, die wir brauchen für unsere eigenen Kämpfe. Und sie können Ermutigung und Vorbild für viele sein, die nach Orientierung suchen. Rationale und emotionale Aneignung dieser Tradition sind gar nicht voneinander zu trennen. Das hat nun - zweitens - auch Folgen für die Beurteilung der neuen Perspektiven, die mit der Befreiung 1945 eröffnet waren. In der Kritik der liberalen Wissenschaftler gegenüber den Konservativen stellt es sich so dar, daß eine hellere Zukunft nur durch die vorbehaltlose Öffnung zur westlichen Kultur gewährleistet werden konnte und kann, daß also aus den nationalgeschichtlichen Traditionen kaum etwas Zukunftsweisendes zu gewinnen ist und daß deshalb die einzige mögliche Form des Patriotismus der »Verfassungspatriotismus« ist, die Bindung an »universalistische Verfassungsprinzipien« (Habermas). Wiederum ist unzweifelhaft richtig, daß die Sicherung eines demo279

kratischen Entwicklungsweges verlangt, daß die schon erwähnte Ideologie von einer besonderen deutschen Bestimmung und einem besonderen deutschen Wesen, das sich gerade durch die Abgrenzung von den liberalen und demokratischen Traditionen des Westens definiert, vollständig preisgegeben werden muß. Und richtig an der Kritik der liberalen Wissenschaftler ist auch, daß gegenüber allen Formen von »Patriotismus« gerade in unserem Lande äußerste Vorsicht am Platze ist; und daß die Identifikatikon der Bürger in einem demokratischen Gemeinwesen sich nie auf »den Staat« beziehen kann, der allemal auch und wesentlich Herrschafts- und Gewaltapparat ist, sondern nur auf die demokratische Verfassung. Dennoch kann diese Interpretation nicht ganz befriedigen. Sie tendiert dazu, die deutschen nationalgeschichtlichen Traditionen vollständig zu verwerfen und die »westlichen« Traditionen ebenso vollständig und unkritisch zu akzeptieren. Was die erforderlichen Differenzierungen in Hinsicht auf die »westlichen« Traditionen betrifft, so habe ich oben schon das Wichtigste ausgeführt. Aber auch bei den deutschen Traditionen sind Differenzierungen erforderlich. Habermas deutet das auch an: »Nach Auschwitz können wir nationales Selbstbewußtsein allein aus den besseren Traditionen unserer nicht unbesehenen, sondern kritisch angeeigneten Geschichte schöpfen« (Zeit v. 7. November 1986). Daraus folgt aber, daß wir unser Identitätsbewußtsein nicht allein aus der kulturellen Tradition des Westens entwickeln können. Deren Aneignung ist überhaupt nur möglich, weil sie einer lebendigen, wenn auch immer wieder unterdrückten demokratischen und antifaschistischen Tradition der eigenen Nationalgeschichte entspricht, weil sie für uns durchaus nichts wesensmäßig Fremdes, nur von außen Kommendes ist. Diese Tradition muß also auch konkret sichtbar gemacht werden. (Dabei wird es ohne Zweifel auch begründete Meinungsverschiedenheiten geben bei der Bewertung einzelner Ereignisse und Persönlichkeiten; die Diskussion in der Geschichtswissenschaft der DDR über Luther oder über Friedrich II. liefert dafür lehrreiches Anschauungsmaterial.) Dies berührt nun auch die Frage des »Verfassungspatriotismus«. In der Tat kann nur die Identifikation der Bürger mit der demokratischen Verfassung als der Norm, nach der das politische Leben gestaltet werden soll, sicherstellen, daß die immer drohende Verselbständigung der staatlichen und bürokratischen Machtapparate und deren Instrumentalisierung für die Interessen der herrschenden Klassen auf Kosten der Bürgerrechte in Grenzen gehalten werden können. Aber reicht sie aus, um den Kampf für Demokratie und Frieden mit aller Kraft zu führen? 280

Ist es ein Zufall, daß die großen geschichtlichen Kämpfe auch ihre eigenen Symbole, ihre eigenen Lieder hervorgebracht haben, in denen die Bedürfnisse, Gefühle und Ziele der Handelnden ihren konzentrierten Ausdruck fanden? Diese Kämpfe verlangten immer den ganzen Menschen, seinen Verstand und seine Gefühle. Das lehrt die Geschichte der Arbeiterbewegung ebenso wie die Geschichte des antifaschistischen Befreiungskampfes der europäischen Völker oder der der Befreiungsbewegungen in den Ländern der Dritten Welt. Und diese Lehre wird nicht dadurch falsch, daß es der Faschismus verstanden hat, große Massen so zu verdummen, daß die auf dieser Basis erzeugte Emotionalisierung gegen die Lebensinteressen dieser Massen selbst gekehrt werden konnte. Wenn es uns also gelingt, in unserem Kampf für Demokratie und Frieden auch die Gefühle der Menschen anzusprechen, so gewinnt der »Verfassungspatriotismus« eine stärkere Kraft. Allein aus universalistischen Verfassungsprinzipien aber ist diese nicht zu gewinnen. Die Erinnerung an die besseren Traditionen der eigenen Nationalgeschichte, an die Kämpfe, Opfer und Leiden der Antifaschisten kann Kräfte mobilisieren und kann helfen, das Identitätsbewußtsein der Deutschen in der Bundesrepublik so zu entwickeln, daß es gegenüber den verlockenden Identitätsangeboten der Rechten stärker immunisiert wird. Damit ist nun auch die Frage nach der politischen Funktion von Geschichtswissenschaft aufgeworfen. Von konservativer Seite, insbesondere von der CDU/CSU, wurde die direkte Instrumentalisierung der Geschichte für ihre politischen Zwecke gefordert, und der Historiker Michael Stürmer hat dazu eine (schein-)wissenschaftliche Rechtfertigung geliefert: Geschichte als sinnstiftend und konsensbildend in jenem Sinne, wie dies früher die Religion geleistet habe. Die liberalen Kritiker haben diesen Anspruch entschieden zurückgewiesen. In dieser Debatte ist aber nicht hinreichend deutlich geworden, wie denn tatsächlich die Beziehung zwischen Geschichte und politischer Gegenwart beschaffen ist. Mit einem gewissen Recht sagt der konservative Historiker Thomas Nipperdey (Zeit v. 17. Oktober 1986): »Der Umgang mit Geschichte hat Bedeutung für das Leben, er hat mit unserer Identität zu tun.« Und sein - ebenfalls konservativer - Kollege Hagen Schulze (Zeit v. 26. September 1986) weist darauf hin, daß Geschichte »immer mit Politik zu tun« hat: »Sie hat Politik zum Gegenstand, politische Erkenntnisinteressen wirken auf ihre Fragestellungen, ihre Ergebnisse können politische Konsequenzen haben.« Insbesondere die letzte Aussage, daß Darstellungen über Geschichte auf das 281

Bewußtsein der Adressaten einwirken und also politische Folgen haben, ist unzweifelhaft richtig. (Ich sehe hier davon ab, daß Schulze dies vermengt hat mit der Aussage, »daß an die Geschichtswissenschaft zunehmend Erwartungen politisch-legitimatorischer Art gestellt werden«.) Die Kritik an Historikern wie Stürmer oder Schulze darf sich also nicht prinzipiell gegen deren Aussage richten (die allerdings von Nolte etwa ausdrücklich bestritten wird!), daß Geschichte und Geschichtswissenschaft mit aktueller Politik verbunden sind. Sondern sie muß erstens aufzueigen, worin die politische Funktion besteht und wie die Beziehung zwischen dem Anspruch auf Wahrheit und der politischen Funktion beschaffen ist; und sie muß zweitens offenlegen, daß es sich beim Konzept der Rechten wirklich um eine politische Instrumentalisierung handelt: während z. B. im marxistischen Verständnis Wissenschaft historische Wahrheit zu ermitteln trachtet, um daraus Lehren für die Gegenwart zu gewinnen, fordert die Rechte umgekehrt für die Unterordnung der Geschichtswissenschaft unter die politischen Zwecke: Den Historikern wird vorgegeben, was sie an Nachweisen zu erbringen haben. Mit einem solchen Ansinnen, wie es besonders dreist im Forderungskatalog der CDU-Fraktion zur Gestaltung des Bonner Museums zum Ausdruck kommt, wird nun allerdings die Geschichtswissenschaft in ihren Grundlagen bedroht. 68

4)

Kampf ums

Geschichtsbild und aktuelle Politik

Der Kampf um das Geschichtsbild wird geführt, seit es Klassengesellschaften und also die Notwendigkeit der Absicherung von Herrschaft auch mit den Mitteln der Ideologie gibt. Dieser Kampf erreichte eine neue Stufe, seit der herrschenden Klasse in Gestalt der Arbeiterbewegung eine organisierte Kraft gegenübersteht, die nicht nur sozialökonomisch, sondern auch geistig und moralisch eine Alternative repräsentiert; in der ein eigenes Weltbild sich entwickelte, das ihrem Kampf Ziel und Richtung zu geben vermag. Daß es den herrschenden Klassen gelang, bis 1918 die ideologische Hegemonie auch bei der Interpretation von Geschichte aufrechtzuerhalten und sie nach 1919 allmählich zurückzugewinnen, hat mit dazu beigetragen, daß der Faschismus seine Herrschaft errichten und seine Politik durchsetzen konnte. Dieser Kampf um das Geschichtsbild war natürlich mit dem Jahr 1945 nicht zu Ende. Auch in der Geschichte der Bundesrepublik stellt er ein bedeutsames Moment der übergreifenden Auseinandersetzung 282

über die Interpretation der Welt und des Menschen dar und über den Weg, den unser Land einschlagen soll. Der Kampf um das Geschichtsbild ist also ein politischer Kampf; und er wird geführt, ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht. Es ist besser, wenn wir uns dessen bewußt sind, weil wir nur dann wirksam eingreifen können. Die Einsicht in den politischen Charakter dieses Kampfes bedeutet für uns keinerlei Minderung des Anspruchs auf Wahrheitsfindung - im Gegenteil: Nur wenn wir die geschichtliche Wahrheit, die tatsächlichen Kausalbeziehungen und Gesetzmäßigkeiten des historischen Prozesses so genau wie möglich ermitteln, können wir die richtigen Lehren ziehen aus den Erfahrungen der Generationen, die vor uns den Kampf um Frieden und um eine menschenwürdige Gesellschaft geführt haben. Die Geschichtsideologie der Herrschenden ist darauf angewiesen, wesentliche Zusammenhänge der Geschichte zu verdunkeln, um ihre aktuellen Ziele verfolgen zu können. Nirgends wird das so deutlich wie im Fall der faschistischen Vergangenheit. Wir aber brauchen für unseren politischen Kampf die geschichtliche Wahrheit. Der Kampf um das Geschichtsbild in der Bundesrepublik ist, wie im 1. Kapitel dargestellt, sehr wechselhaft verlaufen. Seit der Mitte der 60er Jahre konnten die demokratischen Kräfte wichtige Positionen gewinnen: Sie konnten Fragen in der wissenschaftlichen und politischen Öffentlichkeit zur Diskussion stellen, die bis dahin weitgehend tabuisiert waren; und sie konnten Geschichtskenntnisse und antifaschistische Orientierungen besonders in der jungen Generation und in der organisierten Arbeiterschaft verankern. Die großen demokratischen Massenbewegungen seit dem Ende der 60er Jahre bis hin zur »Stoppt-Strauß«Bewegung und zur gegenwärtigen Friedensbewegung sind nicht denkbar ohne diesen Terraingewinn für antifaschistische Orientierungen. Mit der Gegenoffensive der konservativen Historiker hat diese Auseinandersetzung eine neue Qualität erreicht. Die Offensive ist eingebettet in die Politik der »Wende«, wie sie vom rechten Flügel der gegenwärtigen Koalition repräsentiert wird. Diese Kräfte, die sich um die »Stahlhelm-Fraktion« gruppieren, bestimmen Ziel und Richtung dieser politischen Offensive; und sie verleihen den Äußerungen der konservativen Historiker auch die publizistische Kraft, um Massenwirksamkeit zu erzielen. Und sicherlich gibt es auch nicht zu unterschätzende Chancen, in unserem Land tiefsitzende, dumpfe Ressentiments durch eine entsprechende Agitation zu mobilisieren. Über die »Tiefenwirkungen der Thesen von Nolte und Fest in der nichtöffentlichen Meinung« (J. Pereis, FR v. 27. Dezember 1986) kann in der Tat Definitives nicht ausgesagt werden. 283

