171 - Das Böckchen

August 26, 2017 | Author: gottesvieh | Category: Domesticated Animals, Nature
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Short Description

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Description

Die kleinen Trompeterbücher

Band 173

Frank Weymann

BASTIAN

der Hühnermörder

Der Kinderbuchverlag Berlin

Illustrationen von Barbara Schumann

ISBN 3-358-00037-0

©

2.

Auflage

1987

DER KINDERBUCHVERLAG BERUN - DD R Lizenz-Nr.

304-270/419187-(106)

1_

Ge.amtherstellung: Grafischer Großbetrieb Völkerfreundschatt Dresden LSV

7621

Für Le.er von 7 Jahren en

632 243 5 00175

Bestell-Nr.

Nun war Bastian schon einige Wochen im Dorf und noch immer so allein wie am ersten Tag. Er saß auf der umge­ stürzten Weide am See und dachte an­ gestrengt nach. Nun, ein bißchen war es vielleicht seine Schuld. In der ersten Woche mochte er mit niemandem her­ umtoben. Auch mit Anne und Fritz nicht. Am liebsten wäre er den Eltern nach Afrika hinterhergereist, um an der S�.e des Vaters durch afrikanischen Sand zu stapfen, durch dorniges Ge­ strüpp zu schleichen und nach Löwen Ausschau zu halten. Doch er mußte hier bleiben, in dem Dorf, bei der Groß­ mutter. Und wenn die Ferien vorüber wären, müßte er auch im Nachbarort in die Schule gehen. All das hatte ihn in der ersten Zeit traurig gemacht, und er hatte stundenlang dagesessen und aufs Wasser gestarrt. Aber bald war ihm das einsame Her5

umgesitze langweilig geworden. Und er freute sich, als eines Tages drei Jun­ gen auftauchten. Sie wohnten in der kleinen Wochenendsiedlung am ande­ ren Ende des Sees. " "Du bist doch einer von uns , sagten sie. Daß sie Bastian für ihresgleichen hielten, lag nicht daran, daß er wie sie Jeans, Turnschuhe und Nicki trug, sondern weil er abseits des Dorfes saß. Bastian hätte gleich damals mitbekom­ men müssen, wie wenig beliebt die drei waren. Dazu wären eigentlich nicht all die Wochen nötig gewesen: Der Dicke machte sich schon am er­ sten Tag über ihn lustig, als Bastian von Afrika erzählte. Er unterbrach ihn: "Du willst dich an ei­ nen Löwen ranschleichen? Von vorn? Daß ich nicht lache. Der macht das Maul auf, und du latschst rein", rief er 6

und haute sich vor Vergnügen auf die fleischigen Schenkel. Der Sommersprossige schob ihn bei­ seite und ermunterte Bastian: " Laß ihn! Rede weiter, Mucker!" Bastian blieb das Wort im Halse stek­ ken. Noch keiner hatte ihn seiner gro­ ßen Zähne wegen so angesprochen. " "Sei nicht eingeschnappt , hatte der Sommersprossige gesagt. "Was glaubst du, wer mich alles Fliegenschiß nennt! Na und? Was ist nun mit den Löwen? " Bastian redete gern über Afrika. Nie­ mand mußte ihn deswegen lange bit­ ten. Plötzlich hatte ihm der dritte, ein Lockenkopf, die Faust vor die Brust ge­ stoßen und verkündet: "Okay, wir spie­ len Afrika!" Der Lockenkopf hatte bei den dreien das Sagen und sich etwas Dummes ausgedacht. Die Jungen waren das Lö7

wenrudel, das eine Antilopenherde überfiel, allerdings mit dem Unter­ schied, daß die Antilopen Hühner wa­ ren. Die Hennen stoben nach allen Sei­ ten auseinander, und Herr Pfefferkorn, Fritz' Vater, kam mit einem Knüppel an­ gelaufen. Um ein Haar hätte er Bastian erwischt, der noch nie gut rennen konnte. Bastian gefielen die Späße der drei bald immer weniger. Zum Beispiel die Sache mit dem Blitzknaller. Genau in die Kuhherde war der geflogen und zerdonnert. Die Kühe nahmen die Schwänze hoch und fegten auseinan­ der. Es hieß, zwei Tage hätten die Tiere keine Milch gegeben. Auch an das Geldbörsenspiel mochte Bastian nicht mehr denken. Die Jungen hatten eine Geldbörse so auf die Straße gelegt, daß man sie gut sehen konnte. Ausgerechnet die dicke Frau 8

Bockerich, Annes Mutter, sah sie lie­ gen. Mit viel Mühe bückte sich Frau Bockerich und bekam dabei einen hochroten Kopf, doch als sie das Leder berührte, zog der Sommersprossige am Faden. Die Geldbörse verschwand blitzschnell, und Frau Bockerich machte ein so verdutztes Gesicht, daß sich die drei darüber vor Lachen aus­ schütteten. Und gestern? Bastian könnte sich jetzt noch ohrfeigen. Er war auf den Vor­ schlag des Lockenkopfes eingegan­ gen, ein Grabkreuz mit Kleidern zu be­ hängen. Die alte Melchior kam auf den Friedhof, und weil sie kurzsichtig war, dachte sie, dort stünde jemand, mit dem sie schwatzen könnte. Aber als sie nahe genug heran war, schrie sie auf und setzte sich rücklings auf ein Grab. Bastian war nicht wie die anderen da­ vongelaufen. Er half der alten Frau auf. 9

Aber heute hieß es im Dorf, er habe al­ les angestiftet. Nein, er hatte von den Späßen der drei endgültig genug. Und das hatte er ih­ nen vorhin gesagt. Der Dicke grinste ihn dümmlich an, obwohl Bastian es ernst meinte. "Ihr könnt mir den Buckel runterrut­ schen!" rief er und ließ die drei ste­ hen. Sie warfen Grasklumpen hinter ihm her und schrien: "Du siehst nicht nur wie ein Mucker aus, du bist auch einer. Ein richtiger Hasenfuß, ein Feigling! Geh nur zu deinen Rübenkackern. Gehörst doch dazu!" In gewissem Sinne hatten sie recht. Seine Mutter war in diesem Dorf gebo­ ren und aufgewachsen. So gesehen gehörte er hierher! Aber er würde die Ferien über allein sein. Sicher, er konnte der Großmutter im Garten hel11

fen oder sich mir ihr unterhalten, und sie würde ihm erzählen, wie sie als Kuhmagd in den Butterkübel geplumpst war, und von ihrer Hochzeit und "Hoch­ zeitsreise". Den ganzen Tag hatte sie neben ihrem Mann auf dem Kutsch­ bock verbracht, und es hatte wie aus Eimern gegossen. Aber Bastian kannte die Geschichten schon. Außerdem war es anstrengend, sich mit der Großmut­ ter zu unterhalten, denn sie hörte schwer. Man mußte immer sehr laut sprechen. Bastian mochte seine Großmutter. Sie verständigten sich mit Blicken, und sie zwinkerte ihm immer zu, bevor sie in den Garten ging, um die größten To­ maten, die saftigsten Pflaumen zu pflücken oder beim Bäcker die knusp­ rigsten Semmeln zu kaufen. Abends sahen sie sich gemeinsam die An­ sichtskarten der Eltern aus Afrika an. 12

Wenn sie wenigstens nicht so schwer­ hörig wäre, dachte Bastian gerade, als sich der alte Grünwald neben ihm auf den Weidenstamm setzte. Der Alte war nicht viel größer als Bastian. Doch seine Hände waren wie Pranken. " "Wer bist denn du? fragte er. "Auch einer aus der Siedlung vom anderen " Ende des Sees? "Mit denen habe ich nichts zu schaf­ fen", platzte Bastian heraus. Dann re­ dete er von den Eltern und von Afrika. " "Dort muß es schön sein , sagte der alte Grünwald nach einiger Zeit und schaute wie Bastian versonnen aufs glitzernde Wasser. "Und dann mit ei­ nem Pferd durchs Elefantengras reiten. Das wäre was!" " "Man könnte Löwen beobachten , warf Bastian ein. " "Und Antilopen , ergänzte der alte Grünwald. 13

