002 - Schiffsjunge Pietro

August 26, 2017 | Author: gottesvieh | Category: Nature
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Band 102

SCHIFFSJUNGE PIETRO und andere Erzählungen

Aleksandr M. Batrov

1. Auflage 1959 Illustrationen von Hildegard Haller

DER KINDERBUCHVERLAG BERLIN

EULE ODER ALBATROS A. BATROW

In einer der Hafenstraßen von Colombo gibt es einen Laden, in dem allerhand Andenken verkauft werden. Es sind zumeist Muscheln und andere Dinge, die aus dem Meer stammen. Der Ladenbesitzer, ein wohlbeleibter Fünfziger, sitzt hinter dem Ladentisch und raucht seine kurze Pfeife aus Porzellan. Er ist Engländer, ein Herr, ein Sahib. Sein Name ist George Ferguson. Er hat ein rotes, schlaffes Gesicht und seine kleinen Augen sehen aus wie verstaubtes Glas. Heute kommen wenig Kunden. Das ist langweilig. Er wird schläfrig. Ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, spuck Ferguson in eine Muschel und ruft dann mit heiserer Stimme: „Rachim, du Scheusal! Ein Junge tritt in den Ladenraum. Ei ist ein kleiner, dünnbeiniger Singalese Seine Bekleidung besteht lediglich aus einem Lendenschurz. „Wenn ich nach dir rufe, mußt du wie ein Blitz da sein!“ „Ja, Sahib.“ „Wie oft habe ich dir das schon gesagt!“ Eine Minute lang denkt Ferguson angestrengt darüber nach, auf welche Art er den Knaben strafen

soll. Am besten wird es sein, ihm zwei oder drei Hiebe mit der aus Haifischleder geflochtenen Peitsche zu versetzen. Doch die Peitsche liegt auf dem Regal neben der Ausstellungsvitrine. Das ist ziemlich weit. Es ist heiß. Und man ist so faul. In der Luft kreisen schwarze summende Fliegen. „Schon gut“, sagt Ferguson gähnend. „Rachim, ich will schlafen!“ Das heißt, Rachim muß eine Filzmatratze auf den Boden ausbreiten, die Vorhänge herablassen, einen Palmwedel zur Hand nehmen und in der Dunkelheit dem schlafenden Sahib Wind zufächeln. Der Sahib schläft drei volle Stunden lang. Rachims Hände werden lahm. Es ist leichter für ihn, schwere Kisten zu schleppen, als hier neben dem schlafenden Herrn stehen und den Palmwedel zu bewegen, so lange, bis endlich vom Ozean her ein wenig abendliche Kohle herüberweht. Als diese Abendstunde anbricht, zieht Rachim den Bambusvorhang hoch. Der Sahib erwacht. Hustend und schnaufend, als ob er eben aus dem Wasser aufgetaucht wäre, blickt er auf Rachim, der sich vor Müdigkeit kaum mehr auf den Füßen halten kann, und sagt: „Geh an die Arbeit, Faulenzer!“ Rachim geht hinaus.

Im Hof vor der Werkstatt, die an den Laden angebaut ist, liegt ein großer Haufen Muschelschalen. In der Werkstatt liegen überall die Gebisse von riesigen Fischen, Meersterne und Schildkrötenpanzer umher. An den Wänden hängen aufgespannte Häute von Haifischen. Rachim setzt sich auf eine

Bambusmatte neben dem Fenster, er ergreift den Zahn eines Pottwals und beginnt, mit einem scharfen stählernen Messer eine Tschora, eine am Meeresufer lebende Eulenart, aus ihm zu schnitzen. Er haßt diesen Nachtvogel. Die alten Leute sagen, daß ein böser Geist in ihm lebe, der sich von Menschentränen nährt. Wenn nachts der Taifun die Fischerboote zum Kentern bringt, dann setzt sich diese Eule auf die spitzesten Felsenriffe und ruft mit menschlicher Stimme: „Tschorr! Tschorr! Hierher, Hierher!“ Je dunkler die Nacht, desto heiterer ist die Tschora. Sie kennt nichts Schöneres, als ihren Schnabel in die Brust einer Uferschwalbe zu stoßen und langsam das Blut zu schlürfen. „Tschorr! Tschorr! Alles ist mein… die ganze Welt… Ich bin die Tschora!“ Ein böser, gieriger und prahlerischer Vogel, ganz wie der Sahib… Wenn er aber den Ruf des erwachenden Albatros hört, dann sträubt sich sein Gefieder, und er gleicht einem Häuflein grauen Schmutzes. Der Sahib hat alle die häßlichen Vögel verkauft, jetzt muß man neue Ware schaffen. Man muß ihm gehorchen. Das Messer zittert in der braunen Hand des Jungen. „He, schwarze Fratze!“ hört Rachim den Herrn rufen. Er läuft eilig in den Laden. Dort ist Kundschaft, ein Mädchen und ein amerikanischer Sahib. Sie betrachten aufmerksam eine Haifischhaut, über der ein Täfelchen hängt:

„Bei der Jagd auf diesen Hai kam Nairaja, der Haifischtöter, im Alter von dreiundzwanzig Jahren am Strand von Colombo ums Leben.“ Ferguson will für diesen Mörderhai viele Rupien, sehr viele Rupien haben. Der Amerikaner will nicht so viel zahlen. Dem Mädchen aber gefällt die Haut des Mörderhais. „Wir nehmen sie.“ sagt das Mädchen. Rachim rollt die Haifischhaut zusammen und trägt sie zum weißen Auto des Amerikaners. Der wirft ihm als Lohn den Stummel seiner Zigarre hin. Rachim sitzt wieder in der Werkstatt. Noch ist es hell, ein Sonnenstreifen liegt auf dem Ziegeldach und auf den Blättern der Bäume. Aber Rachim weiß, daß es bald Abend ist, kaum eine Viertelstunde wird es dauern, und das Abendrot wird mit wunderbar leuchtenden Farben den Sonnenuntergang verschönen. Das Messer kratzt. Es ist die letzte Tschora für heute. Nur noch der Schnabel muß fertig werden. Dann kann er sich ein wenig erholen und einen Blick auf das Abendrot werfen. Aber Rachim fallen die Augen zu. Rachim träumt von seinem fernen Heimatdorf am Strande des Ozeans. Nahe am Meer brennt ein Lagerfeuer. Rings um das Feuer sitzen die Fischer, es sind Haifischjäger und Muscheltaucher, die die orangeroten Muscheln heraufbringen. Sie blicken auf den kochenden Kessel, in dem eine Suppe aus Schildkröten mit einer Handvoll Reis für jeden brodelt.