Ob diese Offensive abgewehrt werden kann, entscheidet sich also nicht allein auf dem Feld der wissenschaftlichen Argumentation. Es hängt sehr wesentlich auch davon ab, welche Handlungsfähigkeit die demokratischen Potentiale in der Bundesrepublik (und natürlich auch im internationalen Maßstab) insgesamt erlangen werden: welche Mobilisierungsfähigkeit die Friedensbewegung entwickeln wird; welche Kampfkraft die Gewerkschaften in den sicherlich sehr schweren Auseinandersetzungen der nahen Zukunft entfalten werden; ob das ökologische Bewußtsein sich weiter ausbreiten und auch massenhaft zu gesellschaftskritischen Einsichten sich entwickeln kann usw. Der wissenschaftlichen Auseinandersetzung kommt jedoch keineswegs nur eine sekundäre Bedeutung zu. Für alle diejenigen, die an geschichtlichen Fragen überhaupt interessiert sind - und das sind sehr viele, nicht nur im Bereich der Intelligenz -, ist die Frage sehr maßgeblich, wer denn recht hat in diesem »Historikerstreit«. Hier ist nun der Mißerfolg der konservativen Historiker offensichtlich. Die Kritiker konnten ihnen erstens schlüssig nachweisen, daß sie die einfachsten Grundsätze des Historikerhandwerks mißachtet hatten, um zu ihren Resultaten zu gelangen; daß zweitens keine Rede davon sein kann, daß hier neue wissenschaftliche Resultate vorgelegt wurden, sondern daß es sich lediglich um neue Bewertungen handelt, die zum Teil auf dem Weg abstruser Spekulation gewonnen worden waren; und daß diese neuen Bewertungen in Wirklichkeit ganz alte sind, nämlich diejenigen, die der Neofaschismus seit Jahrzehnten verkündet und die die »Stahlhelm-Fraktion« nunmehr benötigt, um ihr politisches Programm ideologisch absichern zu können. Auf der Ebene der wissenschaftlichen Argumentation ist die Niederlage der Rechten also eklatant. Das wird sie natürlich nicht davon abhalten, ihren Kurs weiterzuverfolgen. Wissenschaftliche Unhaltbarkeit war für die deutsche Historikerzunft noch nie ein Grund, ihre Positionen zu revidieren. Die Erklärungen deutscher Historiker während der beiden Weltkriege und ihre oft unsäglich niveaulosen Äußerungen, wenn es um die Auseinandersetzung mit marxistischer Wissenschaft geht, sind dafür anschauliche Belege. Und die für die gesamte Offensive bestimmenden Kräfte - vom rechten Flügel der Unionsparteien bis zur Stiftung des Unternehmerverbandes - werden ihre Ziele nicht aufgeben und ohne Zweifel auch in Zukunft Historiker finden, die sich in diese Politik integrieren lassen. Bedeutsam ist die Niederlage der konservativen Historiker dennoch. Nicht nur die dezidiert linke, sondern auch die liberale und vielleicht sogar ein Teil der konservativen Öffentlichkeit wird fortan sehr viel 284

skeptischer sein, als sie es bisher war, wenn ihr »anerkannte Historiker« mit ihren »wissenschaftlichen« Urteilen über den deutschen Faschismus präsentiert werden. Und für die demokratischen und liberalen Historiker bleibt natürlich die Aufgabe, die geschichtlichen Prozesse noch genauer als bisher zu erforschen und noch überzeugender als bisher ihre Resultate den Vielen zu vermitteln, die sie brauchen, um Gegenwart und Zukunft in ihrem Sinne gestalten zu können. Die »Historiker-Debatte« ist Bestandteil einer umfassenden Auseinandersetzung über den weiteren politischen Weg unseres Landes. Die Bundesrepublik ist seit dem Beginn der 70er Jahre aufgestiegen zur stärksten ökonomischen Macht in Westeuropa und ebenso zur stärksten militärischen Macht - mit Ausnahme der atomaren Komponente. Die Rechte drängt nun mit aller Macht danach, dieses Potential entschlossen zu nutzen zum Ausbau ihrer Position als Führungsmacht in Westeuropa und zur direkten Konfrontation mit den sozialistischen Ländern. Die Disziplinierung demokratischer Potentiale im eigenen Land und die ideologische Mobilisierung der Massen nach rechts hin bilden dafür notwendige Voraussetzungen. Aus alledem wird kein Geheimnis gemacht. Formuliert der Vertreter der Bundesregierung noch etwas verschämt, »Europa« habe große Erwartungen, daß die Bundesrepublik eine starke Führungsrolle in der internationalen Politik übernehme, so redet die FAZ in ihrem Kommentar Klartext: Sie spricht vom »westdeutschen Willen, eine Führungsrolle einzunehmen«, und verlangt, nicht so viele Worte zu machen, sondern dies »durch Taten zu beweisen«. Sie befürchtet nämlich, daß sonst »bei unseren prestigebedachten europäischen Nachbarn nur alte Animositäten« geweckt würden (FAZ v. 7. Februar 1987). Das ist eine dezente Umschreibung der bei den europäischen Völkern tief eingebrannten Erinnerung an den Faschismus und seine Verbrechen. Die Notwendigkeit der Revision des Geschichtsbildes ist damit schon aufgezeigt. Was die Ostpolitik angeht, so hat sich diese Bundesregierung festgelegt mit der Formel »Schlesien bleibt unsere Zukunft« sowie auf die von der »Überwindung der Spaltung Deutschlands und Europas« und der Schaffung freiheitlicher Verhältnisse in ganz Europa. Der Sinn dieser Formeln läßt wenig Raum für Interpretationen. Der Stahlhelmflügel drängt deshalb darauf, klarzustellen, daß die Ostverträge keine Grenzanerkennungsverträge seien. An den Revisions- und Expansionszielen dieser Kräfte kann also kein Zweifel bestehen. Und die Verfügungsgewalt über atomare Waffen, die diese Kräfte auf vielerlei Wegen seit den 60er Jahren angestrebt haben, ist durch die Wiederauf285

bereitungsanlage in Wackersdorf nunmehr in greifbare Nähe gerückt. Vom Imperativ des Atomzeitalters haben diese Kräfte nicht das Mindeste begriffen. Ihre Politik und ihre Gedankenwelt bleiben beschränkt auf die traditionellen Vorstellungen von Machtpolitik - unter Einschluß des Risikos eines Krieges. Die Aussagen der konservativen Historiker sind ganz und gar in Übereinstimmung mit dieser politischen Linie. Sie liefern ihr die (schein-)wissenschaftlichen Begründungen. Wenn der Bundeskanzler Gorbatschow mit Goebbels vergleicht, wenn er die Existenz von Konzentrationslagern in der DDR behauptet und wenn dann die großbürgerliche Presse wochenlang darüber räsoniert, in welchem Sinne es tatsächlich Konzentrationslager in der DDR und in der Sowjetunion gibt und daß solche Lager übrigens von den Briten im Burenkrieg zuerst eingerichtet worden seien und dann in verschiedenen Ländern existiert hätten (vgl. z. B. FAZ v. 9. Januar 1987), so ist das die politische Anwendung dessen, was die konservativen Historiker »rein wissenschaftlich« dargestellt haben. Diesen Kräften sind renommierte Vertreter der liberalen und der linken Intelligenz entschieden entgegengetreten. Auch auf dem Feld der Politik sind starke Gegentendenzen erkennbar. Die Meinungsumfragen zeigen, daß die Mehrheit der Bevölkerung Entspannung und Abrüstung will. Die Bundestagswahlen vom 25. Januar 1987 haben zwar eine Ablösung dieser Regierung nicht ermöglicht; sie haben aber die Stahlhelmfraktion durchaus nicht gestärkt: Innerhalb der Koalition konnte der auf Entspannungspolitik gerichtete Flügel an Boden gewinnen, und in der Opposition konnten die antimilitaristischen Kräfte ihre Position ebenfalls stabilisieren: die Grünen nahmen beträchtlich zu, innerhalb der Sozialdemokratie scheinen sich die auf Abrüstung drängenden Kräfte konsolidiert zu haben. Von außen erfährt der Kurs des Stahlhelmflügels natürlich starke Unterstützung durch die Regierung der USA, in deren Globalstrategie sich dieser Flügel nahtlos einordnet (von den nationalistischen Tönen sollte man sich da nicht blenden lassen). Bei den europäischen Nachbarländern - und nicht nur bei denen im Osten - aber sind die Widerstände gegen eine solche Politik beträchtlich, und die regierende Rechte in der Bundesrepublik weiß das auch. Das internationale Bündnis all der Kräfte herzustellen, die den Imperativ des Atomazeitalters begriffen haben, wäre also das strategische Ziel. Die wissenschaftliche und politische Kritik am Geschichtsbild der konservativen Historiker kann dazu einen Beitrag leisten.

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Anmerkungen

1 Vgl. dazu u n d z u m Folgenden T h . Doerry, Antifaschismus in der Bundesrepublik, F r a n k f u r t 1980, hier bes. S. 5 ff. 2 Vgl. dazu im Einzelnen: U. Mayer, G. Stuby (Hg.), D i e E n t s t e h u n g des G r u n d g e s e t zes, Beiträge und D o k u m e n t e , Köln 1976; W. A b e n d r o t h , D a s G r u n d g e s e t z , 2. Aufl. Pfullingen 1966 3 D a ß dieser Spagat zwischen tatsächlicher Restauration der alten F ü h r u n g s s c h i c h t e n u n d der im offiziellen Selbstverständnis enthaltenen Verurteilung des N S - R e g i m e s seine G r e n z e n hatte, erwies sich 1962, als die Bundesregierung die VVN d u r c h das Bundesverwaltungsgericht verbieten lassen wollte, ein W i d e r s t a n d s k ä m p f e r jedoch den Präsidenten dieses Gerichts (Prof. Fritz Werner) als ehemaliges Mitglied von N S D A P und SA erwies u n d dies sowie die Proteste im I n - u n d Ausland d a z u f ü h r t e n , daß das Verfahren nicht fortgesetzt w u r d e . 4 So Adenauer am 5. M ä r z 1952 im N o r d w e s t d e u t s c h e n R u n d f u n k ; vgl. B o n n e r Bulletin N r . 27 v. 6. M ä r z 1952, S. 262 5 Bayernkurier v. 4. Juli 1970 6 N a c h Spiegel 32/1969 6a Ich habe das im Einzelnen in m e i n e m Buch »Die Weimarer Republik« (Reinbek 1985) dargestellt. 7 Vgl. dazu bes. M. I m h o f , D i e Vertriebenenverbände in der B u n d e s r e p u b l i k D e u t s c h land, M a r b u r g 1975; H . - D . Bamberg, Die D e u t s c h l a n d s t i f t u n g e. V., Meisenheim 1978; z u r weiteren E n t w i c k l u n g des Übergangsfeldes zwischen der regierenden u n d der extremen Rechten vgl. u. a. R. Kühnl, Die v o n F. J. Strauß repräsentierten politischen K r ä f t e u n d ihr Verhältnis z u m Faschismus, Köln 1980; A. Meyer, K . - K . R a b e (Hg.), Einschlägige Bezieh u n g e n v o n Unionspolitikern, B o r n h e i m - M e r t e n 1980; K.-K. Rabe (Hg.), Von O g g e r s h e i m bis Oberschlesien. U n i o n und Vertriebenenverbände im politischen Gleichklang. Eine D o k u m e n t a t i o n , B o r n h e i m - M e r t e n 1985; R. O p i t z , Faschismus u n d N e o f a s c h i s m u s , Frankf u r t 1984 7a Vgl. G. G. Iggers, D e u t s c h e Geschichtswissenschaft, M ü n c h e n 1971; ders., N e u e Geschichtswissenschaft. Vom H i s t o r i s m u s zur historischen Sozialwissenschaft, M ü n c h e n 1978; H. Schleier, Z u m idealistischen H i s t o r i s m u s in der bürgerlichen deutschen G e schichtswissenschaft, in: J a h r b u c h f ü r Geschichte 28 (1983), S. 133—154 8 K. D. E r d m a n n , Geschichte, Politik und Pädagogik, Stuttgart 1970, S. 90 8a Vgl. d a z u meine U n t e r s u c h u n g »Faschismustheorien«, Reinbek 1979 9 So war es nach G e r h a r d Ritter »Das M a s s e n m e n s c h e n t u m der m o d e r n e n Industriezentren«, nach R ö p k e das »eigentliche Proletariat«, das die faschistischen Massen gebildet habe (G. Ritter, E u r o p a u n d die deutsche Frage, M ü n c h e n 1948, S. 188 u. 19; W. Röpke, D i e deutsche Frage, E r l e n b a c h / Z ü r i c h 1948, S. 48 u. 64) 10 G. Jasper, Ü b e r die U r s a c h e n des Zweiten Weltkrieges. Zu den Büchern von A. J. P. Taylor und David L. H o g g a n , V f Z G 10/1962, S. 3 1 1 - 3 4 0 10a H. Diwald, Geschichte der D e u t s c h e n , F r a n k f u r t , West-Berlin, Wien 1978 (Propyläen) 11 Vgl. dazu bes.: F. Fischer, Griff nach der Weltmacht, Düsseldorf 1961; ders., Bündnis der Eliten. Z u r Kontinuität der M a c h t s t r u k t u r e n in D e u t s c h l a n d 1871 bis 1945, Düsseldorf 1979; vgl. auch W. Jäger, H i s t o r i s c h e F o r s c h u n g u n d politische Kultur in Deutschland. Die D e b a t t e 1914—1980 über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, G ö t t i n g e n 1984 IIa Vgl. meine U n t e r s u c h u n g »Das D r i t t e Reich in der Presse der Bundesrepublik«, F r a n k f u r t 1966