Sie redeten lange über Afrika. Dann beobachteten sie schweigend, wie ein

Entenpaar auf dem See landete. Plötz­ lich legte der alte Grünwald Bastian die Hand -auf die Schulter und sah ihn mit

lustigen Augen an: "Es muß ja nicht gleich ein Pferd sein. Ein Pony tut es

auch. "

Er erzählte Bastian von Selma, seiner Ponystute, die in den nächsten Tagen

ein Fohlen erwartete. Später könne Ba­

stian auf ihr reiten, wenn er wolle. Ba­ stian schaute den alten Grünwald un­ gläubig an. Sollte der Alte seine Ge­

danken erraten haben? Soeben hatte Bastian

noch befürchtet,

die

Ferien

über allein zu bleiben, und jetzt, so plötzlich, kam jemanq und sagte, er

könne auf einem Pony reiten. Er brau­

che nur zu wollen. Und ob er wollte! Nein, nicht für umsonst.

"Ich werde dafür Heu heranfahren und 14

" den Stall sauberhalten! schlug Bastian

vor und bereitete dem alten Grünwald

damit eine Freude. Er hatte sich schon

immer eine Hilfe gewünscht. Sie gaben

sich die Hand.

" "Ich heiße Johann , Grünwald.

sagte der alte

Jenseits des Entenberges, auf der an­ deren Seite des Hügels, lag das Dorf.

Hunde kläfften. Hühner gackerten. Lei­

terwagen polterten übers Pflaster. Die' Morgensonne schien auf eine Handvoll

Häuser und eine Kirche mit schiefem Holzturm.

Die dicke

Frau

Bockerich

trug Milchkisten in den Konsum. Frau Pfefferkorn nahm die Posttasche von

der Schulter und half ihr dabei. Die bei­

den schwatzten gern.

" Fünfzehn Hühner wurden dem Vorsit­ " zenden getötet , sagte Frau Pfefferkorn mit schriller Stimme. "In einer Nacht

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fünfzehn.

Und

was

waren das für " prächtige Tiere. Alle tot. Sie zog die

Augenbrauen in die Höhe. "Wenn das so weitergeht, wird es im Dorf bald " kein Huhn mehr geben.

Die Bockerich schob die Unterlippe " vor. " Das ist nun schon das dritte Mal , sagte sie nachdenklich. Sie stellte sich hinter den Ladentisch.

Frau Pfefferkorn sah auf die leere Dorf­

straße hinaus. Einige Spatzen stritten

sich auf dem Pflaster um eine angebis­ " sene Semmel. "Ja, ja , sagte sie.

"Was gibt es sonst noch Neues?" frag­ te Frau Bockerich und h:;gte ihre dicken Unterarme

auf

den

Verkaufstisch.

Frau Pfefferkorns Gesichtszüge hellten

sich auf. Sie zeigte auf die Posttasche.

" Da sind ein Brief und eine Karte aus " Afrika drin!

Die Frauen steckten die Köpfe zusam­

men. Im Dorf passierte nicht viel. Da16

her war jede Neuigkeit ungeheuer in­

teressant. Frau Pfefferkorn trug Briefe

und

Karten aus,

entgegen.

nahm Telegramme

Sie wußte über alles Be­

scheid. Sie las sämtliche Tageszeitun­

gen und die Illustrierten, bevor sie sie

in

die

nichts,

Briefkästen was

Frau

steckte.

Es

Pfefferkorn

gab

nicht

wußte. Das jedenfalls glaubte sie. -

Am liebsten hätte sie nicht nur die Karte gelesen, sondern auch den Brief.

Aber der war zugeklebt. Vor Neugier kribbelten ihr die Fingerspitzen. Es soll

Apparate geben, damit kann man so­ gar

durchs

Papier

lesen.

So

einen

müßte sie haben. Sie holte die Karte

aus der Posttasche hervor. Frau Bocke­

rich schürzte die Unterlippe, als sie die Fotografie betrachtete. Runde Hütten

mit Grasdach. Bäume mit roten Blüten.

Gelbes Land. Blauer Himmel. Zwei Afri­

kaner, die Wassereimer trugen. 18

" Ich kann mir vorstellen, daß es dort " Löwen gibt! mutmaßte Frau Bocke­ " rich. "Eine gefährliche Gegend! Dann drehte sie die Karte um: Lieber Bastian. Wir hoffen, Dir geht es

gut und Du hast neue Freunde gefun­

den. In Afrika sind nicht die Löwen eine Gefahr, sondern die Krankheiten. Der

Stich mancher Mücken ruft schlimmes Fieber hervor, und im Wasser lebende

Würmer bohren sich durch die Haut.

Nur selten finden wir Zeit, in der Ge­

gend herumzufahren. Einen Löwen ha­

ben wir bisher nur auf Postkarten gese­ hen. Höre auf die Großmutter und be­

reite uns keinen Kummer. Deine Dich

liebenden Eltern.

Die beiden ungleichen Freunde gingen

ins Dorf. Sie nahmen den Weg über

den Entenberg.

" " Meine Ponys waren die besten , sagte



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Johann. " Man kannte sie in der ganzen Welt. Sogar der König von, Saudi-Ara­ bien kaufte mir für seine Tochter eins

ab. So berühmt waren meine Ponys.

Du hättest sie sehen sollen, wenn sie

die Federbüschel auf dem Kopf trugen

und nur auf den Vorderhufen stolzier­

ten, im Zirkus Cambresi. Ach, Bastian, " es waren wunderschöne Tiere!

Johann blickte in den Himmel, als wä­

ren dort die prächtigen Ponys zu se­ hen, von denen er sprach. Dann kratzte

er sich am Kinn. " Selma hat ihre Jahre auf dem Buckel. Ein Ponyjahr ist wie fünf Menschenjahre, und sie ist neun.

Ich dachte schon, ich müßte sie wie

die anderen verkaufen. "

'macht Arbeit!

So ein Tier

In diesem Moment gab es für Bastian

nichts Interessanteres als Ponys. "Wir sollten dem Fohlen Tanzen beibrin­ " gen , schlug er allen Ernstes vor. " Da 20

würden die Leute Augen machen!" Der Stall war niedrig und mit Stroh

ausgelegt. Selma, das schwarzweiß ge­

scheckte Pony, zupfte

Heu aus der

Raufe an der Wand. Johann tätschelte

Selma die Flanke und sagte: ,.Ich will

dir meinen Freund Bastian vorstellen!" Bastian stand in der Tür.

Nun komm, blas Selma in die Nü­ " stern", forderte ihn Johann auf. Bastian

tat es, ohne den Sinn dieser Aufforde­

rung zu ahnen. "

So, nun kennt sie dich! "

Es wurde Abend, als Bastian den Heim­ weg antrat. Er kam am Haus des LPG­

Vorsitzenden vorbei. Neben dem Hüh­

nerstall standen einige Leute und rede­

ten miteinander. Der Vorsitzende hielt

ein Huhn in den Händen. Der Kopf des

Tieres baumelte herab. Die Federn am 22

Hals waren blutig. Auch Familie Pfeffer­

korn unterhielt sich angeregt. Als Ba­

stian vorüberging, schwiegen sie. Ihm

war, als würden sie sich nach ihm um­

drehen. Fritz drohte ihm hinter Herrn Pfefferkorns Rücken mit der Faust. Die

denken doch nicht etwa, ich hätte die

Hühner abgemurkst, dachte Bastian er­

schrocken. Auch die blonde Anne hielt sich bei den Leuten auf. Fritz flüsterte

ihr etwas ins Ohr. Bastian kaute auf der Unterlippe herum und dachte darüber

nach,

wie jemand so schlecht sein

konnte, ohne Grund Hühner zu töten.