Die Männer müssen alle für Ferguson arbeiten. Er gibt ihnen die Boote, die Angelhaken, er leiht ihnen auch Geld, wenn der Dorfälteste Bürgschaft leistet. Fast alle Jäger haben Schulden bei ihm. Ein Zittern überläuft Rachim. Er sieht, wie der Ozean eine große, dunkelgrüne Welle an den Strand schleudert. Der Wind bläst die Flammen des Feuers an. Die Funken

sprühen und überschütten Rachim. Er schreit vor Schmerz und öffnet die Augen. Vor ihm steht sein Sahib und schüttet ihm die heiße Asche aus der Pfeife ins Gesicht. Rachim springt auf. „Hast du alles fertig?“ „Ja, Sahib, drei Vögel.“ „Ganz gleich, ich habe dir nicht erlaubt zu schlafen. Geh ins Restaurant und sage, man soll mir mein Abendessen herüberschicken.“ Der Kellner, ein Muselman im weißen Turban, kommt bald darauf über die Straße und trägt die Speisen in mehreren Metallschüsseln in den Andenkenladen hinein. Da ist Reis, so weiß wie der ewige Schnee auf Berggipfeln, ein indisches Fleischgericht mit scharfem Curry und frische, eingezuckerte Früchte. Während Ferguson ißt, muß Rachim hinter dem Sahib stehen. Rachim bemüht sich, nicht auf die Schüsseln und ihren Inhalt zu blicken. Wieviel könnte ich von solchem Reis essen? denkt Rachim. Wohl drei Teller voll, vielleicht sogar vier… Doch um Reis zu kaufen, braucht man Rupien. Und er hat kein Geld. Rachim arbeitet ohne Lohn, denn er muß die Schulden seines im Ozean umgekommenen Vaters bei Ferguson abarbeiten.

Sein Vater war einer von den Tauchern, der orangerote Muscheln aus der Tiefe heraufbrachte. Ein Herbsttaifun hatte ihn mit seinem Segelboot in das Reich der Taifune entführt, aus dem es keine Rückkehr gibt.

Bis zur letzten Rupie muß Rachim das Boot abzahlen, denn es war dem Vater nur geliehen worden. Er hatte noch sechshundert Tage vor sich… „Hast du nicht den weißen Albatros auf der Fahne der Matrosen gesehn?“ „Ich hab ihn gesehn, Abba.“ „Das Volk muß frei werden, wie dieser Vogel frei ist. Und es wird die Freiheit erlangen!“ Ein herrlicher Sternenhimmel glitzert über Colombo. Die Magnolien duften. Irgendwo in der Ferne singen Mädchen. Aus einem Restaurant erklingen die erregenden Töne einer Geige. „Abba, sage mir, wenn ich vom Sahib weglaufen würde, wie weit käme ich wohl?“ Abba lachte traurig: „Sieh dir nur deine Ferse an, du hast ja einen Brandstempel, wie ein Kälbchen!“ Rachim dreht das rechte Bein mit der Sohle nach oben. Auf der Ferse kann er sogar beim ungewissen Mondlicht deutlich die dunkle Tätowierung lesen: „George Ferguson, Colombo.“ Abba sieht den Knaben forschend an und sagt: „Nein, du sollst nicht fortlaufen, Rachim, nur die schwächlichen Waldtierchen laufen davon und verbergen sich in dunklen Höhlen. Fliehen? Ja. Aber nicht in die feuchte, dunkle Nacht hinaus, sondern ins Licht, zu den Freunden.“ „Sprich, sprich, Abba, du bist so klug!“ bittet der Knabe eindringlich und wendet keinen Blick von dem Alten. „Ich höre zu, Abba. Sage mir, wo kann ich das Glück finden?“

„Man muß es sich erkämpfen!“ „Oh, Abba, ich weiß, wovon du sprichst…“ Eine helle Träne rinnt über Rachims Wange. „Dein Reis wird gleich überkochen, paß auf!“ sagt Abba. „Iß mit mir.“ „Nein, nein, ich bin schon alt, ich kann warten“, sagt Abba und geht rasch. Als Rachim in den Laden

zurückkommt, sitzt der Herr in einem Sessel. Er hat sich den Kragen des Hemdes aufgeknöpft und trinkt gelben Bananenschnaps aus einem Glas. „Laß den Vorhang herunter!“ befiehlt er dem Knaben. Mit quietschendem Geräusch fällt der Bambusvorhang. „Und jetzt wasch den Fußboden mit kaltem Wasser auf, es wird in der Nacht wieder schwül werden.“ Rachim schleppt Wasser aus dem Brunnen im Hof herzu und wäscht den Fliesenboden des Ladens. Die Zeiger der Wanduhr, die aussehen wie Schwalbenflügel, zeigen schon die zwölfte Stunde an. Rachim kann sich kaum noch auf den Füßen halten; die Augenlider fallen ihm zu, und der Körper ist schwer wie Blei. Abba senkt den Kopf und geht vom Fenster fort. Wäre er noch ein wenig länger geblieben, dann hätte er gesehen, wie Rachims Augen aufleuchteten. Was war mit Rachim geschehen? Fröhlich kratzte das Messer, das in den weißen Knochen schnitt. Ein Vogel war schon beinahe fertiggestellt. War es eine Tschora? Nein, diesmal war es keine Küsteneule. Es war ein Albatros, der Vogel, der frei und stolz über den uferlosen Weiten des Ozeans dahinschwebt… Das Schnitzmesser singt. Flink fassen die Finger zu. Rachims Hände sind gewandt. Er ist nicht mehr schläfrig. Nach allen Seiten fliegen die weißen Späne. Ganz vertieft in seine Arbeit bemerkt Rachim nicht, wie der Sahib in die Werkstatt kommt. Der sieht sprachlos auf den Albatros.

„Was soll das heißen?“ brüllt er und dringt auf den Jungen ein. „Dummkopf, wer kauft Albatrosse? Nur die schwarzen Matrosen lieben diesen Vogel… Mach wieder Eulen! Hörst du wohl!“ „Nein, Sahib“, antwortet Rachim ruhig. Das schlaffe, rote Gesicht des Ladenbesitzers wird plötzlich blaß. „Ich habe mich wohl verhört?“ „Nein, Sahib!“ Mit einer nie gesehenen Geschwindigkeit rennt der Herr aus der Werkstatt und kommt sofort zurück, einen Bambusstock in der Hand. Dunkle Streifen zeichnen sich gleich nach den ersten Schlägen auf Rachims Rücken ab. Er erhebt sich, er steht aufrecht wie eine bronzefarbene Statue und rührt sich nicht. „Nun, wirst du jetzt wieder Eulen schnitzen?“ „Nein, Sahib.“ Unerschrocken blickt er auf den fetten, vor Wut schäumenden Sahib, und einen Augenblick später wirft er ihn mit einem kräftigen Stoß zu Boden und entreißt ihm den Stock. Ferguson ist viel stärker als der Knabe. Er ist der Herr und Gebieter, er könnte jetzt aufspringen und ihn erwürgen, doch eine unerklärliche Furcht lähmt ihn und macht ihn schwach. „Abba, zu Hilfe!“ schreit er röchelnd. „Abba!“ Rachim vergilt ihm Schlag auf Schlag. „… acht… neun…“

„Abba, läute Sturm!“ „…elf…“ „Abba!“ stöhnt Ferguson, ehe er die Besinnung verliert. Erst jetzt kommt Abba in die Werkstatt. Er denkt gar nicht daran, dem Herrn zu helfen.