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12 Vgl. dazu meinen Band »Der deutsche Faschismus in Q u e l l e n u n d D o k u m e n t e n « , 6. Aufl., Köln 1987, bes. Kap. V, 2a 13 Auszüge in Kühnl, D e r deutsche Faschismus in Q u e l l e n u n d D o k u m e n t e n , Kap. V, lb 14 Vgl. R. K ü h n l u. a., D i e N P D • Struktur, Ideologie und F u n k t i o n einer neofaschistischen Partei, F r a n k f u r t 1986 15 Vgl. Doerry, a.a.O., S. 24 ff. 15a Vgl. bes. B. Weisbrod, Schwerindustrie in der Weimarer Republik, Wuppertal 1978; C h . Streit, Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945, Stuttgart 1978; H. Krausnick, H . - H . Wilhelm, D i e T r u p p e des Weltanschauungskrieges. Die E i n s a t z g r u p p e n der Sicherheitspolizei und des SD 1938—1942, Stuttgart 1981; C h . K l e ß m a n n , F. Pingel (Hg.), G e g n e r des Nationalsozialismus, F r a n k f u r t , N e w York 1980 16 Vgl. dazu A. M a n z m a n n (Hg.), Hitlerwelle u n d historische Fakten, Königstein 1979 17 Die Welt v. 1. O k t o b e r 1973 18 J. C. Fest, Hitler, West-Berlin 1973; vgl. d a z u J. Berlin u. a., Was verschweigt Fest? Analysen und D o k u m e n t e z u m Hitlerfilm, Köln 1978; S. H a f f n e r , A n m e r k u n g e n zu Hitler, Zürich, M ü n c h e n 1978; vgl. dazu meine Rezension in Politische Vierteljahresschrift - Liter a t u r 2/80, S. 136 ff. 18a H a f f n e r , S. 41 ff. u. 161 ff. 18b So der Leiter der außenpolitischen A b t e i l u n g im B u n d e s k a n z l e r a m t , Teltschik, nach FAZ v. 7. Februar 1987; die FAZ f ü g t in ihrem K o m m e n t a r h i n z u : »Allerdings wäre es besser, den westdeutschen Willen, eine F ü h r u n g s r o l l e a n z u n e h m e n , weniger durch Worte a n z u k ü n d i g e n als d u r c h Taten zu beweisen. D a r a n hat es in der Vergangenheit des öfteren gemangelt. Zu starke T ö n e wecken bei unseren prestigebedachten N a c h b a r n nur alte A n i mositäten. . .« (ebenda). Was beim Vertreter der Regierung also n o c h E r w a r t u n g e n E u r o p a s sind, heißt im Klartext der F A Z bereits »westdeutscher Wille« nach einer Führungsrolle; und dieser m u ß durchgesetzt werden, bedarf allerdings taktischer Geschicklichkeit. D a s H i n d e r n i s bilden dabei »alte Animositäten« der europäischen N a c h b a r n . H i e r ist n u n der Z u s a m m e n h a n g zwischen neuen M a c h t a n s p r ü c h e n und alten, aus der faschistischen Vergangenheit h e r r ü h r e n d e n H i n d e r n i s s e n in aller Klarheit f o r m u l i e r t . 18c So die FAZ v. 27. J a n u a r 1987 ü b e r J a p a n ; die Analogie liegt auf der H a n d . 19 Belege in meinem schon genannten Buch »Nation, Nationalismus, nationale Frage«, a. a. O . 19a B. Wagner, Politikwissenschaft im Faschismus, D i p l o m a r b e i t , M a r b u r g 1987, S. 155 19b In der K o n z e p t i o n der großen Preußenausstellung kam die Rechte allerdings n u r in Ansätzen z u m Zuge: vgl. P r e u ß e n . Versuch einer Bilanz. Katalog in fünf Bänden, 1981; vgl. auch A. Kaiser (Hg.), D e n k m a l s b e s e t z u n g . P r e u ß e n wird aufgelöst, West-Berlin 1982 20 Vgl. dazu neben den Leitartikeln Stürmers in der FAZ bes. seine A u f s a t z s a m m l u n g »Dissonanzen des Fortschritts«, M ü n c h e n 1986 21 Vgl. FAZ v. 2. D e z e m b e r 1986 22 Vgl. F A Z v. 24. Januar 1983; eine gute Analyse der Rede findet sich in der N e u a u f l a g e v o n W. F. H a u g , D e r hilflose Antifaschismus, West-Berlin 1986 23 Fest im Leitartikel der FAZ v. 20. April 1985 24 Fack im Leitartikel der F A Z v. 29. April 1985 mit d e m Titel »Ein Scherbenhaufen« 25 FAZ-Leitartikel v. 14. J a n u a r 1985 26 FAZ v. 18. April 1985 26a So Fest im Leitartikel der F A Z v. 20. April 1985; ähnlich der Rheinische M e r k u r / Christ und Welt v. 16. Februar 1985 26b D r e g g e r im Bundestag am 10. September 1986 27 F. O p p e n h e i m e r in FAZ v. 14. Mai 1986

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27a A. Hillgruber, Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des D e u t s c h e n Reiches u n d das E n d e des europäischen J u d e n t u m s . West-Berlin 1986; enthält auch den Text des Vortrages »Der Z u s a m m e n b r u c h im O s t e n als P r o b l e m der deutschen Nationalgeschichte und der europäischen Geschichte«, den H i l l g r u b e r s c h o n 1985 publiziert hatte. 28 So die Interpretation der Hillgruber-Thesen durch den Rheinischen M e r k u r / C h r i s t und Welt v. 5. September 1986 29 Rheinischer M e r k u r / C h r i s t und Welt v. 31. O k t o b e r 1986 29a N a c h ebenda v. 10. O k t o b e r 1986 30 Vgl. R U S I , die Vierteljahresschrift des »Royal United Services Institute« v o m Juni 1985 sowie M ä r z und Juni 1986 31 Zu seiner Faschismusinterpretation vgl. meine Darstellung in »Faschismustheorien«, a. a. O . , S. 1 3 3 - 1 5 1 31a E. N o l t e , D e r Faschismus in seiner E p o c h e und seine weltpolitischen Konsequenzen bis z u r G e g e n w a r t , in: D e u t s c h e Identität heute, hg. v. S t u d i e n z e n t r u m Weikersheim e. V., mit einem Vorwort von Heinrich Windelen, Bundesminister f ü r innerdeutsche Beziehungen, M a i n z - L a u b e n h e i m , S. 25—47, hier S. 43—46 32 Aus dieser Prämisse hatte er bereits 1970 in seinem G u t a c h t e n ü b e r meine Habilitationsleistungen gefolgert, daß diese nicht als wissenschaftlich a n e r k a n n t werden k ö n n t e n , weil »ein wissenschaftliches Buch ü b e r die N P D nicht o h n e eine gewisse Noblesse geschrieben werden« k ö n n e , w ä h r e n d »der Verfasser sich von vorneherein als scharfer G e g n e r der N P D zu erkennen gibt« (Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Philipps-Universität M a r b u r g , G u t a c h t e n und Stellungnahmen im Habilitationsverfahren Dr. Reinhard Kühnl, N e u w i e d u n d Berlin 1971, S. 10 f. 32a E. N o l t e , Between M y t h and Revisionism, in: H . W . Koch (Hg.), Aspects of the Third Reich, L o n d o n 1985 32b K. H i l d e b r a n d , Das Zeitalter der Tyrannen, in: F A Z v. 31. Juli 1986 33 H Z , Bd. 242, 1986, S. 465 f. 33a N u r der Freiburger H i s t o r i k e r H . A . W i n k l e r u n d der Westberliner H i s t o r i k e r H. Köhler reagierten relativ rasch u n d schrieben d e r F A Z Leserbriefe, die am 26. Juni 1986 publiziert w u r d e n . 34 W. J. M o m m s e n , Weder Leugnen n o c h Vergessen. Befreit von der Vergangenheit, in: FR v. 1. D e z e m b e r 1986 35 H. M o m m s e n , Suche nach der »verlorenen Geschichte«?, in: M e r k u r 451/52, 1986, S. 863 ff. 36 M. Broszat, Wo sich die Geister scheiden, in: D i e Zeit v. 3. O k t o b e r 1986 37 K. Pätzold, Von Verlorenem, G e w o n n e n e m u n d E r s t r e b t e m o d e r : Wohin der »Neue Revisionismus« steuert, in: Blätter f. dt. u. internat. Pol. 12/1986, S. 1452-1465; der Text w u r d e in den vorliegenden Band ü b e r n o m m e n . 38 Verwiesen wird auf G. R. Ueberschär, W. Wette (Hg.), » U n t e r n e h m e n Barbarossa«. D e r deutsche Überfall auf die S o w j e t u n i o n 1941. Berichte, Analysen, D o k u m e n t e , Paderb o r n 1984 39 So der D i p l o m - P o l i t o l o g e L o t h a r J u n g u. Dr. R o l f - D i e t e r Müller, in: FAZ v. 10. N o vember 1986; vgl. auch den Leserbrief v. M. I. Inacker am 21. N o v e m b e r 1986 40 J. H a b e r m a s , Eine A r t Schadensabwicklung, in: D i e Zeit v. 11. Juli 1986 41 H. M o m m s e n , Suche nach der »verlorenen Geschichte«?, a. a. O . , S. 870 42 H. M o m m s e n , N e u e s Geschichtsbewußtsein und Relativierung des Nationalsozialismus, in: Blätter f. dt. u. internat. Pol. 10/86, S. 1200-1213, hier S. 1211 ff. 42a Vgl. ebenda 43 Vgl. H. Lübbe, D e r Nationalsozialismus im deutschen N a c h k r i e g s b e w u ß t s e i n , in: Historische Zeitschrift N r . 236, 1983 44 M e r k u r 451/52, 1986, S. 262 ff.

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45 Vgl. deren voluminöse Bände »Das ruhelose Reich. D e u t s c h l a n d 1866—1918« und »Weimar«, beide im Siedler-Verlag erschienen 45a K. Sontheimer, Maskenbildner schminken eine neue Identität, in: Rheinischer Merk u r / C h r i s t u n d Welt v. 21. N o v e m b e r 1986 46 S. Miller, »Wende«-Zeichen auf d e m Gebiet der Geschichte, in: N e u e Gesellschaft/ F r a n k f u r t e r H e f t e N r . 9/86, S. 836 ff.; vgl. auch H. M o m m s e n , Verordnete Geschichtsbilder? H i s t o r i s c h e M u s e u m s p l ä n e der Bundesregierung, in: Gewerkschaftliche M o n a t s h e f t e N r . 1, J a n u a r 1986 46a U. H ö r s t e r - P h i l i p p s , Kernfrage des b u n d e s d e u t s c h e n Historikerstreits, in: D V Z / d i e tat v. 12. D e z e m b e r 1986 46b G. Fülberth, Ein P h i l o s o p h blamiert die Historiker, in: D V Z / d i e tat v. 26. September 1986 46c H i l l g r u b e r in seinem Interview im Rheinischen M e r k u r / C h r i s t u n d Welt v. 31. O k t o ber 1986 47 Vgl. dazu W. A b e n d r o t h , D a s Unpolitische als Wesensmerkmal der deutschen Universität, in: Universitätstage 1966, West-Berlin 1966, S. 189 f. sowie R. Kühnl, Die Weimarer Republik, Reinbek 1985, S. 93 ff. 48 A. Hillgruber, J ü r g e n H a b e r m a s , Karl H e i n z J a n ß e n u n d die A u f k l ä r u n g A n n o 1986, in: Geschichte in Wissenschaft u n d Unterricht ( G W U ) 12/86, S. 7 2 5 - 7 3 9 , hier S. 725 f. 49 So Hillgruber, ebenda 50 So H i l d e b r a n d in der FAZ v. 31. Juli 1986 51 Fest in der FAZ v. 29. August 1986 52 D e r H e r a u s g e b e r von G W U , a. a. O. 53 T h o m a s Nipperdey, P r o f e s s o r f ü r N e u e r e Geschichte in M ü n c h e n , »Unter der H e r r schaft des Verdachts«, in: D i e Zeit v. 17. O k t o b e r 1986 54 Hillgruber in d e m Interview »Für die F o r s c h u n g gibt es kein Frageverbot«, in: Rheinischer M e r k u r / C h r i s t und Welt v. 31. O k t o b e r 1986 55 E b e n d a 55a So die FAZ in ihrem Bericht v. 11. O k t o b e r 1986 56 Rheinischer M e r k u r / C h r i s t und Welt v. 10. O k t o b e r 1986. 56a K. Sontheimer, Maskenbildner schminken eine neue Identität, in: ebenda v. 21. N o vember 1986 57 D i e Zeit v. 12. September 1986 58 A b g e d r u c k t im Rheinischen M e r k u r / C h r i s t und Welt v. 10. O k t o b e r 1986 59 D i e Zeit v. 17. O k t o b e r 1986 60 FAZ 20. 11. 1986 61 Vgl. auch die W a h l k a m p f b r o s c h ü r e der CSU, über die die F A Z am 9. J a n u a r 1987 berichtete, sowie Bayernkurier v. 29. N o v e m b e r 1986 62 H a b e r m a s , Vom öffentlichen G e b r a u c h der Historie, in: D i e Zeit v. 7. N o v e m b e r 1986 62a So N o l t e beim S P D - K o n g r e ß »Erziehung - A u f k l ä r u n g - Restauration«, zit. nach D V Z / d i e tat v. 17. O k t o b e r 1986. Wie verbindlich das Totalitarismusschema auch f ü r die regierende Rechte noch i m m e r ist, zeigt die A n t w o r t des C S U - L a n d e s g r u p p e n v o r s i t z e n d e n im Bundestag, T h e o Waigel, auf die Frage »Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten?« Waigel gibt auf diese jede Woche einem P r o m i n e n t e n v o n der FAZ gestellten Frage die geradezu stereotype A n t w o r t »Hitler und Stalin«. D e r U S - B o t s c h a f t e r in der Bundesrepublik, Richard Burt, k a n n da u n b e f a n g e n e r sein: Er a n t w o r t e t schlicht »Josef Stalin«. (FAZ-Magazin v. 9. J a n u a r 1987 u. 23. Januar 1987) 63 So H i l l g r u b e r in dem schon zitierten Beitrag in Geschichte in Wissenschaft u n d U n terricht 12/1986, S. 736