Fritz ging ihm einige Schritte hinterher,

bevor er sagte: "Warum gehst du nicht dorthin zurück, wo du hergekommen

bist? Hier braucht dich keiner! " " "Ich war es nicht! verteidigte sich Ba­ stian.

"Ich bracht."

habe

sie

nicht

umge­

Fritz schaute ihn an, als wüßte er nicht, 23

wovon Bastian sprach. Dann verzog er das Gesicht, als wäre ihm soeben ein Gedanke gekommen. Er stieß Anne

leicht mit dem Ellenbogen an, die ne­

ben ihn getreten war.

"Ißt du gern Broiler?" fragte Fritz. Bastian glaubte, er wolle ihm eine Falle " stellen, und sagte rasch: " Neini " " Du lügst , rief Fritz. "Vorhin hast du

mit dem alten Grünwald zusammenge­

sessen, und ihr beide habt Hühnchen gegessen.

Wo

hattet

ihr

denn

die

Hühnchen her? Anne und ich haben

hinterm Zaun· gelegen und alles gese­ " hen. Bastian bekam ohne Grund einen roten

Kopf. Weil er das merkte, sagte er

barsch: " Laßt mich doch in Ruhe, ihr " DusselI Die Hände in den Hosentaschen, ging

er weiter. Er war wütend auf Fritz. Aber

auch auf die drei aus der Wohnsied24

lung war er wütend. Sicherlich hatten

sie ihm das mit den Hühner,n einge­

brockt. Sie waren Tierquäler, nicht er. Er

hörte nicht, wie Fritz zu Anne sagte: " Na, bist du noch immer in ihn verknallt?

Er hat auch zu dir Dussel gesagt. "

" Du warst schuld. Hättest ihm doch sa­ gen können, wer die Hühner getötet

hat. "

"Warum sollte ich? Wenn der so doof ist und das nicht weiß, ist das doch

seine Sache. Er rennt ja auch mit de­

nen von der Siedlung rum und gibt mit

seinem blöden Afrika an." " Du bist gemein, Fritz! "

Fortwährend mußte Bastian an die to­

ten Hühner denken. So etwas Schlim­

mes trauen die mir zu, dachte er verbit­

tert. Dabei war es Bastian gewesen,

der die Katze des Vorsitzenden von der Blechbüchse befreite, die ihr der Dicke

25

an den Schwanz gebunden hatte. Ba­

stian hatte die Büchse nicht an-, son­

dern abgeknotet. Die Frau des Vorsit­ zenden war im Unrecht, ihn einen Tier­

quäler zu schimpfen.

Wenn wenigstens Anne nicht dabeige­ standen hätte, als der Vorsitzende die

toten Hühner vorzeigte. Und sie mußte

sich den Unsinn von Fritz anhören. Ba­

stian mochte Anne. Schon als er sie

das erste Mal sah, gefiel ihm ihr blon­

des

Haar.

schien,

Wenn

glänzte

es

die

Sonne

golden,

drauf­

und

er

mußte an die Goldmarie aus dem Mär­

chen denken.

"Was hast du?" fragte die Großmutter, als er nach Hause kam. Sie trug eine

Brille mit dicken Gläsern. Dahinter sa­

hen ihre Augen winzig aus. Sie setzte

sich an den Tisch, stützte das faltige

Gesicht in die Hände und blickte Ba-

26

stian an. " Du hast Kummer! Das sehe

ich! "

Ohne von der

Kartoffelsuppe aufzu­

schauen, ·sagte er: "Auch Anne muß nun denken, daß ich es war. Und wenn

Johann davon hört . . . "

"Was hast du gesagt, Junge?" Die Großmutter legte die Hand hinters

Ohr. " Du mußt lauter reden. " " Ach, nichts! Bastian winkte ab. " Die Großmutter wartete, bis er die Kar­

toffelsuppe ausgelöffelt hatte. sagte

sie:

Dann

" Ich habe eine Ü berra­

schung für dich! "

Sie nahm die Ansichtskarte und den

dicken Brief aus der Kitteltasche. Ba­

stian sprang auf. Fotos! Seine Eltern •

vor einem hellen Haus unter Palmen. " "Ich möchte auch dort sein , rief er der Großmutter

ins

Ohr.

Sie

lächelte.

Zuerst las er die Karte und die drei eng­ beschriebenen Seiten. Dann nahm er 28

die Fotos und ging in sein Zimmer. Er

heftete einige an die Wand. So konnte

er sie immer betrachten und an der

Seite seines Vaters durch die afrikani­

sche Savanne streifen und nach Löwen

Ausschau halten . .. An diesem Abend aber zwang er sich, an etwas anderes

zu denken. Wie sollte er beweisen, daß

er mit dem Hühnersterben nichts zu

tun hatte? Das war erst einmal wichti­

ger. Seine Eltern wissen, daß er nicht

lügen kann. Aber wer sollte ihm hier glauben, wo ihn noch niemand richtig

kannte außer der Großmutter.

Er wartete, bis sie das Licht löschte

und zu Bett ging. Dann erhob er sich

leise, kleidete sich im Dunkeln an. Er

nahm die Taschenlampe und das alte Fernglas

ster.

und

kletterte

durchs

Fen­

Es brannten nur wenige Straßenlam­

pen. Um die Kirche herum war pech29

schwarze Nacht. Er ging an der niedri­

gen Friedhofsmauer entlang, trat durch

die eiserne Pforte. Der Ort flößte ihm

Furcht ein. Die alten Kreuze verwandel­

ten sich in finstere Gesellen, die mit

ausgebreiteten Armen auf ihn zuka­ men. Und hockten nicht Gestalten mit

krummen Rücken über den Gräbern?

Am liebsten wäre er umgekehrt. Aber da war schon der Holzturm der Kirche.

Er öffnete die Seitentür. Sie knarrte.

Das Licht der Taschenlampe fiel auf

eine hölzerne Treppe. Er stieg hinauf.

Angeekelt wischte er sich einige Male Spinnweben aus dem Gesicht.

Bald

sah er über sich ein bläuliches Viereck.

Das war die offene Turmluke, durch die

der Nachthimmel leuchtete. Es roch

nach altem Holz. Unter seinen Sohlen

knirschte es, als er über den Boden

ging. Die schmale Mondsichel stand über dem Dorf und spiegelte sich auf

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dem Wasser des Sees. Bastian setzte

sich an die Luke und beobachtete die Straße und I-o!öfe durchs Fernglas. Er

hielt nach dem

schau,

war.

der stets

Hühnermörder Aus­ nachts gekommen

Als am zeitigen Morgen das Licht in

der Bäckerei anging, schlich sich Ba­

stian wieder nach Hause.

Die Großmutter hatte am späten Vor­

mittag viel Mühe, ihn wach zu bekom­

men. Er träumte von Afrika, er lag im Gras und beobachtete mit dem Vater Löwen. "Das ist ja ein Rudel", flüsterte er.

"Wo bleibt er nur?" fragte Anne. Fritz zuckte mit den Schultern. "Wie kann man nur bei der herrlichen Sonne so

lange im Haus hocken. Ein komischer Kauz, dieser Bastian! "

Sie verbargen sich hinter der dichten Hecke und warteten.

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" "Wir werden ihn im Auge behalten , sagte Fritz. " Dann kann er keine " Dummheiten machen! . " " Macht er auch nicht! empörte sich

Anne.

"Weiß man'sr Fritz blickte Anne auf­ merksam an. "Wenn du so eine gute Meinung hast, warum kommst du dann

mitr

" " Nur so! sagte Anne. Sollte sie sagen, daß sie geJn in Bastians Nähe war? Dann würde Fritz sie nicht mitnehmen. Das wußte sie. Also schwieg sie.