„Lauf zum Hafen, geh auf den Segler, frag nach dem Bootsmann Selim! Die Matrosen sind kühne Leute“, sagt er zu Rachim. „Lauf, du junger Löwe!“ „Gleich, Abba, gleich.“ Ehe Rachim der Werkstatt für immer den Rücken wendet, zieht er das Bündel Holzstäbchen hervor, zerbricht sie alle und wirft sie über den Sahib: „Da hast du die Schuldsumme des Vaters!“ „Eile, Rachim!“ „Ich gehe! Leb wohl, Abba!“ Nach einigen Minuten blickt Abba lächelnd zu den Sternen empor und geht langsam auf die Alarmglocke zu. Schweißgebadet kommt der Sahib zu sich. Als die Glocke ertönt, antworten ihr die aufgeregten Trillerpfeifen der Polizei. Im Andenkenladen ist der englische Polizist damit beschäftigt, die äußeren Merkmale des Singalesenjungen Rachim in sein Notizbuch zu schreiben. „Bringt ihn mir, tot oder lebendig!“ brüllt Ferguson, außer sich vor Zorn. Aber Rachim ist schon weit. Er ist auf dem kleinen Segler, der eben seine bunten, hohen Segel aufgezogen hat. Rachim sitzt auf Deck, und der Bootsmann Selim, ein schon bejahrter Singalese, wäscht die Ferse des Jungen mit einer Flüssigkeit aus wilden Beeren. Dieser Absud, mit dem man jede Tätowierung entfernen kann, brennt wie das leibhafte Feuer. Aber Rachim empfindet keinen Schmerz.

„Ich habe den Vogel mitgebracht. Hier ist er“, sagt er und zieht aus seinem Lendenschurz den Albatros. „Ich habe ihn selbst geschnitzt.“ „He, schaut mal her, da haben wir keinen dummen Jungen aufgelesen!“ ruft der Bootsmann Selim vergnügt den Matrosen zu. Die Seeleute treten herzu, sie blicken wohlgefällig auf ihn und auf den Albatros und sagen: „Das ist ein prächtiger Vogel!“ „Es ist der gleiche Vogel, den wir auf unserer Fahne führen, Junge!“ sagt der Bootsmann. Er legt Rachim freundschaftlich die Hand auf die Schulter und gibt dann einen ungewöhnlichen Befehl: „He, flink hinauf, befestigt den Albatros am Mast!“ Der Ozean rauscht. Hell brennen die südlichen Sterne über dem weiten Meer. Der Hafen liegt schon weit hinter ihnen. Sehr weit. Aber Rachim wird nach Colombo zurückkehren, wenn er groß und stark geworden ist, um den Kampf mit dem Sahib und seinesgleichen aufzunehmen. Die Sterne leuchten. Der Segler der Singalesen fliegt mit weit ausgebreiteten Segeln der Morgenröte über dem Ozean entgegen.

DER SCHIFFSJUNGE PIETRO A. BATROW

Piaccia, der Kapitän des Seglers „Poppeja“, blickt zornig auf Pietro, den schmächtigen schwarzäugigen Schiffsjungen. „Hast du etwa heute gesungen, als ich zum Markt ging?“ fragt er. „Ja, Signor.“ „So, so, dann erzähle mal, wer von den Matrosen dieses Lied besonders gern hört?“ Pietro versteht, wo der Herr Kapitän hinauswill. Er schweigt und tritt von einem Fuß auf den anderen. „Wer singt noch das Lied außer dir?“ brüllt Signor Piaccia. „Das will ich Ihnen gern sagen“, Pietro lächelt. „Signor, dieses Lied singt ganz Italien!“ Signor Piaccia brüllt den Jungen mit wutverzerrtem Gesicht an: „Ich werde dich lehren, Pietro, auf meinem Schiff zu singen! Ich werde dir das Singen austreiben! Pack deine Sachen zusammen!“ Zehn Minuten später klettert Pietro mit einem Bündelchen in der Hand vom Schiff herunter und geht langsam am Hafenkai entlang. Pietro ist arbeitslos geworden.

Wohin soll er sich wenden? Vielleicht sollte er einmal auf der „Arietta“ wegen Arbeit anfragen. Nein, man braucht dort keinen Schiffsjungen! Also muß er wohl zu Großvater Giovanni gehen. Und ringsum ist der schönste Frühling… Auf den Hängen des Ätna blühen die Gärten. Unten liegt die Stadt und der Hafen Catania. Hier ist viel Sonnenschein. Alles

ist durchtränkt von der Sonne, sogar das ruhige, grenzenlose Meer ist bis auf den Grund von Sonnenlicht durchflutet. Das Haus, in dem der Großvater wohnt, steht an der Gasse des Heiligen Petrus. Es ist ein altes sizilianisches Haus mit einer hölzernen Galerie und einem engen Hofraum. Dicht daneben erhebt sich der hohe Hafenturm. Pietro bleibt unschlüssig stehen, als er nahe herangekommen ist. Ihm wird ganz heiß bei dem Gedanken: Was wird der Großvater sagen? Unschlüssig blickt er auf das bekannte Gittertor. Aber der Großvater nimmt den Enkel freundlich auf. Er errät sofort, was Pietro zugestoßen ist. „Hat man dich fortgejagt?“ „Ja, Großvater.“ „Was ist denn geschehen? Wahrscheinlich bist du beim Kapitän ungezogen gewesen.“ „Nein, ich habe bloß ein Lied gesungen.“ „Ein Lied? Was für ein Lied, Pietro?“ „Das Spottlied von den amerikanischem Strohpuppen.“ Die Augen des Großvaters sehen freundlicher drein. Doch er schüttelt mißbilligend den Kopf: „Ach, Pietro, nun bist du wieder ohne Arbeit.“ Pietro schnürt sein Bündel auf. Da ist ein altes Hemd drin, zerrissene Strumpfe und ein grüner Hut. Giovanni, der früher einmal Seemann war und