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63a Vgl. den Leserbrief Brachers in der FAZ (6. September 1986), in d e m er die Rehabilitierung der Totalitarismusthese f ü r die vordringlichste Aufgabe erklärt. 64 I. Geiß, Auschwitz »asiatische Tat«, in: D e r Spiegel 43/1986, S. 10 65 Vgl. U. H ö r s t e r - P h i l i p p s , Kernfrage des b u n d e s d e u t s c h e n Historikerstreits, in: D e u t sche Volkszeitung/die tat v. 12. D e z e m b e r 1986; G. F ü l b e r t h , Ein P h i l o s o p h blamiert die Historiker, in: ebenda, v. 26. September 1986; H. Pätzold, Von Verlorenem, G e w o n n e n e m u n d E r s t r e b t e m . Z u r H i s t o r i k e r d e b a t t e , in: Blätter f. dt. u. internat. Pol. 12/86, S. 1452-1465; ders., Wo der Weg nach Auschwitz begann, ebenda 2/87, S. 1 6 0 - 1 7 2 ; W. G r a b , Kritische B e m e r k u n g e n z u r nationalen Apologetik J o a c h i m Fests, E r n s t N o l t e s und Andreas Hillgrubers, in: 1999 2/1987; M. Brumlik, N e u e r Staatsmythos O s t f r o n t , in: taz v. 12. Juli 1986; D. Diner, D e r Kern der Wende, in: links, N o v e m b e r 1986 66 Ob der Nationalsozialismus eine Form des Faschismus war, habe ich u n t e r s u c h t in m e i n e m Buch »Der Faschismus. U r s a c h e n , H e r r s c h a f t s s t r u k t u r , Aktualität«, H e i l b r o n n 1983, S. 9 7 - 1 1 3 67 K. Sontheimer, Maskenbildner schminken eine neue Identität, in: Rheinischer M e r k u r / C h r i s t u n d Welt v. 21. N o v e m b e r 1986 67a Hillgruber, J ü r g e n H a b e r m a s . . ., a. a. O . , S. 733 68 D i e FAZ hat soeben wieder ein schönes Beispiel f ü r die Geschichtsauffassung dieser K r ä f t e geliefert. Anläßlich einer M e l d u n g aus der S o w j e t u n i o n ü b e r die E r m o r d u n g von 2000 italienischen Soldaten d u r c h »die Nazis« schrieb sie (3. Februar 1987): »Es kann die deutschen Interessen nicht gleichgültig lassen, wenn von der sowjetischen N a c h r i c h t e n a gentur TASS ausgehende u n d in italienischen Zeitungen w i e d e r k e h r e n d e Berichte die Beziehungen zwischen Italienern und D e u t s c h e n zu stören suchen, fast unabhängig davon, wie die objektive historische Wahrheit beschaffen ist.« Diese Geschichtsauffassung ist also durch zwei M o m e n t e gekennzeichnet: Sie setzt die E r i n n e r u n g an die Taten »der Nazis« mit einer Schädigung der »deutschen Interessen« gleich; u n d sie will deshalb solche E r i n n e rungen b e k ä m p f e n , »fast u n a b h ä n g i g davon, wie die objektive historische Wahrheit beschafffen ist«. Es ist schon erstaunlich, wie offen diese H e r r e n m a n c h m a l aussprechen, w o r u m es ihnen geht. 69 D i e Berliner A k a d e m i e der Künste beschloß eine Resolution, in der es heißt: »Das P l e n u m der A k a d e m i e der Künste protestiert gegen die geplante E r r i c h t u n g einer sogen a n n t e n >Nationalen Gedenkstätte< in B o n n . D e r bisherige Verlauf der öffentlichen D i s k u s sion läßt erkennen, daß es sich hier um eine vorsätzliche Geschichtsverfälschung handelt. D e r Täter und O p f e r darf nicht auf gleiche Weise gedacht werden.« (nach FAZ v. 3. D e z e m ber 1986). Aus solchen Ansätzen k ö n n t e sich eine breitere Mobilisierung der liberalen wissenschaftlichen Ö f f e n t l i c h k e i t - ü b e r das Fach Geschichte hinaus - entwickeln. U n d der diesjährige Friedesnobelpreisträger Elie Wiesel w a r n t e v o r d e m Versuch, A u s c h w i t z gegen die stalinistischen Arbeitslager a u f z u r e c h n e n (FAZ v. 10. D e z e m b e r 1986). Es gibt also offenbar auch Möglichkeiten, in der internationalen Öffentlichkeit U n t e r s t ü t z u n g f ü r die A b w e h r der konservativen Offensive in der Bundesrepublik zu finden.

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Kurt

Gossweiler

Nur eine Historiker-Debatte?

Im Atomzeitalter kann man nicht - zumindest nicht lange - mit der Psychologie, den Gewohnheiten und Verhaltensweise der Steinzeit leben. (Michail Gorbatschow im Februar 1986)

Unsere Zeitgenossen, seit längerem, besonders aber seit Antritt der Reaganadministration, durch Täler der Furcht vor vielfältigen Existenzbedrohungen gejagt und doch immer wieder zur Hoffnung ermuntert, hatten Grund, in der gemeinsamen sowjetisch-amerikanischen Erklärung vom 21. November 1985 ein Zeichen des gemeinsamen Willens zur Hinwendung zu einer dem Atomzeitalter angemessenen neuen Denk- und Handlungsweise zu erblicken, fanden sich in dieser Verlautbarung doch Formulierungen über die gemeinsame Verantwortung der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten dafür, daß ein Kernwaffenkrieg nicht entfesselt werden darf, und wurde in dieser Erklärung doch ausdrücklich noch einmal als Ziel der Verhandlungen bestätigt, ein Wettrüsten im Weltraum zu verhindern und es auf der Erde zu beenden. Wer, wenn nicht die Historiker, die schon von Berufswegen wie niemand sonst die Lehren der Geschichte verarbeitet haben müßten, wäre mehr dazu berufen, dem neuen, dem Atomzeitalter angemessenen Denken zum vollen Durchbruch zu verhelfen? Und wer von den Historikern aus aller Welt hätte mehr Grund zu radikalstem Bruch mit dem Steinzeitdenken und -verhalten, als die Historiker aus beiden deutschen Staaten, zu deren noch lange nicht gelöster vordringlicher Aufgabe es gehört, ihren Beitrag dazu zu leisten, daß von deutschem Boden nie wieder Krieg und Kriegshetze ausgehen? Daß in meinem Lande, der DDR, die schonungslose Abrechnung mit dem Faschismus auf allen Gebieten, also auch in der Geschichtsschreibung, eine der Grundlagen unserer Identität als sozialistischer deutscher Staat bildet, ist in der Welt bekannt und von allen objektiven Beobachtern auch mit Respekt anerkannt. Mit gleichem Respekt wird in unserem Lande jedes auf das gleiche 292

Ziel der Vergangenheitsbewältigung gerichtete Bemühen in der Bundesrepublik vermerkt, von welcher weltanschaulichen Position auch immer es ausgehen mag. Und wir können sehr froh darüber sein, daß in den letzten Jahren ein Dialog in Gang gekommen ist zwischen Historikern der DDR und der BRD, der auch dem Ziel dient, das Steinzeitdenken in der Politik zu überwinden. Aber nicht zu übersehen ist, daß in der Historikerzunft der BRD jene Kräfte noch sehr stark sind, denen der Gedanke an Diskussion und Gespräch anstelle von Konfrontation ein Greuel ist. Wer sich darüber Illusionen hingeben mochte, der wurde durch den sog. Historikerstreit eines Schlechteren belehrt. Was hier zutage trat, mußte einem aufmerksamen ausländischen Beobachter ungeheuerlich und erschreckend erscheinen, sollte ihn aber dennoch nicht überraschen. Ungeheuerlich ist schon das »Was«, sind die Thesen, durch die die Debatte ausgelöst wurde; ungeheuerlich ist aber auch, wer diese Thesen vertritt, wie sie verbreitet wurden und werden. Das »Was« sind die dem Leser dieser Zeitschrift schon zur Geüüge bekannten Verharmlosungs- bis Rechtfertigungsversuche der faschistischen Massenmorde, deren Wesenskern eine BRD-Zeitung genau traf mit der Überschrift: »Die >FAZ< enthüllt: Kommunisten waren schuld an Auschwitz.« 1 Die Ungeheuerlichkeit, die im »Wer« liegt, hat Wolfram Schütte mit Blick auf Andreas Hillgruber und Ernst Nolte mit der Feststellung kenntlich gemacht, daß die Exkulpation des Faschismus nicht mehr nur Sache »des dumpfesten, dümmsten und durchschaubaren Ressentiments der >Ewig-GestrigenKlassenmord< der Bolschewiki das logische und faktische Prius des >Rassenmords< der Nationalsozialisten?« Mit dieser angeblichen Frage wird zugleich mit der wiederholten Kausalkonstruktion die Behauptung aufgestellt, die Beseitung der Kapitalistenklasse in der Sowjetunion sei durch die physische Liquidierung der Angehörigen der städtischen und ländlichen Kapitalisten (der Kulaken) erfolgt; wer, wie Eberhard Jäckel, darauf hinzuweisen wagt, daß dies ja wohl doch nicht stimme, und daß Nolte jeden Beweis für seine Behauptung schuldig bleibe, der wird mit moralischer Entrüstung der »Kaltherzigkeit« beschuldigt. (Nolte in der »Zeit« v. 31. Oktober 1986). Keineswegs von Sorge um die Wissenschaftlichkeit seiner Argumentation besorgt und auch nicht um seinen Ruf als Wissenschaftler zeigt sich Nolte gleichfalls bei der Begründung für seine Kennzeichnung der Oktoberrevolution als »asiatisch« im Unterschied zu den »europäischen« Revolutionen in England und Frankreich (Die Zeit v. 31. Oktober 1986): in den Revolutionen dieser Länder sei nur der Herrscher oder das Herrscherpaar hingerichtet worden, in der russischen Revolution dagegen die ganze Zarenfamilie und ihre Gefolge . . . Ganz abgesehen von der Absurdität eines solch willkürlichen »Kriteriums« zur 310

Charakterbestimmung von historischen Ereignissen stellt sich die Frage, ob Nolte in der westeuropäischen und deutschen Geschichte wirklich so unbewandert sein sollte, daß ihm nicht selbst gleich die Beispiele einfielen, die seine Argumentation entweder als unglaubliches Ignorantentum oder aber als schlimmste Demagogie bloßstellen. Schließlich noch ein Wort zu den Quellen, auf die sich Nolte bei seiner umstürzenden Geschichtsrevision stützt, nämlich zu den weißgardistischen antibolschewistischen Hetzschriften »der frühen zwanziger Jahre«. Wenn Nolte es als Mangel der bisherigen Literatur über den »Nationalsozialismus« betrachtet, daß diese Hetz- und Haß-Literatur von ihr nicht beachtet wurde, dann kann man daran ablesen, was in der BRD zu erwarten wäre an Geschichtsschreibung, wenn Noltes Maßstäbe allgemeingültig würden. Fast keiner der heute in der BRD Lebenden hat allerdings an diese antibolschewistischen Pamphlete noch eine eigene Erinnerung. Aber er kann sich dennoch ein ungefähres Bild von ihrem Quellenwert machen, wenn er sich die Methode der umgekehrten Betrachtungsweise vor Augen führt, mit der ihn die großbürgerliche und die Boulevardpresse über die Vorgänge in der Welt, z. B. zum Thema »Menschenrechtsverletzungen«, informierten: Mit einem Fernglas maximaler Vergrößerung nach Osten gerichtet, mit dem gleichen Fernglas, aber nunmehr umgekehrt, also mit maximaler Verkleinerung in Blickrichtung »freie Welt«: so kommt es dann, daß Millionen, denen das Recht auf Arbeit vorenthalten wird, Millionen, die in den reichsten Ländern der Welt als Obdachlose vegetieren, Millionen »Gast«-arbeiter, die unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten müssen, in den westlichen Rechnungen über Menschenrechtsverletzungen überhaupt nicht auftauchen; daß über einen einzigen im Osten verhafteten sog. »Dissidenten« tage- und wochenlange Entrüstungs- und Protestkampagnen entfesselt werden, während die Ermordung von im Durchschnitt der letzten zwei Jahre drei Menschen täglich, die von den Bütteln des südafrikanischen Apartheitregimes erschlagen oder erschossen werden, sowie die dort landesüblich gewordene massenhafte Einkerkerung von Kindern höchstens einer Meldung in den Abendnachrichten für Wert erachtet wird. Diese umgekehrte Betrachtungsweise scheut auch nicht vor zynischster Heuchelei zurück, so etwa, wenn angeblich aus Gründen der Verteidigung der Menschenrechte, in Wahrheit zur Unterstützung der Konterrevolution, gegen Polen wegen der zeitweiligen Verhängung des Ausnahmezustandes einschneidende, die Versorgung der Bevölkerung schwerwiegend beeinträchtigende Sanktionen verhängt wurden, wäh311