Mittags tauchte Bastian auf. Er stürmte

aus dem Haus und rannte über den En­

tenberg zum See. Die beiden Kinder folgten ihm in einiger Entfernung. Sie

liefen gebückt. Hinter dem wackligen Bootsschuppen

bei

der

Weide

ver­

schnaufte Bastiari. Er blickte aufs fun­

kelnde Wasser. Plötzlich rief er: "Vor­ " sicht, ein Löwe! , riß die Arme hoch 32

und machte peng, peng.

Anne tippte sich an die Stirn.

Fritz

streckte neugierig den Kopf vor und

sah aufs Wasser. Aber dort schwam­

men nur einige Wildenten, 'und der

Wind bewegte leicht die Halme.

Als der alte Grünwald Bastian kommen sah, erhob er sich mühsam von der Bank vor dem Haus.

" "Wir bekommen Regen , sagte er und verzog dabei das Gesicht, als hätte er Schmerzen. Blauer

Bastian

Himmel.

hob

Keine

den

Wolke.

Kopf.

Die

Schwalben flogen hoch. Wo sollte bei

diesem Wetter Regen herkommen?

"Was stehen wir hier herum?" sagte Johann und fügte geheimnisvoll hinzu: " " Komm! Ich will dir was zeigen!

Die beiden überquerten den Hof, blie­

ben kurz vor der Hundehütte stehen, in

deren Schatten ein zottiger Schäfer-

3

Bastian

33

hund lag. Er hob müde den Kopf. "Du hättest Alex früher erleben sollen. Ein Draufgänger war er. Aber jetzti" Jo­ hann winkte ab. "Er ist blind wie ein Maulwurf und alt wie ein Stein. " Der Ponystall machte auf Bastian einen verwahrlosten Eindruck. Er sah so bau­ fällig aus, daß es ratsam schien, die Tür nicht allzu heftig zuzuschlagen. Das schwarzweiß gefleckte Pony wie­ herte leise, als sie eintraten. Es hielt den Kopf gesenkt, und die Mähne fiel ihm weit über die Augell. Im Stroh lag das neugeborene Fohlen. Es hatte ei­ nen großen Kopf und ziemlich lange Beine. Vor Ü berraschung ging Bastian in die Knie. Er strich über das seiden­ weiche Fell des Fohlens. Selma blies Bastian warm ins Genick. Davon be­ kam er Gänsehaut. Vielleicht auch vor Freude. Wenn er erst den Hühnermör­ der ertappt hätte, würde er jeden Mor3·

35

gen zeitig herkommen. Dann brauchte Johann keinen Handschlag mehr zu tun. Bastian könnte auch die Tür strei­ chen und einige lose Bretter annageln. "Nun wird es Zeit, daß wir dem Fohlen einen Namen geben", sagte Johann. "Es muß ,ein Mädchenname sein. Weißt du einen? " " "Nennen wir es Anne , platzte Bastian heraus. "Anne? Wie die Tochter der Bocke­ rich ?" fragte Johann. Bastian spürte, wie ihn der Alte ansah. "Wie kommst du auf Anne?" " "Das ist mir nur so eingefallen , sagte Bastian und errötete. Das Fohlen schaute ihn mit braunen Augen an, als wollte es ihm zu verste­ hen geben, wie sehr es mit dem Namen zufrieden war. Unter der Dachkante des Hauses zwitscherten die Schwal­ beri. Auf der nahen· Straße knatterte 36

ein Moped vorüber. Im Sonnenlicht, das schräg durch die offene Stalltür fiel, tanzte feiner Staub. Bastian nahm das Fohlen vorsichtig hoch und trug es ins Freie. Selma lief hinterher bis auf die Wiese. " "Hast du schon gegessen? rief ihm Johann nach. Er bekam keine Antwort und sagte sich: "Ach was, reicht's für einen, reicht's auch für zwei. Nichts geht über ein knusprig gebackenes Hähnchen." Bastian setzte das Fohlen ins Gras, ging einige Schritte rückwärts, blieb stehen und klopfte sich auf die Ober­ schenkel. "Komm, Anne, komm!" Das Fohle n stemmte die noch unge­ schickten Beine ins Gras und rührte sich nicht vom Fleck. "Du sollst zu mir kommen, Anne! Na los! Schnell!" Bastian hörte nicht, wie Fritz, der hinter 37

der Hecke saß, in die Hände kicherte und sagte: "Er hat dem Gaul deinen Namen gegeben. So etwas Blödes!" Anne stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. "Das ist doch kein Gaul! Das ist ein Fohlen. Und warum soll ein so hüb­ sches Fohlen nicht Anne heißen? " "Du brauchst nicht gleich wütend zu werden", versuchte Fritz sie zu beruhi­ gen. "Und wenn er das Fohlen Fritz ge­ nannt hätte . .. " "Das wäre allerdings zum Totlachen , sagte Anne spöttisch. Fritz sah sie aufmerksam aus den Au­ genwinkeln .an, bevor er lauernd fragte: " " Du liebst ihn wohl? Statt einer Antwort funkelte Anne ihn zornig an, erhob sich und ging davon. Fritz sah ihr hinterher und wußte nicht,. wie er sie zurückhalten konnte. In die­ sem Augenblick wünschte er sich sehr, Bastian auf einer frischen Tat zu ertap"

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pen, vielleicht wie er den Kanarienvogel der Frau Melchior in Tinte tauchte oder die Katze des Bürgermeisters durchs Ofenrohr jagte. Dann hätte Fritz allen Grund, öffentlich zu sagen, wie gemein Bastian sei, und Anne müßte sich 'schämen, so einen zu mögen. Aber erwischen mußte er ihn erst! Das Fohlen stakste auf Bastian zu. Als es vor ihm stand, kniete er nieder und legte die Wange an den Kopf des Tie­ res. Da entdeckte er Anne. Sie ging über die Straße, und ihr Rocksaum wippte energisch. Wann würde sich je­ mals wieder die Gelegenheit bieten, sie allein anzutreffen, dachte er und rannte zu ihr. " "Was machst denn du hier, Anne? Sie blieb stehen, zog mit der Fußspitze Linien im Staub und wartete, bis er her­ angekommen war. " "Bin zufällig vorbeigekommen , sagte 39

sie, ohne ihn anzusehen. Kurz darauf rief Bastian nach dem alten Grünwald. Er mußte ihn unbedingt et­ was fragen. "Natürlich kannst du ihr das Fohlen zei­ gen", sagte Johann. Er sah, daß die beiden verlegen wurden. Er tat, als be­ merkte er das nicht, legte die Hände auf den Rücken und blickte in den Him­ mel hinauf: "Wird Regen geben! Ich spür's!" Anne und Bastian tollten mit dem Fohlen herum. Es vollführte Sprünge wie eine Ziege. Einige Male wußte Anne nicht, ob Bastian sie oder das Fohlen rief. I Ein herrlicher Tag. Es duftete nach Heu. Als der Personenzug aus Muchel­ witz fauchend auf dem schmalen Bahn­ steig hielt, kläfften die Hunde im Dorf. Drei blaue Mähdrescher ernteten das Korn auf dem Hügel jenseits des klei•

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nen Sees. Gelber Staub stieg dort auf. Von dem Lachen und der Mittags­ wärme müde geworden, warf sich Anne ins Gras. Sie schloß die Augen. Sie fühlte sich wohl. Bastian sah auf ihr Haar, das an den Spitzen golden glänzte. " "Du gefällst mir , sagte er. Er hatte nicht lauter gesprochen, als eine Biene summt. Und wer sollte das verstehen? Aus Verlegenheit redete Bastian, was ihm gerade einfiel. "Johann hatte eine Menge Ponys. Die besten, die es auf der Welt gab. Die konnten sogar nur auf Vorderbeinen laufen. Kein Wunder, daß sich jeder Zirkus um die riß. Sogar nach Afrika hat er seine Ponys verkauft. Damit sind die Elefantenjäger durchs hohe Gras geritten. Auch die Löwenjä­ ger. Auf einem großen Pferd hätte man sie gesehen." An diesem Tag glaubte Anne alles. 41