Korallen fischte, sieht die wenigen Habseligkeiten seines Enkels daliegen. Er fächelt und sagt: „Ich sehe schon, dein Kapitän Piaccia ist tatsächlich ein gemeiner Hund… So war auch mein Kapitän, Carlo Bertini. Zehn Jahre lang arbeitete ich für ihn und riskierte dabei täglich mein Leben. Mit diesen Händen habe ich drei Haie getötet, und mit dem vierten hatte ich einen erbitterten Kampf und wurde schwer verwundet. Wenn ich einen oder zwei Monate lang Zeit gehabt hätte, mich zu kurieren, dann wäre ich heute noch auf See. Aber Kapitän Bertini sagte schon am zweiten Tag: ,Giovanni, für dich ist die Meeresluft ungesund, und die Arbeit auf dem Schiff wird dir schwerfallen. Such dir andere Arbeit.’“ Der Großvater war damals zur Werft gegangen. Noch heute arbeitet er als ungelernter Arbeiter im Kesselwerk. Das Leben ist schwer. Der Arbeitsverdienst reicht kaum fürs tägliche Brot. Es ist bitter, als alter Mann so schwer schuften zu müssen. Giovannis einziger Sohn, Philippe, Pietros Vater, ist in den Sandwüsten von Libyen umgekommen. Und Pietro ist ja noch ein Kind… „Hör, Pietro, ich kann dir nichts geben, außer einem Stück Brot. Aber du sollst wissen, daß dies Brot dir gehört. Denke keinen Augenblick, daß du mir zur Last fällst. Verstanden, Pietro?“ „Ja, Großvater, ich danke dir.“

„Es wird auch einmal eine bessere Zeit kommen… Und du, Pietro, wirst auch für Italiens Glück kämpfen, wenn du erst groß bist!“ „Ich bin nicht mehr klein!“ „Doch, doch, du bist noch ein Bub.“ Pietro macht ein betrübtes Gesicht. „Verstehe ich denn nicht schon zu steuern?“ wendet er sich gekränkt an den Großvater. „Denkst du etwa, ich verkrieche mich im Zwischendeck oder gar im Laderaum, wenn die Wellen über das Deck fegen, wenn das Meer, die Nacht und der Sturm um die Wette toben?“ „Du bist noch ein Bub“, wiederholt der Großvater, „ja, ein Bub und sollst vorsichtig sein.“ „Schon gut, aber sage mir lieber, was ich für Italien tun kann?“ „Du sollst es lieben, Pietro.“ „Ist das alles?“ „Kämpfe gegen die bösen Menschen, die einen neuen Krieg anstiften wollen. Sie haben deinen Vater umgebracht. Sie werden sich auch an dich heranmachen… Wer für den Frieden kämpft, kämpft für Italien.“ „Das weiß ich, Großvater. Ich weiß, wer den Krieg will. Nicola hat es mir gesagt.“ „Dein Nicolo ist ein guter Mensch.“ Giovanni stopft seine Pfeife, sein Blick ruht auf seinem Enkel, und sein braunes, runzliges Gesicht erhellt sich durch ein warmes Lächeln.

„Pietro“, sagt er, immer noch lächelnd, „du mußt etwas unternehmen. Nimm deine Angel zur Hand, vielleicht wird das Meer einem arbeitslosen Schiffsjungen zwei oder drei Makrelen schenken.“ Vor dem Fenster zwitschern die Schwalben, über dem Gipfel des Ätna liegt eine gelbliche, nach Schwefel stinkende Wolke. Der Himmel über Catania ist heute noch blauer als das Meer. Es ist schön, mit der langen Angelrute in der Hand auf der Mole zu sitzen, neben sich die Freunde, Enrico und Antonio. Die beiden sind ebenso wie Pietro arbeitslose Schiffsjungen. „Beiß an, beiß an!“ singt Pietro. „Einen für mich, den zweiten für den Großvater, zwei will ich verkaufen… He, wer kauft frische Fische?“ „Hierher, hierher, Frau Makrele!“ ruft Antonio, Sohn eines Hafenarbeiters. Er ist ein lebhafter, kleiner Bursche mit einem von Sommersprossen übersäten Gesicht. Als gleich darauf eine Makrele wirklich anbeißt, ruft er voller Freude: „Gefangen, gefangen!“ Wenn es aber keine Beute gibt, dann sind alle betrübt. Dann erscheint ihnen das Meer unfreundlich. „Wo könnte man Arbeit finden?“ fragt Antonio vergrämt. Er war entlassen worden, weil er das Mittagessen aus verdorbenem Makkaroni einen „Rattenfraß“ genannt hatte. Und Enrico war entlassen worden, nur weil er nicht hübsch genug aussah…

„Der Herr Steuermann sagte zu mir: Enrico, du gefällst den Passagieren nicht. Wir brauchen einen lustigen, schmucken Schiffsjungen auf unserem Schiff“, erzählte Enrico. „Und jetzt geht es meiner kleinen Schwester gleich viel schlechter. Alles, was ich verdiente, gab ich ihr, damit sie sich Milch kaufen konnte. Jetzt ist sie ganz krank, die Angelica, was soll ich bloß machen, um Arbeit zu bekommen? Ich würde bis ans Ende der Welt auswandern, bis Lima oder Rosario.“ Pietro sieht ihn tadelnd an und sagt: „Du darfst nicht auswandern.“ Aber Enrico hat nur ein bitteres Lächeln als Antwort: „Wer braucht uns? Mein Vater hat keine Arbeit, Angelica ist krank, und ich bin ein Schiffsjunge ohne Schiff.“ „Italien braucht uns!“ wiederholt Pietro. „Du hast recht, Pietro“, sagt Antonio, der bisher schweigend zugehört hat. Der kleine Enrico aber läßt den Kopf sinken, und eine Träne nach der anderen rollt über seine blassen Wangen. „Angelica wird sterben… Sie kann sich keine Milch mehr kaufen…“ An den Hängen des Ätna blühen die Gärten. Es wird keine sechs Wochen dauern, dann reifen die süßen, goldenen Früchte. Aber für die arbeitslosen Kinder Catanias sind sie nicht gewachsen. Hier ist viel Sonne. Das Sonnenlicht ist jedoch keine Butter, du kannst es nicht aufs Brot streichen.