rend gleichzeitig Sanktionen gegen das mörderische Apartheitregime in Südafrika und das menschenverachtende faschistische Pinochet-Regime in Chile abgelehnt wurden mit der scheinheiligen Begründung, durch Sanktionen werde nicht so sehr das Regime als die schuldlose Bevölkerung getroffen, während der wahre Gund ist, daß diese Regime so lange als möglich am Leben erhalten werden sollen, weil sie den ausländischen Kapitalanlagen den besten Schutz gewähren. Wenn sich die Medienkonsumenten in der BRD diese tagtäglich millionenfach vor sich gehende Desinformation bewußt machen, dann bekommen sie in etwa einen Begriff davon, was vom Wahrheitsgehalt der »Literatur« zu halten ist, auf die sich Noltes Argumentation stützt. Damit wollen wir uns dem zweiten Hauptvertreter der »elenden Praxis« zuwenden, dem FAZ-Redakteur Joachim C. Fest. Er knüpfte seine Scheinfragen an Noltes Behauptung vom »Klassenmord« an, so als handele es sich dabei um eine erwiesene Tatsache, in der Absicht, durch seine Noltes »vertiefende« Argumentation die letzten Zweifel an der behaupteten Gleichheit der »Vernichtungsqualität« von NS-Faschismus und »Bolschewismus« auszuräumen. Auf von ihm selbst zwecks »Widerlegung« bereitgelegte Einwände gegen diese Behauptung stellt er seinerseits in der schon bekannten Manier Behauptungen in Frageform auf, wie diese: »Kann man glauben, daß das Ausrottungswerk Stalins auf wesentlich andere, weniger administrative Weise vollbracht wurde?« und nach Erwähnung der in den faschistischen Vernichtungslagern vorgefundenen Bergen von Leichen, Schuhen, Brillen usw. stellt er die in ihrer Infamie kaum noch zu überbietende »Frage«: »Doch was berechtigt uns, zu denken, es habe der gleichen in den Mordfabriken der Stalinära nicht gegeben?. . . Sind nicht, aufs Ganze gesehen, die Vorgänge hier wie dort in den entscheidenden Merkmalen vergleichbar?« Wenn dies geschrieben werden kann und der Artikel, in dem Derartiges vorgetragen wird, von professionellen Historikern noch mit Lob bedacht wird - wie weit ist man dann in der BRD eigentlich noch von dem Geist entfernt, der aus den Plakaten und Hetzpamphleten der Antibolschewistischen Liga in den Jahren ach dem Ersten Weltkrieg sprach? Und wenn es erlaubt ist, Lenin und Sinowjew als »Beweis« für den bolschewistischen »Klassenmord« ohne jeden Beleg zu »zitieren« 13 , ohne daß ein solches Verfahren als wissenschaftsfremd zurückgewiesen wird - dann muß die Frage erlaubt sein, ob es tatsächlich schon wieder so weit ist in der BRD, daß jegliches gegen Kommunisten und sozialistische Staaten erhobene Beschuldigungen von vornherein als wahr unterstellt werden und deshalb nach Beweisen nicht mehr gefragt wird. Wenn es jemand so scheinen 312

mag, als sei dies eine überempfindliche Reaktion, dann darf daran erinnert werden, daß nicht erst im Dritten Reich, sondern schon in den Anfängen der Weimarer Republik kommunistische Führer wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg einer zügellosen Hetze, die alle Kommunisten zu Verbrechern abstempelte und zum Freiwild erklärte, zum Opfer fielen, weil nicht schon den Anfängen gewehrt wurde. Weiterer Beweis dafür, daß keineswegs die Sorge um die Wissenschaftlichkeit die Nolte, Fest, Hildebrand usw. zu ihrem Tun trieb, bedarf es wohl nicht. Worum es den Neokonservativen wirklich geht, das wurde in der Debatte von verschiedenen Seiten recht deutlich ausgesprochen. Habermas wies in seinem ersten Artikel darauf hin, daß Noltes »Theorie« den Vorzug böte, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen - zum einen die Verharmlosung der Naziverbrechen, zum anderen den Hinweis auf die »bolschewistische Vernichtungsdrohung«, auf den »Feind, der immer noch vor unseren Toren steht«. Wie recht Habermas hat, bestätigte Nolte unfreiwillig in seinem zweiten Artikel (in der »Zeit« v. 31. Oktober), als er erläuterte, ihm sei es in seinem ersten Artikel darum gegangen, zu verhindern, daß die NS-Zeit zum »negativen Mythos vom absoluten Bösen wird, der relevanten Revisionen verhindert und damit wissenschaftsfeindlich wird, während er zugleich die politische Konsequenz in sich hat, daß diejenigen am meisten recht hatten, die am entschiedensten gegen das absolute Böse« kämpfen«, - also die Kommunisten! Da dies nicht sein darf, »vermenschlicht« Nolte die NS-»Untat« - und schafft zugleich den »negativen Mythos« von der Sowjetunion als dem absoluten, weil nicht abgeleiteten, sondern ursprünglichen Bösen. Dies bewirkt aber - Noltes eigener Logik folgend -, daß nunmehr diejenigen »am meisten recht hatten«, die am entschiedensten gegen dieses »absolute Böse« kämpften - also Hitler, Himmler und die ganze faschistische Brut. So weist denn auch Hans Mommsen ganz zu recht im »Merkur« darauf hin, daß Noltes Argumentation darauf hinausläuft, »alle irgendwie gegen den Bolschewismus gerichteten Handlungen als solche gerechtfertigt erscheinen« zu lassen. Er stellt ferner die Äußerungen Michael Stürmers, Hillgrubers und Noltes in den Zusammenhang der politischen Forderungen und Aspirationen, wie sie von Dregger formuliert und in Bitburg demonstriert wurden, wenn er schreibt, Bitburg habe die Ersetzung des Gedankens des alliierten Kreuzzugs gegen die Hitler-Diktatur durch den Gedanken des Kreuzzugs gegen die »Kommunistische Weltherrschaft« symbolisieren sollen. Die »Fragen« von Nolte und Fest stellen also objektiv die historische Untermauerung des Präsidenten-Wortes von der Sowjetunion als 313

dem »Reich des Bösen« dar, dessen Ende nicht mehr fern sei und dessen Untergang zu beschleunigen der Präsident zu Beginn seiner Präsidentschaft als eines seiner Hauptanliegen zu erkennen gab. Sie statten das alte, schon unansehnlich gewordene antibolschewistische Feindbild mit neuen grellen Farben aus und verhelfen der Kreuzzugsidee sowie der amerikanischen Ablehnung aller sowjetischen Abrüstungsvorschläge, dem Festhalten an den wahnwitzigen und nicht nur für die USA, sondern auch für ihre Verbündeten ruinösen SDI-Plänen zur so dringend notwendigen »wissenschaftlichen« Rechtfertigung. Daß diese antibolschewistische Kampagne 1986 zu bisher ungekannter Intensität auflief, ist nicht zufällig. Wenn es einen sympathischen Zug in den Arbeiten Noltes gibt, dann ist es der, daß er hin und wieder ganz offen zu erkennen gibt, welches Motiv zur Abfassung dieser oder jener abenteuerlichen Gedankenkonstruktion veranlaßt hat. So begann er vor Jahren einen den Antikommunismus propagierenden Artikel (»Antikommunismus gestern - heute - morgen«) mit dem offenherzigen Ansprechen dessen, was ihn beunruhigte und wogegen er mit seinem Artikel angehen wollte: »Der Antikommunismus ist, wie es scheint, seit einigen Jahren dabei, in Verruf zu geraten«; 14 in einem FAZ-Artikel zum Thema »Ökonomie und Politik« hielt Nolte genausowenig hinter dem Berg damit, welches Ärgernis ihn zu diesem inspiriert hatte, seine Beobachtung nämlich, daß »unzählige Studenten« mit »tiefer Befriedigung« die Zurückführung politischer Phänomene auf deren »ökonomische Wurzel« zur Kenntnis nahmen; 15 in einem weiteren Artikel »Despotismus - Totalitarimus - Freiheitliche Gesellschaft« verschwieg er ebensowenig, was ihm beträchtliche Sorgen bereitete, die Tatsache nämlich, daß sich unter der akademischen Jugend der BRD junge Leute fanden - ihre Zahl bezifferte Nolte gewaltig übertreibend auf fast die Hälfte der bundesdeutschen Studenten -, die sich »der Sowjetunion und der DDR weitaus stärker verbunden (fühlten) als ihrem eigenen Staat oder dem Westen«.16 Wie erst muß Nolte von jüngeren Ergebnissen von Meinungsumfragen in der BRD alarmiert worden sein, aus denen hervorgeht, daß infolge der Reaganschen Rüstungsbesessenheit und der dazu im positivem Kontrast stehenden sowjetischen Bereitschaft zu radikaler Abrüstung immer mehr Bundesbürger sich durch die amerikanischen »Beschützer« stärker bedroht fühlten als durch die angebliche »Bedrohung aus dem Osten«! Einer solchen Entwicklung der öffentlichen Meinung massiv entgegenzuwirken, dürfte eines der stärksten Motive für die antisowjetische Kampagne sein, als die sich die »Historiker-Debatte« von Seiten der 314

Neokonservativen immer deutlicher enthüllte. Und um das alles abzurunden, wurde dem bundesdeutschen Leser in der FAZ vom 22. August 1986 von deren Redakteur Günther Gillesen die alte Nazilüge vom Präventivkrieg mit der Behauptung vorgesetzt, neueste Forschungen hätten ergeben, daß mit seinem Überfall auf die Sowjetunion Hitler Stalin gerade noch zuvorgekommen sei! Die Gegenstimmen, die sie in der Geschichtsdebatte meldeten, lassen indessen hoffen, daß sich an den Geschichtsrevisionisten das Mehringwort erfüllen wird: »Man kann nicht oft genug wiederholen, daß jede tendenziöse Geschichtsschreibung mit dem gerechten Fluch belastet ist, diejenigen am härtesten zu strafen, denen sie am eifrigsten nützen will.« 17

Anmerkungen 1 Arbeiterkampf, H a m b u r g , v. 22. September 1986, S. 15. 2 Wolfram Schütte, Einspruch im N a m e n der Opfer, in: Frankfurter Rundschau v. 10. November 1986. 3 Susanne Miller, »Wende«-Zeichen auf dem Gebiet der Geschichte, in: Die neue Gesellschaft, Bonn, 9/1986. 4 Genau genommen war Habermas nicht der erste, der auf N o l t e und Hillgruber reagierte, aber doch derjenige, dessen Erwiderung von durchschlagender W i r k u n g war. Michael Brumlik setzte sich in der »tageszeitung« (taz) v. 12. Juli 1986 unter der Überschrift: »Neuer Staatsmythos O s t f r o n t . Die neueste Entwicklung der Geschichtswissenschaft in der B R D « mit Hillgrubers Publikation »Zweierlei Untergang« auseinander, deren Quintessenz er darin sah, daß das Durchhaltedenken Himmlers der neue Staatsmythos der Bundesrepublik werden sollte. N o c h früher, am 26. Juni, hatte die FAZ einen Vortrag veröffentlicht, den der Präsident des bundesdeutschen Historikerverbandes, Christian Meier, in Tel Aviv - offenbar nach der Veröffentlichung des Nolteartikels - gehalten hatte; denn Meiers Vortrag zielte darauf ab, die Noltesche Leugnung der Singularität der Naziverbrechen zurückzuweisen, o h n e auf Noltes FAZ-Artikel direkt einzugehen; zugleich aber forderte er seine israelischen Zuhörer auf, es den Bundesdeutschen nicht zu schwer zu machen bei ihrem Versuch, sich zu ihrer Geschichte »wieder in ein besseres Benehmen zu setzen«. D e r Titel seines Vortrages lautete dann auch: »Verurteilen und Verstehen. An einem Wendep u n k t deutscher Geschichtserinnerung.« Die Reaktion seiner israelischen Gastgeber dürfte sein Gespür dafür, wie weit die »Wende« auf dem Gebiete der Geschichtswissenschaft vorangetrieben werden kann und wo sensible Grenzen markiert sind, die besser nicht tangiert werden, geschärft haben. 5 Man vergleiche dazu z. B. seine Artikelsammlung in: Ernst Nolte, Was ist bürgerlich? und andere Artikel, Abhandlungen, Auseinandersetzungen, Stuttgart 1979. 6 Sympathie sei nach der klassischen deutschen Geschichtsschreibung eine unabdingbare Voraussetzung der Objektivität, f ü h r t e N o l t e in seinem Buche (S. 24) aus, um dann in der von ihm beliebten Frageform seine positive Ansicht zu formulieren: »Wenn aber dem Faschismus die Aufrichtigkeit und Wirkungsmacht der subjektiven Zwecksetzung nicht abgestritten werden soll, m u ß dann nicht notwendig jene Sympathie zurückkehren?«.