Als es Zeit wurde heimzukehren, verab­ redeten sie sich für den nächsten Tag. "Meine Mutter sagt, wer nicht mit den Hühnern aufsteht", Anne hielt ihm bei diesen Worten· den Zeigefinger vors Gesicht, "ist ein fauler Mensch." Sollte ihr Bastian sagen, er hocke nachts im Kirchturm? Wer den Hühner­ mörder fangen will, darf keinem sagen, wie er es anstellt. Das muß ein Ge­ heimnis bleiben. Immerhin wollte Ba­ stian auch Anne damit überraschen. Dann verdächtigte ihn wenigstens nie­ mand mehr. Er, Bas�ian, werde mit et­ was Glück den Hühnermörder fangen oder zumindest beobachten können. Als er darüber nachdachte, fragte er sich plötzliqh, ob es denn nicht ge­ nüge, daß Anne zu ihm hielt. Wozu ei­ gentlich noch einmal auf den " Kirchturm steigen. Noch dazu nachts, 42

wenn die Fledermäuse im Dunkeln flat­ tern. " ··h aIso.I" " GU t , sagte er, "morgen fru Sie gingen die Dorfstraße entlang und sahen, wie Annes Mutter die Konsum­ tür abschloß. Frau Bockerich entdeckte die beiden. " "Anne , rief sie in strengem Ton, "du kommst sofort zu mir!" Wenig später wurde Bastian überfal­ len. Fritz sprang ihn von hinten an, riß ihn zu Boden. Die Jungen wälzten sich auf dem Weg. Als sich Fritz auf Bastian setzen wollte, bekam er einen derben Schlag auf die Nase. Fritz sah bunte Sterne und ließ sofort los. Bastian er­ hob sich, klopfte den Staub von der Hose und ging davon. Er schaute sich nicht um. In seiner Wut ergriff Fritz ei­ nen Stein und schleuderte ihn Basti�n hinterher. Dabei rief er: "Wann ver44

schwindest du endlich? Wegen mir in dein blödes Afrika! Wer will dich denn hier? Niemand!" Der Stein traf. Bastian fiel der Länge nach hin und blieb liegen. Er rührte sich nicht. Fritz bekam einen fürchterli­ chen Schreck und lief zu ihm. Er rüt­ telte Bastian, aber das half nichts. Ich habe ihn am Kopf getroffen, dachte er verzweifelt und drehte Bastian auf den Rücken. "Mach keinen Quatsch, Bastian. Das wollte ich doch nicht! He, mach schon die Augen auf. Natürlich mag dich je­ mand. Die Anne!" Bastian öffnete langsam die Augen. " "Ich weiß , sagte er und grinste. " "Du Sctiuft , entfuhr es Fritz, "du hast mich reingelegt!" In der kommenden Nacht schlich sich Bastian doch wieder aus dem Haus. Er 45

hatte lange wach gelegen, der Schlaf wollte nicht kommen. Wenn Bastian die Augen schloß, sah er das halbe Dorf versammelt. Man beschimpfte ihn, ohne daß er verstand, warum. Er entdeckte Fritz, der mit einer alten Kaf­ feekanne nach ihm warf. Anne stand auch dabei. Sie blickte Bastian traurig an, als hätte. er etwas Schlimmes ge­ tan. Ich werde es allen beweisen, dachte Bastian und war aus dem Bett gesprungen. Der Kirchturm hob sich dunkel vom Himmel ab. Bastian ging durch die Pforte. Hat es wirklich Sinn, daß ich mir die Nächte um die Ohren schlage, dachte er und setzte sich mit dem Rük­ ken an die Mauer. Der Mond breitete silbernes Licht über die Bäume und Gräber, Sträucher und Kreuze. Bastian verspürte auf einmal keinerlei Furcht mehr vor all dem, das ihn umgab. Auch 46

als ein Käuzchen schrie, zuckte er nicht zusammen. Er fragte sich, wieso ei­ gentlich hat man vor einem nächtli­ chen Friedhof Angst? Gerade hier tut ' einem niemand etwas. Kein Ge­ schimpfe. Keine Verdächtigungen. Tote werfen auch nicht mit Steinen oder springen einen von hinten an. Und wenn ich nun herausbekomme, wer die Hühner umbringt, wird man mir glauben? Vielleicht heißt es dann nur, der Mucker will sich wichtig ma­ chen? Ach, ich lasse lieber alles so, wie es ist. Was gehen mich die Hühner an? Ich sollte nach Hause gehen und mich ins Bett legen. Gerade als er das tun wollte, fuhr der Wind in die Blätter. Es klang wie Stim­ mengeflüster: Er hat Angst. Er redet sich wer weiß was ein, nur weil er sich fürchtet .. . Seht nur, wie er vor Angst zittert! Lachhaft, so einer will den Hüh47

nermörder fangen. Er denkt nur an sich. Ja, wenn es die Hühner der Groß­ mutter wären, dann würde er sich ei­ nen Kopf machen. Die anderen sind ,ihm egal. Und so einen soll man mö­ gen ... Bastian blickte zu den dunklen Blättern der Ulme auf und schämte sich seiner kleinmütigen Gedanken. Er sagte sich: Genügt es, wenn mich nur Anne mag? Vielleicht wird ihr eines Tages das Ge­ rede über mich zuviel? Und dann? Was mache ich dann? Bastian sprang auf und wollte zum Turm laufen. Da bemerkte er einen ver­ dächtigen Schatten auf der Straße. In seiner Aufregung hatte er in letzter Zeit oft Schatten gesehen, die sich als ab­ gestellte Milchkannen oder übervolle Mülltonnen entpuppten. Aber diesmal irrte er sich nicht. Es war der Schatten eines gebückt gehenden Menschen. 48

Noch dazu in der Nähe des Pfefferkorn­ schen Hühnerstalles, der der Straße am nächsten lag. Bastian duckte sich wieder hinter die niedrige Friedhofsmauer. Er spürte sein Herz klopfen und fürchtete, der Mann, nur einige Schritte von ihm entfernt, könne es hören. Bastian schlich sich im Schutze der Mauer näher an den Pfef­ ferkornschen Hof heran. Plötzlich stieß er gegen ein Blechgefäß, das laut pol­ ternd umfiel. Er erstarrte und horchte mit angehaltenem Atem. Erst war es ei­ nige Sekunden still. Dann hörte er Schritte. Sie näherten sich, kamen über die Straße. Bastian nahm seinen ganzen Mut zusammen und lugte über. die Mauerkante. Ganz vorsichtig. Vor Verblüffung riß er den Mund auf. Mit­ ten auf der Straße stand Johann und schaute sich nach allen Seiten um. Es sah aus, als wäre er überrascht wor4