„Hierher, hierher, he, Frau Makrele“, ruft Antonio ungeduldig. Aber kein Fisch beißt an. Am betrübtesten ist Enrico. Er sieht aus wie eine kleine kranke Möwe. „Sei tapfer, Enrico“, redet ihm

Pietro zu. „He, Pietro, bei dir hat es angebissen!“ ruft Antonio. Pietro zieht die Angel ein. Am Haken hängt eine silberglänzende Makrele, sie schlägt wild um sich. Auf ihrem Rücken schimmert es in allen Regenbogenfarben. „Sie beißen an, sie beißen an!“ ruft Pietro. „Zieh ein, Antonio!“ „Paß auf! Enrico!“ Sie machen reiche Beute. So ein Glück: vierzehn Makrelen! „Zwei für mich“, singt Pietro. „Zwei für Antonio, zwei für Enrico, und acht verkaufen wir und können von dem Erlös für Angelica Milch kaufen. Wollen wir es so machen, Antonio?“ „Gewiß, Pietro!“ Die Wellen schäumen. Sie sind warm und goldig glänzend. Die Sonne strahlt. Viel, viel Sonne! Es scheint, als werde dieser sonnige Frühlingstag niemals enden. Hoch am Himmel ziehen Kraniche. Sie fliegen gen Norden. Pietro vergißt seine Angel. Er winkt den Kranichen mit der Hand zu. Im Hafen legen Schiffe an. Pietro geht auf jedes dieser Schiffe und fragt: „He, Signor Kapitän, brauchen Sie einen Schiffsjungen?“ „Nein, wir brauchen keinen Jungen.“ „Signor, ich arbeite nur für das Essen.“ „Wir brauchen dich nicht, Freundchen…“

Die Tage fliegen dahin. Der 1. Mai steht schon vor der Tür, und noch immer hat Pietro keine Arbeit. Die Schiffe laufen aus in die blaue Meeresferne. „He, Signor Kapitän, nehmen Sie mich mit? Ich verstehe alle Arbeit an Bord!“ „Die Geschäfte gehen schlecht, mein Junge, wir schränken uns ein. Es bleibt nichts weiter zu tun, als im Hafen zu angeln. Nun, es ist ja nicht weiter schlimm…“ „Hierher, Makrele, hierher, bitte!“ Pietro kommt erst abends nach Hause. Er kocht für sich und den Großvater eine Fischsuppe. Nach dem Abendessen setzt sich Pietro ans Fenster und blickt lächelnd auf den Abendhimmel über Catania. Dort blitzen so viele Sterne. „Morgen ist der Erste Mai!“ sagt der Großvater. Er sitzt am Tisch und schneidet sich Pfeifentabak klein. Sein Blick ruht von Zeit zu Zeit freundlich auf dem Enkel. Heute ist es heller als gewöhnlich, denn eine Lampe brennt unter einem Schirm aus buntem Glas. Pietro hat ein sauberes Hemd an. Giovanni trägt einen Anzug aus blauem Baumwollstoff mit Knöpfen aus Perlmutter. Sein runzliges Gesicht, das immer noch die Spuren der Meereswinde trägt, lächelt. Morgen – ist der Erste Mai! Giovanni singt leise vor sich hin und mischt sorgfältig den haarfein zerschnittenen Tabak. „Du singst, Großvater?“

„Ja, mein Junge. Warum soll ich nicht singen? Früher hörten alle gern zu, wenn Giovanni sang… Weißt du, Pietro, noch habe ich Kraft in den Armen. Vielleicht erlebe ich es doch noch, daß Italien glücklich wird.“ Giovanni blinzelt dem Knaben aus seinen hellen, etwas hervortretenden Augen zu. Pietro schweigt. Er ist auf einige merkwürdige Gestalten aufmerksam geworden, die über das Dach des Nachbarhauses klettern, das gerade gegenüber dem Hafenturm steht. „Großvater, was mag da los sein?“ Giovanni tritt ans Fenster und sagt Pietro, er solle den Docht der Lampe tiefer schrauben. Er sieht lange in die Abenddämmerung hinaus und sagt endlich: „Es sind Soldaten, Pietro. Zwei Mann. Sie tragen ein leichtes Maschinengewehr. Was hat das zu bedeuten?“ Pietro zieht die Stirn kraus, so scharf denkt er nach. „Großvater“, ruft er dann erschrocken, „morgen wollen sich doch hier die Seeleute mit Fahnen und Blumen versammeln! Ich habe gehört, es wird hier eine Versammlung stattfinden. Sie wollen auf der Spitze des Turmes eine rote Fahne hissen. Vielleicht ist den Soldaten befohlen worden, auf das Volk zu schießen. Was meinst du, Großvater?“ „Es scheint so zu sein.“ „Man muß es Nicolo melden!“

„Ganz recht. Braus los, wie ein Schiff mit vollen Segeln!“ Nach einer Stunde kommt Pietro nach Hause. Er atmet schwer, sein Hemd klebt ihm am Körper. „Großvater, ich konnte Nicolo nirgends finden, überall suchte ich vergeblich nach ihm!“

Giovanni sieht den Enkel zornig an: „Nicolo ist keine Stecknadel, er kann nicht verlorengehen. Warst du denn auch bei Tante Sylvia?“ „Sie weiß nichts von ihm.“ „Dann ist Nicolo im Hafen, bei den Dockarbeitern.“ „Ich war dort, Großvater.“ „Warst du auch auf dem Dampfer ,Caispera1‘? Was sollen wir nur tun!“ Giovanni schlägt verzweifelt die Hände zusammen und sagt zu Pietro: „Stopfe mir mal das Pfeifchen, Junge!“ Dann raucht er gierig die ganze Pfeife Tabak und versinkt in Nachdenken. „Soll ich Antonio und Enrico rufen?“ fragt Pietro. Giovanni antwortet ihm nicht. Er klopft die Asche aus dem Pfeifenkopf auf seine Handfläche und sagt lächelnd: „Pietro, lauf in den Laden hinüber und kauf mir eine Flasche Wein.“ „Wein?“ Pietro ist sehr verwundert. Er versteht gar nichts mehr; in welchem Zusammenhang kann wohl der Wein mit den Soldaten auf dem Dach stehen? „Lauf, lauf!“ ruft ihm der Großvater zu. „Und noch eins: Geh in die Apotheke, sage dem dicken Leonardo, daß Giovanni schon seit vier Nächten nicht mehr schlafen kann. Er soll mir eine Medizin geben!“ Mit der Weinflasche in der Tasche steigt Pietro die Holztreppe zum Boden des Hauses empor, auf dessen Dach die beiden Soldaten sich gelagert haben. Die Treppe ist alt und baufällig, ihre Stufen krachen. Man muß leise, so leise wie irgend möglich, hinaufklettern.