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7 N o l t e selbst verweist im Vorwort seines Buches »Was ist bürgerlich?« darauf, daß die A n r e g u n g zu den d o r t veröffentlichen FAZ-Artikeln von J o a c h i m Fest k a m . 8 Am 10. Juli 1976 erschien in der FAZ ein Artikel von N o l t e z u r E r l ä u t e r u n g des von ihm geprägten Begriffes der »Epoche des Faschismus«, in dem er schrieb: »Aber es ist mir inzwischen viel klarer als zu Beginn der 60er Jahre, d a ß dieses (nationalsozialistische) Vernichtungspostulat o h n e die ältere Vernichtungsprophetie des M a r x i s m u s nicht verständlich ist. Wenn es eine Wurzel des gesellschaftlichen Unheils dieses J a h r h u n d e r t s gibt, dann liegt sie darin, d a ß starke Parteien auch des Westens an dieser Vernichtungsprophetie und an dem keineswegs spezifisch marxistischen, sondern uralt-sozialreligiösen Strebens nach der A u s r o t t u n g der >Wurzel des Übelsder< A b s c h a f f u n g >des< Privateigentums festhielten.« (Zit. nach: Ernst N o l t e , Marxismus, Faschismus, Kalter Krieg. Vorträge u n d Aufsätze 1964-1976, D e u t s c h e Verlagsanstalt Stuttgart, 1977, S. 380). 9 Auf eine derartige A r g u m e n t a t i o n bei N o l t e weist H a b e r m a s in seinem Artikel hin. Siehe dazu auch H e l l m u t Diwald, »Immer noch schlechte Zeiten f ü r den aufrechten G a n g « , in D i e Welt, 30. August 1986. 10 D a f ü r spricht folgender Satz im Schlußteil des Festartikels: »Fragen jedenfalls ü b e r Fragen, und es soll in diesem R a h m e n keine A n t w o r t , in welcher R i c h t u n g auch immer, insinuiert werden. Viel eher geht es d a r u m , Zweifel an der m o n u m e n t a l e n Einfalt u n d Einseitigkeit der vielfach herrschenden Vorstellung ü b e r die vorbildlose Besonderheit der N S Verbrechen zu wecken.« Inzwischen ist aber o f f e n b a r geworden, daß die Wendepolitiker das Eisen schmieden wollen, solange es heiß ist. Vor allem Franz Josef Strauß hat dies mit bajuwarischer Gradlinigkeit ausgesprochen, und zugleich o h n e Scheu zu erkennen gegeben, welche u n d wessen Interessen die U m s c h r e i b u n g der Geschichte e r f o r d e r n , als er erstmals im Z u s a m m e n h a n g mit der U - B o o t - B l a u p a u s e n - L i e f e r u n g nach Südafrika u n d seitd e m in Serie forderte, »Wir« m ü ß t e n endlich aus dem Schatten Hitlers heraustreten, um ebenso unbefangen wie die anderen Waffengeschäfte überallhin m a c h e n zu k ö n n e n . D a ß er diese F o r d e r u n g mit d e r Sorge um die Arbeitsplätze begründet, ist nicht originell. Diese A r t A r b e i t s b e s c h a f f u n g u n d ihre Folgen sind n o c h nicht vergessen. 11 Wer dagegen einwenden m ö c h t e , d a ß die deutschen Kriegsziele im Zweiten Weltkrieg allein Hitlers Kopf entsprungen seien, der sei daran erinnert, daß, was sich in Hitlers Kopf befand, großenteils schon vor dem Ersten Weltkrieg durch die Schriften der Alldeutschen d o r t hineingepflanzt w o r d e n war, z. B. durch eine 1895 erschienene Schrift: » G r o ß d e u t s c h land und Mitteleuropa um das Jahr 1950. Von einem Alldeutschen.« D a r i n f a n d sich folgende Z u k u n f t s v i s i o n : »Der großdeutsche B u n d ist ein deutscher Volksstaat, der die g r o ß e M e h r h e i t der in E u r o p a z u s a m m e n l e b e n d e n D e u t s c h e n u m f a ß t , der nicht ausschließlich von D e u t s c h e n b e w o h n t , aber ausschließlich von D e u t s c h e n beherrscht w i r d . . . . D a d u r c h , d a ß die Deutschen allein politische Rechte ausüben, im H e e r und in der Marine dienen u n d G r u n d b e s i t z erwerben k ö n n e n , erlangen sie das im Mittelalter v o r h a n d e n e Bewußtsein wieder, ein H e r r e n v o l k zu sein. Sie dulden die unter ihnen lebenden F r e m d e n gern z u r A u s f ü h r u n g der niederen H a n d a r b e i t e n . « (S. 48). 12 N o l t e , Marxismus, S. 207. 13 ». . .Lenin verlangte, die russische E r d e von den >Hunden und Schweinen der sterbenden Bourgeoisie< f r e i z u m a c h e n , u n d S i n o w j e w (sprach) u n g e r ü h r t ü b e r die Auslöschung von zehn Millionen M e n s c h e n . . .« (FAZ v. 29. August 1986). 14 N o l t e , Was ist bürgerlich?, S. 67. 15 E b e n d a , S. 25. 16 E b e n d a , S. 127. 17 F r a n z Mehring, D e r rote Faden der preußischen Geschichte, in: F r a n z Mehring, G e sammelte Schriften, Bd. 5, Z u r deutschen Geschichte bis z u r Zeit der Französischen Revolution 1789, Berlin 1964, S. 370.

316

Arno

Klönne

Historiker-Debatte und „Kulturrevolution von rechts"

Bei oberflächlicher Betrachtung mag das Ergebnis der letzten Bundestagswahlen als Beleg dafür gelten, daß eine „Rechtsaußen"-Position in der Bundesrepublik keinen ernstzunehmenden Einfluß erreichen könne. Der Blick auf die Veränderungen in der politischen Kultur, die sich seit einigen Jahren hierzulande vollziehen und die nun auch in wahlpolitischen Argumenten Ausdruck fanden, muß freilich zu einer weniger optimistischen Einschätzung kommen. Die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit" hat mit den kritischen Hinweisen von Jürgen Habermas auf „Revisionen" geschichtswissenschaftlicher Deutung der nationalsozialistischen Vergangenheit eine Debatte ausgelöst, die an den Tag brachte, daß die „Entsorgung" bereits weiter vorangeschritten ist, als es auch Habermas selbst zunächst erschienen war. Ernst Nolte und seine Mitrevisionisten greifen aber nur eine Geschichtssicht auf, die unterhalb der seriösen Wissenschaft längst Verbreitung gefunden hat. Nicht ohne Grund konnte die Zeitschrift „Deutschland in Geschichte und Gegenwart", zu deren Autoren auch Alfred Schickel gehört, kürzlich konstatieren: „Es ist eine Frage der Zeit, wie lange die . . . Sicht der Siegerpropaganda sich noch in den Reden der Politiker, insbesondere des Bundespräsidenten halten kann." Bezeichnend ist, daß die Mitarbeit an dieser Zeitschrift (die vom Verfassungsschutzbericht - wie lange noch? - als rechtsextremistisch eingestuft wird), für Schickel als Leiter der „Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt" keine Zugangsschwierigkeiten etwa beim „Bayernkurier" mit sich bringt. „Die Zeit" hat in ihrer Ausgabe vom 9. Januar 1987 über die Alte/ Neue Rechte „im Halbdunkel von Literatur und Publizistik" informiert. Allerdings ist zu fragen, ob es wirklich nur mißbräuchliche Nutzung ist (wie „Die Zeit" meint), die „rechtsextreme Publizistik einflußreichen Wissenschaftlern und angesehenen Verlagen" angedeihen läßt. Zu befürchten ist, daß hier inzwischen ein breites Feld von inhaltlichen Übereinstimmungen entstanden ist. Der Begriff „Rechtsextremismus" 317

erweist sich dabei als unscharf, weil er den Anschein erweckt, es handele sich um „Außenseiter der Gesellschaft", die da ideologisch tätig werden; tatsächlich geht es aber eher um Rechtsentwicklungen in der politischen Stammkultur der Bundesrepublik. Es liegt nahe, daß vor allem die Unionsparteien durch das Vorrücken einer kulturellen und ideologischen Neuen Rechten (die an die westdeutsche Alte Rechte anknüpft, aber diese nicht einfach nur fortsetzt) vor die Frage gestellt sind, wie sie darauf zu reagieren gedenken. Die Repräsentanten der CSU haben auf ihre Weise Antworten gegeben. Rechts von der CSU dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben, so hat zunächst Franz Josef Strauß formuliert; der CSULandesgruppenchef Theo Waigel sagte es dann etwas anders: Die CSU müsse das, wie er es nennt, demokratische Protestpotential von 10 bis 15% der Wähler am Rande des Spektrums rechts erreichen. Und schließlich hat Franz Josef Strauß noch einmal nachformuliert: Die CSU müsse den Bereich „von links der Mitte über die Mitte nach rechts bis zur Grenze des demokratischen Spektrums" abdecken. Die CSU-Führung hat auch die Signale dafür gesetzt, wie die parteipolitische Einbindung des Potentials „am Rande des Spektrums rechts" bewerkstelligt werden soll: Es soll Schluß sein mit der, wie Strauß sagt, „Selbstdemütigung der Deutschen"; diese dürften nicht als „Dauersteher an der Klagemauer fungieren". Dauernde Vergangenheitsbewältigung „lähme" ein Volk. Und Waigel hat hinzugefügt: Die CSU müsse wieder als „Richtungspartei" wahrnehmbar werden; ihre Grundsatzpositionen, so etwa beim Asylrecht, beim Demonstrationsstrafrecht und bei der Außenpolitik müßten deutlicher herausgestellt werden, um das Protestpotential rechts integrieren zu können. Das klingt kalkulatorisch, und es paßt in jedes gedankliche Mischmuster von abgesunkener Kommunikationswissenschaft und Marketing, das heutzutage Wahlstrategien beherrscht. Da werden Begriffe besetzt und zum eigenen Angebot gemacht, um Wähler einzubinden; aber es wird dabei leicht übersehen, daß solche Begriffe ihre eigene Dynamik haben, daß sie ihrerseits Politik besetzen und Parteien binden können. Die intellektuellen Wortführer des von Theo Waigel gemeinten rechten Protestpotentials nehmen partei- und wahlstrategische Überlegungen nicht allzu wichtig, jedenfalls sehen sie hier nicht das Terrain, auf dem zur Zeit die Machtverhältnisse verändert werden könnten. Bei der Neuen Rechten, aber auch bei Teilen der Alten Rechten in der Bundesrepublik wird inzwischen ganz überwiegend langfristig gedacht und geplant, und das heißt eben auch: Man ist hier nicht mehr auf den 318

kurzfristigen Organisationserfolg der eigenen Gruppe, nicht mehr auf die Geschlossenheit des eigenen Milieus und Weltbildes fixiert, sondern man verhält sich kulturrevolutionär, man betreibt Ideenpolitik, stellt dafür publizistische Infrastrukturen her, sucht Kontakte und Bündnisse, öffnet sich und vereinnahmt zugleich, zielt eine ideologische Hegemonie als Bedingung für die Neuverteilung der Positionen im Feld der organisierten Politik an. Die Entwicklung der Publizistik „am rechten Rande des Spektrums", um bei dieser Kennzeichnung zu bleiben, läßt seit einer Reihe von Jahren deutliche politische Strukturveränderungen erkennen: Abkehr vom

Traditionalismus

Erstens stellt sich eine Abkehr vom plumpen oder dumpfen Traditionalismus im Stile der Harzburger Front, der Mischung von deutschnationalen und nazistischen Motiven also, jedenfalls bei jenen Zeitschriften oder anderen Veröffentlichungen heraus, die sich an die nachwachsende Generation wenden. Statt dessen wird die Verbindung zum wissenschaftlichen Diskurs gesucht und zugleich werden Themen aufgegriffen, die dem öffentlichen Verständnis nach eher als grün-alternativ oder links gelten, wie etwa ökologische Probleme, Kapitalismuskritik, Technikkritik, Kritik am Rüstungswettlauf oder an den Supermächten. Allerdings ist hier gleich anzumerken: Das öffentliche Verständnis leidet in diesem Punkte unter Erinnerungslücken, denn so verwunderlich sind solche Themen als rechte Themen keineswegs. Es gab und gibt nicht nur die noch am ehesten wahrgenommenen Berührungspunkte zwischen einer altkonservativen und einer grün-alternativen Unmutshaltung gegenüber dem Industriesystem, sondern es existieren auch lebensreformerische, naturschützerische und antikapitalistische Beimischungen in der Gedankenwelt der sogenannten konservativen Revolution vor 1933, auch im Ideologiegemisch des historischen Faschismus oder Nationalsozialismus. Die kulturrevolutionär gesonnene Neue Rechte in der Bundesrepublik (wie übrigens auch in Frankreich und in Italien) ist in hohem Maße philosophisch interessiert, setzt Philosophie als Waffe im - wie sie es versteht - Krieg um die Köpfe ein, und sie greift dabei vornehmlich auf die Überlieferungen der vorfaschistischen konservativen Revolutionäre zurück, auch auf Denker, die dieser Geistesrichtung Anregungen gaben oder die von ihr angeregt wurden. Das Thule-Seminar - beispielsweise - führt Friedrich Nietzsche 319

und Oswald Spengler, Julius Evola und Arnold Gehlen, Ernst Jünger und Martin Heidegger, Konrad Lorenz und Carl Schmitt in seiner Ahnenreihe auf, und es versteht sich, daß von hier aus die Kontaktnahme zum herrschenden Wissenschaftsbetrieb leicht fällt, sehr viel leichter jedenfalls, als wenn sich eine neurechte Gruppierung auf Alfred Rosenberg berufen wollte, zumal dieser mit wissenschaftlichen Ritualen wenig vertraut war. Der Zugewinn an Intellektualität, den die Neue Rechte seit den 70er Jahren zweifellos aufweisen kann, bietet freilich keine Garantie gegen Rutschgefahren ins faschistische Denken. Das Thule-Seminar als Beispiel genommen: Gewiß geht es hier gedanklich feiner zu als bei der NPD, aber der Bruch mit den Grundrechtsideen der demokratischen Verfassung der Bundesrepublik ist in der Thule-Metapolitik vielfach radikal vollzogen, so mancher Nationaldemokrat könnte das Fürchten lernen, wenn er verstehen würde, was neurechte Philosophie hier im Schilde führt.