BOltion

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den. Was geisterte Johann nachts durch die Straßen? War es ihm nicht viel zu kalt draußen, wie er es Bastian am Nachmittag gesagt hatte? Bastian gewahrte erst in diesem Moment Alex, den zottigen Schäferhund. Er trottete am Straßenrand entlang, die Nase am Boden. Johann tat, als sähe er Alex ebenfalls erst jetzt. Er lief zu dem Hund und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dann legte er ihm die Leine an und ver­ schwand mit ihm in der Dunkelheit. Ba­ stian wunderte sich über die festen und weiten Schritte des Alten, der plötzlich so laufen konnte, als ver­ spürte er keinerlei Schmerzen. Bastian wartete noch eine Weile. Wie eine Katze kletterte er rasch über die Mauer und lief gebeugt über die Straße zum Haus der Pfefferkorns. Er tastete sich am Zaun entlang. Vor dem Hühnerstall blieb er stehen, stellte sich 50

auf die Zehenspitzen, um besser durchs Fenster sehen zu können. Er leuchtete mit der Taschenlampe. Kurz nur. Ein Blick genügte: Auf dem Boden lagen Hühner - tot! Bastian schaute zur Tür, sie schien nur angelehnt. Der Lärm des umfallenden Blechkübels muß Johann überrascht haben, dachte Bastian. Bestimmt hat ihn jemand ge­ sehen, und morgen wird es heißen: Also der Grünwald war's! Wer hätte das gedacht! Bastian dachte angestrengt nach. Sollte er den Alten verraten? Den einzi­ gen Freund? Was wird dann aus den Ponys? Und was sollte er sagen, wenn man ihn beschuldigte, er steckte mit dem Alten unter einer Decke? Aß Jo­ hann nicht am liebsten Broiler? Was soll ich nur tun? Ja, wenn die toten Hühner weg wären, dann gäbe es auch keine Beweise. Bei dieser Idee wurde 4'

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es Bastian siedend heiß. Er lief über die Straße zurück, rannte durch die Fried­ hofspforte, stürmte auf die Tür des Holzturmes zu, riß sie auf. Im Licht der Taschenlampe suchte Bastian zwi­ schen Hacken und Schaufeln herum, die an der Wand lehnten. Schließlich fand er, was er suchte. Er hob einen braunen Sack auf, besah ihn von allen Seiten, riß an ihm, um seine Festigkeit zu prüfen. In dieser Nacht konnte Anne schlecht schlafen. Immer wieder sah sie Ba­ stian, wie er am Abend mit hängenden Schultern davongegangen war. Was hatte nur die Mutter gegen ihn? Der Tag war so schön gewesen. Wenn et­ was so Schönes kaputtgeht, ist das schlimmer als ein zerrissenes Kleid. Beide habe ich gern, dachte sie. Sie nahm sich vor, am Morgen mit der 53



Mutter zu sprechen. Du tust ihm un­ recht, wollte sie ihr sagen. Anne stellte sich ans Fenster und schaute zu den Sternen. Einer flackerte rot und grün, als zwinkerte er ihr zu. , Plötzlich erblickte sie Bastian. Dicht an ihrem Fenster ging er vorbei. Sie hätte sich nur vorzubeugen brauchen, um ihn berühren zu können. Etwas hielt sie davor zurück. Bastian schleppte einen prall gefüllten Sack und keuchte. Eigenartig, dachte sie. Die Tränen liefen Bastian über die Wangen. Der Sackstoff schnitt ihm in die Finger. Aber das war es nicht, wes­ halb er weinte. "Warum hat Johann so etwas Gemei­ nes getan? " sagte er leise. Diese Frage hatte er sich schon einige Male ge­ steilt. Ihm fiel keine passende Antwort 54

darauf ein. "Man darf doch keine Hüh­ ner haben wollen, die anderen gehö­ ren. Sie einfach abmurksen, nur weil man sie gern ißt. Im Konsum gibt es Broiler. Man braucht sie nur bei Frau Bockerich zu bestellen. Bestimmt hätte ihm auch die Großmutter ein Huhn ge­ geben. Sie sagt immer ja, wenn man sie bittet." Und dann fragte er sich, warum Jo­ hann alle getötet hatte, wo er doch nur eins oder zwei brauchte. Vielleicht wollte er zum letzten Mat so etwas tun und dann damit aufhören? Ich habe ihn dabei gestört. Vielleicht muß er so et­ was tun? Eine Krankheit vielleicht? Und deswegen ins Gefängnis? Nein! Warum aber 'mußte er mich mit hinein­ ziehen? Bastians Kummer wuchs, je länger er darüber nachdachte. Er schleppte den ' Sack mit· den toten Hühnern zu der hohlen Weide am See 55

und streute Laub darauf. Dann blickte er über das Wasser, auf dem das Mondlicht funkelte. Am Ufer standen drei Wildenten. Sie hielten die Köpfe unter die Flügel. Wie schön wäre es, mit Vater über al­ les zu reden, dachte er. Es der Groß­ mutter zu erzählen, hat keinen Zweck. Ich müßte so laut sprechen. Das ganze Dorf würde es hören. Also werde ich es keinem erzählen. Ich werde schwei­ gen. Komme, was wolle. Am Morgen roch es nach Regen. Frau Pfefferkorn war außer sich vor Empö­ rung. Sie erzählte Herrn Huber, dem ABV, immer das gleiche. "Dreizehn Hühner waren es. Dreizehn. Und was hatten die für Eier gelegt. Groß wie deine Faust, Kurt!" " "Na, na, na , sagte zweifelnd der Poli­ zist. 56

" "Und wie schwer die Hühner waren! Frau Pfefferkorn schluckte glucksend, bevor sie weitersprechen konnte. nDas ist diesmal nicht der Marder gewesen. Das war ein ganz gemeiner Hühner­ dieb." " "Hast du jemand im Verdacht? fragte der Polizist. Frau Pfefferkorn zuckte mit den Schultern. " "Na, wer schon , mischte sich Fritz ins Gespräch. "Der Bastian war's. Wer sonst?" " "Hast du Beweise? fragte Herr Huber. " "Hast du ihn dabei gesehen? Fritz schwieg . " "Na also! " "Wenn du mich fragst, Kurt , sagte Frau Pfefferkorn. "Ich könnte mir vor­ stellen, daß es dieser Bastian war. Ge­ stern hat er mit meinem Sohn eine Prü­ gelei angefangen. Er hat etwas gegen uns. " 57

Herr Huber hob die Augenbrauen. "Es redet sich ohne Beweise manches leicht dahin." "Beweise? Guck ihm doch in die Au­ gen, Kurt, dann hast du deine Beweise. Ich sage dir, er ist durchtrieben." "Mein Bastian?" fragte die Großmutter, nachdem der ABV sie gefragt hatte, ob sie wüßte, wo ihr Enkel in der letzten Nacht gewesen wäre. "Im Bett war er. Wo sonst? Ich habe ihm gute Nacht gewünscht und das Licht gelöscht. Das mache ich jeden Abend. " Ohne Zeugen war da nichts zu ma­ chen. Der Polizist wünschte der Groß­ mutter einen schönen Tag und verließ das Haus. Während er die Dorfstraße entlangging, dachte er über den mut­ maßlichen Täter nach. Er zuckte mit den Schultern. Am Nachmittag kam Licht in die Sa58

che. Ein Zeuge hatte sich gemeldet. Herr Huber blickte in Annes verweintes Gesicht. "Warte! Das sage noch ein­ mal. Du hast also diesen Bastian gese­ hen?" Anne wiederholte, was sie in der ver­ gangenen Nacht beobachtet hatte. Ihre Mutter stand daneben und nickte zu jedem Wort, als hätte sie die gleiche Beobachtung gemacht. Sie unterbrach ihre Tochter und ereiferte sich: "Wie kann man als Kind so etwas machen? Jetzt sind es Hühner, und später? Was wird er erst für ein Ganove sein, wenn er erwachsen ist?" Auf Anne aber war sie stolz. Sie strich ihr übers Haar. Frau Bockerich ahnte nichts von der Unruhe, in der sich ihre Tochter befand. Hatte Anne nicht so­ eben ihren Freund verraten? War denn alles, was sie am Abend gedacht hatte, unwahr. Nein. Nein. Nein. Sie war von 59

Bastian sehr enttäuscht. Wie kann sie einen mögen, der nachts herum­ schleicht und Hühner stiehlt? Sie schloß mit den Worten: "Ich will ihn nie wieder sehen. Niemals!" Frau Bockerich nickte zufrieden. Sie sagte zu dem ABV: "Wenn er von hier wegkäme, würde wieder Ruhe sein!" Herr Huber wippte auf den Zehenspit­ zen. Die Stiefel knarrten. " Mal hören, was dieser Bastian mir zu sagen hat!" Bastian sagte gar nichts. Er preßte die Lippen aufeinander und schwieg. Das ganze Dorf wußte von der Neuigkeit. Ü berall wurden die Köpfe zusammen­ gesteckt. " "Na so etwas! Dieser Bastian! hieß es. Bastian schaute den ABV nicht an. "Nun gut! Ich komme morgen wieder. 60