Es ist Nacht. Am Himmel leuchten die Sterne. Sie funkeln gelblichrot, golden und bläulich. Über dem Krater des Ätna liegt der Widerschein einer dunkelroten Glut. Pietros Herz klopft aufgeregt, er preßt die Lippen zusammen. Er tastet sich zwischen dem Bodengerümpel hindurch und kommt an das Dachfenster. Die beiden Soldaten sitzen neben dem Maschinengewehr und unterhalten sich. Sie strecken ihre eingeschlafenen Glieder und gähnen vor Langeweile und Müdigkeit. „Eine verfluchte Aufgabe, die man uns aufgetragen hat, Alonso! Auf die Arbeiter zu schießen! Eine gemeine Sache!“ „Befehl ist Befehl. Sicher werden wir eine Belohnung bekommen.“ Pietro drängt sich an die Dachluke und hört jedes ihrer Worte. „Mir ist alles schnuppe! War das da eine Katze?“ „Wo siehst du eine Katze?“ „Da drüben bewegt sich was.“ Der Soldat, der Alonso genannt wurde, zittert und flüstert seinem Kameraden zu: „Geh in Deckung!“ Die Soldaten werfen sich flach neben dem Maschinengewehr hin. Auf dem Dach erscheint jetzt ein Junge. Es ist Pietro. Er hält eine Flasche Wein in

der Hand. Pietro setzt sich aufs Dach und sieht sich um; dann entkorkt er langsam die Flasche. Der Soldat Federico kann kaum das Lachen unterdrücken, er stößt seinen Kameraden in die Seite und flüstert ihm zu: „Sieh mal, der Junge hat irgendwo eine Flasche gestohlen. Wahrscheinlich ist es Wein.“ „Der Wein wird uns sicher besser schmecken als ihm. Wir haben die Pflicht, den Weindieb zu verhaften!“ „Das ist unsere heilige Pflicht. Wir nehmen den Jungen fest!“ Der Soldat Federico räuspert sich, steht auf und geht auf den Jungen zu: „He, wer bist du?“ „Ich, ich… ich…“, stottert Pietro mit gespieltem Schrecken und macht vergebliche Anstrengungen, sich auf die Beine zu stellen. Er krümmt sich zusammen und zittert am ganzen Körper, als ob man ihn mit einem Eimer kalten Wasser begossen habe. „Woher hast du den Wein?“ fragt ihn Federico drohend und packt ihn am Kragen. „Ich… ich…“, jammert Pietro kläglich, „ich will gestehen… Aber zeigen Sie mich nicht an, Signor Soldat… ich habe ihn beim Kaufmann Giuseppe gestohlen…“ „Gib die Flasche her!“ „O ja, bitte sehr, Signor!“

„Du bist ein sauberes Früchtchen!“ sagt der andere Soldat, Alonso, und sieht Pietro aufmerksam an. „Woher bist du?“ „Ich bin nirgendwo daheim, Signor.“ „Landstreicher?“ „Ja, Signor… bitte zeigen Sie mich nur nicht an. Der Kaufmann Giuseppe hat eine harte Hand!“ „Na schön, wir werden dich ihm nicht ausliefern, wenn du ruhig hier sitzen bleibst. Du wirst bis zum Morgen bei uns bleiben.“ „Oh, sehr gern. Ich sehe gern zu, wie geschossen wird!“ „Setz dich nieder und halt den Mund, Dummkopf!“ Pietro sitzt brav neben den Soldaten. Die trinken den Wein und lachen. Dreißig Minuten später ist an Pietro die Reihe zu lachen. Da fesselt er gemeinsam mit dem Großvater, Enrico und Antonio die tiefschlafenden Soldaten. Das Maschinengewehr werfen sie auf die Straße. „Nun, was sagst du jetzt, Großvater?“ fragt Pietro sehr vergnügt. Der Großvater stopft sich sein Pfeifchen, raucht an, wischt sich mit dem Taschentuch über das schweißnasse Gesicht und sagt: „Italien dankt euch, Jungen!“ über Catania» scheinen die Sterne. Sie leuchten hell.

DER KLEINE IWANOW S. GEORGIJEWSKAJA

Im Süden der großen Sowjetunion gibt es ein Meer, das jedoch nicht so tief ist wie andere – es heißt das Asowsche Meer. Der Meeresgrund ist wie bei allen seichten Gewässern weich und schlammig. Die Fische leben gern in Meeren mit solchem Boden. An der Küste wohnen Fischer. Es sind mutige, starke Menschen. Sie fürchten weder Sturm noch Wellen. Bei jedem Wetter fahren sie mit ihren Booten aufs Meer hinaus. Frühling und Herbst sind schwere Zeiten für diese tapferen Fischer. Zu Beginn des Frühjahrs und im späten Herbst toben auch auf dem Asowschen Meer wütende Meeresstürme. Der Frost wird abgelöst durch plötzlich eintretende Wärme und Schneestürme, durch lang andauernde Regengüsse. An einem Novembermorgen, als die Fischer zum Fischfang hinausfuhren, war das Wetter klar und still. Zur Mittagszeit begann plötzlich der Nordwind zu blasen. Der Frost setzte ein – und das Meer bedeckte sich an der Küste mit der ersten Eisschicht. Über den dürren Herbstgräsern der Steppe lag Rauhreif. Die letzten Rüben in den Gemüsegärten zogen sich in dem

eisigen Wind zusammen und wurden schwarz, als seien sie verbrannt. Die Strohdächer der Häuser wurden plötzlich weiß, als hätte sie jemand mit Kreide bemalt. Der Frost nahm von Stunde zu Stunde zu, und die Eisdecke am Strand wurde immer breiter und dicker. Die Fischer waren weit draußen auf dem Meer. Wie sollten sie jetzt zurückkommen? Die Familien der Fischer gingen an den Strand und schauten voller Sorge auf das Meer hinaus. Es waren alte Männer, Frauen und Kinder. Sie hatten sich warm angezogen, ‘ denn der Wind war eisig kalt. Leise sprachen sie miteinander. „Sind sie noch nicht zu sehen?“ „Noch immer nicht.“ Auf der Anlegebrücke, die ins Meer hinausführte, stand breitbeinig, die Füße in den schweren Stiefeln, der Vorsitzende des Kolchos, Iwan Mischur. Sein Gesicht war gespannt, er horchte, ob auf dem Meere nicht ein Motor zu hören sei. Eine halbe Stunde war vergangen, seit er selbst von der Fischereistation einen Motorkutter angefordert hatte, der den Fischern zu Hilfe kommen sollte. Mischur wußte sehr gut, daß der Kutter bei diesem Wellengang mindestens anderthalb Stunden brauchte, um die Fischer und das Boot zu bergen. Dennoch horchte er erwartungsvoll.

Auf einem schwarzen, vom Wasser abgeschliffenen Stein saßen drei alte Männer. Sie sprachen nicht, sondern blickten sich nur an und schüttelten die Köpfe. Sie wußten sehr gut, wie jetzt den Fischern auf dem Meere zumute war. Es war ihnen, als säßen sie

selbst in dem breiten Boot unter den knatternden, eisbedeckten Segeln. Langsam nur kämpfte sich das Boot durch das dunkle, brausende Wasser. Bis in die Tiefe war das Meer aufgerüttelt, und selbst der Frost vermochte es nicht zu bändigen. Die Wasserfläche dampfte vom Frost und Wind. Das Wasser an den Rudern der Fischer erstarrte zu Eis. Auch die Seiten des Bootes waren mit Eis überzogen. Wütend entriß der Wind den Wellen den kochenden Gischt, der sich sofort in kleine stechende Eissplitter verwandelte, und warf ihn den Menschen ins Gesicht. Die Kleider und die Gummistiefel der Fischer waren ebenfalls mit Eis bedeckt. Ihre Hände schmerzten vor Kälte und vom schweren Rudern. Die Fischer gaben ihre letzte Kraft her, und doch schien das Boot nicht von der Stelle zu kommen, denn immer wieder hemmte das mit Eisschollen bedeckte Meer die Fahrt des Bootes. Auf dem Festland hatte sich unterdessen neben den drei Alten ein etwa neunjähriger Junge hingehockt, es war Wanja Iwanow. Er trug eine gesteppte Jacke von seiner Mutter und auf dem Kopf eine Mütze, deren Ohrenklappen im Winde hin und her flatterten. Er zog die Nase kraus bei dem eisigen Wind, rieb sich seine blaugefrorenen Hände und sagte immer wieder: „Ich glaube, da sind sie!“ „Wo?“ „Dort.“