Die

Grenzen der „Lager" verschwimmen

Ein zweites Kennzeichen des Strukturwandels im rechten Teil des politischen Spektrums: Der „Lagercharakter", der für die Alte Rechte in der Bundesrepublik weithin bezeichnend war, löst sich bei der Neuen Rechten auf, die Grenzziehungen zwischen den verschiedenen Richtungen des rechten Potentials geraten ins Schwimmen, die Schranken in der Kommunikation zwischen Konservativen und Rechtsextremen, Neokonservativen und Neuen Rechten, mitunter aber auch zwischen Neuen Rechten und Grün-alternativ-Linken werden niedriger oder entfallen ganz. Dieser Vorgang hat damit zu tun, daß die Neue Rechte sich weniger borniert gibt als es die Alte Rechte in der Bundesrepublik früher tat; aber mehr noch spielt hier mit, daß in jenen politischen Potentialen, die, parteipolitisch gesprochen, mit den Unionsparteien beginnend zur Mitte hin und von dort aus nach links reichen, in zunehmendem Umfange Argumente und Positionen gesprächsfähig werden, die bis vor kurzem noch als extremistisch galten oder wegen ihrer Verwandtschaft zum Faschismus bzw. Nationalsozialismus mit einem Tabu belegt waren. In dieser Hinsicht verlagern sich ganz offensichtlich die Maßstäbe zugunsten der Rechten; es steht ja nicht ein für allemal fest, was in einer Gesellschaft als „rechter Rand des Spektrums" definiert wird. 320

Der Bochumer Politikwissenschaftler Bernard Willms, der seit seinem 1982 erschienenen Buch „Die deutsche Nation" zum führenden Theoretiker des westdeutschen Neonationalismus aufgestiegen ist, hat in der Lageeinschätzung durchaus recht, wenn er schreibt: „Heute kann man in Deutschland auf eine Weise von der Nation reden, die vor ein paar Jahren noch nicht möglich war. Im politisch-geistigen Spektrum verschiebt sich das, was man, leichtfertig mit dem Wort, als rechtsradikal abtun kann, eben nach rechts." Für Willms, der naheliegenderweise den Begriff „rechtsradikal" nicht mag, dessen heutige Ideen ihm selbst aber wohl vor fünfzehn Jahren noch als rechtsextremistisch erschienen wären, ist „die Existenz der Nation das unumgänglich Erste", für ihm gibt es „keine Idee über der Idee der Nation, keine der Nation übergeordneten Prinzipien, schon gar keine moralischen". Identität liegt für Willms „in der Nation, nicht in der Verfassung". Der, wie er sagt, „sogenannte Antifaschismus" ist für Willms „kollektiver Selbsthaß, identitätsstörend", die moralische Verurteilung der Verbrechen des Nationalsozialismus ist für ihn nichts weiter als „eine Waffe im fortgesetzten Versuch zur Niederhaltung der Deutschen als Nation", die „Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland mit anderen Mitteln". Wer die Reden und Publikationen von Bernard Willms liest, der muß verwundert sein darüber, daß die Historiker-Kontroversen über den Umgang mit der deutschen Vergangenheit als Auffälligkeit in Erscheinung treten konnten. Ohne die Bedeutung eines geschichtswissenschaftlichen Revisionismus im Hinblick auf das Dritte Reich zu unterschätzen, läßt sich doch feststellen: Die Aufforderung, um der „nationalen Identität" willen die „Wunde Hitler" zu schließen, ist von Willms früher, effektvoller und radikaler unter die Leute gebracht worden als von irgendeinem der westdeutschen Historiker, und die von Willms vertretene Position wurde weithin als durchaus legitim und annehmbar oder doch wenigstens nachdenkenswert anerkannt. Um dies an publizistischen Verfahrensweisen deutlich zu machen: Willms konnte und kann seinen radikalen „nationalen Imperativ" in Zeitschriften verkünden, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingeordnet werden, aber auch in der Tageszeitung „Die Welt" und in einer Schrift des unionsnahen Studienzentrums Weikersheim, und die NPD-Studentenzeitschrift belobigt Willms und seine Auffassungen ebenso wie die „Frankfurter Allgemeine". Ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie die Trennlinie zwischen dem konservativen und dem rechtsextremen, dem neokonservativen und dem neu-rechten politischen Diskurs sich verflüchtigen, ist die 321

leseleicht gemachte und gut bebilderte rechte Monatszeitschrift „Mut", keineswegs eine bereits vergangene „Jugendzeitschrift" (wie „Die Zeit" neulich schrieb). In dem 1984 von Bundesinnenminister Zimmermann vorgelegten Verfassungsschutzbericht findet sich die Zeitschrift „Mut" noch unter der Rubrik „Rechtsextremistische Publikationen" ; inzwischen wird sie dort nicht mehr aufgeführt. Nicht so, als hätte die Zeitschrift ihre alten Mitarbeiter und Ideen verdrängt, aber sie hat neue Autoren hinzugewonnen, und als „Mut"-Mitarbeiter treten nun neben Bernard Willms, Gerd-Klaus Kaltenbrunner, Alfred Schickel, Günther Zehm, Hellmut Diwald, Armin Möhler und Klaus Hornung auch auf: der langjährige Wissenschaftspolitiker der SPD, Ulrich Lohmar und der kürzlich verabschiedete bayerische Kultusminister und Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Maier. Das New-Age-Informationsblatt „Trendwende" empfiehlt seinen Lesern die Zeitschrift „Mut" als Ausdruck „globalen Denkens und lokalen Handelns", womit gemeint ist: als Organ nationaler Identitätssuche, und die Tageszeitung „Die Welt" wirbt redaktionell für diese Zeitschrift mit dem Satz „Mut spricht den Deutschen Mut zu. Sie können ihn brauchen". Daß die westdeutsche Rechte bei ihren kulturrevolutionären Versuchen nicht ohne Erfolg bleibt, daß sie aus langjährigen Isolierungen herauskommen konnte, läßt sich auch im Verlagswesen und im Büchermarkt erkennen. Es wird, so meine ich, noch kaum hinreichend zur Kenntnis genommen, welch ein Wandel sich hier binnen weniger Jahre vollzogen hat. Die Alte Rechte war, bis in die 70er Jahre hinein, in ihrer politischen Buchpublizistik auf einige, auch in der konservativen Öffentlichkeit als extremistisch etikettierte Verlage eingegrenzt, ansonsten gab es eine verdeckte rechte Traditionspflege, die als nicht anstößig galt, am ehesten - und dort allerdings massenwirksam - in der Kriegserinnerungsliteratur. Heute hingegen haben auch extreme rechte Positionen viele Möglichkeiten, in Verlagen zum Zuge zu kommen, die nicht als politisch randständig gelten, und manche altrechten Verlage haben sich aus der einstigen Etikettierung lösen können, ohne deswegen nun auf ihre gewohnten Argumente zu verzichten.

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Vielfalt und Arbeitsteilung im

rechten Spektrum

Ein drittes Merkmal struktureller Veränderungen bei der westdeutschen Rechten läßt sich wie folgt beschreiben: Die Vielfalt der politischen und ideologischen Optionen im rechten Teil des gesellschaftlichen Spektrums der Bundesrepublik ist heute weitaus größer als in den 50er und 60er Jahren; die Milieus, aus denen die Rechte sich rekrutiert und in denen sie sich bewegt, weisen größere Unterschiede auf; die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Rechten sind oft so tiefreichend, daß es kaum möglich erscheint, den rechten Konsens zu identifizieren. Nimmt man die Phänomene, so lassen sich nur schwer Gemeinsamkeiten erkennen zwischen den Kampfblättern des Dr. Frey und der sogenannten Metapolitik der Thüle-Zeitschrift „elemente", zwischen dem bildungsbürgerlich-rechten Periodikum „criticón" und dem Blatt der Schönhuber-Republikaner, zwischen der immer noch rechtstraditionalistischen Monatsschrift „Nation Europa" und dem nationalrevolutionären Blatt „Neue Zeit", zwischen der nachdenklichen Taschenbuch-Zeitschrift „Initiative" im Herder-Verlag und den aggressiven „Deutschen Monatsheften" im Türmer-Verlag. Und tatsächlich wäre es auch von der Substanz her falsch, all diese Publikationen mit ihren Texten und Autoren in eine große Schublade mit der Aufschrift „Rechtsradikalismus" oder gar „Neonazismus" zu schieben. Aber es gibt sehr wohl Schnittmengen der Politikauffassungen und der Weltbilder zwischen solch unterschiedlichen Publikationen, ihren Lesern und Mitarbeitern; es bestehen operative und personelle Querverbindungen, und es existiert kaum so etwas wie ideologische Berührungsscheu. Dem außenstehenden Beobachter bietet sich das Bild einer nicht unbedingt und nicht immer gewollten, aber doch funktionierenden Arbeitsteilung verschiedener Gruppierungen und Fraktionen einer rechtsgerichteten Fundamentalopposition in der Bundesrepublik, wohlgemerkt: einer auf die Umorientierung der politischen Kultur, der gesellschaftlich geltenden Grundwerte gerichteten Opposition; denn nur zum Teil setzt diese Rechte auch auf die Möglichkeit einer parteipolitisch-parlamentarischen Opposition; zum anderen Teil - oder auch mit der anderen Hand - geht es ihr um die ideologische Umwälzung in den Unionsparteien, mitunter auch um die Verpflichtung der Sozialdemokratie oder der Grünen auf den „nationalen Imperativ" in dem Sinne, wie ihn etwa Willms formuliert. 323

Das rechte Intelligenzblatt „criticón", das vor einiger Zeit auch die Zeitschrift „Konservativ heute" in sich aufgenommen hat, hält intensive Verbindungen zu Unionspolitikern und läßt es in der Schwebe, ob auf längere Sicht aus den Rechten neben der Union und den Ebennoch-Unionswählern eine neue parteipolitische Formation zu bilden sei. Als Drohung jedenfalls halten die ,,criticón"-Leute den Gedanken der Parteineugründung bereit, und speziell diesem Zweck dient auch der seit Herbst vergangenen Jahres erscheinende Informationsdienst „criticón aktuell", der den Unmut rechtskonservativer Kreise innerhalb oder außerhalb der Union mit der bisherigen Wendepolitik der Bundesregierung zu artikulieren weiß. Die Zeitschrift „criticón" läßt keinen Zweifel daran, daß aus ihrer Sicht mit Kohl als Kanzler kein deutscher Staat zu machen sei, und sie klagt nicht nur Kohl an, daß er dem entspannungspolitischen „Genscherismus" Spielraum zugestehe, sondern sie bezichtigt auch den CDU-Generalsekretär Geißler, der, so wörtlich, „sozialen Perversion", weil er Rita Süßmuth eine „radikal-feministische Familienpolitik" betreiben lasse. Die Zeitschrift „criticón" war es auch, in der Günter Rohrmoser, seinerzeit von dem CDU-Ministerpräsidenten Filbinger als Hausphilosoph nach Baden-Württemberg geholt, der Bonner Unions-Politik die Leviten las, woraufhin ihn Franz Josef Strauß als brillianten Analytiker würdigte. Rohrmoser schrieb, die Bonner Unionspolitik lasse die nationale Identität wie auch den christlich-bürgerlichen Familiensinn vermissen, die CDU - die CSU ließ er unerwähnt - sei dabei, „die alten und neuen Konservativen geistig und organisatorisch zu kastrieren". Eine Wende nach der Wende sei vonnöten - eine Art konservativer Revolution in der Christdemokratie. ,,criticón"-Mitarbeiter Wolfgang Hieber münzte die Kritik an der CDU in eine Absage an diese Partei um, und er bediente sich dafür der Monatszeitschrift „Nation Europa", die auch im neuesten Verfassungsschutzbericht noch als rechtsextremistisch bezeichnet wird und eher der NPD, den Republikanern oder der neuen „Deutschen Volksliste" des Dr. Frey nahesteht als den gegenwärtigen Regierungsparteien. Die CDU, so Hieber, werde unter dem heimlichen Vorsitz von Heiner Geißler zur sozialliberalen Wirtschaftspartei, die alles Konservative ausgrenze. Bezeichnend sei da Rita Süßmuth als „Emanze im Ministeramt", die eine Provokation für jeden bürgerlichen oder konservativen Wähler darstelle. Ebenso bezeichnend sei, wie Geißler mit seinem „menschenrechtlichen Missionsdrang" Chile, Südafrika oder Südkorea „belästige". Hinter der Fassade seiner Polemik gegen die Linke verwandele Geißler die CDU in eine „gemäßigte SPD", und dies alles sei 324