Bis dahin hast du Zeit, zu überlegen, ob du etwas sagst oder nicht." Er ging an der Großmutter vorbei aus dem Haus. Sie stand neben der Tür und preßte die Fäuste auf den Mund. " "Bastian, was hast du nur getan? jam­ merte sie. "In meinem ganzen Leben hatte ich nichts mit der Polizei zu tun. Und jetzt kommt sie mir ins Haus." Sie ' schüttelte betrübt den Kopf. "Ich glaube nicht, daß du etwas Unrechtes getan hast. Sag, was du weißt, und al­ les wird wieder gut. Du hast doch noch nie etwas Schlechtes gemacht." Weil die Großmutter ihn so kummer­ voll ansah und ihm so schwer ums Herz war, erzählte er, was er nachts ge­ sehen hatte und daß der alte Grün­ wald gern Hühnchen ißt und vielleicht zuwenig Geld hat, um sie sich jeden Tag zu kaufen. Er redete sehr schnell. Und als er schwieg, sagte die Groß62

mutter bittend: "Sprich doch lauter! Ich habe nicht alles verstanden!" Bastian aber hatte keine Kraft mehr, al­ les zu wiederholen. Er legte das Ge­ sicht in die Hände. Der alte Grünwald fragte sich den gan­ zen Tag, wo Bastian nur bliebe. Die Po­ nys mußten versorgt werden. Die nächtliche Kälte war schuld, daß ihm der Rücken sehr schmerzte. Nach der Arbeit im Stall wickelte er sich in eine wollene Decke und ging nicht mehr aus dem Haus. Wo der Junge nur bleibt, dachte er. Bastian saß am See und grübelte. Was sollte er Johann nur sagen, wenn er ihm wieder unter die Augen trat? Daß er, Bastian, die Hühner beiseite ge­ schafft habe, damit niemand Johann Grünwald verdächtige? Daß dafür aber 63

alle glaubten, er, Bastian, wäre es ge­ wesen? Er spürte, ihre Freundschaft hatte einen tiefen Riß bekommen. Bastian blieb bis zum Abend am See sitzen. Dort entdeckten ihn die drei aus der Wochenendsiedlung. Der Locken­ kopf sagte: "Du bist mir einer! Hühner klauen! Da findest du nichts bei. Aber wegen der Sache mit dem Grabkreuz machst du ein Geschrei!" Der Sommersprossige winkte ab. "Nur gut, da� wir mit dem nichts mehr zu tun haben \ " Wenig später kam Fritz. Jetzt, da Anne von Bastian nichts mehr wissen wollte und alles der Polizei gesagt hatte, war er auf Bastian nicht mehr wütend. Er entschuldigte sich sogar, einen Stein nach ihm geschmissen zu haben. Ba­ stian sah erst auf, als Fritz sagte: "Das mit den Hühnern ist mir egal. Jeden Morgen die Fütterei, und überall der 64

Dreck. Ich finde es gut, daß du sie ge­ klaut hast." Wie dumm du bist, dachte Bastian und schaute wieder aufs Wasser. "Wollen wir nicht Afrika spielen? Oder hast du vor, immer nur den See anzu­ glotzen?" sagte Fritz und schlug vor, Bastian sollte der Löwe sein, und er, Fritz, werde ihn jagen. Vor Tagen hätte man das Bastian nicht zweimal sagen müssen. Jetzt aber hatte sich alles geändert. Nie hatte er sich so einsam gefühlt wie an diesem Tag. Er wollte weg von hier. Möglichst weit. Ihm tat nur die Großmutter leid. Sie würde sich Sorgen machen. Fritz merkte schließlich, daß Bastian keine Lust hatte herumzutoben. Bloß gut, daß ich nicht in seiner Haut ' stecke, ging es ihm durch den Kopf. Bastian aber dachte an den nächsten 5

Bastian

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Tag. Der ABV wird wiederkommen. Was sollte Bastian ihm sagen? Nein, er wird seinen Freund nicht verpetzen. Ja, wenn Johann alles selbst sagte. Bei diesem Gedanken wurde ihm heiß. Beim Abendessen bat die Großmutter: "Wenn morgen Herr Huber kommt, sagst du ihm, du hast nichts mit der Sache zu tun. Du kannst nicht einmal einer Fliege etwas' zuleide tun." Noch am gleichen Abend schrieb Ba­ stian einen Brief: Lieber Johann! Sage bitte den Leuten, daß ich nicht die Hühner umgebracht habe. Ich habe sie nur in der alten Weide versteckt, damit niemand denkt, daß Du es warst. Mich braucht nie­ mand zu suchen. Ich bin nach Afrika ge­ gangen. Zu meinen Eltern. Dein Bastian. Das Dorf schlief, als Bastian aufbrach. Er lief die Dorfstraße entlang, vorbei an 66

der Kirche, dem Friedhof, dem Gast­ haus. Am letzten Hof des Ortes blieb.er stehen. Er steckte den Brief unter der Tür hindurch. Der blinde Alex trottete auf Bastian zu und rieb seinen zottigen Kopf am Knie des Jungen. Bastian schlich sich in den Ponystall und blies dem Fohlen in die Nüstern. Dann verschwand er in die Nacht. Es war sehr still im Dorf. Nur Bastians Schritte waren zu hören. Schließlich verstummten auch sie. Der Regen trommelte aufs Fenster­ brett. Der alte Grünwald las den Brief. Er putzte sich die Brille, wurde aber aus dem, was er entzifferte, nicht klug. Was sollte er wem sagen? Daß er Hüh­ ner umbrächte? Er? Johann? Unsinn! Und was um alles in der Welt war mit dem Jungen los? Nach Afrika wollte er laufen? 68

Der alte Grünwald zog sich die Jacke an und ging ins Dorf. Die Großmutter knetete die Hände und trippelte aufgeregt von einer Zimmer­ ecke in die andere. Herr Huber, der ABV, versuchte, sie zu beruhigen. Er war froh, als der alte Grünwald eintrat. Auch der ABV las einige Male den Brief Bastians. " "Vorerst kein Wort dazu! sagte er zu Grünwald und wies auf die Großmut­ ter, die irgend etwas murmelte. . "Vielleicht erklärst du mir, worum es ei­ gentlich geht? " fragte Johann. Der ABV holte bei seiner Rede weit aus. Zuerst erzählte er etwas von einem Marder, der nachts Hühner reißt, um dann mit dem Satz zu enden: "Aber in letzter Nacht war das an­ ders!" " "Ich verstehe noch immer nichts , 69

sagte der alte Grünwald. "Was hat das alles mit Bastian zu tun? " "Das ist es ja, worüber auch ich nach­ denke", flüsterte Herr Huber. "Wie kommt der Junge auf den Gedanken, nachts dreizehn Hühner wegzuschlep­ pen? Weißt du was, Johann, wir sehen uns mal die hohle Weide an!" Wenig später fanden sie den Sack und schütteten ihn aus. " "Typisch Marder , sagte Herr Huber, als er die toten Hühner untersuchte. Die beiden Männer schauten sich fra­ gend an. Plötzlich blitzten Herrn Hu­ bers Augen auf. "Johann, warst du vor­ letzte Nacht in der Nähe des Hofes der Pfefferkorns?" Der alte Grünwald dachte nach. "Doch, dort war ich. Alex war weggelaufen und hatte nicht heimgefunden. Beim Friedhof hat er sich rumgetrieben." " "Jetzt verstehe ich , sagte Herr Huber. �

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Als Anne die Neuigkeit erfuhr, bekam sie feuchte Hände. Frau Bockerich sagte nur: ,,0 Gott!" und ließ sich in den Sessel plumpsen. " "Ich bin an allem schuld , jammerte Anne. Die Mutter versuchte, sie zu beruhigen. "Du hast dich geirrt. Auch ich habe mich geirrt. Wir alle haben uns geirrt. Wenn wir herumjammern, wird davon auch nichts besser. Wir sollten überle­ gen, was wir nun tun.". " "Wir könnten ihn suchen , schlug Anne vor. "Wo willst du denn da anfangen, Mäd­ chen?" " "Fritz hat ihn zuletzt am See gesehen! Als sie das gesagt hatte, bekamen beide einen Schreck. " "Er wird doch nicht ... , stammelte Frau Bockerich und bekam rote Flecke am Hals. 71

Frau Pfefferkorn übermittelte am Nach­ mittag drei Anrufe an Herrn Huber, die von der Polizei aus der Stadt kamen. "Am besten, du bleibst gleich hier sit­ zen, Kurt", sagte sie zum ABV. "Deine Kollegen scheinen alle Jungen mit gro­ ßen Zähnen für Bastian zu halten. Erst der in Leipzig, dann der in Tessin und " jetzt einer aus Johanngeorgenstadt. Herr Huber dachte, vielleicht war es doch nicht so günstig, die Zähne für das Charakteristischste an dem Jun­ gen zu halten. Er blieb neben dem Tele­ fon sitzen und trommelte nervös mit den Fingerspitzen auf den Tisch. "Kannst du nicht mit dem Getrommel aufhören, Kurt? Mich läßt die Sache auch nicht kalt." Herr Huber verschränkte die Arme vor der Brust. Nichts ist schlimmer als war­ ten, dachte er. " "Aber durchtrieben ist er doch , be72

gann Frau Pfefferkorn ein Gespräch. "Bloß gut, daß die Hühner nicht ver­ dorben waren. Mein Fritz wäre auf so einen Einfall nicht gekommen." "Dein Fritz? Was würdest du denn zu einem sagen, der sich zum Prügeln von hinten heranschleicht?" "Da gibt's nicht viel zu sagen. So etwas ist gemein und hinterhältig!" " "Das gleiche denke ich auch , sagte der ABV. Bastian lag in einer Feldscheune auf dem Stroh. Das Dach war löchrig. Er konnte den Himmel sehen. Die Wolken eilten dahin. Bastian hörte die Mäuse ' im Stroh. Es raschelte, klang aber, als machten sich die Mäuse lustig über ihn, als kicherten sie leise. Bastian ver­ spürte . großen Hunger. Außerdem schmerzten ihm die Füße. Der Regen hatte ihn durchnäßt, und er fror er73

bärmlich. Afrika war entsetzlich weit. Vor Erschöpfung schlief Bastian ein. Auf einmal war er in der Wüste. Wohin er auch blickte, nichts als Sand. Kein Mensch, kein Tier. Nur er allein inmit­ ten einer riesigen Fläche gelben und weißen Sandes. Er lief mit großen Schritten, versank bis zu den Knöcheln. Irgendwo mußte der Vater oder die Mutter sein. Oder Anne. Oder Fritz. Zur Not auch Frau Bockerich oder Frau Pfefferkorn. Wo waren sie alle? Nur Sand, Sand, Sand. Bastian blieb keu­ chend stehen. "Wo seid ihr?" rief er und wußte nicht, was er machen sollte. Wenn sich wenigstens einer zeig en würde. Egal wer. Bastian wälzte sich im Stroh hin und her. Dann schrie er Na­ men, wie sie ihm einfielen. Es war früh am Morgen. Ein Bauer, der in der Nähe einen Traktor reparierte, hörte ihn und ging zur Feldscheune. 75

Anne half, die Ponys zu füttern. Sie trug Heu herbei, stopfte es in die Raufe an der Wand. Selma scharrte mit den Vorderhufen. Das Fohlen stupste Anne. Johann legte frisches Stroh aus. Die Tropfen trommelten nicht mehr aufs Dach. Es hatte zu regnen aufgehört. Nun wird es Zeit, daß sie ihn finden, dachte er. Am Nachmittag brachte man Bastian. Bevor das Polizeiauto hielt, sah er sie alle stehen: Anne, Fritz, Frau Bocke­ rich, Frau Pfefferkorn, Herrn Huber. Am besten, ich wäre tot, dachte Bastian, als das Auto stoppte. Der Polizist neben ihm sagte: "So, mein Junge, wieder daheim!" Bastian stieg aus und senkte den Kopf. Gleich geht das Geschimpfe los, sagte er sich. Fast hätte er allen die Zunge rausgestreckt. Aber da kam die Groß76

mutter. Zuerst sah er ihre karierten Hausschuhe. Es war ihm peinlich, daß sie ihn wie ein kleines Kind vor allen umarmte. " "Laß uns gehen , sagte er und zog sie weg. Ihre Augen fragten, was er gesagt habe. Er sah ihr an, sie hatte lange nicht geschlafen. Verwundert ent­ deckte er, daß die anderen ihn anlä­ chelten. Sogar Frau Bockerich. Sie stieß ihre Tochter leicht an. Aber Anne traute sich nicht, vor allen Leuten zu zeigen, wie froh sie über Bastians Rückkehr war. Sie ging den beiden hin­ terher. Bastian wollte von der Großmutter wis­ sen, was man mit Johann gemacht habe. Ob sie ihn ins Gefängnis ge­ bracht hätten. Die Großmutter schaute Bastian ver­ wunderte an. "Wie kommst du darauf, 78

daß er im Gefängnis sein könnte? Dort hat er doch nichts zu suchen. " Da zupfte ihn Anne am Ärmel. "Ich er­ kläre dir alles!" E�st wollte Bastian sie nicht beachten und w,eitergehen, aber dann blieb er doch stehen. Anne redete, ohne Luft zu holen. Zuletzt sagte sie: "Das mit dem Marder weiß doch jedes Kind!" Bastian kam sich ziemlich dumm vor. Dann aber lachte er. Am nächsten Morgen begannen Anne und Bastian mit der Ponydressur. Jo­ hann stellte ein altes Grammophon auf die Wiese, das er mit einer Kurbel auf­ zog. Er legte eine Schallplatte auf. Aus dem Trichter des Apparates krächzte Blasmusik. Das Fohlen warf bei jedem Trompetenstoß die Hinterläufe in die Luft. " "Nun ja , sagte Bastian und kratzte 79

sich am Kinn. "Elegant sieht das ja nicht gerade aus. Aber das kriegen wir hin. Mit Tieren muß man Geduld ha­ ben." Etwas abseits, hinter der Hecke, saß Fritz. Er überlegte, wie er es anstellen könnte, daß ihn die beiden mitspielen ließen. Er zog eine Tüte Bonbons aus der Hosentasche. Vielleicht versuche ich es damit, dachte er und kam aus seinem Versteck hervor.

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ab 7 J.

DIE KLEINEN TROMPETERBÜCHER

Jenseits des Entenberges lag das Dorf. Hunde kläfften. Leiterwagen polterten über das Pflaster. Die dicke Frau Bocke­ rich trug Milchkisten in den Konsum. Frau Pfefferkorn half ihr dabei. "Fünfzehn Hüh­ ner wurden dem Vorsitzenden getötet", sagte sie mit schriller Stimme. "Was wa­ ren das für prächtige Tiere_ Wenn das so weitergeht, wird es im Dorf bald kein " Huhn mehr geben. - Frau Bockerich schob die Unterlippe vor. "Das ist nun " schon das dritte Mal , sagte sie nach­ denklich _.. Doch wer hat sie umge­ bracht? DER KINDERBUCHVERLAG BERLIN ISBN 3-358-00037-0

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