„Jetzt höre aber auf, die Menschen unnütz aufzuregen! Geh lieber nach Hause, hinter den Ofen! Was drückst du dich hier herum?“ Wanja ging ein Stück von den Alten weg und versteckte sich hinter einem breiten Rücken. Er tat so, als höre er auf den Rat des Alten. Aber wie alle wollte auch Wanja auf die Heimkehr der Fischer warten. Ehe Gawrik nicht zurückgekommen war, würden weder er noch die Mutter vom Ufer fortgehen. Sie stand dort hinten mit den anderen Fischerfrauen nahe bei den kleinen Stegen und blickte ununterbrochen aufs Meer hinaus. Nach Wanja schaute sie sich gar nicht um. Das war auch gut so, denn wenn sie ihn bemerkte, dann würde sie ihn wahrscheinlich auch hinter den Ofen jagen. Unter den Kufen eines herannahenden Schlittens knirschte der gefrorene Schnee. Der Kolchoskutscher Petrowitsch kam mit seinem Pferd Tjulka zum Strand, um von den Fischern die Fische in Empfang zu nehmen. Petrowitsch war ein guter Alter. Er jagte die Kinder niemals aus dem Pferdestall und erlaubte ihnen, zur Tränke zu reiten; er ließ sie sogar die Pferde anspannen. „Onkel Petrowitsch“, rief Wanja freudig, „Tjulka.“ Er lief dem Schlitten entgegen. Das Pferd blieb nahe am Ufer stehen. Zitternd blickte es geradeaus, spitzte die Ohren, als lausche es dem dumpfen, unaufhörlichen Rauschen des Meeres. Tjulka war hier geboren und hatte sich an das Meer gewöhnt. An einem hellen Sommertag vor etwa sieben oder acht

Jahren war das Fohlen zum erstenmal übermütig auf seinen ungelenken Beinchen zu diesem Ufer herabgesprungen. Vorsichtig hatte es den Kopf geneigt und sein rosiges Mäulchen neugierig vorgestreckt. Denn hinter dem Rohr rauschte, raschelte und gluckste es, und ein feuchter, salziger Wind blies ihm entgegen. Inzwischen war Tjulka ein großes Pferd geworden, das fleißig arbeitete. Außer dem Meer, dem Ufer und dem Kolchos kannte es nichts und glaubte wohl, die ganze Erde sei erfüllt vom Dröhnen des Meeres und seinem feuchten, salzigen Geruch. Nun stand das Pferd vor dem Schlitten im Frost. Aus den Nüstern stieg weißer Dampf, und seine großen, guten Augen blickten ruhig auf die weite, eisbedeckte Wasserfläche, die ohne Ende zu sein schien. Wanja umfaßte die Deichselstange und lehnte sich an die rötliche Flanke Tjulkas, die bereits vom Winterfell bedeckt war. Zu zweit war es wärmer. So standen sie lange aneinandergeschmiegt, dem Wind ausgesetzt, und blickten aufs Meer hinaus. Noch immer war kein Boot zu sehen. Nur hin und wieder schwebte eine schwarzweiße Möwe vorüber. Da! – In der Ferne blinkte etwas Weißes auf… War es ein Segel oder nur der Flügel eines Vogels? – Nein, es war das Boot, das Boot! Die Menschen am Ufer begannen aufgeregt hin und her zu laufen. Die Frauen weinten laut. Und auch die

Kinder fingen an zu weinen und zu schreien. Das Segel wurde größer und größer. Das Boot kam immer näher. Jetzt hatte es die Eisdecke erreicht. Man konnte deutlich erkennen, daß die Männer, die auf den Bänken saßen, vor Kälte vollkommen erstarrt waren. Die Menschen, die bisher am Ufer gestanden hatten, eilten zu Hilfe, um das vereiste Tau zu packen. „Steig aus, Anton! Steig aus, Nikita! Geht, wärmt euch, wir werden allein fertig!“ Mühsam schwankten die Fischer auf ihren erstarrten Füßen. Vorsichtig gingen sie über das Eis nach Hause, wo es keinen schneidenden Wind mehr gab und die Glut des gutgeheizten Ofens ihnen entgegenströmen und sie erwärmen wurde. Auch Gawrik war unter ihnen. Doch er war kaum wiederzuerkennen. Der wollene Rollkragen des Pullovers war mit Eiszapfen bedeckt, die wie ein grauer Bart aus der Lederjacke hervorstachen. Von der Kälte waren Gawriks Augenbrauen und Wimpern vereist und sahen ganz weiß aus. Er hatte sich zusammengekrümmt und ging so schwerfällig, als sei er nicht achtzehn, sondern achtundachtzig Jahre. Die Mutter eilte ihm entgegen. „Gawrik, mein Junge!“ Sie blickte ihm ins Gesicht und lief neben ihm her. „Gawrik!“ rief auch Wanja und lief ihnen nach. Dann blickte er sich um.

Die Menschen hatten sich geschäftig um das zurückgelassene Boot versammelt. Von weitem konnte man aber nicht erkennen, was sie taten. Wanja blieb zurück, wandte sich dann um und ging wieder auf das Ufer zu. Die Fischer hatten schon die Segel eingezogen und die schweren Netze auf das Eis ausgelegt. Die Fische in den Netzen zappelten nicht mehr – sie lagen da, weiß vom Rauhreif, durch den

Frost betäubt. Es waren mehr Fische, als die Fischer das ganze Jahr hindurch gefangen hatten. In jeder Masche der Netze hing ein Fisch. Es war unmöglich, diese Netze mit den Händen fortzubewegen. „Petrowitsch! Petrowitsch! Komm, hilf uns!“ Der Kutscher schnalzte mit der Zunge. „Los, los, meine Liebe!“ Tjulka ging gehorsam auf das Eis.