nichts anderes als eine „Fernwirkung der Frankfurter Schule". Hieber und „Nation Europa" berufen sich auf den CDU-Abgeordneten Jürgen Todenhöfer, der ja selbst gesagt habe, konservative Bürger würden sich von der Union abwenden, wenn diese - etwa in der Ostpolitik, in der Frauenpolitik, beim Demonstrationsstrafrecht - bei ihrem gegenwärtigen Kurs bleibe. Was in „Nation Europa" zwar nicht in der Sache, aber doch im Ton noch halbwegs moderat vorgebracht wird, übertragen die Wochenzeitungen des Dr. Frey - „National-Zeitung", „Deutscher Anzeiger" und „Deutsche Wochen-Zeitung" - in die Sprache der politischen Aggression. In der programmatischen Ankündigung einer künftigen „nationalen Sammlung", die später einmal auch parlamentarisch Einfluß nehmen soll, „Deutsche Volksliste" genannt, steht zu lesen: „Kohl betont die Absage an den deutschen Nationalstaat . . . Brandts verräterische Ostpolitik wird fortgesetzt, der Verzicht auf Ost- und Sudetendeutschland festgeschrieben. Noch nie wurden die Wehrlosesten der Wehrlosen, die Gefallenen und die Ungeborenen, so geschändet, noch nie waren sie so rechtlos wie jetzt. Weder hat Kohl den Abtreibungsmißbrauch bekämpft, noch hat er für den Ehrenschutz unserer Frontsoldaten und unserer Gefallenen gesorgt . . . Der Hetze gegen das deutsche Volk wird nicht entgegengetreten, sondern führende Unionspolitiker treiben diese Hetze auf den Höhepunkt. Richard von Weizsäcker propagiert eine Kollektivhaftung des deutschen Volkes, kommende Generationen eingeschlossen . . . Die Überfremdung hat sich weiter verstärkt. Die Zahl der Asylanten und vor allem der Scheinasylanten stieg seit der Zeit des Wendeversprechens um 400%. Kohl erweist sich als unfähig, die überfälligen gesetzlichen Maßnahmen durchzusetzen . . . Da die beschworene Wende ausgeblieben ist und die gegen die Lebensinteressen des deutschen Volkes gerichtete Politik fortgesetzt, ja verstärkt wird, muß jetzt gehandelt werden. Das Maß des Erträglichen ist übervoll." Soweit die Zeitungen des Dr. Frey. Handelt es sich hier um Äußerungen politisch abseitiger Krawallmacher? Der rüde Ton dieser Blätter darf nicht zu solchen Fehleinschätzungen veranlassen. Herr Dr. Frey ist nicht mit jenen Sektierern zu verwechseln, die der NSDAP nachträumen. Seine Wochenzeitungen haben laut Verfassungsschutzbericht eine Gesamtauflage von circa 130 000 Exemplaren. Dr. Frey und seine Leute schreiben nicht ohne Berechnung. Die vorhin zitierten Polemiken greifen politische Gefühle auf, die zum Teil auch bei den Unionsparteien Resonanz haben; sie radikalisieren Meinungen, die auch 325

manchem Unionspolitiker nicht fremd sind. Und eben darauf wird in den Frey-Zeitungen spekuliert. Es ist nicht einmal ausgemacht, daß die Kreise um Dr. Frey sich von einem künftigen Wahlaustritt der „Deutschen Volksliste" die Herausbildung einer selbständigen parlamentarischen Kraft versprechen; es kann sein, daß es hier mehr um eine Zweckgründung geht, darauf bedacht, die Unionsparteien durch rechten Konkurrenzdruck weiter nach rechts zu drängen . . .

Integration der Neuen Rechten ?

Was aber ist, wenn parteipolitische Strategien und ideologische Stellungnahmen in der gegenwärtigen westdeutschen Rechten, der alten oder neuen oder altneuen, vielfach weit auseinanderliegen, die gedanklich und praktisch zusammenhaltende Perspektive, das funktional einigende, gemeinsame Deutungsmuster, das vielversprechend und doch wieder diffus genug ist, Abstände zu überbrücken? Karlheinz Weißmann, einer der intelligenten Autoren in der westdeutschen Neuen Rechten, Mitarbeiter der Zeitschrift „Phönix", die sich selbst als jungkonservativ bezeichnet, hat kürzlich eine wohlinformierte Bestandsaufnahme der Entwicklungen in der deutschen Rechten nach 1945 publiziert. Weißmann zeichnet nach, wie ein liberal-technokratischer Konservatismus in der Bundesrepublik, der in Wirtschaftswunderzeiten und auch in der Reaktion auf die Neue Linke oder die Studentenbewegung einige theoretische Positionen besetzen konnte, im Grunde keine soziale Verankerung fand und angesichts neuer gesellschaftlicher Krisenerscheinungen an Gewicht verlor. Plausibel legt Weißmann dar, daß es wenig Sinn hat, in Analogie zu der gegenwärtig in den USA einflußreichen Strömung von einem Neo-Konservatismus in der Bundesrepublik zu sprechen. Zu tief seien die ideologischen Differenzen, zu unterschiedlich die historischen Anknüpfungspunkte. Der Satz, die Neo-Konservativen seien konservativ, weil sie liberal dächten, aber mit der Realität in Konflikt gerieten, sei bei unszulande nur in Ausnahmefällen zutreffend. Die Rekonstruktion des Konservatismus in der Bundesrepublik - so die Bezeichnung bei Weißmann, ich nenne es: die Herausbildung einer Neuen Rechten in vielen Varianten, diese Formierung also sei möglich geworden eben dadurch, daß gedankliche Traditionen wieder aufgegriffen wurden, die nicht durch Liberalität geprägt sind, die auch eher der Lebensphilosophie als dem Rationalismus zugehörig sind. Entscheidend aber, so Weißmann, sei für die Rekonstruk326

tion des Konservatismus in der Bundesrepublik die Erneuerung des nationalen Arguments gewesen, der Widerruf der Umerziehung, der Bruch mit der Vergangenheitsbewältigung, der Rekurs auf die Nation als die ausschlaggebende Größe. Die Renationalisierung des Konservatismus in unserem Lande erst habe das politische Potential neu mobilisiert, habe auch neue ideologische Frontverläufe mit sich gebracht, und an der Frage einer neuen deutschen Nationalbewegung, nicht etwa an der gemeinsamen Gegnerschaft zum Kommunismus oder der Abwehr der Linken, müsse sich das Verhältnis zwischen der konservativen Rechten und den Unionsparteien klären. „Renationalisierung" - dieser Begriff enthält nicht nur deutschlandpolitische, sondern mehr noch gesellschaftsphilosophische Dimensionen, er zielt auf politische Weltbilder ab, auch auf ein bestimmtes Geschichtsverständnis. Geschichtsverständnis: „für Antifaschisten kein Platz"

Der Umerziehung in Deutschland nach 1945 wird von der Neuen Rechten der Vorwurf gemacht, da sei den Deutschen die einzig denkbare Nationalphilosophie, das Selbstbewußtsein geraubt worden. Diese Sichtweise verbreitet sich derzeit in raschem Tempo in Gefilden der öffentlichen Meinung, die durchaus nicht als rechtsextremistisch gelten. Vierzig Jahre lang, so schreibt der Heidelberger Politikwissenschaftler Hans-Joachim Arndt, sei in der Bundesrepublik auf „deutsche Sozialisation" verzichtet worden, seien deutsche Jahrgänge herangewachsen, die kein „Bewußtsein von ihrem Dasein als Deutsche vermittelt bekamen". Der CSU-Bundesabgeordnete Lorenz Niegel, bekannt geworden, weil er am 8. Mai 1985 der Gedenkstunde des Bundestages und der Ansprache des Bundespräsidenten unter Protest fernblieb, sagt es so: „Den Deutschen haben die Westmächte und Moskau die Identität gestohlen." Hans Wahls, Mitarbeiter der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt, deren Geschichtsdeutungen immer mehr Akzeptanz finden, hat auf einer Tagung dieser Forschungsstelle die folgende Formulierung gefunden (und der sudetendeutsche „Witiko-Brief" hat sie verbreitet): „Die Umerziehung als psychotechnische Fortsetzung des Krieges hat die bis dahin ein Volk bildenden Deutschen in eine bloße Ansammlung von Individuen verwandelt, die zur Durchsetzung eines zielstrebigen politischen Willens im Eigeninteresse nicht mehr fähig 327

ist." Inzwischen aber, so Wahls im „Witiko-Brief" weiter, sei ein wachsender Teil der westdeutschen Bevölkerung der Dauerselbstgeißelung überdrüssig geworden. Ein Autor der Zeitschrift „Deutsche Monatshefte", deren Redaktion zu diesem Zeitpunkt bei dem ehemaligen „Welt"-Journalisten HansDietrich Sander lag, trieb dieserart Gedankengänge zu ihrer möglichen Konsequenz: „Im künftigen Deutschland ist für Antifaschisten kein Platz. Der Weg zur Selbstfindung der Deutschen geht über die Trümmer der KZ-Denkstätten." Und Hans-Dietrich Sander selbst schrieb anläßlich der Auseinandersetzungen um die Bedeutung des Gedenkdatums 8. Mai: „Man kann den Eindruck haben, daß heute in den deutschen Teilstaaten ein gewaltiges Potential nur schläft, um sich zu erholen. Die Deutschen werden als Gläubiger erwachen. Zwischen den Verbrechen an den Deutschen 1944/45, deren Qualität und Quantität unanfechtbar sind, und den Vergaben der Deutschen 1933/45, gegen die immer Zweifel laut wurden, liegen Welten. Sie werden uns das gute Gewissen zurückgeben." Wie hier zu sehen ist, muß es nicht bei der schuldausgleichenden Relativierung der politischen Verbrechen des Dritten Reiches bleiben; es wird schon der nächste Schritt der Aufrechnung unternommen, bei dem die Gegenmächte Hitler-Deutschlands als Schuldner erscheinen. Nicht jeder, der heute dazu auffordert, die Deutschen müßten aus dem Schatten Hitlers heraustreten, wird Sanders Schlüsse teilen wollen. Aber der Drang danach, sich vom sogenannten Vergangenheitstrauma zu lösen, den Bruch mit der Umerziehung vorzunehmen, hat seine eigene Logik. Rückgriffe auf die Philosophie des Machtstaates

Die Rekonstruktion des Konservatismus als Renationalisierung - dieser Vorgang enthält aber für die neue deutsche Rechte auch den Rückgriff auf die politische Philosophie des Machtstaates. Der in Freiburg und Reutlingen lehrende Politikwissenschaftler Klaus Hornung schrieb neulich, nationalpolitische „Lähmung" sei das beklagenswerte Resultat des seit 1945 verbreiteten „Selbsthasses" vieler Deutscher, der „fortgesetzten Selbstanklagen". Oder, in einer Formulierung Filbingers: „Ein Volk, das ewig in der Schuldecke steht, ist politisch nur beschränkt handlungsfähig. Es ist in der Gefahr, Spielball im Kampf zwischen den großen Machtblöcken zu werden." 328

Hier wird auch der Kontext sichtbar, in dem Revisionen des Geschichtsbildes als Entsorgung der nationalsozialistischen Vergangenheit erst ihren Stellenwert erhalten. Es geht offenbar darum, die „gezähmten Deutschen", wie Hans-Peter Schwarz sie im Tone des Bedauerns genannt hat, wieder an die freie Wildbahn zu gewöhnen. In der Zeitschrift des Nationaleuropäischen Jugendwerkes, einer kleinen, aber ideologisch gewichtigen Gruppe der Neuen Rechten, schreibt Hans Henning Festge: „Solange diese Nation auf ihr Selbstbewußtsein verzichtet und freiwillig die gröbsten Anschuldigungen im Hochgefühl gerechter Buße auf sich nimmt, ist jeder Versuch, dem deutschen Namen wieder Weltgeltung zu verschaffen, ein aussichtsloses Unterfangen. Weltgeltung aber bedeutet: Macht und damit das Recht zum Überleben." Was aber kann „Überleben", was kann „Macht" hier meinen? Die Position der Bundesrepublik als Welthandelsgroßmacht ist offensichtlich gegeben, und da ist es wohl nicht angebracht, von einer deutschen „Fellachenmentalität im Schatten Hitlers" zu reden, wie dies der schon erwähnte renommierte Politologe Hans-Peter Schwarz tut. Wiederum ist zu bedenken, welche innere Logik das Verlangen nach einer neuen deutschen - und nicht nur ökonomischen - „Weltgeltung" haben kann. Das Thule-Seminar, der westdeutsche Zweig einer westeuropäischen Richtung der Neuen Rechten, die sich selbst als „metapolitisch" definiert, bietet hier eine Vision an, die durchaus ihren traditionellen und aktuellen Boden hat. „elemente", die Prachtzeitschrift dieser Gruppierung, die nun auch auf deutsch erscheint, verlegerisch und redaktionell betreut in Kassel und in Horn am Externsteine, wie Redakteur Burkhart Weecke den Ort benennt, hoffen darauf, daß aus der „augenblicklichen Erniedrigung des Deutschen Volkes wieder einmal eine deutsche Größe hervorgeht", aus dem „Chaos herausgeboren wird" (frei nach Nietzsche), sie hoffen auf Deutschland als Zentrum eines „germanischen" neuen Europas, das sich durchsetzen soll gegen Amerika und gegen Rußland, die als Ausgeburten ein und desselben egalitaristischen Ungeheuers gelten: der „trostlosen Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen" (frei nach Heidegger). Das „Leben als Kampf", die „Absage an die Gleichheit" - das sind die Parolen dieser Richtung der Neuen Rechten, die den „Kulturkrieg gegen sämtliche Entwurzelungskräfte" verkündet, gegen „den christlichen, gegen den liberalen und gegen den sozialdemokratisch-marxistischen Egalitarismus". „elemente" hoffen auf die „Lebens-, Schaffensund Kampfinstinkte", auf einen erneuten „Sturm in die Geschichte", 329

der das Gleichheitsdenken in all seinen Erscheinungsformen „zertrümmern" soll. „Metapolitik" bedeutet hier, einen ideologischen Kampf zu führen und das System kultureller Werte für den eigenen Standpunkt zu erobern. Die kulturelle Revolution, so sagt der Vorsitzende des westdeutschen Thule-Seminars, müsse die politische Revolution antizipieren. Und er sagt weiter, frei nach Julius Evola: „Die Macht ist ein Spielball des Willens. Die Eroberung dieser Macht ist die größte Herausforderung des Jahrhunderts und das schönste Projekt, das der Jugend Europas geboten wird." Wer die philosophischen Vorräume des historischen Faschismus kennt, der weiß, was sich hier anbahnt.

Aus: Blätter f ü r deutsche u n d internationale Politik, H e f t 3/1987

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