Die Menschen luden schnell die Netze, die voll mit Fischen waren, auf den Schlitten und beeilten sich, an das Ufer zurückzukommen. Auf dem Eise blieben nur noch der Kutscher und das Pferd. Tjulka glitt bei jedem Schritt aus, sie streckte den Kopf aus, als wolle sie sich verbeugen, und zog so die schwere Last. Als sie ganz nah an das Ufer herangekommen war und beinahe das Geröll erreicht hatte, fing das Eis plötzlich an zu bersten. In den Spalten zwischen den Eisschollen zeigte sich trübes, fließendes Wasser. Immer breiter wurden die dunklen Strömungen in den Eisrissen. Immer dumpfer rauschte das Meer. Es schlug mit solcher Kraft an die Eisschollen, als wollte es alles einholen, was es versäumt hatte, als es unter dem Eis stillstehen mußte. Die Menschen, die unterdessen das Ufer erreicht hatten, blieben wie erstarrt auf der Landzunge stehen. Das Krachen und Knirschen des Eises wurde immer stärker. Jetzt teilte sich auch die große Eisscholle, auf der noch soeben der Kutscher, das Pferd und der Schlitten zusammen gestanden hatten, in zwei Teile. Die kleinere Eisscholle, auf der das Pferd stand, neigte sich stark zur Seite, und die dunkle Welle, die sich von unten emporgerissen hatte, peitschte Tjulkas Füße. Gleich mußte das Pferd ins Wasser hinabgleiten und den Schlitten mit den aufgeladenen Netzen in das Wasser mit sich ziehen. Die Netze waren aber

kostbares Gut. Petrowitsch wußte das so gut wie alle anwesenden Fischer. Ohne ein Wort zu sagen, zog er ein Messer aus dem Stiefelschaft und zerschnitt die Leine. Die Strömung warf die Eisscholle, auf der Tjulka stand, weit hinweg vom Kutscher und vom Schlitten. „Die Fischhaken!“ schrie Iwan Mischur mit fremd klingender Stimme. Einige eiserne Haken schnitten sich in die Eisscholle ein, auf der Petrowitsch stand. „In Ordnung, sie halten fest!“ Die Menschen zogen vom Ufer aus mit einem einzigen gemeinsamen Ruck die Eisscholle mit Petrowitsch, dem Schlitten und den Netzen ans Ufer. Die Stute blieb allein im Meere zurück. Sie hatte ihren großen Kopf tief gesenkt. Die Mähne und der Schwanz wehten im Winde. Unter dem Gewicht des Pferdes sank die Eisscholle tiefer und tiefer ins Wasser, und die Strömung riß ständig neue Eisstöcke ab. Nach jedem Stoß wurde die Eisscholle kleiner. Die Fischer versuchten vom Ufer aus auch diese Eisscholle mit dem Fischhaken zu fangen. Aber Tjulka erschrak vor der Stange, wich zurück und gewann kaum das Gleichgewicht auf der Eisscholle wieder. „Tut nichts, wir fangen sie mit einer Schlinge ein und ziehen sie heran“, sagte jemand. „Wie kannst du sie heranziehen?“ erwiderte ärgerlich Mischur. „Das Eis würde sie zerreißen. Das

geht nicht!“ Die Fischer warfen ein zweites Mal den Fischhaken aus. Sie zielten gut. Aber das Pferd fuhr zusammen und schlug mit den Hufen auf die Eisscholle, die zu schwanken begann. Jeden Augenblick konnte es untergehen. Da trat ein Junge aus der Menge und sprang mutig auf die Eisscholle, die dem Ufer am nächsten war. Von dort aus sprang er auf die zweite, auf die dritte… Es war Wanja. „He, du! Wohin? Komm zurück, komm zurück!“ schrien die Menschen am Ufer. „Gleich!“ rief Wanja. Er hockte sich auf dem Eis nieder und breitete die kurzen Arme in den langen Ärmeln der mütterlichen Jacke weit aus. Sein geringes Gewicht hielten die kleinen dünnen Eisschollen aus. Ein Erwachsener hätte auf diesem schwimmenden Ufereis nicht umherspringen können, ohne daß die Eisschollen untergegangen wären. „Zurück, zurück!“ rief man Wanja vom Ufer zu. „Das Pferd wird untergehen und du auch!“ Aber Wanja blickte sich nicht einmal um. Er lief über die schwankenden Eisschollen, die sich überall, wo er sich hinhockte oder über die dunklen Eisspalten sprang, in Bewegung setzten. Die Rufe am Ufer waren verstummt. Mit angehaltenem Atem blickten die Zurückgebliebenen Wanja nach.

Der Junge brauchte nur einmal falsch zu treten, dann würde er hinabstürzen in dieses schreckliche eisige Wasser. Das wäre das Ende. Denn in der schweren Jacke konnte er nicht schwimmen. Es würde ihm unmöglich sein, unter dem Eis hervorzukommen.

Aber Wanja fiel nicht hin. Er sprang auf die nächste Eisscholle. Jetzt konnte er Tjulka am Zaum packen. Das Pferd begann freudig und dankbar zu wiehern, sogleich beruhigte es sich, als hätte es nur darauf gewartet. „Sieh mal an“, sagte jemand am Ufer, „sie versteht es.“ Tjulka neigte sich zu Wanja und schob ihren langen Hals vor, als ob sie ihm etwas ins Ohr sagen wollte. „Mach keinen Unfug, mach keinen Unfug“, schrie Wanja die Stute mit lauter und heiserer Stimme an, als sei er ein ganz alter Pferdekutscher. Mit seiner erfrorenen Hand streichelte er ihre weichen Lippen. Er fuhr ihr über den rötlichen Kopf, und dieses Mal bemerkte Tjulka nicht, wie sich der spitze Fischhaken in die Eisscholle direkt zu ihren Füßen eingrub. „In Ordnung! Er sitzt fest!“ Die beiden Schollen, auf denen Wanja und Tjulka standen, schwammen dicht nebeneinander ans Ufer. „Tapferer Bursche!“ sagte Mischur und umarmte Wanja. „Das muß man sagen: ein wirklicher Fischer!“ Und nun hört, wie der Fischzug endete. Man feierte das Ende des Herbstfanges. Gäste aus der Stadt kamen in den Kolchos gefahren, und der wichtigste Gast, der Vorsitzende des Fischereiverbandes, gab bekannt, welche Fischer eine Prämie bekommen hatten.

Die Kinder drängten sich in der Tür des Gemeindehauses und blickten einander über die Köpfe hinweg, um ja nichts zu verpassen. Plötzlich, als der Vorsitzende bis zum Buchstaben „I“ gekommen war, sagte er: „Iwanow, Wanja! Jugendlicher!“ In der Menge begann man zu flüstern: „Wanja! Du wirst gerufen!“ Sie ließen Wanja vor. Mit hochrotem Gesicht ging Wanja den schmalen Gang zwischen den Stühlen hindurch und nahm mit beiden Händen eine große, mit goldenen Buchstaben beschriebene Ehrenurkunde entgegen. Niemand hat so großen Beifall bekommen wie er.

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